FALLING PRINCESS
Deine Nähe ist mein Untergang
MEL HOPE
›FALLING‹-REIHE 2
Autorin von Romanzen und Liebesgeschichten, die eine Schwäche für Bad Boys hat. Kann sich nicht kurzfassen und neigt dazu, vor Ungeduld mit den Füßen zu wippen.
Mit meinem Debüt ›Secret Dreams – Gefährliche Leidenschaft‹, das Mitte 2016 das Licht der Buchwelt erblickt hat, habe ich mir einen meiner größten Träume erfüllt.
Du teilst meine Vorliebe für Bad Boys, raue Sexszenen und Happy Ends?
Du bevorzugst einen direkten Schreibstil mit deutlicher Sprache?
Du hast kein Problem mit Protagonisten, die fluchen und sich auch mal danebenbenehmen?
Dann heiße ich dich in meiner Welt willkommen!
Viel Spaß wünscht dir
Deine Mel
FALLING PRINCESS – Deine Nähe ist mein Untergang
von Mel Hope
Erstausgabe 2021
Copyright © Mel Hope
Alle Rechte vorbehalten!
Handlung und handelnde Personen sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit zu lebenden Personen und Organisationen ist unbeabsichtigt und rein zufällig. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Autors. Dies schließt die Verwendung oder Vervielfältigung durch elektronische, digitale und fotografische Methoden sowie die digitale Speicherung und Verbreitung ausschließlich mit ein.
Cover-Urheberrecht © Ria Raven Coverdesign
Lektorat © M. W.
Korrektorat © A. H.
Satz und eBook © Mel Hope
Impressum:
Melanie Suffner
Hans-Böckler-Str. 41
87600 Kaufbeuren
contact@mel-hope.de
Er hat das Gesicht eines Engels.
Den Körper eines Kriegers.
Und das dreckigste Mundwerk, das mir je begegnet ist …
LORELAI
Seine Nähe ist berauschend.
Aufwühlend.
Verstörend.
Er geht mir unter die Haut. Wie ein züngelndes Feuer breitet sich das Gefühl, das ich nicht in Worte fassen kann, in jeder Zelle meines Körpers aus. Verbrennt mich von innen heraus und zerrt die Dunkelheit, die tief verborgen in mir schlummert, an die Oberfläche.
ALEC
Ihr Anblick weckt das Tier in mir. Die Finsternis, die ich tief in mir eingeschlossen habe. Die brüllende Bestie, die unter der makellosen Maske des Gentlemans steckt und die immer wieder an die Oberfläche drängt. Jetzt steht sie kurz davor, die Ketten zu sprengen, um sich meiner Kontrolle zu entziehen. Aber das darf auf keinen Fall passieren. In ihrer Nähe darf ich mir keinen Fehler erlauben, dafür bedeutet sie mir viel zu viel.
Hier die Songs, die mich während des Schreibens begleitet haben.
LA Vision, Gigi D’Agostino – Hollywood
Audiosoulz – Missing
NBSPLV – Velum
KastomariN – Mindreader
VAVO, ZHIKO – Day N’ Night
DJ Goja – Cause I’m Crazy
Calmani & Grey, Chad Clemens – To the Moon and Back
Parah Dice, Brianna – Breathe
Möwe, VAMERO – Game
MD DJ – Want it More
Liebe Leserin, lieber Leser,
du solltest dieses Buch nur lesen, wenn du dich stabil genug dazu fühlst. Das hier ist kein softer Liebesroman, sondern Dark Romance. Das bedeutet, dass dich explizite Szenen und eine ungeschönte Aussprache erwarten. Es werden unter anderem sensible Themen angesprochen.
Bitte sei dir deiner eigenen Verantwortung bewusst, da diese Themen schlechte Erinnerungen und Erlebnisse triggern können.
Der vorliegende Roman ist rein fiktional und soll dir zur Unterhaltung dienen. Wenn dich dieses Vorwort abschreckt, bitte ich dich, von dieser Geschichte Abstand zu nehmen.
Allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Lesen und eine spannende Reise durch die emotionale Vergangenheit von Lorelai & Alec!
Deine Mel
Inhaltsverzeichnis
ÜBER DIE AUTORIN
KURZBESCHREIBUNG
PLAYLIST
VORWORT
LORELAI Vergangenheit – 9 Jahre alt
UNBEKANNT
ALEC
ALEC Vergangenheit – 6 Jahre alt
LORELAI
LORELAI Vergangenheit – 16 Jahre alt
UNBEKANNT
ALEC
ALEC Vergangenheit – 8 Jahre alt
UNBEKANNT
LORELAI
LORELAI Vergangenheit – 16 Jahre alt
ALEC 2 Jahre zuvor
ALEC Vergangenheit – 10 Jahre alt
UNBEKANNT
LORELAI
UNBEKANNT
ALEC
ALEC Vergangenheit – 16 Jahre alt
UNBEKANNT
LORELAI
LORELAI Vergangenheit – 16 Jahre alt
DIONYS
ALEC
LORELAI
ALEC
ALEC Vergangenheit – 17 Jahre alt
SAVANNAH Gegenwart
DANKSAGUNG
WEITERE BÜCHER DER AUTORIN
»Weißt du, wen ich das nächste Mal besuchen werde, falls du noch mal auf die Idee kommen solltest, uns verarschen zu wollen?« Die Stimme des Mannes, den ich vorhin durch mein Fenster gesehen habe, hallt durch den Gang. Kurz darauf höre ich ein lautes Knallen, das mich zusammenzucken lässt, und das schmerzerfüllte Stöhnen meines Vaters.
»Ich werde deiner hübschen Frau einen kleinen Besuch abstatten«, erwidert er mit solch einer Kälte, die mir einen Schauer über den Rücken jagt. »Oder wie wäre es, wenn ich deiner kleinen ...« Den Rest des Satzes kann ich leider nicht mehr verstehen, da er die Worte nur noch geflüstert hat.
»NEIN!«, brüllt mein Vater so plötzlich, dass ich erneut zusammenzucke und mich enger gegen die kalte Wand in meinem Rücken presse.
Nachdem der Mann Daddy kurz nach seiner Ankunft in den Keller gebracht hat, habe ich mich heimlich aus meinem Zimmer geschlichen und mich in den kleinen Geheimgang gezwängt, den ich beim Spielen durch Zufall entdeckt habe. Mom und Dad wissen nichts davon und bisher habe ich ihn auch nur als meinen ganz persönlichen Zufluchtsort genutzt. Doch gerade wünsche ich mir nichts sehnlicher, als den Geheimgang einfach vergessen zu können und die panischen Schreie aus meinem Gedächtnis zu verbannen. Aber ganz egal, wie sehr ich meine Augen auch zusammenkneife, die Stimme des bösartigen Mannes will einfach nicht verschwinden.
