Aus dem Amerikanischen von Susanne Picard

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe The Persian Gamble

erschien 2019 im Verlag Tyndale House Publishers.

Copyright © 2019 by Joel C. Rosenberg

Copyright © dieser Ausgabe 2021 by Festa Verlag, Leipzig

Titelbild: Arndt Drechsler-Zakrzewski

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-956-5

www.Festa-Verlag.de

www.Festa-Action.de

Dem edlen, unterdrückten persischen Volk,

das seit vier Jahrzehnten unter einer grausamen

und blutrünstigen Tyrannei leidet –

auf dass du bald die süße Luft

der Freiheit atmen mögest.

Personen der Handlung

Amerikaner

Marcus Ryker – Ehemaliger U. S. Secret-Service-Agent, ehemaliger US-Marine

Jennifer Morris – CIA-Chefin, Büro Moskau

Nick Vinetti – Stellvertretender Botschafter, US-Botschaft Moskau, und ehemaliger US-Marine

William McDermott – Stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater; ehemaliger US-Marine

Andrew Clarke – Präsident der Vereinigten Staaten

Robert Dayton – US-Senator der Demokratischen Partei aus Iowa, Mitglied des Geheimdienstausschusses des Senats

Peter Hwang – Referent Senator Daytons und ehemaliger US-Marine

Annie Stewart – Außenpolitische Beraterin Senator Daytons

Cal Foster – US-Verteidigungsminister

Richard Stephens – Direktor der CIA

Martha Dell – Stellvertretende Direktorin der CIA

Barry Evans – Nationaler Sicherheitsberater der USA

Tyler Reed – Botschafter der USA in Moskau

Carter Emerson – Pastor der Lincoln Baptist Church in Washington, D. C.

Marjorie Ryker – Marcus’ Mutter

Curt Berenger – Kommandant von SEAL Team 6

Héctor Sanchez – Leiter von Team Blau, SEAL Team 6

Donny Callaghan – Leiter von Team Rot, SEAL Team 6

Russen

Oleg Stefanowitsch Kraskin – Oberster Referent und Schwiegersohn des verstorbenen Präsidenten Luganow

Mikhail Borisowitsch Petrowski – Verteidigungsminister

Maxim Grigarin – Premierminister

Boris Sacharow – Ehemaliger Stabschef Präsident Luganows

Boris Jamirew – Stellvertretender Verteidigungsminister

Nikolai Kropatkin – Stellvertretender Direktor des FSB, des russischen Inlandsgeheimdienstes

Marina Kraskin – Olegs Frau und Luganows Tochter

Iraner

Alireza Al-Zanjani – Stellvertretender Kommandant der Iranischen Revolutionsgarde

Großajatollah Hossein Ansari – Oberster Führer des Iran

Yadollah Afshar – Präsident der Islamischen Republik Iran

Mahmud Entezam – Kommandant der Iranischen Revolutionsgarde

Haydar Abbasi – Direktor des iranischen Raketenforschungsprogramms

Nordkoreaner

Hyong Ja Park – Geliebter Führer Nordkoreas

Yun Yong-Jin – Stellvertretender Chef des Militärgeheimdienstes

Andere

Reuven Eitan – Premierminister Israels

Asher Gilad – Direktor des Mossad

Abdulaziz bin Faisal – Verteidigungsminister und Thronerbe Saudi-Arabiens

Abdullah bin Rashid – Vorsitzender des saudischen Geheimdienstdirektorats

Khalid bin Ibrahim – Geheimdienstchef der Vereinigten Arabischen Emirate

Mohammed Yakub – Pakistanischer Nuklearphysiker

TEIL EINS

1

Irgendwo über dem Nordwesten Russlands

29. September

90 Minuten nach dem Attentat auf den russischen Präsidenten

Komm nicht um und lande nicht im Gefängnis.

Marcus Ryker fiel wirbelnd durch eiskalte Finsternis, während ihm diese Worte aus seiner Kindheit durch den Kopf schossen.

Seit er ein Teenager geworden war, hatte seine Mutter ihm diese Worte öfter zugerufen, als er zählen konnte. Jedes Mal bevor er zur Schule gegangen war. Jedes Mal wenn er mit Freunden losgezogen war. Jedes Mal wenn er sich das Auto geschnappt, wenn er einen Viertausender in Angriff genommen hatte oder auf Wildwasserfahrt gegangen war. Marjorie Ryker kannte ihren einzigen Sohn gut. Marcus war nicht einfach nur ein Mann, der das Abenteuer liebte und immer an Grenzen ging, wo es nur möglich war. Er war ein Adrenalinjunkie und sie fürchtete ehrlich, und wahrscheinlich oft zu Recht, dass auch der kleinste Fehltritt für ihren Sohn in einer Katastrophe enden könnte.

Nun, mit beinahe 40, befand Marcus sich also im freien Fall durch eine dichte Wolkendecke irgendwo über dem Nordwesten Russlands. Er konnte nichts sehen. Nicht den Mond und nicht die Sterne. Nicht die blinkenden Lichter einer Stadt oder eines Dorfs oder Weilers unter ihm. Er konnte keinen Laut hören, abgesehen vielleicht von dem Zischen des Sauerstoffs, der in seinen Helm flutete. Er konnte das Rauschen der Luft nicht hören, die mit über 200 km/h an ihm vorbeipeitschte. Er konnte nicht einmal das Brüllen der Düsen hören, mit denen sechs MiG-Kampfjets aus verschiedenen Richtungen mit doppelter Schallgeschwindigkeit auf ihn zurasten.

Nur wenige Sekunden zuvor hatte Marcus sich mit zweien seiner Kollegen aus der Seitenluke einer Gulfstream IV gestürzt, die in einer Höhe von 5500 Metern dahinflog. Jetzt näherten sie sich rasch der 3000-Meter-Marke. Aber sie waren vor dem Sprung weit von ihrem ursprünglichen Kurs abgewichen. Was nun tatsächlich unter ihnen lag, Wasser oder Land, konnte er bestenfalls raten.

Links von ihnen befand sich der Finnische Meerbusen, zu ihrer Rechten – sehr weit rechts, wie Marcus befürchtete – lag der Ladogasee. Trafen sie, bei diesem für diese Jahreszeit ungewöhnlich frühen und heftigen Schneesturm, eines der beiden Gewässer, war ihr Schicksal besiegelt. Sie würden innerhalb von Minuten erfrieren. Doch wenn seine Berechnungen stimmten, dann sollten sie – und das war wahrscheinlicher – auf einem Streifen Land herunterkommen, der als die Karelische Landenge bekannt war. Damit würden sie noch auf russischem Territorium aufkommen und sich der ernsten Gefahr aussetzen, verfolgt und auch festgenommen zu werden. Marcus wäre lieber gestorben als das geschehen zu lassen. Aber vielleicht landeten sie auch nahe der finnischen Grenze und hätten damit die Chance, sich in Sicherheit zu bringen.

