Haftungsausschluss

Alle Ratschläge in diesem Buch wurden vom Autor und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors beziehungsweise des Verlags für jegliche Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen.

Die in diesem Buch gemachten Beispiele gelten für alle Formen von Beziehungen und sexuellen Identitäten. Sämtliche beschriebenen Rollen können sowohl von einer Frau als auch von einem Mann oder auch von diversem Geschlecht eingenommen werden. Der Einfachheit halber wurden in diesem Buch lediglich Mann und Frau genannt.

1. Einleitung

Noch immer ist Sex – die natürlichste und vielleicht schönste Sache der Welt – mit vielen unsinnigen Tabus überzogen.


Noch immer taumeln finstere Assoziationen durch die Köpfe vieler Menschen, wenn sie den Begriff „Fetisch“ hören. Die einen malen sich in ihrer Fantasie ungezügelte, bizarre Rituale aus, während andere an rücksichtslose, gewalttätige Sexspiele denken, bei denen sogar Menschen zu Schaden kommen. „Pervers“ ist das Wort, an das viele spontan denken mögen und ängstlich zusammenschrecken, wenn von „Bondage“ gesprochen wird. Für nicht wenige Menschen ein Mysterium, welches sie lieber unentdeckt lassen wollen ...

Wie kann Fesseln sexy, erotisch und lustfördernd, ja sogar entspannend sein?

Der Mut, den es erfordert, sich diese Frage selbst zu beantworten, besteht erst einmal darin, die gesellschaftlich konditionierten und beschränkenden Vorstellungen von Sex und Sexualität abzulegen. Und wer dann ehrlich mit sich ist, wird vielleicht feststellen, dass er oder sie schon einmal selbst eine gewisse sexuelle Erregung bei dem Gedanken empfand, Hände und Füße von Partnerin oder Partner beim Liebesspiel zu fixieren. Bist du offen und beschäftigst du dich näher mit den Begriffen Bondage und BDSM, wirst du feststellen, dass die damit verbundenen Rollenspiele, Rituale und Techniken rund um das erotische Fesseln teilweise auf uralte tantrische Traditionen zurückgehen, wie sie in Asien bis heute praktiziert werden. Diese haben den Zweck, dem Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, seine eigene Sexualität zu ergründen und neue Aspekte seines Wesens kennenzulernen. Dabei wird die Sexualität, sei sie heterosexuell oder homosexuell, zu einem Mechanismus, um unbewusste Potenziale freizusetzen. Ziel solcher Praktiken ist es, dass du dich mit dem, was du in dir entdeckst, intensiv, d. h. über die Macht deiner eigenen Sexualität, auseinandersetzt. Du willst kein Ignorant sein, der die mächtigste Energie, die in dir ist, ungenutzt lässt. So werden dunkle Begierden, die in dir schlummern mögen, zu lichten Begierden, nämlich zu jenen, die du bewusst ergründest, erfährst, genießt und zum Bestandteil deines Lebens machen kannst. Keine Angst vor den Abgründen in dir. Sie zu erkennen, bedeutet auch, sie überbrücken zu lernen. Aus diesem Grunde haben Bondage-Rituale für viele eine entspannende und sogar heilende Wirkung. Das ist das besondere Erbe des Tantra, das in verschiedenen Bondage-Techniken, über die du hier viel Wissenswertes erfahren wirst, gegenwärtig ist.

