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Liborius Olaf Lumma

Wer macht was im Gottesdienst?

Die handelnden Personen und ihre Aufgaben

Theologische Erschließung

Praktische Tipps

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

© 2021 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

ISBN 978-3-7917-3284-8

eISBN 978-3-7917-6211-1 (epub)

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Inhalt

Vorwort

Das Anliegen dieses Buches

Zur Gliederung dieses Buches

Priester/Presbyter – Gemeinde/Versammlung – Geschlechtersensible Sprache

1Rollenspiele, Macht und Drehbücher – eine Annäherung an den katholischen Gottesdienst

Gottesdienst als Rollenspiel

Ernsthaftigkeit, Authentizität und Geschlechter

Rollen im menschlichen Leben

Macht der Vereinsvorsitzenden – Macht der Mitglieder

Aufeinander bezogene liturgische Rollen

Liturgische Rolle und kirchliche Macht

Liturgie und Drehbuch

Drehbuch, Gestaltungsfreiheit – und wieder Macht

Eucharistiefeier, Wort-Gottes-Feier, Tagzeitenliturgie

2Vereinssitzung, Theaterstück oder offener Himmel – wenn Christen sich versammeln

Katholischer Gottesdienst: Bühne und Publikum

Gottesdienst als Versammlung

Liturgische Versammlung und himmlisches Jerusalem

Ekklesia als Versammlung

Liturgische Rollen im Verhältnis zur Versammlung

Architektonische Rahmenbedingungen

Das Wir und das Amen

Gemeinsam vorgetragene Wir-Texte

Konsequenzen für die Praxis

Liturgie: eine Sache für Eingeweihte

Ich-Gebete

Actuosa participatio

3Zwölf Apostel, Ordinationen und Beauftragungen – Weiheämter und Laienämter in der katholischen Kirche

Ordinierter Bischof und ordinierte Mitarbeiter

Ordination auf Dauer

Ordination und Eucharistie

Ordinierte als Priester

Apostolizität und Eucharistievorsitz

Liturgische Leitung und Gemeindeleitung durch Ordinierte

Macht und Kontrolle in der Kirche

Niedere Weihe und Beauftragung

Der Begriff Laie

4Bücher, Pulte, Mikrofone – die Lektorin/der Lektor

Lesungen durch Ordinierte und durch Laien

Das Wort Gottes in der Versammlung der Kirche

Im Dienst des Textes

Leseordnungen

Kantillation

Kompetenzen für den Lektorendienst

Vorbereitung

Lesungen weglassen?

Ambo

Lektionar, Fürbitten, Kleidung und Sitzplatz

5Atmen, Vorsingen, Mitsingen – die Kantorin/der Kantor

Öffentlich singen

Antwortpsalm

Antwortpsalm weglassen

Dialog mit der Versammlung

Tagzeitenliturgie

Stimmführer der Versammlung

Responsoriale Alternativen zu Strophenliedern

Kompetenzen für den Kantorendienst

6Kantor, Schola, Gemeindeersatz – der Chor

Schola: Chor in der Kantorenrolle

Chor als Repräsentant der Versammlung

Optionen für die Weiterentwicklung

7Orgel, Violine, E-Gitarre – Instrumentalistinnen und Instrumentalisten

Musikinstrumente im christlichen Gottesdienst

Instrumentalspiel zur Begleitung und Unterstützung des Gesangs

Instrumentalmusik als eigenständige Größe

Instrumentalmusik und Kantorendienst

8Hirte, Vorsteher, Christusbild – Bischof und Presbyter

Christusrepräsentanz

Bischof und Presbyter als Liturgievorsteher

Exkurs: Die Leitung der Wort-Gottes-Feier

Ordination, Liturgie und Kirchenrecht

9Präsident, Vorsitzender, Zelebrant – die Liturgievorsteherin/der Liturgievorsteher

