Inhaltsverzeichnis

Prolog 

Ein seltsamer Autounfall 

Kapitel I 

Im Nebel der Geschichte 

10 

11 

12 

Kapitel 2 

Ein ungewöhnliches Grab 

13

14 

15 

16 

17 

18 

19 

20 

21 

22 

23 

Kapitel 3 

Expedition in die Wüste 

24 

25 

26 

27 

28 

29 

30 

31 

32 

33 

Kapitel 4 

Spurensuche in Rom 

34 

35 

36 

Kapitel 5 

Das alte Haus in den Bergen 

37 

38 

39 

40 

41 

42 

43 

44 

45 

46 

47 

Kapitel 6 

Das Ende 

48 

 

 

 

 

Vollständige e-Book Ausgabe 2021 

 

Copyright © 2021 RICCARDI-Books 

ein Imprint der Spielberg Verlag GmbH, Neumarkt 

Umschlaggestaltung: © Ria Raven, www.riaraven.de 

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(e-Book) ISBN: 978-3-98594-732-4 

 

www.spielberg-verlag.de 

 

 

 

 

Aus dem Chinesischen von Christiane Tholen 

 

 

 

 

Gao Yi, geboren in Peking, beschäftigt sich gern mit westlicher Geschichte und Kultur. In seinen Romanen spielt sie darum auch immer eine große Rolle, und es gibt verblüffende Verbindungen in das China von heute. Gao Yi lebt in Düsseldorf.

Prolog 

Ein seltsamer Autounfall 

 

 

Der Unfallort, den er vorfand, machte Kommissar Li stutzig. Zweifel und das Gefühl, es mit etwas völlig Irrationalem zu tun zu haben, beschlichen ihn.

Diese enge, von steilen Felsen eingerahmte Schlucht war mindestens hundert Meter tief. Blickte man nach oben, war nur ein verschwommener Umriss aus Grau in Grau zu erkennen. Die verstreut aus der Felswand ragenden, scharfkantigen Felsbrocken erinnerten an das Gebiss eines Wolfes. Beim Sturz aus dieser Höhe wäre selbst ein Klippenspringer davon in Stücke gerissen worden. Nicht viel besser war es dem Wagen ergangen.

Kommissar Li wandte sich um und warf erneut einen prüfenden Blick auf den Jeep, dessen Karosserie sich aufgrund der Hitze des Feuers bereits verzogen hatte. Durch den Aufprall waren die Glasscheiben zersplittert, die Türgriffe zerbrochen und die Reifen in alle Richtungen geschleudert worden. Merkwürdigerweise war der Rahmen des Wagens intakt und nicht völlig zerknautscht wie es bei solchen Unfällen sonst meist der Fall war. Noch seltsamer war, dass die Leichen der Wageninsassen durch die Verbrennungen zwar deformiert, ihre Gesichtszüge aber noch gut zu erkennen waren. Es handelte sich um drei Männer und eine Frau, die sorglos und unbekümmert gewesen zu sein schienen. Offenbar hatten sie kurz vorher an einem Festessen teilgenommen und danach – gesättigt, leicht angeheitert und guter Dinge – den Rückweg angetreten. Normalerweise standen Menschen nach einem Sturz aus über hundert Meter Höhe noch die Angst und das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

Wenn Kommissar Li nicht früher schon einmal wegen eines anderen Falls dienstlich in der verlassenen Bergregion Liliane in der Provinz Shanxi gewesen wäre, hätte er ein solch sonderbares Unfallgeschehen für völlig unmöglich gehalten.

Es war jedoch gar nicht der Unfall gewesen, der ihn hierher geführt hatte. Sein eigentliches Interesse galt zwei der Personen, die in dem Auto gesessen hatten. Bei beiden handelte es sich um einflussreiche Mitglieder einer Bande von Kunsträubern, die Kommissar Li schon zwei Mal gefasst und festgenommen hatte. Der eine, Liu Xiaoyi, einer ihrer Anführer, war das letzte Mal auf unbegreifliche Weise aus dem Gefängnis geflohen und nach Brunei entkommen. Als er nun das fast schwarze, verrußte Gesicht dieses Gauners betrachtete, hinter dem er bereits mehrere Jahre her war, der ihm bereits mehrmals ins Netz gegangen, dem aber immer wieder auf spektakuläre Weise die Flucht gelungen war, seufzte er.

Genau wie vor drei Jahren, als Liu Xiaoyi im Gerichtssaal aufrecht auf einem hölzernen Schemel gesessen hatte, war seine Miene auch jetzt heiter und gelassen. Damals hatte ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen gelegen, auf die Strenge der Richter hatte er mit Verachtung reagiert. Dieses Mal jedoch schien er eher spöttisch darüber zu grinsen, dass Kommissar Li zu spät gekommen war. In der schon erkalteten Hand hielt er eine Ginseng-Wurzel. Ob dies wohl etwas mit dem Fall zu tun hatte?

Der Kommissar hob erneut den Kopf und blickte auf einen Punkt auf halber Höhe der Felswand, von der das Auto in die Tiefe gestürzt war. Weiter unten sah man im Dunst die hin und her geisternden Schatten der Beamten der Provinzpolizei. Sie suchten nach Spuren.

Li schritt noch einmal die Distanz zwischen dem Bergsockel und der Stelle ab, wo der Jeep nach dem Sturz aufgekommen war. Das war eigentlich überflüssig, denn es stand außer Frage, dass kein Auto – egal ob ein Jeep oder ein x-beliebiges anderes Fahrzeug – nach dem Sturz von der Klippe in so großer Entfernung von der Steilwand gelandet wäre, es sei denn, es wäre vorher zum Rennwagen frisiert worden oder der Fahrer hätte vor dem Absturz absichtlich Gas gegeben. Nur so wäre der große Abstand zwischen der Stelle des Aufpralls und der Klippe zu erklären gewesen. Aber warum gab es auf dem Asphalt keinen Beschleunigungsstrich bzw. Spuren von heißem Gummi? So musste man den Eindruck gewinnen, dass der Jeep nicht in der scharfen Kurve der Höhenstraße von der Fahrbahn abgekommen und dann in die Tiefe gestürzt war, sondern wie ein Flugzeug zuerst mehrere Meter nach vorne geflogen und dann erst gefallen und zu Bruch gegangen war.

Noch erstaunlicher war, dass die Insassen bis zu dem Moment, als der Wagen den Boden berührte und in Flammen aufging, offenbar keinerlei Angst gehabt zu haben schienen. Zudem waren sie Hauptverdächtige einer spektakulären Schmuggelaffäre. Der Tatort warf einige Fragen auf.

Kommissar Li hatte Aufnahmen gemacht und die Distanz gemessen. Mit dem Bergen der Leichen hatte er keine Eile. Er ging um den Wagen herum und schaute ihn sich mehrmals in der Hoffnung an, ein paar noch so vage Hinweise zu entdecken. Schon bald jedoch stellte er fest, dass seine Kollegen bereits jeden Zoll Erde sorgfältig durchkämmt hatten, und dass es im Umfeld des Unfallwagens tatsächlich keinerlei weitere Indizien gab.

