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Spielweib

 

Historischer Roman

von Ute Zembsch

Vollständige E-Book-Ausgabe der Druckausgabe

 

 

ISBN 978-3-943531-93-0

ISBN 978-3-943531-92-3 (Print Ausgabe)

 

© Burgenwelt Verlag | Jana Hoffhenke

Hastedter Heerstraße 103 | 28207 Bremen

Alle Rechte vorbehalten

 

Lektorat: Jana Hoffhenke

Umschlaggestaltung | Coverillustration: Detlef Klewer

Satz | Gestaltung: Eridanus IT-Dienstleistungen

Kapitel 1

 

Sisgard zupfte die Saiten der Leier, ihre Stimme klang für sie wie aus der Ferne. Ein kühler Windhauch streifte ihre Wange. Hätte sie doch Flügel, die sie mit dem Wind davontragen könnten. Aus dem Herzen heraus formten sich die Worte auf ihren Lippen. Sie erzählten von einer Amsel, die ein Bauernsohn für sein Liebchen gefangen hatte. Sisgard fühlte die Sehnsucht des Singvogels danach, seine Freiheit zu erlangen und vom höchsten Ast einer Linde aus den Regen auf seinen Federn zu spüren.

Die Glocke erklang. Sisgard riss die Augen auf. Der Ruf zur Vesper. Da war die Wirklichkeit wieder, der sie nur in ihren Träumen entfliehen konnte. Sie blickte in Gesichter mit schwärmerischem Ausdruck, und manch eine Näharbeit ruhte auf dem Schoß. Die ersten Schwestern erhoben sich, auch Sisgard stand von der Bank im Kreuzgang auf, legte die Leier beiseite und schlug den Weg zur Kirche ein. Hoch über dem Gotteshaus flog eine Saatkrähe. Sisgard blieb stehen und schaute genauer. Eine schwarze Feder schwebte direkt vor ihr gen Boden. Unbarmherzig rief die Glocke weiter zum Gebet. Schnell fing Sisgard die Feder und verbarg sie wie einen Schatz in ihrem Ärmel. Sie reihte sich wieder in die Prozession ein, mit der seit drei Sommern geübten Unschuldsmiene.

»Du könntest unsere Vorsängerin beerben«, flüsterte Grete ihr zu. »Deine Stimme ist viel schöner.«

Sisgard lächelte über die Schmeichelei ihrer Freundin. Singen war das Einzige, dem sie sich leidenschaftlich hingab. Es versüßte ihr den Alltag. Durch ein Amt würde sie sich jedoch endgültig an das Kloster binden. Das wollte sie so lange wie möglich hinauszögern. »Warum hast du noch nicht das Gelübde abgelegt?«

»Im Gegensatz zu dir bin ich die einzige Tochter meiner Eltern. Ich soll lernen, meinem künftigen Gemahl ein gutes Weib zu werden.« Grete zuckte leichthin die Schultern.

Beide waren sie anno 1047 dem Kloster Werbe beigetreten und lebten seither nach den Regeln, die der Heilige Benedikt gelehrt hatte: Gehorsamkeit, Schweigen, Demut.

Sisgard schüttelte sich. »Findest du das wirklich so erstrebenswert? Denk an die Heilige Notburga von Hochhausen, derer wir heute Morgen gedachten.«

Kurz blieb Grete stehen. »Aber sie war einem grausamen Mann versprochen. Da widmete sie doch besser ihr Leben der Nächstenliebe. Gott schickte sogar seine Engel, um ihre Seele nach ihrem Tod abzuholen.«

»Sie hatte selbst entschieden, eine Einsiedlerin zu sein.« Eine Wahl, die Sisgards Vater ihr verwehrte.

Vor der Kirchentür schaute sie zu den Spatzen, die unter den ersten gefallenen Blättern nach Nahrung suchten. Zumindest schenkte die Sonne noch in der Mitte des Holzmonds ihre Wärme und gönnte so den Nonnen und Novizinnen oft, im Freien zu sein.

Sisgard atmete tief durch und trat ein. Morgen, am Sonntag, würden die Gläubigen aus dem Dorf Werbe etwas Abwechslung bringen. Dieser weiß verputzte Steinbau, geschmückt mit farbigen Bildnissen von Heiligen, sah immerhin am Tag freundlich aus. Wäre da nicht der Leidende, der ans Holzkreuz genagelt auf die armen Seelen herabblickte.

Sisgard kniete an ihrem Platz in der Reihe der Novizinnen auf dem Steinboden nieder. Vor dem Altar harrte bereits die Priorin ihrer kleinen Gemeinschaft von zwanzig jungen und älteren Weibern aus. Diese ließ ihren prüfenden Blick schweifen und erhob die Hände.

»Oh Gott, komm mir zu Hilfe«, eröffnete sie das Stundengebet und somit den Lobgesang auf den Herrn. Die Lesung der Psalmen und des Textes aus dem Evangelium wählte Magistra Hermintrud nach der Tagesheiligen aus. Wie innig sie sich ihrer Aufgabe hingab! Wie viel Ehrfurcht in ihrer Stimme lag, wenn sie die Taten der Heiligen aufzählte! Ihre Vorsteherin lebte nicht nur im, sondern mit ganzem Herzen für das Kloster. Wäre dies hier eine eigenständige Abtei, Magistra Hermintrud regierte längst als Äbtissin.

Sollte Sisgard die Ältere um ihre Inbrunst beneiden? Die brauchte sich um ihr Seelenheil keine Gedanken machen, so fromm wie sie war, und auch nicht um das ihrer Familie. Sisgard hatte ihren Vater nicht davon abbringen können, sie hierher zu geben und mit dem Seelenheil derer von der Ehrenburg zu betrauen. Und das nach den Ängsten, die sie auch heute noch hin und wieder heimsuchten. Ja, sie hatte überlebt, aber kam ihre Rettung tatsächlich vom Herrn im Himmel, dem sie nun dienen musste? Sie gab ihr Bestes für das Geschlecht der Ehrenburger. Sie hatte damals nicht aufgegeben und war auch heute stark genug, ihre Pflicht zu erfüllen. Vielleicht reichte es, dass sie die Choräle aus vollem Herzen sang? Dabei konnte sie wenigstens ihrem Mund wohltönende Klänge entlocken und ihren Leib und Geist mit Musik ausfüllen. Das letzte Lied ging zu Ende.

»Du wirst heute nach dem abendlichen Mahl abwaschen.« Die Magistra musterte Sisgard nach den rituellen Schlussworten mit strengem Blick.

Verwirrt schüttelte sie den Kopf. »Aber ich war erst gestern dran.«

»Keine Widerrede. Du scheinst Bewegung zu brauchen, sonst würdest du bei unseren Chorälen nicht hin und her schwanken.«

Sisgard presste die Lippen aufeinander. Schwanken? Sie wiegte sich im Klang! War das etwa unchristlich? Sie starrte der Priorin hinterher, die hoch erhobenen Hauptes das Gotteshaus verließ.

