
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
© 2021 by Braumüller GmbH
Servitengasse 5, A-1090 Wien
www.braumueller.at
Cover Montage: © Shutterstock/Gorbash Varvara
eISBN 978-3-99200-306-8
Für meine Familie
Die neuen Berufe unserer Zeit: Der Phrenologe;
der Eisenbahner; der Landschaftsgärtner; der Dozent;
der Zauberer, die Geisterklopfer, der Mesmerist,
das Medium; und der Fotograf.
Ralph Waldo Emerson, 1855
Wenn du erfolgreich sein willst, dann musst du neue
Wege einschlagen und nicht auf den ausgetretenen Pfaden
des gemeinhin akzeptierten Erfolgs marschieren.
John D. Rockefeller
I
Maggie
Drei Männer
Vor dem Erscheinen des Toten Riesen
Maggie
Die Rückkehr / Margarets Beichte
Alltag in Rochester
Kate
Der Tote Riese erwacht
Der Tote Riese erhält eine Stimme
Maggie
Der Tote Riese kommt nach Rochester
Die erste Tournee
Leah
Die Seneca Falls Convention
Ein Vermächtnis
Hydesville
Kate
Gefahren
Außerordentliche Behauptungen / Außerordentliche Beweise
Maggie
Das Spiel, das keines mehr ist
Briefe
Brief von Kate an Maggie
Brief von Maggie an Elisha Kent Kane
Brief von Elisha Kent Kane an Maggie
Brief von Kate an Maggie
Brief von Maggie an Elisha Kent Kane
Brief von Elisha Kent Kane an Maggie
II
Der Einfluss mächtiger Männer
Hass und Furcht
Kate
Selbstgewählte Gefangenschaft
Der Held kehrt zurück
Maggie
Abschied
Eine neue Normalität
Maggie
III
Neubeginn
Beinahe ein ganzes, glückliches Leben
Maggie
Leah sagt: Das Schicksal will es so
IV
Angst
Maggie
Ein Vorgeschmack auf das, was kommt
Die Entscheidung
Erwartungen auf einen besonderen Abend
Der Todesstoß
V
Eine Zukunft in Frieden
Lebt wohl
Epilog
Die Hinterlassenschaft
Leah
[ Es ist immer noch ein Spiel, obwohl es inzwischen oft mehr zu sein scheint. Doch Leah erinnert uns regelmäßig. Sie sagt: Es ist ein Spiel. Und sie hat recht.
Dieses Mal sind es drei Männer, wichtige Männer. Sie warten vor der Tür. Leah lässt sie gerne warten, genau wie Kate. Leah sagt, dass dieses Warten wichtig ist. Sie nennt es einen „grundlegenden Teil des Spiels“. Einen Teil des Geheimnisses. Mir fällt dieses Warten schwer. Es ist nicht leicht, ruhig zu bleiben, vorzugeben, dass man alles weiß, eine Antwort auf jede Frage zu haben. Doch es funktioniert. Immer. Zumindest wenn Kate dabei ist.
Draußen auf der Straße höre ich Verkäufer, vorbeifahrende Pferdekarren, Glockenläuten. Ein Hammer saust auf einen Amboss, dann noch einmal und noch einmal; Menschen rufen, laut und unverständlich. Ihr Brüllen und der Lärm sind wie Musik. New York ist riesig. Viel größer als Rochester. Noch viel größer als in meiner Vorstellung. Hier will ich bleiben. Inmitten der Menschen. Will sie beobachten, von ihnen lernen. Der Lärm beruhigt. Mich. Kate nicht. Für sie ist hier von allem zu viel. Ich spüre ihre Angst, als wäre sie meine, doch will ich sie beruhigen, sagt sie, dass es nicht notwendig sei. Ich spüre, wie sie mich imitiert. Manchmal ist sie wie ein Spiegel, sie weiß ganz genau, was ich als Nächstes mache, wie ich mich bewegen werde, wohin ich gehe, was ich denke. Manchmal sagt sie aus dem Nichts: Ich weiß, was du denkst. Und ich weiß, dass es stimmt. Ab und zu geht es mir mit ihr auch so, doch meistens kennt sie mich besser als ich sie. Früher musste ich Kate beschützen. Heute nicht mehr. Sie ist stark. Sie versteht die Erwachsenen, liest sie wie ein Buch. Leah sagt, sie wurde so geboren. Sie ist der Überzeugung, dass ich das auch kann, und ich glaube ihr. Kate hat mir gezeigt, wie sie es macht. Sie sagt: Du musst ihnen zusehen, ganz genau. Du musst beobachten, wie sie sich bewegen, wohin sie ihren Blick richten, was sie denken. Es sind meine Worte. Vor vielen Jahren, als wir noch in Kanada lebten, habe ich ihr diesen Ratschlag gegeben und jetzt gibt sie ihn mir zurück. Wir waren noch kleine Kinder. Kate wusste nie, wie jemand fühlt, warum die Eltern wütend waren, warum der Vater schwieg oder schrie, warum die Mutter brüllte oder weinte. Ich habe sie an der Hand genommen, ihr gesagt, dass man die Launen voraussehen kann, dass sich die Wut ankündigt und man sich darauf vorbereiten kann, wenn man ganz genau beobachtet. Kate hat das getan. Sie begann ihre Umwelt zu studieren, als ginge es um ihr Leben. Längst kann sie es viel besser als ich. Kate sieht einen Menschen an und weiß alles über ihn.
Mir gelingt das nicht immer. Manchmal mache ich Fehler. Böse ist sie mir deswegen nie. Meistens findet sie es sogar lustig. Das tut gut. Zuerst habe ich immer ein schlechtes Gewissen, aber danach lachen wir darüber. Sie sagt: Lass uns üben, damit wir besser werden. Immer sagt sie wir. Sie bräuchte die Übung nicht.
Ich stehe auf, blicke aus dem Fenster, es schneit. Draußen sehe ich das Leben. Ich drehe mich um und beobachte Kate, die auf dem Teppich sitzt und sich vorbereitet. Ich sehe Leah, die auf einem Stuhl steht und mit ihrem Finger die Decke bemalt. Draußen ist das Leben, hier in diesem Zimmer ist es nicht. Leah ist gleich fertig, ich setze mich zu Kate auf den Boden. Leah steigt vom Stuhl, kniet sich zu uns nieder, lächelt, kneift uns in die Wangen, steht auf und lässt sich dann auf den großen Sessel fallen. Sie atmet tief ein und aus. Noch ein bisschen warten. Das ist wichtig. Gleich werden wir beginnen.
Vor der Tür stehen die drei Männer. Wir wissen alles über sie. Leah sagt, dass die Männer wichtig sind. Nein, anders: dass sie denken, dass sie wichtig sind. Gerade aus diesem Grund lassen wir sie noch etwas länger warten. Ich weiß: Wenn ich längst beginnen will, muss ich mindestens noch bis hundert zählen. Dann, frühestens, bitten wir sie herein.
