4 - Sternenlicht

4 - Sternenlicht

4: Urban Fantasy Band III

 

Roman

Kristin Wöllmer-Bergmann

 

Books on Demand, Norderstedt

 

 

9783755795988

 

 

 

Inhalt

 

Teil 8: Schmerz

Ciara und die Schattenkinder

Cia­ra biss die Zäh­ne zu­sam­men, als Na­te die Tür zu ih­rer Un­ter­kunft auf­stieß.

Ihr ver­letz­ter Arm brann­te wie Feu­er, doch sie trau­te sich nicht, die Wun­de an­zu­se­hen. Zu groß war die Angst vor dem An­blick der ver­brann­ten Haut, außer­dem schäum­te sie vor Wut. In ih­rem In­ne­ren koch­te es und sie muss­te mehr­fach die Trä­nen weg­blin­zeln.

Es war alles schief­ge­lau­fen. Eben noch dach­te sie, sie hät­te ei­ne Spur, ei­nen Hin­weis auf die ge­such­te Ener­gie-quel­le ge­fun­den und im näch­sten Mo­ment rann­te sie um ihr Le­ben.

Sie biss sich auf die Lip­pe und hielt sich an Na­te fest. Ihr war schlecht we­gen des Schmer­zes und Schwin­del er­fass­te sie. Sie brauch­te drin­gend Hil­fe. Ih­re Freun­din Ri­de muss­te sich die Wun­de an­se­hen. Und sie muss­te mit Shel­ley, ih­rer Ver­trau­ten, spre­chen.

Sie sah sich um und such­te nach den bei­den, doch die Un­ter­kunft war leer, wie sie er­schro­cken fests­tell­te. »Wo ist Ri­de?«, frag­te sie, ob­wohl Na­te kei­ne Ant­wort da­rauf wis­sen konn­te.

»Ich küm­me­re mich zu­erst um dei­ne Wun­de, dann se­hen wir weiter«, sag­te er und drück­te sie auf das So­fa. Sie woll­te pro­tes­tie­ren, doch er schüt­tel­te den Kopf. »Ich muss es jetzt tun. Die Wun­de ist ma­gisch und ich muss ver­hin­dern, dass sie sich aus­brei­tet.«

»Ich glau­be nicht, dass die Wun­de ma­gisch ist«, knurr­te sie und be­ob­ach­te­te ihn da­bei, wie er an ei­nen der Schrän­ke ging. Der ehe­ma­li­ge Mas­sag­esalon, der ih­nen als Un­ter­kunft dien­te, hat­te vol­le Schrän­ke, da­run­ter auch Des­in­fek­tions­mittel und Ver­bands­ma­te­ri­al. ›Zwangs-schlie­ßung‹ hat­te an der Tür ge­stan­den, als sie ihn fan­den. »Und wenn sie ma­gisch wä­re, könn­test du mir auch nicht hel­fen. Nur Ri­de könn­te da­bei et­was tun.« Sie stöhn­te und schloss die Augen. Das Ge­sicht ih­rer An­grei­fe­rin tauch­te vor ih­rem geis­ti­gen Au­ge auf. Die gro­ßen schwar­zen Augen und das lan­ge wei­ße Haar. »Die­ses Mists­tück hat mich mit Son­nen­licht an­ge­grif­fen.«

Sie woll­te ge­ra­de selbst an­grei­fen, als die weiß ge­klei­de­te Frau ih­ren lan­gen Stab hob und das Licht er­schuf. Das hat­te sie eis­kalt er­wischt. Als es auf sie zu­ra­ste, war Cia­ra si­cher, dass es mit ihr aus war, doch sie hat­te Glück. Die­se Brand­ver­let­zung war nichts im Ver­gleich zu dem, was hät­te pas­sie­ren kön­nen.

Na­te kam zu ihr her­über. »Ich weiß«, gab er zu. »Doch es ist Nacht und sie hat das Licht er­schaf­fen. Al­so muss es Ma­gie sein.«

»Das strei­te ich nicht ab.« Cia­ra hol­te tief Luft und sah auf ih­ren Arm. Sie stöhn­te und schloss die Augen, als sie den blut­ver­krus­te­ten Stoff sah. Der Ge­ruch ver­brann­ten Flei­sches lag schwer in der Luft. Auch Na­te roch ihr Blut, das sah sie an sei­nen silber­nen Augen. Ein Aphro­di­sia­kum für ihn, doch ihr stand der Sinn nicht da­nach, den näch­sten lo­gi­schen Schritt zu tun. Da­für war der Schmerz zu groß.