In der Dunkelheit des frühen Morgens zwang Marcus sich nun, die Worte seiner Mutter aus seinen Gedanken zu verbannen und im Geiste noch einmal die Ausrüstung durchzugehen, um die er die CIA gebeten hatte und die vor ihrer Flucht ins Flugzeug geschafft worden war. Ihr Überleben hing nun von dieser Ausrüstung ab, denn mehr hatten sie nicht. Da waren ein Scharfschützengewehr, ein AK-47 und zwei Pistolen, allesamt russischer Herstellung. Eine Schachtel mit Munition, obwohl die sicher nur ausreichte, um ein paar kleinere Scharmützel mit dem russischen Militär auszufechten. Sie hatten ein handliches GPS-Gerät und ein Satellitentelefon. Ebenso gab es ein Allwetterzelt, ein Beil, ein Jagdmesser, Seile, drei Wasserflaschen, medizinische Notfallkits und …

Eine massive Explosion brach über ihnen los. Die Infrarot-Raketen hatten endlich ihr Ziel gefunden. Der dunkle Himmel war mit einem Mal von einem blendend hellen Feuerball von gleißendem Orange und Rot ausgefüllt. Innerhalb von Sekundenbruchteilen würden halb geschmolzene Metallteile, Reste des 40 Millionen Dollar teuren Businessjets, um sie herum herabregnen, und das eisige Land sauste ihnen entgegen.

Marcus breitete die Arme zu einer Adlerposition aus und wischte dabei die Eiskristalle fort, die sich auf dem Höhenmesser an seinem Handgelenk gebildet hatten.

1800 Meter. 1500 Meter. 1200. 900.

Wäre er allein gewesen, hätte er erst im letzten Augenblick die Reißleine gezogen und so das Risiko minimiert, entdeckt zu werden. Aber Marcus hatte solche HALO-Sprünge während seiner Zeit bei den Marines trainiert, der 46 Jahre alte Russe an seiner Seite nicht.

Oleg Kraskin, Code-Name »Rabe«, hatte in der Roten Armee gedient. Er hatte das Basistraining durchlaufen, aber dann als Beamter im Büro der Militäranwälte gearbeitet. Er hatte in seinem ganzen Leben noch keinen Fallschirmsprung absolviert oder je auch nur daran gedacht, das zu tun. Marcus hatte den Schrecken im Blick des Mannes gesehen, als man ihm den Fluchtplan auseinandergesetzt hatte. Aber es gab keine andere Möglichkeit. Sie brauchten den Raben lebend, also war diese Entscheidung nicht schwergefallen. Es war wohl besser, wenn sie die Reißleinen jetzt zogen, als es noch länger hinauszuschieben und so an einem völlig anderen Punkt zu landen als geplant. Einem Punkt, der sich am Ende noch als tödlich erweisen mochte.

Als sie die Wolkendecke in der Höhe von rund 700 Metern durchbrachen, entdeckte Marcus seinen russischen Sprungkameraden etwa 30 Meter rechts von sich und gab ihm das Signal, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war.

Er bekam keine Antwort.

Wieder ruderte Marcus mit den Armen, um Oleg auf sich aufmerksam zu machen, doch wieder reagierte der nicht. Er öffnete auch nicht seinen Schirm.

Da stimmte etwas nicht. Marcus hatte Oleg die wenigen wirklich notwendigen Dinge eingebläut, die man sich merken musste, um einen Sprung zu überleben. Warum reagierte der Russe nicht?

Sie fielen jetzt unter die 500-Meter-Marke. Wieder versuchte Marcus, die Aufmerksamkeit des Russen auf sich zu ziehen, doch vergeblich. Jetzt hatte er nur noch Sekunden, um etwas zu unternehmen. Sein Puls beschleunigte sich rapide, ein gewaltiger Adrenalinrausch erfasste ihn. Er presste die Arme an die Seiten, schloss die Beine und verlagerte sein Gewicht nach rechts. Damit schnellte er durch den Schneesturm auf Oleg zu. Es war ein Verlegenheitsmanöver, das noch dadurch erschwert wurde, dass Marcus in seinem Tandemanzug die verwundete Jenny Morris mit sich herumschleppte, die immer wieder das Bewusstsein verlor und damit jede seiner Bewegungen anstrengender machte.

Nur einen Augenblick später prallte Marcus seitlich auf Oleg. Immer noch keine Reaktion. Der Rabe war bewusstlos. Marcus zwang sich zur Ruhe. In seiner Anfangszeit als Marine, in der Sprungschule auf Parris Island, hatte er geübt, wie man einem Sprungkollegen in Not zu Hilfe kam. Davon, das während eines Tandemsprungs zu tun, war allerdings nie die Rede gewesen. Marcus hatte keine Ahnung, ob sein Schirm, der für das Gewicht zweier Menschen gemacht war, auch den Sturz eines dritten genügend abbremsen konnte, ohne dass sie sich alle den Hals brachen. Aber er wusste, sie hatten keine andere Wahl, also klappte er seine Nachtsichtbrille herunter und machte sich ans Werk.

Jetzt stand auch fest, dass sie auf alle Fälle an Land zu Boden gehen und nicht im Wasser landen würden. Dennoch, unter ihnen befand sich tief verschneiter Nadelwald. Weiter links konnte Marcus eine lichtere Stelle im Wald ausmachen. Wenn er jetzt sofort seinen Schirm öffnete, konnte er diese Stelle erreichen. Aber wenn er zuerst Olegs Reißleine betätigte, dann hatte er keine Möglichkeit, den Russen zu steuern. Oleg konnte sich nur zu leicht in den 20, 25 Meter hohen Bäumen verfangen und würde damit für Marcus, war der erst selbst gelandet, unerreichbar sein. Oder Oleg wurde schlicht und ergreifend von einer der gewaltigen Tannen aufgespießt.

Sie waren schon beinahe auf 300 Meter. Marcus versuchte, durch den dichten Schneefall, der ihm beinahe vollkommen die Sicht nahm, hindurchzumanövrieren, packte Olegs Geschirr mit behandschuhten Fingern und riss den Mann an sich. Dann griff er mit der anderen Hand, die ebenfalls in einem dicken Handschuh steckte, in seine Weste, zog einen Karabiner heraus und hakte Oleg an sein eigenes Geschirr.

250 Meter.

200 Meter.

Jetzt oder nie. Er packte Olegs Hand so fest er konnte und zog an seiner eigenen Reißleine. Sein Schirm öffnete sich auf der Stelle. Der metallene Haken, der beide Männer miteinander verband, straffte sich, hielt aber, also versuchte Marcus verzweifelt, sie alle drei aus der Gefahrenzone auf das lichtere Waldstück zuzusteuern, das er entdeckt hatte.

Aber sie schafften es nicht.

