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Elisabeth Manndorff

DIE WIRKLICHE WEIHNACHT

und ihr Beginn am

2. Februar

© 2021 DDr. Elisabeth Manndorff

Verlag: myMorawa von Dataform Media GmbH, Wien www.mymorawa.com

ISBN:

Paperback: 978-3-99125-560-4

Hardcover: 978-3-99125-561-1

E-Book: 978-3-99125-563-5

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Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ohne Zustimmung des Verlages und der beiden Autorinnen ist unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Die Wirkliche Weihnacht

Einführende Worte

1. Kapitel: DER WEG ZUR WEIHNACHT

Geborgenheit

Beziehungen

2. Kapitel: DIE WEIHNACHTSSPRACHE

Entspannte Kommunikation

Die Sprache der Melodien

3. Kapitel: DAS WEIHNACHTSJAHR

Weihnachten beginnt am Zweiten Februar

Der Advent

4. Kapitel: HERAUSFORDERUNGEN

Unwägbarkeiten

Anerkennung

5. Kapitel: DIE WIRKLICHE WEIHNACHT

Angestrebte Ordnung

Erlebnisse

Fragen

6. Kapitel: ERKENNTNISWEGE

Begriffe decodieren

Das Weihnachts-Musterlexikon

ANHANG

Die Welt- und Lebensformel verstehen

Die 64 Hexagramme des I Ging

Nachbemerkungen

Literatur

Die Wirkliche Weihnacht

Die Wirkliche Weihnacht ist ein erreichbares Theoriemodell von einem Familienfest ohne Zeitdruck, ohne materielle Schwerpunktsetzungen, ohne Arbeit und Käufe in letzter Sekunde.

Der idealtypisch-reine Zustand des neugeborenen Kindes mit seinem von innen heraus strahlenden Licht verdient das Eingebettetsein in die Geborgenheit einer ausgeglichenen, frohen und harmonischen Gemeinschaft. Zur Weihnacht suchen wir diese friedvolle Lebensbasis und das Empfinden von höherwertiger Liebe, in der wir uns behütet und gut aufgehoben fühlen. Das wäre zugleich die Erinnerung an unsere zutiefst humane Grundausstattung die wir mit in diese Welt brachten.

Die Wirkliche Weihnacht führt uns zum wahren Selbst, zum unverwechselbaren eigenen Wesenskern, der zu seinem Besten strebt.

Einführende Worte

Für die volkskundliche Forschung war die Weihnacht lange ein wichtiges Großthema: Das gesamte Jahr mit all seinen Terminen stand unter dem Eindruck des allmählichen Zugehens auf dieses Hochfest mitten in den Rauhnächten1. Früher befand man sich noch bis zum Lichtmeßtag am 2. Februar im Ausklang der traditionellen Weihnachtszeit. Erfahrungen aus dieser besonderen Phase im Winter mündeten in die latente Erwartung der kommenden, neuerlichen Weihnacht.

Die gegenwärtige Ernüchterung über die Abkehr von eigenen kulturellen Werten, das Durchleiden von Krisen und die Sinnsuche bringt der Weihnacht ihren verdienten Stellenwert als Anker in unserem Leben zurück. Das traditionelle Familienfest wird vor allem durch die zeitgerechte Einstimmung und verständiges Zugehen auf diese besondere Zeit im Jahreskreis wirklich schön. Zwar ergibt sich so Einiges an zeitgerechter Vorbereitung und Arbeitsleistung - dafür ist aber auch mit Zufriedensein, Ausgeglichenheit, Stolz und Freude sowie gestärkten Selbstwertgefühlen für das gut gemeisterte Feiern zu rechnen.

Allerdings war immer auch klar und bewußt, daß die Weihnachtszeit recht belastet sein kann und einigen Anlaß zu Differenzen, bösen Streit, Frustration und Verbitterung bietet. Grund genug, sich den ganz spezifischen Bedingungen dieses einzigartigen Festes zu widmen.

