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Buch

Nach dem verhängnisvollen Ende ihrer Ehe flüchtet die sechsunddreißigjährige Franka Hals über Kopf aus Hamburg in das leer stehende Haus ihrer verstorbenen Großmutter an der Ostseeküste. Das Schicksal führt sie dort mit der nach außen selbstbewussten Iris und der zurückhaltenden Oda zusammen. Beide hüten ein dunkles Geheimnis, das sie mit dem alten Ostseehaus verbindet. Die Stimmung ist angespannt, misstrauisch beäugen sich die drei Frauen. Dabei entgeht ihnen fatalerweise, dass die eigentliche Bedrohung außerhalb der alten Mauern lauert. Denn Franka, Iris und Oda werden unweigerlich von den Dämonen ihrer Vergangenheit eingeholt, und die tödliche Gefahr rückt immer näher …

Autorin

Hannah Häffner wurde 1985 in Heidelberg geboren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften begann sie, als Werbetexterin zu arbeiten und sich parallel dazu verstärkt dem Schreiben zu widmen. Heute lebt sie mit ihrer Familie als freie Texterin und Schriftstellerin in der Nähe von Stuttgart. Mit ihrem Spannungsroman »Nordsee-Nacht« gelang ihr ein grandioses Debüt.

Hannah Häffner

Nebelküste

Roman

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Originalausgabe März 2021

Copyright (c) 2021 Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Gestaltung des Umschlags und der Umschlaginnenseiten:

UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: © Manfred Voss / HUBER IMAGES; FinePic®, München

Redaktion: Regina Carstensen

BH · Herstellung: ik

Satz: Mediengestaltung Vornehm GmbH, München

ISBN: 978-3-641-27820-5
V002

www.goldmann-verlag.de

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1

Die Glühbirne flackerte müde, einmal, zweimal. Dann er­­barmte sie sich, den Raum mit einem schlierigen Schein zu überziehen, der die Schatten nur verstärkte. Die Luft roch feucht und abgestanden, als wüchse in den Schränken und hinter den Büchern im Regal das Moos, als wäre das Erdreich schon dabei, sich das Haus einzuverleiben, das Fundament schon zersetzt von Wurzeln und Käfern.

Es riecht nach Tod, dachte Franka, nach Friedhof im Regen, und sie wusste, dass es Einbildung war. Elena war zwar hier gestorben, aber das war Jahre her, sieben, um genau zu sein.

Und doch. Das Haus war so verbunden gewesen mit Elena, so sehr eins mit ihr, hatte durch sie gelebt und geatmet, dass nun vielleicht auch ihr Tod Teil des Gemäuers geworden war. Nichts war mehr übrig von der ausufernden Wärme, dem lauten Lachen ihrer Großmutter. Alles übertüncht von Stille.

Franka zuckte, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Nur ein Weberknecht, der panisch und auf wippenden Beinen hinter eine vertrocknete Pflanze flüchtete, gestört von diesem plumpen Menschenwesen, nach Jahren der Ruhe.

Der modrige Ficus, der dem Spinnentier Schutz bot, war nur eines von vielen toten Gewächsen, eine geschlagene Armee, dahingestreckt auf den stumpfen Dielen und den staubigen Fensterbänken, kein Leben mehr in ihnen.

Eine der Scheiben war gesprungen, vielleicht die Kälte im letzten Winter. Der gehäkelte Vorhang vor dem Fenster war schimmelig, und auch an den Wänden zeigten sich nasse Flecken und fein verästelte Risse, die, wenn man sie lange genug anstarrte, Millimeter für Millimeter zu wachsen schienen, wie gierige, dünne Finger, die sich nach etwas reckten, dem Ende zu, der Erlösung. So sah kein Zufluchtsort aus, aber wer so dringend eine Zuflucht brauchte wie sie, der nahm, was er kriegen konnte.

Franka ging den Flur entlang zum Schlafzimmer. Das Bett war gemacht, ein staubiger, gewebter Überwurf, die Farben verblasst, die Enden ordentlich unter die Matratze geschlagen. Hier hatte sie geschlafen, früher, ganz früher, eng an ihre Großmutter geschmiegt. Das Rascheln von Elenas Nachthemd und der saubere Geruch ihrer Hautcreme hatten sich ihr eingeprägt, der Inbegriff von Geborgenheit, und die Erinnerung daran überschwemmte sie immer, wenn sie sich verloren fühlte, so wie jetzt.

Eine Nacht tauchte aus ihrem Gedächtnis auf, die Bilder klar und scharf vor ihr, wie sie aus dem Schlaf fuhr, nach Luft rang, ein Traum nur, ein gnadenlos böser Traum, wie sie das Bett abtastete und es leer fand, nichts als kühle Laken. Sie rannte im Dunkeln los, knallte mit dem Kopf gegen den Türrahmen und spürte, wie das Blut zu laufen begann, von ihrer Augenbraue strömte es über ihr Gesicht, und sie tastete sich in die Küche, wo Elena saß, über ein Buch gebeugt, im warmen Licht der kleinen Fransenlampe. Elena schrak auf, ein spitzer, leiser Schrei, als plötzlich diese kleine, bleiche Gestalt vor ihr stand, mit grellem Blut überall. Sie zog Franka auf ihren Schoß, hielt sie fest, drückte ein Geschirrtuch auf die Wunde, und dann – und das war er, der Kern ihrer Erinnerung – war alles gut. Von einem Moment auf den anderen war alles gut, sie war nicht mehr verloren, ihr war nicht mehr kalt, ihr tat noch nicht mal mehr etwas weh, denn es war alles gut. Das war Elenas Zauberkraft gewesen, ihre überirdische Begabung. Sie machte, dass alles wieder gut war.

In jener Nacht hatte sie Franka verarztet und sie ins Bett getragen, und jeder Moment davon war in ihrem Kopf verewigt, eingebrannt, und sie entsann sich sogar an den Geruch der Wolldecke, in die Elena sie liebevoll eingepackt hatte, sauberer Lavendel, dazu das leichte Kratzen des Stoffs an ihren Wangen.

Später, als Franka kein kleines Mädchen mehr war, hatte Elena ihr bei jedem Besuch das Schlafsofa im Gästezimmer ausgeklappt, weiche Leinenbezüge auf den indischen Sofakissen, die kleinen Zierspiegel, Perlen und Quasten spürte sie durch den Stoff. Jeden Morgen erwachte sie mit einem zarten Muster an der Schläfe, jeden Morgen kam Franka damit müde in die warme Küche gewankt, und jeden Morgen fuhr Elena sanft mit den Fingerspitzen darüber, sagte, dass sie endlich einmal ordentliche Kissen kaufen müssten, und lächelte ihr Elena-Lächeln. All das war nun so weit weg, so unbeschreiblich weit von Franka und ihrer Realität entfernt, als wäre es eine andere Welt gewesen, eine andere Franka.

