FALLING PRINCESS
Nur böse Mädchen spielen mit dem Feuer
MEL HOPE
›FALLING‹-REIHE 1
Autorin von Romanzen und Liebesgeschichten, die eine Schwäche für Bad Boys hat. Kann sich nicht kurzfassen und neigt dazu, vor Ungeduld mit den Füßen zu wippen.
Mit meinem Debüt ›Secret Dreams – Gefährliche Leidenschaft‹, das Mitte 2016 das Licht der Buchwelt erblickt hat, habe ich mir einen meiner größten Träume erfüllt.
Du teilst meine Vorliebe für Bad Boys, raue Sexszenen und Happy Ends?
Du bevorzugst einen direkten Schreibstil mit deutlicher Sprache?
Du hast kein Problem mit Protagonisten, die fluchen und sich auch mal danebenbenehmen?
Dann heiße ich dich in meiner Welt willkommen!
Viel Spaß wünscht dir
Deine Mel
FALLING PRINCESS – Nur böse Mädchen spielen mit dem Feuer
von Mel Hope
Erstausgabe Dezember 2019
Copyright © Mel Hope
Alle Rechte vorbehalten!
Handlung und handelnde Personen sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit zu lebenden Personen und Organisationen ist unbeabsichtigt und rein zufällig. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Autors. Dies schließt die Verwendung oder Vervielfältigung durch elektronische, digitale und fotografische Methoden sowie die digitale Speicherung und Verbreitung ausschließlich mit ein.
Cover © Ria Raven Coverdesign
Lektorat © M. W.
Korrektorat © A. H.
Satz und eBook © Mel Hope
Impressum:
Melanie Suffner
Hans-Böckler-Str. 41
87600 Kaufbeuren
contact@mel-hope.de
Er ist düster. Er ist unwiderstehlich. Und er bekommt immer, was er will.
Als sich unsere Blicke zum ersten Mal trafen, hätte ich wissen müssen, dass dieser Mann nur Ärger bedeutet. Der unberechenbare Ausdruck in seinen grünen Augen und das wissende Lächeln, das seine Lippen umspielte, hätten mich in Alarmbereitschaft versetzen müssen.
Dumm nur, dass ich Gefahren noch nie lange widerstehen konnte – schon gar nicht, wenn sie so verführerisch waren.
Wenn ich jedoch geahnt hätte, in was ich da hineingeraten würde, hätte ich sein verdammtes Lächeln niemals erwidert.
Hier die Songs, die mich während des Schreibens begleitet haben.
R3HAB, THRDLIFE, Olivia Holt – Wrong Move
DJ Allexinno – Everytime
Akora, Mike Stil, Yam Nor, Toly Braun – Eyes of Love
Jovani, Beissoul, Einius – Adopted Child of Love
Bianca Linta, Anthony Keyrouz – Love Connection
Scott Forshaw, Greg Stainer – I Don’t Know
Simon Smiles, Estherlivia – Wondering
Lipless – Lips
Light Skinned Alien – Jiyo
Anton Ishutin, Christian Poow Remix – Take Me Away
Liebe Leserin, lieber Leser,
du solltest dieses Buch nur lesen, wenn du dich stabil genug dazu fühlst. Das hier ist kein softer Liebesroman, sondern Dark Romance. Das bedeutet, dass dich explizite Szenen und eine ungeschönte Aussprache erwarten. Es werden unter anderem sensible Themen angesprochen.
Bitte sei dir deiner eigenen Verantwortung bewusst, da diese Themen schlechte Erinnerungen und Erlebnisse triggern können.
Der vorliegende Roman ist rein fiktional und soll dir zur Unterhaltung dienen. Wenn dich dieses Vorwort abschreckt, bitte ich dich, von dieser Geschichte Abstand zu nehmen.
Allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Lesen!
Deine Mel
Inhaltsverzeichnis
ÜBER DIE AUTORIN
KURZBESCHREIBUNG
PLAYLIST
VORWORT
LORELAI
UNBEKANNT
LORELAI 5 Tage später
UNBEKANNT
LORELAI 3 Wochen später
LORELAI
LORELAI
LORELAI
ALEC
LORELAI
LORELAI
UNBEKANNT
ALEC
LORELAI
UNBEKANNT
LORELAI
UNBEKANNT
ALEC
LORELAI
UNBEKANNT
LORELAI
LORELAI
DANKSAGUNG
WEITERE BÜCHER DER AUTORIN
»Mom?«, flüstere ich in die Stille hinein und tapse leichtfüßig durch die Dunkelheit. »Bist du wach?«
Wieso sollte sie wach sein? Es ist mitten in der Nacht!
