Buch
Großbritannien, 19. Jahrhundert: Allein kann die bildhübsche, aber vaterlose Lady Clare die Schutzherrschaft über die wildromantische Isle of Desire auf Dauer nicht halten. Deshalb stimmt sie zu, als ihr Vormund einen geeigneten Ehemann für sie sucht. Aber diesen Entschluss bereut Clare rasch. Gareth of Wykmere ist nämlich alles andere als der erhoffte zartfühlende Poet. Ein herrischer, raubeiniger Krieger stürmt da in ihr Leben. Gareth glaubt, dass es ein Leichtes sei Clare zu zähmen – immerhin hat er schon gefährliche Schlachten geschlagen. Doch er hat nicht mit Clares Kampfgeist gerechnet …
Autorin
Amanda Quick ist das Pseudonym der erfolgreichen, vielfach preisgekrönten Autorin Jayne Ann Krentz. Krentz hat Geschichte und Literaturwissenschaften studiert und lange als Bibliothekarin gearbeitet, bevor sie ihr Talent zum Schreiben entdeckte. Sie ist verheiratet und lebt in Seattle.
Von Amanda Quick bereits erschienen (Auswahl)
Süßer Betrug · Geheimnis der Nacht · Liebe um Mitternacht · Verführung im Mondlicht · Verzaubertes Verlangen · Riskante Nächte · Dieb meines Herzens · Süßes Gift der Liebe · Glut der Herzen · Ungezähmte Leidenschaft · Gefährliche Küsse · Zärtliche Teufelin · Geliebte Rebellin · Liebe Ohne Skrupel · Verführung · Verlangen · Verruchte Lady
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Amanda Quick
Liebe ohne Skrupel
Roman
Deutsch von Uta Hege

Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel »Desire« bei bei Bantam Books, a division of Bantam Doubleday Dell Publishing Group, Inc, New York.
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Copyright © der Originalausgabe 1994 by Jane A. Krentz
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ISBN 978-3-641-29125-9
V001
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Für Stella Cameron –
eine weitere der Schwestern, die ich niemals hatte.
»Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Lady immer noch Jungfrau ist«, sagte Thurston of Landry. »Aber unter den gegebenen Umständen bin ich sicher, dass du diesen Aspekt der Angelegenheit übersehen kannst.«
Gareth blickte seinen Vater reglos an. Als einzige Reaktion auf die Nachricht, dass seine zukünftige Braut sich bereits mit einem anderen Mann entehrt hatte, verstärkte er den Griff um seinen Weinbecher.
Als uneheliches Kind, das gezwungen gewesen war, sich einen Namen mit dem Schwert zu machen, hatte er es gelernt, seine Gefühle zu verbergen. In der Tat gelang ihm das inzwischen so gut, dass alle dachten, er habe gar keine Gefühle.
»Ihr sagt, sie ist eine reiche Erbin?« Gareth zwang sich, sich auf die Hauptsache zu konzentrieren. »Sie ist Herrin über einen großen Landbesitz?«
»Ja.«
»In dem Fall ist sie eine geeignete Ehefrau.« Gareth zeigte nicht, wie zufrieden er war.
Sein Vater hatte recht. Solange die Lady nicht das Kind eines anderen erwartete, war Gareth durchaus bereit, die Tatsache zu übersehen, dass sie keine Jungfrau mehr war. Hauptsache, sie verfügte über das Land, das er sich seit langem ersehnte.
Eigenes Land. Die Worte klangen vielversprechend.
Ein Ort, der ihm gehörte; ein Ort, an dem er nicht nur der Bastard war, dessen Anwesenheit geduldet werden musste; ein Ort, an dem er willkommen war und nicht nur wegen seines geübten Umgangs mit dem Schwert vorübergehend gebraucht wurde. Er wollte an einem Ort leben, an dem er das Recht hatte, vor seinem eigenen Kamin zu sitzen. Gareth war einunddreißig, und er wusste, dass er wahrscheinlich nie wieder eine solche Gelegenheit bekommen würde. Er hatte bereits vor langer Zeit gelernt, jede Chance zu nutzen, die sich ihm bot. Und bisher war er damit immer gut gefahren.