Hohe Erwartungen, fehlende Aussprachen und mangelnde Vorbereitung führen zu Druck- und Enttäuschungssituationen, die leicht Mißstimmungen fördern. Die Kommunikation kann zwar Brücken zum Verständnis füreinander bauen, allerdings darf man von spontanen Gesprächen nicht unbedingt eine wirklich gesicherte Harmonie und frohe Stimmung einfordern. Eher sollte über längere Zeit hinweg die ,Weihnachtssprache' gepflegt und geübt werden - sie hat die Wirkung, nach allen Seiten hin erfreuliche Anregungen und eine angenehme Atmosphäre zu bieten.

Zudem: Nicht alle Menschen denken voller Freude an die Weihnacht. Für Trauernde, Hinterbliebene und jene, die unter der Einsamkeit leiden, wäre zeitgerecht für die nötige Unterstützung zur Bewältigung dieser anspruchsvollen Zeit im Jahr zu sorgen. Viele suchen nach außen hin keinen Trost und keine Hilfe, sind aber sehr verzweifelt. Für sie beginnt im Herbst die schwere Zeit der dunklen Monate in seelischer Starre. Das Überwinden von Sinnlosigkeitsgedanken und Selbstmitleid ist keineswegs einfach wenn sich ernste Lebenskrisen aufgebaut haben.

Doch auch im ,normalen' Alltag werden viele Paare, Eltern und Kinder nicht selten von der fehlenden Harmonie zur Weihnacht unliebsam eingeholt - der handfeste Streit vor dem Christbaum ist eine schon seit Generationen allgemein bekannte Tatsache.

Es bringt ja bereits die Vorweihnachtszeit für Beziehungen sehr oft harte Bewährungsproben. Sorgen wegen eingeladener Schwiegereltern oder Großeltern sowie alleinstehender Verwandten und auch Panik wegen mangelnder Geschenkideen bei finanziellen Engpässen belasten im Vorfeld durch Spannungen. Zudem erzeugen größere Kinder, die bei der Planung des Festes nicht in genügendem Maß einbezogen wurden, oft auch noch Streß durch Protesthaltungen wegen ihrer Kleidung oder ihren besonderen, nicht berücksichtigten Speisewünschen.

Dabei kommt das Weihnachtsfest wirklich nicht überraschend - man hat theoretisch genug Zeit, sich gründlich darauf vorzubereiten; es ist nur meist (oder immer) unvermutet schnell da! Deshalb könnte es sinnvoll sein, den Lichtmeßtag als Familientermin zu nutzen und die Planung für die nächste Weihnacht an diesem traditionellen alten Jahresbeginn' anzusetzen. Über die vergangenen Fehler kann man dann vielleicht schon verständnisvoll hinwegsehen und im vorausblickenden Gespräch so manche Verbesserung mit sinnvollen Vorschlägen anregen.

Generell haben harmonische Weihnachten einen höheren Stellenwert als das ,perfekte' Fest. Außerdem sichert während des gesamten Jahres die Pflege von guten Beziehungen zueinander die Gemeinsamkeit im Bewältigen aller Aufgaben der Weihnachtszeit. Was gründlich durchbesprochen wurde, läßt sich ohne viel Streß und Mühe mit gegenseitiger Unterstützung oft viel leichter als gedacht schaffen. Das Ziel der Weihnacht heißt schlicht und einfach: Freude an gemeinsam verbrachten frohen Festtagen zu erleben.

1. Kapitel: DER WEG ZUR WEIHNACHT

Der religiöse Hintergrund von Weihnachten ist hier nicht thematisiert und bleibt ein persönlicher Bereich. Doch ebenso wie das Kirchenjahr in Etappen bis zum 24. Dezember unterteilt wird benötigen auch profane Schritte zur Weihnacht ausreichende Zeit für das Eindenken und praxisorientierte Üben von Vorsätzen.

Der Weg zur Weihnacht eröffnet jedes Jahr die Gelegenheit zum beharrlichen Weiterschreiten in der Entwicklung guter Eigenschaften, die letztlich für die Verbesserung aller Kontakte zum Umfeld notwendig sind. Die Weihnacht ist nämlich vor allem ein Beziehungsfest.

So lohnt es sich, die Wegstrecke vom Lichtmeßtag am 2. Februar bis zum Hochfest mitten im Winter gründlich kennenzulernen. Sie ist in verschiedene Abschnitte gegliedert die sich durchaus erfolgreich absolvieren lassen und vor allem überraschend viel Freude bereiten.

