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Mordecai Richler

 

 

 

Eine Straße in Montreal

 

 

 

Aus dem kanadischen Englisch von Gottfried Röckelein

 

 

 

ars vivendi

 

 

Die Originalausgabe erschien erstmals 1969 unter dem Titel The Street bei McClelland & Stewart in Kanada.

© Mordecai Richler 1969

 

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Deutschen Originalausgabe

 

© 2021 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG, Bauhof 1, 90556 Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

ISBN 978-3-7472-0321-7

 

für

 

 

DANIEL

NOAH

EMMA

MARTHA

und

JACOB

 

 

Inhalt

Vorwort: Die Heimkehr

I – Die Straße

II – Der Sommer, in dem meine Großmutter hätte sterben sollen

III – Die Rote Gefahr

IV – Die Main Street

V – Pinkys Petze

VI – Herr Bambinger

VII – Benny, der Krieg in Europa und Myersons Tochter Bella

VIII – Die Sache mit den Mädchen

IX – Mervyn Kaplansky, Autor und Allesverwerter

X – Der Krieg, die Chaverim und die Zeit danach

Der Autor

 

Vorwort: Die Heimkehr

»Warum wollen Sie auf die Universität?«, fragte mich der Studienberater.

Ohne nachzudenken antwortete ich: »Vermutlich, weil ich Arzt werden möchte.«

Arzt.

Eines Tages hatte man uns in der St. Urbain Street Gitterbettchen und Windeln brutal weggenommen, und am nächsten wurden wir abgeschrubbt und in den Kinder­garten verfrachtet. Ohne es damals schon zu wissen, waren wir in einer Vorbereitungsschule fürs Medizinstudium gelandet. Zwar wurde man normalerweise erst mit sechs eingeschult, doch pflegten gnadenlos ehrgeizige Mütter ihre protestierenden Vierjährigen zur Anmeldung zu schleppen und dort zu sagen: »Für sein Alter ist er noch etwas klein.«

»Geburtsurkunde, bitte?«

»Bei einem Wohnungsbrand vernichtet.«

In der St. Urbain Street bedeutete ein Vorsprung vor den anderen alles. Unsere Mütter lasen uns aus Life Berichte über pickelige astigmatische Vierzehnjährige vor, die bereits ein Harvard-Studium abgeschlossen hatten oder die Professoren am Massachusetts Institute of Technology aus der Fassung brachten. Tip Top Comics zu lesen oder am Radio The Green Hornet zu hören war gleichbedeutend mit der Bitte um einen Schlag auf den Kopf, der manchmal mittels einer zusammengerollten Ausgabe von The Canadian Jewish Eagle verabreicht wurde, als ob dies allein schon Nahrung fürs Gehirn wäre. Auf gar keinen Fall sollten wir die Schlagdurchschnitte von Baseballern oder schweinische Limericks auswendig lernen. Man erwartete, dass wir unseren Wortschatz mithilfe des Reader’s Digest vergrößerten und uns von Paul de Kruifs Biografien berühmter Naturforscher und Ärzte inspirieren ließen. Schafften wir es nicht, richtige Mediziner zu werden, sollten wir zusehen, dass es wenigstens zu einer Dentistenausbildung reichte. Schulnoten zählten nicht so viel wie Platzziffern. Einmal kam ich im Winter nach Hause, die Nasenlöcher zugefroren, die Ohren vor Kälte bitzelnd, und präsentierte stolz mein Zeugnis. »Ich bin der Zweitbeste, Mama.«

»Und wer ist der Beste, wenn ich fragen darf?«

Das war dummerweise Mrs. Klingers Sohn. Und schon läutete das Telefon. »Ja, ja«, sprach meine Mutter zu Mrs. Klinger, »herzlichen Glückwunsch, und was hat eigentlich der Augenarzt wegen ihrer Riva gesagt, diesem armen Ding, dass sie in ihrem Alter schon eine Fehlstellung hat, und ob sie die korrigieren können …«

