image

Impressum
© 1976/2021 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
eISBN: 978-3-96688-164-7
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Fred McMason

Archipel
der schwarzen Inseln

Ein Schatz und ein Skelett geben den Arwenacks Rätsel auf

April 1600 – Salomonensee.

Der Tote an der Rah schwang im Rhythmus der langrollenden Dünung von einer Seite zur anderen. Um seinen Hals hing ein Strick, der so lang war, daß Romualdo Azarra bei jeder Bewegung des Schiffes einen langen Bogen beschrieb.

Sein Gesicht war schrecklich verzerrt, und doch schien er im Tod noch höhnisch und überlegen zu grinsen, als habe er den Offizieren der Manila-Galeone noch einen üblen Streich gespielt.

Die Männer der großen Nao wichen der pendelnden Gestalt beklommen aus und trauten sich nicht, in das Gesicht des Toten zu blicken.

Drei Tage lang hing Azarra jetzt schon an der Rah – zur Abschreckung und Mahnung für die anderen, wie der Kommandant zynisch verkündet hatte …

Die Hauptpersonen des Romans:

Padre Emilio – der Geistliche an Bord der Manila-Galeone trinkt und ißt sehr viel, aber als er eine Leiche von der Rah schneiden soll, vergeht ihm der Appetit.

Don Juan de Alcazar – erkennt die in der See treibende Leiche und zieht die richtigen Schlüsse.

Luke Morgan – saust bei einem Erkundungsgang an Land unvermutet in einen Schacht und findet sich in einem Labyrinth wieder.

Hasard und Philip junior – entdecken eine Grotte mit drei Schatztruhen und einem Toten.

Philip Hasard Killigrew – spricht von einem großen „Dämon“, der über die Meere geistert, und entschärft damit eine gefährliche Situation.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

1.

Don Bartolomeo de Zumarraga war seit dem Auslaufen aus Manila noch zynischer und menschenverachtender geworden.

Er deutete zu der pendelnden Leiche mit der Henkerschlinge um den Hals und sagte mit einem kalten Grinsen: „Jetzt müßte dieser Lump doch in der Hölle angelangt sein. Was meinen Sie, Padre – drei Tage hat er sicherlich gebraucht. Oder ist der Weg zur Hölle kürzer?“

Padre Emilio, einer der Bordgeistlichen, war gut genährt. Er hatte immer satt zu essen und einen dicken Wanst. Seine fleischigen Lippen verzogen sich. Seine Stimme klang etwas weinerlich.

„Er wird sicher schon im Fegefeuer schmoren, Don Bartolomeo. Davon bin ich überzeugt.“

Der Capitán mochte den dicken Prediger mit den wäßrigen Augen und den fleischigen Lippen nicht.

„So, dann ist er also im Purgatorium gelandet, Padre. Ist das Purgatorium nicht der Läuterungsprozeß jener Verdammten, die später vor das Angesicht Gottes treten müssen?“

„So ist es, Capitán. Amen.“

„Das muß doch sehr heiß sein, wie?“

„Sehr heiß, Capitán, fürchterlich heiß.“

„Woher wissen Sie das so genau, Padre?“

Der Padre knetete seine fleischigen Hände. Sein dicker Wanst wabbelte ein bißchen.

„Das wurde als Dogma auf dem Heiligen Konzil in Florenz im Jahre vierzehnhundertneununddreißig verkündet. Seitdem weiß das jeder.“

„Schrecklich!“ höhnte de Zumarraga, ohne daß der Dicke den Hohn aus der Stimme heraushörte. „Da stirbt der eine in bescheidener Demut und wandert wegen einer kleinen Sünde auch ins Fegefeuer. Und der Kerl wird erst aufgehängt, was auch nicht gerade angenehm sein soll, und muß dann anschließend ebenfalls durchs Fegefeuer. Glauben Sie, Padre, daß Sie auch mal durchs Fegefeuer müssen? Ich meine, ganz ohne Sünde werden Sie doch auch nicht sein. Sie essen immer gut und viel und verschmähen keineswegs einen guten Tropfen. Oder sehen Sie das anders?“

Der dicke Padre wand sich verlegen. Seine Lippen zitterten, und seine wäßrigen Augen blickten an dem Toten vorbei aufs Meer.

„Ich befleißige mich eines ehrlichen Lebenswandels, Capitán“, erwiderte er weinerlich. „Wäre ich nicht zum Geistlichen berufen, würde ich auch körperliche Arbeit nicht scheuen.“

„Wer hat Sie denn berufen?“

„Die Stimme des Herrn“, sagte der Padre schlicht.