Liturgischer Vorsteherdienst

Vorsteher, Leiter, Zelebrant

Verschiedene Ausdrucksformen des Vorsteherdienstes

Vorsteherdienst durch mehrere Personen gemeinsam

10 Getränkewart, Evangelist, Motivator – der Diakon

Diakonos zwischen Sozialdiener und Privatsekretär

Presbyter und Diakone

Wiederbelebung des Diakonats durch das Konzil

Diakon in der Eucharistiefeier

Lektionar, Evangeliar, Bibel

Allgemeines Gebet

Kelchkommunion

Frauendiakonat und Frauenordination im Allgemeinen

Diakon außerhalb der Eucharistiefeier

11 Studieren, Übersetzen, Bezeugen – die Predigerin/der Prediger

Predigtdienst durch Vorsteher

Predigt in der Eucharistiefeier und anderen Liturgieformen

Die Predigt und ihre Wirkung

Homilie als Liturgie

Kompetenzen für die Predigt

12 Ernährung, Segnung, Krankenbesuche – die Kommunionhelferin/der Kommunionhelfer

Kommunionspendung in der Eucharistiefeier

Der empfangende Vorsteher

Vorsteher als erster Kommunionspender

Kelchkommunion: ein Desiderat

Konkurrenz zwischen Ordinierten und Laien

Handkommunion und Mundkommunion

Kelchkommunion: praktische Herausforderungen

Zulassung zur Kommunion

Praktische Konsequenzen

Wer die Kommunion nicht empfängt

Agape

Heruntergefallenes Brot, verschütteter Wein

Gestaltung der Kommunion im Gottesdienstraum

Krankenkommunion

Kommunion aus dem Tabernakel

Kommunion und Wort-Gottes-Feier

13 Kerzen, Weihrauch, Spielzeugteller – die Ministrantin/der Ministrant

Kinder und Erwachsene als Ministranten

Weihrauch

Kerzen

Praktische Assistenzdienste

Gabenbereitung

Aufteilung der Ministrantenrollen

Kinder und Erwachsene

14 Niedere Weihe, Beauftragung, Priesteramtskandidat – Lektorin/Lektor und Akolythin/Akolyth

Lektor

Akolyth

Eine neue Entwicklung: Frauenlektorat und Frauenakolythat

15 Entscheiden, Planen, Kleiden – Liturgie gemeinsam vorbereiten

Unausweichliche Entscheidungen

Entscheidungsmacht des Vorstehers

Entscheidungsmacht anderer

Das liturgische Buch als Schutz vor Willkür

Lesungen

Musik- und Liedauswahl

Predigt als Ausgangspunkt der Liturgieplanung?

Einheitliche Kriterien vs. persönliche Willkür

Selbstorganisation der Gemeinde

Eine Person, mehrere Rollen?

Sakristan / Küster / Mesner

Liturgische Kleidung

Beginn und Abschluss der Liturgie

16 Das Zweite Vatikanische Konzil über die Liturgie

17 Anregungen für Eucharistiefeier, Wort-Gottes-Feier und Vesper

Eucharistiefeier

Wort-Gottes-Feier

Vesper

Schlusswort

Literaturhinweise

Konzilstexte

Kirchliche Bestimmungen für die Eucharistiefeier, Wort-Gottes-Feier und Tagzeitenliturgie

Grundlegende und konkretisierende Überlegungen zur Liturgiegestaltung

Philosophische Überlegungen zu den „Drehbüchern“ der Liturgie und zu den Adressaten liturgischer Texte

Einführung in einzelne liturgische Rollen

Zur Homilie

Zum Allgemeinen Gebet (Fürbitten)

Zum ordinierten Amt in der katholischen Kirche und zum Frauendiakonat

Zur aktuellen Diskussion um Machtstrukturen in der katholischen Liturgie

Zur Einführung in die Tagzeitenliturgie

Zur Erfahrungsqualität einzelner liturgischer Symbole

Zum Blumenschmuck in Kirchenräumen

Vorwort

Im Katholizismus nimmt wie in den meisten Richtungen des Christentums und anderer Religionen der Kult eine zentrale Stellung ein: zeichenhaft aufgeladene Rituale, die individuell oder gemeinschaftlich begangen werden und in denen sich Menschen auf Transzendentes beziehen, also auf etwas, das nicht Teil dieser Welt ist und doch in Beziehung zur Welt steht, christlich gesprochen auf Gott.