Die Konfessionsschule war ein gemischtes Vergnügen. Unsere Hebräischlehrer waren alte, schlecht bezahlte, meist griesgrämige und ungeduldige Männer. Ohrläppchenverdreher und Kopfnussverteiler. Sie mochten keine Kinder. Doch die für den englischsprachigen Teil unserer Ausbildung zuständigen jungen Dinger waren reizend, erfrischend modern und machten sich Gedanken um unsere Zukunft. Sie erzählten uns von El Campesino, erklärten, dass John Steinbeck die Wahrheit schrieb, und lasen uns Saccos Rede vor Gericht vor. Wenn eine der jüngeren und unverheirateten Lehrerinnen schon morgens in der ersten Stunde geschafft aussah, bestätigten wir uns gegenseitig, dass sie es in der vergangenen Nacht getrieben haben musste. Womöglich mit einem Soldaten. Ohne Gummi.

Nach der Pfarrschule wechselte ich auf eine weiterführende Schule, die ich in den nachfolgenden Geschichten und Erinnerungen Fletcher’s Field High School nenne. Die ffhs unterstand verwaltungsmäßig zwar der protestantischen Schulbehörde von Montreal; dennoch bestand die Schülerschaft zu fast hundert Prozent aus Juden. In unserer Gegend hatte die Schule einen nahezu legendären Ruf. Anscheinend hatte jeder die ffhs durchlaufen. Kanadas berühmtester Glücksspieler. Ein Atombombenspion. Junge Kerle, die anschließend im Spanischen Bürgerkrieg kämpften. Wunderwirkende Ärzte und silberzüngige Anwälte. Boxer. Kämpfer für Israel. Ihnen allen wurde, genau wie mir, eingetrichtert, den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben und mutig zu sein, sich wie ein Mann zu verhalten, und vor allem:

 

Strengt euch an und arbeitet hart.

Seid mit ganzem Herzen bei der Sache,

Mit Hingabe und vollem Einsatz,

Wie ihr das auf der Fletcher’s gelernt habt.

 

Immer wieder waren wir in der Provinz Québec die Nummer eins bei den Abschlussprüfungen der elften Klassen. Das erboste die Kommunisten unter uns, die der Ansicht waren, wir seien auch nichts Besseres als alle anderen. Aber für die vielen von uns, die wussten, dass jiddische Jungs sowieso die Allerbesten waren, bedeutete das alljährlich eine Gelegenheit zum Feiern. Unsere Klasse im Raum 41 der ffhs war eine der wenigen, die sich eines Gentile, eines leibhaftigen Nichtjuden rühmen konnten, eines echten weißen Protestanten. Jugoslawen und Bulgaren, die genauso pfiffig waren wie wir, deren durch Kartoffelkost wohlgenährte Mütter bei Schulkonzerten genauso steif in ihre Korsetts gezwängt auf ihren Plätzen saßen wie unsere, und deren Väter gleichermaßen eine Vorliebe für flotte Strohhüte und muttersprachliches Fluchen hatten, zählten nicht. Der Name unseres ganz speziellen wasps war Whelan, und er war schlichtweg vollkommen. Er hatte blondes Haar, unfassbar blaue Augen und eine Neigung, mit offenem Mund und hängendem Unterkiefer dazusitzen. Ein Naturtalent als Eishockeyspieler, ein geborener First Baseman. Neidische Schüler kamen aus den anderen Klassenzimmern herbei, um ihn sich anzugucken und ihn auszufragen. Whelan war erwartungsgemäß nicht das hellste Licht, aber er verlieh dem Raum 41 eine gewisse Aura, einen bitter benötigten Glamour, und um ihn bei uns zu behalten, während wir eine Klasse nach der anderen vorrückten, schrieben wir ihm seine Aufsätze und steckten ihm in den schriftlichen Prüfungen Zettel mit den Lösungen zu. Wir waren enorm stolz auf Whelan.

