Frauen schaffen Zukunft

„Was wir heute tun, entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht.“
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

© FAZIT Communication GmbH
Frankfurter Allgemeine Buch
Frankenallee 71 – 81
60327 Frankfurt am Main
Umschlag, Layout und Satz: Anabell Krebs
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
1. Auflage
Frankfurt am Main 2021
ISBN 978-3-96251-112-8
eISBN 978-3-96251-115-9
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, vorbehalten.
Die Herausgeberinnen
Claudia Rankers
NACHHALTIGKEIT – EINFÜHRUNG IN DIE ESG-KRITERIEN UND DIE SDGS
Claudia Rankers und Nadine Kammerlander
VORWORT
Marcel Fratzscher
MEHR FRAUEN BEDEUTEN MEHR FREIHEIT
Marion A. Weissenberger-Eibl
AUS DER BRILLE EINER ZUKUNFTSFORSCHERIN: WIE WIR (ÜBER-)MORGEN LEBEN WERDEN
Cornelia Lamberty
ZUKUNFT PASSIERT JETZT
Antje Boetius
ZUSTAND DER MEERE UND KÜSTEN
Odette Deuber
DO CLIMATE: MIT UNTERNEHMERGEIST IN DIE KLIMANEUTRALITÄT
Saskia Stella Gleitsmann
HOLZWERKE – ÖKOLOGISCHER KREISLAUF UND CO2-POSITIVE PRODUKTION
Claudia Lässig
NACHHALTIG LÄSSIG
Melanie Kerst
HWI – INNOVATIONS AND SERVICES FOR A BETTER LIFE
Anett Mehler-Bicher
AUGMENTED UND VIRTUAL REALITY FÜR MEHR NACHHALTIGKEIT IN UNTERNEHMEN
Nadine Kammerlander
DIE ROLLE VON FAMILIENUNTERNEHMEN IM SDG-KONTEXT
Claudia Rankers
NACHHALTIGKEIT – ANLEGER:INNEN HABEN DIE MACHT
Henrike von Platen
FRAUEN FAIR BEZAHLEN HEISST EISBÄREN RETTEN
Dilek Ruf
ASYMMETRIEN DIESER TAGE
Eleonore Soei-Winkels
#ALLYOUCANLEARNBUFFET BIETET HOCHWERTIGE BILDUNG ZUM SELBSTORGANISIERTEN LERNEN
Alyssa Jade McDonald-Baertl
SCHOKOLADE – NICHT NUR SÜSSIGKEIT, SONDERN DAS WERKZEUG FÜR EINE BESSERE WELT
Mirjam Mohr
NACHHALTIGKEIT BEI DER INTERHYP GRUPPE – MEHR ALS EIN GRÜNER ANSTRICH
Katarzyna Kompowska
GEMEINSAM DURCH DIE PANDEMIE: #WEDONTSTOP
Christiane Hipp
NACHHALTIGKEIT, UNTERNEHMENSKULTUR UND ORGANISATIONEN
Alicia Lindner
NACHHALTIGE SCHÖNHEIT, DIE GENERATIONEN ÜBERDAUERT
Gesa Lischka
RUMMEL IM KOPF – FURORE AUF DEN FLUREN
Birgit Pfeiffer
NACHHALTIGE ENTWICKLUNG AUS KIRCHLICHER PERSPEKTIVE
Monika Rühl und Bettina Laurick
DAS FIDAR-ENGAGEMENT FÜR NACHHALTIGEN WANDEL MIT DEM ZIEL DER PARITÄT
Sandra von Möller
EINE NACHHALTIGKEITSKASKADE – AUS LICHT UND LUFT
Jutta Rump
DIE NEUE NORMALITÄT IN DER ARBEITSORGANISATION
Alexandra Kohlmann
MIT OMA IN DIE ZUKUNFT
Natascha Hoffner
IDEEN FÜR MEHR GESCHLECHTERGERECHTIGKEIT
Barbara Hausmann
DER HERAUSFORDERUNG NACHHALTIGE ENTWICKLUNG BEGEGNEN
Anna Sophie Herken
WIRKUNGSVOLL INVESTIEREN
Alexandra Mihailescu Cichon
WAS IST REPRISK?
Isabel Grupp
UNSER JETZT BESTIMMT UNSERE ZUKUNFT
Andrea Belegante
MENSCHEN CHANCEN GEBEN – ALLTAG IN DER SYSTEMGASTRONOMIE
Simone Burel
100 FEMALE MINT-ROLEMODELS IN INDUSTRIE & WISSENSCHAFT – FÜR HOCHWERTIGE BILDUNG UND GENDER EQUALITY
Norma Demuro
NACHHALTIGE ENTWICKLUNG UND E-LEARNING – EINE PERFEKTE SYMBIOSE
Kerstin Rücker
WE CARE FOR PEOPLE – SOZIALE NACHHALTIGKEIT ALS TEIL DER ZUKUNFTSSTRATEGIE DER ECKES-GRANINI GRUPPE
Renate Sommer und Caroline Heptner
DURCH UNTERSCHIEDLICHE PERSPEKTIVEN ZU NACHHALTIGER ENTWICKLUNG
Katharina Reuter
NACHHALTIGE WIRTSCHAFT ALS BOOSTER FÜR SDG
Christine Kerpen
CORPORATE SOCIAL RESPONSIBILITY – AUS DER PERSPEKTIVE EINER UNTERNEHMERIN/AUFSICHTSRÄTIN
Nele Renée Kammlott
NACHHALTIGE DIGITALISIERUNG ALS BAUSTEIN FÜR DIE TRANSFORMATION VON WIRTSCHAFT UND GESELLSCHAFT
Greta Stefanie Schmickler
UN-NACHHALTIGKEITSZIELE UND ESG IM AUGEN-ZENTRUM-NORDWEST
Verena Moser
DER EINE SCHRITT MEHR IST DER WICHTIGSTE
Carola von Peinen
WIE SIE AUCH ALS KLEINES UNTERNEHMEN ZUR GROSSEN TRANSFORMATION BEITRAGEN KÖNNEN
Unterstützer
Kontakt für Fragen und Anregungen
Seit 1994 engagiert sich die Diplom-Bankbetriebswirtin ehrenamtlich im Bereich „Frauen und Beruf“. 2014 wird sie Vorstandsvorsitzende des Landesfrauenrats Rheinland-Pfalz. 2016 beruft das Wirtschaftsministerium sie in die Gründungsallianz von Rheinland-Pfalz. Im selben Jahr startet die Finanzfachwirtin (FH) einen Thinktank. Ihr Erfolgsrezept: interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Best Practices und aktives Netzwerken sind weitere Erfolgsfaktoren und liefern konkrete Ergebnisse. 2018 initiiert Rankers den ersten bundesweiten Wettbewerb „Erfolgreiche Frauen im Mittelstand“, der 2020 zum zweiten Mal in Kooperation mit der WHU-Professorin Dr. Nadine Kammerlander stattfindet (www.frauen-im-mittelstand.de).
