Cover

Sarah Lenz, Martina Hasenfratz (Hg.)

Capitalism unbound

Ökonomie, Ökologie, Kultur

Mit Illustrationen von Maren Flößer

Campus Verlag

Frankfurt/New York

Über das Buch

Steigende Ungleichheit, ein niemals endendes wirtschaftliches Wachstum und ressourcenvernichtende Ausbeutung stellen uns heute vor viele Probleme. Dennoch scheint es legitime Motive und überzeugende Argumente zu geben, die das Engagement der Menschen für den Kapitalismus rechtfertigen. Dieses Buch untersucht aus kulturellen, ökonomischen und ökologischen Perspektiven, wie der Kapitalismus trotz seiner verheerenden Auswirkungen weiterhin die dominante Wirtschaftsform bleibt. Es fragt nach den Strukturen, Mechanismen und Praktiken, die das eigentümliche Überleben dieses Systems sichern, das stets darauf ausgerichtet ist, Gewinner_innen und Verlierer_innen hervorzubringen.

Vita

Sarah Lenz, Dr. phil., und Martina Hasenfratz sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen in der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe »Zukünfte der Nachhaltigkeit« an der Universität Hamburg.

Für Sighard Neckel

Inhalt

Vorwort

Sarah Lenz und Martina Hasenfratz: Vorwort

Soziologie als Beruf(ung)

Ferdinand Sutterlüty: Ein Soziologe par excellence

Christian von Scheve: Wiener Gefühlsg’schichten

Harry Nutt: Einer von uns. Sighard Neckel und das Feuilleton

Sandra Schüddekopf: Zusammenarbeit

Andrea Roedig: Ich, ich, ich

Kathrin Röggla: Die Soziologie auf dem Berg

Ökonomie

Christoph Deutschmann: Der moderne Kapitalismus – ein legitimes Kind des liberalen Gesellschaftsvertrages?

Hermann Kocyba: Nicht zu fassen: Das Wertding und der Warenkörper

Robert van Krieken: Reflections on the refeudalization process: back to the future

Jürgen Beyer: Strukturierte Verantwortungslosigkeit – Anmerkungen zu einem Grundprinzip der Marktvergesellschaftung

Klaus Kraemer: Kollektive Dissoziation. Wirtschaftliches Handeln im Lockdown

Ulrike Froschauer und Manfred Lueger: Äußerer Wohlstand bei verinnerlichtem Elend? Zur Wachstumsdynamik des Kapitalismus

Leistung und Erfolg

Axel Honneth: »Arbeit«. Kurzgeschichte eines modernen Begriffs

Kai Dröge: Leistung? Nee, echt jetzt? Über die schwierige Wiederaneignung eines kritischen Konzepts

Patrick Sachweh: Varianten der Leistungsgerechtigkeit

Steffen Mau: Erfolgskultur im Datenkapitalismus

Ökologie

Natalia Besedovsky, Moritz Boddenberg, Martina Hasenfratz, Sarah M. Pritz und Timo Wiegand: What’s Sociology got to do with it? Hamburger Perspektiven auf Nachhaltigkeit

Ronald Hitzler: Ökologische Ideale – zur Typisierung ideologischer Positionen

Frank Adloff: Demokratische Affektpolitik und die ökologische Frage

Beate Littig: Praktiken der gemeinsamen Nutzung in einer Wiener Damensauna. Ein praxistheoretisches Forschungsprotokoll

Eva-Maria Engelen: Die Soziologie und das Anthropozän. Einige Beobachtungen von außen

Kultur

Berthold Vogel: Die normative Kraft der Orte

Greta Wagner: Status und Mitleid. Zur Affektökonomie der Einfühlung

Monika Wohlrab-Sahr: Generalisierter Anderer oder gespürter Nächster. Paradoxien der Sozialität in der Coronakrise

Jörn Lamla: Die symbolischen Ordnungen des Konsums – und die Fallstricke produktivistischer Soziologie

Klassen und Klassifikationen

Beitragende

Vorwort

Vorwort

Sarah Lenz und Martina Hasenfratz

»Ich will den Kapitalismus lieben, weil so viel für ihn spricht. Ich will den Kapitalismus lieben, aber ich schaff‹ es einfach nicht.«

In seinem Lied Kapitalismus beschreibt der Liedermacher Funny van Dannen in amüsanter Weise das widersprüchliche Wesen der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Denn auf der einen Seite ist kaum von der Hand zu weisen, dass die diversen historischen und kulturellen Ausprägungen des Kapitalismus durchaus Gründe dafür bieten, ihm wohlgesonnen zu sein. »Wir [verdanken] ihm eine Menge, was wäre unser Wohlstand ohne ihn?«, besingt van Dannen sein Dilemma.

Auf der anderen Seite lässt sich eine überzeugte Beteiligung aber auch infrage stellen, weshalb ein »Ende des Kapitalismus« immer wieder prognostiziert und auch herbeigesehnt wird. Soziale Ungleichheiten, subjektive Erschöpfung, ressourcenvernichtende Ausbeutung, Wettbewerb und alltägliche Distinktionszwänge sind nur einige Stichworte, die auf die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus hindeuten. Was Funny van Dannen anspricht, ist genau diese paradoxe Situation, die in vielerlei Hinsicht paradigmatisch für die Absurdität des gegenwärtigen Gesellschaftssystems und seine scheinbare Alternativlosigkeit selbst steht.

Die Widersprüche des Kapitalismus sind Gegenstand dieses Buches. Sie kommen konkret in den alltäglichen sozialen Praktiken und subjektiven Deutungen, in den Wünschen, Werthaltungen und Überzeugungen der gesellschaftlichen Akteur:innen zum Ausdruck, die auch Sighard Neckel Zeit seines Lebens in verschiedensten Kontexten immer wieder unter die soziologische Lupe genommen hat. Seine Analysen zeigen, dass der Kapitalismus für sein Überleben auf überzeugende moralische Argumente und geteilte Vorstellungen von Gerechtigkeit angewiesen ist, die trotz offensichtlicher Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten und Paradoxien den Einsatz für das kapitalistische System rechtfertigen.