Franka holte Luft, doch es wurde ein Schluchzen daraus, heiser und schmerzhaft. Die Einsamkeit war wie kaltes, schweres Wasser, das ihr um die Knöchel flutete, und sie wollte sich einfach fallen lassen, nicht mehr kämpfen, sich fallen lassen und ertrinken. Es musste sich unvergleichlich anfühlen, berauschend und wunderbar. Einfach aufzugeben. Einfach nachzugeben. Nie wieder zu denken. Sich nie mehr zu erinnern.

Doch sie ließ sich nicht fallen. Noch nicht. Sie ging durch den kalten, dunklen Flur zur Haustür hinaus, die schiefen Steinstufen hinunter, von denen eine gebrochen war, zu ihrem Wagen.

Ihr Gepäck befand sich noch im Kofferraum, ein Relikt aus einer anderen Zeit. Dabei war das alles gerade erst passiert: die Geschäftsreise nach Frankfurt, die hektische Abfolge von Terminen, die unruhige Nacht im Hotel, ihre rasenden Kopfschmerzen am nächsten Morgen, noch mehr Termine, die zu einem einzigen verschwammen, dann ihre Rückkehr nach Hamburg, ihre Erschöpfung und die Erleichterung, als sie endlich die Tür aufschloss, sich vornahm, den Koffer später aus dem Wagen zu holen, jetzt erst mal ein Glas Wein, ein Teller Pasta vielleicht.

Doch dann war alles anders als in ihren Gedanken. Da war Vito, so still und weit entfernt und kein Lächeln auf seinem Gesicht, und dann der Moment, in dem er ihr den Boden unter ihren Füßen wegzog. Alles vernichtete.

Der Schock. Das Geschrei. Ihr lautes Weinen, das in ihren Ohren so klang wie das einer Fremden, einer Verrückten.

Jetzt kam es mit Macht zu ihr zurück, aus den Untiefen ihres Kopfes, und sie legte sich die Hände über die Ohren, hielt sie sich fest zu, zitternd, wartend, dass der Lärm verklang.

Als das Schreien verebbt war und sie wieder atmen konnte, hob sie den Koffer aus dem Auto und wandte sich zum Haus. Bei ihrer Ankunft hatte sie es kaum wahrgenommen, aber nun sah sie es, sah es in all seiner traurigen, heruntergekommenen Pracht im Dämmerlicht stehen, sah die Verletzungen, die die Zeit ihm zugefügt hatte, die Schatten in seinen Winkeln, die Erinnerungen, die sich in ihnen versteckten.

Obwohl es nicht besonders groß war, wirkte das Haus herrschaftlich, was an den kleinen Erkern und den rundlich zulaufenden Buntglasscheiben liegen mochte. Die von grob behauenen Natursteinen eingefasste Eingangstür mutete ein wenig wie ein Portal an, wenn auch ein bescheidenes. Franka wusste nicht, wann und von wem das Haus erbaut worden war, aber es war offensichtlich, dass es für damalige Verhältnisse viel Geld gekostet haben musste. Es war nicht als bescheidenes Heim ersonnen worden, selbst wenn es das für Elena und sie schließlich gewesen war. Ein Zuhause, schlicht ausgestattet, zugig im Winter und kühl im Sommer, mit tropfenden veralteten Wasserhähnen und widerwillig polternden Boilern, mit knarzenden Dielen und Fenstern, die sich nur mit Gewalt öffnen ließen, aber ein Zuhause. Ein echtes, lebendiges, atmendes, Wärme ausstrahlendes Zuhause.

Und nun lag das Gebäude vor ihr, trutzig und vorwurfsvoll, längst kein Glanz mehr vergangener Tage, keine Spur mehr von Heimat. Sie hatte es verfallen lassen, hatte es nicht ertragen, hier zu sein, wo Elenas Abwesenheit sie mit verzerrten Mündern aus jeder Ecke niederschrie. Jetzt, da es keinen anderen Ort mehr für sie gab, war sie zurückgekehrt und musste hoffen, noch willkommen zu sein.

Sie riss sich los von dem düsteren, schmerzhaften Anblick. Entschlossen griff sie nach ihrem Koffer und schleifte ihn die Stufen hinauf. Sie würde aufhören nachzudenken. Sie würde sich etwas anderes anziehen als den völlig zerknitterten, fleckigen Hosenanzug. Sie würde sich das Gesicht waschen, wenn aus dem Hahn noch Wasser kam, den Dreck und den Schweiß loswerden. Sie würde sich wieder wie ein Mensch fühlen, ein halber nur vielleicht, immerhin nicht mehr ganz Tier.

Doch als sie den Koffer in Elenas altes Schlafzimmer gezerrt hatte, verließ sie ihre Kraft. Sie wich ganz plötzlich aus ihr, das letzte Überbleibsel dessen, was einmal ihr Lebensmut gewesen war. Was sie aufrecht gehalten hatte, war aufgebraucht. Sie sank auf die klamme, kalte Matratze, rollte sich zusammen und wurde gepackt von einer allumfassenden Taubheit. Sie fühlte nichts. Sie fror nicht. Sie spürte nicht einmal, wie sie atmete.

Keine Tränen, keine Angst. Einfach da sein, einfach existieren, bis es irgendwann vorbei war. Es musste irgendwann vorbei sein, denn alles war irgendwann vorbei. Alles.

Das kühle Morgenlicht fiel durch den Spalt zwischen den Fensterläden, die nicht richtig in den Angeln hingen. Franka hielt den Atem an, eine alte Gewohnheit. Wenn sie den Atem anhielt, konnte sie das Rauschen der Wellen hören. Ruhig oder wild, aber immer vertraut. Wie damals, als sie dachte, das Meer flüstere ihr etwas zu. Sie hatte Worte erkannt, Mantras, geplätschert, geflossen, mit beruhigender Regelmäßigkeit, und aus dem Raunen der Wellen wurde die Stimme ihrer Großmutter, die sie zu sich rief, an den Frühstückstisch, zu heißem schwarzem Tee und salzigem Butterbrot.

Doch sie war nicht zu Besuch bei Elena, sie war nicht mehr dreizehn. Sie war sechsunddreißig und mutterseelenallein. Allein in diesem gottverlassenen Haus, allein mit den Trümmern und Fetzen dessen, was einmal ihr Leben gewesen war. Kein Traum, kein Hirngespinst, sondern die nackte Realität.

