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Buch

London, 19. Jahrhundert: Prudence Merryweather ist eine Lady mit einer Schwäche für Geister und übernatürliche Wesen, Sebastian, Earl of Angelstone, ein unnahbarer Mann mit einem Hang zu kriminalistischen Nachforschungen. Gemeinsam sind sie ein unschlagbares Duo – und ein Paar, über das sich die Londoner Gesellschaft schon seit Langem den Mund zerreißt. Als man sie beide auch noch zusammen in einem Schlafzimmer erwischt, hilft nur noch eins, um den ruinierten Ruf zu retten: der Schritt vor den Traualtar. Das hindert die selbstbewusste Prudence jedoch nicht daran, sich in neue gefährliche Situationen hineinzumanövrieren. Sebastian wird immer öfter zum Held in der Not – eine Rolle, die ihm gefällt, ihr dagegen gar nicht. Denn von Rettung – geschweige denn Liebe – war nie die Rede …

Autorin

Amanda Quick ist das Pseudonym der erfolgreichen, vielfach preisgekrönten Autorin Jayne Ann Krentz. Krentz hat Geschichte und Literaturwissenschaften studiert und lange als Bibliothekarin gearbeitet, bevor sie ihr Talent zum Schreiben entdeckte. Sie ist verheiratet und lebt in Seattle.

Von Amanda Quick bereits erschienen (Auswahl)

Süßer Betrug · Geheimnis der Nacht · Liebe um Mitternacht · Verführung im Mondlicht · Verzaubertes Verlangen · Riskante Nächte · Dieb meines Herzens · Süßes Gift der Liebe · Glut der Herzen · Ungezähmte Leidenschaft · Gefährliche Küsse · Zärtliche Teufelin · Geliebte Rebellin · Liebe Ohne Skrupel · Verführung · Verlangen · Verruchte Lady

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Amanda Quick

Gefährliche Küsse

Roman

Deutsch von Uta Hege

Die Originalausgabe erschien 1993 unter dem Titel »Dangerous« bei bei Bantam Books, a division of Bantam Doubleday Dell Publishing Group, Inc, New York.


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Copyright © der Originalausgabe 1993 by Jane A. Krentz

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1994 by Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: Buchgewand Coverdesign | www.buch-gewand.de unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © pashabo, © DianaKovach, © Rusrussid2

DK · Herstellung: at

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-29127-3
V001

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EINS

Es war die finsterste Stunde der Nacht, fast drei Uhr morgens, und der eisige Nebel hing über der Stadt wie ein Geist. Prudence Merryweather musste sich eingestehen, dass dies genau die richtige Zeit und das richtige Wetter war, um dem Mann einen Besuch abzustatten, der als der Gefallene Engel bekannt war.

Obgleich sie fest entschlossen war, zitterte sie, als die Droschke vor der nebelverhüllten Tür des Stadthauses hielt. Die neuen Gaslaternen, die in diesem Teil der Stadt aufgestellt worden waren, vermochten nichts gegen den dichten Nebelschleier auszurichten. In der kalten, dunklen Straße herrschte eine unheimliche Stille. Einzig das Rattern der Kutsche sowie das Klappern der Pferdehufe auf dem Pflaster waren zu hören. Prudence überlegte kurz, ob sie dem Kutscher befehlen sollte umzukehren und sie direkt zu sich nach Hause zu fahren. Doch diesen Gedanken verwarf sie schnell wieder. Sie wusste, sie durfte jetzt nicht zögern. Das Leben ihres Bruders stand auf dem Spiel.

Sie nahm all ihren Mut zusammen, rückte ihre Augengläser zurecht und stieg aus der Kutsche. Mit der Kapuze ihres abgetragenen grauen Wollumhangs verdeckte sie ihr Gesicht, und dann stieg sie entschlossen die Stufen zum Haus hinauf. Hinter ihr setzte sich die Kutsche erneut in Bewegung.

Prudence blieb stehen und drehte sich alarmiert herum. »Wo wollen Sie hin, guter Mann? Ich sagte, dass ich Ihnen ein paar Extramünzen gebe, wenn Sie auf mich warten. Es wird nur wenige Minuten dauern.«

»Regen Sie sich nich’ auf, Miss. Ich hab’ nur die Zügel geordnet.« Mit seinem schweren Mantel und seinem tief herabgezogenen Hut war der Kutscher eine dunkle Erscheinung ohne Gesicht und ohne Gestalt. Sein undeutliches Nuscheln verriet, dass er den ganzen Abend hindurch versucht hatte, die bittere Kälte mit Gin zu vertreiben. »Ich hab’ Ihnen gesacht, dass ich warte.«

Prudence entspannte sich ein wenig. »Sehen Sie zu, dass Sie noch da sind, wenn ich zurückkomme. Andernfalls sitze ich hier fest, nachdem ich die Angelegenheit erledigt habe.«

»Angelegenheit, he? So nennen Sie das also.« Der Kutscher stieß ein wieherndes Gelächter aus, öffnete erneut seine Flasche Gin und setzte sie sich an den Hals. »Komische Angelegenheit, wenn Sie mich fragen. Vielleicht möchte Ihr ehrenwerter Freund ja, dass Sie für den Rest der Nacht sein Bett wärmen. Is’ schließlich verdammt kalt heute Abend.«

Prudence warf ihm einen bösen Blick zu, doch dann sagte sie sich, dass ein Streit mit einem betrunkenen Kutscher um diese Zeit sinnlos war. Sie hatte keine Zeit für derartigen Unsinn. Sie schlang ihren Umhang fester um sich und eilte die Treppe zum Haus hinauf. Die oberen Fenster lagen im Dunkeln. Vielleicht war der Besitzer des Hauses bereits zu Bett gegangen.

Nach allem, was sie über ihn wusste, wäre dies jedoch höchst ungewöhnlich. Es wurde erzählt, dass der legendäre Graf von Angelstone selten vor Morgengrauen zu Bett ging. Der Gefallene Engel hatte seinen zweifelhaften Ruf schließlich nicht dadurch erlangt, dass er ein geregeltes Leben führte. Jedermann wusste, dass der Teufel es vorzog, sich im Schutze der Nacht zu bewegen.