Als ich bereits unbemerkt zurück in mein Zimmer schleichen möchte, höre ich ihre verschlafene Stimme hinter mir.
»Was ist los, mein Schatz? Kannst du nicht schlafen?«
Sie gähnt, tastet in der Dunkelheit nach dem kleinen Licht auf ihrem Nachttisch und knipst es an.
Der helle Schein blendet mich für einen kurzen Moment, doch als ich sehe, wie erschöpft sie aussieht, überkommt mich auf der Stelle ein schlechtes Gewissen.
Ich hätte sie nicht wecken dürfen.
Die Schwangerschaft fordert einfach alles von ihr und die Übelkeit, die sie andauernd überfällt, lässt sie nachts kaum noch schlafen.
»Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Es ist nichts, schlaf bitte weiter«, murmele ich beschämt und möchte mich bereits abwenden, als sie meinen Namen ruft.
»Lorelai«, flüstert sie mit sanfter Stimme.
»Komm her und erzähl mir, was dich bedrückt.« Sie klopft einladend auf die leere Bettseite neben sich und lächelt mich mit ihrem typischen »Mom-Lächeln« an, das mich jedes Mal weichklopft.
Meine nackten Zehen graben sich in den weichen Teppichboden, als ich die Tür hinter mir zurück ins Schloss drücke und zu ihr unter die Bettdecke schlüpfe.
»Hattest du wieder einen dieser Albträume?«, will sie wissen und fährt mit den Fingern durch meine lange Mähne.
Als ich lediglich ein Nicken zustande bringe, entweicht ihr ein schweres Seufzen.
Sie macht sich Sorgen um mich, dabei sollte sie diejenige sein, um die man sich kümmert.
»Wann haben die Träume angefangen? Kurz nachdem ich schwanger geworden bin?«, überlegt sie laut, obwohl sie die Antwort auf ihre Frage längst kennt.
»Ja«, hauche ich mit rauer Stimme. Meine Kehle fühlt sich plötzlich seltsam trocken an.
Als wir vor ein paar Monaten von Moms Schwangerschaft erfuhren, waren Dad und ich zwar überglücklich, aber auch besorgt.
Uns war klar, dass ab einem bestimmten Alter ein erhöhtes Risiko bestand, ein Kind auszutragen und dieses Alter hatte Mom bereits überschritten. Dennoch freuten wir uns mit ihr und unsere Freude überschattete all die Informationen über mögliche Risiken, die lediglich an uns abzuprallen schienen.
Wir drängten sie so weit in den Hintergrund, wie wir nur konnten und beschlossen, uns stattdessen lieber auf die positiven Dinge zu konzentrieren.
Doch mit einem Mal fingen diese Albträume an ...
»Was ist in deinem Traum passiert?«, fragt sie sanft, während ihre Finger meine Kopfhaut massieren.
»Du warst fort«, murmele ich und kann die furchtbare Leere, die mich in diesem Moment zu überwältigen drohte, nach wie vor in jeder einzelnen Zelle spüren. Diese lähmende Angst, die meinen Körper in eine Art Schockstarre versetzt und es mir unmöglich gemacht hatte, mich zu bewegen.
»Ich konnte mich nicht bewegen. Konnte nicht schreien. Mein Körper war starr vor Angst und dann war da diese beängstigende Finsternis. Diese schreckliche Finsternis, die immer näher kam und alles um mich herum in Schwärze tauchte. Ich fühlte mich so furchtbar leer, Mom.«
»Shhh, ist ja gut, mein Schatz«, flüstert sie beruhigend.
»Wieso bist du nicht einfach dem Licht gefolgt? Du weißt doch, was zu tun ist, wenn die Dunkelheit kommt.«
Ihre Worte klingen weder anklagend noch wütend. Ich kann nur Neugier heraushören.
»Da war kein Licht, nur Dunkelheit«, gestehe ich und erschaudere allein bei dem Gedanken daran. »Du bist mein Licht, Mom. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund konnte ich dich nirgends finden. Ich war verloren.«
»Und Dad?«, hakt sie nach und unterdrückt ein Gähnen. »Wo war er?«
Ich überlege, ob ich ihr die Wahrheit sagen oder den Rest lieber für mich behalten sollte. Sie hat genug eigene Probleme, da muss ich sie nicht auch noch mit Dingen beunruhigen, die nur meiner Fantasie entsprungen sind.
Wenn ich genauer darüber nachdenke, komme ich mir sogar irgendwie lächerlich vor. Schließlich bin ich kein kleines Mädchen mehr und Träume sind nur Träume. Kein Grund, gleich in Panik auszubrechen.