Seit 2003 ist Claudia Rankers Inhaberin vom Rankers Family Office, einem Multi-Family- und Unternehmer-Office, das sich um alle finanziellen betrieblichen und privaten Belange seiner Mandant:innen kümmert. Sie und Kooperationspartner schätzen Claudia Rankers als pragmatische Visionärin mit Einsatz, Kreativität und Qualität. Unternehmertum ist ihre Leidenschaft. Claudia Rankers ist Expertin für Vermögensstrukturierung, Kapitalanlagen, Immobilienkäufe und Finanzierungen, Unternehmensgründungen, Kapitalbeschaffung, Wachstumsstrategien sowie Unternehmensverkauf. Darüber hinaus ist sie EFA European Financial Advisor, Certified Financial Planner (CFP), Certified Generation Advisor (CGA) und Certified Foundation and Estate Planner (CFEP). Zuvor war sie Direktorin und Führungskraft bei der Schweizer Bank UBS und der Deutschen Bank.
Claudia Rankers ist als Podiumsteilnehmerin und Referentin bei Fachveranstaltungen an Hochschulen und Ministerien ebenso gefragt wie in Jurys. Sie unterstützt Autoren bei Beiträgen zu Finanzthemen und ist Co-Autorin bei einem Buchbeitrag zu „CSR im Mittelstand“.
Professor Dr. Nadine Kammerlander ist seit 2015 Professorin an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Zuvor war sie als Assistenzprofessorin an der Universität St. Gallen tätig. Nadine Kammerlander ist diplomierte Physikerin (TU München) und promovierte Betriebswirtschaftswissenschaftlerin (Otto-Friedrich Universität Bamberg). Mehrere Jahre arbeitete sie bei McKinsey & Company und beriet internationale Unternehmen der Automobil- und Halbleiterbranche in Produktentwicklungsprojekten, vor allem in den USA und Mexiko.
In Lehre und Forschung beschäftigt sie sich mit den Themen Innovation, Mitarbeiter und Governance in Familienunternehmen und Family Offices. Ihre wissenschaftlichen Beiträge sind in internationalen Fachzeitschriften (u. a. AMJ, AMR, JMS, JBV, ETP, JPIM, FBR, SBE) veröffentlicht und mit renommierten Forschungspreisen ausgezeichnet worden. Sie ist Mitherausgeberin der internationalen Fachzeitschrift „Family Business Review“, Mitglied mehrerer Editorial Review Boards (u. a. JOM, ETP, SEJ und JPIM) und arbeitet in unterschiedlichsten Projekten mit Familienunternehmen und internationalen Forschern zusammen. Unter anderem ist sie Teil des DFG-Netzwerks „Venturing Together“.
Professor Kammerlander ist Mitglied des Vorstands der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland e.V. (VARD) und Mitglied des Innovation Advisory Committee des DESY. Darüber hinaus ist sie Mitglied des Fachbeirats des „Wirtschaftswoche Best of Mittelstand Consulting“-Wettbewerbs sowie in der Jury des „Wirtschaftswoche Supermaster“-Wettbewerbs. Überdies ist sie Mitglied der Kommission zur Überarbeitung des Kodex für Familienunternehmen sowie der Forschergruppe zur Überarbeitung der Nachhaltigkeitsstrategie Rheinland-Pfalz.
Die ESG – die Environment Social Governance-Kriterien
Die Environment Social Governance-Kriterien (ESG) wurden 2004 von Ivo Knoepfel, einem Schweizer Finanzstrategen, entwickelt. Für die Vereinten Nationen erstellte er die Studie „Who Cares Wins“, in der er zum ersten Mal das Akronym ESG verwendete. Es geht bei diesem Konzept um die drei nachhaltigkeitsbezogenen Verantwortungsbereiche von Unternehmen für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung.

Abbildung 1: Environment Social Governance-Kriterien
Ivo Knoepel wollte damit die finanziellen Risiken von nicht nachhaltigen Unternehmensstrategien quantifizieren. Sein Ansatz ist konkreter als das bis dahin dominante SRI-Konzewpt (Socially Responsible Investment) – mit den unscharfen Definitionen von Ethik, Nachhaltigkeit und Verantwortung.
Ökologische oder soziale Aspekte der Unternehmensführung bewerten
Heute bewerten ESG-Ratingagenturen die Auswirkungen der Wirtschaftsaktivitäten eines Unternehmens, Staates oder Infrastrukturprojekts auf ökologische oder soziale Aspekte bzw. Aspekte der Unternehmensführung. Dabei werden nur Ratings innerhalb einer Branche oder einer Gruppe verglichen. Denn es hat keinen Sinn, ein anlageintensives Produktionsunternehmen mit einem Softwareunternehmen zu vergleichen. Noch ist nicht eindeutig klar, wann ein Unternehmen nachhaltig ist: Reicht es aus, wenn ein Unternehmen negative Auswirkungen vermeidet oder muss es bewusst und strukturiert in Nachhaltigkeit investieren? Geht es eher um die Bewertung der Risiken oder der Chancen? Wie sehen die Gewichtungen der drei Faktoren aus?
Unterschiedliche Ratingmethoden
Noch sind nicht alle Unternehmen analysiert. Bei den bereits untersuchten Unternehmen kommt es zu großen Bewertungsunterschieden. Da ESG-Ratingagenturen nicht reguliert sind, haben sie unterschiedliche Schwerpunkte, Messmethoden und Bewertungen. Mal erfolgt die Messung anhand von Skalen oder Punkten, mal auf Basis der Umsatzanteile, einer Wirkungszahl oder einer Klassifizierung nach ihrer Eignung für die Sustainable Development Goals (SDGs).1 Die Ergebnisse sind deshalb nur zu 61 % korreliert. Bei Kreditratings liegt die Korrelation bei 99 % – wie eine Studie der MIT Sloan Business School herausfand.
Aufgrund der fortschreitenden Regulierung wird es in den nächsten Jahren zu Annäherungen kommen. Für den Bereich Umwelt bringt die Taxonomie-Verordnung 2022 deutlich mehr Klarheit. Bei den Faktoren Social und Governance bleiben dann Stand heute noch viele Fragen offen.
