Erinnerungen an Jesus von Nazareth

Wellesley Tudor Pole


ISBN: 978-3-96861-264-5
1. eBook-Auflage 2021
© Aquamarin Verlag GmbH

© der englischen Originalausgabe:
C.W. Daniel, Saffron Walden, Essex, England

Titel der englischen Originalausgabe:
A Man seen afar

Deutsche Übersetzung von Dr. Edith Zorn
Umschlaggestaltung: Annette Wagner

Aquamarin Verlag GmbH, Voglherd 1, 85567 Grafing, www.aquamarin-verlag.de


Inhalt

Vorwort von Sir George Trevelyan

W. Tudor Pole trägt in diesem Buch etwas vor, das nichts Geringeres behauptet, als Erinnerungen an das Leben und die Zeit Jesu zu sein. Einige Leser werden diese Aussagen mit großem Interesse aufnehmen, andere hingegen mit Skepsis. Falls sich die Behauptungen als berechtigt erweisen sollten, könnte die Veröffentlichung dieser Schriften zum jetzigen Zeitpunkt von großer Bedeutung sein.

Das äußere Erscheinungsbild dieser »Erinnerungen« ist höchst interessant und offenbart den Bewusstseinszustand des modernen Menschen. In seiner Einführung erzählt uns Tudor Pole, dass er sich mit einer solchen Klarheit an jene Zeit erinnere, »als sei er dabei gewesen«, und legt seinen Bericht, in aller Bescheidenheit, als einen wahren Blick in die Vergangenheit vor.

Für ihn sind diese Erinnerungen auf keinen Fall ein Produkt der Vorstellungskraft, wobei die Bedeutung dieses Wortes zum Fantasiegebilde herabgemindert worden ist. Eigentlich bedeutet es, durch bildliches Denken in eine höhere »Frequenz« einzutreten, in eine Welt der Realität und des Seins, die jenseits der Begrenzung der fünf Sinne liegt. Es ist die erste Stufe der Erforschung und Erkundung der geistigen Welten, die unsere physische Lebenswelt durchdringen.

Als sich diese »Erinnerungen« einstellten, vermittelten sie Tudor Pole die Überzeugung, wahrhaftig und korrekt zu sein. Die unerwartete Plötzlichkeit, mit der sie kamen, empfand er als einen Hinweis dafür, dass sie einem Zweck dienen und deshalb anderen Menschen zugänglich gemacht werden sollten. Damit geht er allerdings das Risiko ein, als bloßer Träumer betrachtet zu werden. Es ist daher wichtig zu versuchen, diese Aufzeichnungen zu verstehen.

Diese »Erinnerungen« sind ein Beispiel für eine Entwicklung im heutigen Denken der Menschen. Sie gewinnen ein neues Verständnis für die Wahrheit, dass die geistigen Welten die physische Ebene vollkommen durchdringen. Die Welt der materiellen Formen wird als ein Bild oder eine Widerspiegelung des Geistigen betrachtet, das sie erschafft. Die geistigen Welten liegen nicht weit entfernt, sondern innerhalb des Reichs der Sinne und können dort durch unser intuitives Denken erfasst werden.

Bei dem »neuen Verständnis« handelt es sich um ein Wiederauftauchen der uralten Weisheit, die den Einweihungskandidaten in den Mysterientempeln gelehrt wurde. Wer die Geheimlehren enthüllte, verlor sein Leben. Das esoterische Wissen wurde den Generationen weitergereicht und erschien in jedem Zeitalter in unterschiedlichem Gewand, bisweilen annehmbar und oft missverstanden. Es verbirgt sich in den Bildern der Mythologie und der großen Dramen und kann aufgrund des psychologischen Verständnisses unseres Zeitalters wieder gedeutet werden. Mit der Entwicklung des intellektuellen Bewusstseins wurde es möglich, diese uralte Weisheit in Büchern zu veröffentlichen und in Vorträgen in einer Form weiterzugeben, die der moderne Geist annehmen kann.

