Michael Schmidt (Hrsg.)

 

 

 

 

 

 

 

Zwielicht Classic

12

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Magazin für phantastische Literatur

 

 

 

 

Das Titelbild stammt von Oliver Pflug

Horrormagazin Zwielicht Classic

Band 12

 

 

Herausgegeben von Michael Schmidt

Kontakt: Zwielicht_Magazin@defms.de

 

Das Titelbild stammt von Oliver Pflug

 

Das Copyright der einzelnen Texte liegt beim jeweiligen Autor

Das Copyright der Zusammenstellung liegt beim Herausgeber.

 

2. Auflage Dezember 2017

 

 

 

 

 

 

Inhalt

 

 

 

Vorwort

Torsten Scheib - Das Schreien der Kröten (2013)

Julia Annina Jorges - Wo deine Schuld vergeben ist (2016)

Karin Reddemann - Zeit der Kniestrümpfe (2015)

Jürgen Gabelmann - Endstation (2015)

Ellen Norten - Der lange Marsch der Wolkenkratzer (2011)

Hubert Katzmarz - Der Aufenthalt (2013)

Marina Heidrich - G2 Alpha (2015)

Nadine Muriel – Wohnung Nummer Acht (2009)

Manfred Lafrentz - Rabe (2006)

Michael K. Iwoleit - Das Ende aller Tage (2014)

Nina Horvath - Die Duftorgel (2011)

Achim Hildebrand - Sand in den Augen (2004)

Daniela Herbst - Die Petition (2015)

Karin Reddemann - Die dunkle Muse (2017)

Vincent Preis – Die bisherigen Preisträger

Quellennachweise

Mitwirkende


Vorwort

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Leser,

 

 

Die zwölfte Runde Zwielicht Classic und fast neigt man dazu zu sagen, dass sich der Kreis schließt. In Ausgabe 1 war Nina Horvath mit der Geschichte Hell dunkel, dunkel hell vertreten, für die sie 2005 für den Deutschen Phantastik Preis nominiert war und den 2.Platz erreichte. 2012 gewann die Österreicherin mit Die Duftorgel endlich den DPP. Die Duftorgel ist eine reine SF Geschichte, passt aber wie ich finde sehr gut zu Zwielicht Classic und ist eine wirklich bemerkenswerte Story.

 

Neben Zwielicht und Zwielicht Classic gebe ich auch die Reihe Fantasyguide präsentiert heraus. In deren ersten Band Der wahre Schatz ist eine Geschichte von Michael K. Iwoleit enthalten, umso mehr freue ich mich, den Autor mit seiner Endzeitstory Das Ende aller Tage zu begrüßen. Das Ende aller Tage ist keine Geschichte, die man in einem Magazin für unheimliche Phantastik erwarten würde. Dort sind normalerweise Zombies, Viren und deren Folge zu bestaunen. Zwielicht Classic geht da einen anderen Weg und zeigt, dass der Phantastik auch philosophische Themen gut zu Gesicht stehen.

 

Natürlich bieten wir auch unheimliche Unterhaltung. Ob Altenheim oder ein besonderes Haarmittel, eine Reise nach Übersee, ein Märchen über Wolkenkratzer oder ein Blick ins Jenseits, die Themen sind wie immer vielfältig und trotzen aktuellen Trends, ohne sich ihnen zu verschließen.

 

Hubert Katzmarz wurde mit seiner Geschichte Thuban überraschenderweise für den Kurd Laßwitz Preis nominiert. Für regelmäßige Leser von Zwielicht Classic ist Hubert kein Unbekannter und so freuen wir uns, dass Ellen Norten, die seinen Nachlass verwaltet, uns erneut eine Geschichte zur Verfügung stellt.

 

Ein letztes Wort noch in eigener Sache: Wie unschwer zu erkennen ist, hat sich der Veröffentlichungsrhythmus von Zwielicht Classic verringert. Fingen wir mit drei Ausgaben im Jahr an, wird es in diesem Jahr 2017 wohl bei dem vorliegenden Band bleiben.

Es tummeln sich doch sehr viele Anthologien auf dem Markt und eine Reihe mit Nachdrucken ist wohl nur für einen kleinen Kreis von Liebhabern interessant. Es finden sich zwar immer wieder neue Leser für Zwielicht Classic, aber interessanterweise startet der Großteil davon seine Lektüre mit dem ersten Band.

 

Wir wünsche viel Vergnügen mit der Ausgabe. Über Feedback zu Zwielicht Classic 12 würde ich mich natürlich sehr freuen. Sendet einfach eine E-Mail an Zwielicht_Magazin@defms.de.

 

 

 

signature

 

Geschichten

 

 

Torsten Scheib - Das Schreien der Kröten (2013)

 

Weiter fahr’ ich nich’, verkündet der Taxifahrer, verschränkt seine muskulösen Arme und lehnt sich zurück. Dank seiner fleckigen Schiebermütze, dem rostroten Haar und dem karmesinfarbenen Vollbart haftet ihm was von Hausmeister Willie aus den Simpsons an. Exklusive des schottischen Akzents. Stattdessen hat er diesen fiesen Neu England-/Massachusetts-Slang drauf, der mir schon bei meiner Ankunft in Boston das Leben schwer gemacht hat. Ich bin eben nur ein ahnungsloser Europäer – und habe leider kein linguistisches Studium belegt.

Wegen der lokalen Dialekte habe ich auch nicht den weiten Weg aus Deutschland auf mich genommen. Was ich suche ist … wesentlich heikler, unheimlicher.

Für einen kurzen Moment gibt es nur das monotone Röhren des Motors. Schließlich beuge ich mich vor. Öffne das Trennfenster ein Stück. Der Rollkragen meines Pullis kratzt.

