Druck und Verlag:

BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

© Alex Gfeller 2021

ISBN 9783754355411

für Bruno Schulz

1892 - 1942

Ständig wendet sich die Meise im Gehen unwirsch um, hält manchmal kurz und ungehalten inne und blickt verärgert zurück. Man sieht ihr die tiefe Beunruhigung und Besorgnis deutlich an, denn die Würmer folgen ihr betont gemächlich und demonstrativ gelassen. Sie halten dabei immer fein säuberlich diese obligaten zehn Meter Abstand zu ihr ein, in einem betont lockeren Gewürmknäuel halb auf dem Gehsteig, halb auf der Straße dahinschlurfend, also vermeintlich acht- und sorglos und für Außenstehende wie absichtslos und vor allem scheinbar inoffensiv. In Wahrheit aber handelt es sich hierbei um einen sehr bedrohlichen Pulk, um ein überaus angriffiges Rudel, um eine besonders für Unbeteiligte und Unbedachte ausnehmend feindselige Horde. Man merkt deshalb sofort, dass es der Meise alles andere als wohl ist, denn sie sieht präzise aus, als befände sie sich auf dem Weg zu ihrer eigenen Hinrichtung, und ein aufmerksamer, vielleicht sogar eingeweihter Beobachter erkennt bestenfalls auf den ersten Blick, dass der überaus zänkische Wurmausschuss und die bestimmt friedfertige Meise zwei geradezu entgegengesetzte Elemente ein- und derselben hoffnungslosen Unternehmung sind, zwei unvereinbare Gegensätze, die gerade deshalb nichts miteinander zu tun haben wollen, vor allem aber überhaupt nicht zusammenpassen, noch vereint gehen und schon gar nicht miteinander übereinstimmen, in keiner Weise. Das ist völlig richtig beurteilt, denn sie haben tatsächlich nichts mit-einander gemein, die Meise und die Würmer; man versteht sofort, dass das deutlich ameisoide Gewürm gar nicht zu dieser hoffnungslosen Unternehmung passt, noch jemals dazugehören möchte, obwohl es groteskerweise sehr wohl dazugehört; das ist überhaupt erst die Ausgangslage dieses wahrhaft dramatischen Dilemmas, von dem wir jetzt in aller Ausführlichkeit erfahren werden. Doch abgesehen davon: Wo sollte denn ein solch widerlicher Wurmausschuss überhaupt jemals hinzugehören wollen oder können, ausgerechnet er, der in seiner kümmerlichen Wurmhaftigkeit aus Prinzip alles ablehnt, was wie eine An- und Zugehörigkeit ausschaut oder auch nur von weitem nach einer bindenden Mitgliedschaft röche, und wo sollte er, der Widerwärtige, der Überflüssige, der Unerwünschte, der Ungebetene und allseits entschieden Abgelehnte, überhaupt jemals Anschluss oder gar Anerkennung finden können, wenn nicht an dieser unverbindlichen Stelle? Könnte es sein, so fragt sich die Meise zögerlich, dass das dreckige Pack, das ihr doch eher unverpflichtet, also völlig unverbindlich und somit gänzlich zwangslos folgt, als dass sie es jemals dazu nötigen könnte, ihr zu folgen und das sie längst nur noch als einen ungebetenen, ungezügelten und restlos unerwünschten Wurmhaufen, bestenfalls als einen sehr lockeren Wurmschwarm, meist aber als eine dunkle, amorphe Wurmmasse, also als ein widerlich klebriges, schleimiges, oft bedrohlich nach Tabak, Haschisch, Bier und ordinären Schnaps stinkendes, kloakenhaftes Konglomerat oder, noch trefflicher, noch bezeichnender, als rundweg überflüssigen Wurmfortsatz wahrnimmt, der auch während dieser doch eher spontanen, also unnötigen und somit völlig nutzlosen Unternehmung ständig neue Handelspartner, frische Warentransaktionen und somit ausnehmend lukrative Geschäftsbeziehungen sucht, seine einzige und wahre Berufung übrigens, seine leidenschaftlich ausgeübte und scheinbar angeborene Beschäftigung, und dass er bei dieser offiziellen meisischen Unternehmung nur deshalb überhaupt erst mit dabei ist? Die äußerst verschworene und absurderweise gleichzeitig ständig in sich zerstrittene Wurmbüchse ist immer und pausenlos auf der Suche nach dem dringend benötigten Wurmstoff, eine emsig betriebene Tätigkeit, die ihr längst zur nüchternen Gewohnheit und somit zur leidenschaftslosen Routine geworden ist, und wenn nicht direkt nach Betäubungsmitteln aller Art gesucht wird, dann zumindest nach deren potentieller Käuferschaft und einer kaufkräftiger Kundschaft für selbige, also nach den lokalen Drogenkonsumenten und solchen, die es noch werden sollen, werden wollen oder werden müssen, in bedachtsamer Umgehung der örtlichen Drogenclans, die ihre einträglichen Reviere natürlich auch hier mit Argusaugen überwachen und hüten, oder aber, mit Blick auf besonders schnelles Geld, wenn möglich gleich bei den labilen Päderasten, devoten Pädophilen und allerlei mehr als subtilen Wurmliebhabern der widerlichen Sorte, wie die Würmer sie unweigerlich in fast allen abgelegenen Parks und öffentlichen Toilettenanlagen antreffen, aufgreifen und sofort hemmungslos ausnehmen, vielleicht sogar bei pathologischen Wurmfressern oder aber, bei besonders dringendem Bedarf, bloß aus allerhand Handschuhfächern, versteckten Garderoben, sträflich offengelassenen Kassen, leicht zu knackenden Getränke- und Billettautomaten, lockeren Brieftaschen, unbeaufsichtigten Damenhandtaschen, leichtfertig stehengelassenen Einkaufstaschen oder notfalls auch nach anderswie Verwertbarem – eigentlich und prinzipiell nach rundweg allem, was immerhin einen gewissen Verkaufs- oder Eintauschwert haben könnte, was sich also ganz unauffällig entwenden und somit gleich anschließend schnell und anonym verscherbeln ließe und somit auch nur entfernt nach Barem röche. Die Meise hat es nämlich leider – wir merken es gleich – mit schon recht früh verpfuschten Wurmleben zu tun, unablässig und deutlich unstet in Bewegung wie gefangene Raubtiere, auf der ständigen, ruhelosen Suche nach irgendwas Verwertbarem: So sieht das Leben eines ganz gewöhnlichen Wurmausschusses und beliebigen Wurmfortsatzes heute aus, nur deswegen ist er derart rastlos unterwegs, der Verdorbene, der Ausfällige, der Hemmungslose, der Unbeherrschte, pausenlos umhergetrieben, unruhig, fahrig, aufgeregt bis hektisch, gleichzeitig auch noch ständig von dritter oder vierter Seite herumgeschoben und herumgestoßen und deshalb kaum jemals in einem nur halbwegs erträglichen Ruhezustand, also kaum jemals in mittlerweile unerträglich gewordener Regungslosigkeit, das heißt kaum jemals in absolut wirkungsloser Tatenlosigkeit und somit in extrem unprofitabler, also unnötiger Untätigkeit. Wie auch?

