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Inhalt

Als er bemerkt, dass er mit seinem Lieblingsbaum tatsächlich ins Gespräch kommen kann, beginnt für Matthias Strolz eine große Entdeckungsreise. Sie führt ihn über die zentralen Lebensfragen, die uns Menschen berühren und ausmachen, zu seinem persönlichen »inneren Ort«. Seine intensiven, unterhaltsamen und tiefsinnigen Gespräche mit dem magischen Baum drehen sich um Geburt und Tod, Zeit und Raum, Gott und Religion, Politik und Staat, Geld und Macht, Beruf und Erfolg, Schmerz und Freude sowie Glück und Liebe. In der universellen Verbundenheit alles Existierenden reifen Erkenntnisse und innere Wahrheiten. Eine inspirierende Erzählung, die inneren Frieden, neue Hoffnung und erfrischende Lebensfreude in jedem von uns entfacht.

Autor

Matthias Strolz ist Impact- und Startup-Unternehmer, Bestseller-Autor, Publizist, Keynote-Speaker, Bürgerbeweger, Freigeist und Coach. Er studierte Politikwissenschaften, Internationale Wirtschaftswissenschaften und Systemische Organisationsentwicklung in Österreich und international. Potenzialentfaltung ist seit Jugendjahren sein Herzensthema. Als „Gärtner des Lebens“ kultiviert er soziale Felder. Als mehrfacher Unternehmensgründer war er zwölf Jahre in den Bereichen Leadership-Coaching und Organisationsberatung tätig. 2012 gründete er die Partei NEOS mit, für die er bis 2018 als Parteichef und Fraktionsvorsitzender im Österreichischen Parlament wirkte.

Seit 2018 ist Matthias Strolz als Portfolio-Unternehmer, freier Publizist und Leadership-Begleiter aktiv. Er lebt in Wien mit seiner Frau und drei Töchtern.

Matthias Strolz

Gespräche mit einem Baum

Ein weiser Freund und
die großen Geheimnisse des Lebens

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Originalausgabe

© 2022 Kailash Verlag, München

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Lektorat: Ralf Lay, Mönchengladbach

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

Umschlaggestaltung: ki 36, Daniela Hofner Editorial Design, München
Autorenfoto: story.one, Andreas Hofer

ISBN 978-3-641-28466-4
V003

www.kailash-verlag.de

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Das Leben meint uns, sonst wären wir nicht da.

Dieses Buch meint dich,
sonst hättest du es nicht in der Hand.


Inhalt

1. Für alle, welche die Geheimnisse des Lebens zwischen den Worten vermuten

2. Der Weltgeist als Reiseleiter durch die großen Fragen des Menschseins

3. Wir sind vergänglich und in göttliche Unendlichkeit gebettet

4. Wie sich Zweifel in Absicht und gerichtete Energie wandeln

5. Staaten und Religionen als Gestalten, von und für uns erschaffen

6. Das neue Bewusstsein und Wege in den Frieden

7. Innehalten und Waldbaden

8. Fülle, Lebendigkeit, das Recht, zu blühen und zu reifen

9. Intensität, Drogen und die Kammlinie zum Abgrund

10. Als radikal soziale Wesen in den Wettbewerb und die Kooperation geboren

11. Unser eitles Ego aufblasen oder das Höhere Selbst zum Maßstab machen

12. Wir sind Teil der Natur und zu Hause in einem Körper

13. Sprechende Körperteile und Krankheit als Reifung und Offenbarung

14. Erkenne dich selbst: Auf in die Talente und Berufung!

15. Über Freiheit und Sinn, persönliche Angst- und Schatzgärten

16. Die Trias von Kopf, Bauch und Herz und die monumentale Kraft der Entscheidung

17. Der kultivierte Umgang mit Gefühlen als ein Schlüssel zur positiven Lebensgestaltung

18. Gipfelerlebnisse, dem Himmel so nah – Ehrfurcht und Geheimnis

19. Über Umwelt, Familie, Wirtschaft und unser spirituelles Potenzial

20. Künstliche Intelligenz, Ufos und die Zukunft des Menschen

21. Der Homo universus als nächste evolutionäre Etappe

22. Frauen und Männer, Sexualität und religiöses Erbe

23. Was bedeuten Erfolg, Geld und Macht?

24. Wie ist das mit Freud und Leid, mit Zufriedenheit und Glück?

25. Etwas erwacht in dir – im Staunen, in Dankbarkeit und Liebe!

Literaturhinweise

1
Für alle, welche die
Geheimnisse des Lebens zwischen
den Worten vermuten

Es war ein schönes Augustwochenende im Sommer. Ein unguter Traum hatte mich aus dem Schlaf gerissen, und mein Geist startete in den Modus »monkey mind«: Mein Körper wollte ruhen, doch meine Gedanken hantelten sich von Ast zu Ast. Ich stand auf und legte mich in die laue Sommernacht auf die Couch am Balkon.