»Ich muss den Stoff dei­nes Är­mels ent­fer­nen«, sag­te Na­te an­ge­spannt. »Das wird schmerz­haft.«

Cia­ra biss sich auf die Lip­pe und nick­te. Er trenn­te den Är­mel an der Naht ab, sah ihr tief in die Augen und riss ihn mit ei­nem Ruck her­un­ter. Cia­ra schrie auf und warf sich bei­sei­te. Blut spritz­te auf den Boden und der Ge­ruch wur­de noch in­ten­si­ver, als die Wun­de sich wie­der öff­ne­te.

»Schon vor­bei«, sag­te Na­te und pack­te sie an den Schul­tern. Er at­me­te hef­tig und sei­ne Reiß­zäh­ne waren deut­lich sicht­bar. Sie warf ei­nen Blick hin­un­ter und spür­te, wie ihr Ma­gen sich um­dreh­te. Die Wun­de war wi­der­lich. Sie muss­te die Augen schlie­ßen, als Na­te sie des­in­fi­zier­te und vor­sich­tig ei­nen Ver­band an­leg­te.

Sanft strich er mit sei­nen Fin­ger­spit­zen über ih­re Wan­ge und wisch­te ei­ne zor­ni­ge Trä­ne weg. Cia­ra blin­zel­te. Er zog sie an sich und küss­te sie. Sei­ne Wär­me war trös­tend und der Schmerz ebb­te et­was ab. Sie schloss die Augen und schmieg­te sich an ihn. Viel­leicht stand ihr doch der Sinn nach Nä­he, und sei es nur, um sich et­was we­ni­ger schlecht zu füh­len.

Na­tes Lip­pen wan­der­ten hin­un­ter zu ih­rer Keh­le, als die Haus­tür auf­ging. Sie sa­hen auf und er­blick­ten Shel­ley, Lu­cia, Ma­son und Be­van. Cia­ras heim­li­cher Ge­lieb­ter er­fass­te die Si­tua­tion so­fort. Ih­re Bli­cke tra­fen sich und Cia­ra fühl­te sich schlecht. Schul­dig, ob­wohl Na­te ihr of­fi­ziel­ler Ver­lob­ter war.

Seit ih­rer An­kunft hier hat­ten sie und Be­van nicht mehr mit­ein­an­der spre­chen kön­nen – nicht so, wie Cia­ra es drin­gend tun woll­te. Mitt­ler­wei­le wuss­te sie nicht mehr, wo sie stan­den. Und jetzt das.

»Was ist pas­siert?«, frag­te Shel­ley und deu­te­te auf Cia­ras Arm. Lu­cia schnaub­te.

»Schon wie­der Är­ger, Cia­ra?«, frag­te sie ge­dehnt.

Cia­ra schwoll der Kamm. Seit­dem sie hier waren, ließ Lu­cia kei­ne Ge­le­gen­heit aus, um sie zu pro­vo­zie­ren. Ur­sprüng­lich dach­te sie, sie hät­te ei­ne loya­le Freun­din um ih­re Be­glei­tung ge­be­ten. Sie wur­de schnell ei­nes Bes­se­ren be­lehrt.

Na­tes Augen waren wie­der braun und er warf ihr ei­nen war­nen­den Blick zu. Sie durf­te sich nicht pro­vo­zie­ren las­sen. Lu­cia durf­te kei­ne Macht über sie be­kom­men.

»Es waren die Ma­gi­er. Wir ha­ben sie be­reits in der letz­ten Nacht ge­se­hen«, er­klär­te sie den an­de­ren. »Die wei­ße Frau war ge­stern in Be­glei­tung ei­nes Man­nes, heu­te Nacht war ei­ne Frau bei ihr. Sie sind min­des­tens zu dritt. Heu­te kam es zum Kampf, sie hat uns mit Licht at­ta­ckiert, sie kann auch in der Nacht Son­nen­licht er­schaf­fen. Wir konn­ten knapp ent­kom­men. We­nigs­tens sind kei­ne Ro­cker auf­ge­taucht.« Die Ro­cker waren ein wei­te­res Pro­blem. Sie waren schon mehr­fach mit die­sen Leu­ten zu­sam­men-ge­stoßen, die die Stadt für sich be­an­spruch­ten. Je­des Mal floss Blut.