Tag und Nacht äußerlich geistig abwesend jeden erreichbaren Müll in sich hineinstopfend, als würde ihn unausgesetzt ein aufgeregter, innerer Hunger beharrlich plagen und zwingend vorantreiben, eine allerdings nur für ungeübte Außenstehende undurchschaubare Dringlichkeit, doch gleichzeitig eine unübersehbare Eile, eine stete Anspannung und eine zerstörerische Unrast: So sieht ein ganz gewöhnlicher Wurmhaufen heute aus. Die Katzen streiten diese Tatsachen zwar immer vehement und eisern ab und glauben ernsthaft, es handle sich auch hierbei nur um ganz gewöhnliche Würmer, wie sie immer behaupten, um Würmer, denen zudem ständig massiv Unrecht angetan würde, weil man sie nicht verstehen wolle. Nur kennt kaum jemand die tatsächlichen Tatsachen, die effektiven Fakten, die wahren Gründe, die wirklichen Umstände, nur weil nicht sein kann, was nicht sein darf und weil man das gar nicht sehen will, nicht hören will, noch wissen will und selbstverständlich auch nicht erkennen kann und deshalb alles tut, um dessen nicht ansichtig werden und somit nicht eingestehen zu müssen, dass ihre teure Brut längst verdorben ist und am Abgrund steht. Wir haben hier nämlich eine eindeutige Wirklichkeitsverweigerung größten Ausmaßes vor uns, auf die wir im Verlaufe dieser Erörterungen bestimmt noch einige Male zurückkommen werden. Ein würmischer Ausschuss kann eben nicht stille sein, ebenso wenig, wie er sich jemals auch nur für kurze Zeit ruhig verhalten möchte, geschweige denn, dass er für einmal aufmerksam zuhörte oder gar ganz ungewohnt konzentriert wäre. Vergessen Sie das, vergessen Sie das gleich! Das kann er sich gar nicht mehr leisten, denn das Gift macht ihn gezwungenermaßen absolut unberechenbar, macht ihn immerfort flatterig, macht ihn überaus unruhig, ungesund angespannt und ausgesprochen fahrig, kurz, es macht ihn unbrauchbar für sich selbst und auch für alle andern, völlig unnütz und zudem längst wertlos, überflüssig halt, wie schon erwähnt. Ausschuss. Abfall. Dreck. Müll. Schlamm.

Denn kaum hat er endlich etwas gefunden, was er verwerten kann, ist er bereits wieder auf der Suche nach dem Nächsten, immerfort nur das nächstfolgende geschäftliche oder toxikomanische Ereignis vor Augen, den kommenden Handelsabschluss, den baldigen Konsum, die zwingende Vorsichtsmaßnahme, die unabwendbare Umsicht, das überaus sorgsam geplante Ausweichmanöver, die geschickte Täuschung, die unumgänglich kecke Verleugnung, die weitsichtig vorsorgliche Vertuschung, die überraschend kreative Umgehung und, vor allem andern, die krasseste Verschleierung, die man sich vorstellen kann, immer in fiebriger Erwartung des nächsten Ereignisses oder des zukünftigen Geschehens und seiner durchaus absehbaren Folgen oder auch seiner stets unabsehbaren Konsequenzen. Hinzu kommt, dass es gar keinen Sinn mehr hat, sich bei ihm zu erkundigen, ihn höflich danach zu fragen, ihn zu bitten oder ihn gar um-ständlich auszufragen, denn natürlich lügt der würmische Ausschuss, jederzeit, überall und immerdar, und das massiv, denn das Gewürm täuscht laufend, umgeht bedachtsam, lenkt geschickt ab, erfindet sauber, schauspielert durchdacht und beseitigt stets punktgenau und zweckgerichtet verräterische Spuren, verwischt schnell alle Beweise und lenkt geschickt ab, ganz selbstverständlich, automatisch und ausnehmend gekonnt. Er hat das drauf, und er kann gar nicht anders, weil dies ein wichtiger Teil seines ganzen Geschäfts ist. Für Würmer sind nüchternes Lügen und kalkuliertes Täuschen zwei ganz normale Verhaltensweisen, sind praxisbezogene Ablenkungs- und somit vitale Verteidigungsvorgänge, ebenso selbstverständlich und anstrengungslos ausgeführt wie das Stehlen und das Hehlen. Das sind zwei gewöhnliche Werkzeuge in seiner Hand, wie gesagt, das sind ganz alltägliche Mittel zum Zweck, die von zehnmal mindestens neunmal vorzüglich klappen, was als Quote völlig ausreichend ist, und sie sind allein deshalb ein durchaus übliches Verhalten mit bewusst akzeptierter Schadensbegrenzung, alles in allem nichts anderes als eine kaltblütig, professionell, punktgenau und beherrscht angewandte Wahrscheinlichkeitsrechnung der wahren Ober- und Sonderklasse. Ununterbrochenes Lügen und Betrügen muss heute jeder gewöhnliche Wurmausschuss beherrschen; er muss diese notwendigen Werkzeuge zudem jederzeit blindlings einsetzen können, naturgemäß, folgerichtig und gezwungenermaßen; etwas anderes als das kennt er mitt-lerweile gar nicht mehr, denn lügen und betrügen sind zwei seiner wichtigsten Mittel zur Durchsetzung seiner Interessen, wie es übrigens auch das unablässige Beschimpfen, Beleidigen, Bedrohen und Erpressen als die einzigen und wahren Durchsetzungshilfen sind. Das ist alles nur eine Frage der aufmerksamen Planung, der umsichtigen Vorsorge, der konzeptuellen Voraussicht, der geschäftlichen Umsicht und somit der bedachtsamen Kalkulation. Die Wurmbüchse selbst hat kein moralisches Problem damit, denn sie hat diese Methode längst den Katzen abgeschaut, die diese allgemein übliche Taktik der Verschleierung, Vertuschung, Verneinung, Verdrehung und Verhüllung in einem weitaus größeren Umfang täglich betreiben; das sind sozusagen der auffällige Grundton und die unausweichliche Grundlage der ganzen Wurmheit in ihrer gegebenen Gesellschaft an sich.