Kein Problem, verkünde ich und hole die Geldbörse aus der Gesäßtasche. Damit war zu rechnen. Praktisch jeder ist mir bislang mit herzlicher Unfreundlichkeit, bisweilen sogar unverhohlener Feindlichkeit begegnet, nachdem ich meine Zieldestination verkündet hatte. Manche hatten sogar regelrecht Schiss. Als würde ich kein winziges Hafenstädtchen, sondern Tschernobyl besuchen.

Ist wahrscheinlich nur so ein lokaler Aberglaube, sage ich mir. Nicht zum ersten Mal. Ein bisschen mulmig ist mir trotzdem zumute. Als der Fahrer das moderate Rascheln der Geldscheine bemerkt, verkündet er den dreistelligen Betrag. Ich bin nicht überrascht. Das ist der Preis, wenn man anstelle eines Greyhoundbusses mit dem Yellow Cab raus in die Provinz fährt. Obwohl ich damit gerechnet habe, wird die Summe mir dennoch ein gehöriges Loch in die Reisekasse reißen. Als gebeutelter Physikstudent hat man es nun mal nicht so dicke.

Gut möglich, dass dies auch ein Trip ohne Wiederkehr sein wird, wispert ein arglistiges Teufelchen irgendwo in meinen grauen Windungen. Halt’s Maul, Teufelchen.

Ich reiche dem Fahrer den Betrag – plus Trinkgeld versteht sich – und steige aus. Im gleichen Augenblick springt der Kofferraum auf. Rasch schultere ich meinen Rucksack und trete etwas zurück, als das staubige Taxi wendet und die Heimreise antritt. Ich blicke ihm nach, bis es hinter einem Hügel verschwunden ist.

Dann mal los. Seufzend setze ich mich in Bewegung. Kies knirscht unter meinen Füßen. Zum Glück sind die Temperaturen angenehm, frühlingshaft. Nur … es fühlt sich nicht gerade wie Frühling an. Die Luft riecht sonderbar, abgestanden. Die Felder wirken brach, als hätte man sie schon vor Jahren aufgegeben. Viele der Bäume wirken kränklich, mitunter verkümmert. In der arthritisch anmutenden Krone einer viel zu dürren Birke äugt eine einsame Schwarzkehlnachtschwalbe auf mich hinab. Fast scheint es, als würde sie mir einen drohenden Blick nachwerfen. Dann bemerke ich den hüfthohen Findling daneben. Er ist nahezu vollständig mit Moos bewachsen, dessen Farbe mich unweigerlich an die wirre Gesichtsbehaarung des Taxifahrers denken lässt. Und diese sonderbaren Streifenfarne, die in ihrer Form Seesternen ähneln und deren Blätter … etwas Tentakelhaftes besitzen … Mit den Fingern streife ich über eines der Blätter – und zucke zurück. Habe ich es mir nur eingebildet oder hat das Blatt gerade eben nach meinem Zeigefinger geschnappt wie eine gottverdammte Venusfliegenfalle? Offenbar steckt mir der lange Flug noch in den Knochen. Jetlag, was auch immer. Nicht zu vergessen –

Mir stockt der Atem, als ich das Quaken höre. Sonor, gleichmäßig.

Furcht einflößend.

Durch meine Venen strömt Eiswasser. Ich schwitze und friere zugleich, während sich mein Magen auf die Größe einer verschrumpelten Rosine zusammenzieht. Himmel, selbst das Schlucken fällt mir schwer.

Dieses belanglose Geräusch eines harmlosen Tiers sorgt dafür, dass sämtliche Erinnerungen wieder zurückkehren; unvermittelt und brachial. Wie die Faust eines Boxers. Mit wackligen Beinen marschiere ich weiter. Das Quaken verfolgt mich, scheint mich zu verhöhnen.

Wie durch Zauberhand stehe ich daraufhin neben dem Tümpel. Er ist nicht groß, stinkt dafür umso gewaltiger. Wie Müll, der zu lange in der heißen Sonne vor sich hin gammelt.

Und dort haben sie sich versammelt. Wie Tauben in ihren Verschlägen bevölkern sie große, kränklich-braune Blätter, die man nur mit sehr viel Großzügigkeit als Seerosengewächse bezeichnen kann. Die darauf kauernden, glitschig-aufgeblähten kleinen Körper haben die gleiche Tönung, die unweigerlich Assoziationen an Krankheiten und Verfall hervorruft.

Kröten.

Widerliche, fettige, abstoßende Kröten. Missgeburten des Tierreichs mit ihren grotesk in die Breite gezogenen Mäulern und diesen schwarzen, kalten, gefühllosen Augen. Direkt vor mir tummelt sich mindestens ein Dutzend von diesen Biestern. Sie starren mich an, ich starre zurück – und erstarre. Fast scheint es, als wüssten sie Bescheid; als würden sie sich in meinem Leid suhlen wie Schweine im Dreck. Unvermittelt wird die Gegenwart durch das Vergangene ausgetauscht. Erinnerungen schieben sich vor das Hier und Jetzt wie Gewitterwolken vor die Sonne. Ich bin zurück im Damals.

 

Siehst du das? Siehst du das? Flaum! Richtiger Flaum!

Liebend gerne würde ich die Begeisterung von Alex teilen, doch dafür ist der skeptische Teil in mir einfach zu prägnant ausgeprägt. Stirnrunzelnd mustere ich die übergroße, bauchige Flasche. Begutachte das Etikett. Nie von dem Ort gehört, sage ich daraufhin. Liegt der in England?