Die Sterne funkelten, und der Mond schaute zwischen den Blättern des Blauglockenbaums vor unserem Haus hindurch. »Wachen oder schlafen?«, fragte ich den Großen Wagen. Er blieb stumm. »Was meinst du?«, fragte ich den Baum. Er schwieg ebenfalls. »Du bist noch jung«, meinte ich. »Vielleicht sprechen Bäume erst im höheren Alter.«

Mein »monkey mind« ritt mich quer durch stichelnde Alltagsthemen und widmete sich dann offenen To-do-Listen. Übermorgen würden wir für zehn Tage auf Familienurlaub fahren. Es galt, noch einiges zu erledigen. So lag ich zwei Stunden wach und führte Selbstgespräche. Immer, wenn die großen Blätter des Blauglockenbaums im Wind raschelten, spielte ich meine Gedanken in die Baumkrone rüber. Bis mich der Schlaf übermannte.

Als ich aufwachte, hatte die Sonne mit dem Mond den Platz getauscht. Sie blinzelte durch das Blätterdach. »Guten Morgen«, murmelte ich. »Ach ja, nur alte Bäume sprechen«, erinnerte ich mich schmunzelnd an meinen Versuch einer nächtlichen Unterhaltung. Mein Blick verharrte im saftigen Grün. Da war nichts Ungewöhnliches. Und doch hatte ich den Eindruck, als würde der hölzerne Kollege mich angrinsen. Ich schüttelte den Kopf und zupfte mir die Bettdecke zurecht, um noch eine Runde zu schlummern. Doch da war es wieder, das Gefühl, als würde er mit mir in Kontakt gehen. Ein freundlich grüßender Baum?

Ich setzte mich auf. »Okay, angenommen, du sprichst mit mir, und ich kann dich nicht verstehen …?« Er schien zu nicken. Dann war wieder Sendepause. »Jetzt bist du wieder stumm?«, forderte ich eine Unterhaltung ein. Doch es kam nichts. »Wäre es denkbar, dass du zwar sprichst, aber ich dich nicht höre? Dass ich nicht verstehe?« Etwas verwundert über meine Gedankengänge senkte ich mich wieder in die Horizontale.

»Nun denn, ich bin ein ziemlicher Anfänger. Die Sprache der Bäume ist mir nicht geläufig. Aber wenn ich lernen wollte, sie doch zu hören und zu verstehen, dann gäbe es da wohl die eine Partnerin … Also wenn überhaupt, dann mit ihr!«, begann eine Absicht zu sprießen. Im angrenzenden Wald, oberhalb der sogenannten »Himmelwiese«, steht eine mächtige alte Schwarzföhre. Mit ihr hatte ich über die Jahre eine seltsame Form von Beziehung aufgebaut. Immer mal wieder kam ich zu Besuch, immer wieder war sie in meinen Gedanken. Sie war in mein Herz vorgedrungen. Doch sie war stumm.

»Wenn ich mit einem Baum wirklich ins Reden kommen sollte, dann mit ihm«, baute sich Tatkraft auf. Meine Frau und die Kinder schliefen noch. »Das will ich jetzt wissen«, saß ich plötzlich energiegeladen auf der Couch. »Dann musst du jetzt da rauf«, sagte ich mir. »Vielleicht wartet da etwas auf dich!«

Auf leisen Sohlen packte ich eine Wasserflasche und mein kleines Notizbuch in einen Rucksack und fuhr mit dem Fahrrad zum Waldrand. Von dort würde ich in rund fünfzehn Minuten oben beim »Altar« sein, so hatte ich den Platz vor Jahren getauft. Denn mein Lieblingsbaum stand auf einer Geländekuppe erhoben mit Blick weit in das Umland.

Unterwegs traf ich drei Hunde und zwei Menschen. Alle waren sie auf ihre Weise freundlich. Der sanfte Morgenwind umspielte meinen Körper, und die Weinreben grüßten mich gleichmütig. Schmetterlinge eskortierten meinen Gang über die Wiesen, und ich spürte, dass ich aufgeregt war. Wie auf dem Weg zum ersten Date. Ich kannte »meine« Föhre schon einige Jahre, doch heute würde unsere Begegnung anders sein.

Freudig begrüßte ich einen Verbund von zehn Schwarzföhren beim Eingang auf eine große Lichtung. Ihr stummes Wohlwollen schickte mich weiter, als würden sie summen: »Unsere Schwester wartet auf dich.« Ich lief die Wiese hinauf und sah sie schon von Weitem. Wow. Da stand sie, in machtvoller Ruhe. Und winkte mir?

War das ein Winken? Nein, es war Einbildung. Wie vielleicht das ganze morgendliche Vorhaben heute ein leicht schräger Ausbruch war?

Zweifel mischten sich in meine Begeisterung, als ich ankam. Respektvoll durchschritt ich »den Altar«, umkreiste den Baum und schaute den Stamm entlang nach oben. »Guten Morgen. Was für eine seltsame Idee!«, flüsterte ich und legte meine Arme um die Föhre. Sie hatte über die Jahrhunderte wohl schon einiges erlebt. Bis zu achthundert Jahre können solche Bäume werden, hatte ich irgendwo gelesen. Was könnte er wohl alles erzählen? Von Türkenbelagerungen und Weltkriegen, Silvesterfeuerwerken und Sonnwendtänzen, Liebespaaren und Schatzsuchenden.

»So viel Erfahrung! Was für eine Gesprächspartnerin«, strich ich über die Rinde. Sie war grob und fein zugleich. Dann legte ich mich auf den Boden neben den Stamm.

»Was machen wir jetzt miteinander?«, verloren sich meine Gedanken in der glänzenden Baumkrone. Eine seltsame Energie packte mich. »Viel«, sagte ich laut. »Viel können wir miteinander machen«, lachte ich. »Wir besprechen Gott und die Welt. Wir schreiben gemeinsam ein Buch. Darauf hätte ich große Lust!« Ich sprang auf und musterte die Föhre von oben bis unten.

