Mord in Hesel

Ostfrieslandkrimi

Susanne Ptak


ISBN: 978-3-96586-521-1
1. Auflage 2022, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2022 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung von adobe stock Bildern.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.

Inhalt

Kapitel 1

 

Lara Bosner stutzte, als sie den pastellfarbenen, unfrankierten Briefumschlag zwischen ihrer Post entdeckte, die sie gerade aus dem Briefkasten genommen hatte. Schon wieder!

Rasch schloss sie auf, trat ins Haus und verriegelte die Haustür hinter sich. Für einen Moment verharrte sie, während ihr das Herz bis zum Hals schlug, und lauschte in die Stille des Hauses hinein. Erst als sie davon überzeugt war, dass es auch still bleiben würde, durchquerte sie den Flur und ging in die Küche, wo sie die Post und ihre Handtasche auf dem Tisch ablegte. Dann ließ sie sich auf einen Stuhl sinken, wobei sie den Briefumschlag fixierte, als wäre er eine giftige Schlange, die jeden Moment nach ihr schnappen könnte.

Nur ihr Name stand auf dem hellblauen Umschlag. Es war der dritte Brief, den sie von ihm bekommen hatte, und inzwischen war ihre Vorstellung davon, wie der Inhalt lauten würde, sehr konkret. Sollte sie den Umschlag überhaupt öffnen? Oder wäre es besser, sofort damit zur Polizei zu gehen? Aber was, wenn sie sich irrte und dieser Brief war gar nicht von ihm? Was, wenn in diesem Brief stand, dass es nur ein schlechter Scherz war? Man würde sie bei der Polizei auslachen.

Schon wollte sie nach dem Umschlag greifen, da fiel ihr ein, was der Beamte der hiesigen Polizei ihr geraten hatte, und sie stand auf, um Latexhandschuhe aus einer der Schubladen zu holen. Sobald sie diese übergestreift hatte, nahm sie ein Messer aus einer weiteren Schublade, nahm den Brief und öffnete vorsichtig den Umschlag. Ihre Hände zitterten, als sie das hellblaue Papier herauszog und es auseinanderfaltete.

›Mein Augenstern‹, las sie, und nun zitterten nicht mehr nur ihre Hände. Wieder sank sie auf den Stuhl. Obwohl sie ihre dicke Winterjacke gar nicht ausgezogen hatte, begann sie zu frieren.

›Bald ist es so weit. Lange genug habe ich Dich nun beobachtet und kann es kaum noch erwarten, Deine zarte Haut zu berühren und den Duft Deines glänzenden Haares zu genießen, während ich in Dir versinke. Ich werde Dich lieben, wie Du noch niemals zuvor geliebt wurdest, und Du wirst glücklich und erfüllt auf dem Höhepunkt dieser Liebe sterben.

Wir sehen uns bald

X‹

Es erforderte Laras gesamte Willenskraft, nicht laut aufzu­schreien. Voller Angst sprang sie auf. Sie musste sofort zur Polizei. Nun mussten sie etwas unternehmen. Das war eine eindeutige Morddrohung und nicht nur anstößiges Geschreib­sel wie in den Briefen zuvor!

Hektisch wühlte sie einen Frischhaltebeutel aus dem Schrank und legte Brief und Umschlag hinein. Dann nahm sie ihre Handtasche und eilte aus dem Haus. Trotz ihrer Angst vergaß sie nicht, die Haustür abzuschließen.

Als Lara im Auto saß, war sie völlig außer Atem und erst jetzt fiel ihr auf, dass sie vor lauter Panik die Luft angehalten hatte. Rasch startete sie den Wagen und fuhr in Richtung Heseler Polizeistation. Sie hatte schon den Blinker gesetzt, um von der Straße abzubiegen, da entschied sie sich anders. Zweimal war sie jetzt schon dort gewesen, doch schienen die Beamten sie gar nicht richtig ernst genommen zu haben. Zwar hatte man ihr Fragen nach einem eventuellen Stalker aus ihrem Bekannten­kreis oder einem abgewiesenen Verehrer gestellt, doch war man wohl nicht von einer ernsthaften Bedrohung ausgegangen. Darum würde sie jetzt zur Polizeiinspektion nach Leer fahren. Vielleicht erkannte man dort die Gefahr.