Nun gibt es grundsätzliche Kritik an solchen Formen religiösen Kultes. In Europa wurde diese Kritik besonders durch die Philosophie und Politik der Aufklärung seit dem späten 18. Jahrhundert beeinflusst: Gebet, Lobpreis, Dank oder Anbetung seien demnach vollkommen sinnlos. Die für solche Handlungen investierten Ressourcen von Zeit, Kunst und Verstand sollten besser der Moral, also der aktiven Mitwirkung an einer besseren Welt zukommen, für die dann allerdings doch wieder Transzendenz in Anspruch genommen wird, und zwar in Form von Werten wie Gerechtigkeit, Freiheit oder Humanität. Auf solche Kritik an religiösen Praktiken einzugehen, ist nicht Thema dieses Buches. In erster Linie ist hier auf Diskussionen in der Religionsphilosophie zu verweisen.

Doch selbst dort, wo Menschen dem religiösen Kult positiv oder zumindest offen gegenüberstehen – etwa weil sie selbst einer Religionsgemeinschaft angehören oder weil sie dem Kult zumindest zugestehen, dass er für den Menschen eine ähnliche Bedeutung haben kann wie Kunst, Musik, Literatur, Liebe, Trauer, Hoffnung und Zweifel –, bleiben die Ausdrucksformen der katholischen Kirche oft fremd.

Für die verschiedenen Formen des katholischen Kultes gibt es keine einheitliche Begrifflichkeit. Ich werde in diesem Buch in erster Linie von Liturgie sprechen. Dabei geht es mir immer um jene Formen, die gemeinschaftlich und öffentlich geschehen, und hierbei wiederum um die drei wichtigsten Rituale für die katholische Praxis in unseren Breiten: die Eucharistiefeier (Messe), die Tagzeitenliturgie (Stundengebet) und die Wort-Gottes-Feier.

Das Anliegen dieses Buches

Ich möchte versuchen, einen Schlüssel zum Verständnis dessen anzubieten, was Menschen in der katholischen Liturgie tun, zu der sie sich gemeinschaftlich versammeln und in der sie unterschiedliche Rollen ausfüllen.

Das Buch soll auch für jene Menschen informativ sein, die sich der katholischen Liturgie von außen annähern: als interessierte, neugierige oder skeptische Beobachter.

Denjenigen, die als katholische Gemeindemitglieder die Liturgie mittragen – sei es, dass sie öffentlich sichtbar besondere Aufgaben übernehmen, sei es, dass sie einfach aus freier Entscheidung anwesend sind und vielleicht das ein oder andere Lied mitsingen –, soll das Buch eine Hilfestellung sein, um das eigene Tun besser verantworten und sachgerechter gestalten zu können.

Dabei ist vorauszusetzen, dass das Nachdenken und Reden über Liturgie niemals die Liturgie selbst ersetzen kann, so wie auch Musikwissenschaft nicht das Musizieren oder das Hören von Musik, die Theaterkritik nicht das Schreiben, Spielen oder Ansehen von Theaterstücken und die Politikwissenschaft nicht das Regieren oder das Wählen ersetzen kann. Die wissenschaftliche Beschäftigung kann Missverständnisse aufklären, neue Perspektiven erschließen und Wege eröffnen, auf denen die Liturgie ihr Potenzial und ihre Wirkung sachgerechter entfalten kann. Das Nachdenken über Liturgie kann die Kompetenzen befruchten, die nötig sind, um Liturgie sachgerecht zu gestalten, die als ritualisierte Handlung den ganzen Menschen in seiner leiblich-seelischen Verfasstheit über die Begrenztheit des Messbaren, Berechenbaren und Beherrschbaren hinausweist, ähnlich wie dies Musik, Kunst, Theater und Literatur tun.

Zur Gliederung dieses Buches

Die Buchkapitel 3–14 sind weitgehend nach den handelnden Personen und den von ihnen ausgeübten liturgischen Rollen geordnet. Manche der dabei behandelten Themenfelder betreffen mehrere Personen zugleich: etwa die Handhabung von Büchern oder die Bedeutung der Bibel für die Liturgie. Ich werde solche Themen in einzelnen Kapiteln bündeln und in anderen Kapiteln darauf verweisen.

Am Beginn und am Schluss (Kapitel 1–2 und 15–17) stehen allgemeinere Überlegungen, wichtige Quellentexte und konkrete Ideen zur Liturgiegestaltung.

Priester/Presbyter – Gemeinde/Versammlung – Geschlechtersensible Sprache

Für das Buch musste ich einige Vorentscheidungen treffen, die vielleicht erklärungsbedürftig sind.

