Über das Buch

Hermann Budzislawski war ein Mann zwischen allen Stühlen. Wie viele Angehörige seiner Generation erlebte und überlebte er vier politische Regimewechsel, während derer er je nach Notwendigkeit und Opportunität als linker Sozialdemokrat, Antifaschist, westlicher Liberaler oder hartgesottener Kommunist in Erscheinung trat, wobei es ihm immer wieder gelang, publizistischen und politischen Einfluss zu erlangen. Dabei stand er jedoch immer hinter anderen, bekannteren Namen zurück. Heute ist der Name Budzislawski nur noch wenigen ein Begriff. Auf der Basis tiefgehender Recherchen in Akten der SED, Archiven auf der ganzen Welt und Gesprächen mit Zeitzeugen und Nachfahren entdeckt Daniel Siemens einen einflussreichen deutschen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts neu. Er erzählt von einem Jahrhundertleben: vom späten Kaiserreich über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis zur Blockbildung des Kalten Kriegs.

Über Daniel Siemens

Daniel Siemens ist Professor für Europäische Geschichte an der Newcastle University in Großbritannien und Autor mehrerer Bücher zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Sein 2009 erschienenes Buch »Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten« wurde mit dem Preis »Geisteswissenschaften International« ausgezeichnet. 2019 erschien auf Deutsch das vielgelobte Buch »Sturmabteilung. Die Geschichte der SA«.

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Daniel Siemens

Hinter der "Weltbühne"

Hermann Budzislawski und das 20. Jahrhundert

Für Emilia,
Jan und Magdalena

Prolog

»Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.«

Christa Wolf

Als Student in Berlin las ich wiederholt in der 1978 aufgelegten Reprint-Ausgabe der Weltbühne, der vielleicht bedeutendsten Politik- und Kulturzeitschrift der Weimarer Republik. Die Hefte mit dem unverwechselbaren roten Umschlag faszinierten auch in den frühen 2000er Jahren noch, weil man merkte, dass dieser Journalismus vom Tempo und Rhythmus jener Stadt lebte, die in den 1920er Jahren ein Laboratorium der Moderne und zugleich ein Ort krasser sozialer und politischer Gegensätze gewesen war.1 Mit wie viel Schärfe, Witz und Leidenschaft wurde seinerzeit in der Weltbühne gestritten! Noch Jahrzehnte später beeindruckte mich, dass sich die Autoren als Aufklärer verstanden, überzeugt, dass die Wahrheit gegen alle Widerstände ausgesprochen werden müsse. An Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky habe ich mich damals orientiert – politisch und auch bei meinen ersten, noch sehr unbeholfenen Schreibversuchen. In gewisser Weise war das ein natürlicher Entwicklungsweg für einen jungen Mann aus der ostwestfälischen Provinz, für den das großstädtische Berlin seit der Lektüre von Erich Kästners Kinderbuch Emil und die Detektive ein Sehnsuchtsort war und blieb, selbst als ich längst dort wohnte.

Es dauerte einige Jahre, bis mir auffiel, dass die Weltbühne ihr Erscheinen nicht mit der Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur eingestellt hatte, wie mir der die Jahre 1918 bis 1933 umfassende Reprint suggerierte. Vielmehr erschien sie noch einige Jahre im Exil – zuerst in Wien, dann in Prag, schließlich in Paris – und wurde nach dem Krieg in der DDR neu belebt, bis sie schließlich 1993 endgültig verstummte. Zur zentralen Figur der Weltbühne im Exil – die nun als Neue Weltbühne firmierte – wurde der 1901 in Berlin geborene Hermann Budzislawski. Von 1934 an war er Chefredakteur und bald darauf auch Eigentümer der Zeitschrift. Später, in der DDR, wirkte er als Professor und Dekan an der Fakultät für Journalistik der Leipziger Karl-Marx-Universität, im Volksmund wegen ihrer Linientreue zur herrschenden SED auch als »Rotes Kloster« bekannt. Andere Herausgeber und Chefredakteure der Weltbühne wie der Theaterkritiker Siegfried Jacobsohn, der Satiriker, Dichter und Schriftsteller Kurt Tucholsky, der Publizist und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky und mit Abstrichen auch der Publizist und spätere scharfe Antikommunist Wilhelm (später William) S. Schlamm sind noch heute ein Begriff. Budzislawski aber ist so gut wie unbekannt.