»Doch zuerst muss ich dich um Erlaubnis fragen«, berührte ich den Baumstamm. Ein seltsamer Brite namens Jack hatte mir das vor zwei Jahren mit auf den Weg gegeben. Ich hatte ihm im Rahmen eines Workshops von meiner Liebe zu Bäumen berichtet. Er zog mich während der Mittagspause auf die Seite und ging mit mir zu einer großen Eiche. »Eine alte Chinesin hat mich gelehrt, wie man mit Bäumen in Kontakt geht. Ich möchte dir zeigen, wie das funktioniert.« Zuerst müsse man den Baum um Erlaubnis fragen. Sodann könne man, das Dritte Auge – das Stirnchakra – auf den Stamm gelehnt, über eine »Handbrücke« mit dem Herzen und dem Sakralchakra in Verbindung gehen. Letzteres liege fünf Finger breit unter dem Bauchnabel. Er führte es mir vor, und ich tat es ihm gleich. Dann schritten wir zum Mittagessen.

Diese Einführung kam damals etwas abrupt, und ich war zögerlich, ob es sich nicht um eine schiefe Hippie-Ausschweife handeln würde. Heimlich probierte ich es in den Folgemonaten dann doch einige Male im Wald aus. Aber es rührte sich nichts. Stets war ich darauf bedacht, dabei von niemandem beobachtet zu werden. Irgendwie war das Geschehen dazu geeignet, bei Dritten befremdliche Fantasien auszulösen.

Alles hat seine Zeit. Zwei Jahre später stand ich nun vor meinem Lieblingsbaum mit der Frage, ob ich mit ihm reden könne. Ich trat einen Schritt zurück und formulierte den Gedanken: Kann ich mit dir Gespräche führen?

Ja, warum nicht?, vernahm ich eine Antwort in meinem Kopf.

Ich verband mich via Handbrücke – die Zeigefinger auf die Daumen geführt, die restlichen Finger aneinandergereiht – mit dem Baumstamm. Ich fragte: Darf ich mit dir in Verbindung gehen? Können wir reden?

Ja, ich bin bereit.

Das war nun allerdings schräg. Ich hielt kurz inne, schaute nach oben und legte meine Stirn sodann wieder auf den Baumstamm und fragte: Sollen wir zwei einander Gesprächspartner sein?

Sendepause. Nichts kam. Ich justierte meine Verbindung nochmals und formulierte meine Frage ein zweites Mal. Stille. Dann schlug ein Zapfen direkt neben mir am Boden auf. »Ein Zeichen«, lachte ich und musste an einen Film der britischen Komikergruppe Monty Python denken. Ich suchte den Neuankömmling am Boden zwischen dem Gras. Frisch und freundlich funkelte er mich an. Ich hielt ihn gegen die Sonne, dankte dem Baum und steckte den Zapfen in meine Hosentasche. Er sollte mein Talisman für das anstehende Vorhaben sein.

Noch einmal nahm ich die Herzverbindung auf und formulierte meine Frage: Sollen wir Gesprächspartner sein?

Ja. Aber nimm dir Zeit.

Huch, es durchfuhr mich. Sie sprach also tatsächlich mit mir. Ein seltsames Geschehen. Ich spürte genau nach: Die Antwort auf die Frage nach der Erlaubnis zur Kontaktnahme kam noch irgendwo aus meinem Kopf. Aber als ich mit meinem Herz in Verbindung ging, da war es anders. Da sprach nicht mein Verstand. Da sprach gleichsam die Föhre in mir.

Aufgeregt drehte ich drei Runden um sie. Um zur Ruhe zu kommen, setzte ich mich nieder und lehnte mich mit angewinkelten Beinen an den Baumstamm.

»Kann ich dich alles fragen?«, wollte ich wissen.

Jawohl. Tutti.

(Ich musste grinsen. Wohl eine Schwarzföhre mit italienischen Vorfahren.)

Und von wo kommen deine Antworten?

Von überall.

Wie geht das?

Ich bin verbunden.

Womit?

Mit allem.

(Das klang vielversprechend. Ich schaute in die Baumkrone und sah die Äste sich im sanften Morgenwind wiegen. Wie große Antennen griffen sie nach allen Seiten aus. Die Nadeln glänzten in der Sonne. Neben mir am Boden deutete sich im Gras ein mächtiger Wurzelstrang an. Eine Fläche so groß wie ein Handteller war offen gelegt. Ich begriff, dass ich hier auf einem Knotenpunkt unglaublichen Ausmaßes saß. Von hier gingen Verbindungen in die ganze Welt. Ins gesamte Universum.)

Wirst du auch Fragen stellen? (Eine Mischung aus Ironie, Neugierde und Unsicherheit lag in meinen Worten.)

Jawohl.

(Die kurze Antwort machte Eindruck. Das könnte unangenehm werden.)

Hast du auch Humor?

Ja, Baumhumor.

(Ich tippte auf den Baumstamm. Wohl eine Freundin kurzer Antworten, dachte ich mir.)

Wie lange werden wir reden?

Für immer. Du hast die Pforte überschritten. Es gibt kein Zurück. Die Zeit ist reif. Wir finden, du hast ohnehin lange gebraucht.