Die weitgehend materialistisch eingestellten Gesellschaften haben einen Punkt erreicht, an dem sehr viele Menschen danach hungern, von der Wirklichkeit der geistigen Welten zu erfahren. Diese Reiche haben immer existiert, doch der Mensch war lange von ihnen abgeschnitten, wie er sich in Bezug auf sein Wissen nur auf die fünf äußeren Sinne verlassen konnte. Nun erkennen wir, dass eine rein mechanische Erklärung des Universums unzureichend ist. Selbst die Definition der Materie ist unzutreffend, solange wir sie nicht als das Ergebnis göttlichen Denkens und schöpferischer Vorstellungskraft betrachten. Es ist ungeheuer wichtig, alle Anhaltspunkte hinsichtlich der wahren Natur des Menschen und des Lebens in Betracht zu ziehen. Der Inhalt dieses Buches mag einen solchen Hinweis bieten.

Der Begriff »Erinnerung«, wie er in diesem Zusammenhang gebraucht wird, beinhaltet das Postulat vergangener Erdenleben. Auf der Ebene der »Sinne« kann die Erinnerung an frühere Erdenleben in Form von Bildern in das Bewusstsein treten. Außerdem ist es möglich, mit dem Bewusstsein, das sich über die fünf Sinne erhoben hat, zu erleben, was in einer anderen Seele vor sich ging. Eine Art Telepathie kann entstehen, so dass die eine Person vielleicht »erinnert«, was eine andere vor langer Zeit erlebt hat.

Die Vorstellung der so genannten Akasha-Chronik gibt darüber Aufschluss. Der Begriff »Akasha«, der aus der uralten Weisheitstradition des Ostens stammt, bezeichnet eine äußerst feine, geistige Substanz, die den grobstofflichen Erdball umhüllt und in der alle Impulse des Denkens, der Emotionen und des Willens eingeprägt oder aufgezeichnet werden. So banal es auch klingen mag, handelt es sich dabei in gewissem Sinne um ein riesiges ätherisches Videogerät. Wenn man bewusstseinsmäßig entsprechend weit fortgeschritten ist, vermag man diese Aufzeichnung einzusehen und tatsächlich im eigenen intuitiven Denken den Erfahrungen von Seelen aus der geschichtlichen Vergangenheit zu lauschen. Hierin liegt eine Hauptquelle für geistige Nachforschungen.

Wir müssen begreifen, dass unsere Gedanken und Gefühle wirklich lebendig sind. Wenn wir sie aussenden, haben wir etwas geschaffen, das nicht verschwindet, wie wir allzu leicht annehmen, sondern etwas, das in sich die Natur eines Wesens birgt, das einen zeitlosen Raum betritt, von Eingeweihten gelesen werden kann und dem wir wieder begegnen werden, sobald wir die Begrenzungen des physischen Körpers abgestreift haben. Wenn dieses Konzept begriffen werden könnte, gingen die Menschen heute wohl weniger leichtfertig mit ihren kritischen, zynischen und grausamen Gedankengängen um. Bei jedem Gedanken, den wir aussenden und jeder Emotion, die wir zum Ausdruck bringen, vermögen wir in der Tat den zeitlosen Welten einen Strom der Dunkelheit oder des Lichtes hinzuzufügen.

Bei den vorliegenden »Erinnerungen« handelt es sich offensichtlich um ein Studium der Akasha-Chronik. Dabei spielt es keine wesentliche Rolle, ob der Autor seine persönlichen Erlebnisse erinnert oder die anderer Seelen »liest«, mit denen er in einer früheren Zeit verbunden gewesen ist. Für uns ist nur die Möglichkeit wichtig, hier einen unmittelbaren Einblick in das Leben des Jesus von Nazareth zu erhalten.

Die Fähigkeit innerer Wahrnehmung ruht in jedem von uns, der einen mehr oder weniger hohen Entwicklungsgrad aufweist und über eine gewisse Sensitivität verfügt. Es mag durchaus sein, dass auch andere aufgrund ihrer persönlichen »Erinnerungen« Licht auf diese Geschichtsperiode werfen können. Obwohl man sich leicht täuschen kann, scheinen wahre Erinnerungen eine ganz besondere Gewissheit in sich zu tragen. Eine solche Flut neuer Erkenntnisse und spirituellen Verstehens tritt jetzt in unser Denken, dass auch dieses Buch natürlich nur eines von vielen sein wird, die der Welt von höherer Ebene aus geschenkt wird.