Unter unseren jungen Lehrern, von denen die meisten Kriegsheimkehrer waren, gab es eine Anzahl wirklich motivierter Männer, aber auch einige verbitterte und sadistische wie beispielsweise Shaw, der eines Nachmittags zwölf von uns züchtigte, jeweils zehn Schläge mit dem Riemen auf die Hand, weil wir nicht verraten wollten, wer gefurzt hatte, während er uns den Rücken zuwandte. Die Macken der älteren Lehrer waren uns wohlvertraut, weil so viele Tanten, Onkel, Cousins und große Brüder schon vor uns auf der ffhs gewesen waren. Da gab es zum Beispiel diesen einen Lehrer, der jedes Jahr die Neuen mit dem immer gleichen Scherz begrüßte: »Wisst ihr eigentlich, wie Juden ein ›S‹ schreiben?«

»Nein, Sir.«

Woraufhin er zur Tafel schritt, ein »S« anschrieb und zweimal senkrecht durchstrich. Das Dollar-Zeichen.

Unter uns ffhs-Schülern waren spätere kommunale Führungskräfte. Progressive Eltern. Reformorientierte Stadt- und Gemeinderäte. Aktivisten gegen radioaktive Niederschläge. Sammler früher frankokanadischer Möbelstücke. Jungs, aus denen tatsächlich Ärzte wurden und die vor Ladies’ Clubs Vorträge über Krebsfrüherkennung hielten. Mädchen, die irgendwann auf den Gesellschaftsseiten des Montreal Star auftauchten, weil sie sich als Sponsorinnen von Benefizkonzerten für geistig zurückgebliebene Kinder (aller Hautfarben oder Glaubensrichtungen) oder Modenschauen in den Mittagspausen engagierten, deren Erlöse an die Hebräische Universität flossen. Dazu Anwälte, Notare, Professoren. Und Geistliche, die auf eine erstaunliche Weise ihrer Zunft vo­raus waren und nicht nur Rabbi Akiba zitieren, sondern sich auch für Eishockey begeistern konnten. Doch wer hätte zur gleichen Zeit ahnen können, dass unsere luschigen, streitsüchtigen Mädels mit ihren ausgestopften Büstenhaltern zu dermaßen heiteren, gelassenen Wesen heranwachsen würden, zu echten Herzchen, die sich im Saidye Bronfman Cultural Center anhimmeln ließen und auf gewundenen Marmortreppen mit hochgesteckten Frisuren und schulterfreien langen Kleidern posierten? Oder dass aus diesen rappeligen Kerlen, allesamt Gauner, eines Tages reife Männer werden würden, die so verdammt zufrieden mit dem waren, was diese Welt zu bieten hatte, die, überirdischen Erscheinungen gleich, sowohl beim Curling als auch im Country Club mit breiter Brust auftraten und sogar mit ihren über den Hosenbund der Bermudas quellenden Wampen im Reinen waren? Wer hätte das geahnt?

Ich nicht.

Im Rückblick auf jene Jahre an der ffhs, die uns entscheidend geprägt haben, muss ich sagen, dass wir kein vielversprechender oder sympathischer Haufen waren. Wir waren verlottert, gehässig und stets auf den eigenen Vorteil bedacht. Deshalb kann ich allen vergeben – außer dem mir persönlich nicht bekannten Idioten, der unseren kriminell stumpfsinnigen Lektürekanon zu englischer Prosa und Dichtung zusammengestellt hat. Kein Mensch hätte sich etwas Schlimmeres ausdenken können, um uns die Literatur verhasst zu machen, als uns – zur Strafe – fünfundzwanzig Mal Ode to the West Wind abschreiben zu lassen. Aber auch das haben wir ertragen.