Amerika. An der Küste von Massachusetts. Glaube ich. Meinem acht Jahre älteren Bruder fällt es schwer, sachlich zu bleiben. Vor Begeisterung droht er förmlich aus allen Nähten zu platzen. Kann ich verstehen. Alex hat einen Großteil seiner 36 Lebensjahre unter unerklärlichem Haarausfall gelitten. Gelitten! Es ist keine Übertreibung. Man hänselte, schlug und beschimpfte ihn, weil er kein einziges Haar an seinem Körper besitzt. Vor ein paar Jahren wollte er sich sogar mal das Leben nehmen. Zum Glück wusste er nicht, wie man sich die Pulsadern richtig aufschlitzt. Heute lache ich darüber, aber damals? Es waren harte Zeiten. In der Therapie lernte er schließlich Anni kennen – und lieben. Sie akzeptiert ihn, wie er ist. So wie ich. Was unweigerlich zur nächsten Frage führt: Will ich Alex überhaupt mit Haaren sehen? Ich versuche mich an die Zeit vor dem Haarausfall zu erinnern. Keine Chance.

Aber … er ist glücklich. Hat Hoffnung. Nur das zählt.

Trotzdem …

„Ich will ja jetzt nicht den bösen Spielverderber geben, ich spreche langsam, vorsichtig; taste mich voran wie ein Blinder in einer fremden Umgebung. „Aber an deiner Stelle würde ich nicht allzu sehr in überstürzte Euphorie verfallen. Ich meine … dieses Zeug stammt aus keiner Apotheke, besitzt keinerlei Nachweise, ebenso wenig eine Zusammensetzung …

„100 Prozent Natur!, schmettert mir Alex entgegen. „So stand es auf der Vertriebsseite!

Ich seufze. „Das ist der andere Punkt, der mir Kopfzerbrechen bereitet, gestehe ich. „Du hast dieses … Wunderelixier übers Internet gekauft. Via einer äußerst obskuren Seite, wie du gestehen musst. Hast du eine Garantie, dass sich es sich dabei nicht um das Werk einiger äußerst gewiefter Scharlatane handelt? Das du möglicherweise einer kriminellen Machenschaft auf den Leim gegangen bist?

„Und was ist damit?, kontert Alex und fährt sich abermals über den dunklen Flaum. „Sieht das für dich nach Scharlatanerie aus? Seine Züge verdüstern sich.

„Weißt du, was ich glaube? Das du mir mein Glück nicht gönnen willst. Warst doch schon immer neidisch auf mich. Weil ich trotz meiner Krankheit mehr erreicht habe, als du es jemals in deinem ganzen erbärmlichen Leben wirst! Ich war in deinem Alter bereits Professor h. c., während du noch immer auf der Stelle trittst! Sogar bei den Frauen war ich erfolgreicher. Und glaube bloß nicht, dass mir deine eindeutigen Blicke gen Anni nicht entgangen sind.

Mir fehlen die Worte. So aggressiv kenne ich meinen Bruder gar nicht. Was ist bloß in ihn gefahren?

Es ist dieses Zeug, wispert eine Stimme in meinem Verstand.

„Keine Ahnung, warum ich mich noch immer mit dir abgebe; Bruder hin, Bruder her. Du bist Ballast, Abschaum. Du ziehst mich runter.

Bewusst übertrieben knalle ich die Flasche auf den Tisch. „Ist das eine Aufforderung, zu gehen?

„Immerhin – dass hast du verstanden.

Ich kann nur mit dem Kopf schütteln. Vor mir steht ein anderer Mensch. Eine Person, der ich gleichzeitig das Grinsen aus dem Gesicht schlagen möchte, die aber andererseits noch immer mein großer Bruder ist – oder so was in der Art.

Also mache ich mich auf den Weg.

„Kannst ja rüber in die Staaten fliegen und Detektiv spielen!, ruft mir Alex nach, bevor ich die Haustür überlaut zuschlage.

 

Tja, und ebendies habe ich nun getan. Ich blinzle die unschönen Erinnerungen hinfort; verscheuche sie wie eine lästige Fliege, in der Hoffnung, sie mögen von mir ablassen. Doch wird dies nie der Fall sein. Die Schrecken haben sich wie Brandzeichen in meinen Verstand geätzt. Gutes wurde von Schlimmem abgelöst. In mir steigt Hass auf. Drängend wie Dampf in einem Kessel. Schreiend hebe ich einen faustgroßen Stein auf und schmettere ihn gen Teich. Brackige Flüssigkeit spritzt in alle Richtungen, dem die aufgebrachten Kröten folgen. Mit Genugtuung beobachte ich ihre überstürzte Flucht.

Bis ich dieses tiefe, sonore, über alle Maßen garstige Quaken vernehme. Ich erstarre. Bodenloses Entsetzen schnürt mir die Kehle zu. Dieses Quaken … es stammt von keiner Kröte. Kröten quaken nicht. Aber auch kein gewöhnlicher Frosch ist imstande, solch einen durch und durch hasserfüllten, feindseligen Laut von sich zu geben. Meine Hand zittert, als ich sie sehr langsam, sehr bedacht zum Rücken führe. Dorthin, wo der Revolver versteckt ist, der sich wie ein tödliches Versprechen gegen meine Haut presst. Längst stehen meine Nerven kurz vorm Zerreißen. Ich verspüre jenes eigenartige Gefühl des Beobachtetwerdens. Zeig dich. Zeig dich, du missgestaltete Kreatur. Damit ich dir eine Kugel zwischen die Augen jagen kann – oder zumindest ein paar Rätsel aus dir rausquetsche.

Nichts geschieht. Ganz in der Nähe rascheln Blätter. Einmal, zweimal. Dann – wieder Stille. Von den Kröten fehlt jegliche Spur. Ich sollte mich wieder auf den Weg machen.