Draußen ist das Leben, hier drinnen ist es nicht. Hier drinnen sind die Toten. Und gleich werden sie zu sprechen beginnen.
Wir werden sie zum Sprechen bringen. ]
Leah saß erschöpft auf dem weichen Ledersessel und genoss für einen Moment die wohlige Wärme. In wenigen Minuten würde sie aufstehen, die Tür öffnen und die Männer würden den Raum betreten. Die Männer, immer waren es Männer. Sie lebte in einer Welt, die voll war von Männern, die sämtliche Macht besaßen und alles daransetzten, dass dies auch so blieb. Männer, die ihr behilflich sein konnten, die förderten und unterstützten, aber die auch, wenn es ihnen beliebte, niedermachen, bloßstellen oder vernichten konnten. Leah ließ sie gezielt länger warten. Alle drei waren Koryphäen in ihrem Fachgebiet: ein Verleger, ein Schriftsteller, ein Poet – Männer des geschriebenen Wortes, deren Stimmen die Standpunkte der USA beeinflussten. Sie alle würden mit Sicherheit über das berichten, was ihnen an diesem Abend bevorstand, so viel war klar. Sowohl in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis als auch öffentlich, in Magazinen, auf Vorträgen und vor allem in den Zeitungen. Horace Greeley war die Tribune, die Tageszeitung, die zwar im Bundesstaat New York nicht die größte Leserschaft hatte, doch seit geraumer Zeit als das einflussreichste Blatt des Landes galt. Zeitungen hatten Autorität und Einfluss, sie erschufen die Realität und hatten Macht. Macht, die einen bloßzustellen und die anderen zu Helden zu machen. Gerne erinnerte sich Leah an Sir John Franklin, den Polarforscher, der vor einigen Jahren versucht hatte, erstmals die Nordwestpassage, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet, zu durchsegeln. Niemand in den USA hatte zuvor den Namen des britischen Kapitäns gekannt, doch als sein Schiff spurlos verschwand, berichtete plötzlich jede Zeitung des Landes über den unauffindbaren Abenteurer, über sein heldenhaftes Wesen und seinen bemerkenswerten Mut. Aus dem Nichts erschufen die Medien innerhalb kürzester Zeit einen Helden, aus dem simplen Grund, dass Heldengeschichten die Auflagen in die Höhe schnellen ließen. Monatelang verging kein Tag, an dem man nicht neue Spekulationen über Franklin und sein verschollenes Schiff, die Terror, erfuhr. Die regelmäßigen Meldungen machten aus einem Kapitän den Kapitän, aus einer der vielen Arktisexpeditionen die Arktisexpedition und obwohl das Verschwinden der Terror inzwischen schon Jahre zurücklag, war der Name Sir John Franklin nach wie vor in aller Munde.
Was Leah an dieser Geschichte am meisten faszinierte, war, dass ohne die Berichterstattung niemand von dieser Expedition oder von Franklin selbst erfahren hätte und dass dieser Mann seinen diskutierbaren Ruhm allein den Zeitungen zu verdanken hatte. Die Zeitungsmacher hatten entschieden, einen Helden zu kreieren, und so war aus dem Kapitän einer geworden. Genau das wünschte sich Leah für sich und ihre Schwestern. Sie war sich sicher, dass Maggie und Kate das Potenzial hatten, die ersten amerikanischen Heldinnen zu werden, und die drei Männer im Vorraum würden ihnen dabei helfen.
Jeder war seines eigenen Glückes Schmied oder wie es in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten hieß: Alle Menschen haben das unveräußerliche Recht, nach Freiheit und Glück zu streben. Leah trachtete nach genau dieser Freiheit und diesem Glück und Maggie und Kates Geister waren der Schlüssel dazu.
Doch noch hatten sie die Herren nicht auf ihrer Seite. Leah stellte sich immer wieder die Frage, ob Maggie und Kate angemessen vorbereitet waren. Wussten sie genug? Hatte Leah ihre Schwestern gut genug instruiert? Sie hatte, seitdem sie von dem Wunsch der Männer nach einer Privatvorführung erfahren hatte, unzählige Stunden damit verbracht, sich über die drei schlauzumachen, über Essenzielles, aber noch viel wichtiger über scheinbar Unbedeutendes, um dann ihr Wissen an ihre Schwestern weiterzugeben. Bis spät in die Nacht waren sie aufgeblieben, hatten auswendig gelernt und geübt, hatten die Sitzung durchgespielt, immer und immer wieder. Etwas, das sie zuvor nicht getan hatten, da Maggie und Kate ihr Handwerk eigentlich beherrschten. Doch dieses Mal ging es um mehr. Leah hatte zuerst die Rolle der einzelnen Männer, später die der gesamten Gruppe übernommen, hatte unzählige Fragen gestellt, Szenarien entworfen und das Auftreten der Schwestern, wenn nötig, korrigiert. Viel gab es nicht zu bemängeln, da Maggie und Kate ein angeborenes Talent hatten, ihr Gegenüber zu lesen und durch ihre authentische und aufgeschlossene Art beinahe alle Gäste von der ersten Minute an entwaffneten. Die Menschen waren fasziniert ob der kindlichen Anmut der Schwestern, von deren Schönheit, die, wenn sie nicht im Rampenlicht standen oder überhaupt nie gestanden wären, leicht zu übersehen war, von Leahs Eloquenz und Sinnlichkeit und natürlich von den übernatürlichen Ereignissen, die sich in Anwesenheit der Fox-Schwestern abspielten.
Sie warf einen letzten Blick auf die Uhr, atmete tief ein, stand auf und legte der sechzehnjährigen Maggie und der dreizehnjährigen Kate sanft die Hand auf die Schulter. Sie waren schon so groß geworden. Maggie war beinahe eine Frau und Kate würde es bald sein. Es würde die Arbeit erschweren, das wusste Leah. Bereits jetzt gab es Momente, in denen sie sich sorgte: Dass die zwei den Fokus verlieren könnten, dass sie alles hinschmeißen oder unter dem Druck zusammenbrechen würden. Doch heute machte es nicht den Anschein. Heute musste alles perfekt funktionieren.
Maggie und Kate saßen auf dem Teppich und blickten mit großen Augen zu ihr hinauf. Leah lächelte, ihre Schwestern taten es ihr gleich.