Umwelt schlägt allzu oft die wichtige Governance
Das Kriterium „Umwelt“ steht bei den meisten Unternehmen im Vordergrund. Das kann daran liegen, dass man z. B. den CO2-Ausstoß leichter messen und die Produktion mit innovativen Techniken ressourcenschonender aufstellen kann. So sind Ziele und deren Umsetzung konkreter zu benennen. Das stellt auch der deutsche Vermögensverwalter Flossbach von Storch in seinem Kapitalmarktbericht vom 3. Quartal 2019 fest: „Leider wird ein wichtiges ESG-Kriterium in seiner allgemeinen Bedeutung stark unterschätzt, weil es weniger griffig ist als der CO2-Ausstoß und weniger bedrohlich als der Klimawandel. Dabei finden Verstöße gegen das G in ESG (Corporate Governance) sogar den Weg in die Boulevardblätter, weil ein ausschweifender Lebensstil, maßlose Gehälter, Abfindungen und Pensionszahlungen oder in manchen Fällen sogar die Inhaftierung von Managern das Interesse breiter Bevölkerungskreise weckt.“
Eine weitere Einschätzung liefert Helen Windischbauer, Head of Retail Solutions Multi Assets des französischen Asset Managers Amundi: „ESG – die Schwerpunkte ändern sich. Während in den USA die Governance eine größere Rolle spielt, sind es in Europa ökologische Aspekte. Die Corona-Pandemie hat für alle die sozialen Faktoren in den Vordergrund gestellt.“
Für eine erfolgreiche Nachhaltigkeit bei Produkten und Dienstleistungen ist ein ganzheitlicher Ansatz wichtig – alle drei ESG-Faktoren müssen berücksichtigt und mögliche Risiken erfasst, im Prozess mit präventiven Maßnahmen proaktiv gemanagt und die Ergebnisse gemessen werden. Dann kann die positive Transformation des Unternehmens und sukzessive die Transformation der Wirtschaft und Gesellschaft auch nachverfolgt werden.
DAS PARISER KLIMAABKOMMEN
Am 12. Dezember 2015 verabschiedeten 195 Länder in Paris ein Klimaabkommen mit folgenden Zielen: Die Erderwärmung soll gestoppt und um mindestens 1,5 Grad reduziert werden. Des Weiteren soll der Ausstoß von Treibhausgasen wie CO2 verringert werden. Mit dem Green Deal wurde 2019 für die EU konkretisiert, dass der Kontinent bis 2050 klimaneutral sein soll. Das ist dringend notwendig, findet die Europäische Kommission: „Klimawandel und Umweltzerstörung sind existenzielle Bedrohungen für Europa und die Welt. Deshalb braucht Europa eine neue Wachstumsstrategie, wenn der Übergang zu einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft gelingen soll.“2
DIE SDGs – DIE SUSTAINABLE DEVELOPMENT GOALS
Die 17 UN-Entwicklungsziele, die sogannten Sustainable Development Goals (SDGs) mit 169 Unterzielen, wurden im September 2015 von den 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedet. Damit bekennen sich die Staats- und Regierungschefs dieser Nationen zu ehrgeizigen Zielen, die bis 2030 erreicht werden sollen:

Abbildung 2: Quelle: UN Regional Information Centre for West Europe (UNRIC)3
Diese Ziele sollen die Welt besser machen – Armut beenden, Bildung für alle ermöglichen und Frieden schaffen. Konkret wollen die Mitgliedsstaaten mit der SDG-Agenda 2030 globale Aktivitäten entwickeln und umsetzen, um gemeinsam zur Lösung gesellschaftlicher, ökologischer und ökonomischer Missstände beizutragen.
DEUTSCHLANDS NACHHALTIGKEITSSTRATEGIE
Seit 2002 hat sich die Bundesregierung Nachhaltigkeitszielen verschrieben. Diese werden regelmäßig angepasst. So hat sich auch die große Koalition im März 2018 zu den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen bekannt. Die Agenda 2030 soll Richtschnur für die deutsche Politik sein. Im März 2021 hat die Bundesregierung veröffentlicht, welche Aktivitäten in der laufenden Legislaturperiode umgesetzt wurden und welche Maßnahmen in der 2019 von António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, geforderten „Dekade des Handelns“ ergriffen werden sollen. Mit ihnen soll die Transformation in den Bereichen Energie, Klimaschutz, Gesundheit, Kreislaufwirtschaft, Wohnen, Verkehr, Ernährung und Landwirtschaft vorangebracht werden. Alle 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen werden berücksichtigt. Unterstützung findet diese Arbeit durch den europäischen „Green Deal“ der Europäischen Kommission. Danach soll sich Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent entwickelt haben.
Brennglas „Corona“
Die Corona-Pandemie hat Wirkungszusammenhänge verschiedener Bereiche aufgezeigt. So gibt es einen großen Zusammenhang zwischen Einkommen, Wohnen, Gesundheit und Wohlergehen. Einkommen korreliert aber auch mit Ernährung, Gleichheit und Altersarmut. Die negative Verkettung wurde duch das Brennglas „Corona“ deutlich. Das Positive: Gezielte zukunftsgerichtete Maßnahmen wirken positv auf mehrere Ziele ein.
Die Zeit drängt
2030 sollen messbare Ergebnisse bei den Zielen erreicht sein. Das geht nur mit einer klaren Strategie, mit Konsequenz und vor allem nur gemeinsam mit großen Kraftanstrengungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel will auf dem Weg zur Nachhaltigkeit „auf das Tempo drücken“. Am Beispiel SDG 4 (Hochwertige Bildung) sieht man die Handlungsnotwendigkeiten sowie den Handlungsdruck, wie die Abbildung auf S. 14 zeigt:
WIE PASSEN ESG UND SDGs ZUSAMMEN?
Die ESG haben sich als Bewertungsstandard für nachhaltige Kapitalanlagen etabliert. Mit der Agenda Sustainable Finance 2030 haben sie Einzug in den Finanzbereich gefunden und werden für die Beurteilung der Nachhaltigkeit herangezogen. Das erklärte Ziel der EU ist: Das Kapital soll dahin gelenkt werden, wo es dazu beiträgt, die 17 Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Das ist leicht für das SDG 6 „bezahlbare und saubere Energie“, aber schwer für das SDG 1 „keine Armut“ und besonders für das SDG 16 „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“.
Mehr Details zum nachhaltigen Investieren finden Sie in den Beiträgen von Anna Sophie Herken, Allianz Assetmanagement GmbH, und Claudia Rankers, Inhaberin vom Rankers Family Office.