Prudence zögerte, ehe sie an die Tür klopfte. Ihr war durchaus bewusst, dass ihr Vorhaben ein gewisses Risiko in sich barg. Sie kam vom Lande und war erst kurze Zeit in London, aber sie war nicht so naiv zu meinen, es sei durchaus schicklich, wenn eine Lady einen Gentleman um drei Uhr morgens besuchen würde.

Prudence klopfte energisch.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Tür von einem verärgert dreinblickenden, halbbekleideten Butler geöffnet wurde. Mit seinem schütteren Haar und dem kräftigen Kiefer erinnerte dieser Mann an einen riesigen, wilden Jagdhund. Der Schein der Kerze in seiner Hand fiel auf sein düsteres Gesicht, das zunächst von Verärgerung und dann zunehmend von Abscheu gezeichnet war. Missbilligend betrachtete er Prudence, die in ihrem Umhang und unter der Kapuze kaum sichtbar war.

»Ja, Miss?«

Prudence atmete tief ein. »Ich bin gekommen, um mit seiner Lordschaft zu sprechen.«

»Tatsächlich?« Der Mund des Butlers verzog sich zu einem höhnischen Grinsen, das Zerberus, dem dreiköpfigen Hund, der den Eingang zum Hades bewachte, alle Ehre gemacht hätte.

»Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass seine Lordschaft nicht zu Hause ist.«

»Ganz gewiss ist er da.« Prudence wusste, dass sie standhaft bleiben musste, wenn sie am Höllenhund des Gefallenen Engels vorbeigelangen wollte. »Ich habe es überprüfen lassen, bevor ich beschloss, ihm einen Besuch abzustatten. Bitte setzen Sie ihn umgehend davon in Kenntnis, dass er eine Besucherin hat.«

»Und wen soll ich ihm melden?«, fragte der Butler mit Grabesstimme.

»Eine Dame.«

»Das ist wohl eher unwahrscheinlich. Keine Dame würde um diese Uhrzeit hier erscheinen. Scher dich davon, elendes kleines Luder. Seine Lordschaft verkehrt nicht mit Mädchen deiner Sorte. Wenn ihm der Sinn nach Weiberröcken steht, findet er allemal bessere Frauen als irgendeine dahergelaufene Dirne von der Straße.«

Prudence’ Blut geriet in Wallung ob derartiger Beleidigungen. Die ganze Sache würde offensichtlich noch unangenehmer werden, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie riss sich zusammen. »Seien Sie so gut, seine Lordschaft davon in Kenntnis zu setzen, dass jemand, der ein gewisses Interesse an seinem bevorstehenden Duell hegt, ihn zu sehen wünscht.«

Der Butler starrte sie überrascht an. »Was, bitte, sollte ein Weibsstück deiner Sorte schon von den persönlichen Angelegenheiten seiner Lordschaft wissen?«

»Offensichtlich weit mehr, als Sie darüber wissen. Und ich schwöre, dass Sie es noch bereuen werden, wenn Sie Angelstone nicht ausrichten, dass er eine Besucherin hat. Ich versichere Ihnen, dass Ihre Stellung in diesem Haushalt davon abhängt, dass Sie ihn darüber informieren, dass ich hier bin.«

Diese Drohung schien den Butler zwar nicht vollends zu überzeugen, doch er begann zu schwanken. »Warten Sie hier.« Er warf die Tür ins Schloss und ließ Prudence auf der Treppe stehen. Der eisige Nebel kam angekrochen und umfing sie mit seinen Klauen. Sie hüllte sich tiefer in ihren Umhang. Dies würde einer der schlimmsten Abende ihres Lebens werden.

Wie einfach waren doch die Dinge auf dem Land gewesen. Einen Augenblick später wurde die Tür erneut geöffnet. Der Butler sah auf Prudence herab und gab ihr brummend zu verstehen, dass sie eintreten sollte.

»Seine Lordschaft wird Sie in der Bibliothek empfangen.«

»Das habe ich erwartet.« Schnell trat Prudence über die Schwelle. Sie war dankbar, der Umklammerung des Nebels zu entfliehen, auch wenn sie sich dafür direkt in die Hölle begeben musste.

Der Butler öffnete die Tür zur Bibliothek und hielt sie auf. Prudence fegte an ihm vorbei in einen dunklen, von düsteren Schatten durchzogenen Raum, der lediglich von einer kleinen Flamme im Kamin erhellt wurde. Während sich die Tür hinter ihr schloss, stellte sie fest, dass sie Angelstone nirgends entdecken konnte.

»Mylord?« Prudence blieb abrupt stehen und blinzelte in der Dunkelheit. »Sir? Sind Sie hier?«

»Guten Abend, Miss Merryweather. Ich hoffe, Sie verzeihen das rüde Benehmen meines Butlers.« Sebastian, Graf von Angelstone, erhob sich langsam aus den Tiefen eines riesigen Sessels gegenüber dem Kamin. Unter einem Arm hatte er eine große schwarze Katze. »Sie müssen wissen, dass Ihr Besuch gewissermaßen unerwartet kommt. Besonders in Anbetracht der Umstände und der Uhrzeit.«

»Ja, Mylord. Das ist mir bewusst.« Sein Anblick verschlug Prudence die Sprache. Sie hatte zwar im Verlauf des Abends mit Sebastian getanzt, doch war dies ihre erste Begegnung mit dem Gefallenen Engel gewesen. Nun wurde ihr klar, dass sie sich an die Wirkung, die er auf ihre Sinne hatte, wohl nur langsam gewöhnen würde.

Angelstone war sowohl seiner äußeren Erscheinung als auch seinem Temperament nach alles andere als engelsgleich. In den Salons der Gesellschaft erzählte man, dass er starke Ähnlichkeit mit dem Herrn der Unterwelt aufwies. Und tatsächlich war es schwer, sich diesen Mann mit Engelsflügeln und Heiligenschein vorzustellen.

Das Feuer hinter Sebastians Rücken flackerte heute Nacht etwas zu stimmungsvoll. Im Schein der Flammen zeichneten sich seine stolzen, finsteren Züge deutlich ab. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten. In seinen forschenden, bernsteinfarbenen Augen blitzte kalte, durchdringende Intelligenz. Sein Körper war hart und fest. Von der Tanzfläche her wusste Prudence, dass er sich mit einer lässigen, gefährlichen männlichen Anmut bewegte.