„Sollen wir beginnen?“, wollte Leah fragen, doch die Worte brauchte es nicht. Wie abgesprochen standen die beiden vollkommen gleichzeitig auf, nahmen wortlos an dem kleinen runden Tisch in der Mitte des Wohnzimmers Platz und schlossen dann im selben Moment die Augen. Für jeden anderen hätte die Szene befremdlich gewirkt, doch Leah verwunderte dies schon lange nicht mehr. In ihrem Kopf zählte sie bis zehn und sah, dass ihre Schwestern erneut gleichzeitig nickten. Leah atmete ein weiteres Mal tief ein und aus, trat an die schwere, dunkle Tür und öffnete sie. Da standen sie. Sie blickte in die Gesichter der drei Männer und ohne darüber nachdenken zu müssen, kamen ihr all die Fakten in den Sinn, die sie in den letzten Tagen über die Besucher gesammelt hatte:
Da war Horace Greeley, neununddreißig Jahre alt, Gründer und Herausgeber der Tribune, der einflussreichsten Zeitung des Landes. Anders als die New York Sun oder der Herald, über die in besseren Kreisen oftmals der Kopf geschüttelt wurde, war die Tribune bekannt dafür, Nachrichten zu veröffentlichen, die einen hohen Moralstandard hatten. Genau aus diesem Grund war Greeley so wichtig. Um diese Leserschicht, die Intellektuellen, die Mächtigen und die wohlhabenden Bürger auf ihre Seite zu bekommen. Horace Greeley wirkte viel zu jung für seine einflussreiche Position. Sein schmales Gesicht hatte etwas Knabenhaftes, das durch den sonderbar gestutzten Ziegenbart nur verstärkt wurde. Die harten Fakten: Greeley war der Herausgeber der Tribune, verfasste selbst regelmäßig Leitartikel und Kommentare, war Republikaner und ausgesprochener Befürworter der Sklavenabschaffung. Zu seinen engsten Freunden zählte die Schriftstellerin Margaret Fuller, die Leah über alles bewunderte. Diese hatte 1845 das Frauenrechts-Standardwerk Woman in the Nineteenth Century geschrieben, das die weibliche Bevölkerung zu mehr Selbstbestimmtheit anspornte und das Leah schon drei Mal intensiv gelesen hatte.
Essenzielles über Greeley: 1836, also vor vierzehn Jahren, hatte er die Lehrerin Mary Youngs Cheney geheiratet, mit der er seine Leidenschaft für Poesie und fleischlose Ernährung teilte. Die beiden lebten, das war leicht in Erfahrung zu bringen, in einer äußerst disharmonischen Beziehung. Mary Greeley war bekannt dafür, unter einer niederschmetternden Migräne und einer generellen Schwermut zu leiden. Das waren wertvolle Details, die Leah und auch ihre beiden Schwestern in- und auswendig kannten. Die wichtigste Information jedoch war, dass Horace und Mary Greeley sieben Kinder hatten. Gehabt hatten, um genau zu sein, da fünf von ihnen bereits sehr früh verstorben waren. Greeley und ganz besonders seine Frau Mary, die ihn vor einigen Monaten das erste Mal dazu ermutigt hatte, den Kontakt mit Leah und ihren Schwestern aufzunehmen, waren äußerst empfänglich für jede potenzielle Möglichkeit, die Vergangenheit ein letztes Mal, nur ein allerletztes Mal, Revue passieren zu lassen. Genau dies war eine ideale Grundvoraussetzung für eine Séance.
Der zweite Gast war der Schriftsteller James Fenimore Cooper, der durch den Lederstrumpf-Zyklus und durch den Roman Der letzte Mohikaner Ruhm und Reichtum erlangt hatte. Der äußerst füllige sechzigjährige Mann mit den etwas traurig wirkenden, aufmerksamen Augen war auch aus dem Grund bekannt, dass er einer der wenigen Romanautoren in den USA war, der von seinen Büchern gut, wenn nicht sogar sehr gut leben konnte. James Fenimore Cooper stand neben Horace Greeley, stützte sich auf seinen Gehstock, atmete schwer und wirkte müde und alt. Dieses Auftreten war jedoch, das hatte Leah ebenfalls in Erfahrung gebracht, nur Show. Aus zuverlässiger Quelle wusste sie, dass Cooper sich gezielt schwächer präsentierte, als er in Wirklichkeit war. Der Stock war ein Accessoire, das er benutzte, um jeden seiner Schritte zu betonten, und das er, wenn er sich in Gesellschaft befand, in der er sich wohlfühlte, oft unter seinem Arm einklemmte oder gar nicht erst verwendete. Auch er und seine Frau hatten zwei Kinder verloren, wobei sich dies bereits vor vielen Jahren ereignet hatte und bei der Sitzung vermutlich nicht zur Sprache kommen würde. Weitaus mehr interessierten ihn mit Sicherheit die Soldaten und Indianer, die in den Schlachten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gefallen waren, zu deren Zeit die meisten seiner Romane spielten. Leah hatte erfahren, dass Cooper schon als junger Mann eine tiefe Faszination gegenüber dem Tod gezeigt hatte. Während seiner Zeit als Seemann war es nicht nur einmal vorgekommen, dass ein Mann vor seinen Augen ertrunken war, und es hieß, in jüngeren Jahren habe Cooper regelmäßig die verschiedenen Schlachtfelder des Siebenjährigen Kriegs besucht, um dann im Freien an genau den Plätzen zu übernachten, an denen die meisten Soldaten oder Indianer ihr Leben gelassen hatten, nur um den verlorenen Seelen so nah wie möglich zu sein und deren Präsenz zu spüren.
Leah, Maggie und Kate kannten all diese „Geheimnisse“ und waren darauf vorbereitet, dass James Fenimore Cooper ihnen Fragen in diese Richtung stellen beziehungsweise dass dieses Thema zur Sprache kommen könnte.