Ratingagenturen messen und bewerten, welchen positiven, aber auch negativen Impact Unternehmen, Staaten oder Infrastrukturprojekte auf die 17 SDGs haben. Entlang der Wertschöpfungskette kann es zu Kontroversen kommen. Ein Unternehmen, das Bambusbestecke verkauft, kann durch den Ersatz von Plastikbestecken einen positiven Einfluss auf die Umwelt haben (SDG 12, verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster). Es minimiert diesen Effekt auf die gesamte Nachhaltigkeitsbewertung u. U. aber durch die Produktionsbedingungen in Asien (SDG 8, menschenwürdige Arbeit und Wachstum) und den Transport über die Weltmeere (SDG 14, Leben unter Wasser) nach Deutschland. Mehr zu den Unternehmenswertungen und ESG-Ratings finden Sie im Beitrag „Was ist RepRisk?“ von Alexandra Mihailescu Cichon, Executive Vice President, Sales and Marketing bei dem Schweizer Datenwissenschaftsunternehmen RepRisk AG.
Unternehmen richten sich auf ESG und SDGs aus
Die SDGs ermöglichen eine bessere Kategorisierung dessen, was Nachhaltigkeit in den ESG-Bereichen bedeutet. Mit klarer Strategie und konsequenter Umsetzung verstärken sich die positiven Auswirkungen auf ESG-Faktoren und SDGs gegenseitig. Die ESG-Risiken werden erfolgreich gemanaged. Es kann aber auch passieren, dass ein Unternehmen eine sehr gute ESG-Bewertung erhält, ohne einen Einfluss auf das Erreichen eines der Nachhaltigkeitsziele zu haben. Erfreulicherweise zeigen die Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen immer mehr, wie sie sich ganz gezielt auf ESG und SDGs ausrichten. Unternehmen und Finanzmärkte entwickeln ein einheitliches Verständnis der SDGs und von Nachhaltigkeit.

Abbildung 3: Institutionen und Zuständigkeiten, DEUTSCHE NACHHALTIGKEITSSTRATEGIE 2021, Kurzfassung
ESG-Qualität und SDG-Impact von Emittenten sind bedeutsam. Das spiegelt sich in guten Nachhaltigkeitsbewertungen der Emittenten von Kapitalanlagen wider. Ein attraktives Geschäftsmodell mit guten ökologischen, sozialen und unternehmerischen Faktoren und einem positiven Impact auf eines der SDGs lädt zum Investieren ein. So können die Vermögen dahin gelenkt werden, wo sie zur Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele bis 2030 dringend benötigt werden. Das begrüßt auch Silke Stremlau, Vorstand Hannoversche Kassen: „Endlich katapultieren die EU-Regulierung und die BaFin die Themen ESG und Nachhaltigkeit mit Wucht dorthin, wo sie hingehören: raus aus der grünen Nische und hinein in die Mitte des gesamten Finanzsystems. Nachhaltigkeit geht alle Banken und institutionellen Investor:innen etwas an, weil auch die Auswirkungen des Klimawandels alle Branchen erfassen werden.“
Nachhaltigkeit als Thema der Zukunft
Am Ende des Bewertungsprozesses einer ESG-Ratingagentur liegen jeweils die ESG-Qualität und der SDG-Impact vor. Noch haben die Ratingagenturen nicht alle Daten und Vergleichswerte zu allen Unternehmen und Infrastrukturprojekten. Wir erwarten, dass die Standardisierung der Daten mit der Taxonomie der EU 2022 und die Auswahl der Investierenden beim Konsum und ihren nachhaltigen Vermögensanlagen sowie die politischen Rahmenbedingungen dazu führen werden, dass Unternehmen die Auswirkungen ihrer Geschäftsmodelle, Strategien, Dienstleistungen und Produkte mit ihrer ganzen Wertschöpfungskette auf ESG und SDGs optimieren werden. Mit dieser positiven Auswirkung auf die Realwirtschaft tragen wir alle dazu bei, die Nachhaltigkeitsziele der UN mit guten ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen sukzessive zu erreichen. Dabei hat sich erfreulicherweise herausgestellt, dass die positiv bewerteten Unternehmen auch eine gute Wertschöpfung und damit auch eine gute nachhaltige Rendite erzielen können. Unternehmen sind für Kunden:innen und Beschäftigte attraktiv, wenn sie die ESG-Faktoren in ihre Prozesse integrieren und mindestens ein SDG mit ihrem Geschäftsmodell adressieren. Marita Lewening, Gleichstellungsbeauftragte des ZDF, bringt es auf den Punkt: „Nachhaltigkeit ist mehr als nur ein Trend, es ist ein Zukunftsthema. Deswegen braucht Nachhaltigkeit auch Nachhaltigkeit! Das bedeutet in unserem eigenen Interesse, Strategien und Projekte sichtbar zu machen, nachzuhalten und festzustellen, ob und inwieweit wir unseren Ansprüchen in der Realität gerecht werden.“
Quellen
1https://www.dvfa.de/fileadmin/downloads/Verband/Kommissionen/Sustainable_Investing/DVFA_SDG-Auswirkungsmessung.pdf
2https://ec.europa.eu/clima/policies/international/negotiations/paris_de
3https//://unric.org/de/17 Ziele/
Nachhaltigkeit ist eine überlebenswichtige Aufgabe, der sich Unternehmen und Gesellschaft stellen müssen. Aus ökologischer Sicht geht es um die Reduzierung von Emissionen und Abfällen, die sparsame Verwendung von Rohstoffen und Energie sowie um die Erhaltung der Biodiversität. Aus sozialer Sicht gilt es, gute und sichere Arbeitsplätze zu schaffen, Armut zu bekämpfen und in die Bildung der nächsten Generation zu investieren. Die Corona-Pandemie hat diese Notwendigkeiten noch verschärft. Es gilt, diese Prozesse aus einer Governance-Perspektive heraus so zu gestalten, dass die gesetzten Ziele tatsächlich erreicht werden und Skandale à la Wirecard in Zukunft vermieden werden können – und das alles im Spannungsfeld von Globalisierung, Digitalisierung sowie demografischem Wandel.