Um diese Jahreszeit brach die winterliche Dämmerung sehr rasch herein, bald würde es einen Schneesturm geben. Da Kommissar Li immer noch nichts gefunden hatte, was ihm weiterhalf, beschloss er, die Leichen aus dem Auto entfernen zu lassen und danach mit seinen Nachforschungen fortzufahren. Er wies die Kollegen der Provinzpolizei an, mit Liu Xiaoyi zu beginnen. Die Leiche wurde vorsichtig aus dem Auto gezogen. Die Leichenstarre hatte schon eingesetzt. Er sah aus wie eine Wachsfigur und schien den Kommissar höhnisch anzugrinsen.

»Einen Moment bitte«. Kommissar Li gab den beiden Polizisten ein Zeichen. Sie hielten inne. Er näherte sich dem aufgerichteten Leichnam und entdeckte an seinem verkohlten Rumpf eine schwarze, an der Hüfte befestigte kleine Tasche. Als er, nachdem er sich Handschuhe übergestreift hatte, vorsichtig versuchte, den Gürtel zu lösen, gab dieser, vom Feuer brüchig geworden, sofort mit einem knackenden Geräusch nach. Eine vom Ruß geschwärzte Ledertasche fiel Kommissar Li entgegen.

Er gab die Leiche frei. Die Polizisten hoben sie hoch und deponierten sie an einer weiter entfernten Stelle.

 

Es handelte sich um eine kompakte Hüfttasche. War sie einmal am Gürtel befestigt, kostete es einige Mühe, sie wieder zu entfernen. Kunstschmuggler verwendeten häufig diese Art von Taschen, denn sie waren nicht nur robust, sondern auch leicht zu verbergen.

Bevor Hauptkommissar Li die Tasche öffnete, spürte er, dass irgendetwas an ihr sonderbar war.

Vorher war ihm aufgefallen, dass der Gürtel durch die heiße Glut stark verkohlt war. Merkwürdigerweise jedoch hatte die Tasche, die sich direkt neben der Gürtelschnalle befunden hatte, durch das Feuer keinen nennenswerten Schaden erlitten. Vorsichtig rieb er mit der Hand die Asche ab. Sogleich wirkte sie wie neu. Außen glänzte sie, innen fühlte sie sich weich an. Auch ihre Farbe hatte die ursprüngliche Leuchtkraft behalten.

Behutsam öffnete Hauptkommissar Li die Tasche. Innen verbarg sich ein straff geschnürtes Bündel hochwertiger Seide, das er Lage für Lage aufwickelte bis er zur letzten gelangte. Vor ihm lag ein mit Gold eingefasster Diamantring.

 

 

Wenjing hatte den Haupteingang der Universität noch nicht erreicht, als sie von weitem An Fanke erblickte, der grinsend am Fensterbrett des Wachhäuschens am Eingang zum Campus lehnte und auf sie wartete.

In der ganzen Universität hatte man darüber gerätselt, welcher der zahlreichen ethnischen Minderheiten Chinas An Fanke angehören könnte. Er war hoch gewachsen, hatte breite Schultern und trug Jeans, die seine langen Beine sehr gut zur Geltung brachten. Damit unterschied er sich vom Körperbau sehr stark von den eher kleinen und zierlichen Han-Chinesen.

Es genügte ein flüchtiger Blick, um festzustellen, dass seine Haare einen Stich ins Blonde hatten, und dass seine Augen blau waren.

Die meisten hielten ihn für einen Kasachen, andere glaubten, er sei Uigure. Wenn er nicht wie alle anderen im Studenten-Wohnheim für einheimische Studenten gewohnt hätte, hätte man ihn sogar für einen Europäer halten können.

In den ersten Monaten hatte sich An Fanke wegen seines fremdartigen Aussehens minderwertig gefühlt. Dieser Komplex hatte sich unter den Bewohnern seines Dorfes im Laufe vieler Jahrzehnte entwickelt und war allen zur Gewohnheit geworden. Von früher Kindheit an hatten ihn die Erwachsenen gelehrt, Konflikten mit den Chinesen aus dem Weg zu gehen, lieber stillzuhalten, lieber nachzugeben, wenn es eine Auseinandersetzung gab, sich rasch zu ducken und auf gar keinen Fall einen Streit heraufzubeschwören.

Als er auf Grund seiner guten Leistungen in das Gymnasium in der Bezirksstadt aufgenommen worden war, hatte er die meiste Zeit in seinem Zimmer gehockt und den Kontakt zu den anderen gemieden. Dies hatte sich auch nicht geändert, nachdem er die Aufnahmeprüfung für die Universität bestanden hatte. Wann immer er unter Leuten war, wagte er kaum, den Kopf zu heben, weil er spürte, dass man ihn unentwegt anstarrte. Stets ging er davon aus, dass die anderen ihn provozieren würden und etwas gegen ihn hatten. Dieses Gefühl zermürbte ihn – bis er Wenjing traf.

Es war keineswegs eine Folge von Zufällen oder ein unvorhergesehenes, die Welt aus den Angeln hebendes Ereignis gewesen, das sie zusammengeführt hatte, so wie es in manchen Romanen beschrieben wird. Wenjing war schlicht die erste Studentin gewesen, der An Fanke bei der Immatrikulationsstelle über den Weg gelaufen war.

Damals hatte er den Dozenten aufgesucht, der für administrative Angelegenheiten und für die Registrierung der neuen Studenten zuständig war. Kaum hatte er zu sprechen begonnen, hatte der Dozent erstaunt aufgehorcht, denn er verstand nicht, was er sagte, und hielt ihn für einen Ausländer, der sich in der Tür geirrt hatte. Wenjing jedoch, die sich ebenfalls anmelden wollte und nicht weit von ihm entfernt stand, hörte ihn reden und erkannte sofort, dass er kein Ausländer war, denn er sprach den typischen Dialekt der Leute aus dem Nordwesten Chinas mit Betonung der nasalen Laute und einer weichen Aussprache. Ohne zu zögern hatte sie sich zu ihm gesellt, um ihm zu helfen.

Die Universität Beijing gehörte zu den renommiertesten Universitäten des ganzen Landes, und es war hier üblich, Mandarin zu sprechen. Selbst von den neu immatrikulierten Studenten von auswärts wurde erwartet, dass sie ein paar rudimentäre Sätze Mandarin beherrschten. Wann immer An Fanke daher den Mund aufmachte und sein Anliegen mit dem starken Akzent des Nordwestens vortrug, verstand ihn natürlich zunächst kein Mensch.