Der dritte Mann, vor dem ihre Schwestern sich nun beweisen mussten und der gleichzeitig der Gastgeber dieser Séance war, hieß Rufus Griswold. Der egozentrische, zweimal geschiedene Verleger, Literaturkritiker und Schriftsteller, dessen zweite Scheidung auf hässliche Art und Weise in der breiten Öffentlichkeit ausgetragen worden war, hatte einige Jahre zuvor die größte literarische Anthologie aller Zeiten mit dem Titel The Poets and Poetry of America herausgebracht. Dieses Werk hätte gereicht, um ihm einen Namen zu machen, doch noch bekannter als durch diese Sammlung wurde Griswold durch seinen Zwist mit dem Schriftsteller Edgar Allan Poe. Griswold war berüchtigt dafür, lebenslange Auseinandersetzungen mit den verschiedensten Personen zu hegen. Beide Männer, Poe und Griswold, waren damals noch verheiratet gewesen und buhlten dennoch öffentlich über mehrere Jahre um dieselbe Frau, die Lyrikerin Frances Osgood. Diese ließ lange offen, was sie davon hielt, bis sie eines Tages Griswold eines ihrer Gedichte widmete und dadurch signalisierte, dass sie ihn favorisierte. Griswold hatte gewonnen, doch das war ihm nicht genug und kritisierte Poe, wann immer er nur konnte. Selbst als Edgar Allan Poe im jungen Alter von vierzig Jahren auf mysteriöse Art und Weise verstarb, ließ Griswold von seinem Groll nicht ab und verfasste nach dessen Tod einen fürchterlichen und beleidigenden Nachruf, der selbst Poes Kritikern zu grausam war. Doch niemand stellte ihn öffentlich zur Rede, da Griswolds Stimme zu viel Gewicht hatte und er inzwischen zu den einflussreichsten und mächtigsten Männern der USA zählte. Diejenigen, für die er sich stark machte und die er unterstützte, profitierten enorm davon. Wer ihm jedoch nicht in den Kram passte, musste sich vor den Auswirkungen seiner Worte fürchten. Griswolds Beweggründe waren oft irrational und nicht nachvollziehbar, er galt als launenhaft, unberechenbar, anmaßend und rachsüchtig. Doch Leah wusste, dass er sich all diese Eigenschaften leisten konnte, weil er als reicher weißer Mann in eine Welt geboren worden war, die eben diesen reichen weißen Männern gehörte. Hätte er die Welt als Frau betreten und würde sich ähnlich verhalten, wie er es als Mann tat – man würde ihn als hysterisch, affektiert, verschroben und untragbar bezeichnen. Man würde ihn meiden, er bliebe allein, ohne Ehepartner, nicht heiratsfähig, ohne jegliche Sicherheiten. Selbst wenn er als Frau die gleiche Leistung erbracht hätte, sprich, wenn er The Poets and Poetry of America zusammengestellt hätte, niemanden hätte es gekümmert. Die Anthologie wäre unbeachtet geblieben, ein Meisterwerk, das keines sein konnte, weil es aus der Hand einer launenhaften und gehässigen Frau entstanden war. Doch als Mann galten für ihn andere Regeln. Er durfte rachsüchtig sein, da dies Stärke bewies, und er durfte als unberechenbar gelten, da eben niemand die nächsten Schritte eines brillanten Geistes voraussehen konnte.
Leah verachtete Griswold und gleichzeitig beneidete und bewunderte sie ihn. Er wusste, wie er das System, in das er hineingeboren worden war, für sich nutzen konnte, hatte sich mit Gewalt einen Grad an Freiheit erkämpft, von dem viele nur träumen konnten, und konnte sich beinahe alles leisten, ohne sich vor den Auswirkungen fürchten zu müssen. Griswold hatte das System verstanden, spielte mit ihm und nutzte es für sich. Und Leah tat es auch. Hier, in diesem Moment, wollten diese drei Männer, denen täglich gesagt wurde, wie bedeutend sie waren, etwas von ihr und ihren zwei kleinen Schwestern. Sie waren die Bittsteller und die Fox-Schwestern waren das, was sie begehrten.
Leah stand vor den Männern, die sich sichtlich darum bemühten, sich standesgemäß zu verhalten und nicht in kindliche Aufregung zu verfallen. Sie kannte das. So ging es den meisten, die zum ersten Mal an einer Séance mit den Fox-Schwestern teilnahmen. Sie musterte die drei von oben bis unten, ihr Gesicht eine Maske, so wie sie es sich antrainiert hatte, nickte beinahe unmerklich und bedeutete den Männern, dass sie das Zimmer betreten durften.
Sie drehte sich um, wartete nicht, wohl wissend, dass die drei ihr auf dem Fuße folgen würden, sah, dass Maggie und Kate nach wie vor mit geschlossenen Augen an dem kleinen, runden Tisch in der Mitte des Raumes saßen und sich an den Händen hielten.
„Nehmen Sie Platz“, sagte sie leise, um die Konzentration ihrer Schwestern nicht zu stören. Als Cooper eine Frage stellen wollte, wies Leah ihn sofort mit einer schnellen Handbewegung an, gefälligst still zu sein. Dies hier war ihr Territorium. Hier sprach nur, wer die Erlaubnis erhielt. Hier galten ihre Regeln. Die Männer setzten sich. Und das Schweigen begann.
Maggie und Kate reizten es aus. Nach einer Viertelstunde räusperte sich Griswold zum ersten Mal. Sofort warf ihm Leah einen strafenden Blick zu. Verschämt senkte der sonst so selbstsichere Mann den Kopf. Nach zwanzig Minuten sah sie, dass Griswold ein Hustenreiz plagte, den er jedoch mit aller Kraft zu unterdrücken versuchte.
Die Stille wurde mit jedem Moment mächtiger. Sie zerrte an den Nerven der Beteiligten, breitete sich aus, legte sich wie eine schwere Decke über die wartenden Männer.
Nach fünfundzwanzig Minuten atmete James Fenimore Cooper geräuschvoll ein, hob den Kopf, blickte in Richtung der Wanduhr, schluckte laut, leckte sich die Lippen und fuhr sich mit den Fingern über seine kurzen Bartstoppeln, was ein unangenehmes Kratzgeräusch verursachte. Leah beobachtete, wie Horace Greeley dem berühmten Schriftsteller mit dem Ellbogen sachte in die Seite stieß und ihn mit einem ernsten Kopfschütteln ermahnte. Cooper zuckte verzeihend mit den Schultern, schluckte ein weiteres Mal, senkte seinen Blick und starrte wortlos auf die Tischplatte.
Nach fünfunddreißig Minuten bekam es Leah langsam mit der Angst zu tun. Sie spürte die Ungeduld der drei Männer wie ein unangenehmes Prickeln auf ihrer Haut und befürchtete, ihre Schwestern würden dieses Mal zu weit gehen. Was, wenn es den Männern zu viel würde, was, wenn sie aufstünden und die Séance als gescheitert betrachteten. Wie lange wollten Maggie und Kate denn noch warten? Die zwei saßen nach wie vor mit geschlossenen Augen da, atmeten ruhig und geräuschlos ein und aus und schienen von der Anwesenheit und der spürbaren Ungeduld der Männer völlig unbeeindruckt. Die Mädchen waren in den letzten Monaten mutiger und zugleich auch unberechenbarer geworden.
„Kommen Sie doch endlich näher heran“, sagten Maggie und Kate plötzlich vollkommen unisono und schlugen die Augen auf.
Leah hatte mit Genugtuung beobachtet, wie alle drei Männer aufgrund des unerwarteten Bruchs der Stille zusammengezuckt waren. Wie befohlen rückten sie ihre Stühle etwas an den Tisch heran.
„Näher“, sagte Maggie und deutete auf James Fenimore Cooper. „Sie.“
Dieser, verunsichert, als Einziger angesprochen worden zu sein, rückte mit seinem Stuhl so nah an den Tisch, dass sein dicker Bauch die Tischplatte berührte.
„Ist das nah genug?“, fragte er irritiert. „Ich könnte noch …“
Die dreizehnjährige Kate blickte ihn vorwurfsvoll an, schüttelte tadelnd den Kopf und schloss die Augen. Leah konnte es kaum glauben, als zuerst die Wangen und schließlich das gesamte Gesicht des weltberühmten Schriftstellers erröteten.
Erneutes Schweigen.