Cia­ra sah fins­ter auf die Nar­be auf ih­rer Brust. Sie stamm­te von ih­rer er­sten Be­geg­nung mit den Ko­bras. Ei­ne Kugel hat­te sie ge­trof­fen. Und sie hat­te sich ge­rächt. Ei­nen Schluck Blut könn­te sie auch jetzt gut ge­brau­chen, da­durch wür­de ih­re Wun­de schnel­ler hei­len und ihr Ge­müt wä­re deut­lich hel­ler.

Und Lu­cia hät­te ei­ne Ab­rei­bung be­kom­men.

»Habt ihr et­was über die Ener­gie­quel­le her­aus-ge­fun­den?«, frag­te Shel­ley.

Na­te schüt­tel­te den Kopf. »Sie be­haup­te­ten, sie hät­ten sie nicht.«

»Aber sie wis­sen von ihr«, wand­te Ma­son ein.

»Ja, das ist si­cher«, knurr­te Cia­ra und rieb sich den schmer­zen­den Arm. »Du hast sie doch auch da­rüber spre­chen hö­ren, Shel­ley.«

Shel­ley nick­te be­sorgt. »Das stimmt. Aber ich dach­te, es wä­re ein­fa­cher, mit ih­nen fer­tig zu wer­den und ih­nen die Quel­le ab­zu­neh­men. Ich ha­be nicht da­mit ge­rech­net, dass sie uns ge­fähr­lich wer­den kön­nen.«

Lu­cia schnaub­te er­neut. »Wie ge­fähr­lich soll es denn noch wer­den? In Cia­ras Ge­gen­wart wird ein­fach alles zur Ka­ta­stro­phe. Es fing doch schon mit der Nacht im Rat­haus an, als sie von to­ten Wach­leu­ten ver­folgt wur­de. Dann eu­re Ge­schich­te im Mu­se­um, als Do­ria fast von ei­nem Höl­len­loch ver­schluckt wur­de und jetzt noch Ma­gi­er, die mit Son­nen­licht um sich wer­fen.« Sie ver­schränk­te die Ar­me vor der Brust. »Mir reichts. Ich will mit der Sa­che nichts mehr zu tun ha­ben!«

»Dann lässt du die Sip­pe im Stich!«, fuhr Shel­ley sie an. Cia­ra wuss­te nicht, was sie sa­gen soll­te. Lu­ci­as Wor­te tra­fen sie, sie spra­chen alles aus, was sie ins­ge­heim ge­dacht hat­te, sich aber nicht ein­ge­ste­hen woll­te. Lu­cia zerr­te es ans Licht und stell­te sie bloß. Cia­ra fühl­te sich, als ver­lö­re sie den Boden un­ter den Fü­ßen und fie­le.

Na­te er­hob sich und ver­schränk­te die Ar­me vor der Brust. »Cia­ra gibt ihr Be­stes, ge­nau wie wir an­de­ren auch«, sag­te er ru­hig. »Dass es nicht leicht wird, wuss­ten wir schon, be­vor wir auf­bra­chen. Und wenn du mich fragst, sind die At­ta­cken auf Cia­ra ein Zeichen da­für, dass sie auf der rich­ti­gen Spur ist.«

Doch Lu­cia sah nicht über­zeugt aus. Nur die Hand ih­res Ge­lieb­ten Ma­son auf ih­rer Schul­ter und sein war­nen­der Blick hiel­ten sie da­von ab, noch mehr Gift zu ver­sprü­hen. Cia­ra biss die Zäh­ne zu­sam­men. Hass durch­flu­te­te sie, weil Lu­cia es ihr noch schwe­rer mach­te. Un­barm­her­zig mit dem Fin­ger auf ih­re Schwach­stel­len zeig­te. Sie fühl­te sich hil­flos und das mach­te sie wü­tend. Shel­ley trat zu ihr. De­mons­tra­tiv, um ihr den Rü­cken zu stär­ken.

