P.A. Aschenbach
Der weiße Wald der Hexen


© 2020 P.A. Aschenbach, 1 Auflage
Verlag: Littera Magia, Inhaberin Martina Mozelt
A-1160 Wien
Lektorat: Katherina Ushachov
Korrektorat: Julia K. Hilgenberg
Cover: Shutterstock/ Svetlana_Smirnova


Kapitel 1

 

 

„Aber ich möchte nicht unter Verrückte kommen.“

"Oh, das kannst du wohl kaum verhindern. Wir sind hier nämlich alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt."

"Woher willst du wissen, dass ich verrückt bin?“

"Wenn du es nicht wärest, dann wärest du nicht hier.“

Lewis Carroll

 

Mit einem Lächeln im Gesicht kniete Celeste im Gras und berührte den weißen Grabstein mit dem goldenen Schriftzug, der an ihre Großmutter erinnern sollte. Sie nahm die farbenfrohen Blumen zur Hand, welche sie mitgebracht hatte, und wickelte sie aus dem knisternden Seidenpapier. Dann entfernte sie die alten, vertrockneten Blumen, füllte frisches Wasser in die unförmige Vase und arrangierte das Bouquet. Anschließend sammelte sie die vertrockneten Blüten ein, die der Wind verstreut hatte, und nickte zufrieden.

„Du fehlst mir so sehr ...“, flüsterte sie und eine Träne rollte über ihre Wange.

Die Sonne stand bereits tief am Horizont, als sie sich erhob, und Celeste beobachtete einen Schwarm Glühwürmchen, welche sich um die Blumen tummelten, obwohl es gerade erst dämmerte. Celeste seufzte. Der Hauch der Magie schien ihre Großmutter selbst nach ihrem Tod nicht verlassen zu haben. Sie schloss die Augen und erinnerte sich an die fantasievollen Geschichten, die sie als kleines Mädchen so oft gehört hatte. Von mächtigen Zauberern, Hexen und Feen, die ihre Abenteuer in einer Welt voller Magie bestritten, die sich ein Kind kaum vorzustellen vermochte.

Doch Celeste hatte immer an die Magie geglaubt und sich vorgestellt, dass sie ein Teil davon wäre ...

Als sie älter wurde, waren sie oft gemeinsam in den besonderen Wald hinter dem Haus gegangen und hatten nach der Magie der Hexen gesucht. In ihren Erinnerungen war der Wald jedoch nicht grün, sondern weiß wie Schnee gewesen, und jede einzelne Nadel hatte silbern geschimmert, als ob sie mit herabgefallener Asche bedeckt gewesen wäre. Ihre Großmutter nannte diesen verwunschenen Ort 'den weißen Wald der Hexen', und in ihren Träumen war Celeste dort und erlebte dieselben Abenteuer wie die Figuren aus ihren Geschichten. Dann konnte sie zaubern und wundervolle Dinge vollbringen, von denen sie niemandem außer ihrer Großmutter erzählte, weil ihre Eltern und Freunde nicht an die Magie glaubten und es als Hirngespinst abtaten. Außerdem stimmte es Celeste traurig, dass ihre geliebte Großmutter wie eine Verrückte behandelt wurde.

Bis zu ihrem Ende waren sie zusammen gewesen und Celeste hatte ihre Hand gehalten. Ihre Beziehung war so innig, dass es niemanden gewundert hatte, dass sie ihre Arbeit kündigte, aufs Land zog und das Haus übernahm, welches sie in liebevoller Kleinstarbeit renovierte. Ihr Bruder hatte ihr seinen Anteil gerne geschenkt und eine Alarmanlage eingebaut, damit er nachts besser schlafen konnte, weil sie allein neben dem Wald lebte. Aber Celeste hatte keine Angst. Ganz im Gegenteil. Sie fühlte sich in diesem Haus viel sicherer als in ihrem alten Apartment in der Stadt. Der nächste Ort war etwa eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt, doch das störte sie nicht. Dort hatte sie schnell wieder eine neue Stelle gefunden.