Am 25. Oktober 2021 jährt sich Sighard Neckels Geburtstag zum 65. Mal, was uns als Herausgeberinnen dazu veranlasste, Kolleg:innen, Weggefährt:innen und Schüler:innen darum zu bitten, ganz im Sinne der von ihm vertretenen soziologischen Blickschärfe, kritische Beobachtungen und Thesen zur Funktionsweise der kapitalistischen Gesellschaft zusammen zu tragen. Die Aufgabe war, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven nach den Strukturen, Mechanismen, Prozessen und Praktiken zu fragen, die das eigentümliche Überleben eines Systems sichern, welches stets darauf ausgerichtet ist, Gewinner:innen und Verlierer:innen hervorzubringen.

Sighard Neckel hat immer gerne über den Tellerrand seiner Disziplin geschaut, das zeigen nicht nur die fundierten Analysen zu scheinbar »unsoziologischen« Phänomenen (ein Paradebeispiel hierfür sind sicherlich Emotionen und ganz besonders die Scham), sondern auch die vielen Freundschaften, die auf seinem Lebensweg entstanden sind und ihn als Wissenschaftler und Menschen prägen. Der Facettenreichtum seiner Interessen bildet sich in diesem Buch ab: Beiträge von unterschiedlicher Länge, auf Basis verschiedener methodischer Vorgehensweisen, unterschiedlichen Stils (soziologisch, journalistisch, künstlerisch, anekdotisch) und von variierenden Gegenstandsbereichen fügen sich zu einem großen Ganzen, illustriert von den Typographien der Künstlerin Maren Flößer, die unter anderem auf die zentralen Orte in Sighard Neckels wissenschaftlicher Laufbahn Bezug nehmen: Wien, Frankfurt am Main und Hamburg.

Capitalism unbound gliedert sich in sechs Themenfelder. Der erste Teil, Soziologie als Beruf(ung), beleuchtet zum einen unterschiedliche Stationen in Sighard Neckels wissenschaftlicher Laufbahn, zum anderen wird die Soziologie selbst zum Gegenstand der Beobachtung. Im zweiten Teil Ökonomie werden grundlegende Elemente des kapitalistischen Wirtschaftssystems näher betrachtet. Mit Leistung und Erfolg rücken im dritten Teil zwei Leitwerte moderner Gesellschaften in den Blick, mit denen sich Sighard Neckel lange beschäftigt hat, der vierte Teil knüpft mit Ökologie thematisch an Neckels jüngste Forschungen in diesem auch für die Soziologie immer bedeutender werdenden Feld an. Der fünfte Teil, Kultur, betrachtet die Gefühlswelt und die symbolischen Ordnungen im Kapitalismus und nimmt Bezug auf die kultursoziologischen Arbeiten von Sighard Neckel. Daran schließt das letzte Themenfeld an, das mit Klassen und Klassifikationen die unterschiedlichen Dynamiken von Vergesellschaftung thematisiert.

Die Geschichte des Kapitalismus ist ohne die Geschichte seiner Kritik kaum zu denken. Zweifel an seiner Legitimität und seinem Überleben sind seine ständigen Begleiter. Allzu häufig glaubte man an das nahende Ende des Kapitalismus, doch auf jede Krise folgte ein erneuter Aufschwung. Es stellt sich daher die Frage, warum Kritiken und Gegenbewegungen – von Marx bis Occupy Wallstreet – seit bald zwei Jahrhunderten so wirkungslos an ihm abprallen (s. Christoph Deutschmann). Liegt es an seiner Fähigkeit, aus Nichts einen Wert zu generieren und einen zweitklassigen Wein als etwas ganz Besonderes, als etwas Wertvolles, zu verkaufen (s. Hermann Kocyba)? Oder daran, dass die globale Finanzelite sich in empörender Verantwortungslosigkeit selbst bereichert (s. Jürgen Beyer)? Für das ungewöhnliche Überleben des Kapitalismus lassen sich ganz unterschiedliche Erklärungen finden. Dabei kommt man aber nicht umhin, die Wurzeln des unerschütterlichen Systems kritisch zu betrachten: Niemals endendes Wachstum und fortwährende Produktivitätssteigerung sind ihm inhärent. Sie sorgen auf der Vorderbühne für gesellschaftlichen Wohlstand, auf der Hinterbühne jedoch für Elend und Ungleichheit (s. Ulrike Froschauer und Manfred Lueger). Als Fundamentalnorm treibt das Prinzip »Leistung« diese Dynamik fortwährend an und hält sie am Laufen. So ideologieverdächtig dieses »ungeliebte Kind« auch ist, so zivilisierend und integrativ kann es wirken, insbesondere mit Blick auf die ausufernde Erfolgskultur (s. Kai Dröge). Nicht die erbrachte Leistung, sondern der erzielte Erfolg rückt jetzt in den Vordergrund und damit das, was »am Ende herauskommt«. Diese Verschiebung von Leistung zu Erfolg bestimmt auch den gegenwärtig aufkommenden Datenkapitalismus (s. Steffen Mau), obwohl sich gleichzeitig die »Leistung« des Einzelnen durch Tracking-Apps bis ins Kleinste überwachen, berechnen und bewerten lässt: Fährt der Fahrradkurier schnell genug, wählt er den kürzesten Weg, in welcher Zeit liefert er die Ware aus? Vermessen, Bewerten und Klassifizieren sind aber nicht nur grundlegend für diese neue Variante des Kapitalismus, sondern ganz wesentliche Elemente der symbolischen Ungleichheitsordnung (s. Ana Mijic und Michael Parzer).