In diesem Buch werden erstmals die Lebenswege und die vielfältigen Netzwerke dieses ungewöhnlichen Journalisten und Publizisten nachgezeichnet; es wird damit zugleich die Geschichte der Weltbühne seit den 1930er Jahren erzählt. Budzislawski war ein »öffentlicher Intellektueller« im Sinne Ralf Dahrendorfs, der seine Aufgabe darin sah, »an den vorherrschenden Diskursen der Zeit teilzunehmen, ja deren Thematik zu bestimmen und deren Richtung zu prägen«.2 Schon als Schüler hatte er Texte von Karl Marx gelesen und gelernt, dass es – dessen berühmtes Diktum paraphrasierend – darauf ankomme, die Welt nicht nur zu durchdenken, sondern auch zu verändern. Als aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt wie des Weltgeschehens ergriff Budzislawski Zeit seines Lebens Partei. Mehrfach musste er sich in neue politische Systeme einfügen und seine politische Vita den veränderten Umständen anpassen. Neben der in der Spätmoderne vielbeklagten Darstellungskrise linearen autobiografischen Erzählens trugen nicht zuletzt diese wiederholt nötigen Harmonisierungen dazu bei, dass Budzislawski im fortgeschrittenen Alter seine Lebensgeschichte nicht zu Papier gebracht hat. Darüber hinaus spielte eine Rolle, dass im real existierenden Sozialismus der DDR komplexe, widersprüchliche Autobiografien von Intellektuellen in der umkämpften Grauzone zwischen Sozialdemokratie und dogmatischem Parteikommunismus nicht gefragt waren. An Brüchen in der allgemeinen marxistischen Fortschrittserzählung hatte die SED kein Interesse, weshalb die verschriftlichten Biografien ihrer Kader seltsam uniform anmuten. Das »ahistorische Führungsdogma« der Partei schloss »lebensgeschichtliche Authentizität« aus.3 Vielleicht fügte sich das SED-Mitglied Budzislawski als alter Mann diesen Rahmenbedingungen und bezahlte das mit dem Verlust »narrativer Identität«, aber vielleicht vermochte er es auch einfach nicht, ein Buch zu schreiben.4 Entsprechende Versuche hatte er im US-amerikanischen Exil jedenfalls mehrfach unternommen.

In den zehn Kapiteln dieses Buches wird erzählt, was Budzislawski weder schildern konnte noch wollte. Im Zentrum stehen das Leben und die Selbstinszenierungen eines Mannes der zweiten Reihe, der die Katastrophen und Umbrüche seiner Zeit aus nächster Nähe erlebte, sie aber nur politisch und damit in gewisser Weise abstrakt zu behandeln wusste. Budzislawski war ein Mann zwischen allen Stühlen. Wie viele Angehörige seiner Generation erlebte und überlebte er vier politische Regime. Je nach Notwendigkeit und Opportunität trat er als linker Sozialdemokrat, als Antifaschist, als westlicher Liberaler und zuletzt als hartgesottener Kommunist in Erscheinung – ohne dabei im engeren Sinne opportunistisch zu sein. Mit erstaunlicher Wendigkeit gelang es ihm immer wieder, nicht nur die unmittelbaren existenziellen Bedrohungen zu überstehen, sondern sich neuen publizistischen und politischen Einfluss zu verschaffen.

Selbst engen Vertrauten erschien Budzislawski dennoch als eine »unpersönliche Persönlichkeit«.5 Er hatte sich früh eine Art Panzer zugelegt und schottete sein Innerstes konsequent ab, vor anderen und wohl auch vor sich selbst. Damit tat er viel dafür, es möglichen späteren Biografen schwer zu machen, die sich traditionell für die individuellen, besser noch singulären Erfahrungen eines Menschen interessieren. Populäre Geschichtsschreibung kann der Versuchung, den Weltgeist vergangener Epochen im herausragenden Individuum zu suchen, bis heute nicht immer widerstehen. Für dieses Buch wurde ein anderer Ansatz gewählt: Überlegungen der migrationshistorischen Biografik aufnehmend, werden transnationale und transkulturelle Lebensverläufe mit lokal- wie globalgeschichtlichen Entwicklungen verbunden und zueinander in Beziehung gesetzt.6 Die Berliner Fleischerei von Budzislawskis Vater und die angespannte Ernährungslage im Leipzig der Nachkriegsjahre werden daher ebenso Thema sein wie die antikolonialen Netzwerke der Zwischenkriegszeit und die globalen Friedensordnungspläne in den frühen 1940er Jahren.

