Das Buch
Die junge Streifenpolizistin Micaela Vargas wird überraschend gebeten, bei der Aufklärung eines perfiden Mordes zu helfen. Ein Schiedsrichter der Fußballjugend wurde nach einem Spiel mit einem Stein erschlagen. Da Vargas den Verdächtigen, Giuseppe Costa, aus dem Stockholmer Problemviertel Husby kennt, soll sie ihm ein Geständnis entlocken. Während Vargas an Costas Schuld zweifelt, will der ehrgeizige Polizeichef schnellstmöglich einen Täter präsentieren und konsultiert einen weltweit führenden Experten für Verhörtechniken: den Psychologen Hans Rekke. Wenn jemand Costa knacken kann, dann dieser geniale Sherlock Holmes. Doch ebenso wie Vargas lässt sich Rekke nicht vor den Karren der Polizei spannen. Des Rätsels Lösung sieht er in der Vergangenheit des Opfers, das vor den Taliban aus Afghanistan geflüchtet ist. Als Rekke und Vargas gemeinsam Nachforschungen anstellen, tun sich Abgründe auf, die beide zu verschlingen drohen.
Der Autor
David Lagercrantz, 1962 geboren, debütierte als Autor mit dem internationalen Bestseller Allein auf dem Everest. Seitdem hat er zahlreiche Romane und Sachbücher veröffentlicht. 2013 wurde er vom schwedischen Originalverlag und Stieg Larssons Familie ausgewählt, die Folgeromane der Millennium-Reihe zu schreiben. Für seine neue Krimiserie hat er ein geniales Ermittler-Duo geschaffen: Rekke und Vargas. David Lagercrantz ist verheiratet und lebt in Stockholm.
DAVID
LAGERCRANTZ
DER MANN AUS DEM
SCHATTEN
THRILLER
Aus dem Schwedischen
von Susanne Dahmann
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
OBSCURITAS
bei Norstedts, Stockholm
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Copyright © David Lagercrantz,
first published by Norstedts, Sweden, in 2021.
Published by agreement with
Norstedts Agency / Brave New World Agency
Copyright © 2022 der deutschen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Maike Dörries
Umschlaggestaltung: © Favoritbüro, unter Verwendung
eines Motivs von Shutterstock.com / korkeng
Herstellung: Mariam En Nazer
Satz: Schaber Datentechnik, Austria
ISBN 978-3-641-26906-7
V003
www.heyne.de
EINS
Der Polizeichef war ein Idiot.
Und die Aktion hier völlig sinnloser Mist.
Kommissar Carl Fransson hielt einen langen, missgelaunten Vortrag, aber Micaela Vargas hatte keine Lust mehr zuzuhören. Außerdem war es viel zu heiß im Auto, und draußen sah man schon die Paradevillen von Djursholm.
»Sind wir zu weit gefahren?«, fragte sie.
»Nur die Ruhe, meine Kleine«, antwortete Fransson und fächelte sich mit der Hand Luft zu. »Das ist nicht gerade mein Viertel, aber wir müssten ziemlich nah dran sein.«
Kurz darauf rollten sie durch einen weitläufigen Garten auf ein großes Steinhaus zu, an dessen Längsseite helle Säulen aufgereiht waren, und Micaela wurde immer nervöser. Eigentlich arbeitete sie als Streifenpolizistin. Aber im Sommer war sie Teil dieser Mordermittlung geworden, weil sie den Tatverdächtigen, Giuseppe Costa, aus ihrer Jugend im Brennpunktvorort Husby kannte. Meist erledigte sie nur Botendienste und einfache Überprüfungen. Jetzt jedoch wurde sie gebeten, zu einem gewissen Professor Rekke mitzukommen, der ihnen laut Polizeichef bei der Ermittlung helfen sollte.
»Das da dürfte wohl seine Frau sein«, sagte Fransson und zeigte auf eine attraktive Rothaarige in weißen Hosen, die auf der Eingangstreppe stand, um sie zu begrüßen.
Die Frau sah aus wie einem Film entstiegen. Verschwitzt und angespannt quälte sich Micaela aus dem Auto und ging über den geharkten Kiesweg zum Haus.
ZWEI
Meist war Micaela früh bei der Arbeit. Doch an diesem Morgen, vier Tage bevor sie zu der großen Villa rausfuhren, saß sie noch in der Küche und frühstückte, obwohl es schon nach neun war. Das Telefon klingelte. Es war Jonas Beijer.
»Wir sollen alle zum Chef kommen«, sagte er.
Sie erfuhr nicht, warum. Das versprach spannend zu werden, und sie ging zum Spiegel im Flur und zupfte an ihrem viel zu großen Collegepullover. Du siehst aus, als wolltest du dich verstecken, hätte ihr Bruder Lucas gesagt. Aber sie fand, dass der Pulli gut passte, bürstete sich die Haare, kämmte den Pony so, dass er fast ihre Augen verdeckte, und machte sich auf den Weg zur U-Bahn.
Es war der 19. Juli 2003, und Micaela war gerade sechsundzwanzig geworden. In der Bahn saßen nur wenig Leute. Sie fand ein leer stehendes Viererabteil und versank in Gedanken.
Dass der Fall die Polizeiführung interessierte, war nicht verwunderlich. Der Mord selbst mochte eine Wahnsinnstat gewesen sein, ein Verbrechen im Suff. Aber es gab andere Aspekte, die der Ermittlung Bedeutung verliehen. Der Tote, Jamal Kabir, war Fußballschiedsrichter gewesen und ein Flüchtling aus dem Afghanistan der Taliban. Nach einem Jugendturnier im Grimsta IP, dem Heimatstadion des berühmten Vereins Brommapojkarna, war er brutal mit einem Stein erschlagen worden. Selbstverständlich wollte Falkegren da auch mit im Spiel sein.
Micaela stieg in Solna Centrum aus und ging weiter zum Polizeirevier am Sundbybergsvägen. Sie nahm sich vor, dass sie sich heute endlich zu Wort melden und erklären wollte, was ihrer Meinung nach in der Ermittlung falsch lief.
Martin Falkegren war der jüngste Polizeichef des Landes, und er wollte unbedingt mit der Zeit Schritt halten. Er wusste, dass man ihm nachsagte, er würde ordentlich Wind um seine Ideen machen, und dass das nicht immer als Kompliment gemeint war. Er jedenfalls war stolz auf seine Offenheit und besonders auf diesen neuen Ansatz, den er jetzt ausprobieren wollte. Vielleicht würden die Kollegen ungehalten reagieren. Aber wie er schon zu seiner Frau gesagt hatte, dieser Vortrag war der beste gewesen, den er je gehört hatte, und das Ganze definitiv einen Versuch wert.
