image

Impressum
© 1976/2021 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
eISBN: 978-3-96688-168-5
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Sean Beaufort

Die Goldinsel

Die Spanier gieren nach Gold – und Sklaven sollen es ihnen verschaffen

Als Don Maurizio de Coronna, Capitán des überaus mächtigen und bedeutungsvollen Spanien, die Eintragungen in seinen vergilbten, stockfleckigen Seekarten entziffert hatte, wußte er, daß das Wunder ihn erreicht hatte: Hier, im fernen Teil des Ozeans, waren die sagenhaften Goldinseln.

Es gab keinen Irrtum.

Gold! Und Silber! Hier würden sie graben, und hier würden sie ihr eigenes Eldorado besitzen. Aber um das Gold zu heben, brauchten sie viele Helfer, Leute, die für Spanien und einen Gotteslohn zu schuften hatten. Wenn nötig, dann würde mit der Peitsche nachgeholfen werden. Er grinste kalt.

Er würde alles tun, um als reicher Mann nach Zaragoza zurückzukehren …

Die Hauptpersonen des Romans:

Don Maurizio de Coronna – der Capitán der spanischen Galeone „Alma de Zaragoza“ glaubt, die Goldinsel gefunden zu haben, aber der Goldfischzug wird zur großen Enttäuschung.

Fatoka – der Insulaner erweist sich für die Arwenacks als ein ausgezeichneter Navigator.

Sumeina – die Inselschönheit verliebt sich ausgerechnet in den Moses der Arwenacks.

Al Conroy – die Schießkunst des Stückmeisters ist wieder mal gefragt, und er arbeitet präzise wie immer.

Philip Hasard Killigrew – jagt immer noch die Manila-Galeone, angelt aber einen ganz anderen Fisch.

Inhalt

Kaptiel 1

Kaptiel 2

Kaptiel 3

Kaptiel 4

Kaptiel 5

Kaptiel 6

Kaptiel 7

Kaptiel 8

1.

Fast eine Stunde vor der Morgendämmerung schob Ruiz Letrado, zweiter Rudergänger auf der „Alma de Zaragoza“, vor seinem Gesicht die Wedel einer jungen Palme auseinander. Das große Dorf in der Fortsetzung der Bucht lag ohne jedes Licht in ungestörter Ruhe da. Nicht mal ein Hund bellte.

„Sehr gut. Sehr schön. Alles geht nach Plan“, murmelte er und erstarrte. Rechts und links hörte er das Wispern, mit dem sich seine Kameraden verständigten.

Dreißig Männer waren schwer bewaffnet ausgeschwärmt, um das Dorf zu umzingeln. Sie bewegten sich so leise wie möglich und versuchten, einen unregelmäßigen Halbkreis zu bilden. Dem Halbkreis gegenüber warteten die Galeone, zwei Jollen und zwei der langen Kanus der Eingeborenen. Alles war bereit. Der Stückmeister und seine Gehilfen lauerten ebenfalls auf das erste Sonnenlicht.

Nach etwa fünfzig Schritten nach Osten hörte Ruiz vor sich ein Zischen wie von einer Schlange.

„Bist du’s Ginés?“ fragte er flüsternd.

„Ruiz?“

„Ja. Hinter mir sind die anderen.“

„Alles in Ordnung?“ fragte Ginés und schob sich zwischen den Palmenstämmen in den Bereich des milchigen Mondlichts.

„Ich bin ganz sicher, daß uns keiner gesehen hat. Wir haben auch nichts gehört.“

„Gut so. Das Geschütz wird das Zeichen geben.“

„Danach, Ginés, richten wir uns alle.“

Die Besatzung der fast überbeladenen Jolle, die von Ruiz kommandiert wurde, war auf einer sandigen Huk an Land gegangen, auf der westlichen Seite der Bucht. Die Crew des zweiten Beibootes, die Ginés befehligte, hatte die Jolle an den steineübersäten Strand gepullt, auf der östlichen, der Bucht abgewandten Seite. Genau vor der Einfahrt, mit dem Bug nach Südosten, ankerte die „Alma“. Wenn Ginés alles richtig verstanden und seine Leute an den besten Stellen postiert hatte, war jetzt der Halbkreis um die Siedlung geschlossen.

„Die ‚Alma‘ liegt sicher?“ fragte Ruiz nach einigen Atemzügen.

Zwischen den beiden Spaniern und dem Rand des Dorfes lagen Palmenwäldchen, einige Felder und kleine Brunnen, sowie breite Hecken aus Büschen mit dicken, großen Blättern und schwach duftenden Blüten. In der Stille summten unzählige Insekten.