Mit wild klopfendem Herzen zwänge ich mich immer weiter durch den schmalen Gang. Flüchte regelrecht vor der Dunkelheit, die beinahe zum Greifen nahe ist. Sehne mich nach der sanften Brise, die meinen Körper umspielt und der Wärme der Sonnenstrahlen, die auf meiner Haut tanzen, wenn ich mich um meine eigene Achse drehe.
Die Luft hier unten wird immer stickiger, mein Atem entweicht stoßweise. Fast so, als würde ich gerade einen schnellen Sprint hinlegen. Der Lichtkegel der Taschenlampe, die ich fest umklammert halte, spendet nur wenig Helligkeit. Und für einen winzig kleinen Augenblick spiele ich mit dem Gedanken, sie auszuschalten, da ich gar nicht so genau sehen möchte, wo ich hintrete.
Überall hängen Spinnweben, durch die ich hindurchlaufen muss, wenn ich mein Ziel erreichen will. Dabei habe ich panische Angst vor Spinnen. Allein bei der Vorstellung, wie sich die kleinen schwarzen Monster mit ihren behaarten Beinen in meinem Haar einnisten oder unter meine Kleidung schlüpfen, dreht sich mir der Magen um. Die unangenehme Gänsehaut, die sich bei dem Gedanken auf meinem gesamten Körper ausgebreitet hat, lässt mich hart schlucken.
Einen Arm halte ich schützend vor mein Gesicht, in der Hoffnung, so die Panik, die sich tief in mir festgesetzt hat, irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Doch mein Herz donnert noch immer viel zu schnell gegen meinen schmalen Brustkorb und die abgestandene und modrige Luft lässt mich für einen Moment schwindeln. Nur ganz knapp schaffe ich es, mich an der kühlen Steinmauer abzustützen, ehe meine Knie unter meinem Gewicht nachgeben und ich zu Boden stürze.
»Flipp jetzt bloß nicht aus, Lo«, keuche ich angestrengt und beschließe, die Augen so lange zu schließen, bis sich der Schwindel endlich gelegt hat. »Du hast den ganzen Weg nicht zurückgelegt, um jetzt schlapp zu machen. Gleich bist du da«, flüstere ich mir aufmunternd zu. Dabei weiß ich weder, ob es das Ziel, das ich mir in den Kopf gesetzt habe, überhaupt gibt, noch, ob ich wirklich bald da bin. Es ist das erste Mal, dass ich mich so weit vorgewagt habe, doch ich muss es versuchen. Der Ausgang kann nicht weit weg sein. Er muss einfach da sein.
Das Zittern meiner Beine hat zwar etwas nachgelassen, aber die Panik schnürt mir nach wie vor die Kehle zu. Sie lastet so schwer auf meinem Brustkorb, dass ich das Gefühl habe, jeden Augenblick ersticken zu müssen.
Nur mühselig kämpfe ich mich zurück in den Stand, stütze eine Hand hilfesuchend an der Wand zu meiner Linken ab und gehe weiter. Setze einen Fuß vor den anderen, die Taschenlampe noch immer fest umklammert. Als ich eine massive Stahltür erreiche, bete ich innerlich, dass sie nicht abgeschlossen ist.
Ich kann nicht wieder zurück. Kann die panischen Schreie von Dad nicht noch einmal ertragen. Allein bei dem Gedanken an die eiskalte Stimme des Mannes wird mir schlecht. Bis in die Fingerspitzen breitet sich das schreckliche Zittern in meinem Körper aus. Sammelt sich als schwerer Klumpen in meinem Magen.
Mit feuchten Fingern fasse ich nach dem Türgriff, halte einen Moment inne und atme tief durch, ehe ich den Griff nach unten drücke. Mein Herz setzt einen Schlag aus, als sich die Tür tatsächlich ohne Widerstand öffnen lässt.
Regungslos verharre ich in meiner Position. Lasse zu, dass der warme Wind sanft meine nackten Beine umspielt und meine langen Locken durcheinanderbringt. Für wenige Sekunden gestatte ich mir, die Augen zu schließen, um die angenehme Ruhe des Augenblicks zu genießen.
Und endlich. Endlich fällt alle Anspannung mit einem Mal von mir.
Der harte Klumpen in meinem Magen löst sich wie durch Zauberhand in Luft auf, hinterlässt nichts als wohltuende Leichtigkeit.
Das Zittern in meinem Körper lässt allmählich nach, bis es schließlich nach einigen tiefen Atemzügen ganz verschwindet.
Mein wild schlagendes Herz beruhigt sich nur langsam, doch mit jedem weiteren Atemzug wird es leichter.
Tief durchatmend öffne ich meine Augen, gehe den schmalen Kiesweg, der von gigantischen Eichen gesäumt wird, zögerlich entlang und sauge jedes einzelne Detail meiner Umgebung in mich auf. Verdränge den modrigen Geruch des kalten und engen Tunnels, der sich in meinen Lungen festgesetzt hat. Ersetze ihn durch frisches Gras, Mohn, Baumrinde, Tannen und das leicht süßliche Aroma von Löwenzahn. Jede einzelne Duftnote ist wie Balsam für meine Seele.
Nach wenigen Metern erreiche ich einen kleinen See, auf dem wunderschöne weiße und hellrosafarbene Seerosen auf der Wasseroberfläche treiben, die im Sonnenlicht glitzern. Umringt von beeindruckenden Trauerweiden, deren ellenlangen herabhängenden Äste sanft im Wind schaukeln.
Ich weiß nicht, wie lange ich so dastehe, die idyllische Landschaft und die wohltuende Stille, welche mich umgibt und die mich erdet, in mich aufsauge. Vielleicht sind es nur wenige Sekunden, vielleicht aber auch Stunden.
Es kommt mir vor, als wäre es eine kleine Ewigkeit her, dass ich mich so unbeschwert und frei von allen Sorgen gefühlt habe.
In den letzten Wochen haben sich Mom und Dad oft gestritten. Sie denken, dass ich noch zu jung bin, um die Situation richtig zu erfassen, und dass ich nicht mitbekomme, wie angespannt ihr Verhältnis zueinander geworden ist. Doch sie irren sich. Ich spüre die Anspannung und die negativen Energien, die regelrecht an ihnen haften, nachdem sie sich wieder gestritten haben, mit jedem Mal ein wenig deutlicher. Zwar versuchen sie, mir die perfekte Ehe vorzuspielen und alle Probleme von mir fernzuhalten, aber ich bin nicht das kleine, naive Mädchen, für das sie mich halten. Ihre Auseinandersetzungen ziehen nicht spurlos an mir vorbei, auch wenn ich mich bemühe, mir in ihrer Gegenwart nichts anmerken zu lassen. Die Angst, dass sie sich eines Tages trennen könnten, ist mein ständiger Begleiter. Hinzu kommt die Tatsache, dass sich Daddy mit diesen zwielichtigen Männern trifft, die eindeutig nichts Gutes im Schilde führen und die mehr als gefährlich sind.