Ein Abschluss an der ffhs war für die meisten von uns gleichbedeutend mit einem sicheren Arbeitsplatz beziehungsweise, für die wenigen Auserwählten, die Aufnahme an der McGill University. Er bedeutete aber auch das Ende eines so gut wie eigenständigen Kosmos, der aus fünf Straßen bestand: Clark, St. Urbain, Waverley, Esplanade und Jeanne Mance, begrenzt durch die Main Street zur einen und die Park Avenue zur anderen Seite.

Spätestens 1948 hatte eine massive Abwanderung in die Vorstädte begonnen.

 

Neunzehn Jahre später, im Sommer 1967, dem wirklich goldenen Sommer unserer Expo, flog ich aus dem vergammelten London zurück, mit Zwischenstopp im verfallenden New York. Was mir gleich beim Anflug auffiel, war der Wohlstand unserer Stadt. Während des Sinkflugs zum Dorval Airport erblickte ich ein schier endloses Geglitzer exzentrisch geformter grüner Tintenfässer. Vorstädtische Swimmingpools für Arty und Stan, Zelda, Pinkys Petze, Nate, Fanny, Shloime und Mrs. Klingers Musterknaben; für all die Bengel, die zusammen mit mir in dem sich schlammig dahinschlängelnden Shawbridge River, der jedes Jahr im August vom Gesundheitsamt wegen Poliogefahr für verseucht erklärt wurde, den Toten Mann gelernt hatten.

Ich fuhr auf mehrstöckigen Autobahnen in die City, die mal steil nach unten abtauchten, sich dann wieder kühn nach oben schwangen und schließlich in einem Schmelztiegel allgemeiner Prosperität ausliefen, in einem Stadtzentrum aus Wohn- und Hoteltürmen, wobei letztere so neu aussahen, als wären sie erst in der Nacht aus ihren Transportkisten ausgepackt worden.

Die Place Ville-Marie. Die Metro. Die Expo. Die Île Notre-­Dame. Das Habitat. Die Place des Arts. Dieses Füllhorn an Wohlstand und Überfluss hatte eindeutig nichts mit der Stadt zu tun, in der ich aufgewachsen war und die ich verlassen hatte.

Inmitten dieser so irritierenden Fremdartigkeit suchte ich verzweifelt nach einer beruhigenden Rückversicherung im Vertrauten, wie der Gazette und dem Star. Unverzüglich schlug ich die Kolumne dieses peppigen und auf harmlose Weise hirnverbrannten Duos Fitz und Bruce Taylor auf, die nach all diesen herausfordernden Jahren noch immer die unangefochtenen Protokollanten der Gesellschaftsereignisse unserer Stadt sind. Sollte es je zu einer Planetenkollision oder zum Ausbruch eines Atomkriegs kommen, könnte ich mich weiterhin stets darauf verlassen, dass mich dieses durch nichts zu erschütternde Paar hinsichtlich meiner alten Schulkameraden auf den neuesten Stand bringt, mir mitteilt, wer von ihnen jetzt Investmentfonds verkauft, ein Split-level-­Appartement in Hampstead bewohnt oder soeben in Miami ein Hole-in-one geschafft hat; wie viele von ihnen neuerdings, mit Fettpölsterchen um die Hüften wie bei mir, am »Y« joggen gehen; und ob es welche gibt, die wegen eines Herzinfarkts viel zu früh von uns gegangen sind oder sich angeblich gerade von einer Lungenresektion erholen und deshalb vom Sportpublikum schmerzlich vermisst werden, ganz zu schweigen von ihren Brüdern in der Pythias-Loge.

Fitz und Taylor enttäuschten mich nicht, doch stutzte ich plötzlich bei einer Meldung, die auf eine neue Radiosendung verwies, Keep Off the Grass, in der ortsansässige Gelehrte, die uniformierte Staatsmacht und die zivile Lehrerschaft die Kinder vor »Pot« warnten.

Pot. Gras. Haschisch. Marihuana.

Um es klar zu sagen: Von Pot wird man genauso wenig süchtig wie vom Reader’s Digest. Allerdings können beide als Einstiegsdroge in eine schwere Abhängigkeit fungieren: in die von Heroin im einen Fall und in die von gekürzten schlechten Büchern im anderen. Was in beiden Fällen einem Rückzug aus einem sinnvollen Leben gleichkommt.