„Das dachte ich mir fast. Sie würden also körperliche Arbeit nicht scheuen, Padre?“

„Bestimmt nicht, Don Bartolomeo, wenn ich nicht die Berufung hätte.“

„Ah ja, die Stimme des Herrn!“

Die beiden Casa-Beamten sahen aufmerksam herüber. Don Porfirio de Aranjuez hatte schmale Augen, Don Alfonso lauschte dem Disput etwas verwundert.

Der Erste Offizier, ein Bruder von de Zumarraga, grinste verstohlen und freute sich, daß der Dicke hochgenommen wurde. Die anderen hörten mehr oder weniger interessiert zu.

Die Padres an Bord genossen eine gewisse Sonderstellung, wie alle Bordgeistlichen, doch de Zumarraga sah darüber hinweg. Er wollte dem Fettwanst ein bißchen auf die Beine helfen.

„Sie haben dem Kerl vor seinem Tod die Beichte abgenommen?“ fragte er.

„Ja, Don Bartolomeo, so ist es Brauch.“

„Wenn Sie ihm vor seinem Tod beigestanden haben, dann werden Sie es sicherlich auch nach seinem Tod tun.“

„Natürlich, Capitán.“

„Um die Mittagszeit werden Sie den Bastard von der Rah holen“, sagte de Zumarraga.

Der beleibte Padre wich einen Schritt zurück und verfärbte sich.

„Ich, Capitán?“

„Natürlich. Sie tun damit ein gottgefälliges Werk. Oder soll er da so lange hängen, bis ihm das Fleisch von den Knochen fällt?“

„Aber ich …“ Der Padre brach hilflos ab.

„Ach, Sie meinen, Sie seien zu fett und zu schlapp? In gewisser Weise ist das richtig. Daher wird Ihnen ein bißchen Bewegung gut tun. Sie können ja den Profos um Hilfe bitten. Danke, das war alles, Padre. Und vergessen Sie nicht, für die arme Seele zu beten.“

Padre Emilio schlich geknickt davon und beklagte leise sein hartes Schicksal. Aber der Anordnung des Capitáns mußte er Folge leisten, sonst gab es Ärger oder Schikanen. Er fragte sich verzweifelt, wie er an die Rah gelangen sollte.

Dabei bedauerte er sich mehr als den Mann, den sie wegen einer groben Verfehlung gehängt hatten.

Er warf einen furchtsamen Blick zu der Leiche, als er mit hängenden Schultern das Achterdeck verließ.

Schrecklich sah dieser Tote aus mit seinem blauverfärbten und aufgedunsenen Gesicht, den hervorquellenden Augen und den baumelnden Armen und Beinen, wie er immer von einer Seite zur anderen schwang.

Immer hin und her, wie ein großes Pendel.

Romualdo Azarra hatte die Verfehlung begangen, nachts mit offenem Licht zu hantieren, was an Bord der Nao strengstens verboten war. Das hatte ihm harte Schläge mit der Neunschwänzigen eingebracht, und zur weiteren Läuterung war er an einer langen Leine ins Kielwasser der Galeone gehängt worden, bis er fast jämmerlich ersoffen wäre.

Er rächte sich auf seine Art für die Bestrafungen und begann damit, Gegenstände über Bord zu werfen, Holzstücke, auch mal eine Gräting und alles, was nicht niet- und nagelfest war.

Auch dieses Treiben hatte man entdeckt und ihm zur Last gelegt, er würde damit absichtlich den Kurs der Nao an El Lobo del Mar verraten.

Daraufhin hängten sie ihn kurzerhand an die Rah, und da baumelte er jetzt den dritten Tag.

Jetzt sollte seine Leiche abgenommen werden.

Pater Emilio hatte sich an den Profos gewandt, einen bulligen Kerl mit öligen Haaren, einem Strichmund und ein paar häßlichen Warzen im Gesicht. Der Profos trug heute ein schwarzes, enganliegendes Trikot und eine schwarze Kappe.

Wie ein Henker sah er aus, und das war er im Grunde genommen auch. Er, Umberto Arvilos, hatte den Mann an die Rah gehängt.

„Sie steigen am besten dort hinauf, Padre“, sagte der Profos, „nehmen das Messer und schneiden ihn ab.“

Der Padre schluckte trocken.

„Kann man den, äh, Mann denn nicht einfach abfieren?“ fragte er zaghaft.