Die vorliegende Veröffentlichung ist in dieser Zeit, in der durch die Übersetzung der Schriftrollen vom Toten Meer und anderer Quellen neues Licht auf das Leben Jesu geworfen wird, besonders bedeutungsvoll. Viele, die sich für geistige Dinge interessieren, sind davon überzeugt, dass sich das Eintreten einer spirituellen Kraft auf die Welt abzeichnet, was die Züge einer »Wiederkunft Christi« trägt. Ein neues Licht flutet in das Menschenbewusstsein, und der Christus-Impuls kann erneut in das Erdenleben eintreten. Vielleicht blicken wir der Offenbarung neuer Wahrheiten entgegen; vielleicht sollen uns diese »Erinnerungen« tatsächlich helfen, um die augenblicklichen großen Veränderungen und die ungeheuren Hoffnungen, die unsere Herzen erfüllen und unsere Gedanken und Handlungen inspirieren können, zu verstehen.

Einführung von Rosamond Lehmann

Große Teile dieses Buches sind das Ergebnis meiner Zusammenarbeit mit Wellesley Tudor Pole, der mir und vie­len anderen Menschen »Lehrer, Philosoph und auch Freund« gewesen ist. Da er es vorzieht, dass so wenig wie möglich von seiner persönlichen Geschichte erzählt wird (er nennt sich selbst »einen gewöhnlichen Menschen«), werde ich mich darauf beschränken, die wesentlichen Leistungen seiner langen und bemerkenswerten Laufbahn nur zu umreißen.

Er hatte geheiratet und Kinder aufgezogen, war in der Industrie tätig und mit weltlichen Angelegenheiten beschäftigt. Er bereiste ausgiebig den Mittleren Osten, riskierte sein Leben für sinnvolle Zwecke, wie er es ausdrückte, und betrieb in verschiedenen Gebieten der Welt archäologische Forschungen. Ein Leben lang widmete er sich der Heilung von Menschen, Tieren und Bäumen. 1959 erwarb er das vernachlässigte Chalice Well Grundstück in Glastonbury und gründete den gleichnamigen Trust. Er wirkte auch als Vorstandsmitglied der Gla­ston­bury-Schule für Jungen. Außerdem verfasste er mehrere bemerkenswerte Bücher, darunter »Briefe eines Eingeweihten «, die von mir herausgegeben wurden. 1940 rief er die »Big Ben-Gebetsminute« ins Leben.

Ich möchte noch hinzufügen, hoffentlich mit seiner Erlaubnis, dass er, ähnlich wie William Blake, Einfachheit, Warmherzigkeit und spitzen Humor mit intellektueller Kraft verbindet und ein praktischer und fröhlicher Mystiker ist. Auch er »blickt zurück in das Reich der Erinnerungen und betrachtet die vergangenen Tage«, doch stets mit dem Ziel, nach vorne und voraus zu schauen, nicht um abgeschirmt in einem Elfenbeinturm zu verharren. Im nachfolgenden Text wird, ebenfalls mit seiner Erlaubnis, auf ihn mit seinen Initialen W.T.P. Bezug genommen.

Die Eigenart des nachfolgenden Textes ist weitgehend von Sir George Trevelyan in seinem Vorwort beschrieben worden. Dem kann ich lediglich noch eine persönliche Note hinsichtlich einer Reihe von Ereignissen hinzufügen, die mich veranlassten, die Herausgabe und andere Arbeiten im Zusammenhang mit dem mir von W.T.P. anvertrauten Material zu übernehmen.

Im Winter 1962/63 kreuzten sich unsere Wege zum ersten Mal. Damals kämpfte ich gerade mühsam darum, mich von einem schmerzlichen Verlust zu erholen, der mich zutiefst getroffen und erschüttert hatte. Ich spreche vom Tod meiner einzigen Tochter Sally, der sie in ihrem dreiundzwanzigsten Lebens- und zweiten Ehejahr, weit weg von mir in Java ereilte. An jenem Hoch­som­mertag des Jahres 1958 begann ich, meine Art zu leben, zu denken und zu erleben völlig zu ändern. Doch darüber soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Zwischen 1958 und 1962 hatte ich für mich selbst bestimmte Entdeckungen gemacht und vieles von Menschen gelernt, die ein größeres geistiges Verständnis besaßen als ich. Aber immer noch war ich von einem wahren oder zumindest fest begründeten Maß an »Ganzheit« oder Erleuchtung weit entfernt. »Wenn der Schüler reif ist…!« Vielleicht war es bei mir ebenso? Wie auch immer, ich bin W.T.P. zu tiefstem Dank verpflichtet für sein (meinerseits) unerwartetes Interesse an meinem Wohlergehen und meiner geistigen Entwicklung, das er mir zuteil werden ließ.