Sie setzte sich mühsam auf. Ihr Körper fühlte sich an wie geschunden, von einer brutalen Anstrengung, einem wilden Lauf, und es stimmte ja auch, nichts anderes war ihre Flucht gewesen, gehetzt wie ein Tier, getrieben von Instinkten, raus aus Hamburg, an den einzigen Ort, der Schutz versprach.

Sie biss die Zähne zusammen und stand auf. Der Flur wirkte viel freundlicher als in der Nacht, bunt geflecktes Tageslicht fiel durch die beiden Fenster. Die Dielen knarrten wie früher, und wie früher fing sich die Morgensonne in der mit glitzernden Kristallen besetzten Eule auf dem Regalsims. Immer noch, trotz des Staubs, der sich auf die Flügel gelegt hatte. Die Eule stammte aus Athen, Franka hatte sie Elena geschenkt, nach einer gemeinsamen Reise dorthin, nur sie beide, was waren das für Zeiten gewesen, so zerbrechlich und hell, so voller Glück und Vergänglichkeit. Sie hatte es geliebt, mit Elena zu reisen, die sich nie den Kopf darüber zerbrochen hatte, was ein Tag bringen würde, sondern sich ihm einfach entgegengeworfen hatte, jeden Moment angenommen hatte als neue Erinnerung. Sacht strich Franka über die rauen Flügel der Eule und öffnete dann die Tür zur Küche.

Sie schrie auf, als sie die Gestalt sah. Im Gegenlicht, nur die Umrisse zu erkennen, vor dem Fenster, leicht gebeugt.

Die Person fuhr herum. Eine Frau, älter als sie. Die blonden kurzen Haare standen wirr vom Kopf ab.

»Wer sind Sie?« Franka tastete nach der Tür hinter sich, ging langsam rückwärts. »Was tun Sie im Haus meiner Großmutter?«

Die Frau trat einen Schritt auf sie zu. »Es – es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass Sie …«

»Wer Sie sind, habe ich gefragt.« Franka hörte die Angst in ihrer eigenen Stimme, umfasste fest den Türrahmen.

»Bitte, ich will nichts von Ihnen. Ich habe einfach – sind Sie Elenas Enkelin?«

»Ich will wissen, wer Sie sind!«

»Ich bin Iris. Iris Quast. Ich bin … eine alte Freundin von Elena. Wir haben uns in Indien kennengelernt, damals. Ich … Elena sagte, ich könnte zu ihr kommen, wenn ich in Schwierigkeiten bin. Hierher.«

»Elena ist tot.«

»Das dachte ich mir.« Der Kummer auf dem Gesicht der Frau schien echt zu sein. »Das Haus war verlassen bei meiner Ankunft. Ich meine – es sah verlassen aus. Ich wusste nicht, dass Sie hier sind.«

»Es sah verlassen aus. Und da brechen Sie einfach ein?«

»Die Tür war nicht abgeschlossen. Ich bin nicht eingebrochen, ich bin einfach hineingegangen, okay?« Die Frau trat einen Schritt auf Franka zu. »Wie heißen Sie?«

»Mein Name ist Franka Gehring«, sagte Franka. »Nicht, dass es Sie etwas angehen würde.«

»Hören Sie, Franka. Ich weiß, das war nicht in Ordnung, aber ich brauchte einen Ort, an dem ich die Nacht über bleiben konnte. Ich wusste nicht, wohin. Das Taxi war weg. Ich dachte, es stört niemanden, wenn ich eine Nacht … Ich habe mich einfach in die Küche gesetzt und nachgedacht. Und dabei bin ich eingeschlafen.«

»Und mein Wagen vor der Garage? Den haben Sie nicht gesehen?«

»Es war dunkel.« Die Frau hob entschuldigend die Hände. »Wirklich, Sie müssen mir glauben. Ich habe einfach nicht damit gerechnet, dass jemand hier ist, so wie das Haus aussah. Ich wollte mich einfach … verkriechen. Nur verkriechen.«

Wie ich, dachte Franka unwillkürlich. Doch dann riss sie sich zusammen. Diese Frau war nicht wie sie. Die Frau war in Elenas Haus eingedrungen, ohne dass sie dort etwas zu suchen hatte, und nun musste sie verschwinden. »Sie haben die Nacht hier verbracht. Und jetzt gehen Sie, sonst rufe ich die Polizei.«

»Ich hatte gehofft, dass ich … dass ich vielleicht hier unterkommen könnte. Nur für einige Tage. Bitte.«

Franka musterte die Person, die vor ihr stand, in zerbeulten Jeans und einem voluminösen Wollpulli, in dem man ihre magere Statur nur erahnen konnte. Die Arme hatte sie schützend vor dem Körper verschränkt, ihr Gesicht sah müde und grau aus.

»Finden Sie das nicht ein klein wenig unverschämt? Ich kenne Sie überhaupt nicht. Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind und was Sie hier wollen. Ich werde wohl kaum eine völlig Fremde hier wohnen lassen.«

»Ich weiß nicht, wohin ich sonst gehen soll. Ich …« Sie senkte die Augen, atmete durch. »Bitte, Franka. Lassen Sie mich nicht betteln. Ich werde nicht betteln.«

»Hören Sie, nur weil Sie mir Ihren Namen sagen und behaupten, dass Sie meine Großmutter gekannt haben, haben Sie kein Recht …«

»Dann gehe ich jetzt.« Die Frau, die behauptete, Iris zu heißen, griff nach ihrem zerbeulten armeegrünen Parka, der über der Lehne eines der Küchenstühle hing. »Machen Sie es gut, Franka. Sie sehen aus wie Ihre Großmutter. Aber Sie sind nicht wie sie.« Sie schob sich an Franka vorbei, und sie konnte ihn riechen, den Geruch von altem Zigarettenrauch und ungewaschenen Kleidern, von Erschöpfung und Ungewissheit; dann war er verflogen. Iris war bereits an der Haustür, zog sie auf und ging hinaus, in den hellgrauen Morgen.

Franka stand auf der obersten Stufe der Eingangstreppe und sah zu, wie die Frau über die grasbewachsene Einfahrt ging, in schweren schwarzen Schnürschuhen, die Hände tief in den Taschen. Sie blickte nicht zurück, hatte schon fast die Straße erreicht.

Jetzt war der letzte Moment. Der allerletzte.

»Iris.«

Die Frau drehte sich um. Das kühle Tageslicht ließ ihre Haut noch fahler wirken, die Schatten unter den Augen traten deutlich hervor. »Was ist?«

»Sie haben meine Großmutter gekannt?«

»Ja.«

»Und Sie sind in Schwierigkeiten.«

Iris rieb sich erschöpft die Stirn. »Ja.«

Franka trat zur Seite. »Kommen Sie herein.«

2

Der Löffel, mit dem Iris in ihrem Kaffee rührte, klickte leise an das dünne Porzellan der Tasse. Eine Umdrehung. Noch eine.