Seine Allgegenwärtigkeit lässt das kapitalistische System ausweglos erscheinen, entfesselt scheint es in jede noch so kleine Ritze vorzudringen. Capitalism unbound analysiert Funktionsweisen des Systems, eröffnet aber auch alternative Perspektiven, die zeigen, dass im Kleinen wie im Großen Strukturen aufgebrochen werden können. Vor allem die Dringlichkeit der ökologischen Krise erschüttert das Fundament des Kapitalismus. Ausgelöst durch diese Verwerfungen wachsen Ideen für eine Neugestaltung des sozialen und politischen Lebens, partizipativ-demokratische Auswege, fernab von den Imperativen des Marktes (s. Frank Adloff). Es entstehen neue »Soziale Orte« des Miteinanders (s. Berthold Vogel), die nicht von Individualität und Konkurrenz, sondern Kollektivität, Kollaboration und Teilen geprägt sind (s. Beate Littig).

Die Bandbreite an Perspektiven auf den Kapitalismus, die das vorliegende Buch versammelt, spiegelt das Schaffenswerk von Sighard Neckel wider und zeigt den Einfluss, den er in den letzten Jahrzehnten als Lehrer, Kollege und Freund hatte. Seine Originalität der Perspektive, sein feines Gespür für Themen, die in der Luft liegen, seine soziologische Offenheit, trotz eigener politischer Position, machen ihn für uns zu einem Lehrer, der uns nicht nur nachhaltig geprägt hat, sondern auch fortwährend unterstützt, wertschätzt und motiviert.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen Beitragenden. Ein besonderer Dank gilt Judith Wilke-Primavesi vom Campus Verlag und Karen Körber, die uns bei der Realisierung dieses Buches gleichermaßen eine große Stütze waren.

Soziologie als Beruf(ung)

Ein Soziologe par excellence

Ferdinand Sutterlüty

Der Mensch steht nie für sich, selbst wenn er alleine ist. Das mag als Proprium soziologischen Denkens gelten, aber wenige aus dem Fach verkörpern diese Einstellung so konsequent – und scheinbar auf so natürliche Weise – wie Sighard Neckel. Sie erfordert das Kunststück, nah an der empirischen Wirklichkeit zu bleiben und sich zugleich weit vom Alltagsverstand zu entfernen. Dieser wissenschaftlichen Einstellung zufolge ist es nötig, strukturelle Zusammenhänge und Muster zu erkennen, die sich der individuellen Erfahrung nicht als solche erschließen, sich aber just und primär dort dechiffrieren lassen.

Die Grundkonzepte der Neckel’schen Soziologie sind genau darauf ausgerichtet: auf kollektive und weitgehend vorreflexive Klassifikationen, die dem Einzelnen erst eine kognitive Welterschließung und praktische Handlungsorientierung ermöglichen; auf Figurationen zwischen Sozialgruppen, deren Mitglieder sich die objektiven Konstellationen kaum bewusst machen, die ihrer ganz unmittelbar empfundenen Ablehnung der jeweils anderen zugrunde liegen; auf einen klassenspezifischen Habitus, den das Individuum als Ausdruck einer eigenen Lebensorientierung und Geschmacksprägung begreifen mag. Selbst nur ungern nach außen gezeigte Emotionen wie Scham sind bei Neckel das subjektive Pendant von sozialstrukturellen Lagen und ihrer kulturellen Begleiterscheinungen. Die mitunter geheimsten Gefühle erweisen sich als Ausdrucksformen und Reproduktivkräfte sozialstruktureller Tatbestände und kultureller Deutungsmuster. Immer geht es dabei um soziale Ungleichheiten zwischen Gruppen und Klassen, die den sozialen Austausch bis in die letzten Lebensadern hinein bestimmen. Ungleichheit in ihren ökonomischen und symbolischen Formen sowie die daraus resultierenden Konflikte sind das eigentliche Sujet der Neckel’schen Soziologie.

Nicht umsonst taucht in Sighard Neckels frühen Schriften immer wieder der Name Marx auf und mit ihm die Frage, inwiefern praxis- und kulturtheoretisch ergänzte Klassentheorien dessen legitimes Erbe antreten können. Wer das Marx’sche Erbe fortsetzen will, ist laut Neckel bei Pierre Bourdieu gut aufgehoben. Für ihn ist nämlich von besonderer Bedeutung, dass auch symbolische Hervorbringungen der Gesellschaft zu den objektiv beobachtbaren und wirkmächtigen sozialen Tatsachen gehören und nicht nur Epiphänomene gesellschaftlicher Strukturen sind. Vielleicht kann ich es so ausdrücken: Sighard Neckel hat als »Kulturmarxist« angefangen und ist in seinen weiteren soziologischen Arbeiten nie erkennbar davon abgerückt. Sein Denken, das die materiellen Lebensgrundlagen und die soziokulturellen Deutungsaktivitäten in ihrem Zusammenspiel betrachtet, macht ihn zu einem Soziologen wie er im Buche steht: einem Soziologen, der das gesamte Spektrum gesellschaftlicher Phänomene im Blick hat. Mehr noch, er ist darüber hinaus mit den antipsychologischen und antiphilosophischen Affekten ausgestattet, die seit Durkheim die Soziologie als Disziplin geprägt haben.