Es dauert eine ganze Weile, bevor ich den schweren Umhang der Paranoia zumindest ein bisschen abstreifen kann. Die Angst, die Ungewissheit bleiben. Ich bewege mich auf einem sehr schmalen Grad, der in mehr als einer Hinsicht fatal enden kann. Doch Rückzug?

Immer wieder finde ich den Pulloverkragen, der sich gegen meinen Hals zwängt wie das raue Henkersseil um die Kehle des Verurteilten. Das Jucken wird stärker. Nicht lange, bis es mich in den Wahnsinn treiben wird – und vielleicht darüber hinaus …

Noch mehr Felder. Leer, abgeerntet. Weit und breit keine Hinweise auf Mensch, Tier oder sonstige Wesen. Die Sonne kommt heraus und gestattet mir kurzzeitig so etwas wie Entspannung. Passend dazu beschreibt die Straße eine leichte Neigung, die mir sehr entgegenkommt. Im Grunde fehlt mir nur noch ein knorriger Wanderstock zur Vervollkommnung der „fröhlicher Wanderer-“Type. Leider ist dieses Intermezzo nur von sehr kurzer Dauer. Je näher ich dem Tal komme, desto drängender kehrt die Furcht zurück. Wie ein Hagelsturm aus heiterem Himmel prasselt es auf mich ein. Tief. Sonor. Garstig. Dann sehe ich es – und alles verschwimmt. Heiße Tränen machen aus der Umgebung Farbkleckse. Ich schließe die Augen, doch wartet anstelle von Erlösung abermals der Blick in die schreckliche Vergangenheit.

 

Seit fast einem Monat habe ich nichts mehr von Alex gehört. Oder von Anni. Im Grunde ist es mir gleichgültig. Es gibt nichts mehr, was ich meinem Bruder zu sagen habe – denke ich jedenfalls. Bis mich dann doch diese Trauer, diese Schwermütigkeit befällt; jene Gewissheit, dass ich eine geliebte und mir nahe stehende Person womöglich für immer verloren habe.

Ich schlafe bereits, als das überlaute Klingeln des Telefons die nächtliche Stille zerreißt wie Papiermaché. Fluchend wende ich mich ab, warte auf ein Ende dieser akustischen Tyrannei. Es trifft nicht ein. Barfüßig tapse ich auf den Flur, rüber zur Kommode und schnappe mir den Hörer. Belle ein aggressives „Ja! in die Sprechmuschel.

Die Antwort besteht aus aufgebrachtem Wimmern, erschöpftem Schluchzen. „Maik, es geht um Alex!, kommt Anni sofort zum Kern der Sache. Mein Magen verkrampft sich. Ist mein Bruder tot? Auf einmal ist mein Hass auf ihn verflogen und wird durch Angst ersetzt. Angst vor der Wahrheit.

„Etwas ist mit ihm geschehen!, überschlägt sich Annis Stimme.

„Was, bringe ich kratzig hervor. „Was ist mit ihm geschehen?

„Nicht am Telefon! Bitte, du musst herkommen!

Und das tue ich auch.

Anni erwartet mich bereits in der Einfahrt. Kaum bin ich ausgestiegen, wirft sie sich mir um den Hals. Ich nehme an – hoffe –, dass Alex nicht in der Nähe ist. Andernfalls hätte es ein böses Ende genommen. Nicht, dass ich diesen kurzen Moment der Intimität nicht insgeheim genieße. Das Gesicht der Freundin meines Bruders ist verquollen, ihre Augen gerötet. Mit dem Handwinkel wischt sie neuerliche Tränen fort, macht einen Schritt zurück.

„Was ist passiert?, frage ich ungeduldig.

Sie wendet sich ab, verschwindet im Haus. Ich folge ihr. Die Ungewissheit treibt mich allmählich in den Wahnsinn. Umgehend dringt mir ein eigentümlicher, erdig-modriger Gestank in die Nase. Als würde man direkt neben einem umgekippten Gewässer stehen. Sauerstoffarm, algenreich, mit toten Fischkörpern, die an der Oberfläche schwimmen. Was ist hier geschehen?

Anni führt mich durchs Wohnzimmer. Alles ist normal. „Du erinnerst dich doch noch an die … Tinktur. Das vermeintliche Wundermittel gegen Alex’ Kahlheit?

Ich bejahe. „Was ist damit?“

„Ich glaube … denke … weiß … dass es ihn verändert hat.

„Ihm sind wieder Haare gewachsen, werfe ich ein.

„Das auch, gibt sich Anni mysteriös. Dann ein kraftloses Lachen. „Die sind ihm wie Unkraut gesprossen. Überall am Körper. Du hättest ihn erleben sollen, Maik. Dein Bruder war so … überglücklich – die meiste Zeit.

Ich verharre. Meine Augen verengen sich. „Was meinst du damit?

„Na ja, du hast ihn doch das letzte Mal erlebt, versucht sich Anni in einer Andeutung.

„In der Tat. Es ist nicht einfach, den weiterhin vorhandenen Zorn zurückzuhalten.“ Mein Bruder hat sich wie der letzte Dreck aufgeführt. Mich rausgeschmissen.

Annis Kinn bebt. Wieder Tränen. Sie wendet sich ab. „Dieses … aggressive Verhalten … es wurde … immer stärker. Dieser … Hass. Auf alles, jeden – auch auf mich. Er wurde immer paranoider – und aggressiver …

„Hat er dich geschlagen?, platzt es mir raus.

Sie schüttelt den Kopf. „Aber er … wir … er erwiderte meine Zuneigungen nicht mehr. Ich merke, wie peinlich ihr das Thema ist.