Anders als im deutschsprachigen Katholizismus üblich werde ich nicht vom Priester sprechen, sondern vom Presbyter. Den Begriff Priester verwende ich dagegen als Oberbegriff für Bischöfe und Presbyter. Das mag irritieren, vielleicht sogar ablenken. Es gibt dafür aber wichtige Gründe, die ich in Kapitel 3 erläutern werde.

Ein zentraler Begriff, dem ich mich in Kapitel 1 und 2 grundlegend annähern werde, ist Versammlung. Ich spreche daneben auch von der Gemeinde. Versammlung soll immer die konkret zur Liturgie zusammentreffende Personengruppe bezeichnen. Den Begriff Gemeinde verwende ich hingegen für eine im Prinzip stabile Gruppe: eine soziale oder kirchenrechtliche Gemeinschaft wie etwa eine Pfarrgemeinde (Pfarrei, Pfarre), eine Klostergemeinschaft oder eine Hochschulgemeinde. Man kann also ein einflussreiches Mitglied einer Gemeinde sein, ohne an einer konkreten liturgischen Versammlung teilzunehmen. Umgekehrt kann man zu einer Versammlung gehören, ohne Teil der Gemeinde zu sein. Man ist dann mehr oder weniger Gast – unabhängig davon, ob man selber katholisch ist oder nicht. Diese Unterscheidung von Versammlung und Gemeinde hat ihre Grenzen, da man über die katholische Kirche auch noch aus völlig anderen Perspektiven und mit anderen Kategorien sprechen kann. Für mein Buch schien mir diese Begrifflichkeit aber hilfreich.

Eine weitere Vorentscheidung war in Bezug auf geschlechtersensible Sprache zu treffen. Das ist gerade in der katholischen Kirche von besonderer Brisanz, da Frauen von bestimmten kirchlichen Aufgaben von vornherein ausgeschlossen, in anderen Aufgaben aber den Männern völlig gleichgestellt sind. Soll, kann oder muss diese Tatsache Konsequenzen für Personenbezeichnungen in deutschsprachigen Texten haben – und wenn ja, welche? Hier werden sprachwissenschaftlich sehr unterschiedliche Ansichten vertreten, noch dazu gibt es in der Entwicklung einer für Geschlechterfragen sensibilisierten Sprache derzeit erhebliche Ungleichzeitigkeiten zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz, zwischen Wissenschaftssprache und Alltagssprache und zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Milieus. Ich habe mich für folgende Vorgehensweise entschieden:

Bei der ersten Nennung bzw. am Beginn eines Kapitels werde ich die behandelten kirchlichen Ämter zunächst in der grammatisch weiblichen und in der grammatisch männlichen Form ausweisen, es sei denn, das betreffende Amt ist ausschließlich Männern vorbehalten. Anschließend verwende ich das generische Maskulinum und folge damit jenem Befund der historischen Sprachwissenschaft, wonach das grammatische Geschlecht vom biologischen oder sozialen Geschlecht zu unterscheiden ist. Anders gesagt: Nur weil ein Wort grammatisch männlich ist und womöglich auf -er endet, impliziert es weder das männliche biologische Geschlecht noch drückt es irgendwelche typisch männlichen Eigenschaften oder Charakterzüge aus (es ist „unmarkiert“). Der Ausdruck der Lektor oder der Kommunionhelfer hat demnach genauso viel und genauso wenig mit dem Mann-Sein zu tun wie der Schraubenzieher oder der Wäschetrockner, auch die Pluralformen Katholiken oder Christen beziehen sich gleichermaßen auf Frauen, Männer und Kinder. Vor allem verwende ich das generische Maskulinum bei Zusammensetzungen wie Kantorendienst oder Lektorengruppe.

Wenn ich konkrete Beispiele benenne, werde ich mehrheitlich die („markierte“) grammatisch weibliche Form verwenden, zum Beispiel: „Eine Organistin soll ihre Kompetenzen schon bei der langfristigen Vorbereitung von Liturgien einbringen.“ Auf diese Weise nehme ich den Befund der feministischen Sprachwissenschaft ernst, wonach grammatisch männliche Formen – spätestens seit es in der deutschen Sprache üblich wurde, zu jeder männlichen Personenbezeichnung auch eine weibliche Form zu kreieren (in der Regel durch die Anfügung -in) – eher Bilder von biologisch männlichen Wesen aufsteigen lässt, was dazu führen kann, dass Frauen als begründungspflichtiger Ausnahmefall erscheinen.

