Mord auf Borkum

Ostfrieslandkrimi

Susanne Ptak


ISBN: 978-3-96586-416-0
1. Auflage 2021, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2021 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung von adobe stock Bildern.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.

Inhalt

Prolog

 

Emden 1957

 

»Bente! Komm runter!«

Bente Bakker fuhr zusammen, erschreckt durch das Brüllen ihres Vaters. Rasch legte sie den Stoff zur Seite, den sie gerade zugeschnitten hatte, sprang auf und lief die Treppe hinunter.

Hinnerk Bakker saß mit dem Nachbarbauern Middent Janssen am Küchentisch, während Engeline Bakker den beiden Männern Tee servierte.

Bente schaute rasch ihre Mutter an, nicht ahnend, warum der Vater sie in die Küche gerufen hatte. Doch Engeline wich dem Blick der Tochter aus.

Ein ungutes Gefühl breitete sich in Bentes Magen aus, als sie die bedrückte, ja beinahe schon verzweifelte Miene der Mutter bemerkte.

Hinnerk wandte sich dem Besuch zu. »Und? Was meinst du?«

Middent Janssen betrachtete Bente mit unverhohlenem Interesse, und das Unbehagen des Mädchens vergrößerte sich noch, als der Blick des Mannes, deutlich länger, als es sich schickte, in Höhe ihrer Brust verweilte.

Anscheinend hatte Hinnerk Bakker diesen Blick bemerkt, denn er beeilte sich zu sagen: »Das wird noch. Sie ist ja erst sechzehn. Und wenn ihr erst mal euer erstes Kind erwartet …«

Bente erstarrte, als ihr schlagartig klar wurde, was hier gerade passierte.

Neben ihr unterdrückte Engeline ein Schluchzen.

Der Nachbar nickte bedächtig, dann sagte er: »Jo, das soll wohl noch werden. Und hübsch ist sie ja.«

»Dann ist es also abgemacht?«

Wieder nickte Middent Janssen. »Jo, ist abgemacht.«

Die beiden Männer reichten sich die Hände und Hinnerk rief gut gelaunt: »Engeline, bring was zum Anstoßen. Deine Tochter feiert heute Verlobung!«

Tränen schossen in Bentes Augen, während sie ihren Vater entsetzt anstarrte. Sie sollte Middent Janssen heiraten? Einen Mann, der wenigstens zwanzig Jahre älter war als sie selbst und der in ganz Emden und sogar bis weit in die Krummhörn dafür bekannt war, äußerst brutal mit Mensch und Tier umzugehen. Seit seine erste Frau gestorben war, hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass Middent sie umgebracht habe, weil sie ihm keine Kinder schenken konnte. Bente hatte diese Theorie keine Sekunde lang bezweifelt, denn was hätte Alwine Janssen auch auf dem Heuboden zu suchen gehabt, durch dessen Luke sie in den Tod gestürzt war?

Hilfesuchend schaute Bente ihre Mutter an, die nun mit einer Flasche und zwei Schnapsgläsern an den Tisch trat. Doch eigentlich war ihr klar, dass sie keine Unterstützung zu erwarten hatte, denn auch im Hause Bakker galt das Wort einer Frau nicht viel.

»Und? Wann wollen wir Hochzeit feiern?«, erkundigte sich nun Middent Janssen.

»Lass sie noch die Schule fertig machen. Hat ja lange genug dafür gebraucht. Gehört zu den Ältesten in der Klasse, weil sie zweimal sitzengeblieben ist. Nach der Ernte?«

Middent lachte hässlich. »Für die Ernte willst du sie noch selbst haben, richtig? Und was die Schule angeht – meine Frau muss nicht schlau sein.« Er grinste süffisant. »Ich brauche keine, mit der ich angeregte Unterhaltungen führen kann, sondern eine, die zupacken kann und die mir endlich einen Hoferben schenkt. Aber wenn dir dran liegt – nach der Ernte soll mir recht sein.«

»Zupacken kann unsere Bente.« Auch Hinnerk lachte. »Für das andere musst du schon selbst sorgen.«