Die bequeme Kleidung zeigte eindeutig, dass er nicht darauf eingestellt gewesen war, Besucher zu empfangen. Seine weiße Krawatte hing ihm locker um den Hals, und sein Rüschenhemd war weit genug geöffnet, dass Prudence die krausen schwarzen Haare auf seiner Brust erkennen konnte. Unter seinen lederfarbenen Reithosen zeichneten sich deutlich die sehnigen Linien seiner Schenkel ab. Nach wie vor trug er seine schwarzen, blankpolierten Stiefel.

Prudence kannte sich in Stilfragen nicht besonders aus. Mode war eine Angelegenheit, der sie nur sehr geringes Interesse schenkte. Trotzdem konnte sie feststellen, dass Sebastian eine natürliche männliche Eleganz ausstrahlte, die nur sehr wenig mit seiner Kleidung zu tun hatte. Sie war ein Teil von ihm, genau wie sie ein Teil der Katze war, die er unter seinem Arm hielt.

Als einziges Schmuckstück trug Sebastian an einem seiner langen, schlanken Finger einen goldenen Ring. Dieser verströmte einen matten Glanz. Während Angelstone langsam die Katze streichelte, starrte Prudence auf den Ring. Als sie mit Sebastian getanzt hatte, hatte sie festgestellt, dass ein geschwungenes F eingraviert war, und sie hatte angenommen, dass es für Fleetwood, den Familiennamen des Grafen, stand.

Als sie schließlich ihren Blick von seiner Hand löste und ihm wieder in die Augen sah, bemerkte sie, dass er lächelte.

Der sinnliche Schauder, der sie überkam, überraschte sie. Sie sagte sich, sie sei es lediglich nicht gewohnt, einen halbnackten Mann zu sehen. Doch unglücklicherweise hatte sie bereits früher am Abend, als Sebastian in ordentlicher Ballkleidung vor ihr stand, genauso reagiert.

Prudence musste zugeben, dass dieser Mann sie fesselte. Sie fragte sich kurz, ob er wohl wirklich existierte. Während sie ihm gegenüberstand und ihn anstarrte, begann Sebastian, sich wie ein Geist in grauem Nebel aufzulösen.

Einige Sekunden lang war sie so verblüfft darüber, wie er sich vor ihren Augen in einen Geist zu verwandeln schien, dass es ihr unmöglich war, klar zu denken. Doch dann begriff sie.

»Entschuldigen Sie, Graf.« Eilig setzte Prudence ihre beschlagenen Augengläser ab und wischte die Nebeltropfen fort, die ihre Sicht behindert hatten. »Sie müssen wissen, es ist sehr kalt draußen. Als ich dann in diesen warmen Raum kam, bildete sich Kondenswasser auf den Brillengläsern. Das ist eines der lästigen Probleme, die man hat, wenn man eine Brille trägt.«

Sebastian zog eine seiner schwarzen Brauen hoch. »Das tut mir leid, Miss Merryweather.«

»Ja, nun, danke. Da kann man eben nichts machen. Man gewöhnt sich daran.« Prudence setzte ihre Augengläser wieder auf. Sie bedachte Sebastian mit einem Stirnrunzeln. »Ich nehme an, Sie fragen sich, weshalb ich Sie zu dieser späten Stunde aufsuche.«

»Die Frage ging mir tatsächlich durch den Kopf.« Sein Blick wanderte über ihren alten Umhang, der sich leicht geöffnet hatte und das schlichte, unmoderne, rehfarbene Ballkleid darunter freigab. Während eines Augenblicks blitzte Belustigung in seinen Augen auf, doch dann sah er sie fragend an. »Sie sind allein gekommen?«

»Ja, natürlich.« Prudence sah ihn überrascht an.

»Einige Leute würden bestimmt sagen, dass das ziemlich unklug war.«

»Ich musste Sie allein sprechen. Ich bin wegen einer äußerst persönlichen Angelegenheit gekommen.«

»Ich verstehe. Bitte, nehmen Sie Platz.«

»Danke.« Prudence lächelte etwas unsicher, als sie sich in dem zweiten großen Sessel gegenüber dem Kamin niederließ. Sie erinnerte sich selbst daran, dass sie Angelstone auf den ersten Blick gemocht hatte, obgleich ihre Freundin Hester, Lady Pembroke, entsetzt gewesen war, als er darauf bestanden hatte, ihr vorgestellt zu werden.

Gewiss war er nicht so schlecht, wie alle behaupteten, sagte sich Prudence, während sie beobachtete, wie Sebastian sich in seinem Sessel zurücklehnte. Was Menschen betraf, so konnte sie sich im Allgemeinen auf ihr Gefühl verlassen. Nur ein einziges unglückseliges Mal, vor drei Jahren, hatte sie sich in einem Mann getäuscht.

»Dieser Besuch ist mir recht unangenehm, Graf.«

»Ja.« Sebastian streckte seinen Fuß in Richtung des Kamins und begann erneut, die Katze zu streicheln. »Außerdem ist dieser Besuch nicht ungefährlich.«

»Unsinn. Ich habe eine Pistole in der Tasche, und der Kutscher, der mich hierhergefahren hat, wartet draußen auf mich. Ich versichere Ihnen, dass ich mich durchaus sicher fühle.«

»Eine Pistole?« Er betrachtete sie amüsiert. »Sie sind eine höchst ungewöhnliche Frau, Miss Merryweather. Dachten Sie, Sie würden eine Pistole benötigen, um sich vor mir zu schützen?«

»Gütiger Himmel, nein, Graf.« Prudence war ehrlich entsetzt. »Sie sind ein Gentleman, Sir.«

»Bin ich das?«

»Natürlich sind Sie das. Bitte machen Sie sich nicht lustig über mich, Graf. Ich habe die Pistole als Schutz gegen Straßenräuber mitgenommen. Man sagte mir, sie seien sehr zahlreich hier in der Stadt.«

»Ja. Das sind sie.«

Die Katze kauerte sich in Sebastians Schoß zusammen und starrte Prudence unverwandt an. Die Augen des Tieres hatten beinahe den gleichen Goldton wie die seines Herrn.

»Hat Ihre Katze einen Namen, Sir?«, fragte sie plötzlich.