Ich zucke mit den Schultern. »Keine Ahnung.«
Warum nur fühlt es sich so falsch an, ihr diesen Teil zu verschweigen?
Ich hasse es zwar, Mom belügen zu müssen, aber insgeheim halte ich es für das Beste, wenn ich diesen Teil meines Traums auslasse.
»Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst, oder?« Ihre Stimme ist noch immer so unendlich sanft, dass ich beinahe schwach werde und ihr alles erzähle.
»Ja.« Ich traue mich nicht, ihr ins Gesicht zu sehen, aus Angst, dass sie mir meine Lüge ansehen würde.
Mom liest in mir wie in einem offenen Buch, was manchmal etwas beängstigend ist. Unsere Bindung zueinander ist so stark, dass ich mir sicher bin, dass nichts und niemand uns jemals voneinander trennen kann.
Ich liebe diese Frau mit jeder Faser meines Körpers und könnte mir keine bessere Mutter wünschen.
»Dann erzähl mir, wo Dad war«, bittet sie, woraufhin ich nun doch den Kopf hebe und in ihr Gesicht sehe.
Unter ihren blauen Augen sind dunkle Schatten, die nicht dorthin gehören. Ihr Gesicht ist etwas rundlicher als zuvor und ihre Haare haben ihren Glanz verloren. Doch diese unbedeutenden Dinge lassen sie nur umso schöner aussehen. Für mich wird sie immer der schönste Mensch auf Erden bleiben.
»Mom, bitte ...«
Ihre Stirn legt sich in Falten. »Was kann so schlimm sein, dass du mir nicht davon erzählen möchtest?«
»Ich will dich nicht mit irgendwelchen kindischen Hirngespinsten beunruhigen«, sage ich ausweichend und hoffe, dass sie die Sache auf sich beruhen lässt.
Sie streckt die Hand aus und berührt liebevoll meine Wange. »Diese Träume quälen dich schon viel zu lange, Lorelai. Du wirst sehen, dass du dich besser fühlen wirst, wenn du mit jemandem darüber reden kannst.«
Vielleicht hat sie recht.
Vielleicht muss ich diese Dinge nur laut aussprechen, damit sie an Bedeutung verlieren und endlich verschwinden.
»Dad war ...«, ich stocke, suche vergeblich nach den richtigen Worten, doch hierfür gibt es keine richtigen Worte.
Mom schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln und die Liebe, die ich in ihren Augen sehen kann, verleiht mir den nötigen Mut, den ich brauche, um diese Worte laut auszusprechen.
»Dad war genauso verloren wie ich«, murmele ich mit gesenktem Blick und warte vergebens auf die Erleichterung, die mich nach meinem Geständnis eigentlich überkommen sollte.
Da ist keine Erleichterung, sondern nichts als Leere.
»Er ... wie meinst du das?«, fragt sie verwirrt.
»Dad konnte nichts sehen. Er konnte sich nicht bewegen. Und er konnte nicht schreien. Genau wie ich. Die Finsternis hat auch ihn verschlungen, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen konnte.«
Ich seufze, spüre, wie die Müdigkeit zurück in meine Glieder kriecht. »Er hat sein Licht ebenfalls aus den Augen verloren. Er hat dich verloren, Mom«, murmele ich schläfrig und kann nicht verhindern, dass mir die Augen zufallen.
Gerade als ich denke, dass sie eingeschlafen ist, spüre ich, wie sie mir einen Kuss aufs Haar drückt und mir die Decke bis zum Kinn hochzieht.
»Shhhh, schlaf jetzt, mein Engel. Ich werde da sein und über dich wachen.«
Kurz bevor ich wegdämmere, nuschele ich noch eine Frage, von der ich sicher bin, dass Mom sie nicht verstehen wird.
»Wo ... ist ... eigentlich Dad?«
»Er musste noch mal los, um ...«, doch den Rest höre ich nicht mehr, weil mich letztendlich der Schlaf übermannt.
Ich weiß nicht, ob mir mein Verstand einen Streich gespielt hat oder ob ich nur geträumt habe, aber ich hätte schwören können, dass Mom wenig später aus dem Bett geschlüpft ist und das Zimmer verlassen hat.
Als ich morgens wach werde, ist ihre Bettseite leer und das Laken kalt.
***
Ich schrecke unruhig aus dem Schlaf hoch, versuche vergeblich, mich zu orientieren, bis mir bewusst wird, dass ich in meinem eigenen Bett liege.
