Buch
England, 19. Jahrundert: Schon als junges Mädchen träumte Phoebe Layton von Gabriel Banner. In ihren Fantasien war er der edle Ritter, der mit ihr auf seinem Pferd davonritt und um ihre Hand anhielt. Acht Jahre später begegnet sie Gabriel wieder – bei einem Rendezvous, das sie eingefädelt hat, um seine Hilfe zu erbitten. Doch aus dem edlen Märchenritter ist ein draufgängerischer Gentleman geworden, der sich nimmt, was er will. Und zwar ohne zu fackeln. Phoebe ahnt, dass es ein Fehler war, Gabriel in ihre Pläne einzuweihen. Sie fühlt, dass mit dem ersten heißen Kuss ihr Schicksal besiegelt ist. Denn nach und nach kommt sie dem Geheimnis auf die Spur, warum Gabriel ihr so überaus hilfreich zur Seite steht ...
Autorin
Amanda Quick ist das Pseudonym der erfolgreichen, vielfach preisgekrönten Autorin Jayne Ann Krentz. Krentz hat Geschichte und Literaturwissenschaften studiert und lange als Bibliothekarin gearbeitet, bevor sie ihr Talent zum Schreiben entdeckte. Sie ist verheiratet und lebt in Seattle.
Von Amanda Quick bereits erschienen (Auswahl)
Süßer Betrug · Geheimnis der Nacht · Liebe um Mitternacht · Verführung im Mondlicht · Verzaubertes Verlangen · Riskante Nächte · Dieb meines Herzens · Süßes Gift der Liebe · Glut der Herzen · Ungezähmte Leidenschaft · Gefährliche Küsse · Zärtliche Teufelin · Geliebte Rebellin · Liebe Ohne Skrupel · Verführung · Verlangen · Verruchte Lady
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Amanda Quick
Verruchte Lady
Roman
Deutsch von Uta Hege

Die Originalausgabe erschien 1992 unter dem Titel »Reckless« bei bei Bantam Books, a division of Bantam Doubleday Dell Publishing Group, Inc, New York.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Copyright dieser Ausgabe © 2021 by Blanvalet, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Copyright © der Originalausgabe 1992 by Jane A. Krentz
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1994 by Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Covergestaltung: Buchgewand Coverdesign | www.buch-gewand.de
unter Verwendung von Motiven von depositphotos.com: © faestock, © PhaisarnWong, © id1974
DK · Herstellung: at
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-29122-8
V001
www.blanvalet.de
Für Yook Louie, deren künstlerische Talente und Visionen mich immer wieder verblüffen.
Ich bin ihr wirklich dankbar.
Das fahle Leuchten des Mondes passte zu ihm.
In dem silbernen Licht, das die Wiese erhellte, wirkte Gabriel Banner, Graf von Wylde, so geheimnisvoll und gefährlich wie der zum Leben erweckte Held einer Legende.
Phoebe Layton brachte ihre Stute am Rand des Wäldchens zum Stehen und beobachtete mit angehaltenem Atem, wie Wylde auf sie zugeritten kam. Sie versuchte, ihre zitternden Hände zur Ruhe zu bringen, als sie die Zügel anzog. Dies war nicht der richtige Augenblick, um die Nerven zu verlieren. Sie war eine Lady auf einer heiligen Mission.
Sie brauchte einen Ritter, der ihr zur Seite stünde, und die Zahl der geeigneten Kandidaten war nicht gerade groß. Tatsächlich war Wylde der Einzige, der ihres Wissens nach über die erforderlichen Qualitäten verfügte. Aber erst einmal musste sie ihn dazu überreden, diese Rolle zu übernehmen.
Seit Wochen hatte sie daran gearbeitet. Bis jetzt hatte der eigenbrötlerische, zurückgezogen lebende Graf sämtliche ihrer geheimnisvollen Briefe ignoriert, mit denen sie versucht hatte, sein Interesse zu wecken. Also hatte sie verzweifelt beschlossen, eine andere Taktik anzuwenden. In dem Versuch, ihn endlich aus der Reserve zu locken, hatte sie den einzigen Köder ausgelegt, dem er garantiert nicht widerstehen konnte.