„Sieben Mann sind an Bord. Anker und Landleine. Sie liegt direkt querab zu diesem Kaff hier.“

Die Schritte der Spanier, denen der Schweiß unter dem Helmrand hervorsickerte, knirschten im groben Sand zwischen den Palmwurzeln. Zwischen den Stämmen huschten große Fledermäuse durch die warme Luft. Aus den Hütten ertönte das Wimmern eines Kindes, das nach einigen Atemzügen wieder aufhörte.

Die Sterne verblaßten, längst war der Mond hinter der Kulisse des Waldes verschwunden. Die langgezogene Insel, deren Namen die Spanier noch nicht kannten, war nur an einer Stelle besiedelt, nämlich auf einer Anhöhe von wenigen Yards, die über der nordöstlichen Bucht lag.

„Wie viele werden wir schnappen? Was meinst du?“ erkundigte sich Ginés und suchte mit den Augen einen Weg auf die ersten Hütten zu. Er deutete auf einen schmalen, ausgetretenen Pfad, der sich entlang der Hecken durch die Felder schlängelte. Irgendein Lauchgewächs stank in den Nasen der Männer.

„Mehr als zwei Dutzend“, erwiderte Ruiz. „Genug Leinen und Enden haben wir mitgebracht. Hoffentlich wehren sie sich nicht. Wir können keine Verwundeten brauchen.“

„Und ein paar junge Weiber sollten wir auch mitnehmen.“ Ginés kicherte leise. „Oder wir segeln mit den Jollen zurück und vergnügen uns ein paar Tage lang.“

„Da hat der Señor Capitán vielleicht etwas dagegen. Aber wenn die Lust des Fleisches unseren Don Maurizio überfällt, dann springt auch für die Mannschaft etwas raus.“

Sie warteten geduldig und waren durch die Hecken gegen Blicke aus dem Dorf geschützt. Ruiz war vor drei Tagen von der Jolle an Land gesetzt worden und hatte sich genau umgesehen. Er hatte sich, so gut es ging, als Eingeborener verkleidet und war offenbar von den Insulanern nicht entdeckt worden.

„Sie werden gut arbeiten können“, sagte er nachdenklich. „Ich habe ihnen zugesehen. Wir dürfen nicht vergessen, daß sie ihre Werkzeuge und Körbe mitnehmen.“

Ruiz drehte sich um und sah, daß über dem Meer die erste vage Helligkeit des Morgens erschien. Im sehr dunklen Grau des Himmels zeigte sich im Osten ein hellgrauer, langgezogener Fleck.

„Um die Werkzeuge soll sich Vasquez kümmern. Wir treiben die Kerle zusammen. Nur die jungen, hörst du“, sagte Ruiz. „Es geht um sehr viel gutes Gold.“

„Keine Aufregung, Ruiz“, entgegnete Ginés. „Ich kenne die Befehle. Und de Coronna läßt nicht mit sich spaßen.“

Ginés kontrollierte die beiden zweiläufigen Pistolen, schob sie wieder in den breiten Gurt zurück, griff unruhig nach dem Säbel und deutete dann auf den rötlichen Schimmer über der Kimm. Die Bäume und Felsen an den Rändern der Bucht rahmten die Helligkeit ein. Zwischen den Hütten und den unbewegten Stämmen der Palmen und der Mangobäume wurde die Silhouette der Galeone im Grau des Morgens erkennbar. Ein kaum wahrnehmbarer Dunst hing über dem Wasser.

„Ich gehe zu meinen Leuten“, sagte Ginés und sah zu, wie eine Fledermaus torkelnd im Laubwerk verschwand. „Gleich wird der Stückmeister den Tag begrüßen.“

„In Ordnung“, antwortete Ruiz. „Ich gehe von hier aus vor.“

Leise entfernte sich Ginés. Ruiz drehte sich halb und lief, die Hecken und Palmstämme als Deckung benutzend, zwei Dutzend Schritte zurück. Dann sah er, wie ihm Lucar hinter einem Haufen aus Bündeln eines binsenartigen Grases zuwinkte. Die langen Rohre waren zum Trocknen übereinandergeschichtet.

„Dorthin! Wartet noch!“ rief Ruiz unterdrückt. „Bei Sonnenaufgang!“

Lucar winkte zurück, er hatte verstanden.

Die Spanier, die mit zwei stark bemannten Galeonen die Mendaña-Inseln entdeckt hatten, wußten genau, um was es ging. Das Unternehmen, das sie angefangen hatten, war aufwendig und würde seine Zeit dauern. Aber am Ende aller Anstrengungen stand für jeden der goldene Reichtum.

Als Lucar wieder in der Deckung verschwand, waren die ersten Geräusche zwischen den palmwedelgedeckten Hütten zu hören. Die Morgenröte, hatte sich ausgebreitet, und genau in dem Augenblick, als die ersten Sonnenstrahlen über die Wellen zuckten und für einen Moment den Spanier blendeten, gab Juan-Lopez Vieira, der Erste Offizier, das Signal auf seine Art.