Der Zufall wollte es, dass Wenjings Mutter in der Provinz Shanxi geboren und aufgewachsen war. Der nordwestliche Akzent war Wenjing daher von klein auf vertraut. Zwar beherrschte sie die Hochsprache Beijings akzentfrei, der Dialekt des Nordwestens war für sie jedoch so etwas wie die zweite Muttersprache, in der sie sich mühelos verständigen konnte. Deshalb ging sie nun auf An Fanke zu, erklärte dem für die Immatrikulation zuständigen Dozenten, weswegen er gekommen war, und sorgte auf diese Weise für eine Entkrampfung der peinlichen Situation. Während sie ihm bei all den notwendigen Formalitäten half, stellte sie fest, dass sie der gleichen Fakultät angehörten. Kurzentschlossen übernahm sie vorübergehend die Funktion seiner Übersetzerin und nach wenigen Tagen hatten sie sich angefreundet.

Die Region, aus der An Fanke stammte, gehörte zu den entlegensten Gebieten Chinas. Zwar hatte er das Gymnasium der Bezirkshauptstadt besucht, dem Erlernen der Hochsprache war hier jedoch keine allzu große Bedeutung beigemessen worden. Nach der Einschreibung wussten nur Wenjing und ein paar andere Studenten, dass er in der kargen Hochebene des Nordwestens in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und somit als richtiges Landei zu betrachten war. Sein ungewöhnlicher Körperbau und sein europäisch-amerikanisches Aussehen – so mutmaßte man – waren wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass man ihn zu lange im Wasser des Gelben Flusses gebadet hatte, oder dass er zu stark dem heftigen Wüstenwind der Hochebene ausgesetzt gewesen war.

Wenjing hatte sich rasch an seinen Dialekt gewöhnt, legte aber Wert darauf, ihm ein adäquates Mandarin beizubringen. Unter der Woche besuchten sie gemeinsam die Vorlesungen an der Uni, am Wochenende streiften sie durch die großen, belebten Straßen Beijings. An Fanke, für den die Großstadt neu war, kam aus dem Staunen nicht heraus. Mit leuchtenden Augen zeigte er für jede Einzelheit Interesse und konnte sich gar nicht satt sehen. Häufig war er sprachlos vor Verwunderung.

Wenjing war eine kluge und liebenswerte junge Frau. Sie war in Beijing geboren und von dem hier herrschenden Trubel nicht mehr aus der Fassung zu bringen. Ihr attraktives Aussehen, ihre zierliche Figur, ihr hübsches Gesicht, alles übte eine starke Anziehungskraft auf den eben erst der Provinz entronnenen An Fanke aus.

Natürlich war er sich darüber bewusst, dass sie aus völlig unterschiedlichen sozialen Verhältnissen stammten, und dass Wenjing für ihn unerreichbar war. Er konnte sie von der Ferne aus betrachten, würde jedoch nie an sie heranreichen. Dennoch hatte sich zaghaft eine zärtliche Zuneigung zwischen ihnen entwickelt, nachdem sie sich näher kennengelernt hatten, und sie war schließlich seine Freundin geworden.

An Fanke brauchte einige Zeit, um dieses Glück zu begreifen. Zwar konnte er nachts, wenn er in der Dunkelheit seinen Gedanken nachhing, oft nicht glauben, dass all das wahr war, und dann befiel ihn plötzlich eine irreale Angst. Sobald aber der Tag anbrach und Wenjing wie üblich lächelnd am Eingang des Wohnheims auftauchte, verflogen seine düsteren Bedenken im Nu. Dann war er überglücklich, denn er wusste, dass er all das Schöne, das ihm zu Teil wurde, nicht nur geträumt hatte.

Nach einigen Monaten des Studentenlebens bewirkten die Stille in den Seminarräumen, die mit Leben gefüllte Mensa und die lauschigen Plätze im Schatten der Weiden am Seeufer bei An Fanke einen grundlegenden Wandel. Dies betraf zu allererst seine Aussprache. Jeden Morgen zwang ihn Wenjing, Mandarin wie eine Fremdsprache zu üben, so dass er sich allmählich einen typischen Beijinger Akzent aneignete. Dank Wenjings konsequenter und geduldiger Verbesserungen und nach monatelangem, pausenlosem Training, hatte sich seine Aussprache völlig verändert. Der nordwestliche Akzent hatte sich verflüchtigt und war durch ein noch etwas künstliches, aber stilistisch einwandfreies Mandarin ersetzt worden. Danach nahmen sie seine Umgangsformen in Angriff. Wenjing gab ihm einen gewissen gesellschaftlichen Schliff und brachte ihm ein elegantes Auftreten bei. Rasch verfügte er in Gestik und Verhalten über die Lässigkeit und Souveränität der Hauptstadt-Studenten. Noch bevor das erste Studienjahr zu Ende gegangen war, fühlte er sich schon fast wie ein richtiger Großstädter.

 

»Wohin gehen wir heute?«, fragte An Fanke in seinem noch etwas aufgesetzten Mandarin, als Wenjing auf ihn zugelaufen kam. »Nicht schlecht, du machst Fortschritte«. Tatsächlich empfand sie seine Aussprache als gezwungen und unnatürlich und konnte sich daher ein Lächeln nicht verkneifen. Aufmunternd erwiderte sie jedoch: »Hattest du nicht vor, in den Neujahrsferien nach Hause zu fahren? Wir sollten zur Wangfujing fahren und ein paar Mitbringsel für deine Familie kaufen.«

»Das kommt gar nicht in Frage! Ich wollte mit dir bummeln gehen und nicht wegen meiner eigenen Einkäufe in die Stadt«, druckste An Fanke herum.

»Quatsch! Komm, lass uns gehen«. Wenjing zerrte ihn am Ärmel.

An Fanke trottete folgsam hinter ihr her und sie verließen das Universitätsgelände. Zwei Wachmänner, die ihr Gespräch mitbekommen hatten, standen mit vor Kälte schlotternden Beinen vor dem Campuseingang und amüsierten sich im Stillen.

»Wo der wohl herkommt? Ist das ein Ausländer?« fragte der eine Wachmann den anderen.

»Ich weiß es nicht genau. Ich habe ihn schon ein paar Mal gesehen. Auf jeden Fall spricht er Mandarin, aber nicht so komisch wie die Ausländer, sondern eher unbeholfen wie die Leute vom Land«.

An Fanke hörte nicht, was die Wachleute sagten, Wenjing und er hatten schon die Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite erreicht.

Wie immer waren die Straßen Beijings verstopft, unzählige Menschen waren unterwegs. Autos und Fahrräder zwängten und drängelten sich durch den Verkehr, keiner ließ dem anderen die Vorfahrt. An Fanke beobachtete, wie ein Busfahrer geschickt den Bus durch die Menschenmassen und eine Horde von Fahrradfahrern hindurch manövrierte. Dabei musste er auf die unkontrolliert die Straße überquerenden Menschen achten, und es grenzte an ein Wunder, dass er niemanden anfuhr. Sehr gekonnt, dachte An Fanke und seufzte bewundernd auf.