Erschöpft lasse ich meinen Kopf zurück auf das weiche Kopfkissen sinken. Mein Herz donnert gegen meinen Brustkorb und ein leichter Schweißfilm bedeckt meine Haut, als ich an den Traum zurückdenke.
Der Albtraum, Mom, ihre Körperwärme, ihr Geruch, unser Gespräch – all das hat sich so verdammt real angefühlt, dass ich nicht sicher bin, ob mir mein Verstand nur einen Streich gespielt hat und das hier der eigentliche Albtraum ist, aus dem ich noch nicht erwacht bin.
Mit den Händen taste ich blindlings nach meinem Handy, das irgendwo auf der Bettdecke liegen müsste. Dad kann es nicht ausstehen, wenn ich mein Handy zum Schlafen nicht auf den Nachttisch lege und es stattdessen irgendwo im Bett liegenlasse. Statt sich den Kopf um so etwas wie Handystrahlung zu zerbrechen, sollte er sich lieber um seine eigenen Probleme kümmern.
Mir ist klar, dass er es nur gut meint, doch wir haben weiß Gott andere Probleme als mögliche strahlungsbedingte Krankheiten, die nicht einmal nachgewiesen wurden.
Als ich es endlich gefunden habe, werfe ich einen Blick aufs Display und kneife die Augen fest zusammen, als ich plötzlich geblendet werde.
»Verdammt, Lo, du solltest wirklich daran denken, die Helligkeit herunterzuregeln, bevor du einschläfst«, murmele ich genervt, ehe das kleine Gerät wieder aus meinen Fingern gleitet.
Die Sonne wird bald aufgehen und im Normalfall wäre ich liegengeblieben und würde einfach weiterschlafen. Doch der Traum lässt mich einfach nicht zur Ruhe kommen, also beschließe ich, einen kleinen Abstecher in die Küche zu machen, um etwas Eiscreme zu naschen.
Das habe ich früher immer gemacht, wenn ich nicht schlafen konnte.
Mom hat mich eines Nachts dabei erwischt und mir eine Standpauke gehalten, ehe sie sich mit einem breiten Grinsen zu mir gesetzt und mir den Löffel geklaut hatte.
Als ich an den Moment zurückdenke, lächele ich in mich hinein.
Ich vermisse die alten Zeiten und unsere stundenlangen Gespräche. Durch ihren Tod habe ich nicht nur eine wundervolle Mutter, sondern auch meine beste Freundin verloren.
Meine nackten Zehen berühren den kuscheligen Teppich, als ich die Bettdecke zurückschlage und aus dem warmen Bett steige. Der gleiche Teppich, den ich auch im Traum gesehen ... gespürt habe. Nur in einer anderen Farbe.
Während einer unserer zahlreichen Shoppingtouren sind Mom und ich auf diese unglaublich weichen Teppiche gestoßen und da wir uns einfach nicht entscheiden konnten, welche Farbe wir mitnehmen sollen, haben wir kurzerhand beide mitgenommen.
Einer hat einen Platz in ihrem Schlafzimmer gefunden und der andere durfte bei mir einziehen.
Ich kann mich nicht daran erinnern, wie lange dieser Tag her ist, doch der Teppich ist noch genauso flauschig wie damals.
Da ich lediglich ein dünnes Top und eine Panties trage, beschließe ich, in meinen warmen Kuschelpulli und eine bequeme Jogginghose zu schlüpfen. Kurz darauf verlasse ich leise mein Zimmer und genieße die Wärme der Fußbodenheizung unter meinen Sohlen.
Im gesamten Haus herrscht Totenstille, dabei weiß ich genau, dass das Sicherheitspersonal niemals schläft. Jedenfalls nicht wirklich.
Mit einem Bruchteil der Leute hier bin ich aufgewachsen, ich kenne es gar nicht anders. Der Großteil von ihnen kommt und geht so schnell, dass ich mir nicht einmal ihre Namen merken kann. Die meiste Zeit über ignoriere ich sie einfach. So ist es leichter für mich.
Ich habe nicht vor, irgendeine Art von Beziehung zu ihnen aufzubauen, an so was habe ich schon lange kein Interesse mehr. Sie erledigen ihren Job und ich gebe mir Mühe, ihnen – wenn möglich – aus dem Weg zu gehen. Das wars.
Diese Männer sind weder meine Freunde, noch gehören sie zu meiner Familie. Sie werden dafür bezahlt, um uns zu beschützen, nicht mehr und nicht weniger.
Außerdem würden irgendwelche lächerlichen Gefühle die Situation nur unnötig kompliziert machen und mein Leben ist schon kompliziert genug.