2

Drei Monate zuvor

Griechenland, Athen

16. Juli

75 Tage vor der Ermordung des russischen Präsidenten

»Sie hören mir nicht zu. Ich werde morgen heimfliegen. Ich habe alles getan, worum Sie mich gebeten hatten. Aber ich werde die Hochzeit meiner Tochter nicht verpassen. Basta. Ende der Diskussion.«

Der 65 Jahre alte Physiker stand mitten in der Ecksuite auf dem dritten Stockwerk des Electra Palace Hotels. Er war umgeben von einer ganzen Batterie von Bildschirmen, Aufnahmegeräten, kabellosen Receivern und kilometerlangen Kabeln, die man mit Isoband auf den flauschigen Teppich geklebt hatte. Außerdem war er umzingelt von neun Männern, die samt und sonders mit automatischen Schusswaffen ausgerüstet waren und ihn alle miteinander anstarrten.

Seine eigenen Augen waren blutunterlaufen, sein Nervenkostüm hing in Fetzen. Aber seine Stimme klang, obwohl er seit Monaten sein Labor und damit die einzig verbliebene Liebe seines Lebens nicht gesehen hatte, fest entschlossen.

Was er sagte, entsprach der Wahrheit. Dr. Mohammed Yakub, einer der wichtigsten Akteure im pakistanischen Atomwaffenprogramm, ein Protegé von Abdul Kadir Khan, den er als den »Vater der sunnitischen Bombe« geradezu als Helden verehrte, hatte alles getan, was man von ihm verlangt hatte. Genau genommen hatte er sogar etwas mehr getan.

Er bekam für seine Bemühungen ein kleines Vermögen bezahlt. Das Geld war ordentlich auf nicht nachverfolgbaren Schweizer Nummernkonten gelagert. Aber Yakub machte sich nichts aus Geld. Er arbeitete seit seinem Universitätsabschluss jeden Tag 18 bis 20 Stunden, und das nur aufgrund seiner Liebe zur Wissenschaft und einer ebenso tiefen Liebe zu seinem Land. Er hatte Khan geholfen, ein Atomwaffenarsenal anzulegen, um Pakistan vor Indien, vor China, den Russen, den Amerikanern und überhaupt vor jedem zu schützen, der Pakistan übervorteilen oder sogar dessen Existenz bedrohen mochte.

Mittlerweile allerdings war er Witwer, und das noch gar nicht lange. Er war trauernder Vater eines Einzelkinds, einer atemberaubend schönen jungen Frau, die eigentlich kein Kind mehr war, die allerdings ihren Vater an ihrer Seite brauchte – und was viel wichtiger war, dort auch haben wollte.

Yakub war an seine Grenzen gestoßen. Er hatte in den Verhandlungen bislang keine gravierenden Fehler gemacht, aber je erschöpfter er war, desto beunruhigter wurde er auch, denn desto mehr wuchs das Risiko, dass er sich nicht mehr ausreichend konzentrieren konnte. Dann würde er nicht mehr einfach nur einen Fehler machen, sondern einen tödlichen obendrein.

»Mohammed, Mohammed«, erwiderte der dunkle Mann, der in einer Ecke saß und ein abhörsicheres Satellitentelefon in der Hand hielt. »Sie sollten tief durchatmen und mir vertrauen. Ich höre Ihnen durchaus zu, ich höre jede Silbe und ich gebe Ihnen mein Wort: Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um sicherzustellen, dass Sie an der Hochzeit Ihrer Tochter teilnehmen können. Ich habe sogar schon auf sechs verschiedenen Flügen innerhalb der nächsten 48 Stunden Plätze für Sie reserviert, alle in der ersten Klasse. Jeder davon wird Sie rechtzeitig ans Ziel bringen. Also glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen wird.«

Langsam verschwand Yakubs Ärger und wurde von einem tiefen Gefühl der Traurigkeit ersetzt. Seine Schultern sackten herab, seine Augen wurden feucht. »Sie ist doch alles, was ich noch habe«, murmelte er und starrte auf seine Schuhspitzen hinab.

Der dunkle Mann stand auf und kam zu ihm in die Mitte des Raums. »Ich weiß, Mohammed, und mein herzliches Beileid zu Ihrem Verlust. Ihre Gattin war eine bemerkenswerte Frau. Wir alle können froh sein, sie kennengelernt zu haben, wie kurz das auch immer gewesen sein mag.«

»37 Jahre«, erklärte Yakub. Er schüttelte den Kopf und holte ein Taschentuch aus seiner Hose, um sich die Augen abzutupfen. »Dann wacht man eines Tages auf und sie nicht. Man macht so viele Pläne für die Zeit nach der Rente, für das gemeinsame Leben, wenn das Kind erwachsen und man wieder nur zu zweit ist. Und dann, innerhalb eines einzigen, unaussprechlichen Augenblicks …«

Seine Stimme war gegen Ende der Worte nur noch ein Flüstern und verebbte dann ganz. In der Suite wurde es still.

»Meine Tochter braucht mich«, stellte Yakub schließlich fest, steckte das Taschentuch weg und straffte sich.

»Und morgen um diese Zeit sind Sie wieder in Islamabad«, versicherte ihm der Kommandant der anwesenden Einheit. Er war ungefähr halb so alt wie Yakub. »Dann sind Sie wieder in dieser wunderschönen Villa, die Sie Ihr Eigen nennen, bewirten Ihre Schwiegerfamilie und werden an all das hier … keinen Gedanken mehr verschwenden.«

Doch der Mann mit den drei Doktortiteln konnte die Sache noch nicht ruhen lassen. »Was, wenn er neue Forderungen an mich stellt?« Yakub hob den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen. »Was, wenn er anfängt, die Änderungen, auf die wir uns verständigt hatten, anzuzweifeln?«

»Das wird er nicht.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Weil er das hier mehr will, als Sie es wollen, Mohammed, und seine Vorgesetzten es noch mehr wollen als er«, erklärte der Kommandant, trat noch einen Schritt auf ihn zu und packte den Physiker an den Schultern. »Vertrauen Sie mir, Sir. Heute Abend werden Sie beide diesen Deal feiern, sich die Hände schütteln und Sie werden ihm die Kontonummern der Banken geben. Er wird Ihnen das Geld überweisen, und das war’s. Das geht alles ganz fix. Dann haben Sie Ihre Rolle gespielt und meine Männer bringen Sie in Windeseile zum Flughafen.«

»Und Sie sind sich ganz sicher?«

»Absolut.«

»Heute Abend?«

»Ganz zweifellos.«

Der Pakistani war immer noch nicht hundertprozentig überzeugt. »Aber Sie haben doch noch fünf andere Flüge reserviert«, wandte er ein.

»Nur für alle Fälle«, versicherte ihm der Kommandant.

Für welchen Fall …?, fragte sich Yakub, doch er sagte nichts weiter.

Alireza Al-Zanjani zündete sich eine frische Zigarette an.

Er war in einen vorzüglich geschneiderten Pariser Anzug gekleidet und hatte das jetschwarze Haar mit einem Hauch Gel zurückgekämmt. Nun starrte er für ein paar Sekunden in die Flamme des Streichholzes, bevor er sie zwischen Daumen und Zeigefinger löschte. Er warf einen Blick auf seine Rolex, lehnte sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen. Es war beinahe ein Uhr morgens. Aber es gab keinen Anlass zur Sorge, sagte er sich. Sein Gast würde pünktlich kommen und dann wäre schon bald alles vorüber.