Auch vor Franka stand eine Tasse, doch sie trank nicht. Starrte die Tasse nur an, dann wieder die Frau, die ihr gegenübersaß.

Es war verrückt. Wer war diese Person? Was wollte sie, und was in Gottes Namen hatte sie sich nur dabei gedacht, diese Iris bleiben zu lassen? Hier, in diesen Wänden, die ihr eigentlich Schutz bieten und keine neue Bedrohung für sie bereithalten sollten?

Franka war sich nicht sicher, ob Iris eine Gefahr war. Sie konnte alles sein, so viel stand fest. Gut, böse, ehrlich, falsch. Vielleicht war sie von allem ein bisschen. Wie bei einer dieser optischen Täuschungen, Zeichnungen, die je nach Perspektive eine alte oder eine junge Frau, einen Mann mit buschigem Bart oder eine hübsche Dame zeigten.

Die Frau, die behauptete, Iris zu heißen, hatte graue Augen mit Lachfalten drum herum, und unter der Blässe war ein Rest Sonnenbräune zu erkennen. Nicht die Art von Bräune, die man sich am Strand zulegte oder bei einem Picknick im Freien, sondern jene, die mit der Zeit kommt, wenn man sich den Elementen aussetzt, wettergegerbt, wettererprobt. Der Mund schien, als wäre er geübt im Lächeln, auch wenn Iris jetzt keine Miene verzog, sondern einfach dasaß, zuließ, dass Franka sie musterte, sezierte. Die aschblonden kurzen Haare waren zerzaust, und die Erschöpfung, die Iris ins Gesicht geschrieben stand, wirkte glaubwürdig. Doch da war dieser Zug um den Mund, der Franka zögern ließ. Herrisch vielleicht, oder versteckte Ungeduld? Und das, was in Iris’ Blick lag – war es Freundlichkeit oder gewollte Freundlichkeit, der Wunsch, sie zu täuschen, sie milde zu stimmen, unvorsichtig zu machen?

Aber wenn es so war, wozu dann das Ganze? Wenn Iris nicht die war, die sie vorgab zu sein, blieb nicht nur die Frage, wer sie dann war, sondern auch, warum sie all das tat. Warum sollte sie, eine völlig fremde Frau, bei Franka auftauchen und sich bei ihr einquartieren wollen, ihr dazu irgendwelche Märchen erzählen? Franka wusste es nicht. Aber ganz gleich, wer Iris war und was sie in Elenas Haus geführt hatte, sie blieb ein Fremdkörper.

Franka schloss halb die Augen, ließ sich vom blassen Tageslicht blenden. Dort, wo sie Iris’ Umrisse wahrnahm, hätte Elena sitzen müssen. Die Anrichte hätte nicht von Staub und Spinnweben bedeckt, sondern blitzblank sein sollen, und darauf angeschlagene Blumentöpfe mit wuchernden Kräutern, eine abgedeckte Schüssel mit Teig für einen Apfelkuchen und dazwischen, ganz sicher, ein Buch, eselsohrig und abgegriffen, denn Elena hatte gelesen, wo sie ging und stand, immer zwischendurch, während sie mit einer Hand im Topf rührte oder das Spülbecken wienerte, hatte sich von einer Geschichte nicht lösen können, wenn sie sie einmal begonnen hatte.

Statt dünnem, bitterem Kaffee, hastig angerührt aus Pulver weit jenseits des Verfallsdatums und metallisch schmeckendem Wasser, hätte in den Tassen aromatischer Tee dampfen sollen. Auf Tee hatte Elena Wert gelegt, er war stets von bester Qualität gewesen und immer lose, nie in Beuteln.

Statt mit der Stille zwischen zwei Fremden hätte die Küche mit Elenas Stimme gefüllt sein sollen, mit leisem Gesang, einer atemlos erzählten Anekdote; Elena hatte stets vor der Pointe gelacht und so jeden Witz ruiniert.

Die Fenster hätten nicht blind sein sollen vom Schmutz, sondern klar und sauber, mit dem Meer dahinter, dem gleichgültigen, mit den Wellen in Grau und Grün, mit dem Himmel darüber, der die Endlosigkeit spiegelte. Das Licht hätte warm sein sollen, die Atmosphäre tröstlich und vertraut.

Es war nicht mehr Elenas Haus, das Haus, das Franka so geliebt hatte, und es war es doch, irgendwie. Das türkisblaue Muster der Fliesen hinter dem Herd, stumpf und doch noch gut zu erkennen. Die Gewürzschubladen, die Etiketten von Elenas Hand beschriftet, akkurat und unbeirrbar. Unter dem modrigen, rostigen Geruch der Hauch von etwas anderem, von Zimt, Nelken und Lavendel, wie damals. Es war wie ein Sog in die Vergangenheit, zurück in eine Zeit, an einen Ort, an dem sie nicht allein gewesen war.

Elena, die sie festhielt und beruhigende Worte in ihr Ohr murmelte, immer die gleichen, alles ist gut, alles wird gut, bis Franka wieder atmen konnte.

Elena, die ihr, ohne ein Wort des Vorwurfs, die Hände verband, wenn sie ihrer Wut freien Lauf gelassen hatte.

Elena, die sie in Empfang nahm, wenn Frankas Mutter Livia ihre Tochter absetzte, ohne auch nur aus dem Wagen zu steigen, »Da, nimm das cholerische Balg«, und Elena legte Franka den Arm um die Schultern, mit so viel Würde, und sagte: »Schön, dass du da bist.«

Elena, die sie hielt, wenn sie weinte, Elena, die mit ihr die Scherben auflas, wenn sie in einem Anfall von »Ichweißnichtweiter« wieder einmal etwas zu Fall, zu Bruch gebracht hatte.

Elena, deren Knöchel weiß wurden vor Wut und das Kinn starr, weil Franka ihr mit fünf Jahren erklärt hatte, dass sie ein schreckliches Kind sei, das sei eben so und das hätte ihre Mama ihr gesagt, und dann hatte Franka angefangen zu weinen, weil Elena nur noch geschwiegen hatte, und in der Nacht hatte Franka gehört, wie Elena ins Telefon schrie.

Elena, die fast platzte vor Stolz, als Franka sich machte, als die Wutanfälle langsam weniger wurden, schließlich ganz verschwanden, als Franka sechzehn war. Die immer betonte, wie sehr sie sie bewunderte, ihre Willenskraft, ihr Durchhaltevermögen, ihre Entschlossenheit, die eigenen Dämonen im Zaum zu halten, dabei war es doch Elena, die die Dämonen besiegte, einfach indem sie nie aufhörte, an Franka zu glauben.