„Das ist nicht üblich. Ein Gehenkter muß immer vom Galgen geschnitten werden, so will es die Vorschrift.“

„Haben wir eine Leiter an Bord?“

„Nein“, log der Profos, der auch gern wollte, daß der Dicke dort hinaufstieg, „eine Leiter haben wir nicht. Euer Ehren müssen sich schon ins Want bemühen.“

„Madre santissima, das ist aber hoch!“ jammerte der Padre.

„Es ist nur die unterste Rah. Aber ich glaube, wir müssen uns jetzt beeilen, der Capitán scheint schon ganz ungeduldig zu sein.“

Der Dicke zuckte zusammen, warf einen scheuen Blick zum Achterdeck, einen noch scheueren zu dem pendelnden Toten und zog sich dann sehr umständlich auf die erste Webeleine.

Erst jetzt unterbrachen die meisten ihre Arbeit und grinsten auch wieder heimlich. Kommentare blieben nicht aus wie: „Padre Emilio steigt jetzt die Himmelsleiter hoch.“

„Hoffentlich bleibt der Fettsack gleich oben“, sagte ein anderer.

Padre Emilio hörte von allem nichts. Sein Blick war zum Himmel gerichtet, und seine wulstigen Lippen murmelten unaufhörlich ein Gebet nach dem anderen.

Er hatte fürchterliche Angst vor diesen himmelhohen Masten, an denen die schweren Segel hingen und sich im Wind bewegten wie die einsame Gestalt, die ihr Leben ausgehaucht hatte.

Der Profos grinste dreckig hinter vorgehaltener Hand. Liebend gern hätte er dem Padre mal eins übergezogen, damit der wußte, was Aufentern heißt, doch das war leider unmöglich.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis Padre Emilio die ersten vier Webeleinen überwunden hatte, und es dauerte noch länger, bis er an das Seil langen konnte.

Vor Angst wurde ihm schlecht. Er hing wie eine dicke, fette Spinne im Netz der Takelage und befand sich nur ein paar lächerliche Yards über Deck bei ruhiger See.

Mit der einen Hand krallte er sich in Todesangst fest, mit der anderen säbelte er an dem Strick herum.

Den Kerlen verging das heimliche Grinsen, als der Tote mit einem dumpfen Laut auf die Planken schlug. Tödliches Schweigen herrschte für Augenblicke an Bord.

Der Padre enterte erleichtert ab und tat sich dabei noch schwerer als beim Aufentern.

Der Segelmacher erschien, ein grauhaariger, mürrisch dreinblickender Mann, der sein Werkzeug auspackte und schweigend damit begann, die Leiche in Segelleinen einzunähen.

Er blickte auf, als er plötzlich neben sich den Schatten bemerkte.

Don Jerome de Zumarraga, der Erste Offizier, stand neben ihm. Aus seinen kalten Augen starrte er den Segelmacher bösartig an.

„Was soll das?“ fragte er scharf.

Der Segelmacher blickte mürrisch hoch.

„Ich will den Toten einnähen.“

„Steh Er auf, wenn ich mit Ihm rede!“ fuhr der Erste ihn an.

Der Grauhaarige stand auf, die Segelnadel in der Hand, das Gesicht verkniffen.

„Wer hat das befohlen?“

„Niemand, Don Jerome. Es ist selbstverständliche Christenpflicht, einen Toten einzu…“

„Halt Er das Maul!“ schnauzte der Erste. „Wenn Er keinen ausdrücklichen Befehl erhalt, hat Er nicht von selbst etwas zu unternehmen und kostbares Segelleinen des Königs zu verschwenden. Verhol Er sich in Seine Segellast, wo andere Arbeit auf Ihn wartet. Vorwärts!“

Der Segelmacher verschwand mit einem lautlosen Fluch auf den Lippen.

Padre Emilio hatte jetzt glücklich das Deck erreicht. Seine Knie zitterten, vor Anstrengung war sein Gesicht knallrot angelaufen. Wie ein fetter Engel sah er jetzt aus.

„Mir ist schlecht“, jammerte er. „Ich kann diese Höhe nicht vertragen, mir wird immer ganz schwindlig.“

„Dann werden Sie es schwer haben, in den Himmel zu gelangen“, sagte der Erste hinterhältig. „Da geht’s nämlich noch steiler hinauf.“

Er warf einen Blick auf den zusammengesunkenen Toten. Dann winkte er den Profos heran. Sein Daumen zeigte verächtlich auf die Leiche.

