Impressum
© 1976/2021 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
eISBN: 978-3-96688-165-4
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Sie stören das Ritual – deshalb sollen sie sterben
Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, schreckte mit einem gellenden Schrei auf den Lippen von seiner Koje hoch. Benommen starrte er in die Düsternis der Kapitänskammer. Nur fahler Sternenschein drang von draußen herein.
Vergeblich versuchte er, Einzelheiten seines Alptraums zu bewahren, doch die Bilder, die ihn eben entsetzt hatten, zerflossen wie Nebel in der Morgensonne.
Im Gegensatz dazu wollte das flaue Gefühl in der Magengegend nicht weichen. Hasard hatte von seinem eigenen Tod geträumt und gesehen, wie sein Leichnam der See übergeben worden war – in einem blumengeschmückten Kanu zwar und keineswegs mit einem christlichen Begräbnis, aber gerade das gab ihm zu denken …
Gary Andrews, Bob Grey und Stenmark – verletzen unwissentlich ein Tabu und finden sich auf einer Lava-Insel wieder, die ihnen keine Chance zum Überleben bietet.
Danong – der Schamane der Insulaner erklärt unverfroren, er habe die drei Männer „weggezaubert“.
Ayesha, Bangsir und Jihada – die drei Inselschönheiten zeigen eine besondere Vorliebe für blonde Männer.
Philip Hasard Killigrew – als seine drei Männer nicht pünktlich an Bord zurückkehren, wird er fuchsteufelswild.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nachdem er eine Zeitlang vergeblich versucht hatte, noch einmal Schlaf zu finden, entschloß sich der Seewolf, den neuen Tag früher als sonst zu beginnen. Im Dahindämmern zwischen Traum und Wachen hatte er sieben Schläge der Schiffsglocke vernommen. Die Sonne würde also ohnehin bald über die Kimm heraufsteigen.
Hasard fragte sich, wann die Schebecke endlich zur Manila-Galeone aufschließen würde. Die Eingeborenen auf der letzten Insel, die von den Arwenacks angelaufen worden war, hatten gesehen, daß das „große Geisterschiff“ nach Osten gesegelt war. Das war erst vor wenigen Tagen gewesen. Besonders groß schien der Vorsprung der Spanier demnach nicht zu sein.
Der Seewolf schwang sich aus der Koje und reckte sich vor dem halb geöffneten Fenster. Eine angenehme, wenn auch keineswegs kühle Morgenbrise wehte herein. Schwer lag der Salzgeruch der See in der Luft. In einiger Entfernung stiegen Nebelschwaden auf, zerfaserten aber im vorherrschenden Südwestwind.
Das Rauschen der Hecksee, die als langsam verwischender Gischtstreifen hinter dem Schiff zurückblieb, übertönte das Raunen des Windes. An Deck erklangen Kommandos, Schritte polterten über die Planken, und jemand – der Stimme nach konnte es nur Blacky sein – stimmte einen monotonen Gesang an.
Die Schebecke ging höher an den Wind, der nun nicht mehr achterlich einfiel, sondern nahezu im rechten Winkel. Anlaß für den Kurswechsel mochte eine der ungezählten kleinen Inseln sein, die das Seegebiet östlich von Neuguinea entscheidend prägten.
Im Westen war der Himmel noch schwarz und ließ eine funkelnde Sternenpracht erkennen. Zum Zenit hin zeigte sich jedoch bereits eine erste schwache Graufärbung, die den neuen Tag ankündigte.
Der Seewolf öffnete den Fensterflügel bis zum Anschlag. Eine Lederschlaufe, um den Riegel geschlungen, verhinderte ein ungewolltes Zuschlagen und damit die Beschädigung der bleigefaßten Scheiben.
Das Wasser, das er aus einem Tonkrug in die Waschschüssel goß, war so warm und schal wie die Luft, und Hasard hatte das Gefühl, daß es nicht mal den Schweiß von der Haut nahm.
Der Seewolf ließ sich Zeit. Als vier Doppelschläge der Schiffsglocke den Beginn der Morgenwache verkündeten, kippte er gerade erst den Inhalt der Schüssel außenbords.
Wenig später betrat er das Achterdeck.