Jemand stupste gegen ihren Arm. »Du hattest Glück, dass sie nichts von deinem Ausflug vorgestern merkte.« Grete lächelte sie mitfühlend an.

»Es wachsen die letzten Wildbeeren. Und du hast für dein Schweigen auch welche bekommen.«

»Sie waren auch köstlich. Du triffst dich wirklich nicht mit einem der Burschen?«

Sisgard schüttelte den Kopf. »Niemals. Es darf mich auch keiner sehen, der es ihr«, sie wies mit dem Kinn zur Priorin, »erzählt. Ich brauche nur ab und an Weite um mich herum, damit ich frei atmen kann.«

Damit schien Grete zufrieden zu sein und wies zum Ausgang. »Wir sollten uns beeilen, in den Speisesaal zu kommen, sonst wird sie noch ungehaltener.«

Ihre Freundin hatte Recht, zumal Sisgard bereits das eine oder andere Mal zu Bußübungen verurteilt worden war. Als sei etwas dabei, wenn sie nach der Sonntagsmesse mit den Dörflern plauderte oder sich bei Besorgungen außerhalb des Klosters Zeit ließ. Das minderte schließlich nicht ihre Hingabe. Wo die Gebäude nicht den Grund der Priorei begrenzten, stand nur eine mannshohe Einfassung. Dennoch kam Sisgard diese trutziger vor als die Wehranlage der Ehrenburg.

»Mit einer Leiter könnten wir über die Mauer schauen und uns mit den Leuten draußen unterhalten.« Sie wies mit dem Kinn zum Garten.

Grete riss die Augen auf. »Lass das ja nicht die Magistra hören.«

»Wieso? Gottes Natur erstreckt sich auch dahinter. Und wie sollen wir das Neueste erfahren, wenn wir nur unter uns sind?«

An Grete vorbei entdeckte sie, wie besagte Magistra jemanden durch die Pforte in den Innenhof winkte. Sisgard reckte beim Weitergehen den Hals. Wem mochte ihre Vorsteherin Einlass gewähren? Beim Überqueren des Kreuzgangs blieb ihr ein wenig Zeit, das Geschehen zu beobachten. Die Mönchskutte wies den Besucher als Bruder im Herrn aus. Beide standen nun dicht beieinander ins Gespräch vertieft. Sehr vertraulich sah es aus. Er beugte sich zu ihrem Ohr, sie nickte bedächtig. Belauschen konnte Sisgard nichts, und auch das Aussehen des Mönchs blieb ihr verborgen. Er trug die Hände in den Ärmeln versteckt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Es musste wichtig sein, denn ohne Grund hätte die Priorin ihn auf die Zeit nach dem Essen vertröstet. Eine heimliche Liebschaft? Nein, so etwas traute Sisgard ihr nicht zu.

»Eines Tages«, plauderte Grete weiter, »werde ich Herrin in meinem eigenen Haus sein.«

»Unter deinem Gemahl. Oder glaubst du, dass ein Edelmann von einer Frouwe Befehle annimmt? Selbst Magistra Hermintrud muss dem Abt Rechenschaft ablegen.« Sie gewährte ihrer Freundin an der Tür zum Speisesaal den Vortritt und lugte noch einmal zur Magistra und ihrem Besucher hinüber.

Auch an diesem Ort erhielten die Höchsten die besten Plätze. So stellten sich die Novizinnen ans untere Ende des Tisches. Von nun an mussten sie wieder schweigen. Oder sich nicht erwischen lassen, wenn sie das Gebot umgingen. Sisgards Mundwinkel zuckte. Bereits die ersten Geistlichen erfanden eine Zeichensprache, um sich mitzuteilen. Das lenkte genauso ab wie ein gesprochenes Wort, fand Sisgard. Kurz nach ihr und Grete traf auch die Priorin ein. Den Mönch hatte sie nicht dabei. Schade. Jetzt konnte Sisgard ihre Neugier nicht stillen. Die Gemeinschaft faltete die Hände und Magistra Hermintrud sprach das Tischgebet mit einem äußerst zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

 

Nach dem Mahl sammelte Sisgard die Schalen und Löffel ein. Das Wasser holte sie aus dem Brunnen, der sich in der Mitte des Kreuzgangs befand. Sie war allein in der Küche, nur vor dem Fenster streunte eine Katze umher. Eine rote, wie die, die sie zehn Lenze zuvor verletzt in einem Schuppen bei der Burg gefunden und gepflegt hatte. Sisgard lächelte wehmütig. Zuhause hatten ihre ältere Schwester und sie mit offenen Mündern der Großmutter gelauscht. Sie hatte ihnen Geschichten über das Leben und den Glauben ihrer Ahnen erzählt.

»Es gab Zeiten, da konnten die Weiber selbst über sich bestimmen«, murmelte Sisgard. Immer mussten beide schwören, es nur im Geheimen an die nächsten Töchter der Familie weiterzugeben. So sollte das Wissen erhalten bleiben, das der Klerus ihnen verbot. Lange vorbei waren die Tage, in denen die Fürsten der Germanen herrschten. Gewiss hätte ihre Großmutter noch vieles zu erzählen gehabt, doch im letzten Herbst war sie verstorben. Sisgard hatte sich noch nicht einmal von ihr verabschieden können. Erst nach dem Tag der Beisetzung hatte die Priorin die Nachricht ihres Vaters weitergegeben. Wohl, weil Sisgard zu lange gebraucht hatte, um die neuen Küchenmesser beim Schmied abzuholen.

Missmutig fuhr sie mit dem Tuch durch die Schüssel. Die Arbeit hier machte ihr nichts aus, auch an die trostlose Farbe ihres Habits, falls man Schwarz als Farbe bezeichnen konnte, hatte sie sich gewöhnt. Aber die festen Regeln, wann sie wo zu sein und was sie zu tun hatte, fühlten sich wie Bußübungen an. Zumal die Nonnen kaum das Kloster verlassen durften, die Novizinnen noch weniger. Und den Mund aufzumachen, erlaubten ihr die strengen Vorschriften des Heiligen Benedikt auch nur zu bestimmten Zeiten. Als Tochter eines edlen Herrn könnte sie nach einer Heirat zumindest entscheiden, wie sie den Haushalt führte und wann sie sich unter freiem Himmel aufhielt.

Aber sich dafür einem Mann aussetzen, der sie nur benutzte und dem sie Gehorsam schuldete? Seufzend schüttelte sie den Kopf. Mit neunzehn Lenzen war sie ohnehin bald zu alt für eine Vermählung.

Im Schlafsaal versteckte sie die Feder der Krähe unter ihrem Kissen. Mochte diese ihr leichte Träume schenken. Noch immer verfolgte Sisgard die Geschichte der Heiligen Notburga, die ihr Leben in die eigene Hand genommen hatte.