Gedankenverloren lasse ich mich am Ufer in das kniehohe Gras sinken, streife mir die weißen Ballerinas ab und tauche meine nackten Füße in das angenehm kühle Wasser. Mir entfährt ein wohliges Seufzen, als ich die Augen schließe, mein Gesicht gen Sonne recke und mit sanften Bewegungen durchs Wasser streife.
»Ich wusste gar nicht, dass noch andere von diesem Ort hier wissen«, durchbricht plötzlich eine männliche Stimme die Stille.
Erschrocken zucke ich zurück und reiße die Augen auf, um mich in die Richtung zu drehen, aus der die Stimme kommt.
Unweit vom Ufer entfernt entdecke ich einen Jungen, der auf einem langen Ast sitzt. Den Rücken gegen den kräftigen Baumstamm gelehnt, die Beine rechts und links in der Luft baumelnd.
Seine dunklen Haare, die vom Wind zerzaust sind, verleihen ihm einen wilden Ausdruck. Trotz der warmen Temperaturen trägt er ein graues Langarmshirt und lange schwarze Jeans. Seine Füße sind nackt und als ich meinen Blick nach unten schweifen lasse, erkenne ich auch, warum.
Abgetragene schwarze Sneakers liegen achtlos im Gras neben der beeindruckenden Trauerweide, die er zu seiner Aussichtsplattform auserkoren hat.
»Bis vor wenigen Minuten wusste ich selbst nichts von diesem wunderschönen Ort«, antworte ich leise, nachdem ich meine Stimme wiedergefunden habe.
Ich bin mir nicht sicher, ob er mich verstanden hat, doch als sich sein Mund zu einem kleinen Lächeln verzieht, muss ich automatisch auch lächeln.
»Was tust du hier so ganz alleine?«, fragt er neugierig und legt den Kopf leicht schief.
»Ich genieße die Stille.«
»Wieso?«
»Wieso?«, hake ich verwirrt nach und sehe ihn eindringlich an.
»Wieso sehnst du dich nach der Stille?« Sein Gesicht nimmt einen ernsten Ausdruck an.
Ich denke aufrichtig über seine Frage nach, entscheide mich aber, einfach aus dem Bauch heraus zu antworten.
»Weil mir die Unruhe und die unterschwellige Angst die Luft zum Atmen rauben.«
Für einen Moment wende ich den Blick ab, da mich meine Antwort selbst überrascht. Aber als ich tief in mich gehe und über meine Worte nachdenke, fühle ich, dass sie von Herzen kommen. Ganz egal, wie traurig und deprimierend sie sich auch anhören mögen.
Als sich unsere Blicke erneut treffen, erwarte ich fast schon, Unglauben oder Spott darin zu finden, doch alles, was ich sehe, ist Verständnis.
Völlig überrumpelt starre ich ihn weiterhin aus großen Augen an, denn mit dieser Reaktion habe ich nicht gerechnet. Andere Kinder in unserem Alter ziehen viele Dinge oft ins Lächerliche und verstehen meistens den Ernst der Lage nicht.
Vielleicht, weil sie es nicht besser wissen.
Vielleicht ist es ihnen auch egal.
Vielleicht wollen sie aber auch einfach nur Kind sein und sich nicht mit Situationen herumschlagen, die ihnen eine andere Sicht auf die Welt da draußen geben könnten.
»Und warum bist du hier?«, frage ich sanft, als er keine Anstalten macht, etwas zu sagen.
»Ich genieße die Stille«, erwidert er mit einem verschmitzten Lächeln.
»Wieso?«, kopiere ich seine Frage von vorhin und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
»Vermutlich aus dem gleichen Grund.« Seine Gesichtszüge verhärten sich, das kann ich selbst aus der Entfernung erkennen.
»Möchtest du nicht runterkommen und dich vorstellen?«, hake ich nach.
Ich gehe absichtlich nicht weiter auf seine Antwort ein, da ich merke, dass ihn irgendetwas belastet. Und ich möchte nicht, dass er seinen negativen Gedanken nachhängt. Nicht an diesem wundervollen Ort, an dem kein Platz für so etwas sein sollte.
Noch ehe ich ihn davon abhalten kann, schwingt er seine Beine über den kräftigen Ast, springt ab und landet mit einer geschmeidigen Bewegung im Gras.
Bei seinem waghalsigen Manöver entweicht mir ein erschrockenes Keuchen.
Völlig aufgelöst erhebe ich mich auf wackeligen Beinen und überbrücke die Distanz zwischen uns so schnell es geht, um mich davon zu überzeugen, dass er sich bei seinem Sprung nicht doch verletzt hat.
»Bist du völlig übergeschnappt?«, fauche ich aufgebracht, als ich vor ihm stehe und sehe, wie sich ein Grinsen auf seinem Gesicht breitmacht.
»Du hättest mal deinen Gesichtsausdruck sehen müssen«, erwidert er lachend und klopft sich den Schmutz von der Hose.
»Das ist nicht witzig«, antworte ich bissiger als beabsichtigt und verschränke die Arme abwehrend vor der Brust. »Du hättest dich ernsthaft verletzen können.«
Keine Ahnung, warum ich so aus der Haut fahre, immerhin kenne ich diesen Jungen überhaupt nicht. Doch als er von dem Ast gesprungen ist, hat mein Herz für den Bruchteil einer Sekunde ausgesetzt. Die Panik, die ich in diesem Augenblick verspürt habe, hat mir, wie vorhin in dem Geheimgang, die Luft abgeschnürt. Und auf dieses Gefühl kann ich gut und gerne verzichten.
»Es tut mir leid, okay? Ich wollte dir keinen Schrecken einjagen.« Er berührt mich vorsichtig am Arm, was mich leicht zusammenzucken lässt. »Dass sich jemand um mich sorgt, ist für mich einfach eine ...«, er stockt, scheint nach den richtigen Worten zu suchen, »... völlig neue Erfahrung, verstehst du?« Seine grünen Augen sehen mich erwartungsvoll an.
Ich nicke nur, denn zu mehr bin ich gerade nicht imstande. Das Grün seiner Iriden ist so intensiv, wie ich es noch nie zuvor bei einem anderen Menschen gesehen habe.