Geborgenheit

Was ist für Alle - vom Kleinkind bis zu sehr alten Menschen - gleichermaßen wichtig? Diese Frage führt direkt hin zum Begriff Geborgenheit. Wir benötigen von unseren ersten Momenten im Leben bis zum Abschied von dieser Welt Geborgenheit. Dieses schöne Wort nimmt daher gemeinsam mit dem Begriff Behutsamkeit einen hohen Stellenwert in unserem Seelenleben ein. Nicht alle Völker besitzen in ihrem Sprachraum so gefühlsbetonte Worte und damit auch das Verständnis für den Bedeutungsinhalt der beiden Begriffe.

Vom Kind bis zum Senior ergibt sich also das natürliche, starke Bedürfnis nach dem Wohlgefühl von Geschütztsein sowie Behütetwerden - das möchte man in dieser Welt erreichen und empfinden. Somit ist die Lebensqualität der Sicherheit gemeint, die wir als erreichbar in uns verankert bzw. gefestigt haben wollen.

Es verwundert nicht, daß Geborgenheit sowohl die Seele und den Geist als auch den Körper heilsam beeinflußt - sie hat für unsere Gesundheit größte Bedeutung. Der sensible Wert von Geborgenheit ist nicht bloß als Momentaufnahme gefragt, er verbindet sich mit den fortwährenden Ansprüchen an aufrichtige Zuneigung und absolute Ehrlichkeit in Kontakten, Begegnungen und Beziehungen.

Der Psychologe Hans Mogel2 hat sich die Aufgabe gestellt, das Thema Geborgenheit in die wissenschaftliche Forschung aufzunehmen und er verlangt, die Verunsicherung in unserem gegenwärtigen Leben in vielen Bereichen des Alltags und die daraus resultierende Sehnsucht nach Geborgenheit bewußt zu erkennen. Diese Wunschhaltung sollte einfühlsam, verständig und konstruktiv angenommen werden.

„Wir Menschen sind Geborgenheitswesen“ sagt Hans Mogel und wir fühlen uns neben Personen, die neidisch oder mißgünstig sind einfach nicht gut aufgehoben. Den Anspruch auf Geborgenheit müssen wir heute mehr denn je bewußt vertreten und verteidigen, denn er sichert den Wert von Wahrheit in allen Beziehungen.

Die Wichtigkeit dieser Haltung betont zudem der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, der dafür eintritt, daß man auch unter dem Druck einer fehlorientierten Gesellschaft auf dem richtigen Weg einer liebevollen und aufrichtigen Beziehungskultur bleibt3.

Hans-Joachim Maaz versteht sich als Verteidiger des einzigartigen sowie unverwechselbaren Selbst und verlangt den Schutz der Individualität sowie der Reinheit im Wesen von Menschen. In der Öffentlichkeit warnt Hans-Joachim Maaz besonders vor Empathielosigkeit und fehlendem Verantwortungsgefühl seitens der Politik.

Ein allgemeines Sehnen nach Geborgenheit in der Gemeinschaft verlangt auch die Sicherheit im eigenen Staat. Bürger finanzieren durch ihre Leistungen Politik, Kultur und Religion - dafür dürfen sie Respekt vor ihren Rechten und absolute Lauterkeit von den Vertretern des Volkes verlangen.4

Junge Menschen suchen in Erwachsenen Vorbilder und Anleitungen5. Dieser hohen Qualität gebührt entsprechende Wertschätzung und Anerkennung.

Damit wäre eine weithin unerkannte Verbindung zu dem so oft unterdrückten Gutsein von Kindern und der später kostbaren „reinen Weste“ in allen Belangen des Lebens kundgetan. Diesen Aspekt nicht zu vernachlässigen sollte für uns möglich sein, denn er repräsentiert einen hohen Wert des Humanen sowie der Selbstachtung. Daraus entsteht die Qualität der Neigung zu einem friedlichen Miteinander, das aus den Familien in die Gesellschaft hineingetragen wird6. Ohne ein grundlegendes Verständnis für die Gelegenheit, Jahr für Jahr an die Rückkehr zur ursprünglichen Reinheit zu denken fehlt uns der entscheidende Impuls zum Verständnis für die Verantwortungen im Leben. Auf dem während des Jahres achtsam bemühten Hingehen zur Weihnacht können wir Einsichten und Erkenntnisse für die Pflege von besseren Beziehungen entwickeln und uns in diesem Streben selbst besser kennenlernen.