An dieser Stelle möchte ich W.T.P.s eigene Darstellung unserer ersten Begegnung und ihrer Folgen wiedergeben. Er schreibt: »In der Weihnachtszeit des Jahres 1958 wurden die Erinnerungen an gewisse Ereignisse, die dem letzten Abendmahl unmittelbar vorausgegangen waren, so greifbar, dass ich sie niederschrieb.

Kurz zuvor hatte ich Chalice Well in Glastonbury besucht, weshalb es nur allzu natürlich war, dass meine Gedanken um Geschehnisse kreisten, die mit der Zeit Jesu und Avalon, der ursprünglichen Wiege des Christentums in Britannien, in Zusammenhang standen. In der Hoffnung auf weitere ähnliche »Einblicke« zögerte ich einige Monate, bevor ich mich entschloss, diese sehr bruchstückhaften Erinnerungen zu veröffentlichen. Doch es folgten keine weiteren Erfahrungen, und so traf ich im Juni 1959 Vorkehrungen für die Herausgabe des Büchleins »The Upper Room«, ergänzt von einem Kommentar.

Im Laufe der nächsten Jahre fiel mir, gewöhnlich in unerwarteten Augenblicken, auf, dass ich versuchte, einen vollständigen Überblick der Vorfälle und Ereignisse, die sich in den Tiefen meines Geistes zu entfalten schienen, herzustellen. Instinktiv verknüpfte ich diese schattenhaften Erfahrungen mit meiner Erinnerung an den »Upper Room«, den Raum des letzten Abendmahls. Doch die Bilder zeigten sich viel zu verschwommen und kaleidoskopisch, um sie identifizieren zu können.

Als ich im Herbst 1962 im Obstgarten von Chalice Well saß und mich fragte, wie die Klarheit der Vision sichergestellt werden konnte, blitzte der Hinweis in mir auf: »Sorge dich nicht länger – wenn Zeit, Ort und Umstände sich richtig fügen, werden deine innere Schau und deine Erinnerung in den richtigen Brennpunkt rü­cken.«

Diese Andeutung wurde mir mit einer solchen Autorität vermittelt, dass meine Verwirrung wich und ich erleichtert meines Weges ging. Hin und wieder fragte ich mich, ob sich dieses Versprechen erfüllen werde und wenn ja, wann, wo und unter welchen besonderen Umständen.

Seltsamerweise verspürte ich in mir die Fähigkeit, Funken zu entfachen. Doch sollten diese Funken dazu bestimmt sein, sich zu mehr als einer flüchtigen Erleuchtung zu entfachen, bedurfte es eines »Ambosses« besonderer Art – und zwar außerhalb meiner selbst. Es bedurfte eines Gefährten, eines verständnisvollen Kameraden, dem es möglich war, jeden sprühenden Funken zu einer dauerhaften Flamme werden zu lassen.

Im Winter 1962/63 lernte ich Simone Saint-Clair, die bekannte französische Patriotin und Schriftstellerin, kennen. Zur gegebenen Zeit wurde durch diese freundliche und talentierte Dame eines meiner Bücher übersetzt und in Paris unter dem Titel La Route du Graal veröffentlicht. Anfang 1963 erhielt ich mehrere Briefe von Madame Saint-Clair, in denen sie mich drängte, bei ihrer Freundin vorzusprechen, die in London lebte, da sie glaubte, dass sich diese Verbindung als bedeutsam und für beide Seiten vorteilhaft erweisen würde. In diesem Moment spürte ich, dass Zeit, Ort und Umstände sich einpendelten und der »Amboss«, den ich im Unterbe­wusst­sein gesucht hatte, nahe war. Das traf auch zu, denn kurz darauf trat Rosamond Lehmann in mein Leben und ich in ihres.

Zurückblickend stelle ich fest, dass es keineswegs sonderbar war, dass die ersten Themen, die wir besprachen, den Inhalt von The Upper Room und die Art, in der dieses kleine Buch entstanden war, betrafen.

Mit der Entwicklung unserer Freundschaft begann ich zu erkennen, dass alles für die lang ersehnte Erfüllung jener Verheißung, die mir im Herbst 1962 in Glastonbury zuteil geworden war, vorbereitet wurde. Die Dinge begannen, sich harmonisch ineinander zu fügen, und die Zusammenarbeit zwischen R.L. und W.T.P. gestaltete sich eng und anhaltend.