Die wartenden Spanier warfen sich zu Boden, duckten sich und versteckten sich hinter den dichten Hecken und dicken Palmstämmen.

Die erste Culverine wurde abgefeuert.

Auch die Schußfolge war genau festgelegt und abgesprochen worden. Das erste Vollgeschoß schlug in die Mitte der Bucht ein, in der Nähe des Strandes, wo die Farbe des Wassers verriet, daß es eine tiefe Stelle gab. Aus der Mündung zuckte eine lange Feuerzunge. Das Geschoß heulte aus der Wolke des Pulverdampfes heraus und trieb eine riesige, weiße Wassersäule in die Luft. Der Donnerschlag der Detonation rollte über die Bucht und entfesselte einen Orkan aus Geräuschen und Schreien.

Zwei Atemzüge später dröhnte das zweite Geschütz auf.

Die gehackte Ladung kreischte waagerecht über die Bucht, prasselte in die Kronen der Palmen, riß das höchstgelegene Dach eines spitzgiebeligen Hauses in Fetzen und wirbelte Trümmer und zerrissene Äste durch die Luft. Aus den Baumkronen flatterten kreischend Vogelschwärme auf und zerstreuten sich in alle Richtungen. Aus den Hütten stürzten Kinder, Frauen und Männer, sahen sich furchtsam um, rannten aufgeregt hin und her und schienen zu glauben, daß die Welt unterginge.

Juan-Lopez Vieira hatte genug Zeit gehabt, auch den dritten Schuß gut vorzubereiten. Von Ruiz wußte er, daß ein langgezogenes Bauwerk aus Holzstämmen, Flechtwerk, Schnitzerei und Palmwedeldach ein Tempel oder ein Haus war, in dem die Inselbewohner irgendwelche Götzen anbeteten.

Das geteilte Geschoß zersprengte das Haus der Länge nach in hundert Trümmer und Bruchstücke. Feuer, Rauch, Donnerschlag und die umherwirbelnden Blätter und brechenden Äste verwandelten die runde Fläche zwischen den Hütten und Feuerstellen in ein wildes Durcheinander rennender und stolpernder Menschen.

Nach dem hallenden Krach der dritten Explosion sprang Ruiz auf und winkte nach rechts.

„Vorwärts, Señores!“ rief er. „Laßt nur die Alten und die Kinder durch!“

„Verstanden!“

Die Spanier gingen langsam auf die Siedlung zu, Schritt um Schritt zwischen einem Durcheinander aus Gärten, Feldern und Hecken. Als der Donner verhallt war und nur noch das Geschrei der Vögel und die vielen Laute aus dem Dschungel im Inselinneren zu hören waren, vernahmen die Männer in den Helmen und Halbrüstungen die aufgeregten Schreie der Eingeborenen. Die Insulaner flüchteten vor dem Großen Kanu, das aus Feuerrohren Tod und Vernichtung über das Dorf brachte.

Ein paar Männer rannten über den Strand und hinunter zu den Langkanus, die sie ins Wasser zerrten.

Langsam schloß sich der Halbkreis der eindringenden Spanier. Sonnenstrahlen fingen sich auf glänzenden Stellen der Harnische und Helme. Die Männer verströmten eine finstere, schweigende Drohung. Jetzt liefen die Eingeborenen durch die Äcker und schienen die Spanier viel zu spät zu sehen. Die Frauen schrien, blieben stehen, hasteten hin und her und versuchten, den Spaniern zu entkommen.

Ruiz spannte den Hahn seiner Waffe. Ein paar Kinder huschten zwischen den Spaniern hindurch, ein paar alte Frauen eilten hinterher. Ruiz und Ginés ließen sie ungehindert zwischen den Palmenstämmen verschwinden. Ruiz richtete die Waffe auf einen zwei Fuß großen Tümpel zwischen den Pflanzen. Dahinter klammerten sich voller Angst Mädchen und Frauen aneinander und wagten weder ins Dorf zurückzuflüchten noch auf die drohenden Spanier zuzulaufen.

Wortlos feuerte Ruiz einen Lauf ab. Die Kugel traf Wasser und Schlamm der Pfütze und überschüttete die Frauen mit einem Regen aus Schmutztropfen. Wieder kreischten sie und stolperten zurück zur Dorfmitte.

„Recht so“, sagte Ruiz zufrieden zu sich selbst.

Auch an anderen Stellen der Kette gelang Kindern, alten Männern und Greisinnen die Flucht. Die anderen Melanesier rechts und links der Anführer, wurden mit geschwungenen Säbeln und Pistolenschüssen zurückgetrieben.