Die ,moderne' Flucht in eine adventliche Hetzjagd nach Geschenken, Kleidung, Schmuck, Kosmetik sowie diversem Zierrat ist eine Ablenkung von dieser Aufgabe. Wir haben unser persönliches, wahres Sein und das eigentliche Wesen der Menschen in unserem Umfeld deutlicher wahrzunehmen. Daraus ergibt sich Seelenruhe als ein Fundament für das Empfinden von Geborgenheit.

So besehen wäre die Wirkliche Weihnacht ein Fest, das die Geborgenheit durch die Anerkennung7 von einer bestehenden Gleichwürdigkeit lehrt.

Der Weg dorthin könnte die große Chance zur Verwirklichung eines schöneren, erfüllteren, erfolgreicheren Daseins sein. Die Wirkliche Weihnacht wird damit zum großen Reservoir an Energie, Selbstvertrauen und Stärke. Sie versorgt mit Extraportionen Mut und Kraft für das Bewältigen von Herausforderungen. Sie motiviert zur Freude am Erarbeiten von Lebenskompetenz und trägt zur Weiterentfaltung und Vervollkommnung, zur Ausgeglichenheit sowie zur Reife bei.

Beziehungen

Jeder Einzelne gestaltet die Kontakte zu seinem Umfeld nach seinem persönlichen Bewußtseinsstatus. Erziehung, Erfahrungen, Wissen und Vorstellungen prägen die Qualität einer Beziehung zu sich selbst und zur Umwelt.

Der Wert lauterer8 Beziehungssituationen wird heute im westlichen Kulturkreis nachteilig wenig geschätzt. Es ist vielmehr ein internationales Vernetztsein von Kontakten durch entsprechende Schulungen' in Mode gekommen, die jungen Leuten geschenkte Spitzenpositionen und hohe Verdienste für ein globales Mitläufertum bei diversen Einflußnahmen zusichern. Auf diese Weise werden trojanische Pferde massenhaft produziert und - überall in der Welt - nachhaltig Schäden bzw. Katastrophen verursachend aufgestellt.

Daß in solchen Kreisen die Reinheit ebenso ignoriert wird wie jeder Gedanke an die Wirkliche Weihnacht versteht sich von selbst.

In diesem Themenfeld lohnt es sich, zurück in die Geschichte zu blicken. Es war schon vor mehr als 1000 Jahren klar, daß der Verantwortliche an der Spitze der Gesellschaft als reiner König und ,heiliger' Herrscher weise, verständig, würdevoll und väterlich das Land führen sollte. Ihm zur Seite als wertvolle Ratgeberin hatte die herzensreine, gebildete, kenntnisreiche, sorgfältig auf ihr hohes Amt vorbereitete Königin zum Wohl des gesamten Volkes zu stehen9. Sich an solchen Kerngedanken zu orientieren wäre heute noch immer eine legitime Forderung.10

Die Problematik dieser anspruchsvollen Idealsituation ist in der Gralgeschichte des Parzival-Romanes11.

Da Männer und Frauen einander in ihrem so unterschiedlichen Denken, Sprechen, Verstehen von Situationen, gegenwärtig tatsächlich noch völlig ungeübt12 (!)13 und die eigenen Bedürfnisse. Das vertieft dann die Probleme im Privatleben und im Beruf. Heute wird immer breiteren Kreisen bewußt, daß sich erst aus einem gesunden Blick auf den eigenen Standort und eine Erkenntnis über das Selbst Verständnis für das Leben und auch die Umwelt besser entfalten kann.

Spricht man also von Begegnungen und Beziehungen, wird am Beginn dieser Thematik sinnvollerweise der Blick auf das eigene Sein gerichtet werden. Damit ist natürlich kein Aufruf zum Egozentrismus gemeint, sondern die notwendige Bereitschaft zum Erkennen wer man eigentlich ist14. Dieses Fundament erlaubt es, gute, aufrichtige und wohltuende Verbindungen mit anderen Menschen zu gestalten; darüber hinaus auch gehaltvolle Beziehungen zu Tieren und Pflanzen zu pflegen sowie den vielfältigen Aspekten des täglichen Lebens kompetent zu begegnen.