 

Nach dem frühen Mahl und der Versammlung im Kapitelsaal musste Sisgard der Magistra zu den Kranken folgen. Diese durften zur Genesung lange schlafen. In acht der zehn Betten, die sich durch tagsüber geraffte Tücher voneinander getrennt an den beiden Außenwänden verteilten, lagen Weiber und Männer. Die Priorin betrachtete die ihr Anvertrauten gütig, sichtlich unbeeindruckt von dem Geruch, den die Bettlägerigen trotz täglichem Bad verströmten. Eilig öffnete Sisgard die Fenster, damit Licht und frische Luft den fauligen Gestank vertreiben konnten. Sie holte noch einmal tief Atem. Dann wandte sie sich von der Öffnung ab und trug die Eimer, in die sich die Leidenden auf die eine oder andere Weise erleichtert hatten, hinaus zur Grube. Auf dem Rückweg begegnete ihr Magda, den Topf in einer und den Korb mit Essschalen in der anderen Hand. Dem fruchtigen Duft nach hatte die Köchin den Brei mit Beeren bereichert. Schweigend half Sisgard ihr, das Essen zu verteilen.

Die Magistra untersuchte jeden einzelnen Darniederliegenden gründlich und nahm sich viel Zeit. Umsichtig tastete sie gerade den Bauch einer Erkrankten ab, nickte lächelnd und deckte das Weib zu. »Meine Gebete für dich und die Kräuter aus Gottes Natur haben deinen Leib abschwellen lassen. In ein paar Tagen bist du wohlauf.«

»Ich danke Euch.« Das Weib drückte Magistra Hermintruds Hand.

»Dank nicht mir, sondern dem Herrn im Himmel, der über uns wacht.« Sie streichelte ihr die Wange und drehte sich mit gleicher Fürsorge zu ihrer Nachbarin um.

Eine solche Güte wünschte Sisgard für sich und die anderen Schwestern. Aber für sie galten strengere Bestimmungen. Kein Vertrauen, dass sie sich auch außerhalb der Mauern keusch verhielten. Kein Verständnis für die Freude, die doch jeder Mensch in sich trug.

Der alte Mann, dem Sisgard nun Essen geben wollte, schien fest zu schlafen. Müsste sich die Decke nicht heben? Zudem war er sehr blass. Sisgard stellte die Schale beiseite und legte zögerlich ihre Hand auf den Hals des Mannes. Die Haut fühlte sich kalt an. Eine Weile tastete sie herum, doch sie konnte kein Pulsieren des Blutes finden. Sie zog Luft ein und erhob sich.

»Magistra?« Das Tuch zur Seite haltend, verharrte Sisgard regungslos, bis die Ältere ihr zunickte. »Der Mann hier in der Ecke, ich glaube, Gott hat ihn zu sich berufen.«

Davon überzeugte sich Magistra Hermintrud selbst. Sie trat hinzu, fasste, wie Sisgard zuvor, an seinen Hals und dann an sein Handgelenk. Seufzend erhob sie sich. »Du hast Recht, seine Zeit war gekommen.« Sie faltete die Hände und neigte das Haupt. »Bete mit mir für ihn.«

Sisgard gehorchte und stimmte in das Vaterunser mit ein.

»Amen.« Sie wartete, bis auch die Magistra aufschaute. »Soll ich im Dorf Bescheid geben, dass ein oder zwei Werbener beim Tragen helfen und das Grab schaufeln?«

»Nein. Ich schicke Schwester Magda. Du holst Grete. Ihr bereitet ihn für seinen letzten Weg vor. Derweil entsende ich einen Boten zu seiner Familie.«

Sisgard riss sich zusammen und nickte ergeben. Die Leichen zu waschen gehörte nicht zu den Aufgaben, die sie mochte. Zumindest mussten sie sich nicht mit dem Gewicht des Toten abmühen. So leid es ihr für den alten Mann tat, sein Tod wäre für sie eine willkommene Gelegenheit gewesen, der Enge des Klosters für kurze Zeit zu entkommen.

 

Kapitel 2

 

Eisen schlug auf Eisen, begleitet durch das Schnaufen der Kämpfenden. Brandolf erhob sein Schwert und zielte auf den Oberarm seines Gegners. Dieser zuckte zurück. Gut, er war dem Hieb entkommen. Der Wind brachte zumindest Brandolfs verschwitztem Gesicht einen Hauch Kühlung. Er grinste. Der Jüngere vor ihm erwiderte fest seinen Blick, belauerte ihn gleichfalls, während beide einen festen Stand im feuchten Gras einnahmen. Auf der ebenen Fläche neben dem Wohnturm war das ein Leichtes. Blitzartig griff Brandolf mit einem Schritt nach vorne an. Verzweifelt wehrte der andere mit seiner Waffe ab, drehte sich um sich selbst und schlug zu. Brandolf riss sein Schild hoch. Nur einen Wimpernschlag später berührte seine Schwertspitze den Bauch seines Gegenübers.

»Du musst immer auf deine Deckung achten!« Keuchend richtete er sich auf. »Verdammt, wie oft soll ich dir das noch sagen, Norwin?«

»Aber die Waffen sind stumpf und unsere Gambesons gut gefüttert.« Sein Bruder lächelte schief.

»Das ist keine Entschuldigung! Du musst jeden Kampf bestreiten, als ginge es um dein Leben. Dreh nicht, lenke deinen Schild!« Heftig führte er die Abwehrbewegung vor. Ja, er hatte zwei Lenze Vorsprung vor dem Einundzwanzigjährigen. Aber Norwin besaß zu wenig Kampfeslust.

 

»Brandolf, schrei Norwin nicht an!«

Beider Blicke hetzten zu der Treppe des Wohnturms. Ihr Vater, der Herr des Caseberchs, stapfte die letzten Stufen hinunter. »Zudem bist du ein Narr. Ein guter Kämpfer nutzt die Schwächen seines Kontrahenten. Weist du bei der Schlacht deinen Feind auch darauf hin, wie er sich besser gegen dich verteidigen kann?«

Brandolf krampfte die Faust um seinen Schwertgriff. »Nein. Aber soll ich meinen Bruder nicht lehren, wie er ein ernsthaftes Gefecht übersteht?«

»Er ist klug genug, um seine Erfahrungen aus einem Kampf im nächsten zu nutzen. Auch mit mir übte mein Vater, indem er mich so lange besiegte, bis ich aus meinen Fehlern gelernt hatte.« Die Fäuste in die Hüfte gestemmt, stand er nun vor ihnen.

Zumindest konnte Notker inzwischen nicht mehr auf Brandolf herabsehen. Seine Körperlänge, und der Vater gehörte zu den wahrlich großen Streitern, hatte er erreicht.

»Norwin«, meinte Notker in gütigem Ton, »künftig werde ich mich mehr um deine Schulung kümmern. Ich kann dich besser lehren, zu kämpfen, mein Sohn.«

Schmerzlich schloss Brandolf die Augen. Er war von klein auf gewohnt, dass Notker seinem Zweitgeborenen mehr Zuwendung schenkte.