Auch wenn er Athen noch nie besucht hatte, ließ er den Blick nicht über die glitzernden Lichter der Stadt schweifen, die sich jenseits der Dachterrasse ausbreiteten. Die Dachterrasse befand sich auf dem fünften Stock des Electra Palace Hotels und gehörte zu einem Restaurant. Der umwerfende Ausblick auf die Akropolis allerdings, den sie bot, interessierte Al-Zanjani nicht im Geringsten. Die Sterne blinkten am Himmel, die Luft war lau, aber er verschwendete keinen Gedanken an den Parthenon, der zum Greifen nahe im sommerlichen Mondlicht glänzte. Der Tempel der jungfräulichen Athene, der etwa 500 Jahre vor Christi Geburt gebaut worden war, barg keinerlei Faszination für ihn.

Al-Zanjani war kein Tourist und nicht der Aussicht wegen hier. Er war der frischgebackene stellvertretende Kommandant des Iranischen Revolutionsgardekorps und hergekommen, um zu beenden, wozu sein Vorgänger nicht in der Lage gewesen war.

»Sir«, wisperte ihm jetzt einer seiner Leibwächter zu. »Er kommt.«

Al-Zanjani öffnete die Augen, zog noch einmal an seiner Zigarette und stand auf. Dann hob er gerade rechtzeitig den Blick, um den zierlichen Pakistani aus dem Aufzug treten zu sehen. Er war drahtiger Statur und legte wohl generell auf sein Auftreten kaum einen Wert. Der Mann wurde von vier Revolutionsgardisten in Empfang genommen. Sie alle trugen Anzüge, die bei Weitem nicht so teuer waren wie der ihres Vorgesetzten. Sie baten Yakub, ihnen einen Ausweis zu zeigen, forderten ihn auf, ihnen sein Handy zu geben, und tasteten ihn nach Waffen ab.

Zufrieden nickte der Teamleiter und sagte auf Farsi: »Er ist sauber.«

Endlich, dachte Al-Zanjani. Er hatte viel mühselige Arbeit und ermüdende Vorbereitungen in diesen Augenblick gesteckt. Seine Vorgesetzten in Teheran hatten ihm grünes Licht gegeben. Die Zeit des Redens war vorbei.

Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, Geschäfte zu machen.

3

»Willkommen, mein Freund«, sagte Al-Zanjani. Sein Englisch hatte einen schweren Akzent.

Sein Lächeln jedoch war breit und die Arme noch breiter. »Kommen Sie, leisten Sie mir hier bei dieser Aussicht Gesellschaft.«

Er ließ Dr. Mohammed Yakub nicht aus den Augen, während dieser das Restaurant durchquerte. Heute Abend waren keine Gäste hier, nur ein etwas ältlicher Manager und ein einzelner Kellner. Beide standen an der Seite, stumm, aber jederzeit bereit, ihnen alle Wünsche zu erfüllen. Die einzigen anderen Männer auf der großen Terrasse waren Al-Zanjanis Sicherheitsleute, die nun an den beiden Treppenaufgängen, der Tür zur Küche und den Aufzügen Stellung bezogen.

Als Yakub sich näherte, wurde sich Al-Zanjani, wie damals bei ihrer ersten Begegnung vor ein paar Monaten, wieder der rund zehn Zentimeter langen Narbe bewusst, die auf seiner rechten Wange zu sehen war und nur halb von einem dichten Bart verdeckt wurde. Die Narbe verursachte dem Iraner kein körperliches Unbehagen mehr, trotzdem fiel ihm immer noch der Effekt auf, den sie auf andere hatte.

Als der pakistanische Wissenschaftler den runden Tisch erreichte, der auf einem frisch gestärkten, weißen Tischtuch für zwei gedeckt war, bemerkte Al-Zanjani, dass das Lächeln seines Gegenübers gezwungen wirkte. Er und Yakub umarmten und küssten sich gegenseitig auf beide Wangen.

»Assalamu aleikum«, sagte der Iraner und bedeutete seinem Gast mit einer Geste, doch Platz zu nehmen.

»Wa-aleikum assalam«, erwiderte Yakub und legte dabei die Hand auf sein Herz. Erst dann nahm er auf dem angebotenen Stuhl Platz.

Al-Zanjani verschwendete keine Zeit mit Small Talk. »Seien wir ehrlich, mein Freund. Es gibt nur zwei Arten, auf die eine Nation sich Atomwaffen beschaffen kann«, sagte er so leise, dass er beinahe flüsterte. »Sie selbst zu bauen oder sie zu kaufen.«

»Nun, vielleicht sind es drei Wege«, erwiderte Yakub ebenso leise. »Man könnte sie auch stehlen.«

Die Antwort sollte zweifellos ein Scherz sein, aber weder lachte Al-Zanjani noch lächelte er. Er war generell kein heiterer Mensch und das war nun alles andere als eine Nacht, um Scherze zu machen. Er ignorierte die Bemerkung und fuhr fort. »Die westlichen Kräfte haben uns ein sehr großzügiges Angebot gemacht, damit wir keine Atomwaffen produzieren«, erklärte er zunehmend ungeduldig, denn es war spät. »Doch erstaunlicherweise haben sie bisher nicht darauf bestanden, dass wir Abstand von einem entsprechenden Kauf nehmen. Sie haben uns Devisen von insgesamt rund 150 Milliarden bezahlt, und wofür? Um uns die Garantie abzukaufen, dass wir für ein Jahrzehnt kein Uran mehr anreichern. Um uns das Versprechen abzuringen, keine Atomsprengköpfe mehr herzustellen. Warum hätten wir da ablehnen sollen? Das Ganze war ohnehin eine Farce. Wir wurden nicht einmal gebeten … Wie sagt man? … zu unterschreiben.«

»Also haben Sie das Geld genommen und sind damit zu mir gekommen«, stellte der Pakistani fest und rückte seine Brille zurecht.

»Natürlich haben wir das Geld genommen. Wir sind doch keine Narren, Mohammed«, gab der Iraner zurück und zog erneut an seiner Zigarette. »Doch wenn ich mich recht erinnere, sind Sie zu uns gekommen.«

»Nun, das stimmt. Das bin ich.«

»Meine Frage lautet daher: Warum erweisen Sie sich meinem Volk gegenüber als derart großzügig?«

Die unbehagliche Stille, die folgte, dauerte eine Weile.