Das ist ihre unauffällige Hintergrundmusik zum traurigen Endlosfilm über das aktuelle Wurmtum als solchem, ist somit auch das wichtigste Werkzeug eines ganz gewöhnlichen Wurmdaseins bis hin zum abgesicherten Geschäftserfolg und somit bis zur dringend benötigten Achtung und pausenlos gesuchten Anerkennung in der Wurmbüchse selbst, ist also die unabdingbare Grundlage einer generellen Wurmhaftigkeit überhaupt und des umfassenden Wurmseins an sich, ist wurmhafter Alltag halt und einzig eine Frage der würmischen und somit gleichzeitig auch der ameisischen, also der unausweichlich gegen die Meisen gerichteten Routine, das ist alles. Jetzt stehen die Würmer alle im Kreis und bewegen sich nicht mehr, bemerkt die Meise besorgt, und das ist kein gutes Zeichen. Sie sind unvermittelt mitten auf dem Gehsteig stehen geblieben und versperren den vielen eiligen Passanten unbekümmert den Weg, so dass diese wortlos und mit gesenktem Kopf auf die stark befahrene Fahrbahn ausweichen müssen, tunlichst ohne das fremde Gewürm direkt anzublicken, nur um es nicht zu unvorhersehbaren Reaktionen zu provozieren, also äußerst umsichtig und vielleicht sogar aus mehrfach überstandenen, schlechten Erfahrungen mit solch unerfreulichen Ansammlungen von Würmern. Die Würmer, von denen hier unablässig die Rede ist, verhandeln ganz offensichtlich ungewöhnlich aufgeregt, stellt die Meise, die sich erneut ungeduldig umgedreht hat, besorgt und verärgert fest; sie tuscheln verhalten, aber äußerst intensiv, denn Würmer müssen sich immerzu gegenseitig absprechen, müssen immerdar die schwierigen Lagen peilen und die heiklen Situationen abschätzen, müssen die laufenden Angebote checken und zugleich ihre spärlichen Möglichkeiten abwägen, und dies alles gleichzeitig und synchron, müssen sich somit immerfort geschäftsmäßig besprechen, müssen ständig kreditmäßig ihre Barschaften und übrigen Geldmittel umverteilen, müssen umdenken und um drei Ecken herum die stets sich verändernden und naturgemäß überhaupt sehr wandelbaren Marktchancen pausenlos in andere Währungen und Werte umrechnen, müssen genaue Mengen bewerten und berechnen können und folglich die sehr variablen Preise, verbunden mit ihren immerzu stark eingeschränkten Ankaufs- oder Weiterverkaufschancen, müssen Risiken einkreisen, abschätzen und begrenzen können, müssen aber auch gleichzeitig ihre eigenen Gewinnprozente überschlagsmäßig ausrechnen, denn Würmerausschüsse stehen gewöhnlich vierundzwanzig Stunden am Tag im Dauerbeschaffungsstress. Also verhandelt der Wurmausschuss konsequenterweise auch während dieser Unternehmung, stellt die Meise wieder einmal sachlich fest, denn wer den Stoff beschafft und somit die Preise kennt, ihn folglich neuverteilen und umverteilen, also wieder loswerden und möglichst einträglich verkaufen kann, hat nun mal gleichzeitig und unausweichlich die ganze Wurmbüchse in der Tasche, hat den überaus wichtigen Einfluss auf das Gesamtgewürm als solches und die einzig richtige Bedeutung in der Gruppe, nämlich die wirtschaftliche Macht und somit das alles entscheidende Gewicht der wahren bedeutungsvollen Einflussnahme, denn einzig die Hierarchie zählt, und somit hat nur dieser Aspekt die korrekte Geltung in der gesamten Wurmheit als solcher. Der Besitzer von gutem Stoff macht nun mal den goldenen Schnitt; dies ist das eiserne Gesetz in der Branche, einzig der Mann mit dem guten Stoff sitzt an den Schalthebeln der Macht und ist der wahre Boss, der anerkannte King, der absolute Champ und der strahlende Sieger in einer Person, wenn auch immer nur vorübergehend, das heisst, bis der Stoff aufgebraucht ist. Doch allein dies zählt, nur dies; wer die Macht hat, macht die Preise und somit den Gewinn – so einfach läuft dieses einträgliche Geschäft Tag für Tag. Dieses unumstößliche Gesetz gilt hier nicht anders als in jedem anderen Geschäftsgeschehen eines jeden anderen professionellen Geschäftsbereiches; es wickelt sich somit als gültige Transaktion exakt wie jede andere Kaufmannspraxis in jeder hehren Banken- und Handelswelt ab. Da ist keine Zeit für lange Diskussionen, da ist auch keinerlei Bedarf nach unnötiger Verzögerung oder auch nur nach überflüssigen Überlegungen, hinderlichem Zögern oder wirkungslosem Zaudern, und schon gar nicht Raum für allfällige, völlig sinn- und nutzlose Zeitverschwendung irgendwelcher Art, wie Grundsatzdiskussionen, generellen Auseinandersetzungen, Machtdemonstrationen und sinnstiftenden Überlegungen. Würmische Entscheide fallen deshalb jeweils sehr schnell, sehr endgültig, sehr vorbehaltlos und immer äußerst präzise, denn das, was die Wurmbüchse ständig umtreibt, ist lauterstes unternehmerisches Denken, reinstes, tatkräftigstes Anpacken und fleckenlosestes kaufmännisches Handeln – und somit makelloseste Kaufmannschaft der Spitzenklasse, wenn man so will, zudem ausschließlich im völlig illegalen Bereich, versteht sich, und somit sehr gefährlich, wie so viele andere Geschäftsbereiche der Spitzenklasse auch. Doch das macht die Professionalität erst aus; Großbanken und Großkonzerne bewegen sich auch nicht anders. Jedes Mal, wenn sich die Meise nach den Würmern umdreht, wundert sie sich über die auffallend großen Taschen an den tiefhängenden und viel zu weit geschnittenen Beinkleidern, doch irgendwo muss das ganze Material, muss das ganze Business gelagert, versorgt, transportiert, versenkt und versteckt werden können, versteht sich.