Falkegren stellte ein paar zusätzliche Stühle auf, verteilte Mineralwasserflaschen und zwei Schalen mit Lakritz, das seine Sekretärin auf der Finnlandfähre gekauft hatte, und horchte auf Schritte im Flur. Noch schien niemand hier zu sein. Für einen Moment sah er Carl Fransson vor sich, seine gewaltige Körpermasse und den kritischen Blick. Eigentlich, dachte er, konnte er Fransson keinen Vorwurf machen. Kein Ermittlungsleiter mochte es, wenn sich die Polizeiführung in seine Arbeit einmischte.
Aber in diesem Fall waren die Umstände schließlich speziell. Der Täter, ein völlig verrückter und narzisstischer Italiener, manipulierte sie nach Strich und Faden. Das war einfach nur peinlich.
»Entschuldigung, bin ich die Erste?«
Das war die junge Chilenin. Falkegren hatte ihren Namen vergessen und erinnerte sich nur, dass Fransson sie aus der Ermittlung raushaben wollte, weil sie irgendwie widerspenstig war.
»Willkommen. Ich glaube, wir haben uns noch nicht begrüßt«, sagte er und streckte die Hand aus.
Sie hatte einen festen Griff, und er musterte sie ausgiebig von oben bis unten: ziemlich klein und untersetzt, dickes lockiges Haar und ein langer, über die Stirn gekämmter Pony. Der Blick aus ihren großen und ein wenig schräg stehenden schwarzen Augen war intensiv. Es war etwas an ihr, das ihn zugleich anzog und auf Abstand hielt, und er hatte das Bedürfnis, den Körperkontakt noch länger aufrechtzuerhalten. Doch plötzlich überkam ihn Verlegenheit, und er zog seine Hand zurück und murmelte:
»Sie kennen Costa, habe ich gehört?«
»Allerdings, ich kenne ihn«, antwortete sie. »Wir stammen beide aus Husby.«
»Wie würden Sie ihn beschreiben?«
»Er ist ein ziemlicher Showman. Hat immer im Hinterhof unseres Hauses für uns gesungen. Aber wenn er getrunken hat, kann er richtig aggressiv werden.«
»Ja, das hat man ja nun gesehen. Aber warum lügt er uns direkt ins Gesicht?«
»Ich bin nicht sicher, ob er lügt«, erwiderte sie, und das gefiel ihm ganz und gar nicht.
Die Möglichkeit, dass sie den Falschen festgenommen hatten, existierte in seiner Vorstellungswelt nicht. Die Indizien belasteten Costa schwer, und die Anklage war bereits in Vorbereitung. Das Einzige, was noch fehlte, war ein Geständnis, und genau darüber wollte Falkegren heute mit dem Team sprechen. Er streckte sich, als er die anderen auf dem Flur hörte, wandte sich um und gratulierte ihnen allen, als sie hereinkamen.
»Gute Arbeit. Ich bin stolz auf euch, Männer«, sagte er, und obgleich das im Hinblick auf die Anwesenheit der Chilenin keine geglückte Formulierung war, korrigierte er sich nicht.
Er bemühte sich, einen kollegialen Ton anzuschlagen, doch auch das klappte nicht richtig.
»Was für eine sinnlose Geschichte. Und alles nur, weil der Schiedsrichter keinen Elfmeter gegeben hat«, rutschte es ihm heraus.
Die Bemerkung traf die Sache nicht sonderlich gut, aber immerhin half sie, das Gespräch in Gang zu bringen. Fransson ergriff natürlich sofort die Gelegenheit, ihn darüber zu belehren, dass es weit komplizierter sei. Es gäbe ein klares Motiv, sagte er, vielleicht keines für Leute wie sie, aber doch für einen alkoholisierten Fußballvater, der für die Erfolge seines Sohnes auf dem Platz lebt.
»Ja, ja, natürlich«, beeilte sich Falkegren zu sagen. »Aber mein Gott, trotzdem … Ich habe das Video gesehen. Costa war total durchgeknallt, während der Schiedsrichter … Wie heißt er doch gleich?«
»Jamal Kabir.«
»… während Jamal Kabir vollkommen ruhig war. Das nenne ich Haltung.«
»Das wurde so auch von Zeugen ausgesagt.«
»Und wie er mit den Händen wedelt. Elegant, oder? Als würde er das ganze Spiel dirigieren.«
»Stimmt, das ist schon speziell«, gab Fransson zu, worauf Martin Falkegren den Blick von ihm abwandte und beschloss, wieder das Heft in die Hand zu nehmen.
Er wollte hier ja schließlich keinen Small Talk machen.
Micaela rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum. Die Stimmung war nicht besonders gut, obwohl Falkegren sein Bestes tat, um Teil des Teams zu werden. Aber das war schon von Anfang an ein hoffnungsloses Projekt gewesen. Er war einfach anders als die anderen, lächelte die ganze Zeit und trug einen glänzenden Anzug, dazu schwarze Loafers mit Troddeln.
»Carl, wie sieht es denn ansonsten mit der Beweislage aus? Gerade eben sprach ich ganz kurz mit …«, sagte er und sah Micaela an.
Er schien sich nicht an ihren Namen zu erinnern oder dachte an etwas anderes, da er den Satz in der Luft hängen ließ. An der Stelle grätschte Fransson rein und fasste die Situation zusammen, und wie immer, wenn er redete, klang es überzeugend. Es war, als würde nur noch das abschließende Gerichtsurteil fehlen, und vielleicht war das auch der Grund, dass der Polizeichef nicht wirklich zuhörte und nur bestätigend murmelte.
»Genau, genau, und die in der P7 gemachten Beobachtungen schwächen die Beweislage ja in keiner Weise ab.«
»Das ist wohl korrekt«, erwiderte Fransson, und da sah Micaela vom Notizblock auf.
P7, dachte sie, diese verdammte P7. Vor ungefähr zehn Tagen hatte sie die in die Hände bekommen und nicht wirklich verstanden, was das eigentlich war. Inzwischen wusste sie, dass es sich um die vorläufige psychologische Einschätzung handelte, die der ausführlichen Untersuchung voranging, und sie hatte sie mit einer gewissen Erwartungshaltung gelesen und war ziemlich enttäuscht gewesen. »Antisoziale Persönlichkeitsstörung« stand am Ende. Oder »aller Voraussicht nach eine antisoziale Persönlichkeitsstörung«. Costa war, mit anderen Worten, eine Art Psychopath. Das glaubte sie nicht.
»Exakt«, stimmte der Polizeichef mit einer neuen Erregung in der Stimme ein. »Da haben wir den Schlüssel zu seiner Persönlichkeit.«
»Ja, vielleicht«, antwortete Fransson.