»Mein Bruder gibt sein Bestes. Nicht wahr, Brandolf?« Anerkennend klopfte Norwin ihm auf die Schulter. »Er hat viel Geduld mit mir.«

Notker drehte Brandolf die Seite zu. »Wirklich? Dennoch brüllt er dich an.«

Natürlich tat er das, es ging um das Leben seines kleinen Bruders. Sein Vater vermochte keinen Keil zwischen sie zu treiben, zeigte er seine Ablehnung auch noch so deutlich. Brandolf verkniff sich jegliches Wort.

Er ließ den Blick schweifen und entdeckte seine Mutter. Von ihrem Platz auf der Fensterbank der Halle aus beobachtete sie den Streit und schüttelte resigniert den Kopf. Als sie bemerkte, dass Brandolf hochsah, lächelte sie traurig und aufmunternd zugleich. Würden doch seine Eltern nicht so oft seinetwegen streiten.

Hufschlag ertönte und richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Tor zum Vorhof. Die Wachen ließen den Reiter passieren, es war der Bote vom Vorstenberg.

Stirnrunzelnd verschränkte Brandolf die Arme. »Braucht der vom Vorstenberg jetzt schon die Hilfe eines neuen Verbündeten? Dabei findet meine Heirat doch erst in zwei Wochen statt.«

Norwin konnte auch nur raten. Grübelnd wandte sich Brandolf dem Tal zu. Seiner Mutter zuliebe hatte er sich am Tag der Verlobung mit dem Mädchen höflich unterhalten. Kaum ein Wort gesprochen hatte das unscheinbare Ding, war immerfort errötet. Dabei hatte er sich doch Mühe gegeben, ihr zu erklären, in welch angesehene Familie sie kam und wie gut es ihr unter seinem Schutz ginge. Er würde eines Tages über das Lehen seines Vaters herrschen, welches seine westliche Begrenzung am Ufer der Eder hatte. Und die Vermählung brachte weiteres Land in den Besitz seiner Familie. Notker sollte zufrieden mit seinem Erstgeborenen sein.

»Werter Herr?«, rief der Bote. Seine Mundwinkel hingen nach unten, wie die Schultern.

»Welche Nachricht bringst du uns?« Notker winkte einer Magd, dem Boten eine Erfrischung zu holen.

»Eine traurige. Die Braut Eures Sohnes erkrankte.« Der Bote knetete die Kappe in seinen Händen. »Mein Herr ließ den Pfarrer Fürbitten für sie sprechen, damit sie mit Gottes Hilfe genesen sollte. Es war die Schwindsucht.«

»War? Rede klar. Was ist mit ihr.«

»Leider überlebte sie die Krankheit nicht. Wir sind alle erschüttert. Und da mein Herr keine unvermählte Tochter mehr hat …« Der Bote schielte zu Brandolf.

»… findet keine Heirat zwischen Caseberch und Vorstenberg statt«, vollendete Notker den Satz.

Brandolf nickte bedächtig. Was sollte er dazu sagen? Ein Schicksalsschlag, der jeden hätte treffen können und der nicht in seiner Macht lag. Er kannte das Mädchen zudem kaum. Dennoch würde Notker ihn insgeheim dafür verantwortlich machen, dass er als Oberhaupt erneut versuchen musste, zwei Familien durch eine vorteilhafte Ehe zu verbinden.

»Trink etwas«, wies sein Vater den Boten an, »dann reite zurück und richte deinem Herrn aus, dass auch wir um sie trauern.«

Der Bote verbeugte sich und hastete der Magd entgegen, die mit einem Becher auf ihn zukam.

»Endlich hatte ich eine geeignete Braut für dich gefunden.« Notkers dunkle Augen verschmälerten sich.

»An mir liegt es nicht. Ich habe mich tadellos verhalten. Der Herr vom Vorstenberg war sogar beeindruckt von meiner Kampfeskunst. Eine Krankheit und ein Mangel an Töchtern stehen nicht in meiner Macht.«

»Schon gut.« Notker hob die Hand. »Du bist diesmal ohne Schuld.«

Diesmal? Er bemühte sich stets, Notkers Wohlwollen zu erlangen oder ihn zumindest nicht zu verärgern.

»Ich bedaure ihren Tod. Was hast du vor?« Brandolf sah seinen Vater von unten an.

»Zuerst schicke ich Egilmar an die Höfe, an denen noch unverheiratete Töchter leben. Alles andere wird sich ergeben. Hoffentlich.«

»Sollte ich nicht besser mit ihm reiten? Immerhin geht es um meine Zukünftige.«

Notker schüttelte den Kopf. »Dann gleiche ich zu sehr einem Bittsteller, und wir sind ein stolzes Haus. Aber woher sollst du wissen, wie Adelige ihre Geschicke lenken?«

»Indem sich mein Vater herablässt, es mir beizubringen?«, presste Brandolf bitter hervor. Er erwartete keine Antwort, so schmerzte es weniger, dass Notker an ihm vorbeisah.

Sein Bruder räusperte sich. »Wir finden bestimmt eine neue Braut für Brandolf. Über meine zukünftige Gemahlin stehst du, Vater, ja derzeit in Verhandlungen.«

Wohlwollend lächelte Notker. »Ich weiß, wie vernarrt du in Adelinde bist. Und dein Weib, Norwin, bringt uns zudem die alte Verbundenheit mit unseren Nachbarn zurück. Gisbert ist noch immer ungehalten darüber, dass Graf Werner ausgerechnet bei ihm Land abgezwackt hat, um es uns zu geben.«

Brandolf unterdrückte ein Schnaufen. Zu oft hörte er die alte Geschichte, in der sein Vater sich bei der letzten großen Schlacht zu dem Gaugrafen durchgekämpft und ihm das Leben gerettet hatte. »Und dann stimmt Herr Gisbert der Heirat tatsächlich zu?«

Notker verschränkte die Arme. »Auch er will Frieden und seine Älteste gut vermählt wissen. Norwin ist genau der Richtige für beides.«

»Jetzt weiß ich, was du von mir denkst. Du brauchst es noch nicht einmal auszusprechen.« Er ballte die Fäuste.

»Ich werde dich schon los, verlass dich darauf.« Notker spuckte aus. »Egilmar!« Er winkte den älteren Streiter herbei.

Sachte zupfte Norwin an Brandolfs Ärmel. »Vater beruhigt sich schon«, raunte er. »Du kennst ihn doch.«

Und wie gut Brandolf ihn kannte! Ebenso seine ständigen Abweisungen, wenn er versuchte, sich seinen Respekt zu verdienen. Mit halbem Ohr hörte er zu, wie Notker kurz das Geschehene erwähnte und dem Kämpfer Anweisungen erteilte. Könnte er doch mit Egilmar reiten und so den Streitereien für eine Weile entfliehen. Zumindest teilte er mit seinem Vater das Vertrauen in den Hauptmann.