Bente fuhr herum, stürzte aus der Küche und aus dem Haus. Sie übergab sich in den Hortensienbusch gleich neben der Tür. »Nein! Nein! Nein!«, kreischten die Gedanken in ihrem Kopf, während sie sich den Mund mit einem Blatt der Hortensie abwischte. Das durfte nicht wahr sein! Sie hatte doch schon eine Lehrstelle bei Schneider Groenewoldt. Und wenn sie überhaupt jetzt schon jemanden heiraten wollte, dann Tjabo und nicht den alten Middent! Tjabo! Er musste ihr helfen! Er hatte gesagt, dass er sie liebe.

Bente rannte los, weg vom Hof und dann querfeldein in Richtung Stadt, wo Tjabo Habben, der Sohn eines Kaufmanns, wohnte. Völlig außer Atem erreichte sie den kleinen Laden am Stadtrand von Emden, über dem die Familie Habben lebte, und lehnte sich erst einmal an die Hauswand, um wieder Luft zu bekommen.

»Bente? Waren wir verabredet?«

Bente hatte gar nicht bemerkt, dass Tjabo aus dem Geschäft gekommen war. Er trug eine Schürze, was bedeutete, dass er im Laden aushalf.

Bente schüttelte den Kopf, dann brach sie in Tränen aus.

Völlig verdutzt ging der Junge zu ihr hin und schloss sie in die Arme. »Was ist passiert? Ist jemand gestorben?«

»Nein! Ich soll Middent Janssen heiraten!«, fuhr Bente auf. »Schon im Herbst!«

Erschrocken ließ Tjabo sie los. »Was?« Er fummelte ein sauberes Taschentuch aus seiner Hosentasche und reichte es Bente.

Sie wischte hektisch ihre Augen damit und schaute ihn an. »Er und mein Vater feiern gerade unsere Verlobung!«

»Aber der Mann ist uralt!«

»Liebst du mich wirklich?« Angstvoll schaute Bente Tjabo an.

»Das habe ich dir doch gesagt«, antwortete er.

»Aber liebst du mich auch so sehr, dass du mit mir weglaufen würdest?«

»Ich … aber …« Tjabo warf einen hilflosen Blick zum Laden. Doch dann straffte er die Schultern, trat dicht an Bente heran und umfasste ihre Arme. »Ja. Ja, ich liebe dich so sehr, dass ich mit dir durchbrennen werde. Wir gehen irgendwohin und fangen unser eigenes Leben an. Ich weiß genug über den Handel und du über Landwirtschaft. Wir werden irgendwo auf einem Hof arbeiten, bis wir das Geld für unser eigenes Geschäft beisammenhaben. Pack ein paar Sachen ein. Wir treffen uns um Mitternacht an der umgestürzten Eiche.«

Vor lauter Erleichterung bekam Bente weiche Knie. »Ich liebe dich auch«, flüsterte sie.

Tjabo küsste sie und sagte dann: »Und nun geh. Pass auf, dass niemand etwas bemerkt.«

Bente nickte, schenkte Tjabo noch ein Lächeln, dann drehte sie sich um und lief zurück.

Oben, in der Wohnung über dem Laden, wurde ein Fenster geschlossen.

 

Als Bente zurück nach Hause kam, war ihr Vater bereits zum Melken im Kuhstall. Ihre Mutter war nirgends zu finden. Vermutlich war sie, geschickt von Hinnerk, in der Nachbar­schaft unterwegs, um die Neuigkeit über die bevorstehende Hochzeit zu verbreiten.

Bente schalt sich selbst, so blauäugig gewesen zu sein. Natürlich hatte ihr Vater immer schon geplant, sie mit einem großen Bauern zu verheiraten. Schließlich war einer seiner Lieblingssprüche seit jeher: Liebe vergeht – Hektar besteht.