»Und nun kommt es darauf an, ihn zu einem Geständnis zu bringen.«
»Natürlich, so ist es.«
»Und ihr wart schon nah dran, oder?«
»Ja, immer mal wieder.«
»Ich selbst spiele ja auch eine gewisse Rolle in diesem Drama, wie ihr wisst«, fuhr Falkegren fort, und für einen Moment taten alle so, als würden sie nicht verstehen, obwohl sie in Wirklichkeit natürlich sehr genau wussten, wovon er sprach.
»Ich hatte euch gebeten, eine neue Verhörtechnik auszuprobieren.«
»Ja, genau, das war ein kluger Rat«, murmelte Fransson, darauf bedacht, dankbar aber nicht allzu beeindruckt zu klingen.
Nach der P7, der vorläufigen psychologischen Untersuchung, hatte Falkegren vorgeschlagen, Giuseppe Costa nicht weiter unter Druck zu setzen, sondern sich stattdessen seine Meinung anzuhören, ihn den psychologischen Experten spielen zu lassen. Das war sehr ungewöhnlich, aber Falkegren beharrte darauf.
»Sein Selbstbild ist grandios, und er fühlt sich uns überlegen. Außerdem glaubt er, alles über Fußball zu wissen.«
Am Ende beschlossen sie, dass ein Versuch nicht schaden könnte. Und an einem Tag, als Giuseppe besonders großkotzig drauf war, probierte Fransson die neue Taktik aus.
»Sie mit Ihrem großen Erfahrungsschatz können uns doch sicher sagen, wie ein Mensch, der etwas so Sinnloses tut, wie einen Schiedsrichter zu erschlagen, eigentlich denkt«, eröffnete er das Gespräch. Und tatsächlich richtete sich Costa auf und begann, sich so überzeugend in den Täter einzufühlen, dass seine Worte einem indirekten Geständnis gleichkamen. Das war ein interessanter Augenblick in der Ermittlung gewesen. Doch Micaela verstand nicht, warum Martin Falkegren darauf so stolz war.
»Das ist ein berühmter Trick, müsst ihr wissen. Es gibt ein prominentes Beispiel dafür«, sagte er.
»Ach ja?«, grummelte Fransson.
»Ein junger Journalist hat Ted Bundy im Gefängnis in Florida interviewt.«
»Wie bitte?«
»Ted Bundy«, wiederholte er. »Keinen Geringeren. Bei Bundy war diese Methode sehr erfolgreich. Der hatte ja Psychologie studiert, und als er die Möglichkeit bekam, als Experte zu brillieren, öffnete er sich zum ersten Mal.«
Jetzt sah nicht nur Micaela skeptisch aus.
Ted Bundy.
Warum nicht gleich Hannibal Lecter?
»Versteht mich bitte nicht falsch«, fuhr Falkegren fort. »Ich stelle hier keine Vergleiche an, ich will einfach nur sagen, dass es auf dem Gebiet neue Forschungen und neue Verhörtechniken gibt, und dass wir bei der Polizei …«
Er zögerte.
»Ja?«
»… große Wissenslücken haben. Ich würde sogar sagen, dass wir naiv waren.«
»Wirklich?«, sagte Fransson.
»O ja. Der Begriff Psychopath wurde ja lange als unangemessen und stigmatisierend betrachtet, aber das hat sich Gott sei Dank geändert. Und neulich war ich bei einem Vortrag, und ich muss sagen: bei einem fantastischen Vortrag.«
»Sieh mal einer an«, schob Fransson ein.
»Genau. Es war unglaublich spannend. Wir saßen alle wie gebannt auf unseren Stühlen, mein Gott, ihr hättet dabei sein sollen. Der Vortragende war Hans Rekke.«
»Wer?«
Die Männer sahen sich an. Ganz offensichtlich hatte keiner von ihnen je von ihm gehört, noch scherten sie sich sonderlich darum.
»Er ist Professor für Psychologie an der Universität Stanford, eine ungeheuer angesehene Position.«
»Beeindruckend«, warf Fransson ein.
»In der Tat«, erwiderte Falkegren, ohne die Ironie wahrzunehmen. »Er wird in allen führenden Fachzeitschriften zitiert.«
»Fantastisch«, schob Axel Ström gleichermaßen ironisch hinterher.
»Aber glaubt ja nicht, dass er irgendwie abgehoben wäre. Er ist Spezialist für Verhörtechniken und hat die Polizei in San Francisco unterstützt. Ein unglaublich scharfsinniger und belesener Mensch.«
Auch diese Worte fanden nicht den gewünschten Anklang. Eher verstärkte sich noch das Wir-gegen-Sie-Gefühl im Raum. Er, der Chef und Karrierist, der durch einen Vortrag erleuchtet wurde, gegen Fransson und seine Männer, hart arbeitende und besonnene Polizisten, die mit beiden Füßen auf der Erde standen und nicht auf jede neue schrullige Methode reinfielen.
»Professor Rekke und ich haben uns sofort verstanden«, fuhr Falkegren fort und konnte auf diese Weise andeuten, dass er auch besonders war, weil er mit einer so klugen Person auf einer Wellenlänge war.
»Ich habe ihm von Costa erzählt«, sagte er.
»Haben Sie das?« Fransson zog eine Augenbraue hoch.
»Ich habe von seiner offenkundigen Grandiosität und seinem Narzissmus erzählt und von der etwas kniffligen Lage, in der wir uns aus Mangel an konkreten Beweisen befinden«, fuhr Falkegren fort.
»Und da hat er diese Taktik erwähnt, die bei Bundy funktioniert hat, und meinte, wir sollten das doch mal probieren.«
»Na gut, dann kennen wir ja jetzt den Hintergrund«, sagte Fransson, der das Gespräch gern beendet hätte.
»Und als Costa sich daraufhin wirklich geöffnet hat, da dachte ich, mein Gott, wenn Professor Rekke uns mit einem bloßen Schuss aus der Hüfte so weiterhelfen kann, was könnte er dann nicht alles ausrichten, wenn er stärker in den Fall eingebunden würde.«
»Hm, ja, das fragt man sich«, erwiderte Fransson genervt.
»Exakt«, fuhr Falkegren fort. »Deshalb habe ich mich ein wenig umgehört … Nun, ihr wisst ja, dass ich meine Kontakte habe, und über Rekke war ausschließlich Lob zu hören. Ausschließlich Lob, meine Herren. Deshalb habe ich mir die Freiheit genommen, dem Professor unser Material zu schicken.«
»Was bitte haben Sie getan?«, polterte Fransson los.