»Sagen wir einfach, ich betrachtete es als eine Gelegenheit«, antwortete der Pakistani schließlich. »Schauen Sie, ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich schon bald in Rente gehen werde. Mein Mentor Dr. Khan hat die Lorbeeren für unsere Arbeit eingeheimst, und das zu Recht. Ich bin nicht auf Ruhm aus. Ich lege keinen Wert darauf, ausgezeichnet zu werden, oder auch nur darauf, dass man sich an mich erinnert. Aber nach allem, was ich für mein Land getan habe, habe ich es verdient, angenehm zu leben und auch meiner Tochter und ihrem Mann ein behagliches Leben zu bieten. Mit der Rente, die einem Regierungsangestellten in Pakistan gezahlt wird, ist das nicht möglich. Also habe ich um mehr gebeten. Khan hat abgelehnt. Ich wandte mich an seine Vorgesetzten, doch immer wieder wurde mir gesagt, dass ich doch ordentlich bezahlt würde und dass ich mich mit dem zufriedengeben müsste, was ich habe. Nun … ich bin aber nicht zufrieden. Das können Sie doch verstehen, oder nicht?«

»Allerdings«, bestätigte Al-Zanjani.

»Natürlich können Sie das. Sie sind sicherlich viel jünger als ich. Aber Sie sind auch ein Ehemann. Außerdem sind Sie Vater und sicher auch ein loyaler Diener Ihrer Regierung. Sie versuchen gar nicht, reich zu werden, sonst hätten Sie einen anderen Beruf gewählt. Aber Sie wissen gute Kleidung zu schätzen. Sie tragen eine teure Uhr. Sie wissen die angenehmen Seiten des Lebens zu genießen. Und das ist Ihr gutes Recht.«

Der Iraner antwortete nicht.

»Aber das ist nicht alles«, fuhr Yakub fort. »Es geht nicht nur ums Geld. Ich kann einfach nicht fassen, dass bisher niemand den Zionisten Einhalt geboten hat. Niemand hat ihnen je eine Lektion erteilt oder sie auf den Platz verwiesen, der ihnen zusteht. Vielleicht können Sie das ja tun. Und wenn ich auch nur einen kleinen Teil dazu beitragen kann, dann umso besser. Also, mein Freund, genug geredet. Bringen wir’s hinter uns.«

Der Iraner nickte. »Bringen wir’s hinter uns.«

»Wenn Sie so weit sind, das Geld zu überweisen, dann sind meine Kollegen und ich bereit, Ihnen die Ware sofort zu übergeben.«

»Das Geld ist bereit.«

»Sehr gut«, erwiderte Yakub und holte ein zusammengefaltetes Stück Papier aus der Tasche. Er reichte es Al-Zanjani. »Das sind die Bankdetails«, erklärte er. »Es steht alles darauf.«

»In Ordnung«, sagte Al-Zanjani und ließ den Zettel in seine Brusttasche gleiten, ohne ihn zu lesen. »Und doch haben meine Vorgesetzten Bedenken.«

Yakub war verwirrt.

»Bedenken?«

»Teheran will hundertprozentige Sicherheit. Garantien.«

»Ich sagte Ihnen doch schon, dass wir Ihnen die ersten zehn Sprengköpfe innerhalb von 24 Stunden nach Zahlung des Geldes und die nächsten zehn innerhalb von zehn Werktagen liefern können«, erläuterte Yakub. »Besser als das kann ich nicht …«

»Nein«, unterbrach Al-Zanjani und es klang entschlossener, als er beabsichtigt hatte. »Wir brauchen andere Sicherheiten.«

»Sicherheiten?« Yakubs Hände waren nun so fest zusammengepresst, dass man den Eindruck bekam, er wolle damit verbergen, wie sehr sie zitterten. »Was ist mit den Sicherheiten, die Sie mir geben wollten? Sie wissen genau, dass ich ein enormes Risiko eingehe, indem ich mich hier mit Ihnen treffe. Sie bestanden darauf, dass ich persönlich herkomme, und versicherten mir, dass wir in diesem Fall den Deal heute ein für alle Mal in trockene Tücher bringen können.«

»Und das werden wir auch«, versicherte ihm Al-Zanjani. »Sie müssen mir nur eine einfache Frage beantworten.«

»Und welche Frage wäre das?«

»Arbeiten Sie für die Israelis?«

Aus Yakubs Gesicht wich plötzlich alle Farbe. »Was reden Sie denn da?«, stammelte er.

»Sie haben mich doch verstanden.«

»Das habe ich, ich kann nur nicht glauben, was ich da höre.«

»Das ist ja nun nicht gerade ein Nein, nicht wahr, Mohammed?«

»Sind Sie verrückt geworden?«

»Es ist eine einfache Frage. Und doch haben Sie sie nicht beantwortet.«

»Ich werde dieses Spielchen nicht länger mitspielen. Wollen Sie die Ware nun oder nicht?«

Zum ersten Mal nach all diesen Monaten des Verhandelns lächelte Al-Zanjani. Er hatte die Fotos gesehen, die der Pakistani ihm vorgelegt hatte und auf denen die 20 glänzenden Atomsprengköpfe zu sehen waren. Er hatte die Blaupausen der Bomben gesehen, die technischen Daten, die Bauzeichnungen und die Papierstapel mit den Testergebnissen. Er hatte sich Yakubs Ausführungen angehört, wie seine Leute die Waffen aus Pakistan heraus über die Berge nach Afghanistan und in den Iran schmuggeln würden. Al-Zanjani hatte bemerkt, wie sehr sich sein ehemaliger Chef sowie ihre Vorgesetzten in Teheran alle zehn Finger nach diesen Waffen geleckt hatten. Alles hatte so vielversprechend ausgesehen, ein Angebot, das Jahre teurer und ermüdender technischer Entwicklung und die unvermeidlich dazugehörenden Rückschläge hätte abkürzen können. Alles dank einer einzigen, reibungslosen Transaktion.

Und doch hatte Al-Zanjani nie daran geglaubt. Allerdings war er nie in der Lage gewesen, auch nur einen einzigen Beweis für seinen Verdacht ins Feld zu führen. Bis jetzt.

Er zog ein letztes Mal an seiner Zigarette und drückte sie auf der Sohle seiner handgenähten italienischen Schuhe aus. Gleichzeitig knöpfte er sein Jackett auf, zog die Pistole mit dem Schalldämpfer darauf heraus und zielte damit auf die Stirn des Pakistanis. Dann zog er den Abzug durch. Mit einem leisen »puff« entstand eine kleine Wolke rosigen Nebels, dann sank der Mann zu Boden.

»Nein, ich will sie nicht«, wisperte Al-Zanjani beinahe unhörbar.

Er drehte sich zum Manager und dem Kellner, die mit weit aufgerissenen Augen neben der Tür zur Restaurantküche standen, um. Er jagte beiden jeweils zwei Kugeln in die Brust, zog ein Handy aus der Tasche und gab eine Kurzwahl ein, unter der sich ein Kollege meldete. »Jetzt«, befahl er knapp.