„Schließlich hat er sich immer mehr zurückgezogen. Kam nur noch nachts aus seinem Arbeitszimmer raus. Bis gestern. Wie durch Zauberhand erscheint ein Schlüssel zwischen ihren Fingern.

„Was war gestern?, dränge ich, während sie die Tür aufschließt.

„Das musst du selbst sehen, sagt sie schließlich.

Die Scharniere quietschen, als sie die Tür aufstößt. Der aus dem Dunkel dringende Gestank ist um ein Vielfaches schlimmer und raubt mir den Atem. Alles in mir wehrt sich dagegen, dort runterzugehen.

Klick! Beinahe schreie ich, als Anni den Lichtschalter betätigt und die Finsternis durch künstliche Helligkeit ausgetauscht wird. Mit weichen Knien folge ich ihr die Stufen hinab. Ziehe ein Taschentuch und presse es mir vor Mund und Nase. Unten angekommen, begrüßt mich das Chaos. Umgestürzte Regale, achtlos weggeworfene Bücher, lose Seiten. Aber das ist noch gar nicht mal das Schlimmste. Auf Zehenspitzen gehe ich weiter. Als stünde mir der Gang durch ein Minenfeld bevor. Anni hat sich gegen den Türrahmen gepresst. Ich kann ihren Widerwillen, diesen Raum zu betreten, förmlich spüren. Ein Schmatzen unter meinem Schuh lässt mich zusammenfahren. Ich hebe das Bein und erkenne entsetzt einen dicken, dunkelgrünen Schleimfaden, der an meiner Sohle haftet. Was ist hier passiert?

Mein nächstes Ziel ist Alex’ Schreibtisch – das Zentrum des Gestanks. Je näher ich ihm komme, desto stärker nimmt er zu. Da nützt mir auch das Taschentuch nicht viel. Doch neben dem allumfassenden Moder nehme ich noch eine weitere Nuance wahr. Ein fleischiges Aroma, das mich an eine Metzgerei erinnert. Oder einen Schlachthof. Zitternd sucht meine Hand den Schalter der Stehlampe, findet ihn – und etwas anderes. Hektisch, panisch, streife ich den Schleimbatzen an der Tischkante ab … und erstarre. Jenseits des umgekippten Bürostuhls dominieren leere Wurst- und Fleischverpackungen. Teile des Inhalts haben sich über die Aufschichtung von Bücherseiten, alten Zeitungen, Magazinen und Ausdrucken verteilt. Das ist ein Lager! schießt es mir durch den Kopf. Eine Schlafstätte! Aber welchen Sinn soll das Ganze machen? Das ist nicht logisch! Mir schwirrt der Kopf.

Bis ich die Haare entdecke. Dunkles Haupthaar. Feine Fäden, vermutlich Körperbehaarung. Gekräuseltes Schamhaar. Schließlich etwas, dass nicht sein kann. Dick und spitz zulaufend. Von unnatürlicher Länge. Wie … Schnurrhaare? Und was ist das dort drüben? Haut? Sind das Schuppen?

Ich will nicht mehr hier sein. Panisch weiche ich zurück. Mein Rücken bekommt den Sessel zu spüren. Ungewollt schreie ich auf, lege ich den Kopf in meinen Nacken – und schaue direkt zum eingeschlagenen Fenster. Am Schreibtisch ziehe ich mich in die Höhe. Torkle zu Anni rüber. Sie hat wieder zu weinen begonnen.

„Ich denke, ich weiß, wo er sich versteckt hat, sage ich.

Anni nickt ein paar Mal, bevor sie sich abwendet. „Aber ich habe nicht die Kraft dazu, rafft sie sich auf.

Zunächst machen ihre Worte keinen Sinn. Bis ich begreife. Und sich ein bodenloser Schlund in mir auftut. Überraschend deutlich werde ich mir der Tatsache bewusst, dass es meinen Bruder nicht mehr gibt. Nur noch diese … Kreatur. Dieses Ding. Und was ich zu tun habe; tun muss.

Keine dreißig Minuten später spritzen die Reifen meines Wagens Schotter auf. Die Lichtfinger der Scheinwerfer setzen die Front der alten Jagdhütte ins Rampenlicht wie eine Theaterbühne. Schwermütig denke ich an bessere Zeiten zurück. Als Vater uns hier mit rauf gebracht hatte. Die langen Wanderungen. Unbeschwertheit.

Nichts davon ist übrig geblieben.

Ich warte. Auf meinem Schoß thront ein Baseballschläger. Irgendwie kommt er mir lächerlich vor.

Aus einer Minute werden zwei, dann vier. Nach der fünften steige ich aus. Langsam. Gott, habe ich Angst. Hier draußen gibt es nur das Rauschen des Windes, einen Klang, der mich auf einmal bis ins Mark ängstigt. Wie die Dunkelheit. Das Unbekannte.

Ich nähere mich der Hütte, den Schläger über mich erhoben. Sogar das Schlucken fällt mir schwer. Mein Körper zerschneidet einen Lichtfinger. Vor den Stufen, die rauf zur Veranda führen, bleibe ich stehen. Sammle Kraft und Speichel. Schließlich: „Alex? Ich spreche den Namen meines Bruders ganz leise aus. Zaghaft. Erhalte keine Antwort. Nach einem Moment des Abwartens will ich den Vorgang wiederholen, als hinter mir ein rasches Stakkato ertönt: Tapp-Tapp-Tapp.

Wie Schritte. Begleitet von einem altbekannten Geruch, teils erdig, teils modrig.

Ich wirble herum.

Nichts. Jedenfalls auf den ersten Blick. Wäre da nicht dieser feuchte Abdruck auf der Motorhaube –

Taptaptap.