Aber wenn man den Ausschuss ganz direkt danach fragt, zeigt er geschickt, gekonnt und sichtlich zerknirscht eine angebrochene Zigarettenpackung, ein paar wertlose Münzen oder auch nur eine Handvoll zerknüllter Kaugummipapierchen vor, denn mehr braucht es nicht, um eine zerstreute Meise oder eine schusselige, zudem restlos desinteressierte Katze zu täuschen. Diese einstudierten und fleißig eingeübten Gesten, diese knallhart kalkulierten Risiken, dieser blitzschnelle Handgriff schützt den Wurm erfahrungsgemäß in mindestens neun von zehn Fällen sicher vor weiteren, zudem lästigen und unangenehmen Nachforschungen und restlos unerwünschten Nachfragen. Zwar gilt danach als minderjähriger Raucher, wer eine angebrochene Packung Zigaretten mit sich herumträgt, das ist klar und das steht jeweils sofort fest, und dazu braucht es nicht einmal eine Erklärung, also eine spontan erfundene Ausrede. Doch wer ist das nicht, ein Raucher, oder wer ist das zumindest nicht schon mal gewesen? Und was soll das überhaupt, Rauchen als moralischer Vorwurf, also gewöhnlicher Nikotingenuss als offenbar schwerwiegendes Delikt? Aber für ein aufgebrachtes Katzenprotektorat sind harmlose Zigaretten erfahrungsgemäß mehr als nur ein empörender Beweis der moralischen Verkommenheit und zudem bereits ein nachhaltiger Grund, eine völlig unbeteiligte Meise entrüstet zu maßregeln – nicht etwa einen Wurm, denn die Meise ist schuld. Die Meise ist immer schuld, und deshalb kann und muss allein die Meise verantwortlich dafür gemacht werden, dass Würmer rauchen; wir werden später noch einmal auf dieses recht bemerkenswerte Phänomen zurückkommen, denn es geht hierbei um die Phänomenologie der Schuldhaftigkeit. Das juvenile Rauchen von Zigaretten genügt den Katzen hinlänglich für eine nachhaltige Verurteilung einer Meise, und zwar als meisisches Vergehen, als meisische Entgleisung und auch als meisisches Delikt an sich, versteht sich, auch und vor allem als meisische Nachläßigkeit in aller meisischen Verantwortungslosigkeit, und zudem lenkt dieser Verlauf der Auseinandersetzung elegant von allen anderen Problemen ab und ist in der Regel für ein ahnungsloses Protektorat ein gebührender Anlass für eine dauerhafte, also nachhaltige Meisenschelte, wie schon erwähnt. Ausreden sind nicht gefragt, Ausflüchte werden gar nicht erst gesucht, denn über Zigaretten und Zigarettenkonsum kann sich das Katzentum bereits ausreichend und sogar über mehrere Jahre hinweg ausgiebig entrüsten, darf sich darob also zur Genüge empören, mag es doch gleich im Anschluss daran oder auch viel später befriedigt strenge Beschlüsse fassen und strikte Entscheide fällen, wird zudem völlig ungeeignete Schritte androhen oder sogar tatsächlich durchziehen wollen, darf drakonische Maßnahmen anordnen, will vielleicht sogar „ein- für allemal mit starker Hand entschieden durchgreifen” – was immer sich die Katzen darunter vorzustellen belieben. Das kurzsichtige Protektorat kann sich für einmal in seiner aufgebläht ameisischen Katzenhaftigkeit öffentlich und für alle ersichtlich deutlich und markant in Szene setzen, kann sich also wichtigtuerisch durchsetzen und unumstößliche Eckpunkte setzen, wenn nicht gar sich selbst unentbehrlich machen, und es gilt danach in den Augen aller anderen Katzen erst noch als absolut vorbildlich und mustergültig. Was will man als Katze also mehr erreichen? Falsches Lob von falscher Seite reicht völlig aus, denn das wäre dann schon wieder gutes Lob. Überhaupt muss man sich immer wieder wundern, wie wenig es braucht, um jedes durchschnittliche Katzenprotektorat nachhaltig zu täuschen, dauerhaft abzulenken und sogar für eine Weile in aller Empörung emotional zufrieden zu stellen, denn ein ganz gewöhnliches Gewürm entwickelt seine brauchbaren und nützlichen Strategien weitaus schneller, als Katzen (oder auch nur verängstigte Meisen) darüber jemals nachzudenken vermöchten. Es arbeitet sie mit schlafwandlerischer Sicherheit intuitiv richtig aus und lässt sie anschließend durch die bereits erstaunlich vielfältige Erfahrung eines zwar noch reichlich jungen, doch hinlänglich strafbaren, also kriminellen und allein deshalb schon deutlich verdorbenen Wurmlebens ausführlich bestätigen. Nur auf diese Weise kommt es zu seinem unaufholbaren, ständigen und lebenswichtigen Vorsprung, und das ist in jedem Fall eine grundsolide Taktik, denn nur so können ihm die täppischen Katzen niemals auf die Schliche kommen, noch jemals gefährlich werden, und überdies durchschaut der geneigte Wurm als gerissener Wurmfortsatz an sich seinen natürlichen Gegner, also vor allem die Katzen (und zuweilen auch die doch eher harm- und bedeutungslosen Meisen) im Nu, durchleuchtet sie wie mit dem modernsten Tomographen und hat sie somit immer sicher im Griff. Das muss aus der Sicht der Würmer unbedingt so sein und auch so bleiben, denn in diesem komplexen Geschehen steht in der Regel allein die Meise ständig im Regen; sie muss jedenfalls stets alle Konsequenzen tragen – und nur sie. Solcherart ist das geplant, geleitet und gefertigt, nämlich wie ein Naturgesetz: Die harmlose und völlig unbeteiligte Meise trägt ganz grundsätzlich und jederzeit alle Schuld. Der natürliche und nahezu ausnahmslose Feind eines jeden würmischen Ausschusses und somit einer jeden stürmischen Wurmbüchse, also eines jeden immerzu verdeckt operierenden Wurmgesindels, weil mehrheitlich lichtscheuen Würmertums überhaupt und einer jeden mehr als kümmerlichen Wurmheit selbst in seiner ganzen kläglichen Wurmhaftigkeit ist nicht etwa das inoffensive Meisentum, das sich mit den Würmern gewissermaßen beruflich auseinanderzusetzen hat – oder zumindest auseinanderzusetzen hätte, wenn es sich denn mit ihnen überhaupt jemals auseinandersetzen könnte oder möchte, sondern doch eher und wirklich erstaunlicherweise, aber streckenweise sogar fast ausschließlich das rachsüchtige kätzische Protektorat mit all seinen antimeisischen Vorurteilen, mit all seinen meisophoben Möglichkeiten, mit all seinen ameisischen Aversionen und mit all seinem antiwürmischen Ermessensspielraum. Aber es ist für die Würmer sehr leicht zu entlarven, nicht nur auf Grund der gemeinsamen Privatsphäre, also aus einem ungewöhnlich kenntnisreichen und deshalb detailgenauen Privat- und Familienleben heraus, das Würmer und Katzen naturgemäß irgendwie teilen, das heißt, juristisch gesehen sogar teilen müssen. Das gesellschaftliche und soziale Umfeld ist für die gesamte Wurmitüde viel leichter zu