»Nach dem Examen werde ich auch Busfahrer«, erklärte er mit dem Brustton der Überzeugung.

»Busfahrer? Was für hochfliegende Pläne!« Wen Jing hielt sich den Mund vor Lachen. »Du willst wirklich in dein Heimatdorf zurückkehren und Busfahrer werden?«

»Nein, kein Busfahrer«. An Fanke merkte, dass er schon wieder etwas Falsches gesagt hatte und verbesserte sich rasch. »Ich werde einen PKW fahren, mein eigenes Auto, hier in Beijing«.

Wenjing lachte und gab ihm einen Klaps. »Vergiss es. Komm, lass uns zum Bus gehen!«

 

Nach einem kurzen Moment jedoch blieb An Fanke stehen.

»Wenjing,« sagte er verlegen. »Ich habe gestern in der Ramschabteilung des Zhongguancun-Elektrogroßmarktes einen Walkman entdeckt, den ich gerne kaufen würde«.

»Zhongguancun? Meinst du den großen Elektromarkt bei der Universität?«

»Ja. Ist es in Ordnung, wenn wir etwas später loskommen. Ich habe Sorge, dass er ausverkauft sein könnte, wenn ich mich nicht beeile«.

Wenjing war belustigt. Jedem war bekannt, dass dieser Elektromarkt sehr offensiv seine Ware an den Mann zu bringen versuchte. Die Sorge, zu spät zu kommen und vor ausverkauften Regalen zu stehen, war völlig überflüssig!

Als An Fanke dann auf einen Verkaufstisch in einem abgelegenen Winkel des Kaufhauses zusteuerte, konnte sie das Lachen nicht mehr unterdrücken.

Es war ein längst aus der Mode gekommener Walkman mit Kassettenrekorder aus dem letzten Jahrhundert, auf den An Fanke so versessen war. Selbst Grundschüler schenkten einem solchen Gerät keine Beachtung mehr.

Immerhin war er billig, man bekam ihn nahezu umsonst. Wenjing beobachtete lächelnd wie An Fanke den Walkman bezahlte und ihn fast zärtlich in seinen Rucksack packte.

Sie mochte seine Sparsamkeit und seine konservative Art. In der heutigen, von Konsumsucht geprägten Zeit waren traditionell denkende, konventionelle Männer selten geworden. Zugegeben war er ein wenig hausbacken und knausrig, ja, fast geizig. Aber Wenjing mochte solch altmodische Menschen und verabscheute all jene sich so betont lässig gebenden und vor Frauen den Mund voll nehmenden, eigentlich aber noch völlig unreifen Milchbubis.

An Fanke hatte gezahlt und schickte sich gerade zum Gehen an, als Wenjing ihn zurückhielt. »Ich kaufe mir auch einen«.

Ihm war unbehaglich zumute. »Du kannst unmöglich so ein primitives Gerät kaufen. Ich hätte dir eben eines besorgt, aber hast du nicht schon einen MP3-Player?«

»Ich möchte aber das gleiche haben wie du«, erwiderte sie entschlossen. »Ich will auch nicht, dass du ihn für mich kaufst, sondern möchte ihn selbst bezahlen. Dann haben wir den gleichen Walkman und etwas, was uns immer an den heutigen Tag erinnert«.

»Wieso?«

»Weil wir uns heute genau seit fünfzig Tagen kennen«.

Wenjing kramte rasch ihr Geld heraus und erstand das gleiche Modell, allerdings in rosa.

Während der Verkäufer den Walkman einwickelte musterte er An Fanke neidisch. Wahrscheinlich wunderte er sich darüber, dass dieser ärmlich wirkende Student, der zwar wie ein Ausländer aussah, aber offensichtlich ein Einheimischer war, eine so hübsche Freundin hatte. Nicht viele Frauen gaben sich heutzutage noch mit Männern ab, die nicht reich waren.

An Fanke, der gewohnt war, mit seinem Geld hauszuhalten, warf Wenjing, die den Walkman in ihren Rucksack steckte, einen dankbaren Blick zu. Er wusste, dass sie mit Rücksicht auf seine bescheidenen Verhältnisse das gleiche, veraltete Gerät gekauft hatte. Wenn sie ihm von ihrem Geld einen teuren, zeitgemäßen MP3-Player ermöglicht hätte, wäre er in eine peinliche Situation geraten, so aber hatte sie sich solidarisch an seine Seite gestellt. Wie klein und unscheinbar der Walkman auch war, würde er doch überall und immer ein Symbol ihrer Nähe zu ihm bleiben.

An Fanke und Wenjing suchten sich noch eine Kassette aus.

»Ich nehme dir ein paar Sätze Mandarin auf und bringe dir noch ein bisschen mehr Beijing-Dialekt bei. Dann werden wir ja sehen, ob sich die beiden aufgeblasenen Wachmänner am Campus-Eingang immer noch über dich lustig machen«.

 

Um zur Wangfujing, der Haupteinkaufsstraße Beijings, zu gelangen, musste man mit dem Bus fahren. Sich in der Rush-Hour in einen öffentlichen Bus zu zwängen war kein leichtes Unterfangen. Wenjing nahm, wenn sie in die Stadt fuhr, normalerweise einen der klimatisierten Busse, die weniger überfüllt waren und in denen man meistens noch einen Sitzplatz fand. Allerdings waren die klimatisierten Busse wesentlich teurer. Sie wusste, dass An Fanke keine großen Sprünge machen konnte. Zudem stand der Winter vor der Tür, deswegen nahm sie das Gedränge in Kauf.

Dicht zusammengepfercht fuhren sie bis zur Wangfujing. An Fanke war bestens gelaunt und ließ sich von dem Schubsen nicht aus der Ruhe bringen. Mit dem Rücken stemmte er sich gegen die ein und aussteigenden Leute, mit seiner breiten Brust schirmte er Wenjing ab, so dass sie beim Anfahren und Bremsen wie ein Kind in einer Wiege hin und her geschaukelt wurde.

Erst um vier Uhr nachmittags waren sie mit ihren Einkäufen fertig. An Fanke hatte ein wenig Unterwäsche gekauft, außerdem für seine kleine Schwester ein Paar Leggings und für seinen Vater eine große Pfeife. Wenjing hatte für ihre Mutter einen dicken Schal und ein Paar wollene Handschuhe erstanden. »Komm‘, lass uns zu mir nach Hause gehen«, sagte sie, als sie wieder auf die Straße hinaustraten.

»Nein, heute besser nicht. Deine Mutter fühlt sich dann nur wieder verpflichtet, uns Essen zu machen«, erwiderte An Fanke widerstrebend.

»Wenn ich dir sage, dass wir zu mir nach Hause gehen, dann tun wir das auch. Sei nicht so widerborstig!«, beharrte Wenjing.

»Na gut, aber dann kaufe ich wenigstens noch eine Kleinigkeit für deine Mutter«. In diesem Punkt ließ er sich nicht beirren.