»Sie ist jetzt Herrin über die Isle of Desire.« Thurston hob den reich verzierten Silberbecher an die Lippen, nippte an seinem Wein und blickte gedankenverloren ins Feuer. »Ihr Vater, Sir Humphrey, zog es vor zu reisen und zu lesen, statt das Land zu bearbeiten. Unglücklicherweise starb er vor mehreren Monaten während einer Reise nach Spanien. Er wurde von Banditen ermordet.«
»Und es gibt keine männlichen Erben?«
»Nein. Edmund, Humphreys einziger Sohn, brach sich vor zwei Jahren auf einem Turnier das Genick. Clare, die Tochter, ist die Einzige der Familie, die noch lebt. Demnach ist sie die Erbin des Ritterguts.«
»Und als Sir Humphreys Lehnsherr habt Ihr die Vormundschaft über seine Tochter. Sie wird also auf Euren Befehl hin heiraten.«
Thurston verzog unmerklich das Gesicht. »Das bleibt abzuwarten.«
Gareth bemerkte, dass sein Vater ein Grinsen kaum unterdrücken konnte. Diese Erkenntnis verursachte ihm leichtes Unbehagen.
Gareth war von Natur aus immer ernst und zurückhaltend, er hatte keinen besonderen Sinn für Humor. Auf die Späße, die andere laut lachen ließen, reagierte er höchstens mit einem milden Lächeln.
Sein ernstes Gesicht passte hervorragend zu seinem Ruf, ein skrupelloser Mann zu sein, den man besser nicht verärgerte, wenn einem das Leben lieb war. Er hatte keine besondere Abneigung gegen lächelnde Gesichter oder fröhliches Lachen; er selber hatte einfach selten Grund dazu. Und jetzt fragte er sich besorgt, was Thurston wohl so unterhaltsam fand an einer Sache, die eine rein geschäftliche Angelegenheit sein sollte.
Er musterte die schlanke, elegante Gestalt seines Vaters im Licht der Flammen des Kamins. Thurston war Mitte fünfzig. Sein dichtes, dunkles Haar war inzwischen von silbergrauen Fäden durchzogen, aber er erregte immer noch die Aufmerksamkeit sämtlicher Frauen seiner Umgebung.
Und Gareth wusste, dass es nicht nur seine Machtposition als einer der Lieblingsbarone Heinrichs II. war, die das Interesse der Damen weckte. Auch Thurstons gutes Aussehen zog die Frauen an.
Thurstons Verführungskünste, die er in jüngeren Jahren sowohl vor als auch nach seiner arrangierten Hochzeit häufig angewandt hatte, waren legendär gewesen. Gareths Mutter, die jüngste Tochter einer adligen Familie aus dem Süden, war eine seiner zahlreichen Eroberungen gewesen. Soweit Gareth wusste, war er jedoch der einzige lebende uneheliche Nachkomme. Falls es im Laufe der Jahre noch andere gegeben hatte, so waren sie alle noch als Kinder gestorben.
Zu Thurstons Ehre und zum kaum verhohlenen Missvergnügen seiner Frau musste gesagt werden, dass er seine Pflicht gegenüber seinem unehelichen Sohn erfüllt hatte.
Gareth war zunächst bei seiner Mutter aufgewachsen. Während dieser Zeit war Thurston ein häufiger Gast in dem abgelegenen Landhaus gewesen, in dem Gareth mit seiner Mutter gelebt hatte. Aber als der Junge mit acht Jahren ein Alter erreicht hatte, in dem die Söhne der Adligen mit der Ausbildung zum Ritter anfingen, hatte seine Mutter verkündet, sie wolle ins Kloster gehen.
Es hatte heftigen Streit gegeben. Niemals würde Gareth den Zorn seines Vaters vergessen. Aber seine Mutter war unnachgiebig geblieben und hatte sich durchgesetzt. Thurston hatte ihr eine prächtige Mitgift gegeben, auf Grund derer das Kloster Gareths Mutter nur allzu gern als Novizin aufnahm.
Thurston hatte seinen unehelichen Sohn mit zu sich nach Beckworth Castle genommen. Er hatte dafür gesorgt, dass Gareth mit derselben Sorgfalt und derselben Hingabe zum Ritter ausgebildet wurde wie seine ehelichen Söhne und sein rechtmäßiger Erbe Simon.