»Ja.«

»Wie heißt sie?«

Wieder erschien ein flüchtiges Lächeln auf Sebastians Lippen. »Luzifer.«

»Oh.« Prudence räusperte sich leicht. »Ja, nun, wie ich bereits sagte, bin ich keineswegs eine ungewöhnliche, sondern vielmehr eine ganz gewöhnliche Frau, die sich leider noch nicht besonders gut mit dem Leben in der Stadt auskennt.«

»Da muss ich Ihnen widersprechen, Miss Merryweather. Sie sind die ungewöhnlichste Frau, die mir jemals begegnet ist.«

»Es fällt mir schwer, das zu glauben«, sagte sie scharf. »Nun denn, ich scheine heute Abend die Ursache für gewisse Unstimmigkeiten zwischen Ihnen und meinem Bruder gewesen zu sein, und ich möchte diese Sache sofort bereinigen.«

»Unstimmigkeiten?« Sebastians Augen verengten sich, während er überlegte. »Ich bin mir keiner Unstimmigkeiten zwischen mir und Trevor Merryweather bewusst.«

»Versuchen Sie nicht, mich abzuwimmeln, indem Sie so tun, als wüssten Sie nicht, wovon ich spreche, Graf.« Prudence ballte die Hände in ihrem Schoß. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie und Trevor sich im Morgengrauen duellieren wollen. Das werde ich auf keinen Fall zulassen.«

»Und wie wollen Sie uns davon abhalten?« Sebastian sah sie gelangweilt an.

»Ich habe mich während der letzten Stunden mit dem Thema auseinandergesetzt und bin zu einer Lösung gekommen.«

»Ach, tatsächlich?«

»Ja. Eine Entschuldigung wird dieser idiotischen Sache ein Ende machen. Sobald ich das herausgefunden hatte, suchte ich Trevor auf der Soiree bei den Atkinsens auf und sprach mit ihm. Unglücklicherweise erwies er sich als ausgesprochen stur in dieser Angelegenheit, obgleich ihm anzumerken war, dass ihm der Gedanke an das morgige Duell entsetzlich Angst macht. Er ist noch sehr jung, wissen Sie?«

»Offensichtlich nicht zu jung, um eine Herausforderung auszusprechen.«

Prudence schüttelte den Kopf. »Er wiederholte immer nur, dass er nicht zurück könne, da sowohl meine als auch seine Ehre auf dem Spiel stünden. Meine Ehre. Können Sie sich das vorstellen?«

»Darum geht es meistens. Duelle wären unerträglich langweilig für alle Beteiligten, wenn es nicht um die Ehre einer Frau ginge.«

»Was für ein Blödsinn. Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, Graf, dass Sie, wenn Sie das tatsächlich glauben, nicht mehr Verstand besitzen als mein Bruder.«

»Ein unerträglicher Gedanke.«

Prudence ignorierte den Sarkasmus. »Es ist vollkommener Unsinn zu denken, ich wäre beleidigt worden, nur weil Sie mit mir gesprochen und mich zum Tanzen aufgefordert haben. Ich fühlte mich dadurch nicht im Geringsten beleidigt. Das habe ich auch Trevor gesagt.«

»Danke.«

»Die Sache ist die«, fuhr Prudence ernst fort, »dass Trevor sich seit dem Tod unserer Eltern für mich verantwortlich fühlt. Er meint, dass er als Oberhaupt der Familie bestimmte Verpflichtungen hat. Er meint es gut, doch manchmal übertreibt er seine Sorge um mich. Es war einfach lächerlich, dass er Sie wegen einer so unbedeutenden Kleinigkeit zum Duell herausgefordert hat.«

»Ich bin mir nicht so sicher, dass es sich um eine so unbedeutende Kleinigkeit gehandelt hat.« Gedankenverloren ließ Sebastian seine schlanken Finger über das Fell der Katze gleiten. »Schließlich habe ich mich auf dem Ball lange und ausführlich mit Ihnen unterhalten.«

»Über Angelegenheiten von gemeinsamem wissenschaftlichen Interesse, das war alles«, erwiderte Prudence schnell.

»Und wir haben Walzer getanzt.«

»Das haben auch zahlreiche andere Leute getan. Lady Pembroke sagt, das ist die ganz große Mode. Heutzutage tanzt jedermann Walzer. Wirklich, Trevors Herausforderung ist einfach lächerlich.«

»Nicht in den Augen einiger Leute.«

Prudence biss sich auf die Lippe. »Nun, da er die Herausforderung ausgesprochen hat und da ich ihn nicht dazu überreden kann, sich bei Ihnen zu entschuldigen, gibt es nur noch eine Möglichkeit, das Duell ordnungsgemäß abzusagen.«

Sebastian sah sie aus seinen goldenen Augen an. »Es wäre höchst interessant für mich zu erfahren, welche Lösung Sie vorschlagen, Miss Merryweather.«

»Es ist wirklich ganz einfach.« Prudence lächelte ihn hoffnungsvoll an. »Sie müssen sich bei ihm entschuldigen.«

Sebastian hörte auf, die Katze zu streicheln. Ebenholzfarbene Wimpern verdeckten seinen Blick. »Wie bitte?«

»Sie haben es gehört. Sie müssen sich bei ihm entschuldigen.« Prudence beugte sich vor. »Es ist die einzige Möglichkeit, Graf. Trevor ist kaum zwanzig Jahre alt, wissen Sie? Er ist nervös, und ich glaube, er weiß, dass er sich in eine ausweglose Situation manövriert hat, aber er ist viel zu jung und hitzköpfig, um zuzugeben, dass die Situation außer Kontrolle geraten ist.«

»Vielleicht hat Ihr Bruder gar nicht das Gefühl, dass die Situation außer Kontrolle geraten ist. Vielleicht ist er ehrlich überzeugt davon, dass unter den gegebenen Umständen eine Herausforderung die einzig angemessene Reaktion war.«

»Lächerlich. Sie müssen versuchen, ihn zu verstehen, Graf. Seit Mama und Papa vor zwei Jahren bei einem Kutschenunglück ums Leben kamen, hat mein Bruder versucht, seiner Verantwortung als Familienoberhaupt gerecht zu werden.«

»Ich verstehe.«

»Er ist in diesem entsetzlichen Alter, in dem junge Männer alle Dinge äußerst intensiv erleben. Ich nehme an, Sie waren auch einmal jung.«

Sebastian starrte sie an. Er war ehrlich fasziniert. »Jetzt, wo Sie es bemerken, glaube ich, dass ich es einmal war. Natürlich ist das lange, lange her.«

Prudence errötete. »Ich wollte damit keinesfalls sagen, dass Sie jetzt alt sind, Graf.«

»Danke.«

Prudence lächelte ihn ermutigend an. »Himmel, Sie sind wahrscheinlich nicht viel älter als vierzig.«

»Fünfunddreißig.«

Prudence blinzelte. »Bitte?«

»Ich bin fünfunddreißig Jahre alt, Miss Merryweather. Nicht vierzig.«

»Oh. Ich verstehe.« Prudence fragte sich, ob sie ihn wohl beleidigt hatte. Sie versuchte, wieder an Boden zu gewinnen.