»Egilmar, lass dir die Töchter zeigen und achte auf ihr Gehabe.« Er nickte ihm ernst zu. »Ich muss für den Rest meines oder ihres Lebens mit ihr auskommen.«

»Seid unbesorgt, junger Herr. Ich kenne Euch von klein auf und werde Eurem Vater und Frouwe Hildrun nach bestem Wissen raten, welche die passendste Wahl wäre.« Der Alte nickte ihm zuversichtlich zu und ging zu seiner Unterkunft.

»Jeden nach seinen Fähigkeiten einzusetzen, erwies sich stets als beste Entscheidung.« Notker brummte vor sich hin. »Womöglich sollte ich dich, Brandolf, an den Hof unseres Grafen schicken. Er braucht immer Kämpfer. Norwin gründet hier eine Familie und führt unsere Herrschaft fort.«

Brandolf keuchte. Das konnte sein Vater nicht ernst meinen! Er war der Erstgeborene! So sehr er den Bruder auch mochte, das ging zu weit.

»Und was, wenn ich Norwins Braut übernehme?«

»Adelinde?« Sein Bruder schluckte. »Ich gönne dir alles, aber nicht die Jungfer, die ich liebe.«

Auch sein Vater schüttelte den Kopf. »Noch ist nicht gewiss, dass Gisbert von der Ehrenburg einwilligt. Es war für ihn nur eine Überlegung. Für Norwin und meine Pläne muss ich ihn überzeugen.«

Sein Bruder atmete erleichtert aus.

»Ich reise bald mit dir zu ihm, Norwin«, fuhr Notker fort, »dann sieht er, was für einen anständigen Gemahl du abgibst.«

»Sehr gerne, Vater.« Der Jüngere lächelte. »Ich werde …«

Mit einer Handbewegung brachte Brandolf ihn zum Schweigen. »Bin ich nicht anständig? Ich bin geübter im Kampf! Führe bereits unsere Leute an, wenn wir Übeltäter jagen! Was sollte jemand an mir auszusetzen haben?«

Notkers rotes Gesicht verhieß Unheil, doch das war Brandolf gleich. Seines Vaters Brustkorb hob und senkte sich schnell.

»Um Ländereien zu beherrschen, braucht man nicht nur Kraft, sondern vor allem Verstand. Norwin denkt nach, ehe er etwas tut. Du jedoch ziehst sofort dein Schwert, als sei es die Lösung für alles, das dir widerfährt.«

»Dieser Strauchdieb hatte die gestohlenen Edelsteine in seiner Gürteltasche.«

»Hast du nachgesehen, bevor oder nachdem du ihm die Klinge in den Hals gestoßen hast?« Notker stierte ihn an.

In dem Moment spürte Brandolf seine Hand am Griff des Schwertes.

Norwin hob beschwichtigend die Hände. »Vater, Brandolf, bitte. Streit bringt uns keine neue Braut herbei. Lasst uns vielmehr hoffen, dass ein anderer Herr eine Tochter hat, die noch nicht versprochen ist.« Zustimmung heischend blickte er beide an. »Wie Mutter uns erzählte, bist du, Vater, auch besonnener geworden, nachdem ihr vermählt wart.«

Einige Atemzüge dauerte es, bis Brandolf seinen Blick von dem noch immer zornesroten Gesicht des Vaters abwandte. Langsam stieg er die Stufen hinab. Er nahm kaum die Bediensteten wahr, die auf dem Weg durch den Vorhof vor ihm zurückwichen.

 

Das schnelle Gehen, fast schon ein Laufen, den Berg hinunter, kühlte seinen Zorn nicht ab. An der Eder angekommen, hieb er mit dem Schwert auf den Stamm einer Kastanie ein. Wieder und wieder. Sein Vater sollte ihn endlich anerkennen. Von Herzen und nicht nur zum Schein vor Außenstehenden.

»Willst du den Baum fällen?«

Brandolf drehte sich abrupt um. Den Reiter hatte er gar nicht bemerkt.

»Ortger? Wie lange haben wir uns nicht gesehen«, begrüßte er den nur wenig Älteren und senkte die Waffe.

»Zwei Jahre ist es her, dass ich den Weidenberg verlassen und auf Geheiß meines Vaters im Heer unseres Gaugrafen gedient habe.« Er zog seine Waffe. »Das Schwert erhielt ich von ihm für meinen Dienst.«

War es ein Zufall, dass er den Sohn des benachbarten freien Herrn an dem Tag traf, an dem sein Vater den Einfall hatte, ihn ebenfalls nach Gudensberg zur Burg des Gaugrafen zu schicken?

»Heißt das, du kehrst zurück? Dann bist du einen schönen Umweg geritten.«

»Für einen Botenauftrag des Grafen. Jetzt geht es aber geradewegs nach Hause.« Ortger stieg vom Pferd und reichte Brandolf seine Klinge, damit dieser sie begutachten konnte. »Es wird Zeit, zu heiraten. Und mit meinen Erfahrungen vom Hof findet sich leichter eine Braut.«

»Meine hat die Schwindsucht dahingerafft.« Brandolf verzog einen Mundwinkel. Doch nicht nur aufgrund dessen. Das Schwert vom Grafen wies eine ausgezeichnete Handwerkskunst aus.

»Bist du deshalb so wütend?«

»Es ist nicht das, was ich gerade gebrauchen kann.« Genauer wollte er nicht darauf eingehen. »In unserer Gegend gibt es viel zu wenige Heiratsfähige, und zu kindlich sollte sie auch nicht sein.«

Dem stimmte Ortger zu. »Nahe dem Grafenhof heiratete ein Witwer diesen Sommer. Sein neues Weib ist so alt wie seine Tochter. Ihm hat es nichts ausgemacht. Aber warum dienst du nicht eine Weile bei Graf Werner?«

»Hast du dich mit meinem Vater abgesprochen?« Brandolf presste die Lippen zusammen und gab ihm die Waffe zurück.

Verwirrt sah Ortger ihn an. »Dazu hatte ich keine Gelegenheit. Aber unter uns gesagt, stärkt es die Verbindung zu unserem hohen Herrn.«

Er erwähnte ein paar Kämpfe an der Seite des Grafen und die netten Jungfern, die der Gräfin Gesellschaft leisteten. »Wenn du Glück hast, schlägt eine ihrem Vater vor, dass die Verbindung mit deinem Haus vorteilhaft wäre.«

Brandolf lachte auf. »So nah kommst du an sie heran? Gilt nicht Keuschheit als weibliche Tugend?«

»Schon, aber eine kleine Plauderei in Gesellschaft reicht aus, um sich kennenzulernen. Erzähle nur nicht ausführlich vom Kämpfen, das langweilt die Weiblichkeit schnell, auch wenn sie uns gerne bei den Übungen zusehen.«

»Ich kann froh sein, wenn ich überhaupt eine neue Braut bekomme.« Brandolf rieb sich den Nacken.