Im Jahr 2015 veröffentlichten die Vereinten Nationen daher 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, die innerhalb von 15 Jahren bearbeitet werden sollten. Während die SDG-Ziele innerhalb Deutschlands noch nicht die Verbreitung und Bekanntheit erfahren haben wie in anderen Ländern, nimmt der Fokus auf ESG-Faktoren immer weiter zu. Insbesondere erweiterte Gesetzgebungen und Regularien bringen Unternehmen unabhängig von ihrer Größe dazu, sich verstärkt mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Die Politik muss dafür fördernde Rahmenbedingungen setzen. Außerdem ist die Unterstützung durch Wissenschaft und Bildung, Gesellschaft und Wirtschaft erforderlich, um diese Ziele zu erreichen. Mit diesem Buch stellen wir Ihnen eine Auswahl an bedeutenden Persönlichkeiten und ihre spannenden Beiträge zur Bewältigung dieser Herausforderungen vor. Alle Autorinnen haben in Vergangenheit und Gegenwart mit hoher ESG-Qualität viel zum Erreichen der SDG-Ziele beigetragen – und wollen das auch in Zukunft tun. Daneben lassen wir Akteure aus der Finanzindustrie zu Wort kommen. Für sie sind ESG und SDGs Tagesthemen.
Eine besondere Rolle kommt dabei der Wissenschaft und Forschung zu. Neue Technologien werden es uns in Zukunft erlauben, nachhaltiger zu leben. Dies schließt Kreislaufwirtschaft und Recycling genauso ein wie Prozessoptimierung und neue Energiequellen. Nur wenn wir weiterhin innovativ denken, werden wir Lösungen für die vielfältigen Herausforderungen unserer Zeit finden. Die Rolle von Ausbildungsbetrieben und Universitäten wird in der Diskussion rund um Nachhaltigkeit oft vernachlässigt. Dabei kann hier – neben der Forschung – vieles über positive Rollenmodelle und Motivation bewegt werden. Universitäten sollten Vielfalt sichtbar machen und Studierende darauf vorbereiten, in dieser Welt nachhaltig zu arbeiten und sie entsprechend zu gestalten. Wenn Menschen bereits in einem jungen Alter lernen, in gemischten Teams mit unterschiedlichen Perspektiven erfolgreich zu arbeiten und Nachhaltigkeit zu verfolgen, dann werden sie dieses Wissen auch in ihren Positionen im Berufsleben anwenden können und somit zum positiven gesellschaftlichen Wandel beitragen.
Zu guter Letzt spielen sich viele positive Veränderungen in den einzelnen Unternehmen ab. Wie der von uns seit 2018 durchgeführte bundesweite Wettbewerb „Erfolgreiche Frauen im Mittelstand“ zeigt, setzen sich Unternehmenslenkerinnen täglich dafür ein, eine nachhaltige Zukunft zu gestalten. Sie schaffen Arbeitsräume, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen; sie zahlen anständige Löhne und binden Mitarbeitende in wesentliche Entscheidungen ein; sie setzen auf Innovationen, Ressourcenreduzierung und erneuerbare Energien. Mit anderen Worten: Sie leben das moderne Bild der ehrbaren Kauffrau – und das natürlich nachhaltig. Sie motivieren nach dem Motto: „Können – Wollen – Machen – Frau“. Dem Landesfrauenrat Rheinland-Pfalz ist es wichtig, in diesem Sinne Frauen und Unternehmertum zu fördern und sie bei ihren Aktivitäten bezüglich ESG und SDGs zu unterstützen.
Es ist unmöglich, all die Facetten dieses täglichen, oft unbeachteten Einsatzes in einem Buch abzubilden. Dennoch möchten wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, mit dieser Sammlung spannender Best-Practice-Beispiele einen ersten Einblick und Inspiration geben. Inspiration, die Hoffnung gibt und zum Nachahmen und Weiterdenken einlädt. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen!
Claudia Rankers |
Prof. Dr. Nadine Kammerlander |
Vorsitzende des Vorstands Landesfrauenrat Rheinland-Pfalz |
Co-Direktorin des Instituts für Familienunternehmen und Mittelstand der WHU |
„Once little girls can see it, little girls can be it“ – wenn kleine Mädchen einmal etwas sehen können, dann können sie dies sein – sprach die 22-jährige Poetin Amanda Gorman zur Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden und betonte damit, wie wichtig es für alle US-Amerikanerinnen sei, dass mit Kamala Harris zum ersten Mal in der Geschichte der USA eine Frau, und dazu eine schwarze und asiatische Frau, zur Vizepräsidentin gewählt wurde. Gleichzeitig kündigte sie an, im Jahr 2036, wenn sie das rechtlich notwendige Alter dafür erreicht hat, selbst US-Präsidentin werden zu wollen.
Vorbilder sind von enormer Bedeutung für eine Gesellschaft und für jeden und jede Einzelne. Dies ist vielleicht der wichtigste Grund, wieso die Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen ein so wichtiger Schritt auf dem langen Weg zur Gleichstellung und Chancengleichheit auch in Deutschland ist.
Diese Mindestbeteiligung hat das Bundeskabinett Anfang Januar 2021 beschlossen und damit eine kontroverse Diskussion in Deutschland weiter befeuert. Große Einigkeit besteht in unserer Gesellschaft, dass Chancengleichheit und Freiheit zwei wichtige Markenkerne der sozialen Marktwirtschaft sind. Uneinigkeit besteht jedoch in der Frage, ob die Verbesserung von Chancengleichheit und Freiheit für die einen die Beschränkung von Freiheit für die anderen rechtfertigen kann. Dabei muss die Mindestbeteiligung kein Widerspruch sein: Eine kluge Gleichstellungspolitik kann und sollte die Freiheit für alle stärken, auch für Männer.
Karrierechancen von Frauen häufig gering
Die einen sehen in dem Gesetzesentwurf eine Notwendigkeit, um eine strukturelle und meist unsichtbare Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt abzubauen. Viele Männer verstehen diese Benachteiligung häufig implizit als Vorwurf gegen sich, sie würden Frauen diskriminieren. Das mag es zweifelsohne geben, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten aber sicherlich deutlich verbessert. Trotzdem bleiben der Anteil von Frauen in Führungspositionen und generell die Karrierechancen von Frauen häufig gering. Dies mag nicht selten wenig mit Diskriminierung zu tun haben, sondern eher mit anderen Faktoren, für die Männer nicht unmittelbar verantwortlich sind.
Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen, wie wichtig Netzwerke und Vorbilder sind, um berufliche Chancen entwickeln und ergreifen zu können. Viele Mädchen und junge Frauen können sich manche Berufsbilder und Karriereoptionen kaum realistisch für sich persönlich vorstellen, weil es kaum weibliche Vorbilder für sie gibt. Auch deshalb ist es so wichtig, dass mehr Frauen in ganz hohe Führungspositionen kommen – und deshalb ist die Mindestbeteiligung in Vorständen auch sinnvoll und wichtig, obwohl sie erst mal nur für 74 börsennotierte und gleichzeitig paritätisch mitbestimmte Unternehmen gilt, die einen mindestens vierköpfigen Vorstand haben.