Im Sommer 1963 wurden mir etwa einen Monat lang, in unregelmäßigen Abständen und gewöhnlich spät abends, in meinem Haus in Sussex viele der »Einblicke« in die Kindheit und Jugend Jesu, die in diesem Buch aufgezeichnet worden sind, zuteil. Ich durfte sie in mein Bewusstsein aufnehmen und schriftlich niederlegen.«

Ich (R.L.) muss hinzufügen, dass ich bis vor kurzem, als ich eine Kopie dieser Darstellung erhielt, nicht wusste, weshalb W.T.P. mich für eine Aufgabe von solch ungeheurer Bedeutung ausgewählt hatte. Im Spätsommer 1963 wurde mir nahe gelegt, falls ich es wollte, die allgemeinen Vorbereitungen für eine Herausgabe und Kommentierung des mir anvertrauten Materials zu übernehmen. Ich hielt – und das gilt auch heute noch– mich für diese Arbeit nicht geeignet. In meinen Augen qualifizierte mich nichts dafür, doch da sich sonst niemand finden ließ und es W.T.P. gewesen war, der mich darum gebeten hatte, fühlte ich mich verpflichtet, die Aufforderung, wenn auch zögernd und ein wenig ängstlich, vor allem aber mit dem Empfinden über Gebühr bevorzugt zu sein, anzunehmen.

W.T.P., der bisweilen die Dinge gerne wortwörtlich nahm, erwiderte auf meine Bemerkung von einer »heiligen Furcht«, dass es so etwas nicht gebe und die Begriffe Furcht und Heiligkeit miteinander unvereinbar seien. Dennoch trifft diese Aussage des Dichters Coleridge in meinem Fall den Punkt. Mit einer Art heiliger Furcht begann ich, arbeitete weiter und vollendete meinen Teil unserer Zusammenarbeit.

Credo von Wellesley Tudor Pole

Gerne komme ich der Bitte nach, einiges zu meiner persönlichen religiösen Überzeugung zu sagen.

In der Kirche von England wurde ich getauft und gefirmt. Meine Eltern gehörten der, wie es in jenen Tagen hieß, »liberalen Richtung« der anglikanischen Kirche an. Meine religiöse Erziehung basierte vorwiegend auf dieser Form christlichen Unterrichts an der staatlichen Schule, zu der auch die Behauptung gehörte, dass die Bibel (in der King James Version) das unumstößliche Wort Gottes sei und daher die Wahrheit und nichts als die Wahrheit enthielte. Ich war ein nachdenklicher Junge und begann schon bald, sehr ernsthaft an dieser dogmatischen Behauptung zu zweifeln. In den ersten Büchern des Alten Testaments gibt es bestimmte Passagen, die für meinen jugendlichen Geist nahezu an Obszönitäten grenzten. Als ich einmal den Schulgeistlichen nach der religiösen Bedeutung dieser Passagen fragte, wies er mich an, mein Augenmerk ausschließlich auf den Inhalt des Neuen Testaments zu lenken. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Begebenheit, bei der ich als Fünfzehnjähriger anhand der vier Evangelien und der Apostelgeschichte eine Aufstellung der Widersprüche in Bezug auf das Leben und die Lehre Jesu niederschrieb. Ich legte sie meinem Klassenlehrer vor, als ich eine Abhandlung über die zehn Gebote schreiben sollte.

Es erübrigt sich zu bemerken, dass ich für dieses empörende Beispiel an Altklugheit die schlechteste Note der Klasse bekam; aber kein Wort der Erklärung wurde mir gegeben, um meine Zweifel und Befürchtungen zu mildern.

Bald danach hörte ich auf, Fragen zu stellen und begann, meine eigene Philosophie auszuarbeiten, von der vieles den Prüfungen der Zeit standgehalten hat. Nach einem langen Leben des Nachsinnens und der Erfahrung könnte meine religiöse Anschauung, wenn auch keineswegs vollständig, folgendermaßen zusammengefasst werden:

Ich glaube an eine erste Ursache, einen höchsten Schöpfer aller Universen, den Ursprung des Lebens selbst, einen ewigen und allmächtigen Geist, Vater unendlicher Liebe, Weisheit und Allmacht.

Ich glaube, dass in einer Weise, die weit jenseits menschlichen Begreifens liegt, diese erste Ursache die Sonnensysteme, Planeten und Sterne zusammen mit zahllosen anderen Lebens- und Seinsebenen, die sich in die unendliche Ewigkeit erstrecken, ins Dasein gerufen hat.