Diese Vorgehensweise habe ich eng angelehnt an die Vorschläge von Dr. Anette Nagel, die sie auf ihrer gemeinsam mit Petra Oerke betriebenen Website www.contexta.de veröffentlicht und begründet hat.

Mir war wichtig, ständige Doppelnennungen zu vermeiden, die vor allem bei längeren Auflistungen die Lesbarkeit dieses Buches erheblich erschwert hätten. Außerdem wollte ich auf neue Formen des gegenderten Schreibens wie LektorInnen, Lektor*innen oder Lektor:innen verzichten, weil diese den derzeitigen deutschen Rechtschreibregeln nicht entsprechen, Menschen anderer Muttersprache das Erlernen und Schreiben des Deutschen erschweren und weil (noch) keine Konvention existiert, wie man diese Formen aussprechen soll, spätestens wenn man zu der Form jedeR oder der:m und den Herausforderungen kommt, die solche Schreibweisen für Vorleseprogramme für Blinde mit sich bringen. Mein Buch sollte aber gut und zweifelsfrei vorlesbar sein.

Mein Dank gilt dem Verlag Friedrich Pustet, besonders dem Lektor Dr. Rudolf Zwank, der diesem Buchprojekt von Beginn an positiv gegenüberstand und durch seine gewohnt detailgenaue Arbeit die Publikation unterstützt hat.

1 Rollenspiele, Macht und Drehbücher –

eine Annäherung an den katholischen Gottesdienst

Gottesdienst als Rollenspiel

Katholische Liturgien sind eine höchst rätselhafte Angelegenheit.

Führende Amtsträger der katholischen Kirche werden nicht müde zu betonen, dass die Liturgie das Zentrum des Katholizismus bildet. Andererseits ist offenkundig (und niemand leugnet es), dass nur eine Minderheit der Katholiken regelmäßig an kirchlichen Ritualen teilnimmt. Regionen mit einer sonntäglichen Gottesdienstbeteiligung im niedrigen einstelligen Prozentbereich sind nicht selten. An Werktagen verlieren sich ohnehin nur ganz wenige Menschen in die Kirchen.

Außenstehende erleben katholischen Gottesdienst als eine Ansammlung von Verhaltensmustern, von denen nur wenige selbsterklärend sind: Gesten mit Armen, Händen und Fingern; unterschiedliche Körperhaltungen; gesprochene Worte, viele Halbsätze und einige längere Texte, die von den „Eingeweihten“ auswendig beherrscht werden; gemeinsam gesungene Lieder; manchmal auch von einer Einzelperson in einer Art Singsang vorgetragene Texte; spezielle Kleidungsstücke, die aber nur von einigen wenigen getragen werden.

Das alles geschieht in einem eigens für den Kult hergerichteten Raum, der in aller Regel eine sofort erkennbare Gliederung in verschiedene Bereiche aufweist und an das Gegenüber von Theaterbühne und Zuschauerraum erinnert. Dieser Raum hat unsichtbare Schwellen, die die Eingeweihten nicht oder nur zögernd und dann mit besonderer Energie oder mit theatralischer Gestik überschreiten.

Ernsthaftigkeit, Authentizität und Geschlechter

Beobachtet man die Eingeweihten dabei, wie sie ein solches Zeremoniell vorbereiten oder wie sich nach dessen Abschluss lautstark darüber unterhalten, stellt man fest, dass es sich bei diesem merkwürdigen Spiel offenbar um eine todernste Sache handelt, an der sich Richtungsstreitigkeiten in der katholischen Kirche ebenso festmachen lassen wie die moralische Zuverlässigkeit der handelnden Personen.

Dieses Buch will versuchen, in einen zentralen Aspekt der katholischen Liturgie einzuführen, nämlich in die handelnden Personen und die Rollen, die sie im Zeremoniell einnehmen. Unterschiedliche Personen haben im Ritual unterschiedliche Aufgaben. Einige dieser Aufgaben scheinen dabei nahezu beliebig und spontan einzelnen Frauen, Männern, Kindern, sogar nichtkatholischen Gästen zugewiesen werden zu können, andere aber gehören exklusiv bestimmten Personen ein Leben lang, und diese letzteren sind offenkundig ausschließlich Männer.