Ein wichtiger Teil des Diskurses, um die scheinbar unüberbrückbaren Differenzen zwischen Befürwortern und Gegnern der Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen zu lösen, ist, genau dieses Bewusstsein zu schaffen. Es geht in unserer Gesellschaft heute häufig nicht primär um Diskriminierung und Schuld, sondern um Freiheit und wirkliche Chancengleichheit. Und welcher Mann möchte nicht die gleiche Freiheit und die gleichen Chancen für seine Partnerin, seine Tochter, Schwester, Mutter, Enkelin oder gute Freundin wie für sich selbst?
Ein zweiter, kontroverser Punkt ist der Vorwurf, eine gesetzliche Vorgabe würde die Freiheit der Unternehmen beschneiden. Dieser Vorwurf ist richtig, die Mindestbeteiligung beschneidet, zumindest temporär, die Entscheidungsmöglichkeiten der betroffenen Unternehmen. Diese Beschränkung ist jedoch wie gesagt temporär, denn mit einem zunehmenden Anteil von Frauen in Führungspositionen wird die Frage einer Quote irrelevant werden. Viele nordische Länder machen uns vor, wie man Freiheit und Chancengleichheit für Männer und für Frauen in Einklang bringt.
Diversität bringt Erfolg
Eine Studie der Beratungsfirma BCG zeigt, dass Unternehmen zudem von diversen Vorständen auch wirtschaftlich und finanziell profitieren. Unter den 100 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland haben solche mit diversen Führungsteams eine um 9 % höhere Gewinnmarge und einen fast 20 % höheren Umsatzanteil durch Innovationen. Frauen tragen neue Perspektiven bei, und die größere Diversität ermöglicht es, die Ressourcen eines Unternehmens besser zu nutzen. Daher sollten sich auch Eigentümer der Unternehmen in Zukunft viel stärker einbringen und ihr Management dazu drängen, ein höheres Gewicht auf Diversität zu legen.
Deutschland hängt beim Anteil von Frauen in Vorständen international hinter vergleichbaren Ländern deutlich hinterher, wie das neueste Managerinnen-Barometer des DIW Berlin zeigt. Dabei erweist sich die Geschlechterquote für Aufsichtsräte, die 2015 für große Unternehmen eingeführt wurde, als Erfolg. Bemerkenswert ist, dass Unternehmen, für die die gesetzliche Quote für Aufsichtsräte gilt, auch mehr Frauen in ihren Vorständen haben.
Aber obwohl in diesen Unternehmen mittlerweile rund 36 % der Positionen in Aufsichtsräten mit Frauen besetzt sind, liegt der Anteil der Vorständinnen nur bei knapp 13 %. Vor allem Unternehmen in der Finanzbranche tun sich ungewöhnlich schwer, den Anteil von Frauen im oberen Management und in Vorständen zu erhöhen.
Die Erfahrung in Deutschland mit der Frauenquote in Aufsichtsräten ist ermutigend für die Mindestbeteiligung von Frauen in Vorständen. Gleichzeitig dürfen wir aber keine zu hohen Erwartungen haben. Die vom Bundeskabinett beschlossene Vorgabe ist eine Minimalversion, die kurzfristig nur wenig wird ändern können, weil nicht viele Unternehmen an sie gebunden sein werden. Sie kann aber einen wichtigen Impuls setzen. Viel wichtiger als die bloße Entwicklung der Zahlen ist eine Veränderung der Mentalität und Werte in unserer Gesellschaft. Dieses Buch möchte dazu beitragen. Die große Vielfalt der Autorinnen – alles Vorbilder – sensibilisiert, informiert und motiviert zu eigenem Engagement.
Die Mindestbeteiligung für Vorstände ist ein wichtiges Signal und ein Schritt hin zu mehr Chancengleichheit. Zu hoffen bleibt, dass diese gesetzliche Vorgabe in absehbarer Zeit nicht mehr als eine Beschneidung der Freiheiten von Männern wahrgenommen wird, sondern als das Gegenteil – eine größere Freiheit für Frauen und für Männer, von der Unternehmen auch wirtschaftlich profitieren.
Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW)
UNIV.-PROF. DR. MARION A. WEISSENBERGER-EIBL
Institutsleiterin Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI und Inhaberin Lehrstuhl für Innovations- und Technologie Management (iTM) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

© Rahel Täubert
Welche Netzwerke waren für Sie und Ihre berufliche Entwicklung relevant?
Ich bin in verschiedenen Netzwerken und Gremien aktiv, um in erster Linie einen Beitrag für andere zu leisten. Aber auch ich ziehe großen Nutzen aus dieser Arbeit. Beispielsweise bin ich seit 2017 im Lenkungskreis der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030, die Wissenschaftler:innen mit Persönlichkeiten aus der Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zusammenbringt und drängende Nachhaltigkeitsthemen diskutiert. Vertreter:innen verschiedener Disziplinen kommen auch im Strategiedialog Automobilwirtschaft Baden-Württemberg zusammen. In diesem Dialog begleite ich gemeinsam mit Wissenschaftsministerin Theresia Bauer als Co-Lead im Rahmen der Kernarbeitsgruppe „Forschungsund Innovationsumfeld“ sehr aktiv den Transformationsprozess der Branche. In einer komplexen Welt wird dies immer bedeutender. Wenn wir interdisziplinär zusammenarbeiten und uns austauschen, erhalten wir ein ganzheitliches Bild. Für neue Ideen, die auch Akzeptanz und Anwendung finden wollen, ist dies essenziell.
Welche Mentorin/welcher Mentor hat Sie beeindruckt?
Ein sehr wichtiger Mentor in meinem Leben war mein Doktorvater, Professor Horst Wildemann. Beeindruckt hat er mich, weil er mir zeigte, dass es sich lohnt, neue Wege zu gehen, auch wenn diese zunächst ungewöhnlich erscheinen und vielleicht auch steiniger sind als manch anderer Weg. Das setzten wir auch gemeinsam in die Praxis um, als wir für unsere Forschung Industrie-Drittmittel akquirierten. Dies war damals eher ungewöhnlich für universitäre Forschung.
Was würden Sie als Mentorin an die nächste Generation weitergeben?