»Die Ma­gi­er sind ei­ne Spur«, sag­te Na­te fest. »Sie ha­ben die Ener­gie­quel­le er­wähnt, eben­so ei­nen Zau­ber, mit dem sie die Fal­len in der Stadt auf­spü­ren kön­nen. Bei­des ist wich­tig für uns, da­mit sol­che Din­ge wie im Rat­haus und im Mu­se­um eben nicht mehr ge­sche­hen. Wir müs­sen in der näch­sten Nacht nach ih­nen su­chen. Da­für soll­ten wir uns wie­der in Grup­pen auf­tei­len und von den Or­ten aus­ge­hen, an de­nen wir sie ge­se­hen ha­ben.«

»Da­mit hast du si­cher recht, es ist wo­mög­lich den­noch Zeit für ei­nen Stra­te­gie­wech­sel«, wand­te Be­van ein. Na­te war der Kom­man­dant der Sip­pe und Be­van war ihm un­ter­stellt. Sie hat­ten schon viele Mis­sio­nen zu­sam­men aus­ge­führt und ihr Bru­der Skyth, das Sip­pe­no­be­rhaupt, schätz­te bei­de.

Na­te war Skyths rech­te Hand, des­we­gen hat­te er die Ver­lo­bung be­schlos­sen. Cia­ras Blick husch­te zu Na­te hin­über. Wür­de ihr Ver­lob­ter sie auch noch un­ter­stüt­zen, wenn er von ih­rer heim­li­chen Lieb­schaft wüss­te? Wenn er wüss­te, dass es mehr als blo­ßer Sex war? Ih­re Ein­ge­wei­de ver­kno­te­ten sich, als sie sich die ehr­li­che Ant­wort ein­ge­ste­hen muss­te: Nein, das wür­de er nicht.

Aber sie brauch­te Na­te. Viel mehr als Be­van. Der Er­folg der Mis­sion – ihr Er­folg – hing von ihm ab, nicht von Be­van. Sie muss­te sich auf Na­te kon­zen­trie­ren, so leid es ihr tat.

Sie biss sich auf die Lip­pe und sah zu Shel­ley hin­über, die als Ein­zi­ge da­von wuss­te. Sie nick­te un­merk­lich. Cia­ra kann­te ih­re Mei­nung be­reits.

»Was schlägst du vor?«, frag­te Na­te.

»Wir ha­ben uns bis­her immer auf­ge­teilt«, er­wi­der­te der schwarz­haa­ri­ge Krie­ger. Cia­ras Augen saug­ten sich an sei­nen Lip­pen fest. Er­in­ne­run­gen ka­men zurück, in de­nen die­se Lip­pen auf ih­rer Haut lagen. Ihr Körper rea­gier­te da­rauf. Er ver­lang­te da­nach, die­sen Mund wie­der zu spü­ren. Die Eks­ta­se zu er­le­ben, die er ihr ver­schafft hat­ten.

Je­mand stieß sie an. Sie sah Shel­ley an, die war­nend die Brau­en hob. Jetzt be­merk­te sie Lu­ci­as for­schen­den Blick.

Schnell be­müh­te sie sich um ei­ne un­be­tei­lig­te Mie­ne.

»Ich den­ke, wir soll­ten ge­mein­sam los­zie­hen und sekt­or­wei­se vor­ge­hen. So kön­nen wir Ge­fah­ren schnel­ler aus­schal­ten und den­noch Stre­cke ma­chen«, fuhr Be­van fort.

Na­te wand­te sich an Cia­ra. »Be­vans Vor­schlag ist ein­leuch­tend. Wie denkst du da­rüber?«

Sie dach­te ge­ra­de an alles, aber nicht an Stra­te­gien, um die Ener­gie­quel­le zu fin­den.

»Die­se Vor­ge­hens­wei­se hat sich auf der Jagd be­währt«, rang sie sich ab. »Ich fin­de sie gut. Wir müs­sen uns auf die Ma­gi­er kon­zen­trie­ren. Ich ha­be ei­ne Rech­nung mit der Wei­ßen Frau of­fen. Für die­se Ver­let­zung wer­de ich mich eben­so rä­chen wie für die Schuss­wun­de. Und ihr wisst alle, wie es für den Ro­cker aus­ge­gan­gen ist: Sei­ne Lei­che ver­rot­tet jetzt un­ter der Er­de. So wird es der Ma­gie­rin auch er­ge­hen, wenn ich sie in die Fin­ger be­kom­me.« Ih­re Sicht ver­schwamm und sie stöhn­te auf, als der Schmerz zurück­kehr­te. Ihr Arm brann­te wie Feu­er, da­von konn­te sie auch ih­re Wut nicht mehr ab­len­ken. Im Mo­ment könn­te sie nie­man­dem ge­fähr­lich wer­den.