Der Titel des vorliegenden Buches bezieht sich auf Budzislawski, der sein Leben seit den frühen 1930er Jahren vier Jahrzehnte lang eng an das Schicksal der Weltbühne knüpfte, ist aber auch wörtlich zu verstehen, denn die zu erzählende Geschichte ist tatsächlich eine von transnationaler Bedeutung – nicht auf, sondern hinter der Weltbühne. Budzislawski war in den 1930er und 1940er Jahren einer der wichtigsten, wenn auch öffentlich wenig bekannten antifaschistischen Linksintellektuellen in Europa und den USA. Er engagierte sich in der Nobelpreiskampagne für den 1933 von den Nazis inhaftierten und im KZ schwer misshandelten Carl von Ossietzky, arbeitete eng mit Heinrich Mann zusammen, recherchierte und schrieb als Vertrauter der US-amerikanischen Starjournalistin Dorothy Thompson und probte nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit Bertolt Brecht dessen Auftritt vor der »Kommission für unamerikanische Umtriebe«. Später, in der DDR, prägte er eine ganze Generation »sozialistischer Journalisten« und machte auch auf internationaler Bühne für die DDR eine gute Figur.

Dass Budzislawski trotz dieses aufregenden Lebens weitgehend vergessen ist, liegt unter anderem daran, dass sich nach der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 kaum noch jemand für das Leben und die journalistische Arbeit des 1978 verstorbenen und zuvor in der DDR vielfach ausgezeichneten politischen Professors und Publizisten interessierte.7 In der Bundesrepublik gilt Budzislawski bis heute ausschließlich als »mediokrer, ulbrichthöriger Karrierist« und als Meuchelmörder der Weltbühne aus den Jahren der Weimarer Republik, wie der mit Budzislawski seit Mitte der 1930er Jahre bis aufs Messer verfeindete Schriftsteller und Publizist Kurt Hiller 1962 formulierte.8 Während Hiller den einstigen Chefredakteur schmähte, glorifizierten er und viele andere Linksintellektuelle die Weltbühne der Weimarer Jahre als Vorbild für kämpferische Polemik, Unabhängigkeit und Fairness. Es sei nicht zuletzt die hier gepflegte »gänzliche Respektlosigkeit vor offiziellen Werten« gewesen, wie Erich Mühsam 1930 formuliert hatte, an die auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anzuknüpfen sei.9

Die seit 1946 in Ost-Berlin erscheinende Weltbühne, bei der Budzislawski von 1967 bis 1971 noch einmal als Chefredakteur amtierte, konnte das einstige Lob Mühsams nicht mehr für sich in Anspruch nehmen. Sie folgte dem Kurs der SED, von der sie auch finanziell abhängig war, und vermied jede Konfrontation mit den politischen Machthabern. Am 12. April 1990 wurde die Weltbühne GmbH durch eine Entscheidung des Kulturministers der DDR letztmalig mit einer Geldspritze aus dem Staatshaushalt in Höhe von einer Million Mark vor dem Konkurs gerettet.10 Drei Jahre später stellte ihr neuer Eigentümer, der als Immobilieninvestor reich gewordene Verleger Bernd F. Lunkewitz, die hochdefizitäre Zeitschrift ein, als – wie in der Geschichte der Weltbühne zuvor schon einige Male – eine Auseinandersetzung um die Titelrechte eskalierte.