Der jungen Generation rate ich, stets persönliche Ziele zu definieren und unbedingt der eigenen Leidenschaft zu folgen. Je mehr unser Handeln dieser Leidenschaft folgt, desto besser und erfolgreicher werden wir. Am Ende gehen uns diese Tätigkeiten auch viel leichter von der Hand. Doch manchmal ist es erforderlich, sich auf sich ändernde Rahmenbedingungen und Möglichkeiten einzustellen, seine Ziele zu hinterfragen und gegebenenfalls die Richtung zu ändern. Um ihren eigenen Weg zu finden, rate ich jungen Menschen, persönliche Ideen und Gedanken nachdrücklich zu kommunizieren und auch offen für andere Gedanken zu sein und in den Austausch auf allen Ebenen zu gehen, um die eigene Perspektive zu reflektieren.
Wie setzen Sie Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen um?
Am Fraunhofer ISI bilden wir unser Wirken für Nachhaltigkeit in unserem Nachhaltigkeitsbericht ab. Dabei fokussieren wir uns nicht auf unsere Forschungsarbeit, sondern auf unser Handeln im Arbeitsalltag. In unserer Forschungsarbeit beschäftigen wir uns in verschiedenen Competence Centern (CC) mit dem Thema Nachhaltigkeit. Ein eigenes CC forscht beispielsweise zum Thema Nachhaltigkeit und Infrastruktursysteme und analysiert u. a. die Möglichkeiten für eine effizientere Nutzung von Ressourcen oder die Reduktion von Emissionen. Als Institutsleiterin ist es mir ein Anliegen, Nachhaltigkeitsthemen und gewonnene Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zielgruppengerecht zu vermitteln. Darüber hinaus nutze ich meine Gremienarbeit, wie beispielsweise in der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030, um zu den Themen auch in den interdisziplinären, ressortübergreifenden und offenen Austausch zu gehen und Ideen zu entwickeln, die uns auf unserem Weg zu mehr Nachhaltigkeit weiter voranbringen.
Nachhaltigkeit ist aus der früheren Nische in den Mainstream gewandert – sie ist nicht mehr nur Thema einiger Naturverbundener, sondern als gesamtgesellschaftliche Herausforderung akzeptiert, die weit über ihren Ursprung hinausgeht. Es gilt, sie als grundlegende Strategie und Querschnittsaufgabe bei all unseren Entscheidungen anzuerkennen – in der Gesetzgebung, im Innovationsprozess, in der Lieferkette und auch beim alltäglichen Konsum.
Seit 2007 darf ich mit dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI ein Institut leiten, das im Bereich der Nachhaltigkeit forschungsstark ist. In zahlreichen Projekten einer speziellen Abteilung und darüber hinaus forschen wir zu nachhaltigkeitsrelevanten Fragestellungen. Gleichzeitig bringe ich mich persönlich als Innovations- und Zukunftsforscherin in den Diskurs ein und bin in Gremien wie der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit wpn2030 oder der Kompetenzplattform nachhaltig.digital aktiv.
Warum? Weil Nachhaltigkeit kein Luxus ist, sondern eine Notwendigkeit, um auch zukünftigen Generationen einen lebenswerten Planeten, wirtschaftlichen Wohlstand und ein gesundes soziales Umfeld zu ermöglichen.
Nachhaltigkeit für die Zukunft
Die sogenannten Grand Challenges, wie z. B. die Klimakrise, die Ressourcenknappheit oder der demografische Wandel, erhöhen den Druck auf uns alle. Wir müssen unsere Art, wie wir miteinander leben, wirtschaften und arbeiten, reflektieren und lernen, nachhaltiger zu agieren. Nachhaltigkeit bedeutet, soziale, ökologische und ökonomische Ziele in Einklang zu bringen. Sie durchdringt damit verschiedenste Veränderungsprozesse, Branchen und Handlungsalternativen unterschiedlichster Akteure.
Bereits heute spielt Nachhaltigkeit eine relevante Rolle in unserer Gesellschaft. Sie wird uns aber in Zukunft immer stärker prägen und zu einem Umdenken führen. Ein gesellschaftlicher Wertewandel könnte z. B. dazu führen, dass in Zukunft Tätigkeiten wie Erfinden, Herstellen, Modifizieren, Teilen, Recyceln oder Reparieren defekter Produkte für die Menschen immer wichtiger werden und zu einer Art „Selbermachwirtschaft“, „Shareconomy“ und Kreislaufwirtschaft führen. Der Wertewandel beeinflusst aber schon jetzt unsere Art des Konsumierens: Immer mehr Menschen wollen wissen, wie nachhaltig Produkte sind oder wie nachhaltig die dahinterstehenden Unternehmen handeln.
Auch die Zukunft der Arbeit betrifft uns alle. So sollte nachhaltige Arbeit beispielsweise Einkommen und Sinnstiftung bieten, keine negativen Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit und die Umwelt haben und gleichzeitig Prosperität und Produktivität sicherstellen. Letztlich kann die Zukunft der Arbeit in vielen Bereichen nachhaltiger sein. Meetings oder Konferenzen, für die Menschen früher weite Strecken zurücklegen mussten, werden jetzt online durchgeführt. Auch das Home-office hat sich etabliert. Ob sich der Trend auch nach Corona fortsetzt, wird sich zeigen. Viele Organisationen haben jedoch die entsprechende IT-Infrastruktur geschaffen und reflektieren derzeit, ob eine uneingeschränkte Präsenzkultur noch zeitgemäß ist. Es liegt auch in unserer Verantwortung, Arbeit entlang der globalen Liefernetzwerke nachhaltig zu gestalten.
Diese und weitere Erkenntnisse durfte ich im Rahmen meiner Gremienarbeit für die wpn2030 in das Thema „Zukunft der Arbeit“ einbringen und diskutieren.1 Mit Stakeholdern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft reflektieren wir drängende Fragen der Nachhaltigkeit umfassend. Meine Rolle sehe ich vor allem darin, den involvierten Akteuren einen Blick in die Zukunft abzuverlangen – sie immer wieder dazu zu ermutigen, Zukunft aktiv zu gestalten. Als Zukunftsforscherin betone ich dabei die Bedeutung von Zukunftsbildern, d.h. Beschreibungen von wünschenswerten und realistischen Zukünften. Und stoße eine Diskussion darüber an, wie wir diese erreichen können.
Auch in der Mobilitätsdebatte finden verstärkt nachhaltigkeitsrelevante Überlegungen statt. Egal, ob wir darüber diskutieren, wie wir die CO2-Emissionen minimieren, oder ob es ein allgemeines Tempolimit geben sollte. Ob wir uns fragen, inwiefern der Staat Elektromobilität oder Wasserstoffantriebe subventionieren soll, wie wir die Innenstädte lebenswerter gestalten können oder welche Modelle auch für die Landbevölkerung komfortabel nutzbar sind. Klar ist, Mobilität ist ein Thema, das uns alle und verschiedenste Nachhaltigkeitsziele betrifft.