(Kokettierte die Föhre mit mir? Und was hieß hier »wir«? Ich schaute mich um. Die anderen Bäume standen still. Auf einer Eiche vis-à-vis äugte ein Eichhörnchen in meine Richtung. Ein kurzer Blickkontakt und weg war es.)

Darf ich der Welt über unsere Gespräche berichten? (Stille.) Oder soll ich sogar?

(Es kam keine Antwort. Meine Gedanken begannen zu rattern. Mein Verstand legte eine Strichliste mit Plus und Minus an. Ich holte mein Notizbuch aus dem Rucksack und machte einige Vermerke. Eine ältere Frau spazierte vorbei und musterte mich, nein uns, mit einem Lächeln. »Das ist ein inspirierender Ort«, meinte sie und verschwand zwischen den Büschen. Die Kirchenglocken aus dem kleinen Dorf am Rande des Waldes setzten ein und wirkten so nah, als wären sie direkt nebenan. Alles sehr seltsam. Vielleicht war das hier ohnehin nur Einbildung?

Mein Bandscheibenvorfall rief mich zur Bewegung. Ich stand auf und vertrat mir die Beine. Barfuß schritt ich durchs Gras, drehte ein paar Runden auf dem Baumaltar und schaute in die Ferne. Ich zog mein T-Shirt aus und spürte die Sonne auf meinem Oberkörper. Punktuelle Einträge in die Strichliste: Womöglich sei es eine kreativ-eigenwillige Form der Ego-Show, notierte ich. Vielleicht sei es ein himmlischer Auftrag der Offenbarung, hielt die andere Seite dagegen.)

Es ist deine Arbeit. Hier im großen Weingarten.

(Ah, sie sprach wieder. Ich hörte Kinderstimmen in der Ferne.)

Arbeiten für wen? In wessen Auftrag?

Deine Arbeit als Autor. Als Gärtner des Lebens. Im Auftrag des Lebens. Für viele.

Wer sind die vielen?

Alle, die es auch ahnen. Alle, die in Verbundenheit sind oder gehen wollen. Es werden immer mehr.

Was ahnen sie?

Für alle, die die Geheimnisse des Lebens zwischen den Worten vermuten. Für alle, die über die Anmut der Erscheinungen unserer Welt staunen, sich daran erfreuen, daraus Kraft schöpfen. Für alle, die sich nach dem Guten, Wahren und Schönen sehnen. Die es fassen wollen und wieder verlieren. Die es in Form bringen und wieder in Zweifel verfallen. Du bist einer von ihnen. Mache!

(Ein großer, grünmetallisch glänzender Käfer flog scharf an meinem rechten Ohr vorbei. Einen solchen hatte ich noch nie gesehen. Wunderschön. Und seltsam. Einer von der Sorte, der eigentlich gar nicht fliegen können dürfte. Der Körper zu groß, die Flügel zu klein. Die Wissenschaft würde ihm keine Starterlaubnis geben. Er fliegt trotzdem. Wahrscheinlich hat er nicht gefragt. Und sicherlich hat die Wissenschaft noch etwas übersehen.)

Also sogar gemeinsam schreiben. Wäre das ein esoterisches Buch? (Zweifel zogen in mir hoch.)

Nein.

Sicher?

Ja. Doch manche werden es so beurteilen.

(Ich hielt inne. Hallo, noch war nichts entschieden! Es lauerte eine Abrisskante. Das wollte ich genauer hinterfragen. »Bäumeumarmer« nennen mich die Leute manchmal, wenn sie mich auf der Straße erkennen. Oder »Flügelheber«. Das sind zwei Echos auf meine Arbeit als Parteigründer und ehemaliger Vorsitzender einer neuen Bewegung im österreichischen Parlament. Meine Liebe zur Natur, meine Leidenschaft für die Potenzialentfaltung und meine ganzheitlichen Ansätze brachten mir diese Spitznamen ein. Mitunter kokettierte ich auch selbst damit. Ich empfand sie als tendenziell positive Überhöhungen, auch wenn sie von manchen Menschen mit grober Häme aufgeladen wurden.)

Wäre es eine wissenschaftliche Abhandlung?

Gewissermaßen. Aber nicht konventionell.

Würde ich dafür »geschlagen« werden?

Gelobt und geschlagen. Von beidem nicht mehr, als du aushalten kannst.

(Okay. Eine gewisse Strenge war zu erwarten. Aber auch eine große Klarheit. Garniert mit Humor. Ich zupfte an meinem Hosenbein, um eine Ameise abzuschütteln, und beschloss, mich auf die Vorstellung des offensichtlich Möglichen einzulassen.)

Wird es gut sein für die Menschen?

Ja, das ist die Absicht. Halte sie heilig.

Was ist heilig?

Du weißt es. Und jeder, der über unsere Begegnungen lesen wird, weiß es auch.

Jeder? Auch jene, die zweifeln und spotten?

In der Tiefe ihres Inneren ausnahmslos jede und jeder.

(Ich runzelte die Stirn, blickte ringsum und schärfte meine Sinne. Der Morgen war dem Tag gewichen. Eine Heerschar an Insekten summte das Lied des Sommers. Ich hob mich geistig in die Äste des Nachbarbaums und bestaunte die Szenerie. Da saß also ein Menschenkind, mutterseelenallein, mit einem sprechenden Baum.