Irgendetwas an seinem Blick fesselt mich auf magische Weise, weshalb ich nach wenigen Sekunden auf die farbenfrohe Blumenwiese sehe, die sich neben uns erstreckt, da mir meine unerklärliche Reaktion unangenehm ist.
Es ist, als könnte er hinter meine Mauern und bis in meine Seele blicken und diese Vorstellung versetzt mich erneut in leichte Panik.
Der einzige Mensch, mit dem ich so eine Verbundenheit verspüre, ist Mom und selbst sie schafft es nicht immer, hinter meine Fassade zu sehen, wenn ich das nicht möchte. Dass das nun ein Junge, den ich noch nie zuvor gesehen habe, scheinbar spielend leicht hinbekommt, ist irgendwie faszinierend und beängstigend zugleich.
»Ist schon okay«, antworte ich, nachdem ich meine Gefühlswelt wieder einigermaßen unter Kontrolle gebracht habe. »Du hast mir einfach einen Schrecken eingejagt. Tut mir leid, ich habe vermutlich etwas überreagiert.«
»Du hast nichts falsch gemacht«, erwidert er kopfschüttelnd und sieht mich entschuldigend an. »Mir geht’s gut. Lass uns die Sache einfach vergessen, in Ordnung?«
Als ich den Blick hebe, sehe ich, wie er mich zaghaft anlächelt.
»Abgemacht«, murmele ich und lasse mich von seinem Lächeln anstecken.
»Wie heißt du eigentlich?«, will er wissen und streift sich beiläufig Socken und Sneakers über.
Meine Mundwinkel zucken verräterisch. »Solltest du mir nicht erst deinen Namen verraten? Schließlich habe ich dich zuerst gefragt.«
»Keine Ahnung, wovon du redest.« Sein zaghaftes Lächeln verwandelt sich in ein verschmitztes Grinsen.
Ich weiß nicht, wie er das macht, aber mit seiner frechen und zugleich sanften Art schafft er es spielend leicht, mir in jeder Situation ein Schmunzeln zu entlocken.
»Müssen wir an diesem Ort wirklich wir selbst sein?«, frage ich und blicke nachdenklich den See an.
»Wer möchtest du denn stattdessen sein?«, fragt er ehrlich interessiert, gesellt sich an meine Seite und lässt den Blick in die Ferne schweifen.
»Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Einfach nicht ich sein zu müssen, würde mir schon genügen. Verstehst du, was ich meine?«
Er brummt zustimmend. »Glaub mir, ich weiß genau, was du meinst.«
Mir fällt auf, dass seine Stimme wieder diesen bestimmten Klang angenommen hat. Er wirkt verloren und wütend zugleich. Eine Gefühlsmischung, mit der ich mich sehr gut identifizieren kann.
»Wie wäre es, wenn wir uns Namen ausdenken? Einfach die Personen sind, die wir gerne sein möchten?«, schlage ich vor und sehe ihn erwartungsvoll an.
Sein intensiver Blick kollidiert erneut mit meinem. Und für den Bruchteil einer Sekunde stockt mir der Atem und das Herz in meiner Brust macht einen kleinen Satz.
»Wenn ich dir einen Namen geben dürfte, wäre dieser Prinzessin.«
Im ersten Moment dachte ich, dass er mich nur auf den Arm nehmen möchte, doch je länger ich versuche, ein Anzeichen dafür in seinem Gesicht zu finden, desto klarer wird mir, dass er seine Worte wirklich ernst gemeint hat.
»Wieso ausgerechnet dieser Name?«, hake ich ehrlich verwundert nach.
»Weil du für mich der Inbegriff einer Prinzessin bist«, antwortet er so überzeugend, dass ich nicht für eine Sekunde an seinen Worten zweifele. »Die großen blauen Augen. Dein wunderschönes rotbraunes Haar, das sich in sanften Wellen über deinen Rücken ergießt. Die zierliche Figur und dein zartes Puppengesicht. Das rosafarbene Spitzenkleid und das farblich passende Haarband. Die Anmut und Sanftmut, die du ausstrahlst. All das sind Dinge, die dich in meinen Augen zu einer perfekten Prinzessin machen.«
»Ich ... ähm ... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll«, stottere ich überfordert und sehe ihn sprachlos an. Ich hätte ja mit vielem gerechnet, aber nicht damit.
»Du musst mir darauf keine Antwort geben.« Sein Grinsen wird eine Spur breiter. »Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf geschossen ist, als ich dich gesehen habe.«
»Hmmm.« Ich tippe mir nachdenklich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. »Braucht nicht jede Prinzessin auch einen Prinzen?«
Er verzieht angewidert das Gesicht. »Sehe ich für dich etwa wie ein Prinz aus?«
Mit einer eleganten Bewegung dreht er sich, wie zur Bestätigung seiner Worte, einmal um seine eigene Achse, um mich vom Gegenteil zu überzeugen.
»Okay, ich muss zugeben, dass du mit deinen verstrubbelten Haaren und den abgetragenen Schuhen nicht gerade wie ein waschechter Prinz aussiehst, aber -«
»Nichts aber«, unterbricht er mich, indem er mir einen Finger auf die Lippen legt, der mich augenblicklich zum Verstummen bringt. »Ich bin kein Prinz, der auf einem weißen Pferd angeritten kommt, um seine Prinzessin zu retten. Das bin einfach nicht ich.«
»Wie wäre es mit King?«, schlage ich stattdessen vor.
»Wie König?«, hakt er nach und scheint dieses Mal ernsthaft über meinen Vorschlag nachzudenken, was mich insgeheim freut.
Ich nicke zustimmend. »Ja. Wenn du kein Prinz sein möchtest, könntest du doch einfach König sein.« Ich knuffe ihn in die Seite. »Schon vergessen? Hier können wir sein, wer immer wir auch wollen. Auch Könige und Prinzessinnen.«
»Abgemacht.«
»Abgemacht?«
»Ja.« Seine Mundwinkel zucken verräterisch. »Ab sofort heißt du Princess und ich King. Unsere alten Namen haben an diesem Ort keine Bedeutung mehr. Was sagst du dazu?«
»Wenn du mich fragst, hört sich das nach einem richtig guten Plan an, King«, erwidere ich lächelnd und fühle mich zum ersten Mal an diesem Tag wirklich glücklich.
»Komm.« Er verschränkt unsere Finger wie selbstverständlich miteinander und führt uns mit selbstsicheren Schritten zurück ans Ufer.
Seine warme Berührung fühlt sich angenehm und seltsam vertraut an, dabei kenne ich den Jungen mit den smaragdgrünen Augen erst seit wenigen Minuten. Und doch ist zwischen uns etwas, das ich nicht in Worte fassen kann. Eine Verbindung, so zart, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, der in der Abenddämmerung durch die Lüfte streift.