Und dann plötzlich ein lautes Knacken, das die Stille gewaltsam zerriss. Alle drei Männer zuckten zusammen, warfen sich verunsicherte und irritierte Blicke zu. Horace Greeley, der bereits mehreren spirituellen Kontaktaufnahmen der Fox-Schwestern beiwohnen hatte dürfen, wusste, was als Nächstes geschehen würde, schloss kurz die Augen, atmete tief ein und aus und legte seine Hände flach auf die Tischplatte.
„Es beginnt“, sagte Leah leise, wohl wissend, dass ihre Schwestern alles richtig machen würden. Sie spürte, wie die Anspannung von ihr wich. Den Rest würde der Tote Riese übernehmen.
Leah irrte sich nicht. Zuerst ertönte ein weiteres Knacken, dann das leichte Rütteln des Tisches und schließlich der Ausruf von James Fenimore Cooper: „Seht! Die Decke! Die Wände!“
Grüne Sterne leuchteten überall, schwebten wie winzige Himmelskörper durch den Raum. Doch die Anwesenden hatten gar keine Zeit, sich diesem Wunder zu widmen, da ihre gesamte Aufmerksamkeit nun dem zehn, fünfzehn Zentimeter hochschwebenden Tisch galt, auf dem nach wie vor sowohl die Handflächen der Gäste als auch jene der beiden Mädchen ruhten.
„Was zum …“, entfuhr es Griswold. Im selben Moment knallte der Tisch auf den Boden, es knackte ohrenbetäubend laut und scharf, Maggie und Kate öffneten ihre Augen, blickten von einem Mann zum nächsten und sagten unisono: „Die Geister sind nun bereit.“
Vor diesem Abend waren die Fox-Schwestern bekannt gewesen, aber die breite Öffentlichkeit wusste nicht recht, was sie von ihren Fähigkeiten halten sollte. Doch schon wenige Tagen später würde sich dies ändern. Die Séance in Rufus Griswolds gut geheiztem Wohnzimmer war der Wendepunkt, der aus Bekanntheit Berühmtheit machte. Ein Status, den die Schwestern bis zum Zeitpunkt ihres Todes nicht mehr verlieren sollten.
Leah hätte sich nicht erwartet, dass Horace Greeley der Erste sein würde, der über die Séance berichtete. Er war bisher ein stiller und heimlicher Unterstützer gewesen, der Leah seinen Glauben an die übersinnlichen Fähigkeiten ihrer Schwestern zwar versichert, sich jedoch noch nie öffentlich über sie geäußert hatte. Nun aber schien es, als habe ihn dieser Abend im Hause Griswold derart fasziniert und ergriffen, dass er sich nicht länger zurückhalten konnte. So erschien bereits drei Tage später folgender Kommentar in der Tribune, der von Tausenden gelesen und diskutiert werden sollte:
Wir waren an diesem erwähnenswerten Abend nicht die Ersten, die die Fähigkeiten der Fox-Schwestern miterleben und bestaunen durften. Viele vor uns haben sich im letzten Jahr mit ihnen getroffen und ich weiß, dass stets alle in Erstaunen versetzt wurden, von dem, was sie während dieser Treffen erlebten. Die drei Schwestern selbst sind mehr als bemerkenswert: Leah Fox-Fish, eine fünfundzwanzigjährige Dame – Leah, in Wahrheit siebenunddreißig Jahre alt, freute sich sehr über dieses unbeabsichtigte Kompliment – mit einem angenehmen und intelligenten Antlitz, nahm uns in Empfang. Auch sie selbst, so verriet sie uns später, besitze besondere Fähigkeiten, die sie jedoch an diesem Abend nicht zur Schau stellte. Die zwei jüngeren Schwestern Margaret und Catherine verhielten sich äußerst kultiviert und vorbildlich. Es ist zu vermerken, dass Catherine Fox’ Haut fast durchsichtig blass war, wie die von Personen, die längere Zeit einem mesmeristischen Einfluss ausgesetzt waren.
Ich bin überzeugt, dass wir an diesem Abend Zeugen eines Wunders geworden sind. Zusätzlich bin ich mir vollkommen sicher, dass ganz allein die Präsenz der Fox-Schwestern den Kontakt mit der spirituellen Welt ermöglichte.
Seit Bekanntwerden der Fähigkeiten dieser außergewöhnlichen Personen im Jahre 1848 mussten die Schwestern viel Kritik, Missbilligung und Unglauben erdulden. Doch es sei hiermit klargestellt: Was auch immer der Ursprung oder die Ursache der geheimnisvollen und völlig unerklärlichen Geräusche sein mag, die Damen, in deren Gegenwart sie auftreten, verhalten sich anders, als es Betrüger tun würden; und wir, die sie kennengelernt haben, sind der Überzeugung, dass die Schwestern niemals in der Lage wären, sich auf einen so gewagten, gottlosen und beschämenden Betrug einzulassen, wie dies der Fall wäre, wenn sie die Geräusche selbst verursachen würden. Weiters wäre es nicht möglich, eine solche Irreführung der Öffentlichkeit derart lange aufrechtzuerhalten.
So bedanke ich mich bei den drei Schwestern für die magische Kontaktaufnahme mit dem Jenseits, dafür, dass sie für uns die Tore geöffnet haben und wir Zeugen eines Wunders werden durften, und beneide all jene, die in der Zukunft eine Möglichkeit erhalten, die Fähigkeiten der einzigartigen Fox-Schwestern zum ersten Mal zu bestaunen.
Es war dieser Kommentar in der Tribune, der den Grundstein für Leahs, Maggies und Kates enormen Erfolg legen sollte. Horace Greeleys Worte, die Worte eines anerkannten, ehrenhaften und angesehenen Bürgers, würden die Fox-Schwestern von jeglichen Vorbehalten freisprechen.
Am Tag darauf folgten die Schilderungen von Rufus Griswold und James Fenimore Cooper. Beide hatten sowohl mit Journalisten der Tribune als auch mit anderen Zeitungen gesprochen und schlossen sich voll und ganz dem Urteil von Horace Greeley an. Die Herren bestätigten die Authentizität der Schwestern und versicherten ein weiteres Mal, dass sie an diesem Abend zweifellos einem wahrhaftigen Wunder beigewohnt hatten. Durch die Unterstützung dieser drei einflussreichen Männer würde sich das Leben der Fox-Schwestern für immer verändern und es sollten sich neue, zuvor nicht dagewesene Türen öffnen. Doch Leah würde schon bald erkennen müssen, dass diese Auswahl an neuen Türen die Entscheidung mit sich brachte, welche davon man durchschritt. Es gab die Türen des Erfolgs, des Glücks, der Bewunderung, der Anerkennung. Doch links und rechts befanden sich auch andere Zukunftsszenarien. Türen des Schmerzes, der Einsamkeit, des Ruins, des Untergangs. Letztendlich musste jede der drei Schwestern selbst entscheiden, welche Tür sie wählen sollte. Ob es dann die richtige gewesen war, würde erst die Zukunft zeigen.