»Nun, auf jeden Fall weisen Sie die Art gesunder Reife auf, die man bei einem wesentlich älteren Mann erwarten würde, Sir.«

»Nett, dass Sie das sagen. Es gibt Leute, die behaupten, mein Gesicht sei das einer verfluchten Seele und trage die Spuren eines harten Lebens.«

Prudence schluckte. »Die Sache ist die, Graf, ich fürchte, wir müssen uns auf die Weisheit und die Vernunft verlassen, die Sie zweifelsohne während der letzten fünfunddreißig Jahre gewonnen haben, wenn wir den Verrücktheiten eines zwanzigjährigen Jungen ein Ende machen wollen.«

Während eines langen Augenblicks betrachtete Sebastian ihr Gesicht. »Sie meinen es ernst, nicht wahr, Miss Merryweather? Sie erwarten allen Ernstes, dass ich mich bei Ihrem Bruder entschuldige.«

»Ich meine es sehr ernst. Dies ist eine Frage von Leben und Tod, Graf. Wie man mir berichtete, sind Sie ein hervorragender Schütze.« Prudence ballte ihre Fäuste noch stärker. »Ich habe erfahren, dass Sie regelmäßig bei Manton’s trainieren und dass dies keineswegs Ihr erstes Duell ist.«

»Sie scheinen erstaunlich gut informiert zu sein.«

»Es liegt mir, Dinge herauszufinden, Graf«, erwiderte Prudence eilig. »Es ist eines meiner Hobbys, wie ich Ihnen bereits auf dem Ball erklärt habe.«

»Das haben Sie. Aber ich hatte den Eindruck, dass Ihr vorrangiges Interesse der Erforschung geisterhafter Erscheinungen gilt.«

Prudence betrachtete die Katze. »Es stimmt, dass ich mich auf dieses Gebiet spezialisiert habe, aber ich versichere Ihnen, dass meine Interessen vielfältiger Art sind. Es macht mir Spaß, rätselhafte Angelegenheiten aller Art zu klären.«

»Glauben Sie an Geister, Miss Merryweather?«

»Ich persönlich bin in dieser Hinsicht äußerst skeptisch«, gestand Prudence. »Doch viele Menschen glauben an Geister. Sie denken oft, sie hätten den Beweis für eine geisterhafte Erscheinung. Mein Hobby umfasst die Untersuchung des Beweismaterials und den Versuch, eine logische Erklärung dafür zu finden.«

»Ich verstehe.« Sebastian starrte in die Flammen im Kamin. »Ich hatte von Ihrem eher ungewöhnlichen Hobby gehört. Deshalb bat ich darum, Ihnen vorgestellt zu werden.«

Prudence lächelte traurig. »Das ist mir durchaus bewusst, Graf. Ich weiß, dass ich hier in der Stadt als Original gelte. Sie sind nicht der erste Gentleman, der mich nur deshalb kennenlernen wollte, weil er sich für mein Hobby interessiert. Können Sie sich vielleicht vorstellen, wie ärgerlich es ist, nur deshalb zum Tanzen aufgefordert zu werden, weil man als seltsam gilt?«

»Ich glaube, ich kann es mir denken«, erwiderte Sebastian eigenartig trocken. »Die Gesellschaft fühlt sich immer vom Ungewöhnlichen angezogen. Die Leute reagieren wie kleine Kinder, die ein neues Spielzeug bekommen. Und falls dieses Spielzeug zufällig kaputt geht, wird es beiseitegelegt, und man sucht sich ein anderes schillerndes, glitzerndes Objekt.«

»Ich verstehe.« Prudence verließ der Mut. Hatte sie tatsächlich gehofft, er fände sie auch nur etwas interessanter als ein neues Spielzeug? Schließlich hatte sie es mit dem Gefallenen Engel zu tun. »Sie wollen mir damit also sagen, dass Sie mich zum Tanzen aufgefordert haben, weil ich das Neueste bin, was die Gesellschaft als Unterhaltung zu bieten hat. Sie haben sich also lediglich mit mir amüsiert.«

»Nein.« Sebastian betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. »Ich habe Sie zum Tanzen aufgefordert, weil Sie mich neugierig gemacht haben, Miss Merryweather. Ich hatte den Eindruck, Sie und ich hätten vielleicht ein paar gemeinsame Interessen.«

Sie starrte ihn überrascht an. »Tatsächlich, Graf? Sie interessieren sich für geisterhafte Erscheinungen?«

»Nicht genau.«

»Wofür dann?«

»Ich glaube, das ist im Augenblick nicht so wichtig. Es gibt im Moment dringendere Probleme, nicht wahr?«

»Ja, natürlich. Ihr Duell mit meinem Bruder.« Prudence wandte sich wieder dem Thema ihres Besuches zu. »Dann werden Sie sich also bei Trevor entschuldigen? Ich weiß, es ist äußerst ärgerlich für Sie, aber Sie sehen sicher ein, dass dieses Duell unbedingt verhindert werden muss.«

»Es ist nicht meine Gewohnheit, mich zu entschuldigen, Miss Merryweather.«

Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. »Die Sache ist die, dass ich Trevor einfach nicht dazu überreden kann, sich bei Ihnen zu entschuldigen.«