In unserer Zeit in der St. Urbain Street hatte die verbotene Kost aus Schinken oder Hummer bestanden, und wenn wir protestierten, dass beides ja nicht abhängig mache, hatten uns unsere Großväter mit hochroten Köpfen zurechtgewiesen: Wenn ihr schon damit anfangt, Schweinefleisch zu essen, wenn ihr euch so weit von unserer Tradition entfernt – was kommt dann wohl als Nächstes? Tja, nun wissen wir’s. Die Kids rauchen Pot, werfen schlechte Trips ein und liegen bekifft bei irgendwelchen Leuten herum.

Die Expo war natürlich eine absolut aufregende Sache, und meine Frau und ich beschlossen, probehalber für ein Jahr nach Montreal zurückzukehren, weniger als Neubürger, sondern eher als runderneuerte Kanadier. Wir kamen im September 1968 an, und es sollte sich erweisen, dass wir uns einen Winter ausgesucht hatten, der den Menschen aufs Gemüt schlug. Dr. Johnson hat dieses Land einst als »eine Region von trostloser Sterilität … eine kalte, ungemütliche, abweisende Gegend, die außer Pelzen und Fischen nichts zu bieten hat« geschildert. In jüngerer Zeit hat W. H. Auden geschrieben: »Die Dominions … sind für mich tiefste Provinz, Orte, die keinerlei Kunst hervorgebracht haben und von der Sorte Mensch bewohnt werden, mit der ich am allerwenigsten gemeinsam habe.«

Unfaire Urteile, keine Frage, doch war ich noch kaum einen Monat wieder im Land gewesen, als ich las: Rentner patzt bei Quiz in Montreal-Lotterie, wodurch ihm ein Jackpot von bis zu hunderttausend Dollar entgangen sei.

 

Ein halb blinder, erwerbsunfähiger Rentner war gestern der erste Kandidat, der bei der von Bürgermeister Jean Drapeau zugunsten einer »freiwilligen Steuer« ins Leben gerufenen »Nichtlotterie« durchfiel … weil er nicht in der Lage war, Paris als die größte französischsprachige Stadt der Welt zu benennen.

 

Für einen Gelegenheitssatiriker war so was natürlich ein gefundenes Fressen, ein Festmahl, dessen Genuss noch beispiellos gesteigert wurde, als ich beim Weiterlesen entdeckte, dass unser bauernschlauer und rastloser Bürgermeister – vermutlich vom Besonderen des Stadtrates aufs Allgemeinmenschliche schließend – den Fall so kommentiert hatte: »Damit ist bewiesen, dass die Fragen nicht einfach, sondern echte Wissensprüfungen sind.«

O Gott! O Montreal!, von nun an durch seinen Bürgermeister als die Metropole gebrandmarkt, in der die Nicht­identifizierung von Paris als der weltgrößten französischsprachigen Stadt zum Maßstab für intellektuelle Fehlbarkeit genommen wird.

Aber Hippies werden als Seuchenüberträger gejagt.

Möglicherweise besteht das Problem darin, dass ich in einer eher ruppigen und derben Gegend von Montreal großgezogen worden war, nämlich im Verwaltungsbezirk des unvergleichlichen Bürgermeisters Camellien Houde. Die Probleme, mit denen er dort zu tun hatte, waren im Prinzip altmodischer Art gewesen, wie beispielsweise die allzu große Neigung des gemeinen Volkes zu Würfelspiel und Hurenhäusern. In jener Zeit wurde Montreal sowohl von einem puritanischen Racheengel als auch von einem journalistischen Vorkämpfer für eine freizügige Gesellschaft heimgesucht. Der allessehende Police Commissioner »Pax« Plante, Schrecken aller Dirnen, unerbittlicher Feind von betrügerischen Buchmachern, patrouillierte als eine Art frankokanadischer Batman in einer schwarzen Limousine durch die verrufenen Straßen. Auf der anderen Seite war da Al Palmer, Mitarbeiter des inzwischen eingegangenen Herald, der furchtlos für unser Recht ins Feld zog, Margarine legal im Laden kaufen zu dürfen, Margarine, die in der Provinz Québec einst so illegal war wie Marihuana heute. Al Palmer, der zu seiner Zeit der Dr. Tim Leary der künstlichen Lebensmittel war.