Die Tatsache, dass er heute Abend hier auf diesem einsamen Feldweg mitten in Sussex war, zeigte ihr, dass es ihr endlich gelungen war, ihn zu einem Treffen zu bewegen.
Wylde wusste nicht, wer sie war. Ihre Briefe hatte sie als die »verschleierte Lady« unterzeichnet. Phoebe bedauerte diese kleine Täuschung, aber sie war unumgänglich gewesen. Hätte Wylde gleich zu Beginn des Unternehmens ihre wahre Identität gekannt, hätte er sich mit größter Wahrscheinlichkeit geweigert, ihr zu helfen. Sie musste ihn zu dieser Mission überreden, ehe sie es wagen durfte, ihm ihren Namen zu nennen. Phoebe war sicher, dass er die Gründe für die anfänglichen Heimlichkeiten verstehen würde, wenn er erst einmal die ganze Geschichte erfuhr.
Nein, Wylde kannte sie nicht, aber Phoebe kannte ihn.
Sie hatte ihn seit fast acht Jahren nicht mehr gesehen. Mit sechzehn hatte sie ihn für eine lebende Legende gehalten, für einen edlen, tapferen Ritter aus einer mittelalterlichen Liebesgeschichte. In ihren jungen Augen hatten ihm nur die schimmernde Rüstung und das Schwert gefehlt.
Obwohl Phoebe sich deutlich an ihre letzte Begegnung erinnerte, wusste sie, dass Gabriel ganz bestimmt nichts mehr davon wusste. Er war damals viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, die Flucht mit ihrer Schwester Meredith zu planen.
Phoebe beobachtete neugierig, wie er näher kam. Dummerweise machten der dichte Schleier, den sie trug, und das fahle Mondlicht es unmöglich, genau zu erkennen, inwieweit er sich in all den Jahren verändert hatte.
Ihr erster Gedanke war, dass er noch imposanter war, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte. Größer. Schlanker. Irgendwie härter. Seine Schultern wirkten breiter unter dem Mantel, den er trug. Die enganliegenden Reithosen betonten die starken, muskulösen Umrisse seiner Schenkel. Der geschwungene Rand seines Hutes warf einen bedrohlichen, undurchdringlichen Schatten auf sein Gesicht.
Einen beunruhigenden Moment lang fragte sich Phoebe, ob dies vielleicht der falsche Mann war. Vielleicht sah sie sich auch gerade einem echten Bösewicht gegenüber, einem Straßenräuber oder Schlimmerem. Sie rutschte nervös in ihrem Sattel hin und her. Wenn ihr diese Nacht etwas passierte, hätte ihre arme, geplagte Familie bestimmt das Gefühl, es sei durchaus gerechtfertigt, folgende Worte in ihren Grabstein eingravieren zu lassen: Schließlich zahlte sie den Preis für ihren Leichtsinn, ja das wäre passend. In den Augen ihrer überfürsorglichen Sippe hatte Phoebe ihr gesamtes Leben damit zugebracht, von einer Klemme in die nächste zu rutschen. Und dieses Mal war sie vielleicht tatsächlich ein zu großes Risiko eingegangen.
»Die geheimnisvolle verschleierte Lady, wie ich annehme?«, fragte Gabriel kühl.
Phoebe atmete erleichtert auf. Ihre Zweifel an der Identität des Mannes waren wie ausgelöscht. Diese dunkle, feste Stimme erkannte sie auch nach acht Jahren wieder. Was sie überraschte, war die Freude, die sie bei ihrem Klang verspürte. Sie runzelte die Stirn.
»Guten Abend, Mylord«, sagte sie.