»Ich habe ihm die Ermittlungsunterlagen geschickt.«
Die Anwesenden sahen ihn verständnislos an.
Dann erhob sich Fransson.
»Das ist verdammt noch mal ein Verstoß gegen die Geheimhaltungsverordnung der Voruntersuchung«, zischte er.
»Ruhig, ganz ruhig«, erwiderte Falkegren. »Das ist es ganz und gar nicht. Rekke wird sozusagen Teil unseres Teams werden, und als Psychologe hat er ja auch eine Schweigepflicht. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass wir ihn brauchen.«
»Bullshit«, fauchte Fransson.
»Ihr habt gute Arbeit geleistet, wie ich schon sagte, daran besteht gar kein Zweifel. Aber ihr habt keine wasserdichten Beweise. Ihr braucht ein Geständnis, und ich bin überzeugt, dass Rekke euch dabei helfen kann. Er erkennt Widersprüche und Lücken in Zeugenaussagen wie kein anderer.«
»Und was sollen wir Ihrer Meinung nach jetzt tun?«, erkundigte sich Fransson. »Den Professor unsere Ermittlung übernehmen lassen?«
»Nein, nein, um Himmels willen. Ich sage nur, dass ihr euch mit ihm treffen und ihm zuhören sollt. Mal sehen, ob er einen neuen Zugang, einen neuen Ansatz parat hat. Er empfängt euch am Samstag um vierzehn Uhr zu Hause bei sich in Djursholm. Er hat versprochen, bis dahin das Material durchzusehen.«
»Ich habe nicht vor, einen freien Samstag für irgendwelchen sinnlosen Mist zu opfern«, stellte Axel Ström klar, der sich als Ältester in der Gruppe dem Pensionsalter näherte.
»Okay, okay, fair enough. Aber ein paar von euch können sicher hinfahren. Sie zum Beispiel«, fuhr Falkegren fort und zeigte auf Micaela. »Rekke hat nämlich angerufen und nach Ihnen gefragt.«
»Nach mir?«
Sie sah sich verlegen um, überzeugt davon, dass es sich um einen Scherz handelte.
»Ja, es gab da ein Verhör, das Sie mit Costa geführt haben, und das fand er interessant.«
»Ich kann mir nicht vorstellen …«, begann sie.
»Also, Vargas kann auf keinen Fall allein fahren«, unterbrach Fransson und wendete sich an Falkegren. »Sie hat nicht genug Erfahrung, bei Weitem nicht, und was das andere angeht, bei allem Respekt, Martin. Über solche Dinge müssen Sie uns im Vorhinein informieren. Sie haben hinter unserem Rücken gehandelt.«
»Das gebe ich zu. Und ich entschuldige mich dafür.«
»Na gut, nun ist es, wie es ist. Ich fahre auch mit.«
»Gut.«
»Aber glauben Sie bloß nicht, dass ich einen einzigen Rat des Professors befolgen werde, wenn er mir nicht gefällt. Ich leite die Ermittlung, niemand sonst.«
»Selbstverständlich. Aber fahrt ganz und gar unvoreingenommen hin.«
»Ich bin immer unvoreingenommen. Das gehört zum Job«, erwiderte Fransson, und Micaela hätte am liebsten gelacht oder etwas Vernichtendes gesagt.
Aber wie immer blieb sie still und nickte nur ernst.
»Ich bin auch dabei«, sagte Lasse Sandberg.
»Ich auch«, echote Jonas Beijer.
Am Samstag darauf trafen sie sich vor dem Polizeigebäude und fuhren zu der großen Villa in Djursholm hinaus. Micaela, Fransson, Sandberg und Beijer.
DREI
Micaela erinnerte sich genau, wann sie von dem Mord erfahren hatte. Es war an demselben Tag gewesen, an dem sie Costa festgenommen hatten. Um halb neun Uhr abends war sie auf dem Weg zu ihrer Mutter in der Trondheimsgatan gewesen. Obwohl es Anfang Juni war, war die Luft kalt wie an einem Oktobertag. Im Innenhof ihres Hauses hatten sich jede Menge Leute versammelt. Als sie näher kam, wendeten sich ihr entsetzte Gesichter zu, und innerhalb weniger Minuten hatte sie in groben Zügen begriffen, was geschehen war.
Giuseppe Costa, oder Beppe, wie er genannt wurde, hatte einen Fußballschiedsrichter erschlagen. Bei einem Spiel der Akademiemannschaft der Brommapojkarna, in der sein Sohn Mario spielte. Gegen Ende der zweiten Halbzeit war Beppe stark angetrunken aufs Spielfeld gerannt, hatte Randale gemacht und mit den Armen gewedelt. Fünf, sechs Personen waren nötig gewesen, um ihn unter Kontrolle zu bringen. Hinterher, als alle meinten, die Situation hätte sich beruhigt, soll er dem Schiedsrichter mit irrem Blick gefolgt sein.
»Das klingt doch total krank«, sagte Micaela und ging zu ihrer Mutter hoch, die im Laubengang stand und auf die Ansammlung hinunterschaute.
Das lange, graue Haar ihrer Mutter fiel offen über ihre Schultern, sie trug Hippieklamotten und Latschen ohne Strümpfe. Es blies kühl, und sie sah besorgt aus, als befürchtete sie, Lucas oder Simón sei etwas zugestoßen.
»De qué están hablando?«, fragte sie.
»Sie sagen, Beppe hätte einen Schiedsrichter erschlagen«, antwortete Micaela, und ihre Mutter war wohl hauptsächlich darüber erleichtert, dass Simón nicht schon wieder etwas Idiotisches oder Lebensgefährliches eingefallen war. Später beim Abendessen kam sie dann noch mal auf das Thema zurück.
»Das konnte man sich ja denken«, sagte sie.
Micaela hatte erst nicht reagiert, aber hinterher hatte sie sich über diesen Ausspruch ihrer Mutter geärgert. Plötzlich war es, als sei Beppe dazu geboren worden, einen Schiedsrichter totzuschlagen. In ganz Husby kursierten Gerüchte und alte Geschichten, die alle Vorboten für eine Tat von diesem Kaliber zu sein schienen. Vielleicht ging Micaela deshalb auf Konfrontationskurs und begann, Beppe in einem ganz anderen Licht darzustellen. Vor allem erzählte sie von einer Begebenheit, die ihr in Erinnerung geblieben war:
Sie war damals elf oder zwölf Jahre alt gewesen und hörte viel von dem, was über Beppe geredet wurde. Es war von diversen Schlägereien und Ausrastern in den Kneipen von Husby die Rede, und seine Nachbarn berichteten von Streit und Geschrei, das oft aus seiner Wohnung drang.