Oft konnte Leah nicht fassen, wie sehr sich alles verändert hatte. Zwei Jahre vor diesem zukunftsträchtigen Abend, knapp bevor der Tote Riese in ihrer aller Leben getreten war, hatte der Alltag der drei Schwestern noch völlig anders ausgesehen. Leah lebte in Rochester im Bundesstaat New York, verdiente ihr Geld mit Klavierunterricht und Näharbeiten und hatte sowohl ihre Eltern als auch ihre zwei kleinen Schwestern seit über sechs Monaten nicht mehr gesehen. Es verging kein Tag, an dem sie die beiden nicht vermisste, da sie sieben Jahre lang engsten Kontakt gehabt hatten und Leah in dieser Zeit wie selbstverständlich die Mutterrolle für die zwei übernommen hatte. Gerne hätte sie die Trennung verhindert, doch der Vater war mit den beiden und der Mutter in den fünfzig Meilen entfernten, winzigen und völlig abgelegenen Ort Hydesville gezogen, um dort den sündigen Versuchungen, die ihn in jeder etwas größeren Stadt umzingelten, aus dem Weg zu gehen. Die Tatsache, dass seine Frau und seine zwei Töchter todunglücklich mit dieser Entscheidung waren, dass die Isolation, die Langeweile und Monotonie besonders die Mädchen beinahe verrückt machten, hatte den Vater nicht im Geringsten interessiert.
Leah wusste, wie sehr die Kinder darunter litten, und sorgte sich um deren Gemütszustand. Maggie schrieb ihr regelmäßig Briefe und schilderte darin ihre Schlaflosigkeit, ihre Kopfschmerzen und ihre Trauer. Leah war schmerzlich bewusst, dass ihre beiden Schwestern niemals ihre Bestimmung in diesem abgelegenen Ort finden würden. Sie waren zu besonders und unterschieden sich viel zu sehr von den restlichen Dorfbewohnern. Mehr noch als das, sie unterschieden sich von allen Menschen, die Leah bisher in ihrem herausfordernden Leben kennengelernt hatte. Still und in sich gekehrt, manchmal. Extrovertiert, selbstsicher, stark, in anderen Momenten. Außergewöhnlich, undurchschaubar und mystisch immer.
Die zwei hatten es nicht leicht gehabt. Geboren waren sie in Kanada, wo sie die ersten sieben – Maggie – beziehungsweise vier – Kate – Lebensjahre in Consecon, einem gottverlassenen, winzigen Dorf in Prince Edward County, Ontario, verbrachten. In Consecon war ihr Leben derart eintönig verlaufen, dass, hätten sie diesen Ort nicht verlassen, die beiden Schwestern vermutlich dem Wahnsinn verfallen wären. Doch der Mutter fehlte die nötige Weitsicht, um das zu bemerken, und der Vater hatte sich niemals um das Wohlergehen der Kinder geschert. Er war ein Mann, der sein Leben lebte, um es hinter sich zu bringen. Vermutlich hatte er einst in jüngeren Jahren vorgehabt, seinen Fußabdruck zu hinterlassen, vielleicht war er früher anders gewesen, doch Leah hatte nur seine abscheulichen Seiten kennengelernt. Zuerst ein Faulenzer, dann ein Säufer und Spieler und letztendlich ein gottesfürchtiger Geläuteter, der jeden verfluchte, der die Welt nicht so sah wie er.
Leahs früheste Erinnerung war, dass die gesamte Familie immer aufs Neue ihre Sachen packen und fluchtartig ihr Zuhause, das in Wahrheit keines gewesen war, verlassen musste. Der Vater trieb sie wie eine Kuhherde von einem Ort zum nächsten, auf der Suche nach der richtigen Arbeit, dem richtigen Arbeitgeber, dem angemessenen Zahltag. Er verdiene zu wenig für seine Leistung, erklärte er immer und immer wieder. Es sei eine Schande! Eine gottverdammte Ungerechtigkeit! Das war natürlich noch, bevor er Gott gefunden hatte. Danach änderte er zwar sein Vokabular, der Inhalt blieb jedoch stets derselbe.
Als Leah sechs Jahre alt war, waren sie – Vater, Mutter, Leah und ihre drei jüngeren Geschwister Maria, David und Diana – von einem Ort, an dessen Namen sie sich nicht einmal mehr erinnern konnte, nach Rochester im Bundesstaat New York gezogen. Leah war sich insgeheim sicher gewesen, dass auch diese neue Stadt wieder nur für eine kurze Zeit lang ihr Zuhause sein würde. Doch Rochester war anders. Die Orte, in denen die Familie bisher gelebt hatte, waren winzig gewesen, Ansammlungen von Häusern im Nirgendwo. Diese Stadt hingegen war riesig, wie ein graues, rauchspeiendes Lebewesen. Die Arbeiten am Eriekanal, dem „Großen Graben“, der den Eriesee mit dem Hudson River und damit die Großen Seen mit dem Atlantik verband, waren im vollen Gange und würden im nächsten Jahr fertiggestellt sein. Diese sechshundert Kilometer lange Wasserschleuse würde die USA – und ganz besonders Rochester – für immer verändern. Der Handel würde florieren und Massen an Menschen würden diese vereinfachte Möglichkeit nutzen, um in den Westen und den damit verbundenen Überfluss zu gelangen. Die Aussicht auf schnelles Geld hatte dazu geführt, dass sich verschiedenste Sorten von Einwohnern in dieser zukünftig florierenden Stadt angesiedelt hatten. Wohlhabende und Mittellose, Glücksritter und Unternehmer, die sich etwas aufbauen und die unbegrenzten Möglichkeiten nutzen wollten, die den Wunsch hatten, sich hochzuarbeiten und das zu erreichen, wofür diese noch recht junge Nation stand. Aber mit ihnen kamen natürlich auch Betrüger, Scharlatane, Schwindler, die im Sinn hatten, sich an anderen zu bereichern, die die Gunst der Stunde nutzen wollten, in dieser Euphorie unerkannt zu bleiben und auf unrechte Art und Weise ein Stück vom Kuchen abzubekommen. John Fox gehörte zu keiner dieser Gruppen. Er war zu faul und zu unbegabt, um als Unternehmer etwas Neues aufzubauen. Gleichzeitig war er aber auch nicht schlau, nicht gerissen und nicht mutig genug, um jemanden gezielt übers Ohr zu hauen. John Fox war ein Taugenichts, der die Reichen beneidete und auf das Schindluder und die schwindligen Offerte anderer hereinfiel. Genau dies war auch der Fall, als die Familie in Rochester ankam. Dem Vater wurde ein Angebot gemacht, schnell und unkompliziert zu Geld zu kommen. Er müsse nur …
Das reichte schon. Bald daraufhatte er alles verloren, was sich die Familie in den Jahren zuvor angespart hatte, was wiederum dazu führte, dass sie in dieser Stadt festsaßen. Leahs Vater arrangierte sich mit seinem Schicksal, gab sich dem Versagen hin, verbrachte viel Zeit unten bei den Docks, soff, prügelte sich und versuchte durch Wetten und Kartenspiele wieder zu Geld zu kommen. Es gelang ihm nicht.
