

Aus dem Englischen übersetzt
von Birgit Franz
Illustrationen von Julia Christians

Für Charlotte
J. B.
Für Ida, meine kleine, perfekte Tyrannin
A. L.
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© für die deutschsprachige Ausgabe 2022
cbj Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Text © 2020 Jennifer Bell und Alice Lickens
Veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Walker Books Limited,
London SE11 5HJ. Alle Rechte vorbehalten.
Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel
„Agents of the Wild – Operation Icebeak“ bei
Walker Books, London
Redaktion: Heike Brillmann-Ede
Umschlaggestaltung: Sebastian Maiwind
Umschlagillustration: Julia Christians
ck · Herstellung: bo
Satz und Reproduktion: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-28481-7
V001
www.cbj-verlag.de
Als Millie Mutig bei ihrem Onkel Donald einzog, hatte er ihr strikt verboten, ein Haustier zu halten, egal welches. Er weigerte sich, ihrem mehr als vernünftigen Vorschlag zuzustimmen, in einem der leer stehenden Räume der 26-Zimmer-Wohnung eine Auffangstation für verletzte und aus dem Nest gefallene Vögel einzurichten.
Millie lag es im Blut, sich für die Natur einzusetzen. Ihre verstorbenen Eltern (die berühmten Botaniker Ranulph und Azalea Mutig) hatten ihr alles über sie beigebracht, was wichtig war. Alles, was sie wusste: wie man das Nest eines roten Pieperwaldsängers reparierte, mit welcher Feigenart man Bulmers Fruchtfledermäuse fütterte oder wie man Rostpilz wirksam bekämpfte.
Donald interessierte solche Sachen überhaupt nicht.
„Die geht bloß ein“, hatte er zu Millie gesagt, als sie ihm einmal zum Geburtstag einen Blumentopf mit einer Hortensie geschenkt hatte. „Außerdem habe ich in der Küche für so was keinen Platz. Ich will eine neue Kaffeemaschine.“
Seitdem schenkte sie ihm zu jedem Geburtstag eine Krawatte. Das war fairer gegenüber den Pflanzen.
Aber jetzt hatte Millie ein Geheimnis.
Unter ihrem Bett lag, versteckt hinter einem Tablett mit den Setzlingen einer seltenen Aloe-Vera-Pflanze, die sie über den Winter aufgezogen hatte, eine sorgfältig zusammengefaltete Uniform. Das Material war wasserdicht, feuerfest und sicher gegen Moskitostiche. An der Brusttasche steckte ein kleiner Anstecker mit der Aufschrift SUPER.
„SUPER? Was soll das sein?“, willst du wissen. „Nie gehört?“, sagst du.
Kein Wunder, kannst du auch gar nicht. Denn SUPER ist die Organisation für Schutz und Protektion exponierter, rarer Arten. Sie ist TOP SECRET!
Und vermutlich hast du auch noch nie von der Sparklemuffin Pfauenspinne gehört.
Oder vom Kleinen Gürtelmull.
Oder von der Seefledermaus.
Kein Wunder, denn sie sind extrem selten. Und diese seltenen Arten versucht SUPER, zu schützen und zu retten.
Millie hatte bei ihrer Arbeit für SUPER viele erstaunliche Pflanzen und Tiere gesehen. Aber sie war immer noch am Lernen und hatte bislang nur eine eigene Mission abgeschlossen. Mittlerweile war sie eine feste Außendienstagentin und arbeitete mit Attie zusammen, ihrem Partner – einem ernsthaft beeindruckenden und beeindruckend ernsthaften Rüsselhündchen.
Immer wenn Millie mit ihrem Finger über die Anstecknadel auf ihrer Uniform strich, dachte sie daran, dass sie jetzt Teil von etwas Größerem war, Teil von etwas, zu dem auch ihre Eltern – die ebenfalls SUPER-Agenten gewesen waren – gehört hatten. Sie wusste, dass Attie und sie dazu beitragen konnten, die Tier- und Pflanzenwelt zu schützen, wie zuvor ihre Eltern. Und sie wusste, dass ihre Eltern stolz auf sie gewesen wären.
Deshalb kroch Millie jeden Morgen unter ihr Bett, um nach ihrer Uniform zu sehen, wild entschlossen, allzeit für den Moment bereit zu sein, in dem ein Anruf von SUPER kommen würde …

Aus der Küche drangen seltsame Geräusche. Millie fuhr senkrecht im Bett hoch. Ihr war klar, dass es weit nach Mitternacht war und Onkel Donald schon seit Stunden fest schlief. Sie lauschte aufmerksam auf das gedämpfte Knarren und Kratzen. Es hörte sich an, als würde jemand etwas suchen und dabei die Schränke durchwühlen.
Sie wurde neugieriger. Millie schlüpfte in ihre Hausschuhe, die wie puschelige Igel aussahen, tapste leise aus ihrem Zimmer und schlich vorsichtig den Flur entlang zur Küche. Gewohnheitsmäßig schaute sie in den Abfalleimer. Ihr Onkel hatte die Zeitung vom gestrigen Tag schon wieder in den falschen Abfall gestopft. Also fischte sie diese heraus und steckte sie in den Papiermüll. Dabei fiel ihr die Schlagzeile auf der Titelseite auf: GEHEIMNISVOLLE BEBEN IN DER SCOTIASEE. Die Scotia- oder Südantillensee lag, wie Millie wusste, an der südlichsten Spitze von Südamerika. Sie hoffte, dass es den Tieren gut ging und dass sie die Beben wohlbehalten überstanden hatten.
Auf Zehenspitzen schlich sie an der Tür zum Schlafzimmer des schnarchenden Onkel Donald vorbei in die schummerige Küche, wo sie sofort den Grund für den ganzen Lärm entdeckte. Es war der Kühlschrank.
Genauer gesagt rumorte etwas im Inneren des Kühlschranks.
Ohne zu zögern zog Millie am Griff und öffnete die Tür.