Diese Perspektive hat im Fachbereich Psychologie die Betonung der Bedeutung von Selbstliebe intensiviert und auch die Definitionsproblematik im inkludierten Begriff Liebe fokussiert, der häufig ohne genauere Zusatzbezeichnungen gebraucht wird15. Neben einer Basis von ,Freundschaft mit sich selbst' sprechen wir von der romantischen Liebe, aus der sich in gemeinschaftlich verbrachten Jahren kameradschaftliche sowie loyale Beziehungen entwickeln, die einen qualitativ hohen Stellenwert im Leben einnehmen. Das Empfinden von Vertrauen und Geborgenheit charakterisiert spezifische Gefühle von Liebe.

Dazu kommt noch die Kenntnis über eine ganz andere Kategorie: Die wissenschaftliche Erforschung von Nahtoderfahrungen bestätigt nicht nur eine Aufwertung der Ich-Auffassung (denn so beiläufig und nebenbei oder ,irgendwie' existieren wir nicht) - vielmehr werden wir als dicht eingebunden in ein ganz bestimmtes soziales Kontaktfeld erfahren. In diesem abgezirkelten Bereich ergeben sich unsere Beziehungen sowie Begegnungen als Studienfächer.16

Ein vielbeachteter und auch besonderer Erklärungsversuch unter einer langen Reihe von Berichten dazu spricht von geradezu selbstverständlicher Verwobenheit in eine Gesamtheit, nämlich in ,Alles', und dann von einer völlig unerwarteten, geradezu wertbetonten Selbsterfahrung17 ganz unabhängig vom Gehirn gebildet werden und auch nachvollziehbar sind.

Frei von jeglicher Glaubens- und Kulturzugehörigkeit werden in Berichten von Erlebnissen an den Grenzen des körperlichen Lebens von einer auf Erden so bisher nicht erfahrenen bedingungslosen Liebe gesprochen. Diese Formulierung hat sich zwar weithin durchgesetzt und will dem erhaltenen Eindruck möglichst nahekommen, eine ideale und lautmalende Begriffsklärung bietet sie aber noch nicht. Es ist eher berechtigt, von höherwertiger Liebe auszugehen, die sich in unserer irdischen Auffassung von der allgemeinen ,Liebe' deutlich unterscheidet.

Natürlich wäre ,reine, aufrichtige Liebe' die Basis jeglicher Beziehung, aber ihre praktische Verwirklichung könnte durch das im städtischen Raum schon längst vergessene ländlich-einfache „Gutsein“ als Grundlage besser gelingen.

Das Einander-Gutsein läßt sich leichter ausführen als man denkt, es kann erlernt und geübt werden, beherbergt die Freundlichkeit und bleibt in seiner Dimension durchaus menschlich. „Absichtsloses Einander-Gutsein“ sollte schon früh als erstes Ziel einer erreichbaren Beziehungsleistung gewürdigt sein. Es beschenkt nach allen Seiten hin mit Freude, bereichert Begegnungen, vermeidet Konflikte und stärkt das eigene Wesen18.

Das absichtslose Gutsein setzt einen persönlichen Friedensprozeß in Gang. Oft gibt es sogar in besten Beziehungen den Umgang miteinander zu optimieren denn man kann im Alltag sehr leicht über fein ausgelegte Gesprächs- und Verhaltensfallen stolpern, die in höchst überflüssige Auseinandersetzungen münden.

Erst wenn allseits gewußt wird, daß Freundlichkeit, Güte und Verständnis füreinander zum Fundamentbau eines erfolgreichen Lebens gehören, erhält die Qualität von Beziehungen einen tatsächlich höheren Stellenwert im sozialen Leben. Man könnte Kontakte jedweder Art daher durchaus auch als qualitative Informationen verstehen, die Richtungen im Leben vorgeben. Somit ist es berechtigt, sich selbst als verantwortungsbewußt gestaltenden Schöpfer seines persönlichen gesellschaftlichen Lebens zu verstehen19.