Ein familiärer Streit um das publizistische wie materielle Erbe Budzislawskis führte dazu, dass dessen umfangreicher persönlicher Nachlass lange Zeit im Privatbesitz blieb und damit Journalisten und Wissenschaftlern nicht oder nur punktuell zugänglich war. Gleiches gilt für das ehemalige Redaktionsarchiv der Neuen Weltbühne. Heute sind beide Bestände, von wenigen im Moskauer »Sonderarchiv« lagernden Resten abgesehen, in der Datenbank geschützter Kulturgüter der Bundesrepublik Deutschland verzeichnet, befinden sich damit in deren Kulturbesitz und können im Literaturarchiv der Berliner Akademie der Künste eingesehen werden. Das vorliegende Buch basiert maßgeblich auf dieser Überlieferung. Erzählt wird die Geschichte eines preußischen Juden, der mit harter Arbeit, Geschick und Rücksichtslosigkeit an die Spitze der Neuen Weltbühne gelangte und für Jahrzehnte den deutschsprachigen Journalismus nachhaltig prägte. Zugleich verhandelt es die Frage, wie man angesichts der Zumutungen der Moderne seine politischen Überzeugungen leben konnte – und welcher Preis dafür zu zahlen war.

Über den biografischen Einzelfall und die mit ihm verbundenen intellektuellen Konstellationen hinaus wirft dieses Buch Schlaglichter auf zentrale Aspekte der Geschichte des 20. Jahrhunderts, indem es Biografik, Gesellschafts- und Ideengeschichte verknüpft. Fünf Aspekte stehen dabei im Mittelpunkt: Erstens wird exemplarisch eine wichtige politische Kontinuitätslinie in der deutschen Linken aufgezeigt, die vom äußersten linken Flügel der Sozialdemokratie in den 1920er Jahren über das antifaschistische Engagement im Exil bis zum Aufbau und der Konsolidierung der DDR als dem vermeintlich besseren Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs reicht. Zweitens sind Budzislawskis Lebenslauf und die Relevanz der Netzwerke, in denen er sich bewegte, ein Musterbeispiel transnationaler Verflechtungsgeschichte im 20. Jahrhundert, nicht nur wegen der Exilstationen Schweiz, Tschechoslowakei, Frankreich und den USA, sondern auch wegen Budzislawskis frühen Engagements für antikoloniale Bewegungen seit Mitte der 1920er Jahre.11 Drittens steht seine Vita für ein Lebensmodell, das man bürgerlichen Sozialismus nennen könnte – weniger mit Blick auf sein Elternhaus, sondern vielmehr auf den von ihm gepflegten Habitus, den er über alle Grenzen und Länder hinweg beibehielt.12 Darüber hinaus ist diese Geschichte viertens eine exemplarische Kulturgeschichte des Erbens in der Moderne, und zwar nicht nur im unmittelbar materiellen Sinn, sondern allgemeiner als Möglichkeit, intellektuelles Eigentum möglichst universell geltend zu machen und dieses posthum auf Kinder und Kindeskinder zu übertragen.13 Fünftens schließlich verdeutlicht der Fall Budzislawski, wie die politischen Prägungen des Kalten Krieges, vor allem der »westdeutsche Alleinvertretungsanspruch«, nach 1990 noch lange unter Journalisten wie Historikern nachwirkten.14

Dieses Buch ist daher auch eine vergangenheitspolitische Intervention. Es soll einen Beitrag dazu leisten, sich der Geschichte der DDR neu zu nähern, über einen Akteur der mittleren Ebene, der sich vorschnellen Kategorisierungen entzieht. In den 1990er und frühen 2000er Jahren standen vor allem die Demaskierung der »SED-Diktatur« und der Kampf zwischen vermeintlich klar zu unterscheidenden »Opfern« und »Tätern« im Mittelpunkt der öffentlichen Auseinandersetzung in Deutschland. Vor diesem Hintergrund erstrahlte die Bundesrepublik als Hort von Demokratie und Rechtstaatlichkeit umso heller. Diese gewissermaßen mit Schwert und Holzhammer ausgetragenen vergangenheitspolitischen Schlachten sind vorbei; die Folgen aber wirken nach. Weshalb sich nach dem Zweiten Weltkrieg selbst erfahrene und überaus kluge Köpfe für ein Leben in der DDR entschieden, erscheint heutzutage gerade jungen Leuten verwunderlich. Indem hier den Zwischentönen nachgespürt und dabei den Selbstzeugnissen der Akteure ebenso misstraut wird wie den politischen Metaerzählungen, lässt sich die Komplexität von Lebensentscheidungen und -verläufen an einem konkreten Beispiel nachvollziehen.