Man sollte sich vor Augen halten, dass in jenen Tagen kein Polizist gewagt hätte, uns mit einem Staatsstreich zu drohen, wie das Detective Sergeant Roger Lavigueur jüngst bei einer Versammlung der Polizeigewerkschaft mit der Begründung tat: »So was passiert in Südamerika jeden Tag. Es könnte auch hier passieren. Wir Polizisten werden dann vielleicht die Regierung übernehmen müssen.«

In den zivilisierten Vierzigern, vor Marcuse, Fanon, Ché und Bürgermeister Daley, haben unsere Cops, und zwar Stadt- wie Provinzpolizisten, niemals einen Schädel eingeschlagen, der nicht steinhart gewesen wäre, also einem Streikenden gehörte. Ansonsten waren sie so was von gutmütig, dass sie, bevor sie eine Razzia in einer Spielhölle oder einem Bordell machten, vorher anriefen, um sicherzustellen, dass sich kein anständiger Mensch dort aufhielt. Nach ihrem Eintreffen blockierten sie sofort resolut die Toilette mit einem Vorhängeschloss und spendierten sich auf dem Rückweg eine kleine Entschädigung für ihre Mühen.

In den Jahren unmittelbar nach dem Krieg hätten die Hippies keineswegs Arbeitslosengeld zu schnorren und damit die unermüdlichen Leistungsträger unserer Stadt gegen sich aufzubringen brauchen. Sie hätten stattdessen einfach so weiterleben und sich dem spießigen Establishment als Wähler andienen können, wie es der eine oder andere unangepasste Junge aus der St. Urbain Street tat, der zwanzig Mal oder öfter bei jeder städtischen, regionalen oder landesweiten Wahl seine Stimme abgab. Dieses waren, nur zur Erinnerung, jene »rosigen« Jahre, als der kommunistische Verräter Fred Rose, unser Abgeordneter, aus dem Parlament stracks ins Gefängnis marschierte und durch Maurice Hartt ersetzt wurde, über den das Time Magazine schrieb:

 

Hartts größter Aktivposten im Wahlkampf ist seine scharfe Zunge, mit der er schon so manchen Gegner attackiert hat. Einmal brachte er Premier Duplessis in der gesetzgebenden Versammlung mit einem persönlichen Angriff so auf die Palme, dass dieser Adélard Godbout, dem Führer der Liberalen, fuchsteufelswild zurief: »Habt ihr nicht einen anderen Juden in diesem Hohen Haus, der für euch sprechen kann?« Woraufhin Hartt aufsprang, auf das Kruzifix hinter dem Sitz des Parlamentspräsidenten zeigte und schrie: »Doch, das haben sie. Sein Bildnis spricht seit zweitausend Jahren zu euch, aber ihr versteht Ihn noch immer nicht.«

 

Es war eine Zeit, in der so mancher frischgebackene junge Notar in den Stadtrat gewählt wurde, mit einem Salär von einem Dollar pro Jahr, und – siehe da – eine oder zwei Legislaturperioden später als Immobilienmillionär in Erscheinung trat, dem – welch ein Zufall – genau die steinigen Ackerflächen gehörten, auf denen neue Autobahnen gebaut oder Schulen errichtet werden sollten. Dieser archetypische Stadtrat, inzwischen möglicherweise im Vorstand einer Kirche oder Synagoge, ganz bestimmt aber Träger der Centennial Medal, ist genau derjenige, der sich jetzt über die Unmoral der heutigen Jugend ereifert, über Heranwachsende, denen es dermaßen an Leistungsbereitschaft mangele, dass sie nicht nur keine zwanzig Mal, sondern überhaupt nicht zur Wahl gingen, geschweige denn ihre Eltern achteten, die in einer Zeit aufgewachsen seien, als ein Dollar noch ein Dollar war, verdammt noch mal, und wo man schuftete und sich durchboxen musste, um einen solchen zu verdienen.