Gabriel brachte seinen schwarzen Hengst nur wenige Fuß vor ihrer Stute zum Stehen. »Ich habe Ihre letzte Nachricht erhalten, Madam. Ich fand sie höchst ärgerlich, ebenso wie die anderen Schreiben.«
Phoebe schluckte, als ihr klar wurde, dass er nicht gerade bester Stimmung war. »Ich hatte eigentlich gehofft, Ihr Interesse zu wecken, Sir.«
»Ich habe eine starke Abneigung gegen Täuschungsmanöver jeglicher Art.«
»Ich verstehe.« Phoebes Mut sank. Eine starke Abneigung gegen Täuschungsmanöver jeglicher Art. Plötzlich fragte sie sich, ob es nicht vielleicht ein ernsthafter taktischer Fehler gewesen war, sich mit Wylde einzulassen. Umso besser, dass sie sich heute Abend verschleiert hatte. Auf keinen Fall sollte er wissen, wer sie war, falls ihre Verhandlungen scheiterten. »Trotzdem freue ich mich, dass Sie beschlossen haben, meine Einladung anzunehmen.«
»Meine Neugier hat mich getrieben.« Gabriel lächelte schwach im Mondlicht, aber sein Lächeln enthielt keine Wärme, und seine dunkle Miene verriet keine Regung. »Sie sind mir seit zwei Monaten ein Dorn im Auge, Madam. Ich nehme an, das ist Ihnen durchaus bewusst.«
»Das tut mir leid«, sagte Phoebe mit ernster Stimme. »Aber ich war wirklich verzweifelt, Mylord. Es ist recht schwierig, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Sie haben meine ersten Briefe nicht beantwortet, und da Sie nur selten in der Öffentlichkeit auftauchen, wusste ich nicht, wie ich sonst Ihre Aufmerksamkeit erregen sollte.«
»Also haben Sie beschlossen, mich derart zu provozieren, dass ich mich schließlich doch dazu entschied, Sie zu treffen?«
Phoebe atmete tief ein. »So in etwa.«
»Es gilt allgemein als gefährlich, mich zu verärgern, meine geheimnisvolle verschleierte Lady.«
Daran zweifelte sie nicht einen Augenblick, aber jetzt war es zu spät, um einen Rückzieher zu machen. Sie war bereits zu weit gegangen, um nun das nächtliche Unternehmen abzublasen. Sie war eine Lady auf einer heiligen Mission, und sie musste Mut beweisen.
»Ach ja, Mylord?« Phoebe bemühte sich um einen kühlen, amüsierten Ton. »Die Sache ist die, dass Sie mir einfach keine Wahl gelassen haben. Aber keine Angst, ich bin sicher, dass Sie froh sein werden, meiner Einladung Folge geleistet zu haben, wenn Sie erst einmal gehört haben, was ich zu sagen habe, und ich weiß, dass Sie mir dann auch mein kleines Täuschungsmanöver verzeihen werden.«
»Falls Sie mich hierherbestellt haben, um zu triumphieren, dann kann ich Sie nur warnen. Ich bin kein guter Verlierer.«
»Triumphieren?« Sie blinzelte hinter dem Schleier, doch dann wurde ihr klar, dass er von dem Köder sprach, den sie benutzt hatte, um ihn heute Abend hierherzulocken. »Oh ja, das Buch. Also bitte, Mylord. Sie sind ebenso versessen darauf, das Manuskript zu sehen, wie ich es bin. Offensichtlich konnten Sie meiner Einladung, es sich anzusehen, nicht widerstehen, auch wenn ich die neue Besitzerin bin.«
Gabriel tätschelte den Hals seines Hengstes. »Anscheinend haben wir ein gemeinsames Interesse für mittelalterliche Manuskripte.«
»Stimmt. Und wie ich sehe, sind Sie verärgert, dass ich es war, die Der Ritter und der Zauberer entdeckt hat«, sagte Phoebe. »Aber Sie sind doch sicher großmütig genug, um einzugestehen, dass ich meine Nachforschungen mit großer Geschicklichkeit durchgeführt habe. Das Manuskript befand sich schließlich hier in Sussex, praktisch direkt vor Ihrer Nase.«
Gabriel nickte anerkennend. »Sie scheinen bei solchen Dingen ziemliches Glück zu haben. Dies ist bereits das dritte Manuskript, das Sie in den letzten Wochen vor mir in die Hände bekommen haben. Darf ich fragen, warum Sie es nicht einfach abholen und mitnehmen, so wie Sie es mit den anderen Büchern gemacht haben?«
»Wie ich in meinen Briefen bereits angedeutet habe, möchte ich mit Ihnen sprechen, Sir.« Phoebe zögerte und fuhr dann eilig fort: »Und um ehrlich zu sein, dachte ich, es sei vielleicht ganz vernünftig, heute Abend einen Begleiter zu haben.«
»Ah.«
»Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Mr. Nash ein sehr eigenartiger Mann ist, selbst für einen Buchsammler. Als er die Zeit nannte, um die er mir das Manuskript aushändigen würde, hatte ich ein höchst ungutes Gefühl. Es missfällt mir, um Mitternacht Geschäfte zu tätigen.«
»Nash scheint wirklich mehr als nur leicht exzentrisch zu sein«, stimmte ihr Gabriel nachdenklich zu.