„Laßt jeden davonrennen, der nicht wie ein guter Arbeiter aussieht!“ brüllte Ruiz.

Ein rauher Chor antwortete ihm. Ein Säbel klirrte, und von ganz links peitschte ein Pistolenschuß auf. Vom Heck der Galeone feuerte der Stückmeister die gehackte Ladung einer Drehbasse drei Yards vor die beiden Kanus in die Bucht. Die Männer in den Booten schrien, fluchten und paddelten zum Strand zurück.

Das Durcheinander wurde größer. Junge Frauen mit Kindern auf den Armen stolperten kreischend durch die Hecken und die Furchen der Gemüsegärten. Eine Greisin fiel schreiend zwischen die Bambusstapel.

„Weiter! Die Männer werden gefesselt!“ Ruiz wiederholte die Befehle, die schon nachts mehrmals ausgegeben worden waren.

„Verstanden! Drei haben wir schon!“ schrie jemand von rechts.

Als die Fischer aus den Kanus sprangen und durch das knietiefe Wasser zum Strand wateten, enterten einige Spanier in die Jolle der „Alma“ ab und pullten, schwer bewaffnet, gemächlich über die Bucht. Die Kette der nächtlichen Angreifer hatte die ersten Hütten erreicht, und die Dorfbevölkerung schob und drängelte sich auf dem annähernd runden Platz in der Mitte der Siedlung zusammen.

„Ruiz! Es sind fast drei Dutzend!“ rief Ginés, der zwei Gefangene mit dem gezückten Säbel vor sich hertrieb. „Eher ein paar mehr!“

„Das wird Coronna gern hören“, sagte Ruiz. „Fesselt ihnen allen die Hände auf den Rücken.“

Die Insulaner waren von Entsetzen und Furcht halb gelähmt. Die Frauen hatten aufgehört, ihren Schrecken durch Geschrei und Wimmern zu zeigen. Die Männer schauten schweigend auf die Helme und in die Waffenmündungen der Spanier.

Jacobo sprach den Dialekt der Inseln. Er sprang auf die Plattform vor einem Haus, während seine Kameraden mit schnellen, geübten Griffen einzelnen Gefangenen die Arme auf den Rücken rissen und die Handgelenke mit dünnen Riemen zusammenbanden.

„Ihr sollt alle zuhören!“ schrie Jacobo und zeigte zu der Galeone. „Wir sind eure guten Freunde. Wir bringen die Männer auf eine Insel. Dort müssen sie arbeiten, aber sie werden es gut haben. Dafür sorgen die Frauen, die mit uns kommen.“

Er grinste in die Runde und wartete, bis das Gemurmel der Eingeborenen aufgehört hatte. Die sechs Mann in der Jolle näherten sich dem Strand. Es roch nach kaltem Rauch.

Dann sprach der Spanier mit ruhiger Stimme weiter. Er log schamlos, aber das wußten nur die Spanier, die auch die Frauen fesselten. Einige Seeleute schoben die erste Gruppe junger Männer zum Strand. Die dunkelhäutigen, kräftig wirkenden Insulaner, vermutlich Fischer oder Pflanzensammler, wehrten sich kaum, aber sie schrien wild durcheinander.

Jacobo hörte eine Weile zu, beobachtete die nächste zusammengetriebene Gefangenenschar und rief: „Ihr braucht keine Angst zu haben! Die Fesseln sind nur zu eurem Schutz. Damit ihr nicht ertrinkt.“

Die Gefangenen verstanden, was er sagte, aber sie begriffen den Sinn nicht. Die Spanier trieben jeweils ein Dutzend der Männer in ein Kanu und befahlen den Fischern, die Boote ins Wasser zu bringen. Die Insulaner waren ratlos, gehorchten aber. Die Jolle knirschte über den nassen Sand.

„Die Weiber in den Kahn“, sagte Ruiz. „Bringt sie runter, Jacobo.“

„Nichts tue ich lieber!“ schrie der Dolmetscher zurück.

Er rief seinen Kameraden ein paar Bemerkungen zu, und sie zogen und schoben die jungen Frauen zum Strand. Die Spanier grinsten lüstern und betätschelten die Frauen, ohne sich um die haßerfüllten Blicke der Männer zu kümmern. Die meisten Frauen waren nackt unter den dünnen Leinentüchern, die um ihre Busen geknotet waren.

„Meine Damen? Bitte Platz zu nehmen, Señoritas!“ Ruiz zeigte, sich übertrieben trief verbeugend, auf die Duchten der Jolle. Die Frauen gehorchten voller Verwirrung. Aber nur ein Drittel der Gruppe paßte ins Boot. Die anderen warteten, bis zu den Knöcheln im Wasser.

„Ihr könnt sie losbinden, wenn sie aufentern. Sperrt sie in die Vorpiek!“ rief Ruiz.