Das ist leichter gesagt als getan. Schon Platon (428 oder 427 bis 348 oder 347 v. Chr.) sah den Mensch als halbiertes Kugelwesen, das sich nach der verlorenen Ganzheit sehnt20 und unter seiner Unvollkommenheit leidet.

Eine entscheidende, bis heute wichtige Denkrichtung erarbeitete der katalonische Philosoph und Theologe Ramon Llull (1232 bis 1315 oder Anfang 1316). Er faßte die Sprache als hilfreiches Erkenntnisinstrument für die Vervollständigung des Seins auf. Wir denken in der Sprache, wir treten verbal in Kontakt zu unserer Umwelt - so suchte Llull in der Verbesserung von Kommunikation (auch auf interkultureller Ebene) den entscheidenden Schritt in die Richtung zum Frieden.

Heute wissen wir, daß die schriftlich festgehaltene Sprache mit ihren einzelnen Bestandteilen - nämlich Ziffern und Buchstaben - in direkter Form mit unserer Erbsubstanz verbunden ist. Umso bemerkenswerter erscheint es, daß Ramon Llull diesem damals noch unbekannten Faktum in genialer Weise auf der Spur war: Llull konstruierte eine „Denkmaschine“ die aus um ein Zentrum drehbaren Papierscheiben bestand, auf denen u. a. Begriffe wie Mensch, Wissen, Ruhm, Wahrheit standen und die beim Drehen mit anderen Worten kombiniert werden konnten.

Diese technische Verknüpfung von Allem mit Allem' war ein Vorläufer des heutigen Computers, der Wissen aus verschiedensten Fachgebieten zusammenführen kann. Llull wollte sich auf diese Weise der Wahrheit nähern, die Lüge enttarnen und .höheres' Denken anpeilen21.

Um sich im Leben und in der Welt zurechtzufinden, um mit sich selbst ins Reine zu kommen, um sich der wahren und einzigen Gottheit zu nähern, versuchte Llull die entschlüsselte Wirklichkeit methodisch und arithmetisch unterstützt ausfindig zu machen. Seine Gedanken wurden vom Mathematiker, Theologen, Kardinal Nikolaus von Kues (1401-1464) weitergedacht; auch Agrippa von Nettesheim (1486-1535), ein deutscher Philosoph, Theologe, Jurist und Arzt folgte dem Werk von Llull; der Priester, Dichter und Astronom Giordano Bruno hat sich mit Llull ausführlich auseinandergesetzt; ebenso Juan de Herrera (1533-1597), ein spanischer Architekt, Mathematiker, Naturwissenschafter.

Sehr bedeutend wurde der Einfluß von Ramon Llull für den Barockgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), der nach Llulls Vorbild ein Schriftsystem (characteristica universalis) für das Auffinden der wahren, verbindlichen Beziehungen von Allem mit Allem schuf22. Heute wird dieses Konzept für die Bereinigung von Problemen in sozialen Kontakten wiederentdeckt. Als direkter Weg zum besseren Verständnis aller Lebensaufgaben dient es deshalb der Vorbereitung auf die Weihnacht.

Das natürliche Bedürfnis, Hintergründe und Sinn von manchen Situationen besser verstehen zu können, erfährt heute durch das wissenschaftliche Aufarbeiten von Llulls Werken und dem tieferen Vordringen in den Einfluß auf das philosophische Denken bis in unser Jahrhundert eine bedeutsame Aufwertung, die sich auf viele fachliche Bereiche des Lebens befruchtend auswirkt.

2. Kapitel: DIE WEIHNACHTSSPRACHE

Als funktionstüchtiges Werkzeug der Kommunikation hat die Sprache einen bestimmenden Anteil an der Qualität unserer Beziehungen, die besonders zur Weihnacht harmonisch, verständnisvoll und friedfertig gestaltet werden sollen.

Die Sprache vermag unser Sein von der /Verhüllung' zu befreien: Mit dem Denken (eben in Worten; schriftlich wären es Zahlen und Buchstaben) führt sie uns hinaus in die Welt und auch wieder zurück zum Erfassen einer inneren Wirklichkeit des bewußten Lebens. Sie gestaltet den Weg zur Beziehungsethik und markiert unsere Position in der Gesellschaft; sie beschreibt die individuelle Gestalt unserer Persönlichkeit.