Was sollte ich nun machen mit dieser abwegigen Einladung auf weitere Gespräche, gar auf ein Buch? Sollte ich der Welt wirklich berichten? Ich spürte aufgeregte Freude. Doch gleichzeitig regte sich die Angst.)

Hm, das ist allerhand. Eine heftige Einladung.

Du hast die Weichen gestellt. Du hast bekommen, wofür du den Mut hattest zu fragen. Fürchte dich nicht! Folge der Stimme deines Herzens!

(Ich atmete tief durch. Ein Lächeln zog in mein Gesicht.)

Das werde ich tun. Lass mich ein paar Tage darüber schlafen.

2
Der Weltgeist als
Reiseleiter durch die großen
Fragen des Menschseins

Endlich zurück. Hallo, »meine« liebe Föhre!

Schön, dass du wieder da bist.

Das hat gedauert, allerdings. Es war viel los, beruflich und familiär. Ich habe oft an dich gedacht. Manchmal hab ich mich hierhergewünscht, zu dir. Aber dann kamen wieder allerhand Termine und Aufgaben dazwischen. Ich will mir, wennschon, ordentlich Zeit nehmen.

Das heißt, du hast eine Entscheidung getroffen?

Jawohl. Wir beide haben eine Entscheidung getroffen. Lass uns das machen! Ich habe in den kommenden Monaten auch Tage für uns frei geräumt. Bist du einverstanden?

Absolut.

Hoho, ich bin positiv geladen. Und gespannt. (Ein Grinsen huschte über mein Gesicht.) Allerdings habe ich jetzt, bevor wir mit unserem Plan beginnen, noch keine klare Vorstellung, wie wir das konkret anlegen.

Der Weltgeist wird uns führen. Er wird uns den Weg markieren, wenn wir nur aufmerksam hinschauen.

Ah, der Weltgeist, das gefällt mir. Kein besserer Reiseführer wäre vorstellbar. (Mein Blick schweifte 360 Grad in die Umgebung.) Welche Markierungen hält er heute bereit?

Was bringst du mit? Was regt sich in dir?

(Ich spürte und dachte nach.) Freude. Und leichtes Kopfweh.

Okay. Der Reihe nach. Freude worüber?

Über uns. Ich habe das Gefühl, das ist etwas Großes. Es füllt mich mit Freude, dass es dich gibt, dass wir uns gefunden haben, dass wir in dieser Form miteinander verbunden sind. Ich spüre aufkeimende Begeisterung.

Schön.

Ja, voller seltsamer Anmut. Eine Wucht.

Wucht inwiefern?

Für mein Leben. Und für das von anderen Menschen. Wir werfen gemeinsam die Bälle weit hinein ins Feld.

Und dann?

Dann sind sie im Spiel. In Bewegung und Begegnung. Sind im Leben.

Wir schaffen etwas gemeinsam. Wir schöpfen Lebendigkeit. Wir sind viele! Du bist nicht allein da.

Wie meinst du das?

Du bist mit ihnen allen gekommen.

(Ich schaute mich um, doch an diesem frühen Samstagmorgen war weit und breit keine Menschenseele außer mir.)

Du bist mit allen hier, die jetzt gerade dieses Buch in Händen halten.

Aha. Du springst in der Zeit.

Ja. Und offensichtlich kannst du es auch. Wir sind alle gemeinsam hier. Deine Gedanken sind ihre Gedanken. Deine Fragen sind ihre Fragen. Deine Worte sind ihre Worte.

Das fühlt sich etwas freaky an. (Ich hielt kurz inne.) Das setzt mir zu, es macht Druck. Vielleicht sogar Angst. (Ich lockerte eine Verspannung in meinem Nacken.) Und nimmt das nicht etwas von der Intimität unserer Begegnung?

Nicht wirklich. Du bist gerade im Kopf. Aber deine wahren Gefühle sind woanders. Spür mal nach!

Hm, erwischt. Die wahren Gefühle sind positiver. Da ist Aufregung, Dankbarkeit, Freude. Ich spüre, dass ich verbunden bin mit so vielen Menschen, mit denen ich erst später in Kontakt komme. Da ist ein unsichtbares Band, das sich nicht an die herkömmliche Zeitdimension hält.

Ja. Es gibt verschiedene Formen von Zeit. Darüber werden wir sprechen. Und du wirst über den Verlauf unserer Gespräche mehr Klarheit in deinen Gefühlen bekommen. Auch in deinem Kopf. Erzähl mir von deinem Kopfweh!

Vielleicht ist es die Ungeduld. Ein gewisser Druck. Ich will jetzt loslegen. Vielleicht ist es die Angst. Vor dem Unbekannten, das mir begegnen wird. Vielleicht ist der Kopf einfach zu voll? Ich hatte eine Nacht mit wilden Träumen. Da ging es drunter und drüber.

Erzähl mir von deinen Träumen!

Ein Freund von mir hat in meinem Jugendzimmer zuerst sein Leben geschreddert – Stück für Stück an Aufzeichnungen – und dann sich selbst. Es war fürchterlich. Ich verließ das Haus und begegnete auf der Straße dem alten Pfarrer aus meinem Heimatdorf, der mit einer heiteren Schar an Menschen und einem Neugeborenen auf dem Weg zu einer Taufe war.

Und dann?