Doch es schien, als habe es das Schicksal mit der Familie trotz allem gut gemeint. Die Mutter, Margaret, fand eine kleine Wohnung, die von einem Paar namens Amy und Isaac Post vermietet wurde. Es schien, als habe ihnen Gott persönlich diese zwei Schutzengel zugewiesen, die in Leahs Augen das völlige Gegenteil ihrer Eltern darstellten. Amy Post war dünn, hochgewachsen, schlaksig und voller Energie. Ihre Mutter hingegen wirkte nur zu oft völlig teilnahmslos, war fett und schien keine Ecken und Kanten zu besitzen. Amys Mann Isaac war belesen, begabt, erfolgreich und kultiviert. All das, was ihr Vater nicht war.
Was Leah jedoch von Anfang an irritierte, war, dass Amy und Isaac, anders als alle Paare, die sie bisher kennengelernt hatte, eine äußerst harmonische und gleichberechtigte Ehe führten. Sie sprachen liebevoll miteinander, zeigten sowohl im Privaten als auch in der Öffentlichkeit Respekt und handelten stets als Team. So war es auch eine gemeinsame Entscheidung, nicht die Augen vor dem Schicksal ihrer Untermieter zu verschließen, sondern Leahs Mutter und ihre Kinder zu unterstützen und schützend ihre Arme um sie zu legen.
Der Vater kam und ging, zuweilen blieb er Tage, Wochen, Monate, dann wieder verschwand er, ohne Vorwarnung, ebenfalls für Tage oder Wochen. Manchmal arbeitete er oder war auf der Suche nach Arbeit, manchmal kam er, weiß Gott wie, zu Geld und verwöhnte die Familie, brachte Süßigkeiten für die Kinder, einen Strauß Blumen für die Mutter oder gar ein Stück Fleisch. Wenn dies der Fall war, strahlte er vor Stolz. Er, der Versorger, der Ernährer. Doch weitaus regelmäßiger kam es vor, dass er betrunken nach Hause torkelte, die Mutter schlug, ihr das Haushaltsgeld stahl, mitnahm, was nicht niet- und nagelfest war – Kleider, Schuhe, Möbel, Geschirr –, um es dann unten bei den Docks zu verscherbeln. Jeder andere Vermieter hätte die Familie längst rausgeschmissen, doch Amy und Isaac sahen sowohl über das Verhalten des – in ihren Worten alkoholkranken – Vaters als auch über verspätete oder oft nicht erhaltene Mietzahlungen hinweg, trösteten und halfen der Mutter, verarzteten sie, wenn ihr Ehemann sie wieder einmal nach einer durchgezechten Nacht verprügelt hatte, und versorgten sogar John selbst, wenn dieser durch den übermäßigen Alkoholkonsum, durch Handgemenge und im Freien verbrachte, kalte und nasse Nächte unten beim großen Graben, dem Big Ditch, wieder einmal dem Tode nah war.
Lange wurde Leah aus Amy und Isaac nicht schlau. Sie schienen ihr wie Wesen aus einer anderen Welt. Immer wieder fragte sie sich, was die zwei mit ihrer Barmherzigkeit und Freundlichkeit bezweckten. Es fühlte sich wie ein Trick an, wie eine Masche, deren Absicht sie nicht erkennen konnte. Leah hatte bis zu diesem Zeitpunkt stets das Gefühl gehabt, in einer Realität zu leben, in der Frauen geschlagen wurden und in der die Männer stolz wie Gockel durch die eigens für sie erschaffene Welt spazierten und taten und ließen, was sie wollten, ohne auf jemanden Rücksicht zu nehmen. Ganz im Gegensatz dazu standen Amy und Isaac mit ihrer völlig eigenen Realität voller Respekt, Wertschätzung und Liebe. Amy war stark, eigenständig, lachte oft und viel und liebte es, mit jedem zu diskutierten. Fasziniert beobachtete Leah einmal, wie Amy auf offener Straße eine hitzige Diskussion mit einem ihrer Bekannten führte, ihn offen für seine Meinung kritisierte und ihm immer wieder aufs Neue widersprach. Leah konnte es nicht fassen, dass der Mann Amys freches Verhalten akzeptierte, ihr weiterhin zuhörte und gar anerkennend nickte. Noch viel unglaublicher erschien es ihr jedoch, als dieser Mann letztendlich klein beigab und gestand, dass er sich im Unrecht befunden hatte. Leah war nicht bewusst gewesen, dass derartig starke Frauen und – damit verbunden – dermaßen „schwache“ Männer existierten, und lange Zeit hatte sie das Gefühl, dass auch Isaac einer von ihnen war.
Fasziniert, angezogen und gleichzeitig befremdet beobachtete Leah, wie das Paar gemeinsam Entscheidungen traf, wie liebenswürdig Isaac seine Frau behandelte, wie er ihr zuhörte, wie er sich um die Kinder sorgte und sogar Zeit fand, mit ihnen zu spielen. In dieser Beziehung wirkte es, als wären beide, Isaac und Amy, Mann und Frau, vollkommen gleichgestellt. Wie war so etwas möglich? Warum nutzte Isaac seine Überlegenheit nicht aus, sondern ordnete sich oft Amy unter?
Noch Jahre später erinnerte sich Leah regelmäßig mit Scham an dieses Gefühl, das immer wieder in ihr hochgekommen war, wenn sie Amy und Isaac beobachtet hatte: Sie hatte sich insgeheim für Amys respektloses Verhalten geschämt und hatte eine seltsame Ablehnung, ein abschätziges Misstrauen gegenüber Isaac verspürt. Erst viel später war ihr bewusst geworden, dass sowohl die Gesellschaft als auch die Erziehung ihrer Eltern sie darauf gedrillt hatten, Abweichungen der Norm als etwas Verwerfliches zu erachten. Man hatte ihr eingeprägt, dass Männer sich hart und streng zu verhalten hatten und Frauen sich deren Willen unterordnen mussten. So war es immer schon gewesen. Doch je mehr Zeit sie mit ihr und Isaac verbrachte, desto klarer erkannte sie, dass es in dem vorgegebenen System Ausnahmen gab, mehr noch, dass man das System nicht automatisch so akzeptieren musste, wie es war. Es schien, als könne Amy Leahs Gedanken lesen und irgendwann – Leah war vielleicht neun Jahre alt – brachte sie dieses Thema zur Sprache:
„Vor Gott ist jeder Mensch gleich“, erklärte sie ihr. „Mann und Frau, Schwarz und Weiß. Alle sind Gottes Geschöpfe und jeder hat Rechte und Pflichten. Jeder!“
„Aber Männer sind stärker als Frauen“, erwiderte Leah, gewohnt, Amys Worte hinterfragen zu dürfen.