Aus dieser Perspektive peilt die Sprache ein ideales Konzept der Wirklichen Weihnacht an und stilisiert den geistigen Höhepunkt im Jahresablauf. Man wird also davon auszugehen haben daß die Weihnachtssprache nicht zuletzt mit Stimme und Melodie das eigentliche Rückgrat des Festes ist und zwar in einer gehaltvollen Dimension und anders wirksam - nämlich dichter und vielgestaltiger - als jedes kommerzielle Beiwerk im Rahmen zum Fest.

Entspannte Kommunikation

Unser Bewußtsein ist mit Sprache und Denken eng verbunden. Jede Erfahrung wird, wenn sie in Worte gekleidet werden konnte, im persönlichen Vokabular gespeichert. Was zusätzlich gelesen, gehört oder als Zuseher erlebt wird ergänzt diesen Bereich.

Im Hinblick auf die Wirkliche Weihnacht kommt der Kommunikation eine Schlüsselrolle zu. Die richtigen Worte können als wertvolle Geschenke gelten; dagegen verdirbt oft gedankenlos oder absichtlich negativ Formuliertes die gesamte Freude am Fest.

Der Grundgedanke der Weihnacht schließt völlig aus, daß Menschen bei Tisch und vor oder neben dem Christbaum einander mit neidvollen Blicken, giftigen Worten, mit Hohn, Herablassung oder Schadenfreude gezielt kränken.

Es ist sinnvoll, darüber von Pfingsten an nachzudenken, um zeitgerecht genügend Überlegungen und Übungen in den sanften, liebevollen sprachlichen Umgang miteinander zu investieren.

Die weihnachtliche Idee der Rückkehr zur Reinheit ist eine gewaltige Herausforderung für das Denken und die Sprache im zwischenmenschlichen Kontakt. Feindselige, unhöfliche und unsensible Dinge werden nicht unwissentlich oder versehentlich geäußert sondern entstammen Denkprozessen, die den Worten vorangegangen sind. Die angesprochenen Personen spüren aggressive Attacken und fühlen sich verletzt. Eine bewußte Kränkung wird dann noch intensiviert, wenn der Angreifer den Angegriffenen als zu „wortklaubend“ oder „mimosenhaft“ bzw. „empfindlich“ abkanzelt, um sich - im Unrecht - noch zusätzlich einen Machtfaktor zu sichern.

Wir müssen also Verantwortung für unsere Worte übernehmen und die Sprache in das Reinheitsdenken einbeziehen. Dazu zählt natürlich während des Jahres der Umgang mit Wahrheit und den Sinnbedeutungen im Wort. Für ein gemeinsames, friedliches und loyales Leben ist in allen sozialen Schichten die Einübung in lauteres Denken sowie die Gewöhnung an eine Sprache, die aus diesem Ansatz gebildet wird, wichtig.

Fraglos kommt es vor, daß Menschen sich über Wortinhalte nicht immer einig sind. In dieser Thematik öffnen sich in wissenschaftlichen Disziplinen ebenso wie im öffentlichen, beruflichen und privaten Leben weite Bereiche für die Austragung von Differenzen23.

Demgegenüber steht die Wirkliche Weihnacht mit ihrer Forderung nach Lauterkeit unverrückbar im Raum: Personen erleben die weihnachtlichen Festtage in der sprachlichen Gestaltung deshalb deutlich zwischen Unreinheit und Makellosigkeit. Wir ersehnen völlig entspannte Gesprächsbedingungen.

Viel Beachtung verdient im Zusammenhang der Unterschied zwischen der Männer- und der Frauensprache. Leider ist dieses Thema ebenso wie der gesamte Komplex von Sprache und Denken im Allgemeinwissen kaum präsent. Die logische Folge sind letztlich vermeidbare, überflüssige Differenzen.

Während Frauen eher gefühlsbetonte Themen wählen und auch die zwischenmenschlichen Kontakte in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit stellen, konzentrieren sich Männer auf berufliche oder sportliche Aspekte; sie erlauben sich zudem selbstbewußt eine lockere Form von Aussagen, die bei Frauen häufig nicht so gut wirkt, auch wenn sie in gleichartiger Weise vorgetragen wird. Zudem neigen Frauen unbewußt dazu, ihrer Aussage mit Stimme und Gesten jenen Nachdruck zu verleihen, den Männer im Allgemeinen als ,Befehl' interpretieren und darin eine Verletzung ihres dominierenden Status sehen.