erkennen, viel schneller zu definieren, viel sauberer zu analysieren und deshalb auch besser zu verstehen als zum Beispiel für professionelle Provokationswühlmäuse oder verdeckte Ermittlungsmaulwürfe der Katzenpolizei, ebenso wie für außeramtliche Schnüffelfahnder und langjährige, bereits grauhaarige V-Schleicher und besoldete Informanten, für nichtöffentliche Grottenolme oder halbstaatliche Schleimdenunzianten, private Aufpasservögel und ganzstaatliche Leckschnüffler der politischen Schmierenoper, für plumpe Massenkontrollorgane auf der Basis von schlecht bezahlten Hühnerhilfskräften, für die stets streitsüchtige Vogelverwandtschaft als Ganzem, für ständig misstrauische Käfignachbarn, für neidische Zellenkollegen und für ganz gewöhnliche WC-Spanner aus der örtlichen Überwachungspolizei, oder aber für neuzeitliche, überaus raffinierte, von bloßem Auge kaum sichtbare elektronische Überwachungsanlagen der nationalen und multinationalen Konzerne und für total durchcomputerisierte, also unfehlbare, weil digitalisierte Kontrollmechanismen der öffentlichen Dienstleistungs-, Kommunikations- und Konsumgesellschaft an sich, oder aber für allerlei artfremde, also fremdartige Späherwürmer aus ganz anderen Wurmpopulationen, vor denen auch ein gewitzter Wurmausschuss immer auf der Hut sein muss, weil auch andere Wurmpopulationen aus anderen, nicht einmal angrenzenden Gegenden, sogar aus anderen Kontinenten natürlich exakt dieselben vertrackten Kampfmittel einsetzen und mit denselben gefährlichen Waffen operie-ren können wie sie selbst. Andere, also fremde Wurmausschüsse sind denn auch die einzigen Organe und Mechanismen, die ein jedes herkömmliche Gewürm sehr gründlich durchschauen können und auch tatsächlich durchschauen müssen, falls jemals Bedarf vorhanden wäre, denn eine simple Meise spielt in diesem Theater im Grunde genommen eine völlig untergeordnete Rolle, nicht einmal eine Nebenrolle, sondern bestenfalls eine Charge, und überdies kann das Meisenhirn an sich je nach Lage bis zu vierzig Prozent wachsen oder schrumpfen, wie uns die ornithologische Anatomie tatsächlich bestätigt. Das ist ein eindeutiger und unschätzbarer organischer Vorteil, muss man dazu neidvoll anfügen, denn das Volumen der Hirnmasse ist gerade bei Meisen schon von Anfang an sehr gering und ursprünglich eigentlich nur von den bescheidenen meisischen Bedürfnissen geprägt und somit nur von ihnen abhängig.

Etwas Wehwehchen hier, etwas jammern da, etwas Bobochen dort, dazu etwas Kabelfernsehen, etwas Billigauto fahren, bitte sehr, dazu etwas gut eingeführter Erlebnisurlaub in den Alpen und gleichzeitig immer etwas bescheidenes Einkaufen allenthalben, und schon ist restlos jede durchschnittliche Meise an und für sich, also persönlich und privat, wunschlos zufriedengestellt und folglich richtig glücklich, wirklich richtig glücklich, denn mehr braucht es tatsächlich nicht zu einem gewöhnlichen Meisenleben, und kleine Konsumkredite richten’s für die Sonderwünsche füglich. Vielleicht wird auch das stets himmelschreiend forsch, überaus unangenehm selbstsicher und zudem geradezu unerträglich selbstherrlich auftretende Katzenprotektorat vom Wurmausschuss nur deshalb als ebenso bedeutungslos und mindestens ebenso harmlos wie Durchschnittsmeisen empfunden, weil es aus obgenannten Gründen ebenso leicht zu durchschauen ist, denn Katzen wollen den Würmern aus Gründen, die noch zu erläutern sind, kaum jemals wirklich etwas anhaben – den geplagten Meisen allerdings schon, wie wir spätestens ab jetzt vermuten dürften. Der Ausschuss folgt der Meise kontinuierlich, doch verdeckt durch das Gewühl und Gewimmel der belebten Straße, aber immer so, als gehöre er gar nicht dazu. Das ist längst nicht mehr das ganze Gewürm, was sie da hinter sich herzieht, stellt die Meise schon jetzt, also schon zu Beginn dieses weiteren sinnlosen Unternehmens erschrocken fest, und sie weiß zunächst gar nicht und in der Folge nie mehr, wo sich der ganze Rest eigentlich befinden mag. Ist das noch normal? muss man sich an dieser Stelle fragen dürfen; darf die Meise einen halben Wurmfortsatz einfach so leichtfertig aus den Augen verlieren? Und wo treibt sich in einem solchen Falle bitte sehr die andere Hälfte unbeaufsichtigt herum?

Es gäbe für die arme Meise schon jetzt sehr viele, vielfältige und nachhaltige Gründe, um auf der Stelle in tiefste Verzweiflung auszubrechen und die gewohnte Untröstlichkeit zu markieren. Doch was heißt hier, in aller Bescheidenheit, „noch normal“? Hier ist in Tat und Wahrheit längst nichts mehr normal und wohl auch noch gar nie normal gewesen, möchte die erfahrene Meise zunächst einmal betont wissen, denn hier läuft prinzipiell nichts normal ab, niemals, und zwar aus dem einfachen Grund, weil hier noch gar nie etwas normal abgelaufen ist – was immer man unter „normal“ begreifen möchte und wann immer man geneigt wäre, die Abläufe jemals als „normal“ zu verstehen. Hier wird bestimmt nicht „normal“ gehandelt, noch wird hier jemals ein „normales“ Wurmverhalten an den Tag gelegt, und es wird auch nicht „normal würmisch“ reagiert, gerade dies ganz und gar nicht, denn es sind sich in diesem alles andere als normalen Unternehmen, wie wir bereits zu diesem frühen Zeitpunkt leichterdings verstehen zu können glauben, ganz grundsätzlich, systembedingt und konstellationsbezogen alle drei Teile dieses teuflischen Dreiecks grundsätzlich spinnefeind, also die Meisen den Katzen und den Würmern, die Würmer den Katzen und den Meisen und die Katzen den Würmern und den Meisen, ganz besonders aber und vor allem die Meisen den Würmern und den Katzen gemeinsam, übereinstimmend, parallel, intensiv, symbiotisch, synergetisch und meist auch noch gleich in extremis, wie wir erkennen zu müssen uns allmählich vorbereiten sollten. Diese doch eher bedauerliche Tatsache ist längst bekannt und auch aktenkundig, und sie ist bereits die ganze Ursache an sich, also die Hauptursache für rundweg alles, was fürderhin eine Rolle spielen wird, eine unumgängliche Gegebenheit also, die uns allein deshalb unbedingt noch ausführlich und gründlich beschäftigen muss. Die ganze altbewährte Verhaltensforschung ist diesbezüglich längst alarmiert, und die besten Verhaltensforscher der Welt rotieren bereits unkontrolliert durch diesen bescheidenen Text: In einer Unternehmung wie dieser steht neuerdings, wie auch sonst und überhaupt, die viel besungene und oft zitierte Normalität, was immer das sein mag oder jemals gewesen sein