Philip Hasard Killigrew, hochgewachsen und breitschultrig, war eine imposante Erscheinung. Wind und Wetter hatten sein Gesicht gegerbt und markante Falten entstehen lassen. Er war ein ausgezeichneter Kämpfer, jedoch nicht so kompromißlos hart wie viele Piraten. Die eisblauen Augen, die einen deutlichen Kontrast zu seinem schwarzen Haar bildeten, verrieten nicht nur einen unbeugsamen Willen, sondern zugleich Güte und Nachsicht Schwächeren gegenüber. Aufgewachsen in der Feste Arwenack über dem Hafen von Falmouth in der englischen Grafschaft Cornwall, hatte er das Seeräuberleben mit allen Höhen und Tiefen frühzeitig kennengelernt.
Hasard und seine Männer waren indes keine plündernden und mordenden Piraten, sondern Korsaren, denen der Kaperbrief Ihrer Majestät Elisabeth I. eine gewisse Legalität verlieh.
Die königliche Lissy war es auch gewesen, die den Seewolf und seine Crew mit dem Auftrag nach Indien geschickt hatte, den Boden für englische Handelsniederlassungen zu bereiten. Seit einigen Wochen segelte die Schebecke aber wieder auf Ostkurs. Die Männer wollten zurück in die Karibik, zu ihrem Stützpunkt und den Freunden vom Bund der Korsaren.
Dazu beigetragen hatte vor allem Old Donegals Behauptung, daß auf Great Abaco längst nicht mehr alles zum besten stünde. Obwohl er mitunter den Anschein eines harmlosen Spinners erweckte, war Donegal Daniel O’Flynn ernst zu nehmen. Sein Zweites Gesicht wurde zwar oft belächelt, doch daß sich seine „Vorahnungen“ häufig genug erfüllten, stand außer Zweifel.
Auf ihrem Törn zurück in die Karibik hatten die Arwenacks in der Bandasee ein treibendes Floß mit einem halbtoten Spanier aufgefischt. Bevor er starb, hatte der Mann noch von der berühmten Manila-Galeone erzählt, die vollbeladen und auf geheimem Kurs von Manila nach Acapulco unterwegs war. Die Schätze in den Laderäumen des schwer armierten Dreideckers, überwiegend Gold, Silber und edle Gewürze, mußten von schier unermeßlichem Wert sein.
Don Juan de Alcazar, ehemals spanischer Generalkapitän, aber seit langen Jahren Verbündeter des Seewolfs, und Blacky, seinerzeit gemeinsam mit Hasard, Dan O’Flynn und dem Kutscher auf die „Marygold“ zwangsrekrutiert und ein ausgezeichneter Seemann mit harten Fäusten, hatten es schließlich geschafft, als angeblich Schiffbrüchige an Bord der „Mar adentro“, so der richtige Name der Manila-Galeone, zu gelangen. Dummerweise war Don Juan von einem der Spanier erkannt worden, hatte aber später, wie schon vor ihm Blacky, wieder fliehen können.
Inzwischen folgten die Seewölfe der Galeone seit rund einem Monat. Den Männern um Philip Hasard Killigrew war es zwar gelungen, die spanischen Begleitschiffe zu den Fischen zu schicken, doch die „Mar adentro“ selbst hatte immer wieder entwischen können. In der Inselwelt östlich von Neuguinea verlor sich ihre Spur.
Die Nao de China segelte jedes Jahr schwerbeladen von den Philippinen nach Osten durch den Pazifik. Die Bezeichnung Manila-Galeone rührte daher, daß sie stets in dieser Handelsmetropole ihre Fracht an Bord nahm. Chinesische Dschunken verbanden Manila mit Japan, China und Indien und schafften alles herbei, was das Herz der Spanier begehrte. Die Rückfahrt nach Acapulco erfolgte auf den unterschiedlichsten Kursen, jedoch zumeist innerhalb von nur zehn Wochen. In Acapulco wurde die Fracht auf Maultiere verladen und auf dem Landweg nach Vera Cruz geschafft.
Don Juan de Alcazar und Blacky hatten die „Mar adentro“, was soviel bedeutete wie „Seewärts“, während ihres kurzen Aufenthalts an Bord immerhin einigermaßen kennengelernt. Das Schiff war 700 tons groß und mit 32 Culverinen bestückt, verfügte also über eine beachtliche Feuerkraft. Darüber hinaus sollten acht Baumstämme, als überlange Geschütze getarnt, möglichen Gegnern Furcht einflößen. Aber auf einen derart miesen Trick fielen die Seewölfe nicht herein.
An Backbord voraus zog die Morgendämmerung auf. Noch war nicht mehr als ein Streifen fahler Helligkeit dicht über der Kimm zu sehen, doch in tropischen Breiten währte der Übergang von der Nacht zum Tag nicht lange.