Dad ist der Meinung, dass ich seit Moms Tod niemanden mehr an mich herangelassen habe und mich vor der Welt da draußen verschließe. Dabei bin ich nicht die Einzige, die sich verändert hat.
Und wenn wir ehrlich zueinander wären, wüsste er, dass ich recht habe.
Jeder von uns hat ihren Tod anders verarbeitet. Während ich mich nach Nähe und einer tröstlichen Umarmung gesehnt hatte, konnte Dad gar nicht genug Abstand zwischen uns und unserem Zuhause bringen.
Wir haben nie ein Wort darüber verloren, was an jenem verhängnisvollen Tag vorgefallen ist.
Nicht darüber, dass sie sich umgebracht hat.
Nicht darüber, dass ich sie damals gefunden habe.
Und auch nicht darüber, was ich anschließend durchmachen musste.
Die Albträume, die mich in der ersten Zeit beinahe Nacht für Nacht gequält hatten.
Die Ängste und diese unglaubliche Leere, die ich fortan gespürt hatte und die ich nach wie vor spüren konnte, wenn auch nicht mehr ganz so präsent wie damals.
Er hat dieses Thema einfach unter den Teppich gekehrt, dachte, dass ihr Tod weniger real wäre, wenn er kein Wort darüber verlieren würde.
Dass er damit alles nur noch schlimmer gemacht hat und dafür gesorgt hat, dass wir uns immer weiter voneinander entfernen, habe ich ihm nie erzählt.
Ich hatte gehofft, dass er es spüren würde. Dass ihm irgendwann klarwerden würde, dass es so nicht weitergehen konnte. Aber er hat sich wie versessen in seine Arbeit gestürzt und alles um sich herum einfach ausgeblendet.
Ob ihm wohl klar ist, dass alles irgendwann über ihm zusammenbrechen wird?
Dass ihn der Schmerz mit voller Wucht treffen und ihm ohne Rücksicht den Sauerstoff aus den Lungen pressen wird?
Insgeheim denke ich, dass er es weiß, ja.
Mit einer routinierten Bewegung hole ich mein Eis aus dem Gefrierfach, schnappe mir einen Löffel aus der Küchenschublade direkt daneben und setze mich im Schneidersitz auf den Boden.
Das fast gefrorene Stracciatella-Eis zergeht auf meiner Zunge, bis nur noch die Schokostückchen übrig sind.
Ich schließe die Augen und summe verzückt vor mich hin, als ich mir einen weiteren Löffel voller Eiscreme in den Mund schiebe.
Es vergehen einige Minuten, in denen ich einfach nur mein Eis genieße. In meinem Kopf herrscht zur Abwechslung einmal Stille und diesen Moment möchte ich um jeden Preis auskosten.
Seit Mom uns verlassen hat, scheint mein Gehirn rund um die Uhr auf Hochtouren zu laufen.
Ich habe Probleme beim Einschlafen, weil meine Gedanken nicht zur Ruhe kommen wollen und sich unentwegt auf jedes Thema stürzen, das mir in den Sinn kommt.
Es ist anstrengend und ermüdend, aber inzwischen habe ich mich damit abgefunden und genieße einfach die wenigen kostbaren Augenblicke, wenn mir mein Kopf eine Pause gönnt.
Ich bin schon wieder so in Gedanken versunken, dass ich erst mitbekomme, dass ich nicht mehr allein bin, als sich Dad neben mir auf die Fliesen sinken lässt.
»Darf ich auch mal?«, fragt er und deutet mit dem Kinn auf die Eispackung in meiner Hand, die inzwischen ganz feucht ist.
Ich nicke, reiche ihm wortlos mein Eis und stütze das Kinn auf meinen Knien ab.
»Was machst du hier?«, murmele ich und betrachte sein Profil von der Seite.
Er sieht müde aus.
Unter seinen Augen kann ich genau die gleichen dunklen Schatten erkennen, die ich auch auf Moms Gesicht sehen konnte.
Seine Wangen und das kantige Kinn sind mit dunklen Stoppeln übersät, dabei weiß ich, dass er sich erst gestern rasiert hat.
Das dunkle Haar, das inzwischen von immer mehr grauen Strähnen durchzogen ist, wirkt zerzaust, beinahe so, als wäre er mit der Hand mehrmals hindurchgefahren.
Sein weißes Hemd ist zerknittert, die Hemdsärmel hat er an den Unterarmen lässig nach oben gekrempelt und die ersten beiden oberen Knöpfe stehen offen.