Ein antipsychologischer Impuls ist bereits erkennbar in Neckels Tendenz, die Varianz individueller Orientierungen hinter soziokulturellen Strukturmustern verblassen zu lassen. Innerpsychischen Verarbeitungsmechanismen kommt dabei wenig Eigensinn zu; eher erscheinen sie als Instrumente der spiegelgenauen Verinnerlichung gesellschaftlicher Tatbestände. Neckel zufolge produziert der soziale Status von Personen ihre Überlegenheits- oder Unterlegenheitsgefühle und jene vielfältigen Verletzungen, die ihnen der allseitige Vergleich zwischen sozialen Gruppen und Klassen zufügt. Der Statuskampf bestimmt demnach die soziale Welt. Was dabei weniger in Betracht kommt, ist die Möglichkeit, dass Personen oder ganze Gruppen auf Status pfeifen und ihre Glückseligkeit nicht in den gesellschaftlich präfigurierten Handlungs- und Denkmustern suchen; und dass sie sich den üblichen Vergleichen mit anderen verweigern, ohne sich ihrer Stellung als Außenseiter zu schämen. Gewiss kann man bei der Analyse solcher Haltungen noch dem Durkheim’schen Axiom folgen, Soziales durch Soziales zu erklären. Aber es ist wohl kein Zufall, dass die nicht strukturkonformen sozialen Erscheinungen bei Sighard Neckel wenig Aufmerksamkeit finden. Bei einem Autor wie ihm, der auf den Kern des Getriebes kapitalistischer Gesellschaften zielt, ist dies wenig verwunderlich. Die Beschäftigung mit Idiosynkrasien und Aberrationen kann er anderen überlassen.

Mit Durkheim teilt Neckel, wenn ich recht sehe, auch einen antiphilosophischen Impuls. Durkheim wollte die Wissenschaft der Moral betreiben, statt aus der Wissenschaft eine Moral abzuleiten. Diese Positionierung ließe sich wohl der ganzen Soziologie Sighard Neckels als Motto voranstellen. Ich meine darin einen Affekt gegen die philosophische Spekulation zu erkennen sowie auch die Neigung, das Nachdenken über abstrakte Moralprinzipien für müßig zu halten. Über Durkheim hinausschießend scheint er die empirisch beobachtbaren Erscheinungen der eingelebten Moral für abgeleitete Phänomene zu halten: für Produkte des Strebens nach Macht und Distinktion. An diesem Grundzug seines Denkens hat Sighard Neckel ganz unabhängig von den wechselnden akademischen Kontexten, in denen er sich im Lauf seiner wissenschaftlichen Karriere bewegt hat, festgehalten. Die großartigen normativen Prinzipien, auf denen unsere Gesellschaft philosophischen Großnarrativen zufolge beruhen soll, werden in den Augen des Ungleichheitstheoretikers Neckel fortwährend von der Wirklichkeit blamiert. Mehr noch, er scheint in normativistischen Ansätzen immer schon die Gefahr lauern zu sehen, die soziale Realität am Ende mit ihrem normativen Überschuss zu verwechseln und die Grundmechanismen des gesellschaftlichen Spiels zu verkennen.

Sighard Neckel ist mehr der schonungslose Aufklärer als ein Utopist. Seine Schriften lassen kaum einmal einen Horizont der sozialen Alternativen aufleuchten: Die Subjekte vergessen sich selbst im Gehäuse ihrer sozialen Positionen und folgen dem agonalen gesellschaftlichen Spiel, das da Kapitalismus heißt und unaufhaltsam alles in seinen Bann zu schlagen scheint. Der entfesselte Kapitalismus frisst bei Neckel alle seine Kinder: die Respektabilität harter, systemrelevanter Arbeit ebenso wie den scheinbar rettenden Diskurs um nachhaltiges Wirtschaften. Für die gesellschaftlichen Wirkungen normativer Ideen der Gleichheit, der Gerechtigkeit und der Sorgsamkeit bleibt da wenig Platz.

Keine Stimme steht für sich allein, auch nicht die der Soziologie. Die Stimme von Sighard Neckel ist indessen unersetzlich und sein Denk- und Schreibstil, wie ich ganz unsoziologisch anmerken möchte, unnachahmlich. Es gibt diesen der eigenen Analyse vertrauenden Indikativ, der den spezifischen Neckel-Ton ausmacht. Als ich vor etwa zwanzig Jahren Sighard Neckels Mitarbeiter wurde, war ich bereits im Fach Soziologie promoviert. Gleichwohl trat mir schon nach kurzer Zeit unserer Zusammenarbeit die Gewissheit ins Bewusstsein, nun mit einem wirklichen Soziologen die Grundfesten der Disziplin ganz neu erkunden zu können. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Wiener Gefühlsg’schichten

Christian von Scheve

Das Institut für Soziologie der Universität Wien befindet sich im neunten Bezirk der Stadt, in einem imposanten Gründerzeitbau im Stil der Neorenaissance, direkt neben der Votivkirche und gegenüber dem beschaulichen Sigmund-Freud-Park. Betritt man das Gebäude, hat es etwas Altehrwürdiges, fast Einschüchterndes, marmorne Fußböden und ein Treppenhaus mit Säulen, Bögen und allem Drum und Dran. Ein Haus, das etwas vom Glanz der k. u. k. Monarchie ausstrahlt. Erklimmt man die Stufen hinauf in den vierten Stock, findet man drei überaus großzügige Büros, eines davon mit der Nummer »404«, mit Blick auf den Park und die nahe gelegene Innere Stadt.

So ging es mir, als ich im Herbst 2007 eine Stelle an dem Institut antrat, an das Sighard Neckel kurz zuvor berufen worden war. Ich hatte die Aussicht, für die kommenden sechs Jahre als sein Assistent (»Säule 2« im Fachjargon) am Institut zu arbeiten und meine Kenntnisse vor allem der Emotions- und Wirtschaftssoziologie bei ihm zu vertiefen. Wie lebensnah diese Vertiefung vonstattengehen sollte, konnte ich zunächst nicht ahnen.

An meinem ersten Arbeitstag werde ich im vierten Stock von Brigitte Frotzler in Empfang genommen, die zuvor als Sekretärin für den emeritierten Jürgen Pelikan gearbeitet hatte und nun Sighard Neckel unterstützen sollte. Nach ebenso herzlicher wie ausführlicher Begrüßung drehen wir eine Runde durchs Haus, auf der ich allerhand wichtigen und weniger wichtigen Leuten vorgestellt und willkommen geheißen werde, ein »Hallo« hier, ein »Grüß Gott« da, ein »Baba« oder »Tschau« zum Abschied.