Wenjing drückte ihm die Geschenketasche, die sie in der Hand hielt, entgegen. »Hier, nimm einfach meine Sachen als Mitbringsel«.

 

Sie hatte An Fanke früher schon ein paar Mal mit nach Hause genommen, daher konnten sie jederzeit unangemeldet bei ihrer Familie auftauchen und es war nicht notwendig, ihr Kommen vorher anzukündigen.

Die erst vor kurzem erworbene Wohnung ihrer Familie befand sich im westlichen Teil Beijings in einer neuen, begrünten Wohnanlage im fünften Stock. Sie hatte vier Zimmer und ein Wohnzimmer, das nach zwei Seiten durch einen Balkon ergänzt wurde. Hier befanden sich große, viel Licht spendende Fenster, so dass der Raum großzügig und hell wirkte.

Jedes Mal, wenn An Fanke zu Wenjing nach Hause kam, wechselte ihre Mutter mit ihm ein paar Worte im Dialekt des Nordwestens. Das hatte ihm über die anfängliche Befangenheit hinweg geholfen. Wenjings Mutter mochte diesen hoch aufgeschossenen, europäisch aussehenden und doch bodenständigen jungen Mann sehr gern. Wann immer er bei ihr zu Besuch war, bereitete sie ihm ein besonders leckeres Essen zu, an dem er sich richtig satt essen konnte. Wenjing zog ihre Mutter deswegen auf und spöttelte:

»Meine Mama hat An Fanke an Kindesstatt angenommen und die eigene Tochter spielt nur noch die zweite Geige!«

»Na und? Ich hätte nichts dagegen, wenn er mein Sohn wäre. Bist du etwa eifersüchtig?« erwiderte ihre Mutter Augen zwinkernd.

»Nein, nein.« Wenjing umarmte ihre Mutter ungestüm.

An Fanke fühlte sich in dieser familiären Atmosphäre sehr wohl.

Seine eigene Mutter war gestorben, als er noch sehr klein gewesen war. Er und seine jüngere Schwester waren von seinem ungehobelten Vater großgezogen worden. Eine behütete Kindheit war ihm die meiste Zeit vorenthalten geblieben. Es hatte die liebevolle und fürsorgliche Hand der Mutter gefehlt. All dies fand er nun in der Geborgenheit der Familie Wenjings. Wenn er daher bei ihnen war, half er beim Saubermachen, legte Hand in der Küche an und war unermüdlich bemüht, sich nützlich zu machen.

Zum Abendessen gab es eine Nudelsuppe nach Beijinger Art und dazu geschmorten Dundai-Fisch.

Wenjings Mutter erklärte, dass dies das älteste Gericht Beijinger Art sei. Früher hätte man in traditionellen Hofhäusern mit vielen anderen Familien zusammen gewohnt. Wenn es bei einer Familie geschmorten Dundai-Fisch gegeben habe, sei der ganze Innenhof von seinem Duft erfüllt gewesen. Sobald das Essen fertig gewesen sei, habe jede Familie ein Stück von dem geschmorten Fisch bekommen und gleich darauf habe sich im ganzen Hof ein heiteres und reges Treiben entfaltet. Gegen Abend habe man sich unter dem großen Baum in der Mitte des Hofes versammelt. Die einen hätten sich mit ihren Fächern Luft zugefächelt, die anderen hätten ihre Babys gestillt, wieder andere ihre Hausaufgaben gemacht oder sich lebhaft gestikulierend unterhalten, überall sei munteres Stimmengewirr zu hören gewesen und es habe eine sehr herzliche Stimmung geherrscht. Inzwischen gehe das nicht mehr. Seitdem die Menschen in Wohnblöcken wie diesem wohnten, sei die Begeisterung für nachbarschaftliche Verbundenheit verflogen. Jede Familie, jeder Einzelne verbringe sein Leben hinter verschlossenen Türen. Man behellige sich nicht mehr. Wenn man sich zufällig auf der Straße begegne, wisse man meist nicht einmal, dass der andere ein Nachbar war und schon seit Jahren im selben Stockwerk wohnte.

An Fanke lauschte gelöst dem melodischen Shanxi-Dialekt, den Wenjings Mutter sprach. Ihm war, als höre er Musik. Seit heute allerdings verspürte er eine leichte innere Unruhe, denn schon sehr bald würde er nach Hause, in seine tausend Kilometer weit entfernte alte Heimat fahren müssen.

 

 

Die Tatortbesprechung fand in einer Baubaracke in der Nähe der Stelle statt, wo die Panshan-Schnellstraße eine scharfe Kurve machte. Die gemeinsam mit Hauptkommissar Li aus Beijing entsandten, etwas jüngeren Kollegen Yao und Xiao Fang, nahmen ebenfalls daran teil. Die Leitung der Besprechung übernahm Wang, der Leiter der Provinzpolizei. Li stand neben ihm. »Wir haben diesen Fall Hauptkommissar Li aus Beijing übertragen. Ich glaube, dass ihm bei unserer heutigen Zusammenkunft die entscheidende Rolle zukommt. Deshalb überlasse ich ihm hiermit das Wort«.

Kommissar Li ließ seinen Blick kurz über das düstere Innere der Baubaracke schweifen, streckte seine Hand in die Tasche, holte den Ring heraus, den er bei der Durchsuchung Liu Xiaoyis gefunden hatte, und legte ihn vor sich auf den kleinen Tisch neben dem Bett.

Im schummrigen Licht der Baubaracke leuchtete der Diamant hell auf.

Es war längst publik geworden, dass eine Grabbeigabe entdeckt worden war, die nicht chinesischen, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit westlichen Ursprungs war. Erst jetzt aber bekamen alle die Gelegenheit, sich den sichtlich alten, golden eingefassten Diamantring genauer anzusehen. Zwar hatte das Gold im Laufe der Zeit schwarze Flecken bekommen, der Diamant jedoch glitzerte wie neu und hatte all die Jahre kaum Schaden genommen. Das Besondere war, dass er gleichmäßig zu funkeln schien, wenn man ihn flüchtig betrachtete. Hielt man ihn aber ins Licht, vollzog sich in seinem Innern ein seltsamer Wandel. Man hatte den Eindruck, als ob Blütenblätter hin und her wirbelten oder Schneeflocken im Kreis trieben, was sehr irritierend war und an ein Kaleidoskop erinnerte, in dem alle Teilchen bunt durcheinander geworfen wurden, sobald man es umdrehte.

Bei näherem Hinsehen stellten sie fest, dass es an der ungewöhnlichen Bearbeitung des Diamanten liegen musste. Nur so hatte dieser Effekt entstehen können. Drei Seiten waren mit größter Sorgfalt zu einer Raute geschliffen worden, so wie es auch bei anderen Diamanten üblich war. Die vierte Seite jedoch war glatt und schien in einer schräg verlaufenden Linie durchtrennt worden zu sein, so dass eine Schnittstelle entstanden war. Erst nach eingehender Überprüfung stand außer Zweifel, dass es sich um die eine Hälfte eines Diamanten zweier Ringe handeln musste, die ursprünglich einmal zusammengehört hatten. Ein einzelner Diamant war durch einen präzisen Schnitt in zwei Hälften geteilt worden und er würde nur dann wieder seine ursprüngliche Gestalt erhalten, wenn man beide Hälften erneut zusammenfügte.