Auch total fertig sieht er noch toll aus. Für sein Alter hat er sich wirklich gut gehalten, das muss ich zugeben.
Und auch wenn ich sicher bin, dass in seinem Innern ein mindestens genauso großes Chaos herrscht, wie in mir, lässt er sich davon nichts anmerken.
Er ist stets gepflegt, wahrt den äußeren Schein mit perfekter Präzision. Der Anblick, der sich mir gerade bietet, ist etwas, was ich normalerweise nicht zu Gesicht bekomme.
Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen er mir einen winzigen Blick auf sein wahres Ich gewährt, dabei lässt er niemanden hinter die Fassade blicken. Nicht einmal seine eigene Tochter.
»Ich war unterwegs und mein Gefühl hat mir gesagt, dass ich dich hier unten finden werde«, antwortet er mit einem Lächeln auf den Lippen und taucht den Löffel in das Eis, das inzwischen so sehr geschmolzen ist, dass er es genauso gut trinken könnte.
»Es sind noch andere Sorten im Gefrierfach«, sage ich mit einem missmutigen Blick auf die unappetitliche Brühe und möchte gerade aufstehen, als er mich sanft am Unterarm berührt und mir zu verstehen gibt, dass ich mich wieder zu ihm setzen soll.
»Wo bist du gewesen?«, frage ich neugierig und lege den Kopf leicht schief.
Der Blick aus seinen dunklen Augen trifft auf meinen.
»Bist du sicher, dass du das wissen möchtest?«
Ich denke ernsthaft über seine Frage nach, lasse mir einige Sekunden lang Zeit und komme zu dem Entschluss, dass es nichts ändern würde.
»Nein. Nein, ich will es nicht wissen«, antworte ich kopfschüttelnd und wende den Blick ab.
»Glaub mir, es ist besser so.«
Er klingt irgendwie enttäuscht, was seltsam ist. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.
Dad hat recht. Es ist besser, wenn ich so wenig wie möglich darüber weiß. Das würde die Sache nur unnötig verkomplizieren.
Außerdem interessiert es mich auch gar nicht, wenn ich ehrlich bin.
Ich habe schon vor langer Zeit damit aufgehört, Fragen zu stellen, auf die er mir keine Antwort geben möchte und auf die ich auch besser keine Antwort bekommen will.
Mir dreht sich bereits allein bei dem Gedanken daran der Magen um, dass er tagtäglich mit zwielichtigen Typen herumhängt und irgendwelche Geschäfte abschließt, von denen ich mir sicher bin, dass sie alles andere als legal und ungefährlich sind.
Aber was weiß ich schon?
»Ich werde dann mal wieder ins Bett gehen«, sage ich leise und erhebe mich leichtfüßig.
Wir wissen beide, dass das nur eine Ausrede ist, um der Situation zu entfliehen, doch keiner von uns beiden verliert auch nur ein Wort darüber.
So läuft das schon seit einiger Zeit und allem Anschein nach wird es auch noch eine Weile so weitergehen.
Er war noch nie ein Mann der großen Worte, doch seit Mom nicht mehr bei uns ist, ist es von Tag zu Tag schlimmer geworden.
Es gibt nur wenige Momente, in denen er vollkommen ehrlich zu mir ist, aber diese Momente sind extrem rar.
Außerdem ahnt er nicht, dass ich mehr weiß, als er glaubt zu wissen und ich habe nicht vor, ihm das zu sagen. Jedenfalls noch nicht.
»Du solltest auch ins Bett gehen. Du siehst müde aus.«
Die Worte klingen schroffer, als ich beabsichtigt habe, dabei möchte ich doch nur, dass er aufhört, sich für etwas zu bestrafen, wofür ihn keine Schuld trifft und stattdessen endlich damit anfängt, sich um sich selbst zu kümmern.
Wenn er so weitermacht, wird er irgendwann endgültig daran zerbrechen und ich bin mir nicht sicher, ob ich – wenn der Tag gekommen ist – in der Lage sein werde, seinen Aufprall abzufedern.
»Wir sollten uns demnächst mal wieder gemeinsam einen Film ansehen, was meinst du?«, schlägt er lächelnd vor.
Sein Anblick versetzt mir einen leisen Stich, denn genau in diesem Augenblick sieht mich der Dad an, den ich nun schon viel zu lange nicht mehr gesehen habe.
Dennoch mache ich mir nichts vor. Ich weiß, dass er es nur gut meint, aber ich weiß auch, dass wir uns so bald keinen Film ansehen werden.