Wer Bondage auf die richtige, also unvoreingenommene Weise praktiziert, tut dies nicht im Geheimen. Hast du keine geeignete Partnerin oder keinen geeigneten Partner, gibt es viele BDSM-Communities, denen du dich anschließen kannst. Aber auch das Bondage-Internet-Dating erfreut sich großer Beliebtheit unter Fetisch-Freunden. Obwohl es keine vollständigen Erhebungen darüber gibt, geht man anhand von Studien davon aus, dass 25 – 30 % der Menschen auf der Welt Bondage-Praktiken in ihre Sexspiele integrieren (Vgl. 1). Doch der Schritt, sich ganz offen zu diesen Praktiken zu bekennen, ist für viele Menschen trotz aller moderner Aufklärung ein Hindernis, das sie nur schwer hinter sich lassen können. Du kennst es aus eigener Erfahrung, wie sehr man sich selbst im Wege stehen kann. Wenn es um Sexualität geht, kann dieser Zustand zu einer Last werden, unter der alles andere zusammenbricht. Das jedoch ist nicht der Sinn einer gesund ausgelebten Sexualität. Bondage zu praktizieren, bedeutet darum, Fesseln anzulegen, die in der Lage sind, dich zu befreien. Wie genau das geschieht, wirst du in diesem Bondage-Ratgeber für Paare erfahren.

Bondage gehört mit seinen zahlreichen Techniken und einer nahezu unüberschaubaren Zahl an Varianten, die es überall auf der Welt gibt, zum bereits erwähnten BDSM. Bei dem Akronym, das einen Überbegriff oder Sammelbegriff darstellt, steht jeder Buchstabe für einen bestimmten Aspekt:  

B            für Bondage,

D           für Disziplin und Dominanz,

S            für Submission bzw. Unterwerfung und Sadismus und

M           schließlich für Masochismus.  

Anzumerken ist, dass Fesselpraktiken bei allen anderen Bereichen immer eine Rolle spielen. Es ist aber auch möglich, Bondage unabhängig von den Aspekten des üblichen BDSM eigenständig zu praktizieren. In allen BDSM-Bereichen nehmen heterosexuelle oder homosexuelle Sexualität, Sinnlichkeit und Erotik selbstverständlich einen wichtigen Platz ein, sind aber oft nicht Selbstzweck der Sex-Partner. Sie folgen also einem anderen Sinn, der z. B. in mentaler Konzentration, wie sie auch aus dem Tantra bekannt ist, intensivem Sexualempfinden oder auch ritueller Ästhetik liegen kann, wie es von japanischen Techniken bekannt ist. Sex ist für jeden da. Das gilt auch für Bondage, das den persönlichen Bedürfnissen und Wünschen angepasst werden kann.

 

Es bietet zahlreiche Vorteile:


 

Bondage ist das Wort, das heute ein ganzes eigenständiges Universum von Praktiken, Sex-Tools, Utensilien und Kleidung bis hin zum speziellen Bondage-Mobiliar bezeichnet. Das grundlegende Hauptcharakteristikum des Bondage ist das, was man im BDSM-Jargon als Power Exchange bzw. „Machttausch“ oder „Machtübertragen“ bezeichnet (Vgl. 2). Das gilt auch für alle anderen BDSM-Bereiche. Es bedeutet, dass für die Zeit eines Bondage-Rituals bzw. einer Bondage-Session die Gleichberechtigung, die normalerweise zwischen zwei Sexpartnern besteht, aufgehoben wird. Lässt du dich z. B. mit einem der diversen Hilfsmittel fesseln, gibst du die Kontrolle über das, was folgt, an Partnerin oder Partner ab. Natürlich erfolgt diese Machtübertragung bzw. der zeitweilige Verlust deiner Eigenständigkeit nur im gegenseitigen Einvernehmen und vollkommen freiwillig.