Manche scheuen im Zusammenhang der Liturgie den Begriff Rollen, weil er ihnen zu sehr danach klingt, dass man hier nur etwas „spielt“. Im Theater kann ich einen Richter, einen Gärtner oder einen Mörder darstellen, ohne selber einer zu sein, aber geht es im Christentum nicht vielmehr darum, authentisch zu sein, kein „falsches Spiel zu spielen“ und niemandem etwas vorzumachen?

Rollen im menschlichen Leben

Entgegen diesem Eindruck möchte ich am Begriff der Rolle festhalten. Menschliches Leben ist gar nicht anders vorstellbar als durch das Einnehmen verschiedener Rollen. Eine Rolle ist nichts Falsches oder Schlechtes. Der Begriff bringt zum Ausdruck, dass sich Menschen je nach Situation unterschiedlich verhalten, insbesondere in Beziehung zu anderen Menschen. Wir sind soziale Wesen, interagieren mit anderen Menschen und je nach Situation sind von uns unterschiedliche Verhaltensweisen verlangt. Eltern verhalten sich gegenüber ihren eigenen Kindern anders als gegenüber fremden Kindern. Für ihre eigenen Kinder sind sie in der Rolle der Eltern, für andere Kinder aber in der Rolle von Nachbarn, Verwandten, Erziehern oder einfach nur von zufälligen Fremden auf der Straße. Im komplexen Gefüge einer Gesellschaft mit ihren ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln verlangt jede Rolle andere Verhaltensweisen: Was für Eltern moralische und gesetzliche Pflicht ist, kann für Fremde verwerflich und strafbar sein.

Macht der Vereinsvorsitzenden – Macht der Mitglieder

Nehmen wir das Beispiel der Jahreshauptversammlung eines Vereins. Die Vereinsvorsitzende nimmt einen besonderen Platz ein, zum Beispiel am Kopf eines Tisches, oder vielleicht auch zentral auf einer Bühne in einem großen Saal. Sie muss bestimmte Tagesordnungspunkte abwickeln, zum Beispiel die Moderation der Sitzung, die Vorstellung des Rechenschaftsberichts des Vorstands oder die Ehrung verdienter Mitglieder.

Eines Tages gibt die Vorsitzende ihr Amt ab. Ab diesem Moment nimmt sie einen Platz mitten unter den anderen Mitgliedern ein. Würde sie bei der nächsten Jahreshauptversammlung beginnen, die Sitzung zu moderieren, wäre das eine erhebliche Störung. Womöglich würde die Sitzung in Chaos ausbrechen und in der Folge die Gerichte beschäftigen. Anstatt den Rechenschaftsbericht vorzutragen, hat die Ex-Vorsitzende nun eine völlig andere Aufgabe: Sie gibt ihre Stimme ab, um den neuen Vorstand rechtsgültig zu entlasten oder ihm die Entlastung zu verweigern. Diese Zuständigkeit hatte sie nicht, als sie noch selbst Vorsitzende war. Mehr noch: Sie durfte gar nicht über die Entlastung des Vorstands abstimmen.

Je nach Kontext handeln Menschen also in unterschiedlichen Rollen. Die Beispiele der Eltern und der Vereinsvorsitzenden zeigen, dass solche Rollen durch besondere Aufgaben oder Zuständigkeiten gekennzeichnet sind. Damit sind Pflichten und Rechte verbunden, anders gesagt: Verantwortung und Macht. Damit gehen aber auch andere Optionen verloren: Eltern dürfen ihre Kinder nicht einfach unbeaufsichtigt oder unversorgt lassen, um stattdessen die Freiheit der eigenen Lebensgestaltung zu genießen, sie dürfen ihre eigenen Kinder nicht vernachlässigen, sie dürfen sie auch nicht heiraten. Die Vereinsvorsitzende muss für das Vereinsgebaren rechtlich geradestehen, sie muss fast jederzeit erreichbar sein und notwendige Unterschriften fristgemäß leisten. Verantwortung und Macht bedeuten also immer auch den Verlust von Freiheiten. In dem Moment, in dem auf der Jahreshauptversammlung die Entlastung des Vorstands ansteht, geht die Macht und die Verantwortung schlagartig auf die anderen Vereinsmitglieder über. Die Vorsitzende ist jetzt machtlos, sie hat kein Stimmrecht und ist dem Urteil der versammelten Mitglieder unterworfen.