Bente war zu Hinnerks Verdruss aufgrund einer problema­tischen Geburt das einzige Kind geblieben und so wollte er wenigstens einen Enkel, der seinen Hof übernehmen würde. Mit dem Bakker- und dem Janssen-Hof zusammen würde dieser Enkel einer der vermögendsten Bauern Emdens werden. Sie hätte wissen müssen, dass Hinnerk nur zum Schein einer Lehre bei Schneider Groenewoldt zugestimmt hatte.

Bente schlich ins Schlafzimmer ihrer Eltern, wo sie die Reisetasche aus dem Kleiderschrank stibitzte. Nicht, dass jemals ein Mitglied der Familie Bakker verreist wäre; diese Tasche war für die Krankenhausaufenthalte der inzwischen verstorbenen Großeltern gewesen. Rasch lief Bente damit die Treppe hinauf. Dann suchte sie hastig Kleidung zusammen, die sie in die Tasche stopfte. Als sie glaubte, das Nötigste eingepackt zu haben, versteckte sie die Tasche unter dem Bett, für den Fall, dass ihre Mutter später noch heraufkommen würde.

Während des Abendessens schwiegen Mutter und Tochter und schoben appetitlos mit den Löffeln den Eintopf von einer Seite des Tellers zur anderen.

Hinnerk indes war bester Laune und teilte lautstark seine Zukunftspläne für den noch nicht einmal gezeugten Enkel mit, bis es Engeline zu bunt wurde. Es klirrte laut, als sie den Löffel in den Teller fallen ließ.

»Und was ist, wenn es nicht Alwines Schuld war, dass sie keine Kinder bekommen konnte?«, zischte sie Hinnerk zu. »Trauern wir dann in zwei Jahren um unsere Tochter, die urplötzlich vom Heuboden fiel und sich das Genick brach?«

Hinnerk stutzte. Überrascht schaute er seine Frau an, wobei Bente nicht zu sagen vermochte, was ihn mehr überraschte: das, was ihre Mutter gerade gesagt hatte, oder die Tatsache, dass sie es überhaupt gewagt hatte, sich zu äußern.

»Unfug!«, widersprach er dann, doch Bente glaubte, Unsicherheit in seiner Stimme zu hören. »Middent ist ein gestandener Bauer. Der wird doch wohl in der Lage sein, einen Sohn zu zeugen.« Aber dann schien er über seine eigenen Worte nachzudenken. Kurz schaute er seine Frau an, dann wandte er sich Bente zu. »Also gut. Nehmen wir an, es liegt wirklich an Middent, dann weißt du doch, was du zu tun hast, oder?«

Bente schaute den Vater fragend an, dann schüttelte sie den Kopf.

»Nun, ganz einfach. Du legst dich zu einem der Knechte ins Heu. So lange, bis Middent bekommt, was er will.«

Wieder spürte Bente Übelkeit aufsteigen. Hastig fragte sie: »Darf ich auf mein Zimmer gehen?«

Hinnerk nickte. »Geh nur. War ein aufregender Tag.«

Bente legte sich vollständig bekleidet ins Bett. Obwohl sie tatsächlich müde war, wagte sie es nicht, einzuschlafen. Immer wieder schaute sie zum Wecker auf ihrem Nachttisch hin, doch die Zeit schien zu kriechen. Als endlich die Zeiger zwanzig Minuten vor Mitternacht anzeigten, raste ihr Herz vor Aufregung. Rasch, aber so leise wie möglich, stand sie auf, angelte die Reisetasche unter dem Bett hervor und schlich dann aus ihrem Zimmer. Vorsichtig nahm sie eine Stufe nach der anderen, immer dicht an der Wand entlang, weil dort das alte Holz am wenigsten knarrte. Unten angekommen nahm sie ihre Jacke vom Garderobenhaken. Dann überlegte sie kurz, ob sie durch die Haustüre oder durch den Stall gehen sollte. Sie entschied sich für die Haustür, aus Angst, die Kühe könnten anfangen zu brüllen, störte sie jemand mitten in der Nacht.

Noch einmal schlug ihr das Herz bis zum Hals, als die Tür beim Öffnen ein wenig quietschte. Damit das nicht wieder passierte, ließ sie sie einfach offen stehen und floh in die Nacht hinaus.