Allein diese eine Diamantenhälfte hatte sicherlich schon etliche Karat, der vollständige Diamant musste daher von beträchtlichem Wert sein.

Kommissar Li wartete bis sich alle nacheinander den Ring angesehen hatten, dann räusperte er sich und sagte: »Kollegen, der Fall Liu Xiaoyi ist Ihnen allen im Wesentlichen wohl bekannt. Liu Xiaoyi war ein Bauer, der in Shanxi geboren und aufgewachsen ist und Anfang der 1980er Jahre damit begonnen hat, eine Reihe von Gräbern der Han-Dynastie in einem abgelegenen Bezirk der Provinz gewaltsam zu öffnen und zu plündern. Im Laufe der Zeit hat er mehrere tausend wertvolle Grabbeigaben an sich gebracht und seit Anfang der 1990er Jahre damit illegale Geschäfte gemacht. Dank seines geschickten Vorgehens, seines guten Blicks für die Ware sowie dank seiner Englisch- und Kantonesisch-Kenntnisse, die er sich in kürzester Zeit angeeignet hat, konnte er ohne Dolmetscher direkt mit Kunstschmugglern aus Hongkong und aus dem Ausland in Kontakt treten. Daher hat er sich rasch zu einem führenden Kopf des illegalen Kunsthandels entwickelt. Irgendwann hat er aufgehört, selbst Gräber zu plündern, und stattdessen die Kunstobjekte von zu Hause aus an- und wieder verkauft. In nur wenigen Jahren hat er sich zu einem Kunstschmuggler überregionalen Rufs entwickelt. Mittlerweile ist er seit zehn Jahren im Geschäft und hat illegal ein Vermögen in Höhe von mehreren hundert Millionen Renminbi angehäuft. Er hat zahlreiche Leibwächter beschäftigt und war im Besitz von Pässen unterschiedlicher Nationalitäten. Bei den chinesischen Polizeibehörden gehörte er zu den meist gesuchten Kriminellen«.

»Oh Gott, handelt es sich bei der verkohlten Leiche aus dem abgestürzten Auto etwa um ihn?« fragte eine Polizistin der Provinzpolizei schaudernd.

»Ja, ich denke schon. Zwar müssen wir noch seine DNA abgleichen und weitere Untersuchungen vornehmen, aufgrund einiger spezieller äußerlicher Kennzeichen und der an diesem Abend von ihm gewählten Route jedoch, kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass er der Tote ist«.

Kommissar Li hielt einen Moment inne. »Die Schwierigkeiten im Fall Liu Xiaoyis beschränken sich jedoch nicht nur auf ihn und seine unmittelbare Umgebung. In den letzten Jahren hat er sich ein viele Personen umfassendes, weit verzweigtes soziales Netzwerk aufgebaut. Mit Hilfe dieser Beziehungen hat er sich unserem Zugriff schon mehrfach entzogen. Er konnte sich selbst aus äußerst streng bewachten Gefängnissen befreien. Handelt es sich bei seinem tödlichen Absturz um einen Verkehrsunfall oder wurde er ermordet, wo ist sein illegales Netzwerk zu suchen, all dies sind Fragen, denen wir weiter auf den Grund gehen müssen, und zwar so lange, bis wir den Schmugglerring vollständig ausgehoben haben«.

»Herr Kommissar«, meldete sich ein in der Ecke sitzender Mitarbeiter der Provinzpolizei. »Könnten Sie uns noch einmal im Einzelnen die Umstände beschreiben, die zur Flucht Liu Xiaoyis aus dem Gefängnis in Beijing geführt haben?«

»Selbstverständlich«. Li zog ein Foto aus seiner Tasche. »Dies ist die Zelle, in der er eingesperrt war. Sie ist solide wie ein eiserner Käfig und kann nur mit Hilfe einer Sprengladung TNT geöffnet werden. Die Gitterstäbe zu verbiegen ist nahezu unmöglich. Außerdem wurde die Zelle vierundzwanzig Stunden, also rund um die Uhr bewacht. Liu Xiaoyi aber ist die Flucht bereits nach drei Tagen Haft geglückt. Wie er es geschafft hat, ist uns ein Rätsel.«

Die Beamten der Provinzpolizei reichten das Foto von einem zum anderen weiter. Alle reagierten mit einem ungläubigen Kopfschütteln.

Kommissar Li blickte in die Runde und fuhr fort: »Vielen Leuten bereitet sein Fall Kopfzerbrechen. Denn seltsamerweise ist ihm die Flucht immer wieder gelungen, auch wenn uns allen ein Ausbruch aus dem Gefängnis nur mit Hilfe übernatürlicher Kräfte möglich zu sein schien. Daher kann man leicht in Versuchung geraten, ihm magische Fähigkeiten zuzuschreiben. Vielleicht hat er eine besondere Gabe oder aber es stehen ihm ultramoderne Technologien zu Verfügung. Leider haben wir dies bis heute nicht klären können«.

»Vielleicht haben wir es ja mit einem Außerirdischen zu tun«, warf eine Polizistin der Provinzbehörden leise ein. Keiner lachte.

»Jeder von Ihnen hat den Unfallort gesehen. Dazu brauche ich wohl nichts mehr zu sagen«. Tatsächlich war ihm selbst schon einmal der absurde Gedanke gekommen, dass Zauberei im Spiel sein könnte. Er hatte ihn allerdings lieber für sich behalten. »Aber«, fuhr er fort, »wie zum Teufel ist dieser Jeep die Klippe hinunter gestürzt? Wie man den Unfall auch betrachtet, immer beschleicht einen das Gefühl, dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Die Stelle, an der der Wagen über den Felsvorsprung gerast ist, und die Stelle, wo er aufgeprallt ist, passen nicht zusammen. Warum entsendet das Kunsträuber-Syndikat überdies mehrere Leute, um eine Antiquität über eine unwegsame Bergstrecke nach Taiyuan zu bringen, wenn es sich bei der so genannten Rarität nur um einen einfachen Ring handelt? Das ergibt keinen Sinn. Sicherlich ist Ihnen bekannt, dass ein Diamant unabhängig von seiner Größe, im Preis radikal verfällt, sobald er durchtrennt worden ist. Hinzu kommt, dass keineswegs feststeht, ob es sich bei dem Ring um eine echte Antiquität handelt, zumindest nicht um eine chinesische. Weder das Design des Rings noch die Herstellungsart weisen Spuren chinesischer Handwerkskunst auf. Ich habe vorhin ein Foto des Rings ans Palastmuseum in Beijing gemailt. Die Experten dort haben sich meinem Urteil angeschlossen und ferner darauf hingewiesen, dass der durchschnittene Diamant eher ein europäisches Produkt welcher Epoche auch immer sein müsse, da man in China die Schleifkunst von Diamanten erst seit ein paar Jahrzehnten beherrsche. Da es sich aber bei dem Ring offenbar nicht um eine chinesische Antiquität handelt, europäische Kunstobjekte wiederum in China nur einen geringen Marktwert besitzen, stellt sich die Frage, warum wir bei der Unfallstelle nur diesen Ring gefunden haben und sonst nichts. Warum haben sich Liu Xiaoyi und seine Komplizen mitten in der Nacht so überstürzt auf den Weg nach Taiyuan begeben, wenn es doch offensichtlich nur um einen relativ wertlosen Ring ging? Diese Fragen bleiben weiterhin offen. Ich lasse den Diamanten morgen nach meiner Rückkehr nach Beijing bezüglich des Zeitpunkts und des Ortes seiner Herstellung analysieren. Vielleicht führt uns dies auf eine neue Spur«.