Als wir den See letztlich erreichen, lösen wir uns voneinander und lassen uns gemeinsam ins weiche Gras sinken, um die atemberaubende Aussicht zu genießen.
Für einige Minuten sagt keiner von uns auch nur ein Wort. Die Stille, die sich wie ein schützender Kokon um uns herum ausgebreitet hat, fühlt sich nicht etwa merkwürdig, sondern einfach nur gut und leicht an.
Ich weiß nicht, woher der Gedanke plötzlich kommt, aber ich bin mir sicher, dass ich mich mit ihm an meiner Seite niemals unwohl fühlen würde. Auch nicht, wenn wir nur nebeneinander sitzen und schweigen würden.
»Ist dir eigentlich gar nicht warm?«, breche ich das Schweigen schließlich doch, ziehe die Knie an meine Brust und sehe ihn mit schief gelegtem Kopf an.
Er runzelt die Stirn und zuckt lediglich mit den Schultern, antwortet mir jedoch nicht auf meine Frage.
Ohne darüber nachzudenken strecke ich einen Arm in seine Richtung, zupfe den Ärmel seines grauen Oberteils ein Stück weit nach oben und entblöße einen Streifen gebräunter Haut. Als ich genauer hinsehe und die violetten und beinahe schwarzen Flecken auf seinem Unterarm entdecke, zucke ich erschrocken zurück. Fast so, als hätte ich mich verbrannt.
»Wer war das?«, hauche ich mit tonloser Stimme.
»Nicht«, murmelt er düster, rollt den Stoff zurück über seine Haut und sieht mich eindringlich an.
In seinen moosgrünen Augen tobt ein gewaltiger Sturm, der nur darauf wartet, aus seinem Gefängnis auszubrechen und alles um sich herum in Schutt und Asche zu legen. Der Schmerz und die Wut, die ich darin erkennen kann, sind so heftig, dass mir sein Anblick regelrecht den Sauerstoff aus den Lungen presst.
»Es ... es tut mir leid. Ich wollte nicht ...« Ich wende den Blick beschämt ab, stütze mein Kinn auf den Knien ab und starre auf meine nackten Zehen, die im Gras versinken.
Was habe ich mir nur dabei gedacht?
Es geht mich nichts an, was er unter seiner Kleidung versteckt oder wer ihm diese Dinge angetan an.
Warum kann ich dann nicht anders, als mir den Kopf darüber zu zerbrechen, wie ich ihm helfen könnte?
Und wieso versetzt mir sein Anblick einen Stich mitten ins Herz?
»Wenn du möchtest, kannst du mir davon erzählen«, murmele ich leise vor mich hin. »Ich werde niemandem etwas verraten, falls es das ist, wovor du dich fürchtest. Deine Geheimnisse sind bei mir sicher, King.«
»Nenn mich nicht so.« Seine raue Stimme lässt mich zusammenzucken.
»Wie denn?«
»King«, knurrt er kurz angebunden.
»Wieso nicht? Ich dachte -«
»Der Junge mit den Wunden am Körper hat nichts mit ihm gemeinsam. Sie sind zwei verschiedene Personen. King ist nicht schwach. Also nenn mich nicht so, wenn du in mir nichts weiter als den wütenden und gebrochenen Jungen sehen willst«, unterbricht er mich barsch.
Auch wenn mich seine harschen Worte ein wenig verletzen, überrascht mich sein kleiner Ausbruch nicht. Wenn man genauer hinsieht, verbirgt sich hinter der frechen und fröhlichen Fassade ein Mensch, der so viele unterdrückte Gefühle mit sich herumschleppt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie aus ihm herausbrechen.
Insgeheim kenne ich das Gefühl nur allzu gut. Auch ich spiele Mom und Dad etwas vor, dabei zerbreche ich innerlich jedes Mal ein Stückchen mehr.
Kopfschüttelnd blicke ich ihn erneut an. »Du bist nicht zerbrochen und das, was ich in dir sehe, ist auch kein kaputter Junge. Du bist stark und mutig, lass dir das ja von niemandem ausreden, hörst du?«
Der Sturm, den ich in seinen Augen erkennen kann, tobt zwar noch immer, doch er wirkt nicht mehr ganz so zerstörerisch wie vor wenigen Minuten.
»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein merkwürdiges Mädchen bist?«
Seine Frage irritiert mich etwas, aber das winzige Lächeln, das an seinen Mundwinkeln zupft, entschädigt mich dafür.
Ich antworte mit einem Schulterzucken. »Wenn ich dich von deinen negativen Gedanken ablenken und dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann, dann bin ich gerne merkwürdig.« Unruhig fummle ich an meinem rosafarbenen Kleid herum. »Das, was ich vorhin gesagt habe, habe ich übrigens ernst gemeint. Du kannst über alle möglichen Dinge mit mir reden.«
»Hör mal ...«
»Ich weiß, dass wir uns eigentlich gar nicht kennen, doch ich fühle mich in deiner Nähe irgendwie wohl.« Mit feuchten Händen reibe ich den seidigen Stoff zwischen meinen Fingerspitzen. »Das muss sich für dich bestimmt total verrückt anhören, vielleicht fällt es dir aber leichter, mit einer völlig Fremden über deine Probleme zu sprechen.«
Was ist bloß los mit mir? Seit wann bin ich so gesprächig? Und warum dränge ich mich ihm auf? Das bin einfach nicht ich. Oder doch?
»Ich kann dir nicht viel erzählen, auch wenn ich möchte. Du hast es nicht verdient, dass ich dich in die Welt hineinziehe, aus der es für mich kein Entkommen gibt.«
»Was meinst du? Von welcher Welt redest du?«
»Kennst du die Geschichte von Peter Pan?«
»Natürlich kenne ich die Geschichte«, erwidere ich stolz. »Peter Pan ist der Junge, der nicht erwachsen werden wollte.«
Er nickt. »Und ich bin das genaue Gegenteil von Peter Pan.«
Ich sehe ihn stirnrunzelnd an. »Du meinst, dass du unbedingt erwachsen werden möchtest?«
»Ja. So schnell wie möglich«, erwidert er und mein Stirnrunzeln vertieft sich.
»Aber wieso?«
»Damit ich endlich aus meinem Käfig ausbrechen kann«, antwortet er kryptisch.
Mein Blick schweift erneut über die glitzernde Wasseroberfläche. Die Sonne wird bald untergehen und obwohl ich weiß, dass ich nicht zu lange von zu Hause fortbleiben sollte, löst sich mein Körper keinen Millimeter von der Stelle.