Obwohl das englische Wort „Bondage“ auch Zwang bedeuten kann, sollte es diesen in der Praxis nie geben. Nichts wird erzwungen. Das ist die oberste Regel. Ganz im Gegenteil: Alles wird abgesprochen und genau durchgesprochen, sodass es für keinen Teilnehmer der Session eine negative Überraschung geben kann. Die Bondage-Handlungen selbst, d. h. die diversen Fesselungen, Kneblungen oder anderen Arten der Körper- oder Körperteil-Fixierung, die z. B. bei professionellen Asphyxia-Praktiken auch gepaart sein können mit bewusst durchgeführter Atemkontrolle, erfolgen unter Beachtung bestimmter Sicherheitsvorkehrungen. Dadurch sollen etwaige Risiken so gut wie ausgeschlossen werden. Doch wer denkt, dass Bondage immer „hart“ sein muss, so wie es vielleicht in manchen Filmen effektvoll, aber meistens wenig realistisch dargestellt wird, irrt. Bondage kann vieles sein. Es reicht von sehr spielerischen Soft-Varianten, die nur bedingt als BDSM zu bezeichnen sind, bis hin zu Hardcore-Varianten, bei denen bestimmte Tools zum Einsatz kommen und die Verwendung komplexer Fixierungstechniken im Mittelpunkt steht. Diese Techniken gehen teilweise bis an die Grenzen der physischen und psychischen Belastbarkeit der Teilnehmer und eignen sich darum nicht für Anfänger.

Je nach Lust und Neigung hast du aber auch die Möglichkeit, Bondage-Techniken mit anderen Praktiken zu kombinieren. Oder aber Bondage dient dir als erotisches und höchst stimulierendes Vorspiel für ein Rollenspiel deiner Wahl. Fakt ist: Den Optionen werden eigentlich nur durch deine eigenen Vorlieben Grenzen gesetzt. Ansonsten gilt: „Anything goes“, sofern die Sicherheitsregeln eingehalten werden, um niemanden zu verletzen.



2. Fetisch, was ist das?

Menschen, die sich in der Welt des Bondage oder anderer BDSM-Praktiken bewegen, werden von anderen häufig als Fetischisten bezeichnet.

 

Dabei wird dieser Begriff zumeist abwertend verwendet. Der Begriff Fetisch fällt heutzutage sehr oft, und leider auch dort, wo er eigentlich gar nicht hingehört. Wie unbedarft dieses Wort benutzt wird, zeigen einige Beispiele.  

Ein Fetischist ist jemand, der z. B.:

Diese leichtfertige Definition von Fetischismus ist entfremdend, wenn man bedenkt, worauf sich der Begriff eigentlich bezieht. Ein Fetisch ist ein Gegenstand, der einen Menschen sexuell erregt. Der ursprüngliche Bezug ist also ein erotischer. Wirft man einen Blick auf die sprachliche Herkunft des Wortes, wird noch deutlicher, was mit einem Fetisch gemeint ist. Es leitet sich nämlich von dem portugiesischen „feitiçio“ ab, das als „Zauber“ oder „Zaubermittel“ wiedergegeben wird (Vgl. 3). Die Geschichte dahinter geht auf die portugiesischen Entdecker zurück, die auf ihren Reisen in die heute westafrikanischen Länder auf indigene Völker stießen, die animistische Religionen hatten und verschiedene Formen religiösen Fetischismus betrieben. Sie verehrten bestimmte Gegenstände, wie z. B. Bäume oder Phallus-Symbole, denen sie magische Kräfte zuschrieben. Über die Erlebnisberichte der portugiesischen Seefahrer kam der Begriff Fetisch schließlich nach Europa.

Doch leider war es der christliche Eifer der Entdecker, der nicht nur die indigenen Kulturen und Traditionen in ein abschätzendes Licht tauchte, sondern auch den Fetisch an sich zu einem eher zwielichtigen Begriff werden ließ. Es muss sich bei einem Fetisch nicht um einen unbelebten Gegenstand handeln, auch Handlungen oder lebendige Dinge können einen Fetisch-Charakter annehmen. Im sexuellen Kontext, der hier natürlich primär von Interesse ist, zählen z. B. High Heels, Strümpfe oder Haare zu den bekannten Fetischen. Bekannt und weit verbreitet sind Fuß- oder Handfetische. Geht es z. B. um unbelebte Dinge, ist beim Bondage oft vom Lack-, Latex- oder Lederfetisch die Rede. Doch natürlich gehören auch sexualpraktische Handlungen, wie Bondage selbst, aber auch Spanking, Fisting oder sämtliche Rollenspiele zum Sex-Fetischismus. Eine Besonderheit des Fetischismus ist es, dass er in der Regel unabhängig vom jeweiligen Sexualpartner ist. Wirst du durch den Anblick einer Frau oder eines Mannes, die oder der in Leder oder Latex gekleidet ist, sexuell erregt, ist es unerheblich, wer diese Person ist. Im Vordergrund steht die Erregung durch hautenge, körperbetonte Kleidungsstücke. Geschlechtsverkehr steht in solchen Fällen auch nicht unbedingt im Vordergrund. Der Orgasmus erfolgt oft autoerotisch, d. h. durch Masturbieren.