„Großmutter, warum sind die Bäume nicht grün, sondern weiß?“

„Weil dies der weiße Wald der Hexen ist ...“

Erschrocken blickte Celeste auf und fand sich neben ihrem Haus wieder. Sie stand neben dem Gartenzaun und konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie sie dorthin gekommen war. Verwirrt drehte sie sich im Kreis und bestaunte die hohen Bäume, welche plötzlich noch widernatürlicher wirkten als gewöhnlich. Der schwache silbrige Schimmer erinnerte sie an damals, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen und zwischen all den weißen Bäumen und Sträuchern umhergelaufen war. Ein Wald voller Magie ...

Etwas erregte ihre Aufmerksamkeit, ein kleines weißes Bündel, das zwischen den Sträuchern saß. Es war ein weißes Kaninchen mit rostroten Augen.

Celestes Beine bewegten sich wie von selbst und sie bückte sich nach dem Tier, doch es huschte erschrocken davon. Sie stolperte ihm hinterher und berührte dabei die weißen Bäume, welche einen unnatürlichen Schimmer auf ihrer Haut hinterließen.

Das Kaninchen war schnell und sie hatte große Mühe, es nicht aus den Augen zu verlieren, obwohl es sich aus irgendeinem Grund immer wieder nach ihr umdrehte, als wollte es sich vergewissern, dass sie ihm brav nachfolgte. Schließlich blieb es auf einer Lichtung inmitten eines bunten Blumenmeeres sitzen und starrte sie an.

Die weißen Bäume umringten sie wie eine Mauer und Celeste erkannte, dass es längst zu dämmern begonnen hatte. Glühwürmchen flogen an ihr vorbei, als ob sie zu den Klängen einer Musik tanzten, die sie nicht hören konnte.

Langsam kam sie näher und setzte sich inmitten der farbenfrohen Blumen, welche selbst im Zwielicht kräftiger leuchteten als jede andere Blume, die sie je gesehen hatte.

Das weiße Kaninchen mit den roten Augen schnupperte an ihren Fingern, während es sie eindringlich musterte. Seine Augen wirkten außerordentlich aufmerksam und irgendwie zu menschlich für ein Tier.

Celeste streichelte über sein weiches Fell und beobachtete fasziniert, wie sich die Farben der Blumen auf dem weißen Flaum spiegelten.


Kapitel 2

 

"Durchgang Fürboten."

"Fürboten?"

"Das heißt, versuch es doch mal!“

Lewis Carroll

 

Celeste hob das Kaninchen auf ihren Arm und schloss die Augen. „Hab keine Angst, ich tu dir doch nichts ... Hast du dich verlaufen? Ich möchte dir nur helfen“, flüsterte sie. Mittlerweile war die Nacht hereingebrochen und tauchte die Umgebung in tiefschwarze Dunkelheit. Doch innerhalb des Baumkreises blieb es weiterhin hell, da die Blumen immer kräftiger zu leuchten begannen.

Der laute Schrei einer Nachteule ließ sie erschrocken zusammenzucken und das Kaninchen zappelte, sprang auf den Boden und rannte fort. „Kaninchen, warte auf mich. Bleib doch stehen!“, rief Celeste und wollte ihm folgen, doch dann stolperte sie über eine verborgene Wurzel und fiel. Mit einem lauten Schrei und weit ausgestreckten Armen stürzte sie und ihre Augen weiteten sich vor Angst, als sie wie in Zeitlupe an dem weißen Kaninchen vorbeischwebte und in die Dunkelheit fiel.

Celeste wusste nicht, wie lange sie gefallen war, ehe sie mit einem dumpfen Aufprall auf einem Berg farbenfroher Zierkissen landete, welche lose auf einem hölzernen Karren aufgeladen waren. Zum Glück hatten die Kissen ihren Fall gebremst, denn sonst wäre sie wie ein toter Vogel auf dem harten Boden aufgeschlagen. Mit pochendem Herzen und zitternden Fingern lag sie auf dem Rücken und versuchte ihren Atem unter Kontrolle zu bringen. Sie zählte rückwärts von hundert hinab, und als sie bei einundzwanzig, dem Tag ihrer Geburt, angekommen war, schien sich ihr Körper einigermaßen aus seiner Schockstarre gelöst zu haben.