»Na, sei nicht so missmutig.« Zuversichtlich lächelnd neigte Ortger den Kopf zur Seite. »Jetzt habe ich mich lange genug aufgehalten und will weiter, damit ich endlich meine Eltern wiedersehe.«

Sie verabschiedeten sich. Ortger stieg auf sein Pferd und ritt an der Eder entlang zur nächsten Furt. Brandolf sah ihm nach. Sein Blick streifte das Schwert an Ortgers Gürtel, das dieser vom Grafen persönlich erhalten hatte. War das Zusammentreffen ein Zeichen, dass auch er nach Gudensberg sollte? Vielleicht konnte er mit dem Respekt des Grafen auch die Anerkennung seines Vaters erlangen?

Er entschied sich, zunächst Egilmars Rückkehr und das Ergebnis der Brautschau abzuwarten.

 

Kapitel 3

 

Sisgard!«, fauchte die Priorin in ihr Ohr.

Vor Schreck zuckte Sisgard mit der Feder über das Pergament. Die Priorin stand dicht hinter ihr, mit verkniffener Miene. Das bedeutete nichts Gutes. Eilig griff sie nach dem Tuch auf ihrem Schreibpult und tupfte die Tinte, soweit möglich, vom Blatt ab.

»Beim Schreiben hast du zu schweigen«, fuhr Hermintrud leise zischend fort.

»Aber meine Lippen waren verschlossen.« Verständnislos schüttelte sie den Kopf.

»Dennoch hast du es gewagt, Töne hervorzubringen.« Die Priorin hob drohend den Finger.

So leise, wie Sisgard vor sich hin gesummt hatte, störte es doch gewiss niemanden. Sie senkte ihr Haupt.

»Bis zur Sext hilfst du Schwester Magda, das Mittagessen vorzubereiten.«

Wie die Vorsteherin wollte. Mit der Köchin konnte Sisgard immerhin plaudern. Sie legte Tuch und Feder beiseite. Teilnahmsvolle, aber auch hämische Blicke folgten ihr, als sie an ihren Schwestern im Herrn vorbeischritt. Auf dem Weg quer über den Kreuzgang sah sie hoch. Dem Sonnenstand nach dürfte es nur noch eine Stunde bis zur mittäglichen Hore sein.

Sie betrat die Küche. »Schwester Magda, ich soll dir helfen.«

Belustigt sah die andere vom Kochtopf hoch. »Warst du nicht im Skriptorium? Was hast du angestellt?«

»Die Magistra verärgert.« Kurz erzählte sie, was der Vorsteherin missfallen hatte. »Wir singen in der Kirche oder bei den Handarbeiten, dürfen es aber nicht beim Schreiben.« Sie verzog entnervt das Gesicht. »Dabei summte ich ganz leise, um die anderen nicht zu stören. War sie schon immer so streng?«

»Hermintrud? Ja, schon seit ihrer Jugend. In der Kirche dient der Gesang Gottes Lob, bei Arbeiten, die nur unsere Hände beschäftigen, damit wir emsiger sind. Daran hält sie sich eisern.« Magda stellte eine Schüssel mit Karotten, die für die Gemüsesuppe geschnitten werden mussten, vor Sisgard auf den Tisch.

Kaum hatte Sisgard mit der Arbeit angefangen, klopfte es an der Tür. Nach Magdas »Herein« schob sich zunächst ein großer Korb durch den Spalt, dem seine Trägerin folgte.

»Euer Brot, wie jeden Montag.« Schnaufend stellte die Bäckerin ihre Ware auf dem Boden ab.

Die Köchin bedeutete Sisgard, die Laibe in ein Regal zu räumen, wandte sich an das Weib aus dem Dorf und reichte ihr ein paar Münzen. »Gibt es etwas Neues?«

»Heute wird gefeiert. Spielleute haben ihr Lager bei uns aufgeschlagen. Und unsereins darf auch mal Freude haben.« Die Augen der Bäckerin leuchteten.

Sisgard schnaubte. Wie schön für die anderen, sich an Musik, Tanz und Kunststücken der wandernden Gesellen zu erfreuen. Mit Wucht landete das Brot im Regal. Wenn sie doch nur …

 

Nach dem Essen legten sich alle Nonnen und Novizinnen zur Ruhe. Fast alle, denn Sisgard sollte noch die Schalen und Töpfe reinigen. Wenn sich das Seifenstück im Wassereimer nur schneller auflöste! Geschwind wischte sie mit dem Tuch, das sie immer wieder in das Nass tauchte, über die Gefäße. Der Tisch in der Küche war groß. Er bot reichlich Platz, dass das Geschirr dort, geschickt gestapelt, an der Luft trocknen konnte. So sparte sich Sisgard Zeit, die sie besser nutzen wollte.

Nachdem sie den Eimer am Rand des ummauerten Gartens geleert hatte, sah und hörte sie sich um. Bis auf ein paar Vögel schien niemand an diesem Ort wach zu sein. Ganz anders als im Dorf. Von dort drang leise Musik bis zu ihr. Sisgard überlegte. Diejenigen, die direkt neben ihr in der Kammer lagen, schliefen meist schnell ein. Das bekam sie oft mit, wenn sie selbst in Tagträumen versunken durch das winzige Fenster den Himmel betrachtete. Eine günstigere Gelegenheit würde sich nicht ergeben.

Ihr Herz pochte aufgeregt. Hoffentlich entdeckte keine, die womöglich zum Abort wollte, dass sie sich ein wenig Freiheit gönnte. Sie lauschte aufmerksam auf Schritte, erreichte die Hauptpforte der Klostermauer, öffnete sie, blickte sich noch einmal um und huschte hinaus. Anders als um den befestigten Wohnturm ihrer Eltern, wuchsen hier zahlreiche Bäume und Büsche. Diesmal war Sisgard dankbar dafür, dass die Fenster zumeist nur in den Innenhof oder in den Garten zeigten. Dennoch verbarg sie sich lieber hinter den Gewächsen, als den Weg zu nehmen.

Immer lauter drang ihr die Melodie der Flöte entgegen. Alle Bewohner schienen sich auf dem Platz versammelt zu haben. Sie blickte an sich herunter. So würde sie auffallen, besser sie versteckte sich vor ihnen. Umsichtig näherte sie sich weiter den Spielleuten. Doch hörte sie sie mehr, als dass sie etwas erkennen konnte. Links von ihr, auf der anderen Seite des Grubenhauses, stand ein Apfelbaum günstig hinter niedrigeren Büschen. Das Schauspiel lenkte die Leute genug ab. Sisgard raffte ihren Habit und rannte los. Was würde die Priorin sagen, wenn sie wüsste, wie hoch Sisgard ihr Gewand zog, um sich an einem Ast emporzuziehen? Sie sah nach dem Sonnenstand. Gut, etwas Zeit blieb ihr, ehe sie kurz vor der nachmittäglichen Hora zurück sein musste. Dann richtete sie ihr Augenmerk auf das fahrende Volk.