In diesen Jahren hatte Simón, der jüngere ihrer beiden großen Brüder, angefangen, sich für Hiphop zu begeistern. Hip-Hop schien das Einzige zu sein, was ihn am Leben hielt, und wie so viele andere hatte er Angst vor Beppe. Der ging nämlich gerne mal auf die Jungs los, die im Zentrum rumhingen und auf ihren Gettoblastern Eminem spielten. Trotzdem musste Beppe begriffen haben, wie verzweifelt sich Simón nach Anerkennung sehnte, denn er suchte seine Nähe und verschwand eines Tages mit ihm, um zu proben. Später am Abend dann verkündete Beppe, dass Simón einen Song vortragen würde.
»Nicht jetzt. Das halten wir nicht aus!«, schrien die Leute.
»Haltet die Schnauze. Ihr kriegt was ganz Besonderes geboten«, sagte er und winkte Simón zu sich.
Simón machte eine abwehrende Geste und war so unbeholfen und schüchtern wie immer vor Publikum. Aber dann vollführte er ein paar Tanzschritte, die sie noch nie zuvor gesehen hatten. Und danach rappten Beppe und er Ich bin der verlorene Sohn mit dem Bereitschaftstelefon und dem Bankräuberton, den Simón geschrieben hatte, und Micaela konnte sich nicht erinnern, wann die Leute auf dem Platz jemals so gejubelt hatten.
Im Grunde war das wohl nichts Besonderes, und sie nahm mal an, dass alle Mörder auch mal gute Dinge taten. Trotzdem ließ es sie nicht los. Sie hatte nach Beppes Festnahme ein paarmal diese Geschichte erzählt, und am Ende hieß es, Beppe wolle mit ihr reden. So hatte Kriminalkommissar Jonas Beijer es ihr mitgeteilt.
»Würdest du sagen, dass du in deinem Verhältnis zu Costa befangen bist?«, fragte er.
»Ich weiß nicht«, antwortete sie.
Jonas schien ihr Zögern nicht wahrzunehmen.
»Versuch einen Kontakt herzustellen und sieh, ob du ihn zum Reden bringst«, sagte er.
Das war natürlich bloß ein Schuss ins Blaue. Ihr war klar, dass bisher nichts funktioniert hatte. Giuseppe hatte sich in den Vernehmungen selten ans Thema gehalten und nicht einmal das zugegeben, was alle auf der Videoaufnahme des Spiels sehen konnten.
Wie immer bereitete sich Micaela minutiös vor, und am Morgen des 10. Juni ging sie zu Beppe hinunter. Er saß einsam im Verhörraum und rauchte eine Zigarette. Seine riesige Gestalt schien geschrumpft zu sein, und er lächelte unsicher.
»Sie sagen, dass du gut über mich redest«, begann er.
»Ich erzähle auch ziemlich viel Mist.«
»Ich mochte deinen Vater«, sagte er. »Wir haben uns Zettel geschrieben.«
»Wir haben alle über Zettel mit ihm kommuniziert. Zeichensprache mochte er nicht.«
»Er war ein guter Kerl«, fuhr Beppe fort und sah so am Boden zerstört aus, dass es ihr gar nicht schwerfiel, ihn zu bemitleiden.
Er schien die ganze Welt gegen sich zu haben, und vielleicht ging Micaela ihn auch deshalb hart an, um ihr Mitgefühl für ihn zu verbergen. Hinterher erfuhr sie, dass sie viel Neues aus ihm herausgekitzelt hatte. Jonas Beijer lobte sie, und zu ihrem eigenen Erstaunen hörte sie sich sagen: »Er verschweigt etwas.« Das machte Eindruck.
Sie hatte das Gefühl, eine Art Test bestanden zu haben, und am nächsten Tag wurde ihr ein Platz in der Ermittlung angeboten.
»Wir brauchen jemanden mit etwas Einblick ins Milieu«, sagte Jonas, und obgleich ihr klar war, dass nicht alle sie mit offenen Armen aufnahmen, freute sie sich dennoch wahnsinnig.
Das war ein großer Schritt, so über Nacht von der Streifenpolizistin zur Ermittlerin in dem Mordfall, von dem alle sprachen, befördert zu werden, und sie begann davon zu träumen, am Ende vielleicht Kommissarin zu werden oder noch was Höheres, Gruppenleiterin zum Beispiel. In den ersten Wochen, ehe sie zu zweifeln begann, war sie unglaublich stolz und entschlossen gewesen.
VIER
An dem Samstag, als sie mit Professor Rekke einen Termin hatten, stand ausnahmsweise mal nichts über den Mord in der Zeitung, nicht einmal eine Kolumne über Gewalt im Fußball oder etwas über die Hetze gegen Schiedsrichter, nichts.
Abgesehen von diesem Fall verfolgte Micaela ausschließlich die Auslandsnachrichten, genau wie es ihr Vater früher zu tun pflegte. Im Irak gab es nichts grundsätzlich Neues. Der Krieg war offiziell beendet, auch wenn er deswegen noch nicht vorbei war. Jeden Tag sprengten sich neue Selbstmordattentäter in die Luft. Es würde wohl noch lange dauern, ehe sich dort die feine westliche Demokratie aus dem Staub erheben würde.
Draußen auf dem Marktplatz von Stockholms Vorort Kista brannte die Sonne. Micaela stand vom Küchentisch auf und ging zum Kleiderschrank, als das Telefon klingelte. Es war Vanessa, ihre beste Freundin, und da es Samstagvormittag war, nahm Micaela an, dass es einen aktuellen Bericht vom Partyleben geben würde, und den bekam sie auch – eine verschlungene Geschichte von einem »pervers anhänglichen Schwedenspießer«, der im Bus nach Hause versucht hatte, Sex mit ihr zu haben.
»Erspar mir die Einzelheiten«, sagte sie.
»Es ist alles wahr«, erwiderte Vanessa, und als sie aufgelegt hatten, lachte Micaela. Nicht, weil sie das Gehörte besonders lustig fand, sondern weil es die Variante einer Geschichte war, die sie schon hundertmal gehört hatte.
Sie öffnete ihren Schrank, legte die Kleider und Röcke aufs Bett und widerstand der Versuchung, Vanessa zurückzurufen, um ihren Rat einzuholen. Stattdessen wählte sie eine Kombination, die schick, aber nicht zu schick aussah: schwarzer Rock, rotes T-Shirt und ihre Lieblings-Jeansjacke, die ein bisschen zu eng war und über der Brust spannte. Dazu weiße Sneakers.