Nach einer guten Stunde stehen wir beide dann wieder im vierten Stock, vor dem Büro »404«, meinem künftigen Arbeitsplatz. Ich bedanke mich artig, fühle mich willkommen, »nette Kollegen«, »tolles Institut«, »bestens gelegen«, sage ich, und so weiter und so fort. Es sind alle Worte gefallen und Gesten gemacht, die mich eigentlich in mein Büro entlassen sollten. Schließlich wollen der Computer eingerichtet und das Bücherregal bestückt werden. Aber ich merke, es hängt noch etwas in der Luft, das anzusprechen offenbar nicht ganz einfach, vielleicht sogar heikel ist. Habe ich lokale Gepflogenheiten missachtet (möglicherweise), mich gar danebenbenommen (ich glaube nicht) oder Zwischentöne nicht gehört (wahrscheinlich)?

Nein, es ist das Namensschild an der Tür. Wie wir das denn jetzt machen wollen mit dem Namensschild, fragt Frau Frotzler. Ich stehe auf dem Schlauch. »Nun ja«, sagt sie, »das mit den Adelsnamen ist in Österreich so eine Sache, also das ›von‹ in Ihrem Namen, das ist ja eigentlich verboten hier«. Ah ha. Das ist nun der Zeitpunkt, zu dem ich über das österreichische »Adelsaufhebungsgesetz« von 1919 unterrichtet werde, das bis heute Geltung hat, letzte Änderung 1948. »Eigentlich«, so Frau Frotzler, »betrifft das aber nur österreichische Staatsbürger«. Ach so, super, dann ist ja alles halb so schlimm. Aber schon wieder hängt noch etwas in der Luft, die Sache ist noch nicht ausgestanden, merke ich. Ich könne ja noch einmal drüber nachdenken, was auf dem Namensschild stehen soll und mich dann, alsbald, melden. Einverstanden.

Man kann die Angelegenheit nun juristisch betrachten oder historisch oder gar politisch. Man kann sie aber auch aus der soziologischen Perspektive Sighard Neckels analysieren. In mein Büro entlassen, berichte ich Sighard (wir teilen uns ein Zimmer, sein Eckbüro, Blick auf die Votivkirche, wird noch renoviert) kurz von dem Dilemma, bereits fest entschlossen, der Einfachheit halber auf das »von« am Türschild zu verzichten. »Das würde ich mir gut überlegen, Christian, das ist viel heikler, als es auf den ersten Blick scheint.« Und dann folgt ein kurzes, aber umso eindrucksvolleres soziologisches Lehrstück über Status, Missachtung und Gefühle.

Beharrte ich auf dem vollständigen Namen, könnte mir das zweifellos als Missachtung österreichischer Gepflogenheiten, gar als Ignoranz gegenüber der österreichischen Geschichte ausgelegt werden. Schlimmer noch, das Beharren auf diesem »Adelsprädikat« könnte den Eindruck des Statusdünkels erwecken, und zwar gleich in doppelter Hinsicht: als Ausländer erschlichen gegenüber jenen, denen die Verwendung eines solchen Prädikats gesetzlich verwehrt bleibt (und die doch sonst ganz vernarrt sind in Titeleien) und als jemand, der sich von so einem Prädikat schlicht Distinktion erwartet.

Das Beharren auf dem vollständigen Namen aber erscheint harmlos im Vergleich zum Verzicht auf das Prädikat. Lasse ich das »von« auf dem Türschild weg, so signalisierte ich damit unweigerlich meine Kenntnis der lokalen Gepflogenheiten, denn das Unterschlagen wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit als ein solches erkennbar. Dem vergleichsweise kleinen Kolleg:innenkreis wäre mein Name vermutlich ohnehin geläufig, aus Gesprächen oder Bewerbungsunterlagen. Und der Verzicht selbst könne dann, als ein aktiver Eingriff, nur in zweierlei Weise gedeutet werden. Er könne als Geste großer Arroganz missverstanden werden, ganz nach dem Motto: »Hab‹ ich doch gar nicht nötig, dieses Prädikat, es weiß doch sowieso jeder, wie ich heiße.« Vor allem aber signalisiere der Verzicht Vorstellungen über den Gefühlshaushalt der österreichischen Kolleg:innen. Der Verzicht könne signalisieren, dass man die Kolleg:innen für so empfindsam halte, dass sie überhaupt Anstoß an der Verwendung eines lächerlichen »von« auf dem Türschild nehmen könnten. Man hielte sie für so kleinlich, dass sie sich durch die Verwendung dieses Worts tatsächlich herabgesetzt oder missachtet fühlen könnten. Dies, so Sighard, wiege wesentlich schwerer, als den Namen einfach so zu lassen, wie er nun einmal ist.

Im Grunde, das habe ich aber erst später bemerkt, handelt es sich hierbei um eine geradezu typische analytische Strategie in der Soziologie Sighard Neckels, die sich nicht nur in Büchern und Fachjournalen findet, sondern die, wie selbstverständlich, die alltägliche Konversation durchzieht. Wie kaum ein anderer Soziologe versteht er es, die Verquickung von objektiven Gegebenheiten und deren vielschichtigen Deutungen im sozialen Austausch in den Blick zu nehmen und dabei nicht nur die Sichtweise Anderer, sondern auch die Perspektiven Anderer wiederum auf diese Sichtweisen in Rechnung zu stellen. Ein besonders schönes Beispiel ist das des in Kneipen und Gaststätten häufig anzutreffenden Rosenverkäufers, das Sighard Neckel (1991) in Status und Scham entwickelt. Hier gelingt es Sighard eindrucksvoll, die Schamhaftigkeit der Situation für den Verkäufer herauszuarbeiten, die vor allem in dessen offenkundig niedrigem sozialem Status liegt, hinter dem die gesamte Person in dieser Verkaufssituation zurücktritt. Die potenziellen Käufer:innen verschärfen diese Schamhaftigkeit dann meist dadurch, dass sie, um der Peinlichkeit der Situation möglichst rasch zu entgehen, den Verkäufer mit Ignoranz und Missachtung strafen.