Aufeinander bezogene liturgische Rollen

Ich möchte die Rollen in der katholischen Liturgie so erschließen, dass deutlich wird, wie diese Rollen aufeinander und auf das Ritual insgesamt bezogen sind. Jede Rolle erhält ihre Bedeutung erst in Beziehung zu anderen Rollen. In Bezug auf seine Kinder ist Herr Schmidt Vater, in Bezug auf seine Eltern ist er Sohn, in Bezug auf seine Hausärztin ist er Patient, in Bezug auf seinen Tennisklub ist er vielleicht Geschäftsführer, in Bezug auf seine Firma ist er Buchhalter, Arbeitskollege, Vorgesetzter, Empfänger von Dienstanweisungen und vieles mehr.

In der katholischen Liturgie lassen sich Konstellationen finden, die der Entlastung des Vereinsvorstands nicht unähnlich sind: Wer auf den ersten Blick viel Macht hat, ist auf den zweiten Blick plötzlich machtlos. Wer auf den ersten Blick nur Mitläufer ist, trägt auf den zweiten Blick hohe Verantwortung. Verantwortung und Macht sind in der katholischen Liturgie jedenfalls keine Einbahnstraße, auch wenn das zugegebenermaßen nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Liturgische Rolle und kirchliche Macht

Eine Umfrage würde vermutlich Folgendes zutage fördern: Die meisten Katholiken (und erst recht die „nichteingeweihten“ Gäste einer katholischen Liturgie) erfahren sich im liturgischen Ritual als Zuschauer, so als gäbe es einen Gegensatz zwischen Schauspielern und Publikum. Gelegentlich wird das Publikum zwar aktiv einbezogen (durch Gesang und aufgesagte Texte), aber letztlich stehen das Ritual und die handelnden Personen wie ein fertiges Konzertprogramm bereit, ohne dass das Publikum darauf Einfluss hätte. Auch die Körperhaltung begünstigt diese Wahrnehmung: Während die handelnden Personen auf der Bühne sich hin und herbewegen und für verschiedene Handlungen ihre Plätze wechseln, sind die Zuschauer an feste Steh-, Sitz- und Knieplätze gebunden.

So verstärkt sich der Eindruck, dass es im katholischen Gottesdienst um ein Aufeinandertreffen von Mächtigen und Machtlosen geht. Die Machtlosen haben nur zwei Optionen: entweder hingehen und das Ritual über sich ergehen lassen oder gar nicht erst hingehen. Für das Programm sind ausschließlich die Mächtigen zuständig.

Nun ist Macht für die katholische Kirche ein Thema von höchster Relevanz. Unkontrollierte Macht sowie Missbrauch von Macht – moralische Macht, spirituelle Macht, körperliche Macht, sexuelle Macht – haben Menschen irreparabel an Leib und Seele geschädigt. Die katholische Kirche hat sich vor allem ab dem 19. Jahrhundert zu einer Meisterin darin entwickelt, Macht in den Händen einiger weniger Menschen zu bündeln. Ihre gesamte rechtliche Struktur ist auf Einzelpersonen mit hoher Autorität zugeschnitten. Auch in der aktuellen Liturgiewissenschaft stellt sich die Frage, inwieweit die Ausdrucksformen der Liturgie Machtstrukturen legitimieren und verfestigen. Aus dieser Perspektive ist es umso auffälliger, dass die katholische Kirche bestimmte Rollen – und zwar gerade die machtvollen – ausschließlich Männern zuweist, und umso größer ist der Reformdruck, der auf die Liturgie ausgeübt wird, sobald in ihr Strukturen von Macht identifiziert werden.