Thurstons Frau, Lady Lorice, schön, kalt und stolz, war keine andere Wahl geblieben, als die Situation hinzunehmen. Sie hatte sich jedoch nicht besonders bemüht, dem jungen Gareth das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Nun, das war wahrscheinlich normal.
Gareth, der sich seiner Rolle als Außenseiter nur allzu bewusst gewesen war und der die gelehrte, ruhige Atmosphäre im Haus seiner Mutter vermisst hatte, widmete sich mit ganzem Eifer der Ausbildung mit Lanze und Schwert. Er hatte endlos geübt und eine flüchtige Zufriedenheit in dem Streben nach Perfektion gefunden.
Wenn er nicht gerade seine Kampftechnik verfeinert hatte, hatte er sich in die Abgeschiedenheit der Bibliothek der örtlichen Benediktinerabtei zurückgezogen. Dort hatte er alles gelesen, was Bruder Andrew, der Bibliothekar, ihm in die Hände gegeben hatte.
Als Siebzehnjähriger hatte sich Gareth bereits mit den verschiedensten Themen beschäftigt. Er hatte sich in Abhandlungen über Mathematik und Optik vertieft, die Gerard von Cremona aus dem Griechischen und dem Arabischen übersetzt hatte. Er hatte über die Theorien des Aristoteles von den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer nachgedacht. Er war fasziniert gewesen von den Schriften Platons über Astronomie, Licht und Materie.
Gareths Interesse an derartigen Dingen war nie von praktischem Nutzen für ihn gewesen, aber seine Fähigkeiten als Ritter und als Führer seiner Männer hatten es ihm ermöglicht, eine bedeutende Karriere zu machen.
Zahlreiche mächtige Lehnsherren, einschließlich seines Vaters, konnten nur allzu gut einen Mann gebrauchen, der wusste, wie man Diebe und Wegelagerer sowie die abtrünnigen Ritter zur Strecke brachte, die eine ständige Gefahr für ihre abgelegenen Güter und Gutshäuser waren.
Die Banditenjagd war ein einträgliches Geschäft, und Gareth war äußerst erfolgreich. Es hatte ihm nie besonderen Spaß gemacht, aber dank seines Talents im Umgang mit dem Schwert war er inzwischen ein vermögender Mann. Seinen Wunsch nach eigenem Land hatte er sich bisher jedoch noch nicht erfüllen können. Nur sein Lehnsherr, das hieß, sein Vater, konnte ihm Grundbesitz übertragen.
Vor vier Tagen hatte Gareth Thurstons Befehl erhalten, nach Beckworth Castle zu kommen. Heute Abend hatte er erfahren, dass sein größter Wunsch in Erfüllung gehen sollte. Er musste sich nur bereiterklären, eine Frau mit einem befleckten Ruf zu heiraten.
Das war ein geringer Preis für die Sache, nach der er sich am meisten sehnte. Gareth war es gewohnt, für die Dinge zu bezahlen, die er wollte.
»Wie alt ist die Lady of Desire?« fragte er.
»Lass mich überlegen. Ich glaube, Clare müsste jetzt dreiundzwanzig sein«, sagte Thurston.
Gareth runzelte die Stirn. »Und immer noch unverheiratet?«
»Es heißt, sie lege keinen besonderen Wert darauf zu heiraten. Weißt du, manche Frauen sind so. Deine eigene Mutter zum Beispiel.«
»Ich bezweifle, dass meine Mutter nach meiner Geburt noch eine andere Wahl hatte«, sagte Gareth in neutralem Ton. Dies war eine alte und nur allzu vertraute Geschichte. Aber inzwischen wusste er seine Verbitterung zu verbergen. »Sie hatte Glück, dass sie ein Kloster gefunden hat, das bereit war, sie aufzunehmen.«
»Da irrst du dich.« Thurston stützte die Ellbogen auf die geschnitzten Armlehnen seines Stuhls und faltete die Hände unter dem Kinn. »Mit ihrer Mitgift hatte sie eine Wahl. In der Tat haben sich sämtliche bedeutenden Klöster um sie gerissen.« Er verzog unmerklich den Mund. »Natürlich war keinem der Häuser klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis sie das Kommando übernommen hätte.«
Gareth zuckte mit den Schultern. Er sah seine Mutter nur selten, aber sie schrieben sich regelmäßig, und er wusste, dass Thurston recht hatte. Seine Mutter war eine aufsehenerregende und schwierige Persönlichkeit. In der Tat ebenso aufsehenerregend und schwierig wie sein Vater.