Doch bist du pervers, wenn du ein Fetischist bist und beim Bondage selbst eine bestimmte Kleidung trägst oder erregt wirst, wenn Partnerin oder Partner extravagant im BDSM-Stil gekleidet sind? Nein, natürlich nicht.

Wie so viele Wörter wird auch das Adjektiv „pervers“ in der Regel falsch verstanden und gebraucht. Es bezieht sich eigentlich nur auf alles, was von einer gegebenen „Norm abweicht“, schlichtweg „anders“ ist. Du kannst ganz einfach den Selbsttest machen: Bist du pervers, dann bist du nach der Definition des Wortes „anders“ als andere. Da jeder aber anders ist als der andere, ist „jeder“ auch pervers. Allein das zeigt dir, wie wenig über den Gebrauch des Wortes „pervers“ nachgedacht wird. Das gilt für den Fetisch in einem besonderen Maße. Fetischismus wird oft in dem Augenblick zu etwas Negativem, da viele Menschen nicht persönlich aus eigener Erfahrung nachvollziehen können, dass z. B. der bloße Anblick eines Lederkostüms, hochhackiger Schuhe oder schwarzer Netzstrümpfe sexuell erregen kann. Erfahren sie dann noch, dass die betreffende Person weder Sexualpartner noch Geschlechtsverkehr benötigt, um zu einer Erektion oder einem Orgasmus zu kommen, erscheint ihnen das umso mehr verdächtig und unverständlich. Sehr viele BDSM-Praktiken beruhen auf dem Prinzip des Verzichts kopulativer Handlungen, d. h. sehen keinen Geschlechtsverkehr vor. Dennoch aber gelingt es den Beteiligten, einen Orgasmus zu bekommen.

Es darf nicht übersehen werden, dass ein Fetischismus auch Probleme mit sich bringen kann, und zwar immer dann, wenn er zu einer Sucht wird. Es gibt nicht wenige Menschen, die denken, ohne ihren Fetisch nicht leben zu können. Oder aber das fetischistische Verhalten bzw. die Abhängigkeit vom Fetisch gerät außer Kontrolle, was sexuelle Beziehungen oder Partnerschaften schwer belasten kann. Ausgehend von Fällen der Sucht haben nicht wenige Mediziner, Psychologen oder Psychotherapeuten versucht, den Fetischismus als Krankheit zu definieren, wie z. B. der deutsche Psychiater Richard von Krafft-Ebeling. Er vertrat Anfang des 20. Jahrhunderts die Ansicht, der Grund für fetischistisches Verhalten wäre eine Entartung der Psyche, verbunden mit einer Hypersensibilisierung der eigenen Sexualität (Vgl. 4).

Heute weiß man, dass Fetischismus keine Krankheit ist. Sexuelle Erregung, egal durch was sie hervorgerufen wird, ist ein natürlicher Prozess, sofern sich der Fetischist an bestimmte Regeln hält. Zu diesen Regeln gehört natürlich das Verbot von körperlicher oder psychischer Gewalt. Sofern allerdings nur das Anderssein als andere Menschen eine Rolle spielt, darf niemand wegen seiner sexuellen Vorlieben, Handlungen und Partnerschaften verurteilt oder ausgegrenzt werden.


2.1 Geschichte des Bondage