Ich möchte in diesem Buch zeigen, dass liturgische Rollen, wenn man sie richtig versteht und sachgerecht ausfüllt, eigentlich viel weniger mit Macht zu tun haben als es auf den ersten Blick scheint. Einen ersten, und zwar ökumenischen Aspekt gebe ich an dieser Stelle bereits zu bedenken: Es gibt christliche Kirchen – etwa die anglikanische und die altkatholische –, die in ihrer rechtlichen Struktur anders verfasst sind als die katholische Kirche. Sie lassen Frauen zu allen kirchlichen Ämtern zu, ihre Amtsträger dürfen weitreichende Entscheidungen nur im Zusammenspiel mit synodalen (also „parlamentarischen“) Gremien treffen und einiges mehr. Dennoch kennen diese Kirchen dieselben liturgischen Rollen wie die katholische Kirche. Nimmt eine Katholikin an einem anglikanischen oder altkatholischen Gottesdienst teil, wird sie sich problemlos zurechtfinden. Die Kirchenbauten folgen denselben Grundmustern, die Handlungen in der Liturgie sind nach demselben Schema auf verschiedene Personen aufgeteilt, die Strukturelemente des Rituals stimmen weitgehend überein, sogar die vorgetragenen Bibeltexte sind an vielen Tagen miteinander identisch.

Würde die katholische Kirche kurz nach Erscheinen dieses Buches Frauen zu allen Ämtern zulassen, würde sie auf allen Ebenen entscheidungsberechtigte Synoden einführen, würde sie kirchliche Gerichte installieren, die von Papst und Bischöfen unabhängig urteilen, so könnte dieses Buch doch bleiben, wie es ist. Dieses Buch muss erst dann aktualisiert werden, wenn sich die Liturgie der Kirche selbst ändert. Ob solche Änderungen vom Papst als mächtigster Einzelperson oder in Zukunft vielleicht von regionalen Kirchensynoden ausgehen, ist dafür unerheblich. Für die liturgische Rolle des Bischofs, des Presbyters und des Diakons ist es unerheblich, ob Bischöfe, Presbyter und Diakone männlich oder weiblich sind.

Würden also kurz nach Erscheinen dieses Buches katholische Bischöfinnen, Presbyterinnen und Diakoninnen ihr Amt antreten, so hätten sie in der Liturgie dieselben Rollen wahrzunehmen wie ihre männlichen Pendants. Auch die für dieses Buch grundlegenden Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) zur Theologie der Liturgie werden ihre Gültigkeit und Verbindlichkeit behalten. In diesem Punkt darf ich mit meinem Buchmanuskript also recht entspannt in die Zukunft blicken und davon ausgehen, dass es noch für längere Zeit auf die katholische Liturgie anwendbar bleibt, selbst wenn sich in der rechtlichen Struktur der katholischen Kirche kurzfristig etwas ändern sollte.

Liturgie und Drehbuch

Damit ist schon ein anderes wichtiges Thema berührt: Liturgie ist geordnet. Sie folgt einem Drehbuch, das zwar nicht alle, aber doch sehr viele Einzelheiten festlegt, zum Beispiel die Abfolge der einzelnen Elemente der Eucharistiefeier, die Farben der zu tragenden Gewänder, die Texte der vorzutragenden Gebete und Bibellesungen, welche Teile des Rituals der Diakon durchführt, wie man vorgehen soll, wenn kein Diakon zur Verfügung steht, wer wann die Arme ausbreitet und Ähnliches.

Ein solches Drehbuch heißt in der kirchlichen Sprache liturgisches Buch, wobei es liturgische Bücher mittlerweile natürlich schon längst auch in digitaler Form gibt, ganz ohne Papier und ohne Umblättern. Für die Herausgabe liturgischer Bücher ist in der katholischen Kirche in der Regel der Papst verantwortlich; so hat es das Zweite Vatikanische Konzil bestätigt. Liturgische Bücher der katholischen Kirche sind in lateinischer Sprache verfasst, z.B. das Missale Romanum für die Eucharistiefeier (Messe) oder die Liturgia Horarum für die Tagzeitenliturgie (Stundengebet). Für die Übersetzungen in unterschiedliche Volkssprachen – im Deutschen handelt es sich um das Messbuch und das Stundenbuch – und für inhaltliche Anpassungen nach dem Bedarf einzelner Länder sind die Bischöfe des jeweiligen Sprachgebietes verantwortlich, aber auch dies nur mit Zustimmung des Papstes. Die Wort-Gottes-Feier, um die es in diesem Buch ebenfalls gehen wird, ist hingegen keine vom Papst geordnete Liturgie, sie fällt von vornherein in die Zuständigkeit der Bischöfe: Auch diese Variante ist vom Konzil vorgesehen worden.

Kapitel 15