Es war nicht weit bis zum vereinbarten Treffpunkt. Die Nachtluft war lau und der fast volle Mond beschien ihren Weg, sodass sie problemlos ihr Ziel erreichte.

»Tjabo!«, rief sie leise, in der Hoffnung, er wäre schon hier, doch sie bekam keine Antwort.

So stellte sie ihre Tasche ab, legte die Jacke darüber, setzte sich auf den Stamm des umgestürzten Baums und lauschte auf sich nähernde Schritte.

Bente wartete und wartete. Sie wusste nicht, wie viel Zeit inzwischen vergangen war, denn eine Armbanduhr besaß sie nicht. Ein paar Mal hatte sie geglaubt, Schritte zu hören, doch es war jedes Mal nur ein Fuchs gewesen, der durchs hohe Gras streifte. Was war geschehen? Hatten Tjabos Eltern seine Flucht bemerkt und ihn aufgehalten? Oder hatte er zuletzt doch gekniffen? Was sollte sie dann tun?

Die Sonne schickte die ersten Strahlen über den Horizont, als sich endlich doch menschliche Schritte näherten. Bente drehte sich nicht um, denn diese Schritte waren ihr nur allzu vertraut. Eine große, kräftige Hand legte sich auf ihre Schulter und Hinnerk sagte: »Komm, lass uns nach Hause gehen.«

 

Kapitel 1

 

»Los jetzt, sonst verpasst ihr noch die Fähre!«, trieb Britta Josefine zur Eile an. »Du weißt doch, dass Sir Toby sich bei uns wohlfühlt und wir gut auf ihn aufpassen werden.«

»Um Sir Toby mache ich mir keine Gedanken«, entgegnete Josefine lachend. »Ich bin das Problem, denn ich werde vermutlich vor Sehnsucht nach ihm umkommen.«

Theda verdrehte die Augen. »Es sind nur ein paar Tage. Ich werde meine Hunde auch vermissen, aber auch Fritzchen und Polly sind bei den Nachbarn ebenfalls in den besten Händen. Also komm jetzt.«

Josefine streichelte ihren Mops noch ein letztes Mal, dann richtete sie sich auf. »In Ordnung. Wir können los.«

Die drei Frauen verließen das Haus.

Vor Brittas Land Rover wartete deren Bruder Nico, der bereits Thedas und Josefines Taschen aus dem Leichenwagen in das Geländefahrzeug umgeladen hatte. Er grinste, als er Brittas sehnsüchtigen Blick hin zu dem schwarzen, umgebau­ten 1968er Mercedes bemerkte, denn er wusste, wie viel lieber seine Schwester die Freundinnen mit diesem außergewöhn­lichen Gefährt zum Fähranleger nach Emden gebracht hätte. Dummerweise verfügte das Auto lediglich über zwei Sitz­plätze, was eine Fahrt zu dritt unmöglich machte, wollte nicht einer liegend dort mitfahren, wo früher Särge transportiert worden waren.

Theda und Josefine verabschiedeten sich von Nico und stiegen dann ein.

Auch Britta riss sich vom Anblick des Mercedes los und wandte sich ihrem Bruder zu.

Doch bevor sie noch etwas sagen konnte, ergriff Nico das Wort: »Ja, ich kümmere mich um den Laden, passe auf die Hunde auf, achte darauf, dass Sarah ihre Hausaufgaben macht, bevor sie in den Stall geht, und bereite das Essen vor.«

Britta lachte auf. »Ich bin nur zwei Stunden weg. Das schaffst du gar nicht alles in der kurzen Zeit.« Sie stieg ebenfalls ins Auto und kurz darauf lenkte sie den Wagen vom Hof und in Richtung Autobahn.

»Was sagtest du, Theda – dein wievieltes Klassentreffen ist das?«, erkundigte sich Britta.