»Er behauptet, er sei ein Nachtmensch. In seinen Briefen schreibt er, dass sein Haushalt einem der normalen Welt entgegengesetzten Rhythmus folgt. Er schläft, wenn andere wach sind, und arbeitet, wenn andere schlafen. Sehr seltsam, finden Sie nicht?«
»Zweifelsohne würde er sehr gut in die bessere Gesellschaft passen«, erwiderte Gabriel trocken. »Die meisten Menschen in diesen Kreisen sind die ganze Nacht unterwegs und schlafen dann tagsüber. Aber trotzdem hatten Sie wahrscheinlich recht, als Sie beschlossen, ihn nicht allein um Mitternacht aufzusuchen.«
Phoebe lächelte. »Es freut mich, dass Sie meinen Plan, einen Begleiter mitzunehmen, gutheißen.«
»Ich heiße ihn gut, aber ich muss gestehen, dass Ihre Vorsicht mich überrascht«, sagte Gabriel mit der Präzision eines Fechters, der einen Treffer landet. »Bisher haben Sie keinen großen Hang zur Vorsicht gezeigt.«
Gabriels Sarkasmus ließ Phoebe erröten. »Wenn man auf einer heiligen Mission ist, dann muss man Mut beweisen, Mylord.«
»Sie sind also auf einer heiligen Mission?«
»Ja, Mylord, das bin ich.«
»Ich verstehe. Da wir gerade davon sprechen, ich bin heute Abend ebenfalls hier, weil ich gewisse Nachforschungen anstellen möchte.«
Ein leichter Schauer durchlief Phoebe. »Ja, Mylord? Und was für Nachforschungen, wenn ich fragen darf?«
»Es war nicht allein die Aussicht darauf, Nashs Manuskript zu sehen, bevor Sie es an sich nehmen, die mich hierhergeführt hat, meine verschleierte Lady.«
»Tatsächlich, Mylord?« Vielleicht hatte ihr Plan funktioniert. Vielleicht hatte sie wirklich sein Interesse geweckt, genau wie sie gehofft hatte. »Sie sind also interessiert zu erfahren, was ich Ihnen zu sagen habe?«
»Nicht besonders. Aber ich bin daran interessiert, die Bekanntschaft meiner neuen Gegenspielerin zu machen. Ich glaube, man sollte seine Feinde immer kennen.« Gabriel musterte sie kalt. »Ich weiß nicht, wer Sie sind, Madam, aber Sie haben mich lange genug an der Nase herumgeführt. Ich habe genug von Ihren Spielchen.«
Phoebes aufkommendes Hochgefühl erhielt einen neuen Dämpfer. Sie war noch weit davon entfernt, ihre heilige Mission erfolgreich zu beenden. »Ich nehme an, dass wir uns noch häufiger begegnen werden. Wie Sie bereits sagten, sind wir schließlich hinter denselben Büchern und Manuskripten her.«
Das Leder von Gabriels Sattel knirschte leise, als er seinen Hengst ein paar Schritte näher führte. »Und, haben Sie Ihre kleinen Siege über mich genossen, meine verschleierte Lady?«
»Sehr sogar.« Trotz ihrer Nervosität musste sie lächeln. »Ich bin mit meinen jüngsten Errungenschaften sehr zufrieden. Sie erweitern hervorragend meine Bibliothek.«
»Ich verstehe.« Es folgte eine kurze Pause. »Halten Sie es nicht für gewagt, mich zu bitten, Ihnen bei Ihrem jüngsten Coup behilflich zu sein?«
Es war viel gewagter, als er wusste, dachte Phoebe besorgt. »Die Sache ist die, Mylord. Sie sind einer der wenigen Menschen in ganz England, der meine erst kürzlich gemachte Entdeckung zu würdigen weiß.«
»Ich weiß sie gewiss zu würdigen. Sehr sogar. Und eben darin liegt die Gefahr.«
Phoebes Hände zitterten leicht. »Gefahr?«
»Was, wenn ich beschließe, Ihnen das Manuskript gewaltsam zu entreißen, nachdem Sie es bei Mr. Nash abgeholt haben?«, fragte Gabriel tödlich leise.