»Dann, so fürchte ich, wird Ihr Bruder die Konsequenzen ziehen müssen.«

Prudence spürte, wie ihre Hände vor Kälte erstarrten. »Sir, ich muss leider darauf bestehen, dass Sie die Rolle des reifen, vernünftigen Mannes übernehmen. Trevor kennt sich mit den Gepflogenheiten in der Stadt ebenso wenig aus wie ich. Er wusste nicht, was er tat, als er Sie herausforderte.«

»Sie irren sich, Miss Merryweather. Ihr Bruder wusste genau, was er tat. Er wusste, wer ich war, und er kannte meinen Ruf.« Sebastian lächelte schwach. »Weshalb, glauben Sie, war er wohl so empört darüber, dass ich Sie zum Tanzen aufforderte?«

Prudence runzelte die Stirn. »Im Verlauf der letzten drei, vier Stunden habe ich eine Menge über Ihren Ruf gehört, Graf. Mir scheint, als stünde er in keinerlei Verhältnis zu den Tatsachen.«

Einen Moment lang blickte Sebastian sie verblüfft an. »Kennen Sie denn die Tatsachen, Miss Merryweather?«

»Den Großteil.« Sie begann mit ihrer Aufzählung. »Vor Jahren verließ Ihr Vater seine Familie, um mit einer Schauspielerin zusammenzuleben. Die Fleetwoods waren außer sich. Ihre Eltern waren gezwungen, das Land nach diesem Skandal zu verlassen. Es gab niemals eine offizielle Hochzeitsanzeige, so dass jedermann, einschließlich Ihrer Verwandten, annahm, Ihr Vater habe Ihre Mutter niemals geehelicht.«

»Das wären so ziemlich alle wichtigen Ereignisse aus meiner Vergangenheit.«

»Nicht ganz. Als Sie vor zwei Jahren nach England zurückkamen, fand die Gesellschaft größten Gefallen daran, Sie als Bastard abzustempeln.«

»Tatsächlich.« Sebastian blickte sie amüsiert an.

»Es war sehr grausam von den Leuten, so etwas zu sagen. Sie waren gewiss nicht verantwortlich für die Umstände Ihrer Geburt.«

»Sie sind äußerst verständnisvoll, Miss Merryweather.«

»Das ist einzig eine Frage des gesunden Menschenverstandes. Weshalb sollte ein Kind für die Taten seiner Eltern verantwortlich gemacht werden? Nun denn, aber tatsächlich wurden Sie keinesfalls unehelich geboren.«

»Nein.«

Prudence betrachtete ihn nachdenklich. »Aus nur Ihnen bekannten Gründen, wahrscheinlich, weil Sie es amüsant fanden, ließen Sie jedermann in dem Glauben, Sie seien ein uneheliches Kind.«

»Sagen wir, ich machte mir nicht die Mühe, diesen Eindruck zu korrigieren«, gestand Sebastian.

»Bis Ihr Onkel, der damalige Graf, letztes Jahr starb. Er hatte nie geheiratet, also hatte er keinen Sohn, der den Titel erben konnte. Ihr Vater war der Nächste in der Linie, doch unglücklicherweise starb er vor vier Jahren, und Sie galten als Bastard. Demnach dachten alle, Ihr Cousin Jeremy, dessen Vater ebenfalls vor einiger Zeit starb, würde der nächste Graf von Angelstone.«

Sebastian lächelte und schwieg.

»Aber«, fuhr Prudence fort, »Sie stifteten größte Verwirrung, indem Sie den unwiderlegbaren Beweis erbrachten, dass Ihre Eltern tatsächlich rechtmäßig verheiratet waren, als Sie geboren wurden. Wie mir berichtet wurde, haben Ihre Verwandten Ihnen niemals verziehen.«

»Ein Umstand, der mich nicht sonderlich stört.«

»Darüber hinaus hatten Sie zu der Zeit, als Sie den Titel erlangten, bereits ein beträchtliches Vermögen erworben, das das Angelstone-Erbe noch um einiges übertraf«, sagte Prudence.

»Auch darüber sind Ihre Verwandten nicht gerade glücklich.« Sebastian nickte kurz. »Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Nachforschungen, Miss Merryweather. Sie haben in relativ kurzer Zeit eine Menge über mich in Erfahrung gebracht.«

»Es mangelt nicht gerade an Leuten, die nur allzu gern über Sie tratschen, Graf.«

»An diesen Menschen mangelt es nie.«

»Ihr Ruf grenzt ans Legendäre.«

»Vielleicht mit gutem Grund«, bemerkte Sebastian leise.

»Tatsächlich stehen Sie in dem Ruf, derart gefährlich zu sein«, fuhr Prudence fort, »dass er gewiss nicht unter den paar unwichtigen Bemerkungen litte, die fallen würden, wenn Sie sich bei meinem Bruder entschuldigten.«

Sebastians Kiefer spannte sich. Dann leuchtete zögernde Bewunderung in seinen Augen auf. »Ein guter Treffer, Miss Merryweather. Und sauber ausgeführt, wenn ich so sagen darf.«

»Danke sehr, Graf. Ich habe lediglich die Wahrheit gesagt. Sie könnten sich bei meinem Bruder entschuldigen, ohne dass Ihr außerordentlicher Ruf dadurch geschmälert würde. Jeder, der von Ihrer großmütigen Geste Trevor gegenüber erfährt, wird sie als freundlichen Akt verstehen.«

»Ich bin nicht gerade für meine Freundlichkeit berühmt, Miss Merryweather.«

Prudence schenkte ihm ein ermutigendes Lächeln. »Das werden Sie aber sein, nachdem es sich herumgesprochen haben wird, dass Sie sich geweigert haben, sich mit meinem Bruder zu duellieren. Jedermann weiß, dass Sie ihn problemlos niederstrecken könnten.«

»Das ist ein interessanter und durchaus amüsanter Gesichtspunkt.«

»Es freut mich, dass Sie mich verstehen, Graf. Ich glaube, mein kleiner Plan wird hervorragend funktionieren. Sie müssen sich lediglich bei Trevor entschuldigen.«

Sebastian dachte einen Augenblick darüber nach. »Ich muss gestehen, dass ich keinen echten Vorteil für mich in der ganzen Sache entdecke.«

»Ihnen wird die Unannehmlichkeit eines Duells im Morgengrauen erspart«, bemerkte Prudence. »Das ist gewiss ein nicht zu verachtender Vorteil.«