 

»Steffen Köster, mein Kollege Werner Harms. Nehmen Sie doch bitte Platz, Frau Bosner«, wurde Lara von Kriminalober­kommissar Köster empfangen, nachdem sie ein uniformierter Polizist zum Büro der Kommissare begleitet hatte.

Lara bedankte sich und nahm auf dem Besucherstuhl Platz. Mit immer noch zitternden Händen reichte sie dem Kommissar den Frischhaltebeutel.

Kriminalhauptkommissar Harms trat neben seinen Kollegen, um ebenfalls einen Blick auf den Brief zu werfen.

»Und das ist bereits der dritte Brief dieser Art, den Sie erhalten haben, sagte der Kollege?« Steffen Köster schaute Lara fragend an, um die vom Empfang erhaltene Vorab­information von ihr bestätigen zu lassen.

Sie nickte. »Die beiden anderen Briefe sind in der Polizei­station Hesel. Ich wollte nur … also … ich hatte …«

»Immer mit der Ruhe, Frau Bosner«, beschwichtigte Werner Harms die aufgeregte Frau. »Ich nehme an, Sie fühlten sich von den Kollegen nicht ernst genommen?«

Lara nickte. »Das ist aber der erste Brief, in dem er androht, mich zu töten. In den beiden anderen hatte er nur auf äußerst obszöne Art beschrieben, welche Fantasien er mit mir als Hauptperson hat.«

»Zuerst einmal möchte ich Ihnen versichern, dass wir Briefe solcher Art durchaus ernst nehmen. Das Problem ist leider, dass unsere Möglichkeiten diesbezüglich sehr begrenzt sind …«

»Ja, ja, das weiß ich alles«, fiel Lara Harms ins Wort. »Solange er mir keinen körperlichen Schaden zufügt, sind Ihnen quasi die Hände gebunden. Das haben mir Ihre Kollegen in Hesel auch schon gesagt. Aber Sie sehen doch selbst – wenn er mir körperlichen Schaden zufügt, dann bin ich tot. Dann können auch Sie mir nicht mehr helfen.«

»Fiel Ihnen denn in letzter Zeit jemand in der Nähe Ihres Hauses auf?«, ergriff nun Steffen Köster das Wort. Er drehte die Tüte mit dem Brief darin herum. »Es ist keine Briefmarke auf dem Umschlag, was bedeutet, dass der Verfasser dieses Briefes ihn vermutlich auch selbst in Ihren Briefkasten geworfen hat.«

»Er wird die Briefe tagsüber eingeworfen haben, während ich zur Arbeit war«, vermutete Lara.

»Was ist mit Nachbarn? Könnten die etwas bemerkt haben?«

»Direkte Nachbarn habe ich gar nicht. Mein Haus ist ein ehemaliger Bauernhof, der von Weiden umgeben ist. Höchs­tens, dass Jens Hartema, der Landwirt, dem das Land gehört, etwas bemerkt haben könnte. Aber der müsste dann auch zufällig ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt mit dem Traktor in der Nähe unterwegs gewesen sein, was zu dieser Jahreszeit aber eher unwahrscheinlich ist.«

»Trotzdem werden wir uns mal mit Herrn Hartema unter­halten«, beschloss Werner. »Manchmal hat man ja auch Glück.« Er schaute Lara an. »Ich nehme an, die Kollegen aus Hesel haben Sie das bereits gefragt – verdächtigen Sie jemanden, diese Briefe geschrieben zu haben?«

Lara schüttelte den Kopf. »Ich bin erst vor drei Jahren hierhergezogen und mein Freundes- und Bekanntenkreis ist noch recht übersichtlich.«

»Ein Kollege womöglich?«, hakte Steffen nach. »Wo arbeiten Sie überhaupt?«

»Ich bin Sachbearbeiterin beim Finanzamt.«

»Oha!«, entfuhr es Werner.

»Bestimmt gibt es unter meinen Kollegen auch einige, die sämtliche Klischees erfüllen, die zu unserem Beruf existieren. Aber garantiert ist kein Mörder oder Vergewaltiger unter ihnen«, fuhr Lara fort.

»Ich dachte dabei auch weniger an Ihre Kollegen, sondern eher an einen Ihrer Kunden, der sich womöglich für einen Steuerbescheid an Ihnen rächen will«, erklärte Werner seine Reaktion.