Ich wende mich wieder der Hütte zu – und etwas Klammes, Feuchtes legt sich um meinen Hals. Meine Augen weiten sich. Nicht nur wegen des Atemmangels. Es liegt auch am Schock, erkennen zu müssen, dass die fleischige, unnatürliche lange, peitschenartige Zunge zu einem Körper gehört, der vage an einen riesigen Frosch erinnert. Oder eine Kröte. Bis auf den Unterschied, dass dieses Reptil die Züge meines Bruders besitzt!

Ich werde nach vorne gerissen. Lande hart auf dem Kies. Der Schläger entgleitet meinen Fingern. Das Alex-Ding gönnt mir keine Ruhepause. Unvermittelt werde ich wieder in die Höhe gerissen. Schreiend und hilflos segle ich durch die Luft, bevor ich durch das Fenster stürze; begleitet von einer Glaskaskade, die zahlreiche Schnitte hinterlässt. Erst der staubige Holzboden beendet meinen Flug. Kraftlos robbe ich davon. Furcht und Grauen sind dem Selbsterhaltungstrieb gewichen. Doch wie kann ich mich gegen jene Kreatur erwehren, die mein Bruder geworden ist? Gegen eine riesige Kröte, ausgestattet mit einer Peitschenzunge und unmenschlichem Aggressionspotenzial?

Hinter mir wird die Tür aufgerissen. Meine Nackensehnen quietschen, als ich den Kopf dorthin bewege. Die fahle Helligkeit der Scheinwerfer setzt die Kreatur mit grotesker Deutlichkeit ins Licht. Klobige Füße patschen. Sie enden in bizarr gedehnten Fortsätzen, die irgendwann einmal Zehen waren. Verbunden durch feine Membranen: Schwimmhäute. Das Alex-Ding packt mich mit seinen Krallen, bis ich in seine pupillenlosen Onyxaugen starre. So kalt wie der restliche Körper. Das breite Maul klappt auseinander. Offenbart feine, spitze Zähne. Ein Geruch von Verwesung strömt mir entgegen. Ungewollt mustere ich den restlichen Körper. Die schuppige, fleckige, feucht-schleimige Haut. Wie vergorene Hefe. Der – wieder haarlose – Kopf wird von einem dunklen Band durchzogen. Wie ein aufgemalter Irokese, überkommt es mich. Die Kiemen an seinem Hals flattern aufgeregt. Schleimige Blasen blühen aus den beiden Atemlöchern. Die hellen, aufrecht stehenden Stacheln an seiner Seite beben ebenfalls. Ein Haarfrosch! gellt es durch meinen Verstand. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder schreien soll.

„… gönnst es mir nicht …, gurgelt das Alex-Ding. „Bist … noch immer … neidisch!

Abermals werde ich von den Füßen gerissen. Wie ein Geschoss zerschneide ich die Luft, bevor mich ein alter Holzschrank aufhält. Ich beiße mir auf die Zunge, spucke Blut. Direkt neben mir plumpst etwas zu Boden. Der Aufprall hat die Oberseite aufgerissen. Eine weiße Substanz hat sich verteilt. Ist das Mehl?

Dann erkenne ich verschwommen die helle Schrift auf der Verpackung – und mein Selbsterhaltungstrieb kommt auf eine Idee.

Ein breitschultriger Schatten legt sich über mich. Das Alex-Ding scheint mich zu verspotten, mich höhnisch auszulachen. Aus seinem Maul kommt ein sonores, zutiefst hasserfülltes Unken. Es beugt sich vor. Streckt die muskulösen Krallenarme nach mir aus. Ich hebe den Beutel. Eine Herkulesaufgabe. Jede Körperzelle kreischt, dann kreische ich. Mit geschlossenen Augen schütte ich der Kreatur den Inhalt entgegen.

Das Bleichmittel leistet ganze Arbeit. Seine ungezügelte Gier ist unaufhaltsam. Das graue Fleisch zischt wie zerlassene Butter in der Pfanne, als es aufgefressen wird. Widerliche graue Blasen entstehen, zerplatzen inmitten träger Rauchschwaden. Das Alex-Ding zuckt und windet sich als stünde es unter Strom. Die Krallenhände versuchen Schmerz und Verstümmelung abzuwenden, richten dabei aber nur größeres Unheil an. Fassungslos verfolge ich, wie blubbernde graue Lappen und Brocken aus dem Krötenantlitz gerissen werden und wie feuchte, nutzlose Schwarten auf den Boden klatschen. Zitternd wie nie zuvor robbe ich außer Reichweite, dennoch ist es mir unmöglich, mich abzuwenden. Schleimige Hautpartien werden zerteilt und lösen sich wie Melasse, als das Alex-Ding ein ohrenbetäubendes, markerschütterndes, grauenvolles Kreischen anstimmt; jenseits sämtlicher bekannter Tonlagen, wie mir erscheint. Die flachen, bizarren Füße trommeln; dominiert vom unnatürlich großen Fersenhöcker.

Dann ist es vorbei.

Das Alex-Ding erschlafft. Zeitlupenartig kippt der Körper nach hinten. Kraftlos rollen die Fragmente des Schädels zur Seite. Ich kann mich nicht bewegen. Bin versteinert – besonders, als mich Alex’ verbliebenes Auge fixiert und bis zum tiefsten Punkt meiner Seele vorzudringen scheint.

„Anni, ist das letzte Wort, dass er von sich gibt, ehe die Kiemen ein letztes Mal zittern.

Schließlich ist es vorbei – und doch nicht.