Es ist nicht das erste Mal, dass er mir diesen Vorschlag macht und auch nicht das letzte Mal, dass er sein Wort brechen wird.
»Ja, sollten wir.« Ich erwidere zaghaft sein Lächeln, auch wenn sich in mir alles zusammenzieht.
»Schlaf gut, Dad. Ich hab dich lieb«, murmele ich und gehe genauso leise, wie ich gekommen bin.
»Ich hab dich auch lieb, mein Schatz.«
Ich weiß, dass dich dieser Brief vermutlich nie erreichen wird. Dass dich das, was ich dir zu sagen habe, nicht interessiert. Und doch sitze ich hier und kann nicht anders, als dir diese Zeilen zu schreiben.
Du wirst immer die Liebe meines Lebens bleiben. Die Frau, die mein eisiges Herz erwärmt hat. Die mich verändert hat.
Ich kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Kann nicht rückgängig machen, was ich dir ... was ich uns angetan habe.
Ich kann dich nur um Verzeihung bitten und hoffen, dass du mir eines Tages vergeben kannst. Dass du mich irgendwann wieder ansehen kannst, ohne Abscheu zu empfinden.
Ich liebe dich.
D
Ich starre seit geschlagenen zwei Stunden an die Decke, versuche die düsteren Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben, als ich höre, wie meine Zimmertür leise geöffnet wird.
Er weiß, dass er mein Zimmer nicht unaufgefordert betreten soll und dennoch überschreitet er diese Grenze immer und immer wieder.
Vielleicht, weil er es nicht besser weiß.
Vielleicht, weil es ihm auch einfach nur egal ist, was ich möchte.
Meistens gebe ich vor, zu schlafen. Und manchmal, wenn mein Tag besonders beschissen war, lasse ich ihn meine Wut und Frustration deutlich spüren.
Mir ist klar, dass mein Verhalten genauso falsch ist, dass ich die Vernünftige von uns beiden sein sollte. Aber der Druck, diese ganze angestaute Wut in mir nimmt von Tag zu Tag immer weiter zu, verlangt nach einem Ventil.
»Ich habe dir gesagt, dass du nicht ohne Erlaubnis in mein Zimmer platzen sollst«, murmele ich und stoße ein frustriertes Seufzen aus.
Das hier, all das hier ist so unglaublich kräftezehrend, dass ich nicht weiß, wie lange ich noch durchhalten werde. Denn das möchte ich. Durchhalten. Für ihn. Für uns. Aber seit Mom weg ist, ist nichts mehr, wie es einmal war. Sie hat eine Leere hinterlassen, die wir nicht füllen können, die wir gar nicht füllen wollen. Denn das wäre ihr gegenüber nicht fair.
Ich weiß, dass nichts davon Sinn ergibt, jedenfalls nicht für Außenstehende. Aber ist das überhaupt wichtig? Wie wir, wie unser Leben auf andere wirkt? Was zählt, ist doch nur, dass wir uns haben. Alles andere ist im Moment unwichtig.
Dad hat ihren Tod nie verkraftet. Genauso wenig wie ich, nur dass ich ihm das nie gezeigt oder gesagt habe. Das hätte alles nur komplizierter gemacht, als es sowieso schon ist. Außerdem hätte dieses Geständnis meine Mom auch nicht wieder zurückgebracht.
Ich war schon immer eher der Typ Mensch, der solche Dinge gerne mit sich selbst ausgemacht und die ihre Kämpfe lieber allein ausgetragen hat. So war es einfacher.
Als er nicht reagiert, drehe ich meinen Kopf auf die Seite und sehe ihn an. In der Dunkelheit kann ich lediglich seine Silhouette ausmachen, die durch den schwachen Lichtkegel, der durch die geöffnete Tür hereinfällt, angestrahlt wird.
»Was soll das werden, Dad? Du weißt, dass ich es nicht ausstehen kann, wenn du erst meine Privatsphäre mit Füßen trittst und mich dann ignorierst.« Meine Laune sinkt endgültig in den Keller, als ich erkenne, dass er nicht verschwinden wird.
»Können wir nicht morgen darüber reden?«, frage ich beschwichtigend und hoffe, dass er mein Angebot annehmen wird. »Ich bin echt müde.«
Mir ist klar, dass ich überreagiere. Ich hatte nicht vor, meine schlechte Laune an ihm auszulassen, doch heute bin ich einfach nicht in der Stimmung dafür, seinen Worten zu lauschen.