Sie machte sich auf den Weg, und in der U-Bahn spürte sie eine seltsame Vorfreude. Endlich mal ein echter Auftrag, und der Professor hatte ja speziell nach ihr gefragt, so hatten sie es ihr jedenfalls gesagt, und das war krass. Während die Bahn durch Kista, Hallonbergen und Näckrosen fuhr, dachte sie darüber nach, worüber sie mit ihren Kollegen reden sollte, und als sie in Solna Centrum ausstieg, prickelte ihr Körper leicht. Doch schon auf dem Parkplatz verpuffte das freudige Gefühl mit einem einzigen Blick aus Lasse Sandbergs abschätzig zusammengekniffenen Augen, die wie immer zu ihren Hüften herunterwanderten.
»Sieh da, Vargas hat sich für den Professor richtig sexy aufgehübscht«, sagte er.
»Ich dachte …«, antwortete sie.
»Vielleicht hatte sie ja gestern ein Auswärtsspiel«, schob Fransson nach.
»Man schafft es halt nicht immer, sich zwischen den verschiedenen Spielen umzuziehen«, fuhr Sandberg fort, und da gab sie jeden Versuch einer Antwort auf.
Sie setzte sich hinten rechts in Franssons Volvo 745, neben Jonas Beijer, der ihr einen tröstenden Blick zuwarf. Sie sah auf ihre Fingernägel herunter und fragte sich, ob es eine idiotische Idee gewesen war, sie zu lackieren. Als sie aufsah, wurde sie von der Sonne geblendet.
Es war ein heißer, wolkenloser Tag, und im Auto war es nicht viel kühler. Die Klimaanlage schien defekt zu sein. Die Luft kreiste einfach nur im Wagen, und die Männer fingen schnell an zu schwitzen und laut zu werden. Fransson berichtete, dass er seit dem morgendlichen Training auf dem Schießstand in der Hagalundshallen höllische Schmerzen in der Hand hatte.
»Als würde die ganze Hand brennen«, erklärte er.
Wie immer dominierte er das Gespräch, und weil sie nichts Besseres zu tun hatte, studierte Micaela, wie Beijer und Sandberg binnen einer Sekunde ihren Tonfall änderten. Wenn Fransson meckerte, meckerten sie auch, und wenn er lachte, dann grinsten sie, und am lautesten lachten sie, wenn sie sich gegen ihren gemeinsamen Hofnarren, Polizeichef Falkegren, verbündeten. Unfassbar, wie blöd im Kopf der war, und die lächerlichen Troddel auf seinen Schuhen, oder was auch immer, bis Micaela es nicht mehr aushielt.
Sie überlegte verzweifelt, wie sie sich am besten an dem Gespräch beteiligen konnte. Doch dann erreichten sie schon Djursholm, fuhren vorbei an teuren Villen, und sie verlor sich in anderen Gedanken.
Djursholm lag am anderen Ende der U-Bahn-Linie. Während hier Leute residierten, deren Leben ein einziger Sechser im Lotto war, wohnten in Husby hauptsächlich Geflüchtete, die aus ihrer Heimat nur Granatsplitter und Scherbenhaufen mitbrachten. Dieses Bild hatte sie von Simón.
»Ich muss keine Zeitungen lesen, um zu wissen, was in der Welt passiert«, hatte er einmal gesagt, vielleicht auch, weil er niemals die Zeitung oder irgendwas anderes las. Aber er hatte recht.
Wenn es irgendwo Krieg oder eine Revolution gab, dann kamen die Betroffenen nach Husby. Die einziehenden Flüchtlinge brachten alle ein kleines Stück vom Krieg mit, und während ihrer gesamten Jugend hatten Micaela und ihre Brüder gelernt, mit den Nachbeben umzugehen.
»Sind wir zu weit gefahren?«, fragte sie.
»Nur die Ruhe, meine Kleine. Das ist nicht gerade mein Viertel, aber wir müssten ziemlich nah dran sein«, antwortete Fransson und bremste vor einem hohen Tor mit einer Kamera und einer Gegensprechanlage, in die er ein paar Worte sprach. Danach rollten sie an einer Fontäne vorbei auf einen großen Vorplatz und hielten vor einer protzigen ockerfarbenen Villa mit großen Fenstern, die direkt am Wasser lag.
Eine weiße Steintreppe führte zur Eingangstür, und oben auf dem Absatz stand eine Frau in weißen Baumwollhosen und einer blauen Bluse, die im Wind flatterten. Sie wirkte wie fünfunddreißig oder vierzig, hatte rote Haare und Sommersprossen im Gesicht und einen schlanken, geschmeidigen Körper, der ihnen allen das Gefühl gab, plump und schwergewichtig zu sein, als sie auf die Frau zugingen. Doch noch deprimierender war ihre Schönheit, vor der sie allesamt zu schrumpfen schienen. Und dass sie die Ankömmlinge mit solch ausgesuchter Freundlichkeit begrüßte, verstärkte den Eindruck ihrer Überlegenheit nur noch.
Micaela zupfte nervös an ihrem Rock und hielt sich hinter Fransson, der sich sonst so schnell von niemandem beeindrucken ließ. Jetzt aber schien sogar er unsicher zu sein, als sie das Haus betraten und verstummten.
Falkegren, seine Anzüge und die Troddeln auf den Schuhen waren eine Sache, aber das hier war eine andere Liga. An den Wänden hingen große, schöne Gemälde, der Empfangsraum war hoch, es gab kein einziges Möbelstück, das nicht Stil oder Klasse hatte, und aus einem nahe gelegenen Zimmer tönte zartes Geigenspiel. Micaela war hingerissen, aber die Frau, die sich als Lovisa Rekke vorgestellt hatte, sah ungehalten aus.
»Herrgott, ich habe ihr gesagt, dass sie aufhören soll«, sagte sie entschuldigend und rief: »Julia, es reicht!«
Die Geige verstummte, und ein Mädchen von vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahren kam aus der Tür links von ihnen. Sie war fast lächerlich süß, dachte Micaela, mit ihrem lockigen Haar und den klaren blauen Augen.
»Sorry, Mama, ich hab’s vergessen«, sagte sie, und das war mehr als Micaela ertragen konnte.
Da stand dieses verdammt entzückende Mädchen und entschuldigte sich dafür, so verflucht schön gespielt zu haben, dass ihnen allen die Kinnlade runtergeklappt war. Und das Schlimmste: Keiner von ihnen konnte mit dieser Situation umgehen und sagen: »Nicht doch, meine Güte, das war einfach nur wunderbar.« Alle standen sie stumm und linkisch da, bis Julia selbst die Initiative ergriff, die Hand ausstreckte und sagte: »Freut mich, Sie kennenzulernen.«
Ein besseres Beispiel für eine klassengesellschaftliche Demütigung fiel Micaela nicht ein. Ein weltgewandter Teenager verwandelte sie in eine blökende Schafherde, und sie bekam unbändige Lust, eine Vase zu zerschlagen oder ein Bild von der Wand zu reißen. Aber es gingen ihr noch andere Gedanken durch den Kopf. Sie dachte an Rekkes wissenschaftliche Artikel, die sie im Laufe der Woche durchgeblättert hatte. Darin war kein Hinweis zu finden gewesen, dass er, wie von Falkegren behauptet, schon einmal mit der Polizei zusammengearbeitet hätte, geschweige denn, dass er sich für Gewaltdelikte interessierte.