»Und wir? Was sollen wir tun? Vielleicht am besten erst einmal in die Bezirksstadt zurückfahren und dann weitersehen?« fragte Xiao Fang, die Kommissar Li auf dieser Dienstreise an die Seite gestellt worden war.

Li griff nach der auf dem einfachen Tisch liegenden Hüfttasche, in der sich der eingewickelte Diamantring befand, nahm ihn noch einmal unter die Lupe und schien alles andere um sich herum schon wieder vergessen zu haben. »Heute Abend will ich noch einmal versuchen herauszufinden, was es mit diesem Ring auf sich hat. Ich werde mit ihm noch einmal dieselbe Strecke abfahren. Mal sehen, wie sich die Angst vor einem Absturz anfühlt«.

»Aber Kommissar Li!« riefen einige der Anwesenden wie aus einem Mund.

»Ersparen Sie sich Ihre Kommentare. Ich nehme den Ring mit und fahre mit dem Auto noch einmal zur Passstraße. Dort werde ich mich ein wenig umschauen und prüfen, ob ich irgendetwas Auffallendes entdecke, was erklären könnte, warum Liu Xiaoyis Wagen von der Schnellstraße abgekommen und die Klippe hinuntergestürzt ist. Ich will selbst einmal ausprobieren, wie schnell und in welchem Winkel man fahren muss, damit das Auto an der Stelle landet, wo wir es gefunden haben«.

»Wir begleiten Sie«, erklärten Xiao Fang und ein paar Beamte der Provinzpolizei spontan.

»Nicht nötig, wirklich nicht nötig. Wenn so viele Leute dabei sind, kann ich mich nicht konzentrieren. Fahren Sie mit dem Wagen hinter mir her, dagegen ist nichts einzuwenden«.

 

 

Als An Fanke zu Ende gegessen hatte und sich gerade bereit machte, zur Universität zurückzukehren, ertönte schrill die Klingel von Wenjings Wohnung. Wenjing lief zur Tür, um zu öffnen. Dann hörte man sie freudig überrascht rufen:

»Xiaobo! Was machst du denn hier?« Sie hatte den Namen kaum ausgesprochen, als sie sich schon umdrehte. »Mama, komm‘ schnell, Xiaobo ist da«, rief sie lauthals durch die ganze Wohnung.

Eigentlich ging es ihn nichts an, aber An Fanke sprang unwillkürlich auf und blickte neugierig zur Tür.

Dort tauchte gerade – von der Reise erschöpft und verstaubt – eine hünenhafte Gestalt mit buschigen Augenbrauen und einer großen Reisetasche über der Schulter auf.

Als Xiaobo den verwirrt blickenden Unbekannten bemerkte, stutzte auch er: »Oh, ihr habt einen Ausländer zu Gast?«

»Einen Ausländer? Guter Witz!«, zwitscherte Wenjing wie ein munterer Zeisig im Frühling. Sie nahm dem Cousin hilfsbereit die Reisetasche von der Schulter, lief in die Küche und rief nach ihrer Mutter. Gleichzeitig beantwortete sie seine Frage.

»Schau‘ nicht so verdattert! Es ist An Fanke, ein Kommilitone von mir.«

»Ach so, ein Kommilitone! Ich habe mich schon gewundert!« Xiaobo schüttelte An Fanke lachend die Hand und ließ sich auf das Sofa fallen. »Jingjing, sei so gut und reich‘ deinem Cousin eine Tasse Tee«.

Umgehend bekam er eine Tasse Tee auf das Tischchen neben dem Sofa gestellt. Als er bemerkte, dass An Fanke ihm einschenken wollte, protestierte er: »Oh nein, nicht doch! Als ausländischer Gast ist es doch nicht Ihre Sache, mich zu bedienen!«

An Fanke lächelte verlegen. »Aber nicht doch, Xiaobo. Sie irren sich. Ich bin kein Ausländer, sondern ein Chinese wie Sie, nur dass ich aus dem Nordwesten komme. Wenjing und ich sind wirklich Kommilitonen«.

»Studenten der gleichen Universität?«

»Ja. Wir haben uns sogar am selben Tag immatrikuliert«, erwiderte An Fanke. Ihm war etwas unbehaglich zumute, denn er spürte Xiaobos prüfenden Blick auf sich ruhen.

»Ich bin Zhou Xiaobo, Wenjings Cousin. Ich arbeite als »alter Teufel« auf einem Frachtschiff der China Ocean Shipping Company,« stellte sich Xiaobo knapp vor.

An Fanke schaute ihn ungläubig an. Er dachte, Xiaobo habe sich einen Scherz erlaubt, denn er hatte irgendetwas von »lao gui«, also »alter Teufel« verstanden. Der Cousin verzog aber keine Miene und schien es völlig ernst zu meinen.

Allerdings war er etwas verlegen, als er die Verwirrung bemerkte, in die er An Fanke gestürzt hatte. Während er die Tasse hob, fiel sein Blick auf die beiden identischen Walkmans auf dem Tisch.

»Wolltest du mir eine archäologische Rarität schenken, Cousinchen?«

Zhou Xiaobo waren diese Worte völlig arglos herausgerutscht. An Fanke jedoch wurde knallrot.

»Xiaobo!« Wenjing warf ihrem Cousin einen vorwurfsvollen Blick zu. »In der Universität beginnen bald die Fremdsprachenkurse, wir habe die Walkmans gekauft, um den Unterricht aufzunehmen«.

»Ich habe dir letztens doch diesen MP3-Player mitgebracht, so einen kleinen, handlichen. Der eignet sich dafür viel besser!«

»Wir armen Studenten können uns solch luxuriösen Geräte leider nicht leisten«, erwiderte sie gereizt.