Phoebe erstarrte. Diese Möglichkeit hatte sie nicht bedacht. Wylde war schließlich ein Graf. »Seien Sie nicht lächerlich. Sie sind ein Gentleman. So etwas würden Sie nicht tun.«
»Geheimnisvolle verschleierte Ladys, die Gentlemen wie mir Gegenstände vor der Nase wegschnappen, die diese unbedingt haben möchten, sollten nicht allzu überrascht sein, wenn eben diese Gentlemen ungeduldig werden.« Gabriels Stimme wurde hart. »Wenn es sich bei Nashs Manuskript tatsächlich um eine echte Legende von der Tafelrunde aus dem vierzehnten Jahrhundert handelt, so wie er behauptet, dann will ich es haben, Madam. Nennen Sie mir Ihren Preis.«
Spannung ließ die Luft zwischen ihnen knistern. Phoebe sank kurz der Mut. Sie musste sich zusammennehmen, um nicht ihre Stute herumzuwirbeln und im gestreckten Galopp zum Landsitz der Amesburys zurückzureiten, wo sie zu Gast war. Sie fragte sich, ob Ritter im Mittelalter wohl auch so verdammt schwierig gewesen waren.
»Ich bezweifle, dass Sie meinen Preis bezahlen könnten, Sir«, flüsterte sie.
»Nennen Sie ihn, und wir werden sehen.«
Phoebe fuhr sich mit der Zunge über ihre trockenen Lippen. »Die Sache ist die, Sir. Ich habe nicht die Absicht, das Manuskript zu verkaufen.«
»Sind Sie sich da sicher?« Gabriel führte seinen Hengst noch etwas näher. Das riesige Tier neigte den Kopf und schnaubte laut, als es sich gegen Phoebes Stute drängte.
»Ganz sicher«, beeilte Phoebe sich zu sagen. Sie machte eine effektvolle Pause. »Aber vielleicht überlege ich mir, es Ihnen zu schenken.«
»Es mir zu schenken?« Gabriel war sichtlich verwirrt. »Wovon zum Teufel sprechen Sie?«
»Das werde ich Ihnen später erklären, Sir.« Phoebe bemühte sich, ihr nervöses Pferd zu beruhigen. »Darf ich Sie vielleicht daran erinnern, dass beinahe Mitternacht ist? Ich werde in ein paar Minuten von Mr. Nash erwartet. Kommen Sie nun mit oder nicht?«
»Selbstverständlich werde ich heute Abend meine Pflicht als Ihr Begleiter erfüllen«, sagte Gabriel grimmig. »Es ist zu spät, um mich jetzt noch loszuwerden.«
»Ja, nun, sollen wir dann vielleicht losreiten?« Phoebe bedeutete ihrer Stute, den mondbeschienenen Weg hinabzutraben. »Das Cottage von Mr. Nash müsste ganz in der Nähe sein, wenn die Beschreibung stimmt, die er in seinem letzten Brief mitgeschickt hat.«
»Gut, wir wollen ihn nicht warten lassen.« Gabriel wandte seinen Hengst und folgte ihr.
Das schlanke Pferd fiel in Gleichschritt mit Phoebes Pferd. Phoebe fragte sich, ob ihre Stute wohl ebenso nervös war wie sie selbst. Gabriel und ihr Hengst wirkten in dem fahlen Mondlicht riesig und bedrohlich.