könnte oder vielleicht tatsächlich einmal gewesen sein mochte, viel zu weit hinten an, um überhaupt in Betracht gezogen werden zu können, und genau dies ist es denn auch, was klassische Verhaltensforscher nie begreifen werden: Die so genannte Normalität – und somit ein an sich berechenbarer Verhaltensstandard – gibt es nämlich gar nicht; sie war, sie ist und sie bleibt ein perpetuelles Phantom der Quasiwissenschaft und somit der ewige Wunschtraum einer rein wissenschaftlich verblendeten Katzenheit, also eines gesellschaftlich fatal irregeführten Katzentums in seiner ganzen Banalität, Ignoranz, Inkompetenz und – sprechen wir es ruhig offen aus – sprichwörtlichen Debilität. Der Wurmausschuss folgt der Meise, wie bereits erwähnt, mit einem gewissen, doch präzisen Sicherheitsabstand, möglicherweise sogar aus Rücksicht auf die Meise selbst. Das mag uns jetzt etwas überraschen, doch vielleicht wird im Gehen nur wie üblich gesoffen, geraucht, geschluckt, gesnifft, gespritzt und gekifft, also polytoxikomanisch genossen, wie man sich unter Genossen mit einer gewissen Verbitterung ausdrücken möchte, und die Meise soll das Ganze einfach nicht mit ansehen müssen, beschwichtigt sich die Meise selbst halbherzig. „Ich brauche das nicht zu sehen“, behauptet sie deshalb keck und trotzig, „Ich habe das nicht nötig.“ Vielleicht wird in einem stillen, unbewachten Hauseingang nur schnell die Nase gepudert, oder es wird hinter einem Treppenvorsprung kurz gedrückt, oder es kann auch, wie überall üblich, selbst im Gehen gekonnt konsumiert, also geraucht, geschluckt, gespritzt oder auch nur tüchtig gedealt werden. Fliegende Straßenhändler kommen und gehen unausweichlich ständig und überall vorbei, wo sich Würmer ansammeln, kühn, mutig, frech, forsch, unerschrocken, direkt, schnell, leise, unauffällig und geschickt, also unerkannt und vor allem unerfasst von verdeckten Fahndern, getarnten Detektiven, versteckten Kameras, unsichtbaren Aufpassern und unauffälligen Bewegungsmeldern. Eventuell wechselt soeben viel Geld in vielen zerknüllten Scheinen die Besitzer, manchmal in erstaunlichen, geradezu unvorstellbaren Mengen, meist in dicken Bündeln, Büscheln oder Rollen, seltener aber in anständigen, sauberen, elektronischen Transaktionen von Bank zu Bank, wie man das als Profi heutzutage macht. Vielleicht geht der längst vorgewarnte Wurmfortsatz nur auf kluge Distanz zur misstrauischen Meise und somit auch über die Meise hinweg zum ahnungslosen Katzenprotektorat, umsichtig vorausschauend und natürlich vorsichtig, also weise achtsam und überaus bedacht, immer außerordentlich aufmerksam und extrem wachsam, ein schlichter, doch längst angelernter Verhaltensreflex, eine nahezu unvermeidliche, doch ungemein wichtige Verhaltensreaktion, ein intuitiver Verhaltenskodex, wenn nicht gar ein bereits genetisch bedingtes Verhaltensmuster aus langjähriger, wenn nicht gar generationenlanger Sozialisation, wenn Sie so wollen. Alles ist heute diesbezüglich möglich, denn es gibt ausgesprochen viele Verhaltensrätsel im stets nur für Außenstehende rätselhaften Verhalten einer jeden durchschnittlichen Wurmitüde, und oft ist dieses Muster für die Würmer lediglich eine Frage der Ehre, der Rang-, der Hack- oder der Pickordnung, wenn man so sagen kann, nicht mehr und nicht weniger – da kann die Meise jeweils nur wortlos staunen, Brehms Tierleben halt, mit einem Schuss Mendel und einigen Tropfen Darwin. Doch sie weiß mittlerweile genau, dass es sich nimmer lohnen würde, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, denn überaus raffinierte, würmische Verhaltensstrategien finden sich zuhauf, zudem im ständigen Wechsel mit all den neunmalklugen Verhaltenstaktiken und den eher undurchschaubaren, doch permanenten Ehrenhändeln unter Würmern, die es natürlich zuhauf gibt, nebst allerlei naivem Getue und äußerst kindischem Verhalten, das einfach dazu gehört, meist aus der Glotze abgeschaut und gekonnt kopiert, offensichtliche Versatzstücke aus billigen Serien und debilen Soapoperas, manchmal tatsächlich getarnt als plattester Humor in seiner ganzen Massentauglichkeit, also banalste Witzlosigkeiten, die, geschickt eingesetzt, ausschließlich zur Ablenkung allfälliger Aufpasser dienen. Hinzu kommen auch noch und immer wieder all die unübersehbaren und meist sehr ernstzunehmenden, schwerwiegenden Verhaltensstörungen, die sich oft breit und vor allem quer zu jeder naheliegenden Vernunft legen, schwer, breit und quer zu jedem sich anbietenden Verstand, aber auch viele gewöhnliche, doch sehr unangenehme Verhaltensauffälligkeiten, dazu ständig die inkonsequenten und meist unerklärbaren Verhaltensfehlleistungen, all die desaströsen und dekonzertanten Verhaltensmuster und die stets kontraproduktiven Verhaltensabnormitäten, sowie etliche vielleicht sogar gutgemeinte, doch absolut harmlose, weil völlig wirkungslose Verhaltensregeln oder auch nur gewöhnliche, unverständliche Verhaltensweisen und andere unverschämte Unverhältnismäßigkeiten ohne Zahl, immerzu und unausweichlich aus frühwürmischen Defiziten, wurmoïden Traumata, vermisischen Psychosen und bilaterischen Neurosen, in sehr deutlich und offensichtlich vernachlässigten Wurmnestern geboren, auch wenn sich diese würmischen Herkünfte betont gediegen und aufgeschlossen zu geben belieben (ganz besonders die!) – mehr gewiss nicht. Aber nicht nur das. Wie ist das denn früher gewesen? muss man sich jetzt angesichts dieses mehr als deplorablen Desasters völlig zu Recht fragen dürfen. Hat sich die ganze Wurmpopulation früher nicht stolz an die Katzen oder gar an die Meisen selbst gedrängt? Hat das heute Undenkbare einst nicht tatsächlich und real stattgefunden? Haben die Würmer damals, also in den goldenen Frühzeiten ihrer tatsächlich noch ganz unschuldigen Wurmhaftigkeit, nicht rührende Vertrauensseligkeit an den Tag gelegt, grenzenlose Zutraulichkeit gezeigt und stolz selbstverständliche Verlässlichkeit demonstriert? Und dazu jede Menge leichter Zugänglichkeit? Absolutes Vertrauen? Unbedingte Zuneigung gar? Haben die frühen Würmer, die Urwürmer also, in ihrer entwicklungsgeschichtlichen Ur- und Frühzeit nicht eine geradewegs entwaffnende Arglosigkeit bei eingestandenermaßen gleichzeitiger Ahnungslosigkeit an den Tag gelegt, als ein typisches Merkmal ihrer wurmhaften Eigenart und ihres biologischen Entwicklungsstandes? Die Meise erinnert sich tatsächlich an nicht wenige, wenn auch unverbindliche Zutraulichkeiten, die heute absolut undenkbar