 

Ich empfinde keine Genugtuung, als der schlichte Holzbau, von den Flammen entkräftet vor mir in sich zusammenfällt. Mit Leere verfolge ich den funkenumringten Sturz des Schilds mit der Aufschrift Jedidiah’s Toad Farm. Der Namensgeber liegt irgendwo in den brennenden Ruinen, mit aufgeschnittener Kehle. Nüchtern blicke ich auf das blutverschmierte Messer in meiner Hand. Weiterhin Leere. Emotionales Nichts. Es sollte mich beunruhigen, tut es aber nicht. Die Tränen des unvermittelten Schocks sind längst getrocknet.

Die Jagdhütte habe ich damals genauso verbrannt. Eine Kremierung für meinen Bruder, der im finalen Moment seines tragischen Daseins seine Menschlichkeit wieder gefunden hatte. Dieses eine Wort – Anni –; so voller Trauer und gleichzeitiger Erleichterung …

Bekannte Klänge reißen mich aus meinen Gedanken. Markerschütternd, grauenvoll, durchdringend. Dutzendfach. Es sind die Todesschreie der unzähligen Kröten, die in ihren Glaskästen lebendig verbrannt werden.

Nein, Kröten quaken nicht. Aber sie können schreien.

Eine Tatsache, die mir ein Grinsen entlockt.

Rasch näher kommendes Sirenengeheul bildet den Startschuss für meine Flucht. Ich schultere den Rucksack und verschwinde im angrenzenden Wald. Durchstreife abgeerntete Felder. Kehre schließlich zur Straße zurück. Es ist nicht mehr weit. Ich kann es spüren – und riechen. Der Salzduft des Meeres überlagert die Aromen der Pflanzenwelt. Mein Ziel liegt in greifbarer Nähe. Mein Ziel, meine Vergeltung.

Ein Auto nähert sich. Ich tauche im angrenzenden Straßengraben unter. Ebendort säubere ich meine Hände in einer Pfütze. Ich muss weitere vier Mal in Deckung gehen, ehe unvermittelt ein rostiges, verbeultes Straßenschild vor mir auftaucht. Die Schrift ist nüchtern, bar jeglicher Herzlichkeit. Kein Welcome!-Zusatz, keine hübschen, farbfrohen Schnörkeleien. Nur ein simples Wort: Innsmouth. Aus irgendeinem mir unverständlichen Grund kriege ich eine Gänsehaut. Nein, keine Gänsehaut. Wem will ich was vormachen?

Grüne Schuppensegmente begrüßen mich, als ich den Pulloverärmel zurückziehe. Sie breiten sich immer schneller aus. Ein letztes Geschenk meines Bruders. Wie auch die dunkelgrüne Kruste an meinem Hals, die sich im Rekordtempo nach unten ausbreitet. Es ist nicht nur Rache, die ich inmitten dieser verfallen wirkenden Gebäude suche, sondern auch Erlösung. Dennoch habe ich ein sonderbares Gefühl, dass es letztlich etwas völlig anderes sein wird, dass ich dort finden werde.

Dunsany’s Shop of Wonder, wiederhole ich in Gedanken den Namen des Geschäfts, das das Übel über meine und Alex’ Welt ausgeschüttet hat. Tja, nun bin ich am Zug.

Ein letztes Mal überprüfe ich den Sitz meines Revolvers. Entsichert und ungeduldig klemmt er fest in meinem Hosenbund. Den Rucksack lasse ich von meiner Schulter gleiten und werfe ihn in den Graben. Unnötiges Gepäck, für das ich womöglich keine Verwendung mehr haben werde.

Ich setze mich wieder in Bewegung. Gut möglich, dass das Teufelchen von vorhin Recht gehabt hat. Vielleicht ist dies in der Tat eine Reise ohne Wiederkehr.

Man wird sehen.

Julia Annina Jorges - Wo deine Schuld vergeben ist (2016)

 

„Vielleicht hätten wir Diana doch behalten sollen.“ Konrads verständnisvoller Tonfall täuschte nicht über den mitschwingenden Vorwurf hinweg. „Sie konnte gut mit Isabell umgehen und teuer war sie auch nicht.“

„Nein, war sie nicht“, sagte Becky. Eher das Gegenteil. Herrgott, Konrad hielt immer noch große Stücke auf die kleine Schlampe, wie Becky sie insgeheim nannte. Zugegeben, Diana hatte ihre Sache nicht schlecht gemacht. War ja auch das Mindeste, als angehende Erzieherin … Alles, was die Neunzehnjährige tat, hatte professionell gewirkt, egal ob sie Isabell die Windeln wechselte oder unverblümt mit Rebekkas Ehemann flirtete. Immer hatte sie bauchfreie Tops zu knallengen Jeans oder Miniröcken getragen, die ihre umwerfende Figur perfekt in Szene setzten. Konrads Gesichtsausdruck, wenn er Diana beobachtete, war für Becky verletzender gewesen als das Gehabe des Kindermädchens, neben dem sie sich wie ein ungestalter Trampel vorkam, mit ihren stämmigen knapp einen Meter achtzig.

Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte jedoch Dianas Bemerkung, Becky gehöre wohl zu den Frauen, denen es schwer fiele, nach dem Kinderkriegen ihre alte Form zurückzugewinnen. „Aber das ist ja nicht schlimm“, hatte sie weitergeplappert. „Sie sind verheiratet, da macht es nichts, wenn Sie sich ein bisschen gehenlassen. Obwohl …“ An diesem Punkt hatte sie eine besorgte Miene aufgesetzt, die Becky als pure Häme entlarvte. „Nicht dass er eines Tages auf die Idee kommt, sich mehr als nur seinen Appetit woanders zu holen.“ Daraufhin hatte Becky sehr freundlich zu Diana gesagt, sie möge sich zukünftig einen unverheirateten Mann suchen, dem könne sie dann ihr komplettes Spektrum an Dienstleistungen anbieten.