Dann bin ich verschwitzt aufgewacht, mit den Bildern des Schredderns im Kopf. Ich suchte mit meinem Fuß das Bein meiner Frau, um sicherzugehen, dass ich hier nicht allein im Dunkeln lag. Irgendwie packte mich die Angst. Als mich der Schlaf wieder übermannte, war ich in Monaco und sortierte nochmals die Bilder der letzten Tage. Mit wilden Fantasiestücken obendrauf. Eine Prozession von Lamborghinis, Ferraris und Bentleys fuhr hinauf zum Schloss des Fürsten. Schöne, reiche Menschen mit großen Sonnenbrillen und den neuesten Smartphones. Der Fürst trat, ausgestattet mit schwarzem Businessanzug und einer Bischofsmütze, aus der Kathedrale Notre-Dame-Immaculée und weihte die Gefährte und Fahrer. Die Fürstin stand im roten Kleid und mit purpurner Gesichtsmaske teilnahmslos daneben. Hinter der Maske lächelte sie distanziert. Dann ging sie schwimmen und war im Wasser beglückt wie ein Kind.

Du warst tatsächlich in Monaco?

Ja. Wir kamen gestern zurück.

Aha. Dein Traum ging noch weiter?

Ja. Dann war ich wieder im Hotelzimmer in Monaco und durchlebte nochmals die nächtlichen Erfahrungen unseres Kurzaufenthalts. Das war heftig. Ich war allein mit den Kindern dort, halb beruflich, halb privat. Wir hatten eine Durchgangstür, die uns akustisch in ein seltsames Treiben einband. Nächtliche Exzesse. Das laute Stöhnen weckte in der ersten Nacht meine älteste Tochter und mich. Wir lauschten fasziniert und irritiert zugleich. Die zweite Nacht exakt wieder um zwei Uhr wurden wir alle vier aus dem Schlaf geholt. Dieses Mal wurde das Geschehen mit wilden Musikbässen unterlegt. Mehrmals fiel die Tür ins Schloss, und zwischendurch setzte es plötzlich Schläge. Es wurde mir klar, dass es sich nicht um ein Liebespaar handelte, sondern um bezahlten Sex an der Grenze der Eskalation. Ich hatte schon den Hörer in der Hand, um die Rezeption zu verständigen, als es zu einem lauten Wortwechsel kam und die Tür heftig zugeschlagen wurde. Der Spuk war vorbei. Im Traum war es genau so, wie wir es erlebt hatten.

Anschließend an diese Sequenz saß ich mit meinem Geschäftspartner am Strand. Wir lachten und tranken Bier. Die Kinder schnorchelten fröhlichen Fischen hinterher. Sodann folgten einige Schlüsselszenen aus dem Agentenfilm von gestern Abend, der mich kurz in einen Terroranschlag in Berlin verwickelte. Der deutsche Bildungsminister beauftragte mich daraufhin mit einer Bildungsinitiative in Brennpunktschulen. Er verpflichtete mich auf die Entfaltung. »Die Talente sollen blühen!«, rief er mir zu.

Schließlich erzählte mir eine Bekannte vom Unfalltod ihres Bruders, und unsere Nachbarin schenkte mir einen Korb voller Tomaten aus ihrem Garten. »Ich habe geerntet«, lächelte sie mir zu.

»Monkey mind« im Traummodus.

Allerdings. Dann wachte ich endgültig auf, schnappte eine Trinkflasche und den kleinen Rucksack und brach zu dir auf. (Ich hielt inne.) Was machen wir nun mit diesen Träumen?

Sag du!

Irgendwie hatte ich beim Raufmarschieren über die Wiese die Idee, dass mir diese Träume die Themen für unsere Gespräche übermittelt haben. Wie viel Zeit und Platz haben wir?

Ein ganzes Leben. Und vorerst mal ein ganzes Buch voll. Was sind nun diese Themen?

Wie viele lassen sich sinnvollerweise in ein Buch packen? Machen wir ein gutes Dutzend?

Einverstanden. Sag an!

Also, ich sehe das Thema Geburt und Tod, Zeit und Raum. Woher kommen wir, wohin gehen wir? Gott und Religion. Sexualität, Exzess, Geld und Macht. Beruf und Erfolg. Schmerz und Freude. Mannsein, Frausein, Angst, Liebe und Glück …

Ein wildes Cross-over. Womit wollen wir beginnen?

(Ich drehte den Föhrenzapfen, den ich bei unserem letzten Treffen mitbekommen hatte, in meiner linken Hand.) Mit dem Anfang. Und dem Ende. Dem Werden und Vergehen. Erzähl mir vom Menschsein!

Ha, du bist gut. Du bist der Mensch. Fang du an!

Gern. Bei unserem nächsten Treffen.

3
Wir sind vergänglich
und in göttliche
Unendlichkeit gebettet

Wow, das war wieder eine lange Pause. Wir haben wohl noch keine Routine miteinander, oder?

Ja, du bist offensichtlich sehr beschäftigt. Oder du hast andere Prioritäten?

Ich habe dich zwischenzeitlich dreimal im Vorbeigehen gegrüßt. Aber es fehlte mir die Ruhe zu verweilen. Und heute hatte ich plötzlich ein großes Verlangen nach dir. Der Wunsch nach Tuchfühlung, mich zu spüren in Begegnung mit dir. Ich war richtig kribbelig. Aufgeregt wie ein Teenager. So bin ich in flotten Schritten heraufgelaufen.