Nachdem die Angelegenheit mit dem Namensschild nun geklärt war (ich habe das »von« beibehalten), erhielt ich am nächsten Morgen eine E-Mail der IT-Abteilung mit der Frage, wie nun umzugehen sei mit meinem Namen, schließlich legten die technischen Konventionen der Universität Wien ein »vorname.nachname@univie.ac.at« fest und das »von« passe da ja irgendwie nicht rein. Und was Frau Frotzler über meine Entscheidung gedacht hat, weiß ich eigentlich bis heute nicht.

Kulturelle Besonderheiten, wie zum Beispiel das »Adelsaufhebungsgesetz«, machen das Leben deutscher Auswanderer in Österreich aber noch in anderen Bereichen interessant. Zum Beispiel im Sport, ganz besonders beim Wettkampf großer internationaler Turniere, die ein unerschöpfliches Repertoire an Gelegenheiten zu nationalstaatlicher Stereotypisierung und der Artikulation ebensolcher Zugehörigkeit bieten. So wie die Fußball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz. Viel ist über Deutsche in Österreich geschrieben und gefilmt worden, aber als Deutscher eine solche Europameisterschaft in Wien erleben zu dürfen, ist schon etwas Besonderes – auch, aber nicht nur, aus soziologischer Perspektive. Dass Deutsche gerne vorgeben, in Österreich zur Zielscheibe von Spötteleien zu werden (Stichwort: »Piefke«), ist ja weithin geläufig. Es gibt sogar empirische Befunde dazu (Köllen 2016). Und auch die Klischees und Vorurteile sind umfassend; sie reichen von liebenswerter Stichelei bis hin zur Verunglimpfung. So ist es keine Überraschung, dass man als Deutscher in Österreich die eine oder andere, meist lieb gemeinte Frotzelei über sich ergehen lässt. Das ist nichts, was alltagsbestimmend wäre, es sind eher heitere Episoden.

Beim Fußball aber, das ist hinlänglich bekannt, hört der Spaß auf. Spätestens seit der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland war es ja wieder in Mode gekommen, die Spiele eines Turniers in der Öffentlichkeit zu verfolgen und sich entsprechend auszustaffieren. Ich bin kein großer Freund von Staffage, aber, wenn man einen Sohn hat, dessen Lebensinhalt im Jahr 2008 ein Panini-Album zur EM ist, dann zieht man halt mit (Schweißband und Wimpel). Die eigene Herkunft durch Zurückhaltung oder Anpassung (bspw. den Versuch, »Baba« klangbildlich angemessen auszusprechen) zu verschleiern, ist ja in aller Regel aussichtlos und auch nicht wünschenswert, das haben wir ja bereits erörtert. Aber wenn man sich zur Europameisterschaft mit den Farben der deutschen Fußballnationalmannschaft in die Öffentlichkeit begibt, spielt man natürlich in einer anderen Liga. Dann werden Herkunft und Anhängerschaft zum bewusst gewählten und hervorstechenden Distinktionsmerkmal und ebenso Bezugspunkt von Klassifikationen.

Die Bedeutung solcher, vor allem »negativen«, Klassifikationen für das soziale Miteinander hat Sighard Neckel ausführlich in vielen seiner Arbeiten zum Thema gemacht. Auch wenn er dabei vor allem soziale Ungleichheit im Blick hat, sind seine Analysen doch auch für solche alltäglichen und wesentlich banaler anmutenden Konstellationen aufschlussreich. All die Klischees und feinen Ressentiments, die im alltäglichen Miteinander von Deutschen und Österreichern in aller Regel unausgesprochen bleiben und am ehesten noch in künstlerischen oder literarischen Kontexten, oder nach der zweiten Flasche Wein1, auf den Tisch kommen, brechen sich im Kontext des Sports offen Bahn. Anders als in Sighard Neckels Analysen sind es in diesem Zusammenhang aber weder Armut, Unterlegenheit oder die soziale Lage, die als Ursache von Stigmatisierung und Abwertung fungieren, sondern vielfach beschworene kulturelle Eigenarten wie der Mangel an Geschmack, Takt und Höflichkeit.

Im Kontext des Fußballs gesellt sich dazu freilich ein neidbesetztes Ressentiment angesichts der sportlichen Unterlegenheit.2 Und so stimmt dann auch dieses Fußball-Bonmot ganz ohne Zweifel: Österreich jubelt für jede Mannschaft, Hauptsache, Deutschland verliert. Unter den Wiener Soziologie-Expats hat dies zu einer – soziologisch vorhersehbaren – Strategie der Stigma-Umkehr geführt. Was nach außen Anlass zu Abwertung und Lächerlichmachung gibt, wird umso mehr zum Dreh- und Angelpunkt von positiver Selbstreferenzialität. Und so werden Schweißband und Wimpel rasch durch Hüte, Trikots und Schminke ergänzt. Als nach dem völligen Cordoba-Wahnsinn der Vorberichterstattung österreichischer Medien dann das letzte Spiel der Gruppe B, Deutschland-Österreich, mit 1:0 entschieden wird, kommt es aber zu einem fast völligen Rückzug aus der Öffentlichkeit in den Raum des Familiären und Privaten. Zum gemeinsamen Schauen der Spiele, meist bei Sighard in der Rechten Bahngasse, werden statt Frittatensuppe und Erdäpfelsalat nun Weißwurst und Brezeln gereicht, und selbst der Grüne Veltliner fällt kurzzeitig in Ungnade (gut, das Stiegl steht nach wie vor auf dem Tisch).