»Nachdem wir uns endlich einmal begegnet sind, meine verschleierte Lady, habe ich ein paar Fragen an Sie«, sagte Gabriel.
Phoebe bedachte ihn mit einem argwöhnischen Blick. »Nachdem Sie meine Briefe zwei Monate lang ignoriert haben, überrascht mich das. Ich hatte den Eindruck, dass ich für Sie nicht gerade von großem Interesse bin.«
»Sie wissen verdammt gut, dass mein Interesse jetzt geweckt ist. Sagen Sie, haben Sie die Absicht, mir weiterhin jedes geheimnisvolle mittelalterliche Buch vor der Nase wegzuschnappen, das ich zufällig haben möchte?«
»Wahrscheinlich. Wie Sie bemerkt haben dürften, haben wir einen ähnlichen Geschmack in solchen Dingen.«
»Das könnte ziemlich teuer für uns beide werden. Wenn es sich erst einmal herumspricht, dass es zwei rivalisierende Interessenten für jedes alte Buch gibt, das irgendwo auftaucht, werden die Preise sehr schnell in die Höhe schießen.«
»Ja, ich glaube, das werden sie«, sagte Phoebe mit einstudierter Gleichgültigkeit. »Aber ich kann es mir leisten. Ich erhalte ein sehr großzügiges Taschengeld.«
Gabriel bedachte sie mit einem fragenden Seitenblick. »Und Ihr Ehemann hat nichts gegen dieses teure Hobby?«
»Ich habe keinen Ehemann, Sir. Und ich habe auch nicht vor, einen zu bekommen. Soweit ich beobachtet habe, neigen Ehemänner dazu, ihre Frauen ziemlich einzuschränken.«
»Ich gebe zu, dass wohl nur wenige Ehemänner die Art von Unsinn dulden würden, wie Sie ihn heute Abend vorhaben«, murmelte Gabriel. »Kein vernünftiger Mann würde seiner Frau gestatten, um diese Zeit allein in der Gegend herumzuspazieren.«
Neil hätte es ihr erlaubt, dachte Phoebe wehmütig. Aber ihr blonder Lancelot war tot, und sie hatte die Aufgabe, seinen Mörder zu finden. Sie schob die Erinnerung beiseite und versuchte, die Schuldgefühle zu unterdrücken, die sie jedes Mal überkamen, wenn sie an Neil Baxter dachte.
Wenn es sie nicht gegeben hätte, wäre Neil nicht in die Südsee gegangen, um dort sein Glück zu machen. Und wenn er nicht in die Südsee gegangen wäre, wäre er nicht von einem Piraten ermordet worden.
»Ich bin nicht allein«, erinnerte Phoebe Gabriel. Sie versuchte verzweifelt, ihrer Stimme einen fröhlichen Klang zu verleihen. »Ich habe schließlich einen Ritter an meiner Seite. Ich fühle mich vollkommen sicher.«
»Sprechen Sie zufällig von mir?«
»Natürlich.«
»Dann sollten Sie wissen, dass Ritter es gewohnt sind, für ihre Taten reich belohnt zu werden«, sagte Gabriel. »Im Mittelalter gewährte eine Lady ihrem Favoriten ihre Gunst. Sagen Sie, Madam, haben Sie die Absicht, mich für die Mühe heute Nacht in ähnlicher Weise zu entlohnen?«
Phoebe riss die Augen hinter dem Schleier auf. Sie war entsetzt. Sicher hatte er damit nicht sagen wollen, dass sie ihm ihre Gunst auf eine vertrauliche Art und Weise gewähren sollte. Auch wenn er ein Eigenbrötler geworden war und sich nicht länger an die Regeln der besseren Gesellschaft gebunden fühlte, so konnte sie doch einfach nicht glauben, dass Gabriels Wesen sich derart verändert haben sollte.
Der edle Ritter, der ihre Schwester vor Jahren vor einer arrangierten Ehe hatte retten wollen, war im Grunde seines Herzens ein ritterlicher Gentleman. In der Tat wäre er in den Augen des sechzehnjährigen Mädchens, das sie damals gewesen war, würdig gewesen, höchstpersönlich an der Tafelrunde Platz zu nehmen. Auf keinen Fall würde er einer Lady so offenkundig unritterliche Avancen machen.