Ein blonder, drahtiger Mann, kaum älter als sie, spielte die Flöte. Mit vergnügtem Lächeln in seinen Augen beantwortete er das Nicken des Grauhaarigen, der die Saiten der Leier nun flinker zupfte. Eine Familienähnlichkeit bemerkte Sisgard nicht an ihnen, obgleich die Gesichtszüge des Älteren halb durch einen Bart verdeckt waren. Beide trugen ihre knielangen Cottas in verwaschenem Rot und Blau. Sisgard wiegte sich leicht zur schneller werdenden Musik und richtete ihr Augenmerk auf ein Weib, an deren rotem Kleid Bänder in verschiedensten Farben genäht waren. Auch ihr dunkles Haar war gleichermaßen geschmückt. Schwungvoll drehte und bog die Tänzerin ihren Leib, den Mund zu einem Lachen geöffnet. Wie beneidenswert. Sisgard durfte das letzte Mal kurz vor ihrer Ankunft im Kloster tanzen.

Nach dem letzten Ton verbeugte sich die Tänzerin und wies auf den jüngeren Musiker. Dieser legte die Flöte beiseite und nahm sich Äpfel aus einem Korb. Geschickt ließ der Blonde sie in der Luft tanzen. Sisgard streckte den Hals vor, um genauer sehen zu können, wie viele Früchte er benutzte. Vier oder fünf, meinte sie, zu erkennen. Mitten im Spiel biss er in eine davon. Sisgard lachte. Seine Kunst vereinte Gewandtheit mit Spaß. Im Anschluss unterhielt der Leierspieler die Zuschauer mit einer Ballade. Sisgards Blick wanderte zu der Tänzerin. Wie alt mochte sie sein? So, wie sie ihren Begleiter mit dem grauen Bart ansah, wohl älter, als sie schien.

Nachdem die Tänzerin noch einmal ihre Kunst vorgeführt hatte, glitt Sisgard schweren Herzens vom Baum und schlich den Weg zum Kloster zurück. In der Küche stellte sie die getrockneten Schalen und Schüsseln eilig in das Regal. Die Glocke rief zum nachmittäglichen Stundengebet. Gerade noch rechtzeitig schlüpfte sie hinter ihren Mitschwestern her.

»Ich hab dich gar nicht im Schlafsaal gesehen«, raunte Grete ihr zu.

Sisgards Mundwinkel zuckte. »Ich trödelte etwas mit dem Abwasch und wollte lieber draußen ruhen, statt euch zu stören.«

Ihre Freundin warf ihr ein Stirnrunzeln zu. Glücklicherweise betraten sie die Kirche, sodass Grete nicht weiter nachfragen konnte.

Angespannt lauschte Sisgard den Worten der Priorin und sang inbrünstig mit. Bloß nicht dabei bewegen, sonst galt sie wieder als aufmüpfig. Und auch nicht an die Spielleute denken. Die Priorin beobachtete sie argwöhnisch. Sisgard senkte in frommer Demut ihr Haupt. Sollte die Priorin glauben, sie habe gewonnen und Sisgard sei nun folgsam.

Nach der Non bat Magda um Hilfe bei der Apfelernte, eifrig meldete sich Sisgard. Dabei konnte sie sich bewegen und ihren Gedanken nachhängen. Sie unterdrückte ein Lachen, als sie die geschmeidigen Schritte der Tänzerin mit den festen der Magistra Hermintrud verglich. Leise summte sie vor sich hin, streckte anmutig den Arm beim Pflücken hoch und drehte sich unter dem Ast hindurch.

»Kind.« Magda schüttelte den Kopf. »Deine Liebe zur Musik sollte sich auf unsere Choräle richten, nicht auf weltliche Lustbarkeiten. Du bringst dich noch in Teufels Küche.«

»Ich bin lieber in deiner.« Sie zwinkerte ihr zu. »Ist es wirklich Gottes Wille, dass wir Trübsal blasen?«

»Tun wir das denn? Nennst du es Trübsal, wenn wir uns in den Gottesdiensten und Stundengebeten ganz auf den Herrn im Himmel einlassen? Und bei den Handarbeiten habe ich dich auch plaudern und lachen sehen.«

Sisgard musste der Älteren Recht geben. »Du kamst schon als Kind hierher. Ich durfte jedes Mal, wenn die Spielleute bei uns waren, ihren Liedern lauschen und zu ihren lustigen Weisen tanzen.«

»Als junges Mädchen erlaubten es dir deine Eltern, doch sobald du einen Gemahl hast, musst du Pflichten übernehmen. Das Leben hier ist viel leichter für uns Weiber, glaub mir.« Magda drückte für einen Moment ihre Hand.

Daraufhin nickte Sisgard nur. Die Köchin konnte nicht verstehen, wie eingesperrt sie sich fühlte. Einzig heimlich durch den nahen Wald zu streifen, was nur selten gelang, ließ sie leicht und frei durchatmen. Auch ihr Gesang half ihr, sich in weite Ferne zu träumen.

 

Nach dem Komplet, dem letzten Stundengebet des Tages, klopfte Sisgards Herz vor Sehnsucht nach den Spielleuten. Nur noch einmal wollte sie ihnen zusehen, ehe diese weiterzogen. Obgleich Sisgard lieber woanders gewesen wäre, bettete sie sich gemeinsam mit ihren Gefährtinnen zur Nachtruhe. Sie fand keinen Schlaf, starrte an die Decke. Was, wenn das fahrende Volk gleich am Morgen aufbrach? Länger als ein oder zwei Tage blieben sie, ihrer Erinnerung nach, nie an einem Ort. Unruhig wälzte sie sich hin und her. Zuhause hatte sie eine eigene Kammer nur mit ihrer Schwester, doch hier lagen neunzehn andere Weiber mit ihr im Saal. Sie lauschte. Nur regelmäßiges Atmen war zu hören. Ob alle schliefen? Sie musste es wagen. Die Nonnen nächtigten stets vollständig bekleidet, damit sie sich zum Nachtgebet nicht anziehen brauchten. Einzig den Schleier lösten sie vom Gebinde, das nur ihr Gesicht freiließ. Dafür war Sisgard nun dankbar. Die Stundenkerze erhellte den Schlafbereich der Priorin, deren Bauch sich ruhig hob und senkte. Sisgard lüftete langsam ihre Decke und setzte sich. Bedächtig trat sie auf, jetzt musste sie nur noch die Tür so leise wie möglich öffnen und schließen. Eine Ausrede hatte sie sich auch schon überlegt, schließlich war der Besuch des Aborts menschlich.

Gerade schloss sie die Tür, da raschelte es in einem Bett. Reglos verharrte Sisgard. Es blieb ruhig. Sie atmete auf und schlich durch den Gang. Erst am unteren Ende der Treppe, die auch in die Küche und zum Speisesaal führte, hielt sie es nicht mehr aus. Sie schob den Riegel der Pforte zur Seite, schlüpfte hindurch und eilte den Weg zum Dorfplatz entlang. Ein Feuer in der Mitte und das Mondlicht halfen ihr dabei, den Pfad zu erkennen.