Was findest du hier?

Ruhe. Schönheit. Dich. Mich. Uns. Die ganze Welt.

Wo steigen wir heute ein?

Sex, Tod und Geld. Die großen drei!

Von mir aus gerne. Spür nochmals nach!

(Ich nahm nach diesen Worten einen tiefen Atemzug und setzte mich auf den Baumstumpf neben dem mächtigen Stamm der Föhre.)

Hm, ich mag deine Baumkrone in der Abendsonne. Und wie deine Äste im Wind tanzen … Wir könnten ja einfach sein.

Kannst du das?

Manchmal.

Willst du das jetzt?

Für ein paar Minuten. Einfach sitzen, schauen, staunen. Mich freuen. Ich bemerke, wie das Kind in mir unter deinen Ästen tanzt.

Dann lass uns gemeinsam tanzen!

Schön. Das erinnert mich spontan daran, wie ich als junger Mann einmal im heftigen Regen in der Unterwäsche zwischen den Obstbäumen tanzte. Da war ich so beglückt wie jetzt. Es war uferlose Freude …

(Wir tanzten.)

Ihr seid seltsame Wesenheiten, ihr Menschen. Für uns Bäume habt ihr etwas Unstetes. Einmal seid ihr unleidlich, dann wieder im Freudentaumel.

Erwischt. Ich hatte gerade eine Auseinandersetzung mit den Kindern zu Hause. Die sind mir heute auf die Nerven gegangen. Und ich ihnen. Aber jetzt bin ich happy. Seid ihr manchmal neidisch auf die Wandelbarkeit der Menschen?

Nein, so etwas kennen wir nicht. Wir schauen euch zu. Es ist, wie es ist.

Wir hatten bei unserem letzten Treffen vereinbart, dass wir mit dem Anfang und dem Ende beginnen. Und du meintest, ich möge vorlegen. Also, woher kommen die Welt und die Menschen? Wohin gehen sie? Bereit?

Jawohl. Du klingst vorbereitet.

Yes, Madame. Ich erzähle dir, wie ich es sehe. Du sagst mir, ob ich richtig liege.

So denken Menschen. Aber ja, erzähl mal!

Also, das Universum ist unendlich. Es ist etwas, das wir Menschen als Erdlinge gar nicht fassen können, auch wenn wir es mit Sprache und Wissenschaft versuchen. Unsere Begriffe und Vorstellungen reichen nicht aus, den Kosmos zu begreifen. Wir können ihn umarmen, mit Liebe. Wir können ihn fühlen.

Wann kannst du den Kosmos fühlen? Wie umarmst du ihn denn?

Es passiert. Es ergreift mich. Erinnerst du dich? Im Frühjahr, einige Wochen vor dem Start unserer »offiziellen Partnerschaft«, war ich mit meinen Kindern auf einer Nachtwanderung hier oben. Wir lagen im Dunkel der Nacht unter deinen wogenden Ästen und schauten in die funkelnden Sterne. Bis Regentropfen aus dem Himmel fielen. Da spürte ich es. Da war ich in Liebe verbunden.

Oder vor einigen Jahren, als ich für meine Visionssuche fünf Tage im Wald verbrachte und eine Nacht am Feuer wachte. Da übermannte mich eine uferlose Liebe, eine Umarmung des Universums. Ich war plötzlich mit dem großen Ganzen verbunden. Alles war in mir, und ich war in allem.

Oder als unsere Töchter noch kleiner waren, da bin ich am Abend mit ihren Füßchen in der Hand versunken – jenseits von Raum und Zeit, in einer Glückseligkeit.

Oder wenn ich ganz und gar in einer Tätigkeit aufgehe, die mein Herz erfüllt, dann bade ich in Unendlichkeit. Raum ist Materie und Illusion zugleich. Zeit ist eine Erfindung von uns Menschen. Kann man das so sagen? Ist das richtig?

Es gibt kein Richtig oder Falsch. Das ist eine Erfindung von euch Menschen. Und sie ergibt einen Sinn für euch. Tatsächlich ist es unmöglich, in menschlichen Worten präzise über das große Ganze zu sprechen. Als ihr euch für das Menschsein entschieden habt, habt ihr euch dafür entschieden, in die Endlichkeit zu gehen. Damit einher geht der Umstand, dass euch der Blick in die Unendlichkeit verstellt und das große Ganze für euch ein Geheimnis ist. Mit viel Widmung könnt ihr es jedoch erahnen, erfühlen und damit auch erleben. Du bist dem Geheimnis gut auf der Spur.

Dann stimmt es also, dass wir Menschen auch eine außerzeitliche Wesenheit in uns tragen? Diese Klarheit ist in den letzten Jahren in mir gereift: Mit unserer Fleischwerdung betreten wir Raum und Zeit, wir bekommen eine endliche Dimension dazu. Aufgrund ihrer materiellen Qualität dominiert diese Dimension unser Selbstverständnis. Sie nimmt all unsere Sinne in Beschlag und verstellt uns den Blick in die Unendlichkeit.

Die kleinen Kinder sind noch mit der Unendlichkeit verbunden, doch irgendwann mit den ersten Schuljahren kappen wir die Verbindung. Wir sind dann Erdlinge ganz und gar. Von Materie dominiert, geradezu besessen. Erst über die Jahre und Jahrzehnte schaffen wir es – oder zumindest manche von uns –, den Blick wieder über die materielle Dimension zu heben. Manche von uns wachsen in ein größeres kosmisches Verstehen. Aber die volle Klarheit bleibt uns verborgen. Oder?