 

„Hauptsache, du merkst, wenn du überfordert bist“, unterbrach Konrad ihre missliebigen Erinnerungen. „So etwas wie gestern darf nicht noch einmal vorkommen.“

„Wird es nicht“, versicherte Becky. „Aber der Unfall hatte nichts mit Überforderung zu tun; er hätte genauso passieren können, als Diana noch bei uns war.“ Hätte … wäre aber wahrscheinlich nicht, gestand sie sich im Stillen ein. Sie verfluchte ihren Leichtsinn. Es war dumm gewesen, den feuchten Lappen aus dem Badezimmer zu holen. Sie hatte die Bescherung abwaschen wollen, die sich aus der Windel über den gesamten Rücken des Kindes verteilt hatte. Während im Bad das warme Wasser über ihre Hände lief, hatte sie von nebenan einen dumpfen Aufprall gehört und sofort gewusst, was passiert war. Eine Sekunde später hatte Isa zu kreischen begonnen, das schrille Echo hallte immer noch in Beckys Ohren.

„Du musst es ja wissen“, sagte Konrad und schaute auf die Uhr. „Wo bleibt eigentlich der Arzt?“

Isa quengelte. Rebekka setzte sie von ihrem Schoß auf den Boden und tappte mit ihr durchs Sprechzimmer, die kleine Hand fest in der ihren. Ob sie sich nach einem neuen Babysitter umschauen sollte? Ihr behagte der Gedanke nicht, Isa fremden Händen zu überlassen. Aus diesem Grund wäre ihr auch nie in den Sinn gekommen, sie in eine Krippe zu geben. Dass ihr Muttersein untrennbar verbunden war mit der Bereitschaft, sich aufzuopfern, wusste sie, seit sich ihr kleiner blonder Engel nach den ersten Wochen als Schreibaby entpuppt hatte. Auch jetzt, da Isas zweiter Geburtstag heranrückte, hatte sich das Problem beileibe nicht ausgewachsen. Im Gegenteil, Isas Infektanfälligkeit und die häufigen Stürze, die jedoch gottlob immer harmlos verlaufen waren, bescherten Rebekka mehr Zeit in Wartezimmern als in ihrem gesamten bisherigen Leben. Hinzu kam Isas verzögerte Sprachentwicklung: Aus dem Lallen und Prusten ein richtiges Wort herauszuhören, wollte Becky bei aller Mutterliebe bisher nicht gelingen.

 

Endlich, eine geschlagene Stunde nach Ende der Abschlussuntersuchung, ging die Tür auf und der Stationsarzt trat ein. „Familie Koch, hallo. Sie können Isabell mitnehmen, ihr fehlt nichts. Achten Sie in den nächsten ein, zwei Tagen noch darauf, ob sie sich irgendwie anders verhält. Und …“ Er warf Rebekka einen strengen Blick zu. „… lassen Sie sie nie aus den Augen, in dem Alter sind Kinder unberechenbar.“

„Natürlich.“ Becky schlug die Augen nieder.

„Ich unterstütze meine Frau, wo ich kann“, rechtfertigte sich Konrad. „Aber ich bin ja nur abends und am Wochenende zu Hause, Sie wissen ja, wie das ist.“ Der Arzt nickte abwesend und war schon wieder verschwunden.

„Auf, Isa, es geht nach Hause.“ Rebekka hob ihre Tochter auf den Arm und schluckte den Zorn über Konrads Bemerkung hinunter.

 

„Summ, summ, summ, Bienchen summ herum …“, sang Becky und wiegte Isabell in ihren Armen. Nie wieder würde sie sie zu dieser Krabbelgruppe schleppen! Statt auf ihre innere Stimme zu hören, war sie dem Rat des Kinderarztes gefolgt, der die Ansicht vertrat, Kontakt mit Gleichaltrigen wirke manchmal Wunder. Tatsächlich hatte Isa die ersten zwanzig Minuten begeistert mitgemacht, aber schon in der Wickelpause war ein Geschrei losgegangen, auf das sich weder Mutter noch Gruppenleiterin einen Reim machen konnten.

Rebekka schnupperte und rümpfte die Nase. Schon wieder. Als sie die Windel entfernte, durchfuhr es sie heiß und kalt. Auf der rechten Gesäßhälfte prangte ein blauer Fleck, der aussah wie eine Quetschung. Von wegen „alles neu und noch ein bisschen viel für sie“, wie die Pädagogin vermutet hatte! Offenbar war ihre Tochter gekniffen worden. „Da gehen wir nie mehr hin“, flüsterte Becky. „Ich lasse nicht zu, dass ein böses Kind meinem kleinen Liebling wehtut. Heile, heile Gänschen …“

 

„Still, mein Schatz. Schau was Mama Leckeres für dich hat!“ Becky ahmte das Geräusch eines Fliegers nach und ließ den Löffel vor den tränenfeuchten Augen ihrer Tochter kreisen. Huhn-Karotte mit Stückchen, Isas Lieblingsessen, obwohl sie dem Brei-Alter allmählich entwachsen war. „Na komm schon, Baby, lass das Flugzeug landen.“ Das Gesicht des Kindes war gerötet, die blonden Locken klebten an den Wangen. Auch Rebekka schwitzte. „Isabell, du musst essen.“ Trotzig presste Isa die Lippen aufeinander und versteifte sich in ihrem Hochstuhl. „Oooh“, machte Becky und Isa ahmte die Grimasse nach. Rasch bugsierte Becky den Löffel in die Öffnung. Isabell verzog das Gesicht, dann sprühte der mit Speichel vermischte Brei heraus, sprenkelte Beckys Gesicht und Bluse. Streckte das Kind ihr die Zunge heraus?