Diesmal lief der junge Musiker auf seinen Händen, schlug das Rad und balancierte danach eine Fackel auf der Stirn. Die Dörfler bildeten einen Halbkreis mit dem Rücken zu Sisgard. Gut, so konnte sie sich ein paar Schritte von ihnen entfernt einen Platz neben einem Holunder suchen. Es war besser, wenn die anderen sie nicht bemerkten. So dankbar, wie die Dörfler der Priorin für ihre Heilkünste waren, verrieten diese sonst Sisgards Ungehorsam.

Die Musikanten nahmen Flöte und Leier zur Hand. Am Rand stehend, ließen sie der Tänzerin genügend Platz. Wie selbstverständlich gab sie mit einem Kopfnicken den beiden Männern den Befehl, mit dem Spiel zu beginnen. Sisgard streckte sich. Mit offenem Mund nahm sie jeden Schritt, jede Armbewegung und jedes Wiegen mit der Hüfte des Spielweibs auf. Die Melodien durchströmten auch ihren Leib, führten ihn, als sei es das Natürlichste auf der Welt.

Der Blick der Tänzerin traf sie. Nur kurz, doch Sisgard fühlte sich ertappt. Ihre Wangen erglühten und sie zog sich hinter den Holunder zurück.

Wehmütig sah sie dem Spielweib weiter zu. Wie sehr sehnte sie sich danach, es ihr gleichzutun. Viel zu schnell beendeten die Spielleute ihre Vorführung. Der Jüngste unter ihnen stellte einen Korb vor die Werbener, damit diese ihre Bewunderung auch in Naturalien ausdrücken konnten. In Gruppen schwatzend lösten die Zuschauer ihren Blick von der bunten Truppe und begaben sich auf den Heimweg. Sisgard musste zum Kloster zurück, doch bis zum nächtlichen Gebet war gewiss noch Zeit. Und ihre Beine wollten sich nicht von der Stelle bewegen.

 

»Eine Novizin.«

Sisgards Kopf zuckte herum. Neben ihr stand die Tänzerin.

»Keine Angst, ich verrate dich nicht.«

Sisgard atmete erleichtert aus. »Danke. Ich musste dir einfach zusehen.«

»Nur zusehen?« Sie ergriff Sisgards Hand. »Komm mit zu unserer Feuerstelle. Bis zur Vigil bist du wieder im Kloster.«

»Du kennst die Namen unserer Stundengebete?«

Daraufhin lachte die Tänzerin nur. »Nun komm schon, wir fressen dich nicht. Lass mich dir aus der Hand lesen.«

War das nicht Sünde? Andererseits schuf Gott, wenn sie den Geschichten glaubte, alles, und somit auch die Linien auf ihrer Hand. Sie gab nach und folgte dem Weib.

Vor ihrem Karren hatten die Spielleute ein eigenes Feuer entzündet. Ein Maultier begrüßte sie schnaubend. Im Lichtschein und Sisgard näher als zuvor, zeigten sich im Antlitz des Spielweibs einige Falten und in den Haaren graue Strähnen.

»Ich bin Rinelda. Früher trug auch ich den weißen Schleier, bis ich Tankred begegnete.« Sie wies auf den Musiker mit dem Bart.

»Ein außergewöhnlicher Gast.« Tankred verbeugte sich vor ihr und wandte sich Rinelda zu. »Unser junger Freund darf sich noch Kohl von einem der Bauern holen.«

Sisgard stellte sich den beiden vor. Dicht neben dem Feuer nahm Rinelda ihre Hände und betrachtete sie.

»Zart und doch kraftvoll. Deine Herzlinie, sie steht für die Liebe, ist lang und tief.«

Unsinn. Sisgard schnaubte. »Meine Eltern schickten mich ins Kloster, um für das Seelenheil meiner Familie zu sorgen. Von einem Gemahl bleibe ich verschont.«

»Ein Liebhaber ist nicht das Einzige, das ein Herz erfüllt. Und die Unterbrechungen in deiner Schicksalslinie«, Rinelda deutete auf eine, die von den Fingern zum Handgelenk verlief, »verheißen, dass dir Veränderungen bevorstehen.«

Keuchend starrte Sisgard auf ihre Hand. »Welche?«

Die Tänzerin lehnte sich nach hinten. »Das wissen allein die Götter.«

Im selben Moment fuhr Rinelda hoch, und Sisgard zog ihre Hand zurück. Was für ein Frevel!

»Es ist nicht mehr zu ändern. Jetzt haben wir beide etwas, das wir geheim halten sollten.« Rinelda beugte sich vor. »Es gibt sie noch, die alten Götter. Im Verborgenen leben sie weiter. Glaubst du, sie sind tot, nur weil es vor bald zweihundertfünfzig Jahren ein Kaiser befahl?«

Sisgard rieb sich die Handfläche. Ihre Großmutter hatte von dem Leben und den Göttern der Ahnen erzählt. Anderes lehrte sie der Pfarrer ihrer Familie und die Priorin. »Die Christen nennen solche wie euch Sünder.«

Tankred lachte und kniete sich zu ihnen. »Das sind wir nicht mehr und nicht weniger als jeder andere Mensch. Heißt es nicht, Gott beurteilt uns anhand dessen, was wir tun?«

»Wir fügen niemandem Leid zu oder betrügen. Wir verdienen unsere Münzen redlich und bringen den Menschen Freude.«

Sisgard spürte die Ehrlichkeit in Rineldas warmen Worten. Und füllte sich ihr Herz nicht selbst mit Wonne an, wenn sie ihre Stimme erklingen ließ?

»Liebend gerne würde ich singen und tanzen, wann immer ich den Drang dazu verspüre. Aber du weißt gewiss noch, wie streng es im Kloster zugeht.«

»Oh, ja. Unser Leben ist viel freier.«

Das glaubte Sisgard ihr. Sie sah sich um. Die Truppe hatte kein Dach über dem Kopf, lebte von der Hand in den Mund. Dennoch wirkten alle gutgelaunt.

Schritte näherten sich. »Der Bauer gab mir drei Kohlköpfe. Wir sollen morgen Abend zum Festmahl kommen. Sein Ältester hat Namenstag.«

Der Redner trat in den Feuerschein und bestätigte Sisgards Verdacht, dass es sich um den jungen Musiker handelte.

»Was für eine liebliche Überraschung.« Er verbeugte sich tief. »Gestattet die edle Jungfer, dass ich mich vorstelle? Frowin, der Vielseitige.«

»Das habe ich gesehen.« Sisgards Wangen glühten und sie nannte ihren Namen. »Wer hat dir die Kunststücke beigebracht?«

»Das war ich«, mischte sich Tankred ein. »Meine Knochen machen das alles nicht mehr so mit. Daher überlasse ich ihm den Ruhm.«