Gareth wandte sich wieder dem eigentlichen Thema ihrer Unterhaltung zu. »Hat Lady Clare irgendeinen besonderen Makel?«
»Soweit ich weiß, nicht. Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit sie ein Kind war, aber soweit ich mich erinnere, war sie ein durchaus hübsches Mädchen. Ich hatte zwar nicht den Eindruck, dass sie einmal eine ausgesprochene Schönheit werden würde, aber sie war weder auffallend hässlich noch in irgendeiner Weise deformiert.« Thurston zog eine Braue hoch. »Ist ihr Aussehen denn von besonderer Bedeutung?«
»Nein.« Gareth blickte in die Flammen des Kamins. »Das Einzige, was mich interessiert, sind ihre Ländereien.«
»Das dachte ich mir.«
»Ich versuche lediglich zu verstehen, weshalb sie noch nicht verheiratet ist.«
Thurston winkte ab. Die herrlichen, karmesinroten und goldenen Stickereien auf dem Ärmel seiner Tunika schimmerten im Schein des Feuers. »Wie gesagt, manche Frauen legen keinen besonderen Wert darauf, mit einem Mann das Ehebett zu teilen, aus welchen Gründen auch immer. Anscheinend ist Lady Clare so eine Frau. Sie hat sich nur bereiterklärt zu heiraten, weil sie weiß, dass ihr keine andere Wahl bleibt.«
»Wegen ihres Gutes?«
»Ja. Die Isle of Desire ist wie eine goldene Gans, die Gefahr läuft, gerupft zu werden. Die Insel braucht Schutz. Lady Clare schreibt, dass sie bereits Probleme mit ihrem Nachbarn, Nicholas of Seabern, sowie mit einer Bande von Banditen hatte, die ihre Lieferungen nach London gefährden.«
»Demnach braucht sie einen Ehemann, der ihr Gut beschützen kann, und Ihr, Sir, wollt sichergehen, dass Desire weiterhin profitabel bleibt.«
»Ja. Die Insel selbst ist nicht besonders groß. Die Bewohner treiben ein wenig Wollhandel, und die Ernte wird regelmäßig eingefahren. Aber das ist nicht der Grund für den Reichtum der Insel.« Thurston nahm eine kleine, reich bestickte Tasche von dem Tisch neben seinem Stuhl. »Das hier ist die bedeutendste Einkommensquelle von Desire.« Er warf seinem Sohn das Täschchen zu.