Vom Dach eines bereits dunklen Bürogebäudes, das direkt neben dem Electra Palace Hotel stand, zischten sechs raketengetriebene Granaten durch den Nachthimmel heran. Eine nach der anderen schlug in den Fenstern der Ecksuite zwei Etagen unter Al-Zanjani und seinen Männern ein. Die darauffolgenden Explosionen in der Suite ließen das Hotel erzittern und rissen die Iraner beinahe von den Füßen. Nur Augenblicke später hörte Al-Zanjani, wie in den Korridoren unter ihm Maschinengewehrfeuer ausbrach. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wie die Überlebenden in dieser Suite sich durch Rauch und Trümmer tasteten, um sich in Sicherheit zu bringen, nur um von seinem Team, das sich im Gang davor auf die Lauer gelegt hatte, niedergemäht zu werden.

Wieder lächelte er. Dann warf er einen letzten Blick auf seine Armbanduhr und zählte im Stillen bis vier. Eine weitere gewaltige Explosion zerriss die Nacht. Der Iraner schlenderte lässig an den Rand der Terrasse und sah auf die Straße hinab, wo auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein angemieteter weißer Van geparkt hatte. Jetzt war nur noch ein in Flammen stehender verbogener Stahlrahmen von dem Wagen übrig.

Das Handy in Al-Zanjanis Hand klingelte. Er nahm das Gespräch sofort an.

»Erledigt«, sagte die Stimme am anderen Ende nur.

Im Gegenteil, dachte der Iraner bei sich.

Es hat doch gerade erst angefangen.

4

Flughafen Panghyon, Nordkorea

5. September

24 Tage vor der Ermordung des russischen Präsidenten

Der Mi-8-Transporthelikopter landete kurz vor 16 Uhr.

Alireza Al-Zanjani trat hinaus in den Sonnenschein. Er hatte nur Handgepäck bei sich. Er war froh, sich die steif gewordenen Beine vertreten zu können und wieder einmal auf dem schwer bewachten Luftwaffenstützpunkt, der etwas abgelegen am Ende eines bewaldeten Tals außerhalb der Stadt Kusŏng in Nordkorea lag, angekommen zu sein.

Gerade einmal sieben Wochen waren seit seiner Begegnung mit Dr. Yakub in Athen vergangen. Jetzt stand er kurz davor, seine Mission abzuschließen und die Träume seines Vaterlands endlich erfüllen zu können.

Al-Zanjani wurde umgehend willkommen geheißen. Der Dreisternegeneral Yun Yong-Jin, schon seit drei Jahren der stellvertretende Chef des Militärgeheimdienstes, salutierte ihm. Der Iraner erwiderte den Salut und schüttelte dem Koreaner dann die Hand. Er hatte diese Reise in den vergangenen paar Jahren bereits ein Dutzend Mal unternommen und so musste er sich weder dem Fahrer noch dem jungen Übersetzer vorstellen. Stattdessen nahmen die beiden Männer einfach auf der Rückbank des Sedans Platz, der dem General gehörte.

»Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise, Mr. Ali?«, erkundigte sich der General, als sie vom Flugfeld auf eine Wirtschaftspiste des Flughafens abbogen.

Al-Zanjani lächelte, als er den Spitznamen hörte, den Yun ihm bei ihrem ersten Treffen im Hauptquartier des Generals in Pjöngjang gegeben hatte. »Um ehrlich zu sein, war sie ein Albtraum.«

Eigentlich war das alles andere als ehrlich. Al-Zanjani hatte seine Reise schon vor über einer Woche begonnen und beinahe jede Minute davon zutiefst genossen. Um seine Spuren zu verwischen und sämtlichen ausländischen Geheimdiensten zu entwischen, hatte er Teheran allein verlassen und war ohne Sicherheitsleute im Gefolge aufgebrochen. Zunächst war er nach Venezuela geflogen. Für diese Etappe hatte er den falschen Pass eines südafrikanischen Geschäftsmanns benutzt und sich dafür sogar verkleidet. Nachdem er ein paar wundervolle Tage am Pool eines engen Freundes aus seiner Kindheit verbracht hatte, dessen Vater der iranische Botschafter in Caracas war, war er nach Johannesburg weitergeflogen, wo er mehrere Tage im luxuriösen Four Seasons abgestiegen war. Er hatte in den feinsten Restaurants und Nightclubs gegessen, alles auf Kosten des Iranischen Revolutionsgardekorps.

Dann hatte er wieder die Identität gewechselt und war mit einem weiteren gefälschten Pass nach Moskau geflogen, wo er sich mit mehreren Kollegen vom russischen Geheimdienst getroffen hatte, engen Beratern und Freunden von Präsident Luganow, die er sehr mochte und denen er vollkommen vertraute. Die nächste Station war Beijing gewesen, wo er 24 Stunden damit verbracht hatte, sich zu vergewissern, dass ihm niemand folgte. Heute Morgen war er früh erwacht und war lange gejoggt, bevor Hitze und Smog unerträglich wurden, hatte geduscht und ein leichtes Frühstück zu sich genommen, bevor er dann schließlich in Richtung Flughafen aufgebrochen war, wo eine in die Jahre gekommene Tupolew mit zwei Düsenantrieben auf ihn wartete, die aussah, als würde sie nur von Geduld und Spucke zusammengehalten. Er hatte die Maschine in der nordkoreanischen Hauptstadt kaum verlassen, als ihn auch schon ein Luftwaffenoberst in Empfang genommen und sofort zu dem bereits wartenden Helikopter für den kurzen Flug nach Panghyon gebracht hatte.

Warum Al-Zanjani seinem nordkoreanischen Kollegen das alles nicht erzählte … Nun, grundsätzlich konnte man dem General sicher vertrauen. Immerhin arbeiteten sie an einem der brisantesten Geheimprojekte der Gegenwart zusammen. Sicher würde der General den Reiseweg des Iraners weder verraten noch gegen ihn verwenden. Und doch stellte Al-Zanjani genau das infrage, noch während er dem Mann gegenüber, den er mittlerweile als Freund betrachtete, die Lüge aussprach.

Al-Zanjani war ein Spion. Er log schon von Berufs wegen. So etwas hätte ihn nie berühren sollen, nicht im Geringsten, und doch tat es das jetzt. Er war sich nicht sicher, warum. Vielleicht war es einfach nur simple Höflichkeit. Al-Zanjani wusste genau, dass der General nicht einfach nur einen höheren Rang bekleidete als er selbst. Der Mann war wesentlich intelligenter als er, viel erfahrener, schlauer und durchtriebener. Und doch konnte er nicht weiter aufsteigen. Er hatte keine Möglichkeit zu reisen. Keine Chance, sich irgendetwas dazuzuverdienen oder auf Kosten der Regierung etwas zu gönnen. Yun Yong-Jin war ein guter Mann, loyal und ein Patriot. Aber er war Nordkoreaner und besaß keinen Pass. Er hatte niemals einen Fuß auf ausländischen Boden gesetzt, ihm war verboten, eine Satellitenschüssel, ja selbst ein Kurzwellenradio zu besitzen. Er war wirklich und wahrhaftig im bizarrsten sozialen und politischen System gefangen, das Al-Zanjani je auf seinen weltweiten Reisen begegnet war.

Schon bald hatten sie die Startrampe im nordwestlichen Teil der weitläufigen Militärbasis erreicht.