 

Bei meiner Heimkehr 1968 stellte ich fest, dass ich nicht an den Ort zurückkehrte, den ich verlassen hatte. Jener Ort war weggebaggert worden beziehungsweise, wie im Fall von St. Urbain, zu einem griechischen Reservat mutiert.

Die alte Young Israel Synagogue, wo wir früher Klimmzüge gemacht hatten, existiert nicht mehr. Ins Gebäude meines früheren Billardsalons ist inzwischen eine Bank eingezogen. Mehrere der vertrauten Läden sind nicht mehr da. Es gab Todesfälle und Pleiten, doch die meisten der Verschwundenen haben einfach zusammengepackt und sind mit ihrer Stammkundschaft in die neuen Einkaufszentren gezogen, nach Van Horne oder Rockland, Westmount oder Ville St. Laurent.

Auf der Main kann man noch immer viele der alten Restaurants und Steakhouses ausmachen, eingezwängt zwischen Pulloverfabriken, Billardsalons, Kaltwasserwohnungen, Kurzwarengroßhandel und »Your Most Sanitary«-Barbershops. Die Firmen mit den Aushilfsjobs, wo wir immer im Sommer für zehn Dollar die Woche als Verlader arbeiteten, gibt es ebenfalls noch. Auch die Fletcher’s Field High steht noch genau da, wo sie immer stand. Rabbinatsstudenten und Jungen mit Schläfenlocken gehen wie eh und je ihrer Wege. Bei ihnen handelt es sich jedoch um Neuankömmlinge aus Polen und Rumänien, und schon bald werden ihre eingewanderten Eltern sie unter Druck setzen, fleißig zu lernen und die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Um anschließend woanders hinzuziehen.

Doch viele unserer Großeltern, also ausgerechnet die Menschen, die uns gegenüber immer behaupteten, die Main sei die Straße der Faulpelze und Versager, weigern sich wegzuziehen. Heute, da die meisten Kinder die Erwartungen erfüllt haben, da die Söhne und Töchter Split-level-Bungalows und Nerzmäntel haben und im Winter Kreuzfahrten in die Karibik machen, klammern sich noch immer viele Ältere an die Main. Vielfach gelingt es ihren Kindern nicht, sie zu einem Umzug zu überreden. Also sieht man sie dort weiterhin, erschöpft und ausgelaugt von der Mühsal des Alltags. Sie sitzen auf Küchenstühlen im Tabakladen neben dem Cola-Kühlschrank, eine Fliegenklatsche in der altersfleckigen Hand, und dösen vor sich hin. Man trifft sie auf den Stufen vor der Jewish Library an, wo sie sich ihre Zigaretten selbst drehen und die Todesanzeigen im Star studieren. Die Frauen schälen noch immer Kartoffeln im Schatten der Außenspindeltreppen. Alte Männer verfolgen vom darüberliegenden Balkon aus noch immer das Kommen und Gehen, eine Decke über die Beine gebreitet und eine kleine Tüte Sonnenblumenkerne auf dem Schoß. Wie zu alten Zeiten gibt es noch absackende Häuser, Läden oder Grossisten mit schiefen Geschossdecken, manchmal direkt neben dem Schrottplatz. Nur dass heute Läden und Schrottplatz geschlossen sind. Mit Reklameschildern für Sweet-Caporal-Zigaretten oder alten Wahlplakaten hat man die leeren Fenster vernagelt. Überall sind Spinnweben.