Rekke setzte sich mit Denkfehlern auseinander, mit den Streichen, die uns das Gehirn aufgrund vorgefasster Meinungen und falscher Vorstellungen spielt. An Franssons Einwand, dass es sich bei den meisten Artikeln um Haarspaltereien und intellektuelle Kunstfertigkeiten handelte, war sicher was Wahres dran. Trotzdem fühlte sich Micaela von etwas in Rekkes Texten angesprochen: einer Klarheit wahrscheinlich, einer Präzision und Schärfe, die sie in ihrer bisherigen Arbeit vermisst hatte.
»Wo ist er?«, fragte Fransson verärgert.
»Gute Frage«, antwortete Lovisa Rekke. »Wahrscheinlich ist es ihm wieder einmal gelungen, von etwas aufgehalten zu werden.«
»Wir haben nicht unbegrenzt Zeit.«
»Das verstehe ich gut. Ich bitte um Nachsicht. Ich gehe gleich rauf und hole ihn. Nehmen Sie doch so lange Platz«, fuhr sie fort und zeigte auf eine weiße Sitzgruppe neben der Bronzestatue eines Mädchens, das untertänig knickste. Und sie setzten sich und warteten, während die Zeit verging.
Es fühlte sich wie eine kleine Ewigkeit an, bis die Frau wieder runterkam, ein weiteres Mal um Nachsicht bat und sie erneut alleine ließ. Und da war es deutlich zu spüren: Die Verzögerung und die ganze Umgebung machten auch mit den anderen etwas.
Es machte sie widerwillig erwartungsvoll. Fransson begann nervös an seiner Uhr herumzuschrauben, einer IWC Schaffhausen, die er von seinem Bruder geerbt hatte und die, wie er immer wieder betonte, weit über seiner Einkommensklasse lag.
»Vielleicht dürfen wir dem Professor ja doch noch lauschen«, knurrte er, als sie endlich vom oberen Ende der geschwungenen Treppe rasche Schritte hörten und dann Hans Rekke sahen, der auf sie zueilte.
FÜNF
Später versuchte sich Micaela zu erinnern, wie viel sie an dem Tag eigentlich wirklich gewusst hatten, in jedem Fall sehr viel weniger, als sie glaubten. Aber zu dem Zeitpunkt schien der Mord in seiner ganzen Brutalität ziemlich simpel. Er hatte nichts besonders Raffiniertes, nichts wies darauf hin, dass die Gewalttat über längere Zeit geplant worden wäre.
Es schien sich eindeutig um einen Fall von wild aufflammendem Jähzorn zu handeln, eine Wahnsinnstat. Dass der Mord kurz nach einem Fußballspiel passiert war und das Opfer seine ganz eigene Strahlkraft besaß, machte es kein bisschen weniger spektakulär.
Jamal Kabir war sechsunddreißig Jahre alt, als er starb. Er war ein sehr gut aussehender, schlanker Mann mit geradem Rücken und einem schief stehenden Kiefer, seit er in Kabul misshandelt und gefoltert worden war. Viele sprachen von der tiefen Traurigkeit, die er ausgestrahlt hatte, und es war nicht verwunderlich, dass Gerüchte über ihn kursierten. Doch in der Ermittlergruppe hatten sie eigentlich nur Gutes über ihn gehört, und er war bekanntermaßen ein erfahrener Schiedsrichter und Mannschaftsführer.
Während des Taliban-Regimes hatte er sich unermüdlich für das Recht der Jungen, in Kabul Fußball spielen zu können, eingesetzt. Das sei nicht leicht gewesen, hatte er bei der Einwanderungsbehörde angegeben. Das Regime kam ständig mit neuen Regeln, wie lang die Trikotärmel und -hosen sein mussten und wie ausgelassen die Spieler jubeln durften, wenn sie ein Tor schossen. Er kämpfte für seinen Fußball, den er für lebenswichtig hielt. Sämtliche anderen Freizeitaktivitäten waren verboten. Micaela hatte alles darüber gelesen, was sie in die Hände bekam. Man durfte keine Musik hören. Niemand durfte Filme oder Theaterstücke sehen. Bücher wurden verbrannt. Frauen wurden eingesperrt oder unter Burkas versteckt, und in der Arena der Stadt, dem Ghazi Stadion, fanden regelmäßig öffentliche Hinrichtungen statt, gerade so, als hätten Mord und Verstümmelung den Fußball als großes Volksvergnügen abgelöst.
Für Kabir schien es eine existenzielle Frage zu sein, dafür zu sorgen, den Menschen etwas anderes anzubieten. Er organisierte Spiele und Turniere für Junioren. Das habe ihn bekannt gemacht, behauptete er. Die Leute kamen und bedankten sich bei ihm. Aber er bekam auch immer größere Probleme mit den Behörden, und am Ende wurde er festgenommen und gefoltert. Was seinen Hintergrund betraf, gab es einige Fragezeichen, und Micaela fand seine Beschreibung der Gefangennahme nicht ganz glaubwürdig. Aber die Einwanderungsbehörde hatte gerichtliche Belege, dass die Taliban ihn wirklich festgenommen hatten, und es gab keinen Zweifel, dass er schwer misshandelt worden war.
Laut Obduktionsprotokoll hatte er Frakturen an Rippen und Kiefer, die nicht von dem Mord stammten. An den Handgelenken waren mehrfarbige Narben von einer Art Kette zu erkennen und auf der Brust Spuren von Erfrierungen. Trotz allem hatte er sich seinen Kampfgeist bewahrt. Als er im November 2002 in Schweden ankam, setzte er seine Tätigkeit aus Kabul umgehend fort. Von der Flüchtlingsunterkunft in Spånga, wohin er verlegt worden war, begab er sich zu den Fußballplätzen in der Umgebung und nahm Kontakt zu den Jungen-Mannschaften auf, die dort trainierten.
»Das war meine Art zu überleben«, erklärte er.