Steffen nickte zustimmend. »Oder schlichtweg jemand, der mal in Ihrem Büro war, sich in Sie verguckte, leider aber ein psychisches Problem hat, was das Zwischenmenschliche anbelangt. Können Sie sich vielleicht an jemanden erinnern, der Sie zum Beispiel zum Essen einladen wollte? Oder der in irgendeiner Form vertraulich wurde und der sich durch eine Ablehnung Ihrerseits vor den Kopf gestoßen fühlen könnte?«

Lara dachte einige Minuten angestrengt nach, dann schüttelte Sie den Kopf. »Nein, da fällt mir niemand ein.«

»Sie leben allein in Ihrem Haus?«, wollte Werner wissen.

»Ja. Ich habe das Haus von meiner Oma geerbt. Als Kind habe ich jeden Ferientag auf dem Hof meiner Großeltern verbracht. Später, als ich dann in der Ausbildung war, leider nicht mehr. Nach dem Tod meiner Oma musste ich mich entscheiden – entweder mit Freund in Duisburg zu bleiben und den Hof zu verkaufen oder als Single nach Ostfriesland zu ziehen.«

Steffen hob argwöhnisch die Augenbrauen. »Und Ihr Ex-Freund hat es einfach so hingenommen, dass Sie sich von ihm getrennt haben und nach Ostfriesland gezogen sind?«

»Zumindest hat es ihn nicht so sehr mitgenommen, dass er mir drei Jahre später solche Briefe schreiben würde, falls Sie darauf hinauswollen.«

Steffen grinste. »Wollte ich. Sind Sie denn aktuell in einer neuen Beziehung?«

Lara Bosners Miene wurde nachdenklich. »Ja, seit zwei Monaten. Da wir uns aber bisher nichts versprochen haben, besteht keine Veranlassung für Frank, mich umbringen zu wollen. Er könnte sich einfach von mir trennen, oder ich mich von ihm.«

»Gäbe es denn Gründe, aus denen Sie sich von ihm trennen wollten?«

Die junge Frau zuckte mit den Schultern. »Er ist nett zu mir, aber vermutlich nicht der Mann, den ich heiraten werde.« Sie schaute Steffen an. »Dennoch bin ich davon überzeugt, dass er mir nicht so etwas antäte, selbst wenn er den Verdacht hätte, dass ich mich von ihm trennen will.«

»Trotzdem würden wir uns gerne mit ihm unterhalten. Könnte ja auch sein, dass ihm etwas aufgefallen ist.«

Lara nickte.

»Gibt es jemanden, bei dem Sie heute übernachten können?«, erkundigte sich Werner. »Oder übernachtet Ihr Freund bei Ihnen? Auf die Schnelle bekomme ich keinen Polizeischutz für Sie genehmigt, hätte aber ein sehr ungutes Gefühl dabei, Sie allein in einem Haus mitten in der ostfriesischen Pampa zu wissen.«

»Frank ist beruflich unterwegs und kommt erst am Wochen­ende zurück. Ich könnte aber meine Freundin Ineke anrufen. Bestimmt kann ich sogar einige Tage bei ihr bleiben.«

»Würden Sie das sofort tun?«, bat Werner.

»Ja, natürlich.« Lara kramte das Handy aus ihrer Handtasche und kurz darauf sagte sie: »Hallo Ineke! Ich bin gerade bei der Polizei in Leer und die Kommissare denken, dass es besser wäre, wenn ich im Moment nicht allein in meinem Haus bin. Kann ich vielleicht bei dir übernachten?« Sie hörte zu, was die Gesprächspartnerin antwortete, dann bedankte sie sich. »Dann sehen wir uns gleich«, beendete sie das Gespräch.

Steffen überreichte Lara eine Visitenkarte. »Falls Ihnen noch etwas ein- oder auffällt, melden Sie sich bitte umgehend. Nun brauchen wir noch Ihre Anschrift und Telefonnummer, die Adresse Ihres Freundes, des Nachbarn Hartema und die Ihrer Freundin Ineke. Sobald der Personenschutz genehmigt wurde, informieren wir Sie.«

»Und bitte denken Sie morgen im Büro noch einmal darüber nach, ob nicht doch einer Ihrer Kunden infrage käme.«

»Das mache ich«, versprach Lara. Dann diktierte sie Steffen die gewünschten Adressen nebst ihrer eigenen Handynummer und verabschiedete sich.