Aus diesem Grund hat die Landesregierung Baden-Württemberg gemeinsam mit Herstellern, Zulieferern, Wissenschaft und Zivilgesellschaft den Strategiedialog Automobilwirtschaft BW initiiert, an dem ich mich als Leiterin der Kern-AG „Forschungs- und Innovationsumfeld“ aktiv beteilige. Wir wollen die Transformation dieses wichtigen Wirtschaftszweigs zu einem Erfolg für Menschen, Unternehmen und Klimaschutz machen. Das Ziel sind klimafreundliche und digital vernetzte Mobilitätslösungen. Dabei wird es nicht reichen, sich z. B. auf die Entwicklung neuer Kraftstoffe oder den Ausbau eines guten ÖPNV zu einigen. Wir müssen technologieoffen entlang der gesamten Wertschöpfungskette die Themen der Zukunft angehen. Und vor allem auch gemeinsam über völlig neue Mobilitätskonzepte nachdenken!
Auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit
Zuallererst bin ich davon überzeugt, dass sich Organisationen – unabhängig von ihrer Größe – verstärkt strategisch mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen müssen und systematisch überlegen, wie sie den SDGs Rechnung tragen.2 Denn das geht mit der umfassenden Analyse der Zukunftsfähigkeit der eigenen Organisation einher. Um so die Zukunftsfähigkeit der eigenen Organisation umfassend zu analysieren, braucht es gute Ideen. Mutige Ansätze entstehen dann, wenn wir neu zusammenkommen und voneinander lernen, und nur selten in engen Zirkeln, in denen alle „dieselbe Sprache sprechen“.
Auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit, müssen wir außerdem Digitalisierung und Nachhaltigkeit verknüpft denken. Die digitale Transformation ist ein Metatrend, der viele verschiedene Bereiche durchdringt. Entgegen gängiger Narrative ist die Digitalisierung jedoch nicht per se nachhaltig, sondern durchaus ambivalent zu betrachten.
Zukunftsfähig werden wir, wenn wir die digitale Transformation adaptieren, sie also nachhaltiger gestalten, indem wir z. B. die ökologischen Kosten von Rechenzentren minimieren. Gleichzeitig können wir aber durch die Digitalisierung Nachhaltigkeitsziele erreichen, wenn wir sie als Tool nutzen. Mit digitalen Technologien kann beispielsweise die Landwirtschaft Biodiversität schützen und Böden effizienter bewirtschaften.
Ausblick: Chancen für die Nachhaltigkeitswende
Die Corona-Pandemie hat uns überdeutlich aufgezeigt, wie vernetzt, komplex, anfällig und verwundbar unsere Welt und die dazu gehörenden Systeme sind.
Anstatt zum Status quo ante zurückzukehren, plädiere ich dafür, dass wir die gegenwärtige Krise als Chance nutzen, um die nachhaltige Entwicklung zu beschleunigen. Wir können Entwicklungen und Erkenntnisse aus der Krise mitnehmen und für unsere Zukunftsgestaltung nutzen. Damit beschäftigen sich auch meine Kolleg:innen am Fraunhofer ISI. Sie haben drei Bereiche identifiziert, in denen jetzt schon eine Menge Bewegung zu finden ist: Mobilität, Wirtschaft und Konsum sowie Ernährung.3
Ich bin davon überzeugt, dass wir vieles besser machen können. Denn ein Zurück zu stundenlangen Pendlerstrecken ohne die Möglichkeit des mobilen Arbeitens ist nicht erstrebenswert. Ein Zurück zu den fragilen Lieferketten, in denen immer noch systematisch Menschenrechte verletzt werden, geht nicht mit unserem Verständnis der sozialen Marktwirtschaft einher. Ein Zurück zur uneingeschränkten Konzentration auf fossile Ressourcen zur Sicherung der aktuellen Wirtschaftslage passt nicht zu einer zukunftsorientierten Gesellschaft.
Wenn wir uns erfolgreich für die Zukunft aufstellen wollen, müssen wir uns vermehrt mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Nachhaltigkeitsrelevante Problemstellungen zu bearbeiten, diese mit Leidenschaft und Hartnäckigkeit voranzutreiben sehe ich letztlich auch als meine Verantwortung als Leiterin eines Forschungsinstituts und als Universitätsprofessorin. Denn Nachhaltigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft angegangen werden muss. Wir alle müssen unseren Teil dazu beitragen.
Quellen
1Lessenich, S., Weissenberger-Eibl, M.A., Holtmann, T., Lindemann, K., Barth, T., Mutafoglu, K., Schmidt, F., Walli-Schiek, M., (2020), Wege zu einer nachhaltigen Arbeitswelt. Abschlussbericht der wpn2030-Arbeitsgruppe „Zukunft der Arbeit“. wpn2030 – Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030. Potsdam: Institute for Advanced Sustainability Studies IASS.
2Weissenberger-Eibl, M.A. (2020), Das Ideenmanagement bietet reichlich Potenzial für mehr Nachhaltigkeit. In: Deutsches Institut für Ideen- und Innovationsmanagement (Hrsg.): Ideenmanagement und die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung: Methodische Integration und Praxisbeispiele. Kempten: Deutsches Institut für Ideen- und Innovationsmanagement.
3Bodenheimer, M., Leidenberger, J. (2020), COVID-19 als Chance für die Nachhaltigkeitswende? [Blog Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI]. Online verfügbar unter https://www.isi.fraunhofer.de/de/blog/2020/Covid-19-als-Chance-Nachhaltigkeit.html, zuletzt geprüft am 09.03.2021.
CORNELIA LAMBERTY
Gründerin und Geschäftsführerin der moccamedia GmbH

© moccamedia
Welche Netzwerke waren für Sie und Ihre berufliche Entwicklung relevant?
Senat der Wirtschaft und Global Female Leaders.
Wie setzen Sie Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen um?
Im zweijährlichen Turnus lassen wir uns CSR- (Corporate Social Responsibility) zertifizieren. Mehrfach in Folge erzielten wir dabei signifikant gute Werte und wurden mit dem Silver Rating ausgezeichnet. Wir leben und arbeiten mit einer nachhaltigen Wertevorstellung und setzen diese gemeinsam mit allen Mitarbeitenden regelmäßig um.
Was würden Sie jungen Unternehmer:innen in diesem Zusammenhang mitgeben?
Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, Respekt und Wertschätzung gegenüber Mitarbeitenden, Partnern und Dienstleistern.