»Über die Anzahl hatte ich mich nicht geäußert und so viele waren es eigentlich gar nicht, bedenkt man die lange Zeit, die seit unserem Schulabschluss vergangen ist«, antwortete Theda, die auf der Rückbank saß. »Als wir vor vierundsechzig Jahren die Volksschule verließen, zogen einige aus Ostfriesland weg, um irgendwo in die Lehre zu gehen. Etwas häufiger trafen wir uns dann wieder, als die Kinder derjenigen, die welche haben, groß waren und manche der Weggezogenen zurückkamen. In den letzten Jahren ist es dann wieder seltener geworden. Wir werden halt langsam alt.«

»Wow! Vierundsechzig Jahre! Toll, dass ihr immer noch Kontakt habt.«

»Na ja, inzwischen sind wir nicht mehr viele. Einige ehemalige Schulkameraden wurden in den letzten Jahren zu Grabe getragen. Und die Kontakte finden auch nur recht sporadisch statt.«

»Und warum trefft ihr euch eigentlich auf Borkum? Du bist doch in Emden zur Schule gegangen.«

Theda nickte, doch dann fiel ihr ein, dass die beiden vor ihr sitzenden Frauen das ja gar nicht sehen konnten. »Ja, bin ich«, sagte sie darum und fuhr fort: »Aber meinem ehemaligen Mitschüler Hinrich Ayen gehört das Hotel, wo das Treffen stattfindet und in dem wir wohnen werden. Das hat zwar inzwischen sein Sohn übernommen, aber er und seine Frau wohnen dort. Seine Frau Antjeline gehört ebenfalls zu unserem Abschlussjahrgang. Sie sitzt inzwischen im Rollstuhl und reist darum nicht gerne. So fragte Hinrich, ob wir nicht Lust hätten, nach Borkum zu kommen.«

»Ist es ein großes Hotel?«, wollte Josefine wissen.

»Es ist schon recht beachtlich, hat aber dennoch Charakter. Nicht so ein unpersönlicher Touristentempel.«

»Du warst also schon mal da«, stellte Britta fest.

»Sicher. Das lässt man sich doch nicht entgehen, wenn man Schulkameradenrabatt bekommt.« Theda grinste Britta über den Rückspiegel an. »Hinrich besteht darauf, dass auch sein Sohn uns diesen Rabatt gewährt.«

Es herrschte nicht allzu viel Verkehr, denn die Sommerferien hatten noch in keinem Bundesland begonnen. Zudem war es erst Dienstag und die Wochenendtouristen dementsprechend noch nicht unterwegs. So konnte Britta zügig fahren und sie kamen pünktlich in Emden an.

»Dann sehen wir uns Samstagabend, wenn ich euch wieder abhole«, verabschiedete sich Britta.

Die beiden Frauen winkten der Freundin noch hinterher, dann machten sie sich auf zum Fährterminal, wo sie ihre Fahrkarten kauften. Bereits wenige Minuten später konnten sie an Bord des Katamarans gehen, mit dem die Überfahrt nach Borkum nur eine Stunde dauern würde.

Da es im Gegensatz zu den größeren Fährschiffen auf dem Katamaran nur wenige Möglichkeiten gab, draußen zu sitzen, gingen Theda und Josefine gleich hinein und suchten sich einen Platz.

»Hach, ich freu mich, dass du mich begleitest«, sagte Theda, nachdem sie es sich bequem gemacht hatten. »Ich weiß ja gar nicht, wie viele wir überhaupt noch sein werden und ob die nicht inzwischen richtig alt geworden sind und um sechs Uhr ins Bett wollen. Schließlich ist das letzte Treffen nun auch schon wieder fünf Jahre her.«

Josefine lachte. »Sei dir nicht so sicher, dass ich nicht auch um sechs Uhr ins Bett will, weil die Seeluft mich müde gemacht hat.«

Theda stimmte in das Lachen der Freundin ein.

»Theda?«

Die Angesprochene und Josefine schauten zu den Sitzplätzen gegenüber hin.

»Och! Annegret!« Theda stand auf und lief hinüber. »Dich gibt’s also auch noch!«

Auch Annegret war aufgestanden und die beiden Frauen umarmten sich.