»Zufällig bin ich sowieso immer im Morgengrauen wach.« Kälte flackerte in Sebastians Augen auf. »Ein Duell wäre da keine besondere Unannehmlichkeit.«

Prudence sah ihn entsetzt an. Dann meinte sie, ein teuflisches Vergnügen in seinen bernsteinfarbenen Augen aufblitzen zu sehen. »Graf, Sie scherzen.«

»Glauben Sie?«

»Ja, das tue ich. Sie können einfach nicht den Wunsch verspüren, sich mit einem unerfahrenen Jungen zu duellieren. Sie müssen sich nichts beweisen. Versprechen Sie mir, dass Sie die ganze Sache durch eine Entschuldigung beenden, ehe Blut fließt.«

»Sie bitten mich, auf die Verteidigung meiner eigenen Ehre zu verzichten.«

»Ich bitte Sie, vernünftig zu sein.«

»Weshalb sollte ich vernünftig sein wollen?«

Prudence war am Ende ihrer Geduld. »Graf, ich muss darauf bestehen, dass Sie endlich aufhören, sich wie ein hirnverbrannter Idiot zu benehmen. Wir wissen beide, dass Sie zu intelligent sind, um so etwas Verrücktes wie ein Duell einzugehen.«

»Ein hirnverbrannter Idiot?«

Prudence errötete. »Entschuldigen Sie, Sir, aber so erscheint mir Ihr Benehmen. Ich hätte anderes von Ihnen erwartet.«

»Ich bin untröstlich, dass ich Ihren Erwartungen nicht entsprochen habe. Ich entspreche nur selten den Erwartungen von irgendjemandem. Es überrascht mich, dass Sie das im Verlauf Ihrer Nachforschungen nicht herausgefunden haben.«

»Es bereitet Ihnen offensichtlich Vergnügen, andere Menschen zu verwirren«, sagte Prudence. »Mir ist bewusst, dass Sie zweifellos der Auffassung sind, es sei nur recht und billig, wenn Sie sich derart benehmen. Das ist zweifelsohne Ihre Art, sich an der Gesellschaft für die Behandlung zu rächen, die sie Ihnen zuteilwerden ließ, bevor Sie den Titel erbten.«

»Sie sind wirklich verständnisvoll.«

»Wie dem auch sei«, sagte Prudence bedächtig. »Ich bitte Sie, Ihre Rachegelüste in dieser Angelegenheit außer Acht zu lassen und wie der großmütige, verantwortungsbewusste, freundliche Gentleman zu handeln, der Sie sein können.«

In Sebastians Augen flackerte kurz ein böses Lachen auf. »Was, zum Teufel, lässt Sie annehmen, dass ich in der Lage bin, so zu handeln?«

Prudence wurde ärgerlich. »Sie sind ein belesener, wissbegieriger Mann, Sir. So viel habe ich auf der Tanzfläche über Sie in Erfahrung gebracht, als wir über meine Nachforschungen bezüglich geisterhafter Erscheinungen sprachen. Sie stellten scharfsinnige Fragen und zeigten einen wachen Geist. Ich weigere mich zu glauben, dass Sie nicht in der Lage sein sollen, mit einer gewissen Geistesgröße zu handeln.«

Sebastian strich über Luzifers Ohren, während er über das Gesagte nachdachte. »Ich nehme an, es könnte eine neue Erfahrung sein.«

»Genau das Richtige, um Ihre Langeweile zu vertreiben.« Prudence zögerte und fügte dann freundlich hinzu: »Mir wurde berichtet, dass Sie unter Langeweile leiden.«

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Fast jeder«, gab sie zu. »Stimmt das?«

Sebastian lehnte seinen Kopf gegen die Rückenlehne des Sessels und blickte ins Feuer. »Ich weiß nicht«, sagte er ruhig.

Prudence starrte ihn an. »Sie wissen nicht, was Sie fühlen?«

Er bedachte sie mit einem seltsamen Blick. »Die meiste Zeit bin ich mir noch nicht einmal sicher, dass ich überhaupt etwas fühle, Miss Merryweather.«

»In einer ähnlichen Lage befand ich mich, als meine Eltern starben«, sagte Prudence leise.

»Tatsächlich?«

»Ja. Aber ich hatte meinen Bruder, Trevor. Und Lady Pembroke war sehr nett. So konnten wir uns gegenseitig trösten, und schließlich begann ich, wieder aufzuleben.«

»Das glaube ich.« Sebastians Ton enthielt eine Spur Ironie.

»Zweifelsohne sind Sie alles andere als leblos, Miss Merryweather. Aber die Frage, ob ich unter Langeweile leide, spielt im Augenblick keine Rolle. Lassen Sie uns lieber wieder zum Anlass Ihres Besuches zurückkehren.«

»Ja, natürlich.« Sie lächelte zögernd. »Mir ist bewusst, dass ich Sie um einen großen Gefallen bitte, Mylord.«

»Stimmt. Es liegt nicht gerade in meiner Natur, mich zu entschuldigen. Ebenso wenig, wie es mir liegt, anderen Menschen Gefallen zu erweisen.«

»Ich bin sicher, dass Sie diese Erfahrung überleben werden.«

»Das bleibt abzuwarten«, sagte Sebastian. »Vielleicht sollte ich Sie daran erinnern, dass man im Allgemeinen irgendwann einen Gegenlohn erwartet, wenn man jemandem einen Gefallen erweist.«

Prudence blickte ihn alarmiert an. »Was genau schlagen Sie vor, Graf?«

»Lediglich, dass Sie sich bereit erklären, mir, wenn ich Ihnen heute Abend diesen Gefallen tue, auch einen Gefallen zu tun, wenn ich Sie irgendwann einmal darum bitten sollte.«

Prudence verharrte reglos. »Welche Art von Gefallen würden Sie denn dafür erwarten, wenn ich fragen darf?«

»Wer weiß? Niemand kann in die Zukunft blicken, Miss Merryweather. Ich habe keinerlei Vorstellung, um welche Art von Gefallen ich Sie eines Tages bitten könnte.«

»Ich verstehe.« Nachdenklich zog sie die Brauen zusammen. »Aber Sie haben die Absicht, diesen Gefallen irgendwann einzufordern?«

Sebastian lächelte bedächtig. In seinen Augen und in denen der Katze spiegelte sich der Schein des Feuers wider. »Ja, Miss Merryweather. Eines Tages werde ich bestimmt fordern, was Sie mir schulden. Wollen Sie dieses Geschäft also eingehen?«

Gefährliche Stille senkte sich über den dunklen Raum. Sie wurde nur unterbrochen vom Knistern der Flammen im Kamin. Prudence war gefangen von Sebastians ruhigem, undurchdringlichem Blick.