„Über Bord mit dem Halunken, Profos!“

„Jawohl, Don Jerome“, dienerte der Profos. „Ich werde das sofort veranlassen. Einfach so, ohne Zeremoniell?“

„Sie können ihm ja einen mehrstimmigen Choral singen lassen, wenn Ihnen das Spaß bereitet. Ab jetzt mit dem Kerl!“

Der Profos kannte keinen mehrstimmigen Choral, und so winkte er einen seiner Steckenknechte herbei, einen Kerl mit Stoppeln im Gesicht und abstehenden Ohren, der sich gern noch profilieren und selbst mal Profos werden wollte.

Der handelte augenblicklich und fragte nicht lange.

Er bückte sich, hob den Toten hoch, trug ihn zum Schanzkleid und warf ihn über Bord.

Der Körper klatschte ins Meer, während der Steckenknecht seine Hände an den Hosen abwischte.

Als sie achteraus blickten, tauchte Romualdo Azarra noch einmal auf, ging wieder im Kielwasser unter und erschien abermals an der Oberfläche. Es sah aus, als winke er dem Schiff nach.

Achteraus trieb die Leiche weiter, die Arme ausgebreitet, das Gesicht ins Wasser gekehrt.

„Der geht gar nicht unter“, sagte der Steckenknecht erstaunt und riß grinsend das Maul auf.

Die Antwort, die der Profos gab, war nicht gerade geistreich.

„Vielleicht will er sich erst noch ein bißchen abkühlen, hähä!“

Don Jerome ging aufs Achterdeck zurück. Er warf dem Toten keinen einzigen Blick nach, dem er eine christliche Seebestattung verweigert hatte.

2.

Die Schebecke segelte Ostnordost-Kurs.

Diesen Kurs segelte auch die Manila-Galeone, wie sie einwandfrei festgestellt hatten! Irgendwo weit vor den Arwenacks befand sich die große Nao, unsichtbar, vermutlich Tage entfernt.

Die Zeichen waren untrüglich gewesen, denn immer wieder fanden sie auf dem Kurs treibende Holzstücke im Wasser, einmal sogar eine kleine Gräting, wie sie in den Jollen lag.

„Seit drei Tagen gibt es keinen Hinweis mehr“, sagte Don Juan. „Ganz plötzlich war die Spur wie abgeschnitten.“

Hasard nickte und sah nachdenklich auf die langrollende Dünung.

„Ja, das war wirklich eigenartig. Wir haben ja schon mal darüber diskutiert, ob es vielleicht nur ein Täuschungsmanöver war, aber das ist so gut wie ausgeschlossen. Es muß daher einen Mann an Bord der Nao geben, der uns bewußt die Spur zeigt und damit den Kurs der Galeone verrät. Aber welches Motiv hat dieser Mann?“

„Wenn ich das wüßte! Er kann aus irgendeinem Grund mit uns sympathisieren, sein Motiv könnte aber auch Rache sein.“

„Rache – ja, das wäre ein Motiv. Vielleicht hat man ihn gedemütigt oder bestraft, und da er weiß, daß wir hinter der Manila-Galeone herjagen, rächt er sich eben auf seine Art an den Vorgesetzten, indem er den Kurs der Nao verrät. Jeden Tag hat er etwas über Bord geworfen, vermutlich nachts, so daß ihn niemand bei seinem Treiben beobachten konnte.“

„Und aus welchem Grund hat er das jetzt eingestellt?“ fragte der hochgewachsene Spanier. „Was vermutest du?“

„Ich vermute, daß er annimmt, wir hätten die Spur verloren oder die Jagd aufgegeben, weil ein paar Tage lang nichts geschah.“

„Das könnte auch der Fall sein. Oder ihm ist ganz einfach das Holz ausgegangen. Möglicherweise aber sind ein paar seiner Hinweise abgetrieben oder versunken.“

Auf ihrem Kurs tauchten wieder die vielen Inseln des Louisiade-Archipels auf.

Sie unterschieden sich von den anderen Inseln, die sie fast täglich sahen, ganz beträchtlich.

Es waren dunkle, manchmal fast schwarze Inseln, die zu Melanesien gehörten und „Raum der schwarzen Inseln“ genannt wurden.

Meist waren es vulkanische, steil abfallende Eilande mit dichtbewaldeten Bergketten, zerschnitten und ausgefräst von tiefen und engen Tälern, die sich gleich Schluchten dahinzogen. In manche der engen Schluchten fiel kaum Tageslicht.