»Manchmal fühle ich mich wie Rapunzel«, murmele ich und genieße die leichte Brise, die sanft meine nackte Haut streift. »Ich lebe zwar in keinem Turm oder bin eingesperrt, aber ich kann mich keinen Meter bewegen, ohne von mindestens einem Bodyguard bewacht zu werden. Diese Männer folgen mir, wo immer ich auch hingehe.«
»Wo sind sie jetzt?«
»Ganz selten schaffe ich es, sie auszutricksen und mich davonzustehlen.« Frustriert presse ich die Lippen aufeinander. »Dann schleiche ich mich in den Geheimgang und verbringe dort etwas Zeit.« Unsere Blicke verschmelzen erneut miteinander, als ich den Kopf in seine Richtung neige. »Ich bin besser geworden«, fahre ich lächelnd fort. »Damit, sie abzuhängen, meine ich. Aber ...«
»... es ist nicht dasselbe«, beendet er meinen Satz.
»Nein.« Mein Lächeln fällt in sich zusammen. »Freiheit sollte sich irgendwie anders anfühlen, oder?«
Er zuckt ratlos mit den Schultern. »Ja, ich glaube schon.«
»Ich sollte wohl wieder zurückgehen«, flüstere ich enttäuscht. »Meine Eltern suchen bestimmt nach mir.«
Mit ungelenken Bewegungen schlüpfe ich in meine Ballerinas, erhebe mich und will mich bereits zum Gehen abwenden, als er mein Handgelenk unerwartet mit seinen warmen Fingern umfasst und mich zurückhält.
»Sehen wir uns wieder?« Seine smaragdgrünen Augen leuchten erwartungsvoll.
»Ja, ich glaube schon.« Ich schenke ihm ein zaghaftes Lächeln, ehe ich mich schweren Herzens abwende und dem schmalen Kiesweg folge, der mich zurück zum Geheimgang führen wird.
Auch ohne mich noch einmal umzudrehen, kann ich seine durchdringenden Blicke in meinem Rücken spüren, die mein Herz vor Aufregung höherschlagen lassen.
Ich habe dir so viele Chancen gegeben, doch du hast sie nicht genutzt.
Habe dir so oft meine Hand gereicht, doch du hast sie nicht ergriffen.
Stattdessen hast du dich dazu entschieden, mich zu hintergehen.
Mich zu belügen und mir das vorzuenthalten, was mir zusteht.
Du weißt, dass ich recht habe, aber du belügst dich lieber selbst.
Weißt, dass du den größten Fehler deines Lebens begangen hast, aber du schweigst.
Versteckst dich hinter deinen Lügen, die du wie Mauern um dich herum errichtet hast. Dabei erstickst du innerlich und findest keinen Ausweg aus der Dunkelheit, die du selbst erschaffen hast.
Ich habe dich immer wieder gewarnt.
Habe dir gesagt, dass du nicht vor mir davonlaufen kannst. Dass ich dich finden werde. Ganz egal, in welches Loch du dich auch verkrochen haben magst.
Aber du wolltest nicht hören, nicht wahr?
Dachtest, du könntest mir und meinem Zorn entkommen.
Wie töricht du doch warst, Baby.
Vor mir gibt es kein Entkommen.
Keine Erlösung und keine Vergebung.
Ich werde kommen.
Und du wirst leiden.
D
Ich stehe knöcheltief in Blut, Scheiße und anderen Körperausscheidungen, während mein Blick finster über meine Gefangenen gleitet.
Ein Spielzeug haben wir bereits zerbrochen. Der schlaksige Blonde hat nicht lange durchgehalten, doch ich bin mir sicher, dass er nichts gewusst hat. Er war nur ein kleiner Befehlsempfänger, dem man auf keinen Fall wichtige Informationen anvertrauen würde.
Meine Bestie allerdings giert bereits nach dem nächsten Opfer. Sie schreit nach noch mehr Gewalt, Blut und Tod.
Seelenruhig wandert mein Blick weiter, bleibt an einem dunkelhäutigen Afroamerikaner hängen, der winselnd und jammernd in seinen Ketten hängt. Er blutet aus einer heftigen Kopfwunde und ein alter Lumpen steckt in seinem Mund, um seine Schreie zu dämpfen.
Mit einem Kopfnicken überlasse ich ihm Anthony, der daraufhin mit einem breiten Lächeln auf den Gefangenen zu schlendert.
Ich sehe das Leuchten in seinen dunklen Augen und weiß, dass auch dieser Mann danach giert, sein Messer zu benutzen. Der kranke Psychopath in ihm leckt sich bereits die Lippen, als ihm ein neues Opfer vorgesetzt wird.
Vor zwei Jahren habe ich mir geschworen, meine ehemalige Folterkammer nicht noch einmal zu betreten. Nach dem Tod meines Erzeugers bin ich nie wieder in mein altes Zuhause zurückgekehrt. Zu viele dunkle Erinnerungen haften überall im ganzen Haus.
Meine Männer nutzen die Räumlichkeiten, um ihre Triebe zu befriedigen. Sie foltern, töten und beseitigen den Abschaum, der sich auf den Straßen herumtreibt und die Welt zu einem noch grausameren Ort macht.
Das hier ist das private Spielzimmer meines Vaters gewesen. Unter anderem auch mein persönliches Folterzimmer.
Wann immer er es für angebracht hielt, landete ich hier in diesem Raum. Wahrscheinlich damit Mutter meine Schreie im Haus nicht hörte. Nur wenige Jahre später hatte er auch dieses Problem auf seine Art aus der Welt geschafft, wie ich bitter lernen musste.
Der Bastard hat es genossen, mich mit seinem Gürtel und anderen Folterwerkzeugen zu züchtigen, um mich anschließend in meinem eigenen Blut liegenzulassen.
Er hat mich oft so brutal zugerichtet, dass ich tagelang, manchmal auch wochenlang das Bett nicht verlassen konnte. Dabei bekam dieser Scheißkerl jedes Mal einen Ständer, wenn er mich verprügelte.
Ich höre die panischen Schreie des zweiten Handlangers, sehe gelangweilt zu, wie Anthony seinen linken Oberschenkel häutet, während Parker ihm die restliche blutbefleckte Kleidung vom Leib schneidet.
Der Kerl, der Anthonys Behandlung über sich ergehen lassen muss, heult wie ein kleines Mädchen. Tränen und Spucke laufen ihm über das schmutzige Gesicht, dann schreit er. Ohrenbetäubend laut, kreischend und ohnmächtig vor Schmerzen, als Anthony seinen rechten Arm in kochend heißes Öl taucht.
»Fuck, Mann, wieso hast du ihm den beschissenen Knebel entfernt? Mir platzt noch das verdammte Trommelfell!«, flucht Parker lautstark und sieht seinen Partner aus zusammengekniffenen Augen an.