»Komm doch zu uns rüber«, forderte Theda sie dann auf und fuhr fort, nachdem beide Platz genommen hatten: »Das ist meine Freundin, Doktor Josefine Brenner. Sie begleitet mich, weil ich nicht allein fahren wollte.« An Josefine gewandt, stellte sie vor: »Annegret Haken … ach, nein … Vogelsang, richtig?« Sie schaute die ehemalige Klassenkameradin fragend an.

Die nickte und reichte Josefine die Hand. »Freut mich sehr, Frau Doktor Brenner.«

»Fine. Wir müssen es hier ja nicht förmlich halten«, entgeg­nete Josefine.

Annegret Vogelsang lachte. »Da haben Sie auch wieder recht. Oder sagen wir auch gleich Du?«

»Ja, natürlich«, antwortete Theda sofort. »Man merkt gleich, dass du lange im Ausland gelebt hast.«

»Ich habe in Rheinland-Pfalz gelebt, nicht im Ausland! Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?«

»Ich denke, vor gut zehn Jahren. Beim letzten Mal warst du ja nicht dabei.«

Annegret nickte. »Ich lag im Krankenhaus. Aber jetzt ist alles wieder gut.« Sie schaute Theda an. »Aber du hast dich in den letzten zehn Jahren kaum verändert. Sag, wie geht es dir?«

»Ich kann nicht klagen. Zwar ist mein Mann schon vor einigen Jahren gestorben, aber jetzt, wo meine beste Freundin auch in Ostfriesland wohnt und ich zwei Hunde habe, bin ich eigentlich rundum zufrieden. Darüber hinaus schreibe ich zum Zeitvertreib Krimis, die meine Rente ansehnlich aufbessern – besser kann’s eigentlich nicht sein.«

»Das freut mich sehr für dich.«

»Und was ist mit dir? Du hast dich ja gar nicht verändert! Eher scheinst du mir jünger geworden zu sein.«

Annegret zwinkerte ihr zu. »Unsere beiden Urenkel halten mich jung. Putzmuntere Zwillinge. Und die Gartenarbeit. Seit wir zurückgekommen sind, verbringen Peter und ich sehr viel Zeit in unserem recht großen Garten.«

»Es geht dir und deinem Mann also gut, auch gesundheit­lich«, stellte Theda fest.

Annegret nickte. »Wofür ich ausgesprochen dankbar bin.« Sie erzählte noch ein wenig über ihre beiden Kinder und die Enkel und Urenkel, dann entwickelte sich das Gespräch mehr und mehr in Richtung Kindheits- und Jugenderinnerungen.

Auch wenn Josefine nicht mitreden konnte, so lauschte sie doch interessiert. Ihre eigene Jugendzeit war inmitten einer Großstadt erheblich anders verlaufen als die der beiden Frauen, die mehr oder weniger ländlich aufgewachsen waren. So war sie ganz verblüfft, wie schnell die Zeit vergangen war, als die Fähre schon in Borkum anlegte.

Gleich nachdem sie den Katamaran verlassen hatten, wollten die drei Frauen zur Haltestelle der Inselbahn gehen, doch plötzlich rief jemand: »Theda!«

Ein weißhaariger, etwas untersetzter Endsiebziger kam auf sie zu.

»Hinrich! Dass wir mit dieser Fähre kommen, hatte ich dir aber nicht erzählt, weil ich darauf spekulierte, dass du uns abholst«, rief Theda ihm entgegen.

Lachend umarmte Hinrich Ayen die Schulfreundin. Er ließ sie wieder los, strahlte Annegret Vogelsang an und breitete die Arme aus. »Annegret! Dass wir uns doch noch mal wieder­sehen!« Auch diese beiden umarmten sich zur Begrüßung.

Dann machte Theda Josefine und Hinrich miteinander bekannt.

»Na, dann kommt. Wer hat die schwerste Tasche?« Hinrich Ayen schaute in die Runde.

»Wir reisen alle nur mit kleinem Gepäck für die paar Tage«, antwortete Theda.