Elena, die neben ihr stand, gerade nah genug, und mit ihr auf die Wellen starrte, auf das graue schwere Meer, das sich wie ein Körper träge bewegte, vor und zurück, vor und zurück, während Frankas Gedanken die Form von vier Worten annahmen, nichts anderes mehr als »Meine Mutter ist tot«.

Elena, die wie durch ein Wunder den richtigen Ton fand. Die Franka erklärte, wieder und wieder: »Natürlich hat sie dich geliebt. Auf ihre Weise. Doch, mein Mädchen, sie hat dich geliebt, ich weiß es, ich weiß es. Vergiss es nicht.«

Elena, die ihr, mit schier endloser Geduld, geholfen hatte, ihre Gefühle zu verstehen. Was es hieß, dass sie nun eine Waise war, de facto, denn ihren Vater hatte sie nie gekannt, und für Alexander, den Freund ihrer Mutter, hatte sie nichts als Verachtung übrig. Was es bedeutete, dass sie ihre Mutter hasste und gleichzeitig vermisste, was es mit ihr machte, wenn die Erinnerungen kamen, die wenigen liebevollen. Der Sommer in Frankreich, sie an Mamas Hand, die sie aus den Wellen zog, wenn sie zu heftig wurden. Sie auf ihrem Schoß, einen klebri­gen Lebkuchen in der Faust, an einem der wenigen Weihnachtsfeste, die friedlich verlaufen waren; sie musste damals drei oder vier Jahre alt gewesen sein.

Wenige Glücksmomente, denen sie kaum zu trauen gewagt hatte, wissend, dass sie im nächsten Augenblick vergangen, verflogen, zerbrochen sein würden. Und dazwischen die langen Zeiten des Alleinseins, der Unsicherheit, in denen Livia immer wieder verschwand, Gott wusste, wohin, in denen Livia trank, mehr als gut für sie war, das wusste sogar Franka, weil Livia dann bitterböse wurde, laut und schrill, und sich hinterher weinend bei ihr entschuldigte. Zeiten, in denen sie Männer mit nach Hause brachte, die ihrerseits mehr tranken, als gut für sie war, die Franka das Gefühl nahmen, ein Zuhause zu haben, in dem sie sicher war, eine Mutter zu haben, die sich um sie kümmerte.

Und nur Elena als Rettungsanker, Elena, die ihr sagte, dass sie sie liebte und es ihr auch zeigte. Elena, die sie, sooft sie konnte, zu sich holte, bis Livia Tage, Wochen später auftauchte und ihr Kind zurückforderte, plötzlich von der Überzeugung gepackt, doch eine gute Mutter sein zu müssen, zu können. Bis irgendwann – Franka musste zwölf oder dreizehn gewesen sein – die Phasen, die sie bei Elena verbrachte, immer länger geworden waren. Immer seltener wurde Livia von Muttergefühlen übermannt, immer mehr gewöhnte sie sich an die wunderbare Freiheit, kein Kind zu haben und schon gar nicht so ein verstocktes. Bis Elena irgendwann ihren Mut zusammennahm und rundheraus von Livia verlangte, dass Franka ganz bei ihr bleiben solle. Franka hatte von der Treppe aus das leise und angespannte Gespräch der beiden Frauen belauscht, die sich schon lange nichts mehr zu sagen hatten. Sie hatte gehört, wie Elena den alles entscheidenden Vorschlag machte, und als Livia zugestimmt hatte, einfach so, ohne zu zögern, hatte sie geweint, vor Erleichterung, aber auch vor Traurigkeit darüber, dass sie es nicht mehr leugnen konnte: Sie war ihrer Mutter egal, und es kümmerte Livia nicht, wenn ihre Tochter aus ihrem Leben verschwand, für immer.

Dann, endlich: ein Zuhause. Ein Leben, das fast zu glücklich war, um es als normal zu bezeichnen. Zusammen mit Elena, in dem alten, knarrenden Haus voller Licht. Ein Leben mit einem eigenen Zimmer, das Elena für sie einrichtete. Ein Leben am Meer, das ihr Ruhe gab, die Weite, die ihr fehlte, wenn sich alles in ihrem Inneren eng zusammenzog. Sie konnte die salzige Luft schmecken, konnte schmecken, wenn sie atmete, und wusste so immer, dass sie Luft bekam. Ein Leben mit solch trivialen Dingen wie Frühstück, Badetag, frischer Wäsche, Bratkartoffeln, Pfannkuchen, Schlafenszeit.

Ein Leben.

Franka erinnerte sich an einen Sommertag, es musste Ende August gewesen sein, vor gut achtzehn Jahren. Zum ersten Mal war sie verliebt, in einen jungen Mann aus dem Dorf, das Elenas Haus am nächsten lag. Jannek war genau der Typ, den sie nie gesucht hatte. Aber irgendwann war er in einer der Kneipen aufgetaucht, in die Franka manchmal gegangen war, wenn Elena sie aus dem Haus gescheucht hatte, weil alle jungen Leute mal rausmussten, so zumindest hatte ihre Großmutter es gesehen.

Anfangs hatte sie sich Mühe gegeben, Jannek nicht zu beachten, hatte seine bissigen Kommentare in großer Runde ignoriert, seine Blicke, erst recht sein leises, spöttisches Lachen. Hatte nicht wahrhaben wollen, was in ihr passierte, wenn er sie ansah, so ruhig und voller Zuversicht, dass sie ihn schon erkennen würde als den, der er war. Und irgendwann hatte sie ihn dann erkannt, unter der Fassade aus blöden Sprüchen und schlechten Witzen, hatte aufgehört zu verdrängen, was mit ihr geschah.

Hatte ihn geküsst, in einer windigen, kühlen Sommernacht, betrunken und euphorisch. Hatte ihn am nächsten Tag wieder geküsst, als er vor Elenas Tür gestanden hatte, und danach wieder und wieder. Hatte irgendwann verstanden, dass dieses Gefühl, das sich in ihr ausbreitete, um zu bleiben, dieses wilde, laute, zerbrechliche Gefühl Liebe war. Und dass Liebe nichts war, gegen das man ankämpfen musste, wenn man nicht wollte.

Hatte sich bei lächerlichen Tagträumereien ertappt, die ihr so gar nicht ähnlich sahen, hatte sogar darüber nachgedacht, ob es das jetzt wirklich war, das neue Leben, das sie vielleicht ja doch verdient hatte.

Dieser Sommertag, an den sie dachte, war der Tag gewesen, an dem sie Elena von Jannek erzählt hatte, von ihren Gefühlen, von dem Chaos, von der Tatsache, dass sie nicht mehr schlafen konnte und nicht mehr essen.