und unvorstellbar wären, wie zum Beispiel offen zur Schau getragene Zuneigung den Meisen gegenüber, freundliches Händchenhalten auf Ausflügen gar, sogar liebenswürdiges Haarestreicheln und herzliches Wangentätscheln, aber auch an eine rundweg umwerfende Offenherzigkeit und überaus entwaffnende Arglosigkeit, an eine fleckenlose Unverdorbenheit halt, wie es sie heutzutage gewiss nicht mehr gibt und wie sie heute nicht mehr vorstellbar wäre. Du meine Güte, das waren noch Zeiten! Heute gälte dies alles sofort als körperliche Bedrängung, als seelische Nötigung, als emotionelle Misshandlung oder gar als sexuelle Belästigung und wäre als eindeutig moralischer Vorwurf und als fixfertige juristische Anklage durchaus ausreichend, um eine gewöhnliche Meisenexistenz nachhaltig und unwiederbringlich zu zerstören. Richtige Wellen von öffentlich zur Schau gestellter Empörung und Wogen von meisenfeindlichen Massenhysterien machen sich heutzutage diesbezüglich blitzschnell breit, und Fluten von Persekutionsdelirien pflegen sich neuerdings in den gespreizten Katzenprotektoraten ungebremst und natürlich absolut unreflektiert auszudehnen!

Viele naturaufgeregte Katzen fordern heute nichts weniger als das Ende sämtlicher zivilisatorischen Errungenschaften, also den Schluss aller zivilisierten Rechtsgrundlagen und deren unwiederbringlichen Abgang, also die Auflösung aller demokratischen Rechtsprinzipien, und gewisse Katzen einer besonders hinterhältigen Sorte wollen heute immer gleich das ganze Rechtssystem als solches, gleich das Rechtswesen überhaupt und somit den ganzen Rechtsstaat an sich aushebeln, ausbremsen, umstürzen und abschaffen, nur um für alle ersichtlich im Recht zu sein, nur um recht zu haben und recht zu bekommen; man möchte also bedenkenlos rundweg alles plattmachen, was über lange Epochen der historischen Entwicklung tapfer, unerschrocken und überaus mühselig aufgebaut worden ist. Selbst nach der Wiedereinführung der Folter und der Todesstrafe wird deswegen lauthals gerufen, wo doch jede anständige Meise heute bereits eine simple, dreckige Denunziation wegen angeblicher Ungerechtigkeit, deutlich vorgeschobener Parteilichkeit, lauthals vorgehaltener Pflichtvergessenheit, öffentlich vorgeworfener Würmerprovokation oder gar wegen sexueller Nötigung bei den nach schnellen, billigen, aber sehr wirkungsvollen Verdächtigungen, Anschuldigungen und Denunziationen geradezu lechzenden Katzen fürchten muss! Wir verstehen jetzt: So gesehen sind das sorgfältig eingehaltene, fürsorgliche Abstandnehmen und das vorsorgliche Abstandeinhalten durch den integralen Wurmfortsatz eine ganz persönliche Wohltat für die Meise und zudem eine äußerst wichtige und vielleicht sogar juristisch relevante Notwendigkeit, zumindest aber ein recht angenehmes und fast freundlich zu nennendes Entgegenkommen seitens eines überaus wachsamen Wurmausschusses. Ist es nicht so? Dies wäre überdies der vielleicht einzig richtige Weg zu einem gesunden Schlaf ohne all die sublimierten Ängste, ständigen Befürchtungen, traumatischen Erinnerungen, absurden Gedankenkapriolen und kaum verdrängten Katastrophen, also zu einem Schlaf ohne Albträume, wenn Sie so wollen. Wenn auch die Meise aus verständlichen Gründen nicht selbst Abstand nehmen kann, zumal nicht äußerlich und vor allem nicht für jedermann ersichtlich, so doch immerhin die komplette Wurmheit als Ganzes – und genau das tut sie denn auch vorsätzlich und mit Bedacht, also durchaus vorsorglich, mit einer gewissen ungewollten Rücksichtnahme und somit richtig ungewohnt taktvoll, wenn auch nicht reinen Herzens und arglosen Sinnes, wie man als positiv denkender Beobachter jetzt fälschlicherweise gutgläubig vermuten möchte. Doch ihr, also der gesamten Wurmbüchse als solcher, sieht man diese ganz offensichtliche Reserviertheit, also dieses demonstrative Distanzbedürfnis jederzeit nach, denn bei ihr ist diese überaus bedachtsame, abständische Haltung durchaus verständlich und in einem gewissen Sinne sogar schlüssig: Sie kann es sich überdies leisten, ihre ganze Ignoranz offen herumzutragen, laufend damit anzugeben und damit aufzutrumpfen und somit nicht nur allen Zuschauern ihre äußere, sondern auch noch ihre innere Verkommenheit stolz herzuzeigen; sie kann es sich sogar offen erlauben, ihr grenzenloses Desinteresse mehr als deutlich an den Tag zu legen und ihre abgrundtiefe Abscheu öffentlich zur Schau zu stellen, denn das gehört einfach zum guten Ton, so liegen die Dinge. Die Meise selbst müsste diesbezüglich immerhin noch eine gewisse meisische Anteilnahme heucheln, müsste zumindest ein bescheidenes meisisches Interesse andeuten, müsste zudem jederzeit ein vorgegebenes meisisches Leistungssoll vorweisen oder zumindest ein korrektes meisisches Pflichtbewusstsein vorzeigen können; das erwartet das grundsätzlich ameisische Komplettprotektorat nun mal von ihr, ohne jede Vorwarnung übrigens, auf Kommando gewissermaßen, sogar im Angesicht einer jeden analphabetischen Katze – es ist kaum zu glauben. Im Verlaufe einer unfreiwilligen Unternehmung geht dieses künstlich aufgesetzte Pflichtbewusstsein allerdings erfahrungsgemäss immer mehr als gründlich in die Binsen, das steht längst fest, denn die Meise selbst verliert in diesen schrecklichen Augenblicken ihrer Existenz ihre mehr oder weniger anvertrauten und zumindest theoretisch, also wenigstens auf dem Papier noch vorhandenen Ansprechpartner und die aufgezwungenen Demonstrationsobjekte, nämlich die mehr als deutlich distanzierten Würmer selbst; sie muss froh sein, wenn sie wenigstens ihre eigenen Wünsche und überhaupt ihre persönlichen Bedürfnisse irgendwie andeuten kann, denn sie verliert im Verlaufe dieser bemühenden Zeiten rundweg alles an allfälligen privaten Ansprüchen und muss sich damit abfinden, dass während einer beliebigen Unternehmung sämtliche gutgemeinten Vorsätze, aber auch alle Abmachungen und Absichten einfach außer Kraft gesetzt sind und außer Kraft gesetzt bleiben. Hier und jetzt herrscht nur noch das totale Chaos, und nichts anderes sonst, denn das Gewohnheitsrecht – oder zumindest dessen kümmerliche Überreste – also das hergebrachte Tun und Lassen oder allenfalls das fragmentarische Treiben, das noch übriggeblieben ist, die üblichen Verhaltensmuster also, die gewöhnlichen Reflexe, sie gelten eigentlich nur noch unter kaum noch existenten regulären Bedingungen und unter kaum noch als „gewöhnlich“ zu bezeichnenden Voraussetzungen. So liegen die bedauerlichen Dinge.