Parteigebundene oder auch nur parteinahe Intellektuelle aus der frühen DDR zogen bis vor Kurzem kaum gesamtdeutsche Aufmerksamkeit auf sich, sofern es sich nicht um Schriftsteller handelte, deren Werke schon vor 1989 auch in der Bundesrepublik gelesen worden waren, oder um singuläre Figuren wie den durch die Edition seiner Tagebücher bekannt gewordenen Romanistikprofessor Victor Klemperer. Mitunter wird im Anschluss an M. Rainer Lepsius immer noch argumentiert, dass mit Blick auf die DDR der Begriff des Intellektuellen untauglich sei. Diese Argumentation ist allerdings normativen Prämissen geschuldet, die an der Lebensrealität der ostdeutschen Intelligenz vorbeigehen. Auch angesichts der herausragenden Bedeutung von Intellektuellen in der Nachbarländern Polen und der Tschechoslowakei in den 1960er bis 1980er Jahren scheint eine solche Einschätzung mehr als fraglich.15 Dennoch haben Zeithistoriker biografische Studien über ostdeutsche Intellektuelle der Nachkriegszeit überwiegend als Defizit-Biografien angelegt, das Scheitern der DDR bewusst oder unbewusst in das zu porträtierende Individuum hineinprojiziert. Erzählungen über die jungen Sozialisten der Zwischenkriegszeit, über ihren Kampf gegen den Nationalsozialismus und ihr späteres Leben in der DDR folgen daher bis in die jüngste Gegenwart hinein in der Regel einem Narrativ, in dem bestenfalls von fehlgeleitetem Idealismus und politischer Zähmung die Rede ist.

Ich möchte mich dem Thema offener nähern. Die Geschichte von Hermann Budzislawski und seinem Kampf um die Weltbühne ist letztlich eine Variante der allgemeinen Problemlage von politischer Macht und intellektueller Möglichkeit. Budzislawski verkörperte eine extreme, politiknahe Position in diesem Spannungsfeld, während Kurt Tucholsky für die gegengesetzte Option stand, die des sich von Parteiauseinandersetzungen abseits haltenden Intellektuellen. Schon vor der Kanzlerschaft Hitlers hatte Tucholsky sich vom politischen Tageskampf zurückgezogen und schwieg im schwedischen Exil beredt. Mit Deutschland, »diesem Land, dessen Sprache ich sowenig wie möglich spreche«, habe er nichts mehr zu schaffen, schrieb er zutiefst enttäuscht kurz vor seinem Tod im Dezember 1935 dem Schriftstellerkollegen Arnold Zweig. »Möge es verrecken – möge es Rußland erobern – ich bin damit fertig.«16 Ganz anders Budzislawski. Er fand erst im Exil seine Berufung und hörte von da an nicht mehr auf, als eine Art linker Praeceptor Germaniae aufzutreten: ein selbsternannter Lehrmeister eines Landes, das es zunächst von den Nazis zu befreien und dann grundlegend umzugestalten galt. Sein vermeintlich realpolitisches Programm formulierte er Anfang 1934 in einem Brief an Tucholsky so: »Das Neue besteht in der Abkehr vom Dogmatischen, in der undogmatischen Analyse der Situation und in frischen – aber nicht läppischen – Versuchen, diese Situation zu meistern. In unakademischer Haltung zur Politik. Aber nicht im Warten auf eine ›originelle‹ Wahrheit. Wer sie hat, gut. Wer darauf wartet, schrecklich.«17

Seit den späten 1920er Jahren lebte Budzislawski von und für die Politik, ja er definierte sich zuerst und zuletzt über seine Position im journalistischen und politischen Feld. In verschiedenen Ländern und unterschiedlichen politischen Regimen begann er daher immer wieder von Neuem. Von diesem Weitermachen, seinen Gründen und Folgen handelt dieses Buch. Es ist damit zugleich eine exemplarisch verdichtete Geschichte der Hoffnungen und Enttäuschungen des 20. Jahrhunderts.