Gareth fing es auf. Der Duft von Blumen und Kräutern wehte ihm entgegen. Er hob den Beutel an die Nase und atmete den üppigen, reichen, betörenden Duft tief ein. Das berauschende Aroma weckte tief in seinem Inneren ein eigenartiges sinnliches Verlangen. Er roch erneut daran. »Parfüm?«
»Ja. Auf der Insel wachsen zahllose Blumen und Kräuter. Und daraus machen die Leute Parfüms und Cremes aller Art.«
Gareth blickte den hübschen kleinen Beutel an. »Also werde ich Gärtner?«
Thurston lächelte. »Das wäre doch mal eine nette Abwechslung für den Höllenhund von Wyckmere.«
»In der Tat. Ich habe keine besondere Ahnung vom Gartenbau, aber ich nehme an, dass ich alles Erforderliche lernen kann.«
»Egal worum es ging, du hast schon immer eine schnelle Auffassungsgabe besessen.«
Gareth ignorierte diese Bemerkung. »Die Lady of Desire ist also bereit zu heiraten, wenn der Mann in der Lage ist, ihren großen Blumengarten zu beschützen. Und ich will eigenes Land. Wir sollten demnach in der Lage sein, ins Geschäft zu kommen.«
»Vielleicht.«
Gareth kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
»Besteht daran irgendein Zweifel?«
Das Lächeln, das Thurstons Mund umspielt hatte, wurde zu einem ausgewachsenen Grinsen. »Ich fürchte, es gibt noch einen Bewerber für die Position des Ehemannes.«
»Wen?«
»Nicholas of Seabern, Clares nächster Nachbar, ist ebenfalls einer meiner Lehnsmänner. Er hat schon seit geraumer Zeit ein Auge auf Desire geworfen. In der Tat ist er der Hauptgrund für meine Vermutung, dass die Lady keine Jungfrau mehr ist.«
»Er hat sie verführt?«
»Soweit ich weiß, hat Nicholas sie letzten Monat gekidnappt und vier Tage auf Seabern festgehalten.«
»Und dann hat er versucht, sie zu zwingen, ihn als Ehemann zu akzeptieren?«
»Ja. Aber die Lady hat sich geweigert.«
Gareth zog eine Braue hoch. Die Geschichte überraschte ihn nicht. Die Entführung unverheirateter Erbinnen war nichts Besonderes. Aber es überraschte ihn, dass die Lady nicht sofort nach dem Zwischenfall geheiratet hatte. Nur wenige Frauen wären so verwegen, eine Hochzeit abzulehnen, nachdem sie ihre Jungfräulichkeit und ihre Ehre an einen zudringlichen Lord verloren hatten. »Eine höchst ungewöhnliche Frau.«
»Ja. Es scheint, als hätte Lady Clare besondere Ansprüche an den Mann, der ihr Herr und Gebieter wird.« Thurston grinste erneut. »In der Tat hat sie mir ein Rezept für einen Ehemann geschickt. Weißt du, sie möchte einen Mann, der ihren hohen Anforderungen genügt.«
»Verdammt. Ein Rezept?«, murmelte Gareth. »Was für ein Unsinn ist das nun wieder? Ich wusste, dass Sie mir etwas verheimlichen.«
»Sie hat mir eine detaillierte Liste ihrer Forderungen geschickt. Hier, sieh selbst.« Thurston nahm ein zusammengefaltetes Pergament vom Tisch und gab es Gareth.
Gareth warf einen Blick auf das aufgebrochene Siegel und sah, dass es die Form einer Rose hatte.
Er überflog eilig die Begrüßungsformel und die Einleitung des kunstvoll gestalteten Briefes. Als er an die Stelle kam, an der die Lady erklärte, wie sie sich ihren zukünftigen Gatten vorstellte, wurde er langsamer.
Ich habe lange über Euren Wunsch und über die Bedürfnisse der Menschen auf der Insel nachgedacht. Zu meinem Bedauern erkenne ich die Notwendigkeit einer Eheschließung, und aus diesem Grund habe ich die Angelegenheit gründlich überdacht. Wie Ihr wohl wisst, ist Desire ein sehr abgelegener Ort. In der näheren Umgebung gibt es keinen geeigneten Kandidaten außer meinem Nachbarn, Sir Nicholas, den ich als Gatten nicht akzeptieren kann.
Aus diesem Grund bitte ich ergebenst darum, dass Ihr mir eine Auswahl von mindestens drei oder vier Bewerbern schickt, von denen ich dann einen als Ehemann auswählen werde. Um Euch bei der Auswahl der Kandidaten zu helfen, habe ich ein Rezept erstellt, das die Anforderungen enthält, die ich an meinen zukünftigen Gatten stelle.
Ihr, Mylord, habt ein offensichtliches Interesse an den Ländereien. Ich weiß, dass Ihr ebenso an deren Schutz interessiert seid wie ich. Aus Eurer Sicht muss der zukünftige Lord of Desire demnach ein vertrauenswürdiger Ritter sein, der in der Lage ist, eine kleine, aber schlagkräftige Truppe von Kämpfern zu befehligen. Ich möchte Euch daran erinnern, dass er eine solche Truppe mitbringen muss, da wir hier auf der Insel keine ausgebildeten Waffenträger haben. Neben diesem ganz offensichtlichen Anspruch, von dem ich weiß, dass Ihr ihn teilt, habe ich noch drei persönliche Anforderungen an meinen zukünftigen Gatten, die ich detailliert aufführen möchte, um sicherzugehen, dass Ihr sie versteht.