Auch deshalb ist die Meise jetzt froh, dass ihr der lästige Wurmfortsatz nicht ständig an der Schürze hängt und an den Sohlen klebt, dass er ihr nicht fortwährend auf die Pelle rückt oder sie mit völlig sinnlosen Anschuldigungen, krassen Lügen, idiotischen Behauptungen, offenen Drohungen und ver-steckten Erpressungsversuchen löchert. Ganz außer Zweifel steht zudem, dass allfällige An- und Nachfragen sowieso restlos überflüssig wären; solcherlei würde längst nur noch pro forma gestellt, bestenfalls in gekonnter rhetorischer Rabulistik, um nötigenfalls einen gewissen Anschein von Korrektheit aufrecht zu erhalten. Sie könnten im Übrigen jederzeit sofort wieder vergessen und verdrängt werden, denn sie erheischen nicht einmal den Anflug ei-ner Antwort. Ein Wurmausschuss würde gar nicht erst hinhören, wenn korrekt und angemessen geantwortet wür-de, kaum hätte er eine dieser rein mechanischen Fragen an die Meise gestellt, Fragen überdies, die von brüllender Banalität, schreiender Ignoranz und kreischender Imbezillität nur so strotzten. Und was sollte die Meise auf kalkulierten Stumpfsinn schon antworten? Jegliche Antwort wäre überflüssiger als die blödsinnigste Frage; das wissen beide Seiten ganz genau. Seriöse Fragen zu beantworten, steht deshalb schon lange nicht mehr im Programm einer Meise; die Meise selbst macht längst nur noch kurz angebunden äußerst vage Angaben in höchst unvollständigen Halbsätzen, in meist in der Mitte abgebrochenen Imperativsätzen, in belanglosen Resten von halbherzig angefangenen Konsekutivsätzen und in überaus schütteren Trümmerteilen von an sich simplen Interrogativsätzen. Diese nur noch bruchstückhaften Signale einer Kommunikation müssen den diesbezüglich völlig anspruchslosen Würmern schließlich reichen, und sie reichen ihnen denn auch völlig in all ihrer rudimentären inhaltlichen Bescheidenheit – in der Regel. Alles andere wäre bereits zuviel gesagt, wäre zudem zuviel des Guten, wäre viel zu viel Mitteilung, wäre bare Verschwendung und, vor allem, reinste Überforderung und bliebe ihnen deshalb rundweg unverständlich, das heißt, alles andere würde die Würmer nur sinnlos überraschen, wenn nicht gleich überfordern und zudem unnötig belasten, würde sie deshalb sogleich misstrauisch werden lassen, würde sie vielleicht sogar abschrecken und bestimmt gleichzeitig übernutzen und überlasten, wie so vieles andere auch, was, nur nebenbei angedeutet, postwendend nichts als unnötigen Stress und endlosen Ärger für die Meise mit sich brächte, nur weil absehbar auch Überflüssiges von den Würmern vielleicht sogar zu Recht als klare Provokation angesehen würde. „Sie hat uns wieder provoziert“, würden sie später in ihrer ganzen Unlauterkeit stur behaupten und stumpfsinnig murmeln, nachdem sie die Meise zuvor mit ihren Baseballschlägern erbarmungslos totgeschlagen hätten, genauso, wie sie diesen unumkehrbaren Vorgang bereits unzählige Male im Fernsehen gesehen haben, oder das würde ihnen zumindest ausreichen, um nächtens straffrei fremde Autos zu zerkratzen, Pneus zu zerstechen, Briefkästen anzuzünden, vor den Hauseingang zu scheißen, Blumenrabatten zu zertrampeln, Türen aufzubrechen oder Scheiben einzuschlagen – wenn nicht gar mehr, was Katzen übrigens in der Regel mit der üblichen Häme „geschieht der blöden Meise ganz recht“ quittieren würden. „Sie hat es selbst so gewollt“, würden sie angewidert behaupten dürfen, und „Sie hat es nicht besser verdient.“ Die geistige Überforderung beginnt schon sehr früh und kennt bekanntlich keine untere Grenze, sowohl bei den Würmern nicht, als auch, vielleicht zunächst etwas überraschend, bei den Katzen nicht, und zwar erstaunlicherweise in exakt demselben Ausmaß – man kann da in seiner ganzen Arglosigkeit nur noch staunen. Sie kennt auch keine Alters- und Geschlechtergrenzen, auch keine Zeitlimite, noch soziale Schranken, die eh nur hypothetisch bleiben, denn wenn man das Katzenprotektorat über einen längeren Zeitraum beobachtet, versteht man bald einmal, warum den mentalen, also intellektuellen Möglichkeiten, sowohl von Würmern, als auch von Katzen, meist brutale Grenzen gesetzt sind. Man versucht deshalb als vorsichtige Meise gar nicht erst, an diesen natürlichen Beschränkungen jemals zu rütteln; man wahrt voller Einsicht lieber vorsorglich Abstand zu diesem bedauerlichen und bedenklichen Phäno-men. Die Meise geht in dieser Frage sogar so