Elena, die all das bereits wusste – wie hätte sie es nicht wissen können? – , hatte Franka in die Arme genommen. Hatte sie festgehalten und ihr gesagt, wie sehr sie sich für sie freute. Hatte sie auf den Scheitel geküsst und für ihr kleines Mädchen gebetet, hatte nicht gesagt, was sie wirklich dachte von Jannek, hatte so nicht sein wollen.

Später, in Verzweiflung und Selbsthass, nachdem Jannek einfach aus ihrem Leben verschwunden war, hatte Franka Elena zur Rede gestellt. Hatte es ihr auf den Kopf zugesagt: »Du hast es doch gewusst. Hast gewusst, dass es so kommen wird, hast gewusst, wie er ist.«

Und Elena hatte es nicht abgestritten.

Franka hatte geschrien und geweint – »Warum hast du es mir nicht gesagt, wenn du es doch gewusst hast?« – , und Elena hatte nur geschwiegen und schließlich gesagt, dass sie es sich nicht erlauben dürfe, Franka ihre eigenen Erfahrungen zu verwehren, auch wenn sie es sich manchmal wünsche, und dass sie im Übrigen nicht glaube, dass sie klüger sei als Franka und alles besser wisse als sie. »Woher hätte ich wissen sollen, dass ich mich nicht täusche?«, hatte sie gefragt.

Und Franka hatte dagestanden, mit hängenden Armen, brennenden Augen und voller Scham, und Elena hatte sie an sich gezogen, hatte sie gehalten, während die Tränen wieder anfingen zu laufen.

All das war hier passiert, in dieser Küche, und Franka hatte das Gefühl, dass all die Worte, all die Liebe, all die Tränen noch hier waren, in den Ritzen, in den Fugen, ausharrten, bis sie sich wieder hervorwagen konnten, bis sie wieder gebraucht wurden.

Iris hatte die ganze Zeit geschwiegen, hatte sie betrachtet, unaufdringlich und geduldig. »Noch da?«, sagte sie jetzt, und der Ton war gleichermaßen höflich wie ironisch.

»Ja«, sagte Franka.

»Sie reden nicht viel, oder?«

»Momentan nicht«, antwortete Franka und fragte sich, ob es ein Fehler gewesen war, die Fremde zurückzuhalten.

»Möchten Sie noch einen Kaffee?«, fragte Iris und deutete auf die Dose mit dem längst verfallenen Pulver, die Franka zuvor aus dem Oberschrank genommen hatte. Sie hatte genau dort gestanden, wo sie immer gestanden hatte, zu Elenas Zeiten.

Franka schüttelte den Kopf. In ihren Ohren rauschte es. So viel Liebe in ihrem Leben, einst, und nun nichts mehr davon. Alles lag in Trümmern, wie schon einmal, nur dass keine Großmutter mehr kommen würde, um sie zu retten. Dieses Mal nicht. Es war vorbei, und sie war allein, unwiderruflich, und die Gewissheit legte sich um sie wie eine Decke aus Blei.

»Ich muss raus«, sagte sie und schob abrupt ihren Stuhl zurück. Es widerstrebte ihr, die Fremde im Haus allein zu lassen, aber sie hatte das Gefühl, dass sie keine Luft mehr bekommen würde, wenn sie blieb.

»Sicher«, sagte Iris.

Was hätte sie auch sonst sagen sollen? Franka spürte, dass Iris ihr nachsah, bis sie die Tür hinter sich zuzog.

3

Draußen jagte der Wind wuchtige Wolken über den grellblauen Himmel und türmte sie am Horizont zu einem beeindruckenden Gebilde auf. Franka lief den schmalen Pfad entlang, den sie schon unzählige Male gegangen war, hinunter zum Strand. Die Luft war klar und kühl, ein herbstlicher Oktobertag, und ihr wurde bewusst, dass sie nur ihren zerknitterten Hosenanzug trug, immer noch, mit nichts als einer dünnen Bluse darunter. Sie schlang die Arme um ihren Körper und lief zügig vorwärts, erst auf das Wasser zu, dann parallel zu den Wellen.

Die Tränen begannen zu fließen, sobald die Bilder aufflackerten.

Vito. Vito mit den stoppelkurz rasierten Haaren, schwarz mit Silber darin, und dem breiten Nacken. Sonst war er grundsätzlich braun gebrannt, das blühende, zufriedene Leben, hatte sie stets geneckt wegen ihrer weißen durchscheinenden Haut, während er nur einmal in die Sonne blinzeln musste, um Farbe zu bekommen. »Italienischer Gassenjunge eben«, hatte er immer gesagt, aber in diesem Moment war er blass gewesen, ein graues bleiches Gesicht. Sie hatte es sofort gesehen, als sie sich ihm genähert hatte.

Sie war am frühen Abend nach Hause gekommen, die harten Tage in Frankfurt noch in den Knochen, hatte nach ihm gerufen. »Vito? Ich bin da«, doch keine Antwort, stattdessen Stille, und dann er, wie er dort saß, auf der Couch, die Ellenbogen auf den Knien und den Kopf gesenkt. Da hatte sie schon gewusst, dass etwas nicht stimmte. Sie war zu ihm gegangen, über den grauen teuren Teppich, der ihre Schritte schluckte, quer durch das große, helle Wohnzimmer, das ihr damals gleich so gefallen hatte, als sie das Haus besichtigten, ihr gemeinsames Haus, ihr Heim, nur ihres.

Sie hatte sich zu ihm gebeugt, hatte ihn küssen wollen, doch dann hatte er ihr das Gesicht ganz zugewandt. Es war unübersehbar gewesen, dass er geweint hatte, und sie hatte sofort das Schlimmste befürchtet. War seine Mutter in Italien gestorben, sein Bruder? War etwas mit Vitos Neffen Leandro und Mattia, die sie beide abgöttisch liebten?

»Was ist los?«, hatte sie gefragt, und weil er nicht reagiert hatte, hatte sie ihre Frage wiederholt. »Was ist los? Ist etwas passiert? Vito, jetzt sag schon!«

Vito hatte sein Gesicht erneut in den Händen vergraben, und ihr waren die Knie weich geworden. Es musste etwas Schreckliches sein, und sie wollte es wissen, musste es wissen.

Schließlich hatte Vito zu reden begonnen. Nicht viel, nur so viel, dass sie verstand, dass es vorbei war. Alles war vorbei. Ihre Beziehung, ihr Leben, wie sie es kannte.

Sabina hieß sie, die andere. Franka erinnerte sich an sie, sie leitete das Cuore, ein Restaurant, das Vitos bestem Freund gehörte. Eine mühelos schöne Frau, schlank, aber nicht mager, mit dunkelblonden Locken und unverschämt makelloser, schimmernder Haut. Weiße Bluse, dunkle, schwere Brille. Und jung, so jung. Sabina also. So hieß es, das Ende.