Hasard ließ seinen Blick über die Decks schweifen. Gary Andrews, der Vormann am Fockmast, und Luke Morgan hatten auf der Back Segelwache, der Takelmeister Roger Brighton und Dan O’Flynn auf der Kuhl, und auf dem Achterdeck standen Mac O’Higgins und Piet Straaten.
An Backbord querab zeichnete sich Gischt ab. Sie war wohl der Grund für die überraschende Kursänderung. Korallenbänke erstreckten sich dicht unter der Wasseroberfläche. Die Schebecke, obwohl nur mit geringem Tiefgang, wäre hoffnungslos aufgebrummt.
Gut zwei Meilen dahinter, in der Dunkelheit gerade noch vage in ihren Umrissen zu erkennen, erhob sich eine kleine Insel.
Mac O’Higgins trat auf den Seewolf zu.
„Keine ungewöhnlichen Vorkommnisse, Sir!“ meldete er.
Hasard nickte knapp. Mehr war unnötig. Die Schebecke war schließlich kein Kriegsschiff, auf dem militärischer Umgangston herrschte.
„Keine Spur von der Galeone“, fuhr Higgy fort. „Die Dons haben sich verkrochen. Jede Wette, Sir, die Kerle haben gehörig Schiß gekriegt.“
„Das Gebiet ist für eine Hetzjagd denkbar ungeeignet“, erwiderte der Seewolf ungerührt. „Es gibt tausend verschiedene Verstecke. Sogar für ein Schiff von den Abmessungen der ‚Mar adentro‘.“
„Früher oder später kriegen wir sie aber doch!“
Mac O’Higgins’ Ausspruch war bezeichnend für die Stimmung unter den Arwenacks. Ein derart fettes Huhn wie die Manila-Galeone mußten sie einfach rupfen, koste es, was es wolle. Außerdem stand das Ziel der Spanier fest, und weder der Kapitän noch die ihn begleitenden Beamten der Casa konnten es eigenmächtig ändern. Nur die Festlegung des Kurses lag in ihrem Ermessen. Das half ihnen vielleicht in der Inselwelt und zwischen den Atollen weiter, doch große Umwege verboten sich von selbst. Deshalb würden sich die Schebecke und die Galeone spätestens in der endlosen Wasserwüste des Pazifischen Ozeans vor der Westküste Amerikas wieder begegnen.
In Macs Augen lag jenes Glitzern, das zuletzt während des Raids auf die spanische Silberschiffe zu sehen gewesen war. Er grinste, als er sich umwandte und nach dem Segeltrimm schaute.
Als blutroter Feuerball schob sich die Sonne über die Kimm. Anfangs nur ein winziger Fleck, schwoll sie rasch an. Ihre irrlichternd über die See huschenden Strahlen offenbarten Meilen vor der Schebecke gut ein Dutzend kleiner und kleinster Atolle. Winzige, bewaldete Berggipfel waren es, die da aus dem Wasser aufragten, umgeben von annähernd kreisförmigen Korallenriffen. Das helle Türkis der Lagunen stand in deutlichem Kontrast zu dem tiefen Blau der See.
„Bereithalten zum Loten!“ bestimmte Hasard. „Mac …“
„Sir?“
„Falls erforderlich, verholst du auf die Back.“
„Aye, aye, Sir!“
„Dan, du enterst in, den Ausguck auf! Ich muß wissen, ob die ‚Mar adentro‘ in der Nähe ist.“
Schritte polterten den achteren Niedergang hoch. Den Betreffenden kümmerte herzlich wenig, daß der Großteil der Crew noch in Morpheus’ Armen lag.
Tapp – tock – tapp – tock! Der Unterschied zwischen den Schritten war deutlich zu hören. Donegal Daniel O’Flynn, Hasards kauziger Schwiegervater, gab sich keine Mühe, mit seiner Beinprothese sanfter aufzutreten.
Old Donegal baute sich mittschiffs auf, stemmte die Fäuste in die Seiten und schnaufte tief durch. Das klang so, als sei urplötzlich ein Walroß neben der Schebecke aufgetaucht. Daß ihn die Wachgänger überrascht musterten, ignorierte er.
„Wo sind sie?“ brüllte er urplötzlich los.