»Da ist sie«, erklärte der General mit strahlendem Lächeln. »Darf ich vorstellen: die Hwasong-17.«

Al-Zanjanis Überraschung war echt. »Größer als ich erwartete.«

Die fortschrittlichste Interkontinentalrakete, die der Norden Koreas je entwickelt hatte, glänzte in der Nachmittagssonne. Sie ragte beinahe 30 Meter in die Höhe, gut zwei Meter höher als das Vorgängermodell, das Al-Zanjani kannte. Allerdings hätte er die mit Flüssigtreibstoff angetriebenen Raketen lieber auf einer mobilen als auf einer fest installierten Abschussrampe gesehen.

Der General erklärte, dass sie immer noch an einem Vehikel bauten, das sowohl die Kraft als auch die Pferdestärken hatte, um ein solches Raketenmonster überhaupt bewegen zu können. »Wie Sie sich sicher erinnern, hat sich das Vorgängermodell diesbezüglich als ungeeignet erwiesen. Wir glauben, dass wir bei einem neuen Entwurf kurz vor dem Durchbruch stehen. Vielleicht noch ein paar Monate. Aber angesichts Ihres Besuchs wollten wir doch bereit für einen Test der Rakete selbst sein.«

»Das ist wirklich zu freundlich«, erwiderte Al-Zanjani.

»Überhaupt nicht, es ist doch Ihr Oberster Führer, der uns einen Gefallen tut«, wehrte der General ab. »Er erweist uns regelmäßig große Ehren und Respekt, indem er für diesen Test wie auch für so viele andere bezahlt und indem er die Arbeit unserer Wissenschaftler und die ganz besonderen Projekte unterstützt, mit denen sie sich tagein, tagaus abmühen. Er ist ein guter Freund unseres Volkes. Sein Wunsch ist uns Befehl.«

Der Iraner nahm das Lob kommentarlos hin und bat stattdessen, mit dem Chefingenieur und dem Kommandanten der Abschusskontrolle sprechen zu dürfen. Er hatte den Auftrag, der iranischen Raumfahrtbehörde und dem Verteidigungsminister umfassende und genaue Konstruktionsdetails der Hwasong-17 mitzubringen. In Teheran gab es Spekulationen darüber, ob es sich hier um vielleicht den letzten notwendigen Test dieser Rakete handelte. Wenn er es war, dann würden seine Vorgesetzten nicht nur über jede einzelne technische Entwicklung Bescheid wissen müssen, die die Nordkoreaner für diese Rakete und das Steuerungssystem in Angriff genommen hatten, sondern auch über die kleinen Fehler, die sie hatten ausbügeln müssen, um diese Rakete überhaupt aufzustellen und startbereit zu machen.

Diese sensiblen Daten, auch die der vorangegangenen Tests, konnten natürlich nicht über Telefon oder Internet übermittelt werden. Die Amerikaner und die Zionisten waren, was das Abfangen von Nachrichten anging, viel zu durchtrieben. Das Risiko, dass die Informationen in ihre Hände gelangten, war viel zu groß. Washington würde sicher alles, kaum dass sie es hatten, an die UN oder die Medien weitergeben. Oder die Zionisten würden das tun. Aber in jedem Fall würde der Iran bloßgestellt und damit den moralischen Vorteil verlieren, den man in den Verhandlungen mit der internationalen Staatengemeinschaft gewonnen hatte. Nur so hatte es schließlich zur Gründung des gemeinsamen umfassenden Pakts, des JCPoA, kommen können. Schlimmer noch, jedes Überraschungselement würde verloren gehen und das wäre die abscheulichste Sünde von allen.

So war es ihm, Alireza Al-Zanjani, zugefallen, Kurier dieser kostbaren Informationsjuwelen zu werden und sie sicher nach Hause zu bringen, wo ein Oberkommando schon die Minuten bis zu seiner Ankunft zählte. Ihm, dem neunten Kind von zwölfen seiner Eltern, die arm, aber tiefreligiös waren und in einem kleinen Dorf in der Provinz Zanjan im Nordwesten des Iran lebten. Er wusste sehr wohl, wie unwahrscheinlich es war, dass man ausgerechnet ihn mit dieser heiklen Mission betraut hatte. Nach menschlichem Ermessen gab es nichts, das ihn für diese Aufgabe, den Höchsten des Regimes zu dienen, prädestinierte. Es gab andere, Männer aus prominenteren Familien, aus bekannteren Städten, die viel qualifizierter waren als er. Und doch wusste er, dass er nicht einfach nur Glück gehabt hatte. Es war nicht nur eine zufällige Laune des Schicksals, die ihn hergebracht hatte. Er war von Allah für diese Rolle ausersehen und damit auch für jede Mission, die sich aus seinem Rang als stellvertretender Kommandant der Iranischen Revolutionsgarden ergab. Es konnte keine andere Erklärung für seinen kometenhaften Aufstieg geben, dessen war Al-Zanjani sich sicher.

Dieses Wissen gab ihm die innere Ruhe, auf alle komplexen Herausforderungen gelassen zu reagieren.

Und die Überzeugung, dass er für noch größere Dinge bestimmt war.

5

»Wie viel Zeit haben wir?«, fragte Al-Zanjani den für den Start verantwortlichen Ingenieur.

»Etwas weniger als drei Stunden«, erwiderte der mit unbewegtem Gesicht, als hätte er alle Zeit der Welt.

Al-Zanjani nickte zufrieden und wandte sich wieder an seinen Gastgeber. »Vielleicht sollten wir die Männer ihre Arbeit tun lassen«, schlug er dem General vor. »Wir können ja zum Countdown wiederkommen.«

»Natürlich«, erwiderte General Yun. »Möchten Sie mir beim Abendessen Gesellschaft leisten?«

»Sehr gern.«

Die Techniker machten sich wieder eifrig an die letzten Startvorbereitungen, bewacht von schwer bewaffnetem Sicherheitspersonal, das die Umgebung kontrollierte. Die beiden Männer gingen wieder zu dem staubigen Sedan. Schweigend wurden sie die drei Kilometer zum Hauptquartier gefahren. Al-Zanjani verbrachte die Fahrt damit, ein paar Notizen in sein kleines, ledergebundenes Notizbuch zu kritzeln.

Im Büro des Generals nahmen sie an einem kleinen Konferenztisch Platz. Abgesehen vom nordkoreanischen Dolmetscher waren sie allein. Die drei genossen eine Mahlzeit aus braunem Reis, würzig-scharfem Kimchi und dem traditionellen Gericht Bulgogi, hinter dem sich, wie der Koch, der ihnen die Speisen servierte, stolz erklärte, ein Gericht aus marinierten Streifen frischen Rindfleischs verbarg. Al-Zanjani hätte ein Jahresgehalt darauf verwetten mögen, dass das Fleisch tatsächlich das eines frisch geschlachteten Hundes war, aber er sagte nichts dazu. Er aß einfach kommentarlos, was man ihm vorsetzte. Dieser Besuch war einfach der wichtigste und sensibelste von vielen, die er schon hinter sich hatte.