»Sei nicht so eine Pussy, sonst bist du gleich derjenige, mit dem ich mich vergnügen werde«, brummt Anthony und schält dem Kerl genüsslich die Haut vom Körper.
Doch der Abschaum, der in wenigen Minuten sein Leben aushauchen wird, ist nicht weiter von Interesse für mich. Kein Mensch würde unter derartigen Schmerzen den Mund nicht aufmachen. Schon gar nicht so ein erbärmlicher Versager, der um sein Leben bettelt.
Wenn er Informationen für uns hätte, würde er es erst gar nicht so weit kommen lassen, dessen bin ich mir absolut sicher.
Immer und immer wieder beteuert er, dass er nichts weiß. Stammelt, dass er unschuldig ist. Als ob jemals einer dieser Kerle unschuldig gewesen wäre. Sie sind allesamt Hurensöhne, die keinen Funken Ehrgefühl besitzen und nach ihren eigenen Spielregeln spielen.
Da ich endlich selbst zum Zug kommen möchte, gebe ich Anthony ein Zeichen, dass er mit dem Kerl machen kann, was er will. Solange er die Sauerei im Anschluss wieder wegmacht, ist es mir egal, was aus diesem Verräter wird.
Während Parker ihm den dreckigen Lappen zurück in den Mund stopft, trete ich an mein Opfer heran. Innerlich tobt ein flammendes Inferno in mir, das alles in Schutt und Asche legen will.
Mit einem Ruck reiße ich dem Mexikaner den Knebel aus dem Mund und kralle meine Finger so fest in sein kurzes schwarzes Haar, dass sein Kopf hart an die Wand knallt.
»An deiner Stelle würde ich nicht versuchen, mich anzuspucken«, zische ich ihm entgegen und lasse meinen Blick über sein von tiefen Furchen gezeichnetes Gesicht und die lange Narbe wandern. Seine grauen Augen starren mich hasserfüllt an. »Mir ist scheißegal, woher du kommst und was für ein harter Kerl du bist. In wenigen Minuten wirst du singen wie ein kleines Vögelchen. Falls du es jedoch vorziehen solltest, zu schweigen, wirst du stattdessen schreien. Und glaub mir: Das, was du bis jetzt mit ansehen musstest, ist nichts im Vergleich zu dem, was ich dir antun werde. Meine Männer lieben ihre kleinen Spielchen, aber ich hatte den besten Lehrer.« Mein Blick fällt auf die zahlreichen grausamen Utensilien, die fein säuberlich aufgereiht wurden. »Du kannst es dir also entweder schwer machen und einen qualvollen Tod sterben ...«, ich sehe ihn erneut an, »... oder du erzählst mir, was ich wissen möchte, und stirbst schnell. Die Entscheidung liegt ganz bei dir.«
Ganz kurz flackert in seinen Augen so etwas wie Furcht auf. Nur kurz, aber damit kann ich arbeiten.
»Fick dich!«, spuckt er mir mit hasserfüllter Stimme entgegen.
Auf meinen Lippen breitet sich ein böses Lächeln aus, ehe ich seinen Kopf ein weiteres Mal gegen die Wand donnere.
***
Eine halbe Stunde später hängt die Haut an seinem Rücken in Fetzen und Blut rinnt aus unzähligen Wunden über seinen nackten Körper. Noch immer schweigt er und außer ein paar zischenden Lauten habe ich diesem Bastard keinen Ton entlocken können, während ich mit der Peitsche meines Erzeugers seinen Rücken bearbeitet habe.
Aus Erfahrung weiß ich, wie sich die Neunschwänzige anfühlt. Das Lieblingsspielzeug meines Vaters war oft in Gebrauch und irgendwann hatte ich es aufgegeben, mich gegen die Schläge zu wehren, die wie ein glühender Draht über meinen Körper leckten und mir mit scharfen Klauen die Haut aufrissen.
Gelangweilt werfe ich die Peitsche in eine Ecke und steuere die Werkzeuge an, die an der Wand zu meiner Linken hängen.
Die Lederpeitsche scheint nicht den gewünschten Effekt zu haben, aber die Zange, die ich kurz darauf mit den Fingern umschließe, schon eher.
Seine Augen weiten sich panisch, als er mein Lächeln bemerkt. Mit einem wütenden Knurren zerrt er an seinen Ketten und versucht, sich gegen den neuen Schmerz zu wappnen. Doch das wird ihm nicht gelingen.
»Wieso wolltet ihr Lorelai entführen? Was hattet ihr mit ihr vor?«
Er presst die Lippen zu einer schmalen Linie aufeinander, zieht es vor, zu schweigen.
Sehr schön, denke ich zufrieden, zwinge seinen Mund gewaltsam auf, setze das Werkzeug an seinem Eckzahn an und packe fest zu. Langsam und genüsslich ziehe ich an der Zange und sehe dabei zu, wie der Zahn Stück für Stück aus seiner Wurzel reißt.
Sein Schrei ist ohrenbetäubend laut und sein ohnehin hässliches Gesicht verzieht sich zu einer schmerzerfüllten Fratze, doch es kümmert mich nicht. Alles, was ich wissen möchte, ist, was diese Männer mit Lorelai vorhatten. Wer steckt hinter alledem?
Ein Zahn folgt dem nächsten, trotzdem schweigt er nach wie vor beharrlich. Blut läuft in mehreren Rinnsalen an seinem Kinn entlang, tropft auf seinen von wulstigen Narben übersähten Oberkörper.
»Wie fühlt es sich an, auf meine Gnade angewiesen zu sein?«, frage ich höhnisch. »Geht dir dabei einer ab? Oder wirst du nur hart, wenn du selbst folterst und tötest?«
Er fletscht die übrig gebliebenen Zähne und spuckt einen Schwall Blut auf den Boden zu meinen Füßen. »Ich werde dir gar nichts erzählen, du blöder Wichser!« An seinen blutigen Lippen zupft ein hämisches Lächeln. »Wo ist eigentlich die kleine Schlampe abgeblieben? Mit der habe ich noch eine Rechnung offen.«
Knurrend greife ich erneut in seine Haare und reiße seinen Kopf unnachgiebig in den Nacken. Prüfend gleitet mein Blick über seine verletzliche Kehle, die er mir unfreiwillig entgegenstreckt. Dabei sticht mir seine Tätowierung, die er seitlich am Hals trägt, ins Auge.