„Wer?“ fragte Roger Brighton. „Ich habe keine Ahnung, wen du meinst, Donegal. Wassergeister, Wassermänner oder Nixen?“
„Du weißt es ganz genau!“ blaffte der Mann, den die Arwenacks – entweder in einem Anflug von Respekt oder ironisch, so genau auseinanderhalten ließ sich das nicht – Admiral nannten. Als der Takelmeister daraufhin immer noch eine Unschuldsmiene zeigte, platzte Donegal heraus: „Von den dreimal vermaledeiten Dons rede ich, von den Halunken, die ihre eigenen Leute am Hals aufhängen und sie ohne christliches Begräbnis ins Wasser werfen, bloß weil sie versucht haben, uns zu helfen.“
Der Seewolf fühlte sich zur Berichtigung herausgefordert.
„Wir haben nur einen Toten aufgefischt, Donegal“, sagte er.
„Bis jetzt“, erwiderte Old Donegal übellaunig. Er hatte noch mehr sagen wollen, unterbrach sich aber und bedachte den Seewolf, den er offenbar erst in diesem Moment bemerkte, mit einem irritierten Augenaufschlag. „Kannst du nicht schlafen?“ fragte er. „Wenn ich mich recht entsinne, bist du seit Tagen nicht mehr zu so früher Stunde an Deck erschienen.“
Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und ging zum Schanzkleid. Abermals gab er sich wenig Mühe, mit dem Holzbein leise aufzutreten. Weit beugte er sich über die Verschanzung und blickte in die Tiefe.
„Laß dich von mir in deiner Rede nicht unterbrechen!“ forderte er den Seewolf auf. „Ich bin ganz Ohr.“
Mac O’Higgins, Piet Straaten und Roger Brighton grinsten. Old Donegals Auftritt war wieder mal an Eindringlichkeit kaum zu überbieten. Es hatte den Anschein, als sei dem alten Zausel gehörig was über die Leber gelaufen.
Ohne mit der Wimper zu zucken, spielte Hasard das Spiel mit.
„Erstens“, sagte er, „bin ich der Kapitän dieses Schiffes. Ob ich vierundzwanzig Stunden am Tag auf dem Oberdeck verbringe oder keine, ist immer noch meine eigene Entscheidung. Zweitens: Ich kann nichts dafür, daß du mit schlechter Laune aufwachst und auch noch mit dem falschen Bein zuerst aufstehst. Aber vielleicht bessert sich dein Gemütszustand, sobald du die erste Seejungfrau außenbords siehst. Wenn Mary allerdings wüßte, daß du jeder Nixe hinterher gaffst …“
„Wahrscheinlich ist Donegals Interesse an Seejungfrauen rein platonischer Art“, wandte Roger Brighton ein.
„Laßt meine Mary aus dem Spiel!“ schnaubte der Admiral. „Während ihr euch in melanesischen Gewässern amüsiert, steht sie in der ‚Rutsche‘ ihren Mann und muß allein mit einer Horde trunksüchtiger Korsaren klarkommen.“
Die „Rutsche“ war die Pfahlbau-Kneipe auf Great-Abaco, die sich beim Bund der Korsaren eines ausgezeichneten Zuspruchs erfreute.
„Na ja“, meinte Higgy anzüglich. „So allein, wie du tust, ist sie auch wieder nicht.“
„Lästermaul!“ Donegal Daniel O’Flynn wandte ihm demonstrativ den Rücken zu. „Man sollte euch alle kielholen“, murmelte er, gerade noch so laut, daß ihn die Männer wirklich verstehen konnten.
Er bemerkte nicht, daß Mac O’Higgins und Piet Straaten einen schnellen Blick miteinander wechselten.
„Wenn wir uns schon amüsieren, dann doch nur mit den Spaniern“, sagte der Rudergänger gleich darauf. „Das ist immerhin eine sinnvolle Sache.“
„Vielleicht hält’s seine Mary Snugglemouse ebenfalls mit den Dons“, erwiderte Higgy. „Kein Wunder, daß Donegal so biestig wird. Ein Zweites Gesicht kann bestimmt auch zur Qual werden. Wenn man bedenkt, daß er auf diese Weise Dinge sieht und erfährt, die jeder sonst verzweifelt geheimhalten …“
„Mister“, unterbrach Old Donegal mit einem merklichen Vibrieren in der Stimme. „Du kriegst gleich was auf dein großes Schandmaul. Man sollte es ohnehin mit Tertschen zustopfen.“
Old Donegal hatte die Lacher auf seiner Seite.