Gelegentlich besinnt er sich eines Besseren, schüttelt den Kopf, als würde er einen besonders hartnäckigen Gedanken loswerden wollen, nuschelt eine Entschuldigung und verlässt mein Zimmer wieder. Am nächsten Tag verliert er nie ein Wort über das, was am Vorabend vorgefallen ist und das ist okay für mich. Er muss mir nichts erzählen, denn ich weiß bereits, was ihn so sehr quält. Das ist nicht besonders schwer zu erraten. Womöglich ist das auch der Grund dafür, warum ich mein Zimmer nicht einfach absperre und stattdessen zulasse, dass wir mindestens einmal in der Woche an diesen Punkt gelangen. Er möchte nicht mit mir reden, jedenfalls nicht ernsthaft. Nicht, wenn er weiß, dass ich wach bin und zuhöre. Denn das würde bedeuten, dass er sich mit der Situation auseinandersetzen müsste und dafür ist er selbst nach drei Jahren noch nicht bereit.
Manchmal lasse ich ihn jedoch absichtlich in dem Glauben, dass ich schlafe. Denn in diesen Momenten setzt er sich zu mir ans Bett und ... redet.
Wenn er einen besonders harten Tag hatte, sind seine Gedanken so wirr, dass ich kaum ein Wort von dem begreife, was er da von sich gibt. Und dann gibt es wieder Tage, an denen er über die Dinge spricht, die ihn bedrücken, die ihn nachts nicht schlafen lassen und die mir die Tränen in die Augen treiben.
Besonders schlimm ist es für mich, wenn er über Mom redet. Über die Zeit redet, in der wir noch glücklich miteinander waren. In diesen Augenblicken ist der Schmerz in meiner Brust besonders schlimm. Er schwillt so stark an, dass ich das Gefühl habe, keine Luft mehr zu bekommen.
Doch die Erinnerungen an sie sind nicht nur mit Schmerz behaftet. Es gibt auch Momente, in denen ich in mein Kissen hinein lächele.
Weil Dad von früher erzählt. Von einer Zeit, in der es mich noch nicht gab. Und diese Erzählungen berühren eine Seite ganz tief in mir, die ich streng unter Verschluss halte.
Eines Nachts jedoch hat er mir etwas erzählt, was ich niemals hätte erfahren dürfen.
Natürlich hat er es mir nicht wirklich erzählt, immerhin war er der festen Überzeugung, dass ich selig in meinem Bett liege und schlafe. Dass seine Worte in der Stille in meinem Zimmer verweilen und seine Geheimnisse dort für immer verpuffen würden. Doch dem war nun mal nicht so. Ich habe jedes einzelne Wort mitgehört und mir verzweifelt gewünscht, dass ich meine Ohren mit den Händen bedecken und das Gesprochene für immer ausschließen könnte. Aber die Realität sah anders aus. Ich lag einfach nur stumm da und ließ zu, dass er mir alles erzählte. Ließ zu, dass sich die Informationen für immer in mein Gedächtnis brannten.
Ich bin nicht naiv. Ich weiß, womit mein Vater unseren Lebensunterhalt verdient – jedenfalls kann ich es mir ausmalen. Dennoch verdränge ich den Gedanken daran so gut es geht aus meinem Kopf. Dad ist und wird immer Dad bleiben, ganz egal, was er hinter meinem Rücken treibt und von dem er denkt, ich hätte es nicht mitbekommen.
Die Informationen, die er mir in jener Nacht verraten hat, werden niemals den Weg über meine Lippen finden. Niemals. Dafür werde ich sorgen.
»Dad?«, hake ich zögerlich nach, als er nach wie vor keine Anstalten macht, zu antworten.
Mich beschleicht ein ungutes Gefühl und als ich mich aufsetze, die Hände in die Matratze gestemmt, erkenne ich auch, wieso.
Das hier ist nicht mein Vater.
Ein unangenehmes Frösteln überkommt mich, als ich zu erkennen versuche, wer der Mann ist, der wie selbstverständlich in mein Zimmer geplatzt ist und mich stumm anstarrt.
»Wo ist mein ... Vater?« Meine Stimme droht zu versagen. Mein Blick wandert hektisch zwischen ihm und der Tür hin und her, in der Hoffnung, irgendeine Lösung zu finden.
»Dein Daddy ist nicht hier.«
Panik befällt mich, als ich die Kälte in seiner Stimme höre. Mein Puls beschleunigt sich, das Herz hämmert unangenehm gegen meinen Brustkorb. Meine Handinnenflächen werden feucht, mein Kopf ist wie leergefegt.
Beruhige dich. Du kannst das. Du hast Vorkehrungen getroffen. Alles wird gut. Konzentriere dich!
»Das erklärt nicht, was du in meinem