Erleichtert, nun endlich ernst genommen zu werden, verließ sie die Polizeiinspektion, setzte sich ins Auto und fuhr zurück nach Hesel.

Als Lara an der Stikelkamper Straße abbiegen wollte, um zu ihrer Freundin Ineke zu gelangen, fiel ihr ein, dass sie nichts dabei hatte, außer den Sachen, die sie trug. Zudem benötigte sie Zahnbürste und wenigstens ein Deo. Inzwischen war es zwar schon dunkel geworden, aber da der Briefeschreiber sich auch nicht im Haus befand, als sie zur gewöhnlichen Zeit nach Hause gekommen war, würde er sicher auch jetzt nicht dort auf sie warten. Bestimmt konnte sie gefahrlos ein paar Minuten in ihr Haus gehen, um einige Sachen einzupacken. Kurzent­schlossen fuhr sie geradeaus weiter.

Mit der Dunkelheit war auch ein eisiger Wind aufgekommen, der herabgefallenes Herbstlaub in Laras Hauseingang trieb und die nackten Äste der Bäume bog, sodass sie im Licht der Straßenlaterne unheimliche Schatten warfen.

Lara stieg aus dem Auto und bemerkte, dass die Tempera­turen des bisher ungewöhnlich warmen Wintertages massiv gefallen waren. Der Wind brachte den Duft von Schnee und Frost mit sich. Sie zuckte zusammen, als plötzlich ein Blitz die Dunkelheit kurz erhellte. Ein Wintergewitter zog auf. Wie gerne hätte sie jetzt ein Feuer im Kaminofen entzündet, es sich mit einem Tee auf dem Sofa gemütlich gemacht, während draußen der Winter hereinbrach. Doch sie durfte nicht herum­trödeln. Ineke wartete und würde sich Sorgen machen, träfe Lara nicht bald bei ihr ein. Schließlich wusste die Freundin von den Briefen und sie war es auch gewesen, die Lara gedrängt hatte, zur Polizei zu gehen. Zudem hatte die offensichtliche Besorgnis der Kommissare nicht gerade dazu beigetragen, dass sie sich momentan zu Hause noch sicher fühlen würde.

Schnell schloss Lara die Tür auf und betrat das Haus. Im Flur schaltete sie das Licht an, nahm eine Reisetasche aus dem antiken Bauernschrank und lief dann die Treppe hinauf. Fast hätte sie aufgeschrien, als plötzlich direkt über dem Haus ein Donnerschlag krachte.

»Du wirst hysterisch«, schalt sie sich selbst, riss sich zusammen, ging ins Bad und schaltete auch hier das Licht ein. Dadurch, dass es im Flur kein Fenster gab, hatte sie den Blitz nicht gesehen, der den Donner ankündigte. Kein Wunder, dass sie sich derartig erschreckt hatte. Rasch packte sie Zahnbürste, Deo und Schminkutensilien in ihren Kosmetikbeutel und stopfte diesen in die Reisetasche, stets auf einen weiteren Donnerschlag vorbereitet.

Sie verließ das Bad und durchquerte den Flur, um in ihr Schlafzimmer zu gelangen. Die Tür des Raums stand offen und es brannte noch kein Licht, so bemerkte sie diesmal auch den Blitz. Der Donner krachte im selben Moment, in dem sie ihr Zimmer betrat und auf den Lichtschalter drückte.

Lara erstarrte. Die Griffe der Reisetasche entglitten ihrer Hand, als sie plötzlich ein Geräusch hinter sich vernahm. Jemand trat von hinten an sie heran.

»Hallo, mein Augenstern«, flüsterte eine heisere Stimme dicht an ihrem Ohr. »Unsere gemeinsame Zeit ist gekommen. Bist du bereit?«

Lara fuhr herum, stieß den Eindringling zur Seite, stürzte aus dem Zimmer und zur Treppe hin. Doch kaum hatte sie den Fuß auf die erste Stufe gesetzt, da wurde sie hart am Oberarm gepackt und brutal zurückgerissen.

Mit der anderen Hand umfasste der Mann Laras Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Er war stark und groß; überragte Lara um wenigstens dreißig Zentimeter. Verachtung war in seinem Blick zu lesen.