Die Soziologie weiß natürlich nur zu gut um die Besonderheiten solcher sozialen Konstellationen, die in diesem Sommer 2008 in vielerlei Hinsicht einmalig waren. Sie haben dauerhafte Beziehungen der freundschaftlichen Verbundenheit (ja, auch mit Wien!) ebenso gestiftet wie sie einen kontinuierlichen Sound soziologischer Erkenntnis hervorgebracht haben. Und so möchte ich auch nicht weiter Beschwerde führen über das Schicksal Deutscher in Österreich, sondern Sighard – und Österreich – noch einmal herzlich danken für die schöne und unvergessliche Zeit.

Literatur

Köllen, Thomas (2016): Arbeitssituation und Arbeitsklima für Deutsche in Österreich. WU Wien: Department Management, letzter Zugriff: 18.11.2020, https://epub.wu.ac.at/4967/4/Koellen_-_Deutsche_in_Oesterreich.pdf.

Neckel, Sighard (1995): Status und Scham. Zur symbolischen Reproduktion sozialer Ungleichheit. Frankfurt a. M.: Campus.

Röttger-Rössler, Birgitt (2005): »Gespräche nach der zweiten Flasche …«, in: ZiF-Mitteilungen 1, S. 1–6.

Einer von uns. Sighard Neckel und das Feuilleton

Harry Nutt

»Schuld ist das Gefühl, durch eigenes Handeln die Verletzung einer Norm verantwortet zu haben«, heißt es in Sighard Neckels Aufsatz »Achtungsverlust und Scham« aus dem Jahr 1993, »Scham jenes, in seiner Integrität beschädigt zu sein. Schuld entsteht in der Übertretung von Verboten, Scham im Verfehlen eigener Ideale«. Ohne diese Definition damals verinnerlicht zu haben, hat eine Episode aus der Redaktion der Frankfurter Rundschau bei mir gleichsam Schuld- und Schamgefühle hervorgerufen, sodass ich erst jetzt darüber berichte, Sighard Neckel in der Zeit der Jahrtausendwende einem schlimmen Verdacht ausgesetzt zu haben. Dabei hatte er nichts weiter getan, als eine Einladung zum Gespräch anzunehmen.

Sighard Neckel hatte im Juni 2000 spontan zugesagt, für ein Zeitungsgespräch bereitzustehen, in dem es um die erste Staffel der Reality-Show »Big Brother« gehen sollte. Es war eine launig-inspirierende Zusammenkunft, die in der Redaktion der Frankfurter Rundschau und deren linkskonservativem Umfeld allerdings nachhaltig fortwirkende Irritationen auslöste. Der Verdacht, den Sighard Neckel traf, bestand in etwa darin, eine Art Vordenker einer neoliberalen Spaßgesellschaft zu sein. Wie hatte es dazu nur kommen können?

Sighard Neckel und ich waren einander erstmals zu Beginn der 1990er-Jahre begegnet. Wenn ich mich nicht täusche, hatte uns der Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift »Der Alltag«, Michael Rutschky, im Anschluss an den Habilitationsvortrag des Kollegen Heinz Bude miteinander bekanntgemacht. »Sie sind der nächste«, hatte Rutschky gesagt und damit auf den aus seiner Sicht klar vorgezeichneten Verlauf der akademischen Karriere Neckels angespielt. Rutschky, der sich fortan wenig um die Universität als Ort gesellschaftlicher Beobachtung scherte, hatte den wissenschaftlichen Nachwuchs sehr genau im Blick, und sei es auch nur, um Mitstreiter für sein offenes Zeitschriftenprojekt zu rekrutieren.

Sighard Neckel winkte bescheiden ab, aber sein soziologisches Programm war zu dieser Zeit bereits klar konturiert. Bei meiner Recherche für diesen Beitrag zur Festschrift wurde ich selbst davon überrascht, dass ich mit Neckels Texten bereits vertraut schien, ehe Rutschky uns einander vorstellte. Meine Rezension zum Essayband Die Macht der Unterscheidung war am 21. Juni 1993 in der taz erschienen, gut drei Jahre bevor ich dort als Redakteur im Kulturressort anheuern durfte und später gelegentlich auch Sighard Neckel als Autor und Interviewpartner für die taz gewann. Getreu der weit gefassten Regeln der Rutschky-Schule, der ich mich stolz zugehörig fühlte, interessierte ich mich weniger für wissenschaftliche Kohärenz, sondern für stilistische Vielfalt und die Überraschungen des essayistischen Einfalls.

Damals las sich das so: »Sighard Neckel rückt dem sozialen Design der Erlebnisgesellschaft mit psychologischer Aufmerksamkeit und soziologischer Beobachtungsgabe zu Leibe und malt so ein eindringliches Portrait deutscher Zustände«, urteilte ich in der taz-Besprechung etwas arg belehrend zu dem in der Reihe Zeitschriften des Fischer-Verlages erschienenen Bandes. »Wo die neue staatliche Einheit vorher getrennte Gruppen von Menschen zu einer Nation verbindet, bietet die Hervorhebung der eigenen Differenz die Chance, im sozialen Austausch die eigene Macht zu erhöhen. Positionskämpfe pflegen immer dann an Schärfe zu gewinnen, wenn die Verteilung von Rängen neu ausgehandelt wird«, zitierte ich Neckel, um dann in eigenen Worten fortzufahren: »Es geht also nicht nur um einen Verteilungskampf im ökonomischen Bereich, sondern auch um einen auf den Märkten des Bildungs- sowie des symbolischen Kapitals. Neckel beherrscht die gefällige essayistisch-journalistische Schreibweise ebenso wie die wissenschaftliche Prägnanz. An der Soziologie Pierre Bourdieus geschult, arbeitet er an einer psychologisch-existentialistischen Theorie der Scham.« Er war also, so lese ich meine Belobigung heute, einer von uns.