Sie hatte das Gefühl gehabt, keine Luft mehr zu bekommen. Der überwältigende Drang, alles von sich zu schieben, einfach so zu tun, als wäre all das nie geschehen. Als wäre alles noch wie vorher. Vito einfach einen Kuss auf die Stirn drücken, leg die Füße hoch, ruh dich aus, und sie in der Küche, sprudelndes Nudelwasser im Topf, in der Pfanne Salbei und rote Zwiebeln, gute Butter und Speck, und dann einfach essen, auf der Couch, Vitos Beine über ihren, ein alter, uninteressanter Film, Zweisamkeit. So sollte es sein, doch so würde es nie mehr sein. Nie wieder.

Sie hatte Fragen stellen wollen, all diese Fragen nach dem Warum. Warum nur? Warum liebst du mich nicht mehr? Warum tust du mir das an? Doch ihr waren die Worte nicht eingefallen, und als sie ihr eingefallen waren, hatten sie groß und schwer und sperrig in ihrem Mund gelegen, unmöglich, sie herauszubekommen, sie auszusprechen, als ob sie diese neue Wahrheit besiegeln, sie unwiderruflich machen würden.

Stattdessen hatte Vito weitergesprochen, immer mehr hatte er loswerden müssen, als wäre ein Damm gebrochen, so war es aus ihm herausgeflossen, alles, was er die letzten Monate – oder waren es Jahre? – in sich begraben hatte. Dass er sie, Franka, liebte, über alles. Aber dass Sabina … Sabina war eben Sabina, und er wollte nicht lügen, konnte es nicht mehr, konnte ihr nicht sagen, dass sie nichts bedeutete, denn so war es nicht. Er wolle ehrlich sein, hatte er gesagt, immer wieder, das schulde er ihr, doch in Wahrheit hatte er sich nur befreien wollen von all den selbst auferlegten Geheimnissen, hatte die Erleichterung spüren, seine Last ihr aufbürden wollen, ungeachtet der Tatsache, dass sie wankte, kämpfte. Dass sie es nicht ertragen konnte.

War nicht das der Grund, warum Menschen ihrem Partner die Wahrheit gestanden, nach einer verschwiegenen Nacht, einem verlogenen halben Leben? Nicht um zu retten, was zu retten war, nicht um dem anderen die Klarheit zu geben, die er nie gewollt hatte, da er gar nicht wusste, dass sie ihm fehlte. Sondern um sich selbst sagen zu können, dass man kein Feigling war. Damit man wieder in den Spiegel schauen konnte, das war es, was zählte, ganz gleich, was es für den Betrogenen bedeutete, der von nun an nichts mehr erkannte als Lügen, überall.

In ihren Gedanken diese Bilder. Vito und diese Frau, und weil sie sich schlecht erinnerte, Sabina nur ein-, vielleicht zweimal gesehen hatte, füllte ihr Kopf die Lücken brutal mit Schönheit, wurde diese Frau zum Inbegriff von Anmut und Unerreichbarkeit, und sie sah vor sich, wie Vito sie hielt und küsste, sie streichelte und ihr zärtlich sagte, was er ihr selbst immer wieder ins Ohr geflüstert hatte, über die Jahre. All die Worte voller Liebe und Hingabe, die nun so bedeutungslos waren, so lächerlich bedeutungslos, dass sie in Buchstaben zerfielen, bloße Laute ohne Sinn. Sie wurden zu einem Rauschen, lauter und lauter, tosend, zu Chören, die sangen, schrien, es ist vorbei, alles, was du dir erträumt hast, ist vorbei.

Keine Familie. Kein erster Atemzug, kein schriller erster Schrei, kein warmes Bündel, das man ihr auf die Brust legte. Keine winzigen, zarten Finger, die sich sachte um ihren Daumen legten, keine großen Augen, dunkel wie die von Vito, die verwundert in die Welt blickten und bei ihr Halt suchten. Keine durchwachten Nächte, keine ersten Schritte. Keine Spaziergänge im Park, voller Stolz, die Blicke aller auf ihnen, was für eine schöne Familie, was für ein Glück. Keine feste, kräftige Hand, die ihre hielt, durch Krankheit und Trauer, bis zum Schluss, welcher Schluss es auch hätte sein sollen.

Nichts davon.

Sie hatte angefangen zu zittern, irgendwann, während Vito immer noch sprach, schwallartig seine Gedanken von sich gab, flehte und erklärte, bettelte und bat, dass sie ihn doch anhören möge, ihn verstehen und ihm verzeihen möge. Sie hatte dort gesessen, gebeutelt von ihren Gefühlen, bis sie endlich ihre Stimme wiedergefunden hatte, und dann hatte sie geschrien.

Bilder von der Fahrt tauchten vor ihr auf. Regen in Hamburg, der gegen die Windschutzscheibe ihres Autos klatschte wie aus Eimern, Tränen, die ihr die Sicht nahmen, doch sie hatte den Fuß nicht vom Gas genommen. Sie wollte weg, weg aus der Stadt, weg von allem, dorthin, wo Ruhe war, an den einzigen Ort, der ihr jetzt Sicherheit bot. Sie kannte den Weg auswendig, war ihn so oft gefahren, auch wenn es lange her war.

Seit Elenas Tod war sie nicht mehr in ihrem Haus gewesen, hatte es nicht gekonnt. Zur Beerdigung hatte sie sich geschleppt und es dann zugesperrt, alles weggesperrt, all die Erinnerungen, all die Liebe, all die Leere. Sie war nie zurückgekehrt, obwohl das Haus seitdem ihr gehörte. Sie hatte es nicht verkaufen wollen, niemals, aber sie hatte es auch nicht über sich gebracht, es zu betreten.

Doch jetzt war alles anders. Nun, da ihre Welt um sie herum zerbrach, unter ihren Füßen wegbrach, flüchtete sie an den einzigen sicheren Ort, der ihr noch geblieben war: ihre Vergangenheit.

Als sie das Haus gesehen hatte, so dunkel und einsam, hatte sie gewusst, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Alles war so vertraut, ihr so nah. Der Geruch, Salz und Erde und Sand. Die Luft, die feucht und kühl war, sich leichter atmen ließ als anderswo. Sie spürte den Boden wieder unter den Füßen, hatte nicht mehr das Gefühl, dass alles kippte. Hier hatte sie Halt.