»Du bist ein Mitglied der Barrios«, zische ich angewidert und verstärke meinen Griff. »Jeder weiß, dass euer Clan aus hinterlistigen und ehrlosen Aasgeiern besteht, die nur darauf aus sind, sich am Unglück anderer zu bereichern.«
Mein Großvater hat früher Geschäfte mit diesem Pack gemacht. Doch irgendwann haben die Barrios beschlossen, meine Familie zu hintergehen und die Handelsrouten an sich zu reißen. Die Angelegenheit fand damals ein unschönes Ende und führte letztendlich dazu, dass beide Seiten einige gute Männer verloren hatten. Seit diesem Tag setzen die Barrios keinen Fuß mehr in unsere Gebiete und gehen meinen Leuten aus dem Weg.
Bis jetzt.
»Sag mir, warum hast du noch eine Rechnung mit ihr offen?«
Sein Blick wird finster. »Die Fotze hat mir fast den Schwanz abgebissen. Dafür wird sie bluten!«, spuckt er wütend aus und zerrt wie ein wild gewordener Stier an seinen Fesseln.
Die bittere Erkenntnis trifft mich mit einer solchen Wucht, dass mein Körper vor Wut zu zittern beginnt. Das erbärmliche Wummern meines Herzens versuche ich zu ignorieren, so, wie ich es schon seit sehr vielen Jahren mache. Gefühle bedeuten Schwäche und die kann ich mir im Augenblick nicht leisten.
Die Schwärze in mir droht noch trüber zu werden. Ich spüre, wie meine Finsternis die Flügel ausbreitet, dazu bereit, alles niederzureißen, was sich ihr in den Weg stellt. Das mörderische Gefühl, zu zerreißen, zu vernichten, zu ... töten, es bahnt sich seinen Weg an die Oberfläche, kratzt mit spitzen Klauen an meiner Selbstbeherrschung.
»Also warst du es, der nachts in ihr Haus eingedrungen ist. Der sie verletzen wollte. Du bist der Grund dafür, warum ihr Vater lebensgefährlich verwundet wurde und noch immer im Koma liegt.« Meine Stimme ist ruhig, streicht wie ein dunkler Schatten über seine blutverschmierte Haut. Stellt das genaue Gegenteil von dem dar, wie es in meinem Innern aussieht.
Kurz nachdem ich meinen Erzeuger zurück in die Hölle verfrachtet habe, habe ich Lorelai verstärkt im Auge behalten. Seine drohenden Worte haben meinen Verstand vergiftet und mich beinahe in den Wahnsinn getrieben. Doch ich war nicht so dumm, sie auf die leichte Schulter zu nehmen.
James Rivas mag ein sadistisches Monster gewesen sein, aber seine Drohungen waren alles andere als leer und bedeutungslos.
Und so habe ich einen meiner Männer in ihrem Zuhause eingeschleust, der mir wichtige Informationen weiterleitet und mich auf dem aktuellen Stand der Dinge hält. Von ihm weiß ich auch, dass dieser Aasgeier nur in das Haus eindringen konnte, weil einer der Wachmänner ein Abtrünniger und heimlicher Barrios-Anhänger ist.
War, verbessere ich mich in Gedanken.
Einer meiner Männer hat sich sehr gut um den Verräter gekümmert. Anthony hat es sichtlich genossen, den Dreckskerl in einem tödlichen Gemisch aus Fluss- und Salpetersäure baden zu lassen.
»Damals wusste ich noch nicht, wer die Kleine in Wirklichkeit ist. Ich wollte etwas Spaß mit ihr haben, bevor ich sie ihrem Vater aufgeschlitzt und in Geschenkpapier verpackt vor die Tür lege.« Sein hässliches Gesicht verzerrt sich vor Wut. »Der Scheißkerl hat sich geweigert, uns weiterhin mit Waffen zu versorgen. Und als wäre das noch nicht genug, hat uns der Hurensohn die DEA auf den Hals gehetzt, die einige unserer Lager hochgenommen haben.«
»Und wer genau ist sie deiner Meinung nach?«, will ich wissen, doch er hüllt sich in Schweigen.
»Mach es dir nicht so verdammt schwer. Ich bekomme, was ich will – immer. Deine Loyalität gegenüber den Barrios ist zwar durchaus bewundernswert, aber leider auch äußerst naiv. Niemand wird dir zur Hilfe eilen und dich aus dieser Hölle befreien. Für sie bist du bereits ein toter und wertloser Klumpen Fleisch – also rede endlich.«
Er schüttelt den Kopf, zeigt mir erneut dieses widerliche Grinsen.
Im Bruchteil einer Sekunde reißt meine Bestie alle Mauern nieder. Ich ziehe das Jagdmesser aus meinem Beinholster und ramme ihm die scharfe Klinge in sein rechtes Auge.
Sein gellender Schrei zerreißt die abgestandene Luft, als der Schmerz durch seine Nervenenden peitscht. Nur wenig später singt das kleine Vögelchen und ich kann nicht glauben, was es zu erzählen hat.
Entsetzt stolpere ich ein paar Schritte zurück und versuche, die neu gewonnenen Informationen zu verarbeiten, doch der Sturm in meinem Innern wirbelt alles durcheinander.
Irgendwann sinkt der Kopf meines Gefangenen erschöpft nach vorne. Im Keller ist es still geworden, aber es ist eine brodelnde, explosive Stille. Erbitterung und Zorn machen die Luft zum Schneiden dick. Das Blut rauscht in meinen Ohren.
Mit entschlossener Miene überbrücke ich die wenigen Schritte, zerre seinen Kopf zurück nach oben und reiße das Messer mit einem kräftigen Ruck heraus.
Panisch und mit schmerzverzerrtem Gesicht zerrt er wie ein Besessener an seinen Ketten, als ich die Klinge entferne und achtlos zu Boden werfe.
»Tötet den Rest und sorgt dafür, dass ihre Leichen nie gefunden werden!«, befehle ich knapp und sehe meine Männer eindringlich an. »Dieser hier«, ich umfasse grob das blutige Kinn des Mexikaners, »gehört nur mir allein. Ihr rührt ihn nicht an. Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?«
Ein letztes Mal durchbohre ich sie mit meinen Blicken, bevor ich aus dem Raum stürme, um endlich wieder atmen zu können. Und ich kenne nur einen Ort, der meine Bestie zum Schweigen bringt.
***
Klirrend fliegt das Glas mit dem sündhaft teuren Single-Malt-Whisky an die Wand meines Arbeitszimmers. Angewidert beobachte ich, wie die goldene Flüssigkeit an der hellen Wandverkleidung entlangläuft und langsam Richtung Boden rinnt.
Meine Gedanken kreisen unaufhörlich um die Szene, die sich im Keller abgespielt hat. Um die Worte, die mir der Mexikaner zugeflüstert hat und die mir seither keine Ruhe lassen.
Kann ich einem Barrios-Anhänger wirklich trauen? Oder waren seine Worte nichts als Lügen, um einer weiteren Folter zu entgehen?