Oder vielleicht doch?
Sie musste ihn falsch verstanden haben. Vielleicht zog er sie nur auf.
»Erinnern Sie mich daran, Ihnen ein Seidenband oder etwas Ähnliches als Lohn für Ihre Bemühungen zu geben, Mylord«, sagte Phoebe. Sie wusste nicht, ob ihre Antwort weltklug genug klang oder nicht. Sie war beinahe fünfundzwanzig, aber das hieß nicht, dass sie besondere Erfahrung im Umgang mit rüpelhaften Gentlemen besaß. Als die jüngste Tochter des Grafen von Clarington war sie immer wohlbehütet gewesen. Ihrer Meinung nach manchmal sogar allzu behütet.
»Ich glaube nicht, dass ein Seidenband ausreichen wird«, sagte Gabriel nachdenklich.
Phoebe verlor die Geduld. »Nun, das ist alles, was Sie bekommen werden, also hören Sie auf, mich zu provozieren, Mylord.« Erleichtert sah sie, dass sie direkt auf ein Häuschen zuritten. »Das muss Mr. Nashs Cottage sein.«
Sie musterte das kleine, windschiefe Gebäude, das vor ihnen lag. Selbst bei Nacht war deutlich zu erkennen, dass das Cottage äußerst reparaturbedürftig war. Der ganze Platz wirkte irgendwie vernachlässigt. Ein windschiefes Tor versperrte den Zutritt zu einem wild überwucherten Gartenweg. Das schwache Licht aus dem Inneren des Hauses fiel durch Fensterrahmen, die dringend gestrichen werden mussten, und auch das Dach hatte eine Reparatur nötig.
»Nash scheint nicht besonders erfolgreich zu sein beim Verkauf von Manuskripten.« Gabriel brachte seinen Hengst zum Stehen und schwang sich aus dem Sattel.
»Ich glaube nicht, dass er viele Manuskripte verkauft. Seine Briefe haben in mir den Eindruck geweckt, dass er eine große Bibliothek besitzt, aber dass es ihm äußerst schwerfällt, einzelne Bücher zu verkaufen.« Phoebe hielt ihre Stute an. »Er verkauft mir Der Ritter und der Zauberer auch nur, weil er dringend Geld braucht für den Kauf eines Buches, das ihm wichtiger erscheint als eine frivole mittelalterliche Liebesgeschichte.«
»Was, bitte, könnte wichtiger sein als eine frivole Liebesgeschichte?« Gabriel verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln, als er die Hände ausstreckte und Phoebes Taille umfasste.
Sie hielt den Atem an, als er sie aus dem Damensattel hob. Er stellte sie nicht auf die Füße, sondern hielt sie vor sich, die Spitzen ihrer Stiefel einen Zentimeter über dem Boden. Es war das erste Mal, dass er sie berührte, das erste Mal, dass sie ihm so nahe war. Phoebe war von ihrer eigenen Reaktion überrascht - es verschlug ihr den Atem.
Er roch gut, wie sie überrascht feststellte. Der Duft, den er verströmte, war eine unbeschreibliche Mischung aus Leder und Wolle, durch und durch männlich. Plötzlich wusste sie, dass sie diesen Geruch niemals vergessen würde.
Aus irgendeinem Grund schwächte sie die Stärke seiner Hände. Sie war sich bewusst, wie klein und zerbrechlich sie im Vergleich zu ihm war. Nein, es war keine Einbildung. Er war größer, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte.
Vor acht Jahren hatte Phoebe für den tapferen Retter ihrer Schwester die unschuldige, idealistische Bewunderung eines jungen Mädchens empfunden.
Heute Abend war sie verblüfft, als sie feststellte, dass sie sich durchaus in einer Weise zu ihm hingezogen fühlen könnte, in der eine Frau einen Mann begehrte. Nie zuvor hatte sie für einen Mann derartige Gefühle entwickelt, nicht einmal für Neil. Nie zuvor hatte sie dieses alles erschütternde Gefühl verspürt.