Das wurde ihr nun noch einmal allzu deutlich bewusst. Sie blieb stehen, blickte aufs Meer und atmete, langsam und tief. Sie war hier. Das war einmal ihre Heimat gewesen, und sie war es immer noch, war bereit, sie wieder aufzunehmen, ohne Fragen, ohne Vorwürfe. Das Meer hatte sie wiedererkannt, die Wellen erinnerten sich noch an ihren Namen, und wenn sie nur nicht nachdachte, einfach nicht nachdachte, konnte sie es schaffen, all das zu überstehen.

Sie spürte den Regen auf der Haut erst, als sie schon komplett durchnässt war. Sie sah an sich herunter, sah, wie der Stoff ihrer Kleidung an ihr klebte. Der Regen rauschte jetzt vom Himmel, trommelte ihr auf den Kopf, aufs Gesicht, kalt, rhythmisch und unnachgiebig. Sie ließ es geschehen, ließ den Regen kommen, der ein so gründlicher Gleichmacher war. Er machte keinen Unterschied zwischen ihr und dem Steg und den Steinen und dem Treibholz und dem Sand. Alle wurden nass, alle waren Teil dieser Welt.

Erst als ihr Körper so kalt war, dass sie ihn nicht mehr spürte, kehrte sie zurück zum Haus.

Als sie eintrat, war es still.

»Iris?«, rief sie, denn sie wollte nicht noch einmal so überrumpelt werden. »Iris, sind Sie da?«

Keine Antwort. Sie sah in der Küche nach, ungeachtet dessen, dass ihr das Wasser aus den Kleidern tropfte und aus ihren Haaren rann und sie überall Pfützen hinterließ. In der Küche war niemand; auch die anderen Räume lagen verlassen da. Sie wollte gerade die Treppe hinaufsteigen, um oben nachzuschauen, als ihr ein Gedanke kam. Sie hielt inne. Hatte sie draußen vor der Garage ihr Auto stehen sehen? Irgendetwas Ungewöhnliches hatte sie vor dem Haus registriert, ohne es benennen zu können, hatte ihm jedoch keine große Bedeutung beigemessen.

Jetzt war sie mit ein paar Schritten an der Haustür. Sie riss sie auf, sprang die Steinstufen hinunter und rannte um die Ecke.

Die Regentropfen prallten auf sie nieder, rannen in ihren Kragen, während sie den leeren Stellplatz anstarrte. Kein Wagen weit und breit.

Sie lachte auf, verzweifelt, wie dumm konnte man eigentlich sein? Aus dem Lachen wurde ein Schluchzen, und sie schlug die Hände vors Gesicht. Was zur Hölle hatte sie sich gedacht? Was hatte sie erwartet? Wie war sie darauf gekommen, einer Fremden zu vertrauen, sie in Elenas Haus zu lassen, sie dort alleine zu lassen?

Sie ging wieder hinein und setzte sich an den Küchentisch, nass, wie sie war, völlig erschöpft. Sie musste nachdenken, doch sie scheute sich vor der Wahrheit wie ein störrisches Pferd. Dumm. Sie war so dumm. Sie ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken und hielt sich die Ohren zu, nichts hören, nichts sehen, nur für ein paar Minuten Pause von der Welt.

Als die Haustür mit einem lauten Geräusch ins Schloss fiel, fuhr sie hoch. Iris kam herein, stellte zwei prall gefüllte Einkaufstüten ab und strich sich die vom Regen dunklen, strähnigen Haare aus der Stirn. »Alles klar?«

Franka stand auf. »Wo warst du? Wie kommst du dazu, einfach meinen Wagen zu nehmen?«

»Ganz ruhig. Ich war einkaufen, okay? Die Schlüssel lagen auf der Anrichte, und den Supermarkt hatte ich auf dem Weg hierher im Dorf gesehen. Ich wusste nicht, wann Sie zurückkommen würden. Oder vielmehr, wann du zurückkommen würdest, wir scheinen ja beim Du angelangt zu sein. Ich wollte helfen, das ist alles. Es ist nichts zu essen im Haus.«

»Trotzdem hättest du fragen können, verdammt. Man nimmt nicht einfach ein fremdes Auto und fährt damit weg, ohne zu fragen

»Ich hab’s verstanden.« Iris verschränkte die Arme und lehnte sich an die Anrichte. »Können wir uns vielleicht für die Zukunft darauf einigen, dass ich keine Fremde mehr bin? Du musst mich nicht hier wohnen lassen, Franka, aber wenn, dann versuch doch, mir nicht so abgrundtief zu misstrauen. Ich tu dir nichts, okay? Ich habe das Gefühl, du steckst genauso tief in der Scheiße wie ich, kann das sein?«

Franka antwortete nicht, ließ sich nur wieder auf ihren Stuhl fallen.

»Also habe ich recht.« Iris’ Stimme klang jetzt etwas weniger hart. »Wir haben es, glaube ich, gerade beide nicht leicht. Also machen wir es uns doch gegenseitig nicht noch schwerer.« Sie hielt inne. »Warum sitzt du eigentlich tropfnass in der Küche herum?«

Franka spürte, wie der Druck in ihr nachließ. Was, wenn sie es einfach zuließ? Alles konnte plötzlich so viel leichter sein, weniger überwältigend. Es war zu verlockend. Sich nicht alleine durchschlagen zu müssen, zumindest für ein paar Tage eine Verbündete zu haben, so lange, bis sie selbst wusste, wie es weiterging. Sie musste Iris nichts erzählen, sie nicht an sich heranlassen. Sie konnte alles für sich behalten und dennoch ein wenig von dem Gewicht teilen, das auf ihr lastete.

»Ich weiß auch nicht«, sagte sie dann. »Ich war verzweifelt. Überrumpelt. Ich dachte wirklich, du hättest dich mit meinem Auto aus dem Staub gemacht.«

»Hätte ich dann nicht auch dein Portemonnaie mitgenommen?«, fragte Iris und wies auf die schwarze Lederbörse, die sich noch genau dort befand, wo Franka sie am Vorabend abgelegt hatte.

»Ja.« Franka zuckte mit den Schultern. »Vermutlich.«

Iris hob die Hände. »Ein Vorschlag zur Güte: Ich entschuldige mich dafür, dass ich eingekauft habe, ohne dich zu fragen. Du entschuldigst dich dafür, dass du mich als Autodiebin abgestempelt hast.«

Franka nickte.

»Und du stellst dich jetzt unter die Dusche, falls es hier so etwas wie eine funktionierende Dusche gibt«, fuhr Iris fort. »Währenddessen koche ich uns etwas. Essen hilft, glaub mir, Essen hat noch immer geholfen.«

Franka nickte abermals. Sie wollte nicht mehr nachdenken. Vielleicht konnten manche Dinge, so schrecklich sonst alles war, auch gut sein. So sein, wie sie zu sein schienen.