Er holte Bälle wieder und stellte Kegel auf. Er gab Ratschläge und lobte, und so erhielt er schnell die Möglichkeit, Juniorenspiele zu pfeifen, und man sah sofort: Der wusste, was er tat. Die Leute wurden auf ihn aufmerksam, sicher auch, weil er sich auf eine spezielle Weise auf dem Spielfeld bewegte, und Schritt für Schritt gab man ihm größere Verantwortung. Am Ende pfiff er in der schwedischen Landesliga der Junioren, und im Mai dieses Jahres, drei Wochen bevor er ermordet wurde, erhielt der Sportspiegel einen Hinweis auf ihn und kam raus nach Spånga und filmte. Deshalb erkannten ihn auch einige der Zuschauer wieder, als er am 2. Juni im Grimsta IP auflief. Das war definitiv der Grund dafür, dass Ruth Edelfeldt, die Mutter eines der Spieler, einen Kriegshelden in ihm sah, und dass andere fast feierlich über seine etwas düstere Ausstrahlung sprachen.
In der Ermittlergruppe war bekannt, dass Kabir gerade eine Wohnung an der Torneågatan im Vorort Akalla bekommen hatte und, genau wie in Kabul, zusätzlich in einer Motorradwerkstatt arbeitete. Die Gruppe hatte keine Informationen finden können, ob er bedroht worden war oder Angst hatte. Er sah selbstsicher aus mit seinem geraden Rücken und den großen braunen Augen, als er das Spiel kurz vor 13 Uhr anpfiff. Es gab zwei Videoeinspielungen vom Match, beide Mannschaften – die U17 von Djurgården und von den Brommapojkarna – hatten es aufgezeichnet, und auf den Filmen war zu sehen, wie zielgerichtet und konzentriert Kabir arbeitete. Nur manchmal sah er kurz zum Himmel.
Es hing ein Unwetter in der Luft, und für einen Sommertag war es ungewöhnlich frisch. Die Zuschauer trugen Jacken oder Trainingsanzüge, alle außer einem Mann, der eine kurze Hose und ein hellblaues Napoli-Trikot anhatte, auf dem »Buitoni« stand. Das Trikot war wichtig für ihn. Wenn jemand das wusste, dann Micaela. Ständig und endlos hatte Beppe von der großen Zeit des SSC Neapel in den Achtzigerjahren geschwärmt, und das Trikot war eine Kopie des Mannschaftstrikots, als der Club mit Maradona die Coppa Italia gewann.
Zu Anfang war das Trikot sauber gewesen, vielleicht sogar gebügelt, und Beppe hatte großartige Laune gehabt. Dazu gab es allen Grund, denn er war der Vater des großen Stars auf dem Platz, Mario Costa. Und so wanderte er lange Zeit herum, trank aus einer grünen Gatorade-Flasche, in der sicher nichts Alkoholfreies war, und gab mit seinem Jungen an. Doch nichts ist von Dauer, und wie so oft in seinem Leben schlug seine Laune um, was sicher auch am Wetter lag. Mitten in der zweiten Halbzeit begann der Regen schräg von der Seite zu peitschen. Aber vor allem konnte Djurgården innerhalb von vier Minuten ausgleichen, und da begann Giuseppe zu brüllen – in erster Linie gegen Kabir.
»Bist du blöd im Kopf? Jetzt pfeif schon ab!«, grölte er, und ziemlich lange scherte sich niemand groß darum. Es stand zwei zu zwei, und das Spiel wurde immer spannender und intensiver, vor allem in den Schlussminuten, als Mario kurz vorm Strafraum den Ball eroberte und an einem, zwei und drei Spielern vorbeikam und gerade schießen wollte, als er gefoult wurde.
»Elfmeter! Verdammt noch mal, Elfmeter!«, schrie Giuseppe und hatte vermutlich ausnahmsweise sogar mal recht.
Auf dem Videofilm war es sonnenklar zu sehen, und Kabir schien schon im Begriff zu pfeifen. Aber er tat es nicht. Er gab keinen Elfmeter, und im Sechzehner lag Mario, schreiend und verletzt, während gleichzeitig Giuseppe aufs Spielfeld rannte und der ganze verrückte Tumult losging. Giuseppe war völlig ausgetickt, und vielleicht hatte Jamal Kabir deshalb auf viele einen würdevollen Eindruck gemacht, zumindest glaubte das Micaela.
Kabir stand als der absolute Kontrast zu Beppes Tobsuchtsanfall da, und es stimmte wirklich, dass er auf der letzten Videosequenz, die es von ihm gab, das Gefühl absoluter Kontrolle ausstrahlte. Seine Körpersprache sagte: Mich bringst du nicht aus der Ruhe. Als es Trainer und Eltern gelang, Beppe wegzuzerren, beruhigte sich die Situation etwas. Beppe ließ sich auf der Tribüne nieder und trank aus einer neuen Sportflasche, und auch die enthielt definitiv kein Wasser. Zu diesem Zeitpunkt verließ Kabir das Spielfeld, und im Grunde brachen alle gleichzeitig mit ihm auf, selbst Mario, der Schmerzen hatte und nicht auf seinen Vater warten wollte. Das Stadion leerte sich. Nur Giuseppe und ein Wachmann waren noch übrig.
Doch Kabir kam nicht weit. Er blieb auf der Gulddragargränd direkt vor der Sportanlage stehen und schaute im Regen auf sein Handy, jedoch ohne zu telefonieren oder eine SMS zu schreiben. Ein Zeuge sagte, er habe unentschlossen gewirkt, möglicherweise beunruhigt oder auf jeden Fall wachsam. Dann sei er im Wäldchen gegenüber verschwunden.
Micaela hatte keine Erklärung dafür. Der Weg durch den Wald war keine Abkürzung, es ging bergauf, und da drinnen war Gestrüpp. Aber dort ging er rein und wurde nicht mehr lebendig gesehen. Darum war es natürlich interessant, dass sich Giuseppe kurz darauf von der Tribüne erhob und in dieselbe Richtung verschwand, immer noch üble Flüche gegen Kabir murmelnd.
Niemand konnte hinterher mit Sicherheit sagen, was in diesen entscheidenden Minuten passiert war, außer, dass es überraschend und gewaltsam gewesen sein musste und dass es, egal wie man die Sache auch betrachtete, schlecht für Giuseppe aussah.
Er war auch früher schon gewalttätig geworden. Und als er hinter Kabir her zur Gulddragargränd torkelte, hatte er angeblich einen Stein in der Hand.
Er war blutverschmiert aus dem Wald gekommen, in dem Kabir tot mit zertrümmertem Schädel lag, und es gab Bilder von den Überwachungskameras der U-Bahn, auf denen er mit seinem dunkel befleckten T-Shirt zu sehen war.
Er schien sowohl Motiv und Gelegenheit als auch den Charakter für die Tat zu haben.