»Warum?«, stieß Lara hervor, als sie ihn erkannte.

»Weil mir niemand ungestraft droht«, antwortete er.

»Es tut mir leid! Ich habe das alles nicht so gemeint! Lass uns noch mal darüber reden!«, flehte sie.

»Ich werde dir nie wieder vertrauen können. Da nutzt auch Reden nichts.«

Lara warf sich nach hinten, stemmte die Füße in den Boden und versuchte, sich loszureißen. Doch sie hatte seiner Kraft nichts entgegenzusetzen. Und Lara schrie; so laut und verzweifelt, wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hatte, auch wenn sie wusste, dass niemand sie hören würde.

 

Kapitel 2

 

»Wartet noch einen Moment«, bat Sekretärin Sonja Keller die Kommissare, die sich gerade in den Feierabend verabschieden wollten. »Ich hab da was gefunden.«

»Nämlich?«, hakte Steffen nach.

»Diese Lara Bosner, die vorhin hier war … Irgendwie erinnerten mich diese Briefe, die sie bekommen hat, an etwas, und ich habe nachgesehen, ob es schon einmal so was Ähnliches gab.«

»Und es gab, nehme ich an.« Werner schaute Sonja erwar­tungsvoll an.

Die Sekretärin nickte. »Allerdings. Im Frühjahr wurde in Aurich eine Frau vergewaltigt und ermordet in ihrem Haus aufgefunden; im Juli eine weitere Frau vergewaltigt, die aber mit dem Leben davonkam. Bei beiden Frauen wurden Briefe gefunden. Hellblaues Briefpapier, auf dem beiden das, was ihnen später angetan wurde, in merkwürdig gestelzter Sprache angedroht wurde. Auch hier sind die Briefe wohl persönlich eingeworfen worden, da sie nicht frankiert waren. Und die Opfer wohnten ähnlich abgeschieden wie Frau Bosner.«

»Scheiße!«, fluchte Werner.

»Moment!«, bremste Sonja. »Der Täter wurde gefasst und sitzt im Knast. Er kann es also nicht gewesen sein. Nächste Woche beginnt der Prozess.«

»Also ein Nachahmungstäter«, stellte Werner fest. »Wahr­scheinlich stand etwas über den bevorstehenden Prozess in der Zeitung und brachte jemanden auf dumme Gedanken.«

Sonja zuckte mit den Schultern. »Dann muss das mit dem hellblauen Briefpapier aber ein Zufallstreffer sein, denn das wurde nicht öffentlich gemacht.«

»Gleichgültig ob der Falsche im Knast sitzt oder wir es mit einem Nachahmungstäter zu tun haben – ich rufe rasch die Freundin an und erkundige mich, ob Frau Bosner wohlbehalten bei ihr eingetroffen ist.« Schon hatte Steffen sein Telefon gezückt.

»Großartige Arbeit«, lobte Werner. »Setzt du dich mit den Kollegen in Verbindung, die den Fall bearbeitet haben?«

Sonja nickte. »Schon erledigt. Ralf und Andreas waren Teil der ermittelnden Mordkommission. Von ihnen weiß ich auch, dass die Briefe aus ihrem Fall ebenfalls hellblau waren, denn das ist nicht einmal für alle Polizeibeamten bekanntgemacht worden. Sie sind gerade im Einsatz, kommen aber gleich morgen früh hierher.«

»Großartig, danke. Dann sei noch so gut und ruf in Hesel an. Die Kollegen sollen uns die beiden Briefe überlassen, die sie von Frau Bosner bekommen haben.«

»Frau Halfwassen sagte, Lara Bosner sei noch nicht bei ihr eingetroffen«, informierte Steffen seine Kollegen und steckte das Smartphone ein. »Sie wollte uns selbst gerade informieren und macht sich große Sorgen. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten, selbst zu Frau Bosner zu fahren.«

»Das gefällt mir gar nicht. Lass uns hinfahren, und zwar zügig! Bis morgen, Sonja.«

Die Kommissare sprinteten durch das Gebäude und zum Parkplatz hinaus.

Steffen startete den Wagen, ließ das Fenster herunter, setzte das Blaulicht aufs Dach und raste zum Tor hinaus.