Gewissermaßen. Manche von euch finden sie, zumindest immer mal wieder. Nämlich dann, wenn sie sich ganz und gar ergeben.

Ergeben wem und was?

Dem Sein in seiner Essenz. Und der willenlosen Liebe.

»Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.« Diese Bibelstelle hat mich als Ministrant in der Kirche meines Heimatdorfes immer fasziniert. Die kam einmal im Jahr an mir vorbei. Ich fand viele dieser Texte und Geschichten, mit denen ich mich zwangsbeglückt fühlte, belanglos oder daneben. Aber das war so eine Stelle, wo ich mich verfing. Und weißt du, was? Damals draußen, als ich diese Nacht allein im Wald am Feuer wachte, da war diese Bibelstelle plötzlich da. Fast dreißig Jahre nach meiner Ministrantenkarriere. Die Liebe, die müssen wir noch extra besprechen. Die interessiert mich sehr.

Wow, siehst du den Sonnenuntergang? Ein orangefarbener Feuerball.

Ja, alles ist im Fluss. Es ist ein ewiges Werden.

Wohin gehen wir Menschen, wenn wir untergehen? Wenn wir sterben?

Du hast dir die Antwort bereits gegeben. Ihr bleibt die, die ihr immer wart.

Also unsere fleischliche Hülle zerfällt, und wir gehen als außerzeitliche Wesen zurück in die Unendlichkeit.

Genau so.

Und ist es gut dort?

Es wird gut sein. Es ist deine Heimat.

Es ist also ein frohes Heimkommen. Wir müssen uns nicht vor dem Tod fürchten?

Das Fürchten gehört zum Menschsein dazu. Aber wenn du dich ganz der Liebe ergibst, dann löst es sich auf.

Kann man das üben?

Ja. Jeden Tag. Im Großen und im Kleinen.

Kannst du mir eine Übung mitgeben?

Ich habe dir bei unserem letzten Treffen einen meiner kleinen Zapfen geschenkt. Schau ihn einmal täglich liebevoll an. Du wirst bemerken, dass das etwas mit dir macht.

Okay. Das werde ich tun. (Ich prüfte in der Außentasche meines Rucksacks, ob der Föhrenzapfen noch da war.)

Sag, unser Planet, er wird irgendwann verglühen? In ein schwarzes Loch gezogen? Oder von unserer Sonne verzehrt? Was ist das Schicksal unserer Mutter Erde?

Sie war lange vor euch Menschen da und wird sich noch lange nach euch drehen. Nach universellem und göttlichem Ermessen sind all diese Fragen jedoch nicht relevant. Denn die Erde ist gleichzeitig hier und überall. Sie ist.

Sie ist ganz einfach. Sie kann nicht nicht sein?

Sie ist. Immerwährendes Hier und Jetzt. Und überall.

Da tu ich mich schwer, das zu verstehen.

Du kannst es nur mit deiner außerzeitlichen Dimension verstehen. Nicht mit deinem Kopf. Nimm es in dein Herz mit – als Ahnung.

Okay. Und wohin gehen Bäume, wenn sie sterben?

Wir bleiben. Wir zerlegen uns und stehen wieder auf. Wir sind atomare Ewigkeit, so wie die Menschen in ihrer materiellen Dimension. In unserer außerzeitlichen Dimension sind wir alle eins.

Das heißt, da drüben sind wir dann alle eins? Wie soll das gehen? Dann gibt es ja nichts außer uns?

Wir sind alles und alles ist in uns. Das ist für Menschen unfassbar.

Und wer hat das so erfunden?

Du stellst Menschenfragen. Gerade hast du selbst noch gesagt, das Universum sei unendlich. Und wir haben festgestellt, dass es aus sich heraus existiert. Und dann willst du wissen, wer es erschaffen hat? Die Antwort lautet: Es ist.

Dann gibt es keinen Gott?

Doch.

Wo ist er? Oder wie schaut sie aus?

Wir. Wir sind Gott. Wir gemeinsam sind Gott.

Okay. Okay. Das ist … viel. Groß. Das muss ich setzen lassen. Ich bin also Gott, oder so irgendwie ein Teil von Gott?

Nein. Wir – alles zusammen – sind Gott.

Jaja, wir gemeinsam. Ich bin quasi göttlicher Kleinaktionär … derweilen in fleischlicher Hülle.

(Ich zog einen Pullover aus dem Rucksack. Es war frisch geworden.)

Das ist ein anderes Gottesbild, als ich im Religionsunterricht und in der katholischen Kirche gelernt habe.

Unterscheide zwischen Gott und Religion.

Das tue ich. Und ich werde noch genauer darüber nachdenken. Lass uns das noch weiter vertiefen.

(Ich griff nach meinem Rucksack und stand auf.)

Für heute ist es Zeit für mich aufzubrechen. Es warten noch Besorgungen in der Stadt. Ich bin ein Kind der Materie – du verstehst.

(Neckisch lächelnd berührte ich den Baumstamm und blickte nach oben ins Geäst.)

Ich sehe und verstehe. Alles Gute einstweilen!

Bis demnächst, meine Liebe!