Sie musste einfach hoffen, dass sie ihr Gefühl bezüglich dieses Mannes nicht täuschte. Er mochte gefährlich sein, aber sie glaubte nicht, dass er böse war.

»Sehr gut, Graf«, entgegnete Prudence ruhig. »Ich bin einverstanden mit diesem Geschäft.«

Sebastian betrachtete sie lange, als wollte er in sie hineinsehen, ebenso wie sie zuvor versucht hatte, seine Geheimnisse zu ergründen. »Ich glaube, Sie sind eine Frau, die Abmachungen einhält, Miss Merryweather.«

Prudence runzelte die Stirn. »Natürlich.«

»Seien Sie nicht gekränkt. Wahre Ehre ist selten genug, sowohl bei Männern als auch bei Frauen.«

»Wenn Sie meinen. Heißt das, Sie werden sich bei meinem Bruder entschuldigen?«

»Ja. Ich werde dafür sorgen, dass das Duell abgesagt wird.«

Erleichterung durchströmte sie. »Danke, Graf. Ich bin Ihnen so dankbar. Sie sind wirklich sehr großmütig.«

»Genug, Miss Merryweather. Sie werden mich früh genug für diesen Gefallen bezahlen.« Sebastian setzte die Katze auf den Teppich.

Luzifer blinzelte Prudence böse an, als würde er ihr die Schuld daran geben, dass er seinen bequemen Platz verloren hatte. Dann reckte er seinen Schwanz in die Luft und stolzierte in Richtung eines rotgoldenen Seidenkissens, wo er sich erneut niederließ.

Sebastian erhob sich aus seinem Sessel und griff nach Prudence’ Händen. Er zog sie auf die Füße.

»Mylord?«

Er antwortete nicht, aber seine Augen loderten, als er sich ihr näherte. Er beugte den Kopf und presste seinen Mund auf ihre Lippen.

Sebastians Kuss war ein bewusstes, wohlberechnetes Zeichen sinnlichen Verlangens. Einen solchen Kuss hatte Prudence noch nie zuvor bekommen, doch sie wusste sofort, was er bedeutete. Schreck und Aufregung durchfuhren sie, als sie erkannte, dass Sebastian sie wortlos für sich forderte.

Prudence war überwältigt.

Sie zitterte. Sie konnte kaum atmen. In ihrem Innersten verspürte sie eine heftige Erregung. Ihr ganzer Körper war plötzlich von einer neuen, pulsierenden Energie erfüllt.

Das Ganze war jedoch vorbei, noch ehe Prudence sich auf diesen sinnlichen Angriff einstellen konnte. Sie rang nach Luft, als Sebastians Mund sich von dem ihren löste.

»Nun, da wir unser Abkommen besiegelt haben, Miss Merryweather, ist es wohl an der Zeit, dass Sie sich nach Hause begeben.«

»Oh ja. Ja, natürlich.« Mit zitternden Händen versuchte Prudence, die Kapuze ihres Umhangs zurechtzurücken. Sie sagte sich, sie müsse so ungezwungen sein wie zuvor. Schließlich war sie fünfundzwanzig Jahre alt und kein kleines Mädchen mehr. »Zumindest wird mich niemand vermisst haben. Lady Pembrokes Haushalt ist außerordentlich gut geführt, und als ich mich auf mein Zimmer zurückzog, habe ich Anweisung erteilt, dass ich nicht gestört werden möchte.«

»Und wie sind Sie aus dem Haus gelangt?«

»Durch die Küche. Es war etwas schwierig, eine Kutsche zu finden, aber schließlich ist es mir gelungen. Der Kutscher hat gesagt, er würde warten.«

»Die Droschke, mit der Sie gekommen sind, wurde bereits fortgeschickt.«

Prudence sah ihn scharf an. »Tatsächlich?«

»Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde Sie nach Hause begleiten, Miss Merryweather.«

»Das ist wirklich nicht nötig«, beeilte sie sich zu sagen.

»Ich habe bereits meine Kutsche bestellt.«

»Ich verstehe.« Etwas anderes fiel ihr nicht ein.

Sebastian führte Prudence aus der Bibliothek in die Halle, wo der hundegesichtige Butler bereits wartete.

»Meinen Mantel, Flowers.« Sebastian lächelte sein seltsames, humorloses Lächeln. »Im Übrigen scheint es, als hätte ich doch keine Verabredung im Morgengrauen. Bitte sorgen Sie dafür, dass das Frühstück wie gewohnt serviert wird.«

»Ja, Mylord.« Flowers bedachte Prudence mit einem verblüfften, fragenden Blick, während er Sebastian in einen schwarzen Mantel half. Doch als wohlerzogener Diener sagte er nichts. Ohne ein Wort öffnete er die Haustür.

Im Nebel wartete eine schwarze Kutsche mit zwei schwarzen Hengsten. Sebastian half Prudence hinein. Dann stieg auch er ein und nahm ihr gegenüber Platz. Die Lampen der Kutsche warfen einen feurigen Glanz auf sein starres, bedrohliches Gesicht. In diesem Moment verstand Prudence, weshalb die Menschen ihn den Gefallenen Engel nannten.

»Ich weiß Ihre Begleitung zu schätzen, Graf, aber sie ist wirklich nicht erforderlich.« Prudence hüllte sich fester in ihren Umhang, als sich die Kutsche in Bewegung setzte.

»Oh doch, sie ist erforderlich, Miss Merryweather. Sie und ich sind jetzt durch ein Abkommen aneinander gebunden. Und bis Sie mir den schuldigen Gefallen erwiesen haben, ist es in meinem eigenen Interesse, wenn ich für Ihre Sicherheit sorge.« Er lächelte erneut. »Sie wissen doch, dass der Teufel sich um die Seinen kümmert.«