„Wahre Stärke ist nicht hier“, sagte sie und zeigte auf ihre dünnen Oberarme. „Auf das, was hier und hier drin ist“, sie deutete auf ihre Stirn und auf ihre Brust, „kommt es an. Noch dominieren uns die Männer, doch Gedanken und Ideen haben weit mehr Macht als all ihre Muskeln zusammen. Sie sind stärker und gefährlicher. Genau darum haben die Männer ja Angst vor uns. Darum versuchen sie uns kleinzuhalten.“
„Isaac hat Angst vor dir?“, fragte Leah ungläubig.
„Er nicht. Er muss keine Angst haben, da er so denkt wie ich. Weißt du, es hat immer schon Frauen gegeben, die die Welt nicht einfach so hingenommen haben. Isaacs Mutter war eine von ihnen. Sie hat ihm Werte mitgegeben, die anderen verwehrt wurden. Sie hat ihm bereits als Kind die Augen geöffnet und einen Menschen mit einem offenen Geist aus ihm gemacht. Das ist auch der Grund, wieso ich mich in ihn verliebt habe. Er weiß, dass Frauen dieselben Rechte verdienen wie Männer. Aus diesem Grund kämpft er mit mir an meiner Seite.“
„Kämpfen“, wiederholte Leah leise.
„Ja, kämpfen!“ Amy griff nach Leahs Schultern und blickte ihr mit zusammengekniffenen Augen ins Gesicht. „Wir müssen darum kämpfen, da diejenigen, die Macht haben, sie nie freiwillig hergeben werden. Doch vergiss nie, Leah: Kein Mann ist stärker als eine Frau. Wenn du das einmal verstanden hast, dann gehört die Welt dir.“
Amys Worte, ihre wiederkehrenden Ausführungen und Beispiele kamen bei Leah an. Sie öffneten ihr die Augen. Amy hatte vollkommen recht. Frauen waren nicht schwächer als Männer. Im Gegenteil. Wie oft wurden Frauen von ihren Männern mitsamt den Kindern im Stich gelassen, mussten sich ohne fremde Hilfe um den Haushalt, Essensbeschaffung, um das Kindeswohl und um das gesamte Schicksal der Familie kümmern. Sie verdienten Rechte, denn sie hatten weit mehr Pflichten als Männer. So hatte die Welt auszusehen. Für so eine Welt würde es sich lohnen, zu kämpfen!
Amy und Isaac, die selbst drei Jahre zuvor innerhalb von zwei Monaten ihre fünfjährige Tochter und ihren dreijährigen Sohn durch Fieber verloren hatten, verbrachten viel Zeit mit Leah und ihren Geschwistern, nahmen sich ihrer wie selbstverständlich an, beschulten sie und versuchten, den Kindern Grundwerte näherzubringen, die sie für wichtig erachteten. Von allen vieren zeigte jedoch nur Leah Interesse daran. Maria, Diana und David waren in sich gekehrte, stille und abweisende Kinder, die entweder leise miteinander spielten, unauffällig in einer Ecke saßen, sich selbst beschäftigten oder am Rockzipfel der Mutter hingen. Dazu kam, dass sie sich trotz aller Enttäuschungen, trotz der Unberechenbarkeit, trotz der so offensichtlichen Makel des Vaters jedes Mal über dessen Rückkehr freuten, auch wenn er kein Wort zu ihnen sprach.
Leah erging es anders. Sie hatte diese bedingungslose Liebe nie nachvollziehen können und war oft von dem Gefühl geplagt, dass sie von ihren Geschwistern die Einzige war, die den Vater als das erkannte, was er in Wirklichkeit war: Ein Strudel, der jeden um sich nach unten zog und von dem man sich besser fernhielt. Natürlich hätte sie sich oft gewünscht, dass es anders gewesen wäre, dass sie ihre Wut auf den Vater und ihre Enttäuschung gegenüber der Mutter nicht verspürt hätte, dass sie, wie die anderen auch, die Augen vor der Realität hätte verschließen können. Ihr Leben wäre um vieles einfacher gewesen, doch das war schlichtweg unmöglich. So floh Leah immer wieder zu den Posts, die sie mit offenen Armen empfingen. Dort wurde sie ernst genommen. Amy und Isaac beschützten sie vor den Launen des Vaters, behandelten sie wie eine Erwachsene und regten sie zum selbstständigen Denken an. Das Paar brachte ihr Lesen, Schreiben sowie Mathematik und Kunst bei, und als Amy erkannte, dass Leah ein angeborenes Talent für das Klavierspielen besaß, nahm sie sich vor, dieses gezielt zu fördern. Schon bald war es jedoch so, dass Leah weitaus besser spielte als Amy, die selbst jahrelang Unterricht genommen hatte. Irgendwann fragte Amy, ob sie nicht Lust hätte, ihren Bekannten an einem der Diskussionsabende etwas vorzuspielen. Leah zierte sich erst, willigte jedoch schließlich ein. Der Abend sollte ein voller Erfolg werden. Leahs Künste wurden von den Gästen begeistert angenommen, viele steckten ihr sogar ein wenig Trinkgeld zu und baten sie, von nun an öfter für sie zu spielen. Bald wurde es Sitte, dass Leah regelmäßig an den Gesprächsabenden teilnahm, den Anwesenden etwas am Klavier vortrug und dann den Diskussionen über verschiedenste aktuelle Bücher, Texte, Pamphlete und Streitschriften lauschte.
Leah saugte alles, was an diesen Abenden besprochen wurde, regelrecht auf. Und mit jedem Mal bewunderte sie Amy und Isaac mehr. Für ihre Intelligenz, ihre manchmal stoische und zu anderen Zeiten wieder kämpferische Art, die Welt zu sehen und sie verändern zu wollen. Kämpfen, wenn eine Chance bestand, den Kampf zu gewinnen. Durchhalten und abwarten, wenn eine Situation unveränderlich war. Beide hatten schon schwierige Zeiten erlebt. Besonders der Tod ihrer zwei Kinder hätte sie beinahe gebrochen, doch letztendlich hatten sie ihr Schicksal akzeptiert und es geschafft, wieder Sinn in ihrem Dasein zu finden. Dazu gehörte unter anderem auch die Anteilnahme an Leahs Leben.
Es war genau diese Anteilnahme, die Leah spürte, als sie mit vierzehn zum allerersten Mal in ihrem Leben vollkommen eigenständig eine Entscheidung traf, die sowohl den Eltern als auch der Gesellschaft missfiel. Damals lernte sie den charmanten und knapp fünfundzwanzig Jahre älteren Bowman Fish kennen. Er, so dachte sie sich vom ersten Moment an, war eine Möglichkeit auf Veränderung, auf Verbesserung, eine Möglichkeit, ihr Leben neu zu beginnen.