»Dann schleppt euren Kram doch selbst«, entgegnete Hinrich grinsend, wandte sich um und ging voran in Richtung Parkplatz. Er führte die Frauen zu einem grünen Transporter, auf dem in geschwungenen goldenen Buchstaben ›Nostalgie-Hotel Ayen‹ zu lesen war. Daneben war die Silhouette eines Walfängers abgebildet.

Nachdem der Hotelier die Wagentüren geöffnet hatte, verstaute er das Gepäck seiner Gäste im Kofferraum.

»Dann mal los!«, rief er gut gelaunt, als alle eingestiegen waren, und startete den Motor.

»Heute Abend gibt es übrigens eine wirklich große Überraschung.« Hinrich zwinkerte der neben ihm sitzenden Annegret zu. »Da kommt ihr nie drauf.«

»Lohnt es sich, zu raten?«, erkundigte sich Theda.

»Wahrscheinlich nicht. Wie schon gesagt – da kommt ihr nie drauf. Also lasst euch einfach überraschen.«

Das Hotel lag mitten im Ortskern.

»Aber es sind nur ein paar Minuten Fußweg zum Strand«, tröstete Hinrich Ayen, als er das Gepäck aus dem Auto lud. Diesmal ließ er es sich nicht nehmen, alle drei Gepäckstücke ins Haus zu tragen.

Er führte seine Gäste zur Rezeption, wo eine freundlich lächelnde Frau sie begrüßte. »Mein Name ist Julia Reinders und ich bin die Empfangschefin. Wenn Sie Fragen haben, Hilfe benötigen oder irgendetwas nicht zu Ihrer Zufriedenheit sein sollte, wenden Sie sich vertrauensvoll an mich.«

Nachdem die drei Frauen ihre Namen genannt hatten, überreichte Julia Reinders ihnen die Schlüsselkarten für ihre Zimmer.

Josefine lachte und machte eine ausschweifende Hand­bewegung. »Angesichts des Ambientes hatte ich tatsächlich mit einem Schlüssel gerechnet.«

Die Empfangschefin stimmte in ihr Lachen ein. »Ja, tatsächlich wären Schlüssel auch passender. Aber diese Karten sind besonders am Strand viel einfacher unterzubringen.«

»Das ist wahr«, stimmte Josefine zu, die allerdings einen Schlüssel, möglichst noch mit einem dieser klobigen Anhänger, in ihrer riesigen Handtasche, die sie stets bei sich trug, viel leichter fand als eine kleine, schmale Karte.

»Kommt, ich begleite euch zu euren Zimmern«, bot Hinrich an, der in der Nähe gewartet hatte. »Außerhalb der Saison beschäftigen wir keinen Pagen. Also mache ich den Job.«

Mit dem Aufzug fuhren sie zur obersten Etage hinauf.

»Ich habe euch extra hier oben einquartiert, weil man von hier den schönsten Ausblick hat. Sogar das Meer könnt ihr sehen.«

Das erste Zimmer, welches sie erreichten, war Josefines. Sie öffnete die Tür und hielt diese auf, damit Hinrich vorausgehen konnte.

Der ehemalige Hotelchef stellte Josefines Tasche auf einem Stuhl ab und wies auf die Fenstertür, die auf einen kleinen Balkon hinausführte. »Schaut mal hinaus, dann seht ihr, dass ich nicht zu viel versprochen habe.« Mit der freien Hand öffnete er die Tür.

Alle drei Frauen durchquerten das Zimmer und traten dann auf den Balkon. Eine warme Brise wehte ihnen vom Meer her entgegen und brachte den so typischen Duft mit sich. In der Nähe schrien ein paar Möwen.

»Das ist herrlich!«, rief Annegret aus. »Hätte ich das geahnt, wäre ich schon viel eher mal gekommen!«

»Nun, dann kommt. Der Blick aus euren Zimmern ist genauso schön.«

Theda und Annegret folgten Hinrich; Josefine blieb auf dem Balkon zurück. Sie wollte die Aussicht noch ein wenig genießen.