Erst jetzt kapierte Zhou Xiaobo, dass er ins Fettnäpfchen getreten war. »Ach stimmt, du hast Recht. Zum Musikhören taugt der MP3-Player ja ganz gut, aber man kann sich nur Musik aus dem Internet herunterladen und nichts damit aufnehmen. Für die Universität ist er wirklich nicht geeignet«.

Wenjing blickte ihn tadelnd an und räusperte sich vielsagend. Zhou Xiaobo fiel plötzlich etwas ein. Aus einer Tasche zog er eine Kassette. »Du hast bestimmt noch keine Kassette gekauft. Hier, die schenke ich dir, nein euch«.

Wenjing tat so, als ob sie ihn keines Blickes würdigte, und beobachtete aus den Augenwinkeln die Miene An Fankes.

An Fanke hatte sich schon wieder gefangen, aber er hatte die Botschaft verstanden, dass nämlich ihn, der nicht nur mittellos war, sondern auch aus einer der rückständigen nordwestlichen Provinzen stammte, Welten von diesen reichen Leuten hier trennten. Zu dem Kauf des Walkmans hatte er sich erst nach reiflicher Überlegung durchgerungen. Obwohl Wenjing aus Rücksicht ihm gegenüber den gleichen gekauft hatte und er ihr für diese Geste der Solidarität wirklich dankbar war, gab ihm das Bewusstsein seiner deutlich weniger begüterten Herkunft nun einen Stich.

Das leichtfertige Geschwätz Zhou Xiaobos hatte ihn tief verletzt. Auch war ihm klargeworden, dass die Kluft, die ihn von Wenjing trennte, kaum zu überbrücken war. Wenjing hatte den Walkman nur gekauft, um ihm keine Blöße zu geben. Dankbar schaute er sie an, ihre Blicke trafen sich.

Als Zhou Xiaobo bemerkte, dass sich die Situation wieder entkrampft hatte, schwenkte er freudig die Kassette in seiner Hand. »Was ist los? Interessiert ihr euch gar nicht für den italienischen Schlager »Comeback to Sorrento«?«

Wenjing blickte ihn mit großen Augen an. »Ja, richtig, Xiaobo, gerade habe ich an dieses Lied gedacht. Gib her, nun gib schon her!«

Als An Fanke beobachtete, wie die beiden um die Kassette rangelten, löste sich seine Anspannung.

»Sie sagten, Sie seien der »alte Teufel« auf Ihrem Schiff?« An Fanke knüpfte an Zhou Xiaobos Kommentar von vorher an, um seine gerade erst überwundene Bestürzung zu vertuschen.

Wenjing zerrte unterdessen ihre Mutter ins Wohnzimmer.

»Xiaobo, du bist wirklich ein ›alter Teufel‹! Statt ihm einen Schrecken einzujagen, solltest du ihm lieber erklären, was du mit ›alter Teufel‹ meinst! Also …,«. Sie drehte sich zu An Fanke um: »Lao gui, alter Teufel, so nennt man Xiaobo zwar tatsächlich auf dem Schiff, aber es ist ein Wortspiel. ›Gui‹ bedeutet in diesem Fall nicht ›Teufel‹, sondern Maschinist und ›lao‹ nicht alt, sondern ›Chef‹. Mein Cousin ist der Chefmaschinist des Schiffes«.

Xiaobo wollte seine Funktion gerade weiter erläutern, als Wenjings Mutter ihn unterbrach. »Xiaobo, du Kindskopf, warum rufst du nicht kurz an, bevor du nach Hause kommst! Hast du überhaupt schon etwas gegessen?«

Xiaobo nutzte den Augenblick, um Wenjing und An Fanke einen entschuldigenden Blick zuzuwerfen. Dann wandte er sich seiner Tante zu:

»Aber Tantchen, ich bin doch heute erst in Tianjin von Bord gegangen und dann sofort nach Beijing gefahren. Ich habe kein Handy, wie hätte ich euch denn rechtzeitig informieren sollen! Am besten kaufst du mir bei Gelegenheit ein supermodernes Smartphone, eines, das ich mir um den Hals hängen kann. Dann kann ich dich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen«.

Wenjing klatschte in die Hände: »Sehr gut, Mama, kauf‘ ihm ein Smartphone! Dann wird ihn seine zukünftige Frau leichter wiederfinden und uns bleibt sein unangekündigtes Aufkreuzen erspart«.

»Was denn für eine Frau? Hast du etwa eine für mich gefunden?« Xiaobo ließ sich bereitwillig auf Wenjings Flachserei ein und konnte selbst auch nicht mehr ernst bleiben.

Wenjing kicherte: »Glaub‘ nur nicht, dass ich nichts von der netten und hübschen Polizistin weiß, die du das letzte Mal beinahe mitgebracht hättest. Wie heißt sie noch gleich?«

Xiaobo tat überrascht. »Red‘ keinen Unsinn, Wenjing. Sie ist außerdem schon vergeben«.

»Hast du nicht gesagt, sie sei noch nicht verheiratet und du habest noch eine Chance?«

»Aus und vorbei«, seufzte Xiaobo. »Sie hat sich in irgendeinen Polizisten verliebt … da ist nichts mehr zu machen!«

Xiaobo zog eine Grimasse, die trotz des scherzhaften Tons ein gewisses Bedauern verriet.

Wenjing beendete das Thema sofort. Für kurze Zeit herrschte Schweigen. Dann aber fiel Xiaobo etwas Neues ein, was er ihnen erzählen wollte, und schon bald war die Stimmung wieder ungetrübt.

An Fanke beteiligte sich nicht an ihrer Unterhaltung. Er beobachtete sie stumm und genoss die Vertrautheit und Herzlichkeit der Szene. Ein tiefes Glücksgefühl erfasste ihn.

In diesem Moment drehte sich Xiaobo Augen zwinkernd zu ihm um: »Und Sie, ja ich meine Sie …, kommen Sie wirklich aus dem Nordwesten?«

An Fanke fand Xiaobo sehr sympathisch. Schmunzelnd erwiderte er: »Ja, sicher. Meine Heimat ist die Provinz Gansu. Während meiner ganzen Kindheit bin ich nie über die Bezirkshauptstadt hinausgekommen. Erst vor einem Jahr habe ich zum ersten Mal die große weite Welt geschnuppert«.

Xiaobo musterte An Fanke erstaunt. Seine schlichte Antwort beeindruckte ihn. »Ich bin in Shanxi geboren und aufgewachsen und ebenfalls nach dem Gymnasium in der Bezirkshauptstadt gleich zur Universität nach Beijing gegangen. Seit meinem Examen arbeite ich auf einem Containerschiff der COSCO Ocean Shipping Company«. Er dachte kurz nach und fuhr dann fort: »Wenjing ist etwas Besonderes. Sie ist zwar in Beijing geboren, hat aber von klein auf gerne die Ferien in unserer alten Heimat in Shanxi verbracht. Gott sei Dank ist sie nicht so hochnäsig wie die meisten anderen, die in Beijing leben«.

Er brach in herzhaftes Gelächter aus.