»General, vergeben Sie mir, dass ich nicht schon früher darauf zu sprechen kam«, erklärte Al-Zanjani, während sie aßen. »Ich soll Sie von meinen Kollegen in Teheran grüßen. Sie baten mich, Ihnen und Ihrem Geliebten Führer mitzuteilen, dass sie von den Fortschritten Ihres Raketenprogramms überaus angetan sind. Wir sind zutiefst dankbar für die Testdaten, die Sie uns übermitteln konnten. Wie wir hofften, waren Ihre Erkenntnisse außerordentlich wertvoll für uns, um die Kosten, die Reichweite und die Genauigkeit unserer eigenen Raketen zu verbessern, und wir haben keinen Zweifel, dass der heutige Test sich als entscheidend und ausschlaggebend erweisen wird.«

Der General lächelte huldvoll, antwortete aber nicht.

»Ich muss allerdings gestehen, dass ich heute nicht nur wegen des angesetzten Raketentests hier bin, so wichtig er auch sein mag.«

»Ach nein?« Zum ersten Mal sah der Nordkoreaner von seiner Reisschüssel auf.

»Ich komme direkt auf den Punkt. Ich habe eine Einkaufsliste mitgebracht«, erklärte der Iraner. »Und eine Menge Bargeld.«

»Aber Sie hatten doch nur ein Handgepäckstück dabei, als Sie aus dem Hubschrauber stiegen.«

»Das ist richtig. Vielleicht wäre es richtiger zu sagen, ich hätte eine neuartige Kreditkarte mitgebracht.«

»Was hätten Sie denn gern?«

Al-Zanjani nahm einen Schluck Tee und stellte die Tasse wieder zur Seite.

»Die Sache ist ein wenig delikat, aber ich erhielt den Auftrag dazu von oberster Stelle meiner Regierung. Der höchsten Autorität«, begann er. Er war sich vollkommen bewusst, dass alles, was er sagte, aufgenommen und dem Geliebten Führer selbst vorgespielt werden würde. Und das wahrscheinlich innerhalb der nächsten 24 Stunden.

»Die Islamische Republik Iran ist unser treuester Freund und Bruder. Was können wir für Sie tun?«

»Ich danke Ihnen, General. Und seien Sie sicher: Die Demokratische Volksrepublik Korea ist unser geschätztester Verbündeter. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir so viel in die Entwicklung Ihres Raketenprogramms gesteckt haben, wie auch in Ihre Forschungen und die Entwicklungen Ihres Atomwaffenprogramms.«

»Allerdings …?«, drängte der General.

Al-Zanjani nickte. »Allerdings hindern uns der Vertrag mit den Amerikanern und die Kontrolle des UN-Sicherheitsrats plus Deutschland daran, selbst Atomwaffen zu bauen. Während also die Informationen, die Sie uns zukommen ließen, überaus hilfreich waren, haben wir nunmehr einen Punkt erreicht, an dem wir aus eigener Kraft nicht weiterkommen.«

Er hielt einen Augenblick inne. Er hatte lange über die Wortwahl mit dem Kommandanten des Revolutionsgardekorps gesprochen, mit dem Präsidenten und sogar mit dem Obersten Führer selbst. Diesen Wortlaut hatte er dann die ganze letzte Woche auf dem Weg in dieses abgeschlossene Reich einstudiert. Und doch zögerte er jetzt. Er fürchtete, seine asiatischen Verbündeten, deren kulturelle Sensibilitäten sich so sehr von denen seines eigenen Volks unterschieden, irreparabel zu verschrecken oder sogar zu beleidigen.

»Bitte, sprechen Sie nur frei von der Leber weg«, sagte der General. »Wir sind doch hier unter Freunden.«

»Schön. Meine Regierung schickt mich mit einem sensiblen und sehr vertraulichen Auftrag zu Ihnen. Er darf nicht publik werden. Nicht jetzt … ja, überhaupt niemals. Dies ist nur für Ihre Ohren bestimmt und die wenigen, die notwendig sind, um diese Bitte dem Geliebten Führer direkt zukommen zu lassen.«

»Aber natürlich. Ich versichere Sie meiner vollsten Diskretion und der meiner engsten Mitarbeiter.«

»Ich danke Ihnen«, erwiderte Al-Zanjani. »Ich wurde von der Islamischen Republik Iran beauftragt, von Ihnen 20 Nuklearsprengköpfe zu erwerben. Wir sind bereit, Ihnen bei den Bedingungen, handele es sich nun um Geld, um Lebensmittel oder Öl, großzügig entgegenzukommen. Und wir hätten sie gern nicht später als Ende dieses Jahres.«

»Warum so eilig?«, wollte der General wissen.

»Ich bin nicht autorisiert, Ihnen auf diese Frage eine Antwort zu geben. Nur das: Ihr Verständnis in dieser Sache würde sehr geschätzt werden und nicht unbemerkt bleiben.«

Der General lehnte sich in seinem Sessel zurück. Dann sagte er: »Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, Ali, meine Regierung hat diese Bitte erwartet, seit wir erfuhren, was in Athen geschah.«

Al-Zanjani richtete sich auf, aber General Yun bedeutete ihm sofort, dass es keinen Grund zur Aufregung gab.

»Entspannen Sie sich. Ich bin autorisiert, Ihnen zu sagen, dass wir dieser Idee nicht vollkommen ablehnend gegenüberstehen.«

Die Miene des Iraners hellte sich auf.

Zwei Stunden später war der Deal zwar noch lange nicht abgeschlossen, aber es ging durchaus voran, und Al-Zanjani hatte Mühe, sich seine Begeisterung nicht anmerken zu lassen. Es waren noch mehr Fragen zu klären und er würde ein weiteres Mal herkommen müssen, um die angemessenen Antworten zu erhalten, doch zum ersten Mal nahmen die Konturen eines entsprechenden Handels Form an.

Aber zunächst galt es, andere Dinge zu erledigen.

Man fuhr die beiden Männer wieder zum Beobachtungsposten, wo man ihnen passende Schutzbrillen gab, um ihre Augen vor dem zu erwartenden Feuerball zu schützen. Als der Countdown abgelaufen war, sahen sie andächtig, wie die fortschrittlichste Rakete Nordkoreas abhob und makellos und ohne Fehlfunktion in einem weiten Bogen über Japan hinwegflog, um im Pazifik zu landen. Das ist es, dachte Al-Zanjani. Pjöngjang hatte es nach vielen Schwierigkeiten, vielen Fehlern und ganzen Schiffsladungen von iranischem Geld endlich geschafft. Sie hatten nicht nur taktische Atomsprengköpfe gebaut, sondern auch ein ganzes Atomwaffenprogramm auf die Beine gestellt, dessen Waffen jetzt jeden US-Bundesstaat und sogar Washington, D. C. erreichen konnten.

Und Al-Zanjani wurde klar, dass Teheran schon bald die gleiche Fähigkeit haben würde.