Viel über das Selbstbewußtsein, das Selbstwertgefühl und die erworbene Sprachkompetenz verrät neben der Wortwahl auch die Stimme sowie die Sprachmelodie.

Generell funktioniert die Stimme als psychosoziale Visitkarte. Sie zeigt innerste Empfindungen wie Irritation, Sorge, Bedenken, Ärger und Enttäuschung bzw. auch die körperlichen Reaktionen mit Heiserkeit und Brüchigkeit auf. Leises, undeutliches Sprechen läßt auf Unsicherheit schließen.

Ohne jedwede fachpsychologische Schulung hören wir aus der Stimme unseres Gegenübers die wahre Haltung und augenblickliche Verfassung. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Vertrauenswürdigkeit spiegeln sich in der Stimme wieder, die auch oft als ein Abbild der Seele bezeichnet wird.

Bei öffentlichen Diskussionen, besonders vor der Kamera fällt auf, daß Frauen - wenn sie sich in der Argumentation nicht mehr sicher fühlen - in eine kindliche Ausdrucksform flüchten, gleichsam in den schützenden Mantel von Unschuld.

Denken und Sprechen sind wesentliche Methoden der Menschen, auf ihr Umfeld zu reagieren. Sie verlangen einen großen inneren Bestand von humanem Fühlen, die Förderung von Wertschätzung und Nächstenliebe, Ethik und auch Ästhetik im Selbst. Eine Orientierung an höherer kultureller Ordnung ermutigt zur Entfaltung einer einfachen, klaren Herzensreinheit, die zu Weihnachten besonders gebraucht wird: Dann stehen Sprache und Denken deutlich auf einem allseits in die Aufmerksamkeit gerückten Podest.

Es ist deshalb berechtigt, alle Aspekte des Sprechverhaltens zu prüfen und diese vielseitige sowie im gesamten Dasein auf der Lebensbühne wichtige Thematik als horizonterweiternd aufzufassen. Ganz selbstverständlich kommt das ,Tun als ob' bzw. eine laienhafte ,Schauspielerei' selbst im privaten Rahmen nicht besonders gut an. Frauen erregen mit Wimperklappern, Augenbrauenrollen und Mundschürzen im geschminkten Gesicht wenig Respekt bei Gesprächspartnern. Auch Männer stehen bei der Prüfung hinsichtlich Ehrenwertigkeit und Rechtschaffenheit automatisch im kritischen Blickfeld.

Im Beziehungsgeschehen der Weihnacht ist es also immens wichtig, in ehrlicher Weise freundlich und höflich zu sein. Den Sinngehalt von Worten sollte man natürlich kennen bzw. ihn vom Gegenüber erfragen, wenn er nicht verständlich wird. Da insbesondere in der Gegenwart keilartige Eingriffe auf den Wert und den Inhalt von Worten im allgemeinen Vokabular erfolgen ist es wichtig geworden, eine erhöhte Sensibilität für getätigte Aussagen zu zeigen24. Eltern haben daher die Verpflichtung, sich intensiv mit dieser Problematik auseinanderzusetzen und für ihre Kinder in der Familie um ein ordnendes Sprachbewußtsein bemüht zu sein. Das gilt besonders für eine sinnorientierte, sinnbewahrende Haltung.

Die Situation, daß lediglich die eigene Produktion von Worten gesteuert und kontrolliert werden kann bedingt, daß Achtsamkeit für das Denken (nämlich im Hinblick auf die Sprache mit uns selbst) spürbar wird. Generell lernen Menschen viel zu selten, dieser internen Kommunikation Beachtung zu schenken. Es ist gut bekannt, daß das eigene Denken Haltungen und Meinungen prägt; in negativer Weise gelingt das von selbst und ohne Mühe - die Qualität einer positiven Orientierung hingegen will erarbeitet und auch trainiert werden. Das ist eine wesentliche und grundlegende Aufgabe während des gesamten Jahres.