Was das Aussehen des zukünftigen Lord of Desire betrifft, so muss er ein Mann von bescheidener Gestalt und Größe sein. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass extrem große Männer es vorziehen, ihr Ziel durch rohe Gewaltanwendung statt durch Intelligenz und Überlegung zu erreichen. Ich mag Männer nicht, die versuchen, andere durch ihre körperliche Stärke zu überwältigen. Aus diesem Grund bitte ich Euch, die Größe der Kandidaten zu beachten.
Zweitens muss mein zukünftiger Herr ein fröhlicher, wohlerzogener Mann mit einem angenehmen Wesen sein. Ich bin sicher, Ihr versteht, dass ich nicht den Wunsch habe, an einen Mann gebunden zu sein, der ein melancholisches Gemüt aufweist, zu Wutausbrüchen neigt oder häufig schlechte Laune hat. Ich möchte, dass mein Gatte die Gabe hat zu lachen, dass er ein Mann ist, der sich an den bescheidenen Vergnügungen erfreuen kann, denen wir hier auf der Insel nachgehen.
Drittens ist es absolut unerlässlich, dass mein zukünftiger Gatte ein gelehrter Mann ist, der lesen und schreiben kann und der Gefallen hat an geistvollen Gesprächen. Ich werde mich häufig mit ihm unterhalten wollen, vor allem während der kalten Wintermonate, in denen wir gezwungen sein werden, viel Zeit zusammen innerhalb des Hauses zu verbringen.
Ich hoffe, dass diese drei Anforderungen nicht allzu vermessen sind und dass mein Rezept klar und deutlich ist. Es sollte kein Problem für Euch sein, mehrere passende Kandidaten zu finden.
Bitte schickt mir die Kandidaten, sobald es Euch möglich ist. Ich werde meine Wahl so schnell wie möglich treffen und Euch umgehend von meiner Entscheidung in Kenntnis setzen.
Geschrieben im Herrenhaus von Desire am siebten April.
Gareth faltete den Brief zusammen. Das unheilige Amüsement in den Augen seines Vaters blieb ihm nicht verborgen. »Ich frage mich, wie sie es angestellt hat, ihr Rezept für einen perfekten Herrn und Ehemann zusammenzustellen.«
Thurston grinste. »Ich nehme an, sie hat die Grundzutaten irgendwelchen romantischen Balladen entnommen. Du kennst diese Lieder. Im Allgemeinen wird in ihnen der ritterliche Held besungen, der zum Zeitvertreib böse Zauberer abschlachtet und der Dame seines Herzens unsterbliche Liebe schwört.«
»Einer Dame, die für gewöhnlich bereits einem anderen gehört«, murmelte Gareth. Dem Lehnsherrn des Helden zum Beispiel. »Ja, ich kenne diese Art von Liedern. Obwohl ich sie nicht besonders mag.«
»Die Damen lieben sie.«
Gareth zuckte mit den Schultern. »Wie viele Kandidaten werdet Ihr ihr schicken, Mylord?«
»Ich bin der festen Überzeugung, dass es gut ist, den Wünschen einer Frau bis zu einem gewissen Punkt nachzugeben. Ich werde Lady Clare also erlauben, zwischen zwei Kandidaten zu wählen.«
Gareth zog eine Braue hoch. »Nicht zwischen drei oder vier?«
»Nein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es immer nur Ärger gibt, wenn man einer Frau eine allzu große Freiheit der Wahl lässt.«
»Also zwei Kandidaten. Ich und ein anderer.«
»Ja.«
»Und mit wem werde ich um die Gunst der Dame buhlen?«
‚Thurston grinste. »Mit Sir Nicholas of Seabern. Und ich
wünsche dir viel Glück, mein Sohn. Die Anforderungen der Lady sind klar, nicht wahr? Sie will einen kleinen, fröhlichen Mann, der lesen kann.«
Gareth gab seinem Vater den Brief zurück. »Sie hat wirklich Glück, denn schließlich erfülle ich zumindest eine der Anforderungen. Ich kann lesen.«