Auch wenn der Verkehr recht übersichtlich war und Steffen einen großen Teil der Strecke Vollgas fahren konnte, benötig­ten sie dennoch siebzehn Minuten bis zum Ziel.

Im ganzen Haus brannte Licht und ein Auto stand vor dem Gebäude.

»Verfluchter Mist! Das ist bestimmt Frau Bosners Auto!«, fluchte Werner und sprang aus dem Wagen, kaum dass das Fahrzeug stand. Er rannte zur Haustür, drückte auf den Klingelknopf und brüllte: »Frau Bosner! Kriminalpolizei! Öffnen Sie die Tür!«

Niemand öffnete.

Steffen hatte sich bereits aufgemacht, das Haus zu umrunden. Er hörte, wie Werner mit der Faust an die Tür hämmerte und noch einmal nach Lara Bosner rief. Dann hatte er die Hintertür erreicht, die, wie er bereits vermutet hatte, nicht verschlossen war. »Werner! Hinten ist auf!«, rief er seinem Freund und Kollegen zu. Dann zog er seine Waffe aus dem Schulterholster.

Auch Werner zog die Dienstpistole, als er Steffen erreicht hatte. Auf sein Zeichen hin öffnete der Oberkommissar die Tür und sicherte dann mit vorgehaltener Waffe den dahinter­liegenden Flur. Alles blieb ruhig.

Hintereinander liefen die Männer in den Wohnbereich des Bauernhauses. Sämtliche Zimmer waren menschenleer.

Werner bedeutete Steffen mittels Handzeichen, nun in die obere Etage hinaufzugehen.

Steffen nickte und so vorsichtig wie möglich liefen die Kommissare die knarzenden alten Treppenstufen hinauf. Auch wenn ihr Eintreffen einem sich im Haus befindlichen Täter sicher nicht entgangen sein würde, so hatten sie durch leises Annähern wenigstens einen kleinen Vorteil. Routiniert sicher­ten sie Bad und Gästezimmer. Schließlich blieb nur noch das Schlafzimmer übrig. Die im Türrahmen fallen gelassene Reisetasche ließ Böses erahnen.

Werner ging voraus, und als er den ersten Schritt in den Raum getan hatte, ließ er die Waffe sinken und stürzte in das Zimmer hinein. »Frau Bosner!«, rief er laut.

Steffen folgte ihm, stolperte fast über die Kleidungsstücke, die am Boden lagen.

Werners Gesicht war aschfahl, als er sich Steffen zuwandte. »Wir brauchen die Technik und die Rechtsmedizin«, sagte er mit belegter Stimme.

»Scheiße! Scheiße! Scheiße!«, stieß Steffen hervor. »Ich ruf Josefine an. Die ist schneller hier als Paul.«

»Hallo?«, hörten sie plötzlich eine weibliche Stimme von unten. »Lara?«

»Verflucht! Das dürfte Frau Halfwassen sein. Ich hatte ihr doch gesagt, sie solle zu Hause bleiben und auf Frau Bosner warten.«

»Ich mach das. Ruf du die Kollegen.« Werner ging zur Treppe und lief die Stufen hinunter.

»Frau Halfwassen, nehme ich an«, sagte er, als er der jungen, blonden Frau gegenüberstand. »Harms, Kriminalpolizei Leer.«

Sie schüttelten sich die Hände.

»Geht es Lara gut?« Die Angst stand deutlich ins Gesicht der Endzwanzigerin geschrieben.

Werner räusperte sich, bevor er antwortete: »Es tut mir sehr leid, Frau Halfwassen, aber wir kamen zu spät.«

»Dieses dumme Mädchen!«, fuhr Ineke Halfwassen auf. »Warum ist sie noch einmal hierhergefahren?«

»Ich nehme an, dass sie noch ein paar Sachen holen wollte.«

»Gott! Die hätten wir doch auch gemeinsam holen können! Oder ich hätte ihr Sachen von mir geliehen!« Sie brach in Tränen aus.

Nun kam auch Steffen die Treppe herunter. Er legte den Arm um Inekes Schultern und führte sie in die Küche. »Setzen Sie sich erst mal.«

Während Ineke Halfwassen in der Küche schluchzte, schauten die Kommissare sich weiter im Haus um. Weder Fenster noch Türen wiesen Spuren eines Einbruchs auf, was angesichts der unverschlossenen Hintertür jedoch nicht weiter verwunderlich war. Lediglich die Tatsache, dass die Tür nicht verschlossen worden war, irritierte die Polizisten.