Vielleicht ging wieder einmal ihre Phantasie mit ihr durch. Es lag am Mondschein und an der Spannung. Ihre Familie warnte sie immer davor, ihrer Phantasie allzu freien Lauf zu lassen.
Gabriel stellte sie auf die Füße. Verwirrt durch den Schwindel, den er bei ihr verursachte, vergaß Phoebe, ihr Gewicht auf das rechte Bein zu verlagern, ehe sie den linken Fuß aufsetzte. Sie stolperte und klammerte sich an Gabriels Arm.
Gabriel zog die Brauen hoch. »Mache ich Sie etwa nervös, Mylady?«
»Nein, natürlich nicht.« Phoebe ließ seinen Arm los und schüttelte eilig die Röcke ihrer Reitkleidung aus. Entschlossen wandte sie sich in Richtung des schiefen Gartentors. Das leichte Hinken, das sie behinderte, konnte sie nicht verbergen. Sie hatte sich bereits daran gewöhnt, aber anderen fiel es immer auf.
»Sind Sie umgeknickt, als ich Sie auf den Boden gestellt habe?« Gabriel klang ehrlich besorgt. »Das tut mir leid, Madam. Lassen Sie mich Ihnen helfen.«
»Nein, ich bin nicht umgeknickt«, sagte Phoebe ungeduldig. »Mein linkes Bein ist etwas schwach, das ist alles. Ein Kutschenunfall.«
»Ich verstehe«, sagte Gabriel. Er klang nachdenklich.
Phoebe fragte sich, ob dieser Makel ihn wohl störte. Auf jeden Fall hatte er schon andere abgeschreckt. Nur wenige Männer forderten eine Frau, die hinkte, auf, mit ihnen Walzer zu tanzen. Normalerweise war ihr das egal. Sie war es gewohnt. Aber sie stellte fest, dass sie der Gedanke schmerzte, Gabriel könnte einer dieser Männer sein, für die eine Frau perfekt sein musste.
»Wenn ich den Eindruck erwecke, etwas nervös zu sein«, sagte Phoebe mit brummiger Stimme, »dann liegt das daran, dass ich Sie schließlich nicht besonders gut kenne, Sir.«
»Da bin ich mir nicht so sicher«, sagte Gabriel mit leicht amüsierter Stimme. »Sie sind gerade im Begriff, mir das dritte Manuskript zu stehlen. Sie scheinen mich demnach recht gut zu kennen.«
»Ich stehle es Ihnen nicht, Mylord.« Phoebe hob die Hand und zog den zweiten dunklen Schleier über den Rand ihres kleinen Huts. Einer reichte vielleicht nicht, um ihr Gesicht im Licht des Cottages zu verbergen. »Ich betrachte uns als Rivalen, nicht als Feinde.«
»Da ist kein großer Unterschied, wenn es um solche Dinge geht. Aber seien Sie gewarnt, Madam. Vielleicht haben Sie Ihr Glück heute zu sehr herausgefordert.«
Phoebe klopfte eilig. »Machen Sie sich keine Sorgen, Wylde. Ich bin sicher, dass sich Ihnen noch genügend Möglichkeiten bieten werden, dieses Spiel zu gewinnen.«
»Zweifellos.« Gabriels Augen ruhten auf Phoebes dicht verschleiertem Gesicht, als hinter der Tür Fußtritte hallten. »Auf jeden Fall werde ich in Zukunft alles daransetzen, Ihre Herausforderung anzunehmen.«
»Ich war bis jetzt ganz zufrieden mit dem Wettstreit«, sagte Phoebe. Sich auf ein Wortgefecht mit Wylde einzulassen war, als würde man ein Stück rohes Fleisch an einem Tiger vorbeischleifen. Auf jeden Fall war es alles andere als ungefährlich. Aber sie musste unbedingt sein Interesse wachhalten, sonst verschwände er vielleicht einfach wieder in der Nacht. Wieder einmal bedauerte sie, dass es kaum noch Ritter gab. Die Auswahl war wirklich begrenzt.
»Wenn Ihnen der Wettstreit bis jetzt gefällt«, sagte Gabriel, »dann liegt das nur daran, dass Sie bisher immer gewonnen haben. Aber das wird sich ändern.«