Das darf natürlich nicht als gönnerhafte Anerkennung missverstanden werden. Tatsächlich habe ich Sighard Neckels wissenschaftliche Arbeit immer als Orientierung für mein journalistisches Tun aufgefasst, für das Soziologie stets eine Art Leitmedium war, aus dem ich Anregungen bezog für spielerische Abschweifungen und notwendige Ergänzungen, allein schon deshalb, um nicht in narzisstischer Selbstbezüglichkeit zu verharren. Autorreferenzen des akademischen Betriebs, zu denen ich immer wieder zurückkehre und zu denen ich im Verlauf der Jahrzehnte regelmäßige oder sporadische Arbeitsbeziehungen unterhalten habe, sind neben Sighard Neckel die geschätzten Kollegen Heinz Bude, Dirk Baecker, Peter Fuchs, Norbert Bolz, Claus Leggewie, Martin Seel, Angela Keppler, Hannelore Schlaffer, Katharina Rutschky, Karin Wieland, Herfried Münkler, Axel Honneth, Micha Brumlik und Ulrich Bröckling. So unterschiedlich deren wissenschaftliche Ansätze auch sein mögen, habe ich doch immer deren Bereitschaft zu schätzen gewusst, ungeschützt und direkt zu aktuellen Geschehnissen in der Tageszeitung Stellung zu beziehen.

Ganz in diesem Sinne war es denn für mich auch keine Frage, Sighard Neckel in die notwendig gewordene Deutung eines neuen TV-Trash-Formats einzubeziehen, das im Sommer des Jahres 2000 das Licht der Welt erblickte.

Die öffentliche Empörung ging der tatsächlichen Übertragung der Fernsehshow »Big Brother« voraus. Die durch George Orwells Dystopie 1984 berühmt gewordene metaphorische Phantomfigur des Großen Bruders als verharmlosende Personifizierung des Überwachungsstaates hatte bei kritischen Medienbeobachtern schlimmste Befürchtungen geweckt. Was Michael Rutschky wenig später ohne euphemistische Umschweife als Unterschichtenfernsehen kennzeichnete, schien in Gestalt des Formats »Big Brother« als Alptraum der aufgeklärten Vernunft auf Dauersendung zu gehen.

Ich war einige Monate zuvor von der taz-Kultur, wie die Abteilung dort unprätentiös genannt wurde, als Ressortleiter Feuilleton zur Frankfurter Rundschau gewechselt, wo kritische frankfurterische Standards über viele Jahre vor allem von dem Literatur- und Filmkritiker Wolfram Schütte, aber auch Peter Iden (Kunst und Theater) und Hans-Klaus Jungheinrich (klassische Musik) gehütet worden waren. Wichtige Frankfurter Rundschau-Autoren etwa waren Karsten Witte und Lothar Baier. Als vergleichsweise junger und weitgehend unmusischer Kulturjournalist, der von der taz und schlimmer noch: aus Berlin kam, vermochte ich mich schon habituell nicht recht in die sorgsam austarierte Frankfurter Gesellschaft einzufügen, in der Theater und Oper, aber eben auch die FAZ, Suhrkamp-Verlag und das Institut für Sozialforschung eine Ehrfurcht einflößende geistige Dominanz auszuüben schienen, auch wenn diese Form des symbolischen Kapitals nurmehr behauptet und nicht mehr recht wirksam zu sein schien.

Für einen wie mich jedenfalls, der dem trivialen Fernsehen immer eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt hatte, war der Start des TV-Formats »Big Brother« ein feuilletonistisches Hochamt. Zur Auftaktsendung hatten wir, zumindest aus heutiger Sicht, einen echten Coup gelandet. Mein Kollege, der Filmkritiker Peter Körte, hatte Christoph Schlingensief dafür gewinnen können, den Einmarsch der Teilnehmer zur ersten »Big-Brother«-Sendung zu beobachten und für unser Feuilleton zu rezensieren. Schlingensief machte einen guten Job, und ich denke mit Hochachtung und einer gewissen Rührung daran, wie genau er das darstellerische Potenzial der Big-Brother-Akteure Zlatko, Jürgen, Kerstin und Co. bereits nach wenigen Minuten erfasst und ausgedeutet hatte. In diesem Sinne war auch der vor zehn Jahren gestorbene Christoph Schlingensief einer von uns.

»Big Brother« war schon ein paar Tage auf Sendung und die medienkritische Begleitung lief auf Hochtouren, als wir uns in der Frankfurter Rundschau entschlossen, ein ernstes, vertiefendes Gespräch über die Sendung zu initiieren. Die Auswahl unserer Gäste kam bereits einer Festlegung der Tonlage gleich. Neben Sighard Neckel luden wir den taz-Autor Detlef Kuhlbrodt hinzu, um mit Peter Körte und mir ein soziologisch distanziertes Werkstattgespräch zu führen. Kuhlbrodt und Neckel entpuppten sich als genau hinschauende Fans des Formats, kein Detail schien ihnen entgangen zu sein. Das Nebensächliche war das Bedeutende.

Ein bisschen Kerstin ist in jedem von uns

Und die Frankfurter Rundschau? Im Verlauf der bald danach einsetzenden ökonomischen Krise der Zeitungen ging auch für das ehrwürdige Blatt mehr verloren als ein paar kulturtheoretische Grundsätze. In der Signatur meiner Email steht heute Teamleiter Kultur der Berliner Zeitung, aber bis heute schreibe ich für das mehrfach veräußerte Blatt Frankfurter Rundschau: Das letzte Gespräch mit Sighard Neckel, das sowohl in der Frankfurter Rundschau als auch der Berliner Zeitung erschien, führte ich im Mai 2020 über die sozialen und ökonomischen Folgen der Coronakrise. Für eine über 25 Jahre währende Zusammenarbeit, die ich gerade auch wegen manch eines informellen Gesprächs als wichtigen Eckpfeiler meiner journalistischen Tätigkeit betrachte, bin ich Sighard Neckel von ganzem Herzen dankbar.