»Wir sind da zu Hause auch eher nachlässig«, bekannte Steffen. »Aber wenn ich bedroht werde, dann achte ich doch tunlichst darauf, dass sämtliche Türen und Fenster verschlos­sen sind.«

Werner nickte zustimmend. »Und da Frau Bosner ziemlich dicht am Rande einer Panik entlangsegelte, hat sie garantiert auch darauf geachtet. Ich nehme also an, dass der Täter einen Schlüssel hatte. Wir sollten überprüfen, ob das in den anderen Fällen auch so war oder ob dort eingebrochen wurde.«

Sie hörten, wie draußen ein Wagen vorfuhr, und Steffen ging, um die Haustür zu öffnen. Er lächelte, als er den alten Mercedes-Leichenwagen sah, der Freundin Doktor Josefine Brenner gehörte. Am Steuer saß jedoch nicht die ehemalige Rechtsmedizinerin, sondern Steffens Frau Britta.

Britta grinste, als sie ausstieg. »Josefine war gerade bei uns, als du anriefst.«

»Und da dachtest du dir, du könntest ihr den Chauffeur machen.«

»Chauffeurin«, korrigierte Josefine und schulterte ihre riesige Handtasche, in der sie fast immer das fand, was gerade benötigt wurde.

»Du weißt, ich nutze jede Gelegenheit, den Mercedes zu fahren. Soll ich wieder fahren und ihr bringt Fine später nach Hause?«, erkundigte sich Britta.

Steffen schüttelte den Kopf. »Ist ganz gut, dass du mitgekom­men bist. Die Freundin des Opfers ist hier und wir bräuchten jemanden, der sich ein wenig um sie kümmert, bis ein Seelsorger eintrifft, falls sie einen benötigt. Sie ist ziemlich fertig.«

Die Frauen folgten Steffen ins Haus, wo Britta sofort Ineke Halfwassens Schluchzen nachging und so die Küche fand, während Josefine die Kommissare begrüßte und sie dann nach oben begleitete.

»Steffen sagte, sie wäre bedroht worden. Warum habt ihr sie dann überhaupt noch allein in ihr Haus gelassen?«, wollte Josefine wissen, während sie im Flur Latexhandschuhe und Schuhüberzieher aus ihrer Handtasche hervorwühlte. Der vorwurfsvolle Ton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Werner nickte zerknirscht. »Ich habe schlichtweg nicht damit gerechnet, dass sie noch hierherkäme. Sie hatte Angst und ich nahm an, dass sie ohne Umweg zu ihrer Freundin fahren würde.«

»Davon war ich auch ausgegangen«, bekräftigte Steffen. »Zudem haben wir den tatsächlichen Ernst der Lage erst erkannt, als Sonja uns sagte, dass es nicht der erste Fall dieser Art ist.«

»Nun, wie auch immer. Jetzt ist es ohnehin zu spät.« Josefine betrat das Schlafzimmer, wo Lara Bosner, zugedeckt bis zum Hals, in ihrem Bett lag. Behutsam schlug sie die Bettdecke zur Seite.

Lara war völlig unbekleidet und um ihren Hals war ein buntes Tuch geschlungen.

»Sie wurde erdrosselt?«, fragte Steffen. Er und Werner schauten Josefine über die Schulter.

Die ehemalige Rechtsmedizinerin nickte. »Ob er sich auch an ihr vergangen hat, wird Paul herausfinden müssen. Es bilden sich bereits jetzt Druckstellen an den Armen. Er scheint sie hart angepackt zu haben, was mich vermuten lässt, dass wir es mit einem recht kräftigen Täter zu tun haben. Auch wenn das arme Mädchen recht zierlich ist – es gehört Kraft dazu, jemanden, der sich wehrt, zu erdrosseln.« Sie befestigte Beweismittel­tüten über Laras Händen. »Vielleicht haben wir Glück und sie hat ihn gekratzt«, erklärte sie ihr Handeln. »Zum Todeszeit­punkt muss ich ja wohl nichts sagen.«

»Nein, den kennen wir leider nur zu genau«, entgegnete Werner leise.