»Du brauchst Ru­he«, sag­te Na­te und half ihr auf die Bei­ne. »Die Son­ne geht bald auf und du soll­test den Tag nut­zen, um dich zu er­ho­len.« Cia­ra nick­te und hielt sich an ihm fest, als ih­re Knie nach­ga­ben.

»Mo­ment!«, er­klang Lu­ci­as Stim­me.

Cia­ra biss die Zäh­ne zu­sam­men. »Was?«

»Of­fen­bar ist es dir noch nicht auf­ge­fal­len, aber wir sind nicht voll­zäh­lig«, er­wi­der­te Lu­cia ag­gres­siv. Cia­ra zuck­te zu­sam­men. »Ri­de, Echo und Do­ria feh­len«, fuhr Lu­cia fort. »Wie­der ein­mal sind nicht alle zurück­ge­kehrt.«

»Es ist zu spät, um nach ih­nen zu su­chen«, er­wi­der­te Na­te ru­hig. »Ei­ne hal­be Stun­de ha­ben sie noch. Si­cher sind sie be­reits auf dem Rück­weg.«

»Das will ich hof­fen«, sag­te Lu­cia spitz.

»Und wenn nicht, was soll ich dann ma­chen, Lu­cia, hm?«, fuhr Cia­ra sie an. Sie hat­te end­gül­tig ge­nug. »Du machst auch nichts an­de­res, als dich zu be­schwe­ren, ei­nen Lö­sungs­vor­schlag ha­be ich von dir noch nicht ge­hört. Es reicht! Wenn du nach ih­nen su­chen willst, geh! Aber mir war eben so, als woll­test du den Schwanz ein­zie­hen und dich hier ver­ste­cken, wäh­rend wir an­de­ren die Ar­beit ma­chen. Ent­schei­de dich end­lich und halt die Klap­pe!«

Lu­cia öff­ne­te den Mund, doch Ma­son hielt sie auf. »Cia­ra hat recht: Es reicht, Lu­ce«, sag­te er ein­dring­lich. »Sie ist die An­füh­re­rin. Ihr Wort ist Ge­setz.«

»Noch«, zisch­te Lu­cia lei­se, trotz­dem hör­ten sie alle.

»Eins ist si­cher: Das hast du nicht zu ent­schei­den und wie auch immer das hier aus­geht: An dir wird der Kelch vor­über­ge­hen!«, sag­te Cia­ra mit zu­sam­men­ge­biss­enen Zäh­nen, dann ga­ben ih­re Bei­ne end­gül­tig un­ter ihr nach.

Na­te fing sie auf und hob sie auf sei­ne Ar­me. Oh­ne ein wei­te­res Wort trug er sie hin­über zu ih­rem Schlaf­raum.

»Das wird noch pro­ble­ma­tisch«, sag­te er lei­se, doch das wuss­te sie längst selbst.

Und sie hat­te kei­ne Ah­nung, wie sie Lu­cia zum Schwei­gen brin­gen soll­te, oh­ne sie um­zu­brin­gen.

 

Snow und die Magier von Starcity

Snows Fü­ße schmerz­ten vom Lau­fen.

Ihr Kopf fühl­te sich schwer und wat­tig an, in ih­rer Brust war ein eigen­ar­tig hoh­les Ge­fühl. Die Nach­for­schung in der Ka­na­li­sa­tion hat­te sie fast das Le­ben ge­kos­tet. Oh­ne Blan­ches Hil­fe hät­te der pa­ra­si­tä­re Rest der ma­gi­schen Fal­le die Kon­trol­le über ih­ren Körper über­nom­men. Snow woll­te nicht da­rüber nach­den­ken, wie das für sie aus­ge­gan­gen wä­re.

Ih­re Freun­din schwieg seit ei­ni­ger Zeit. Snow sah ihr die Er­schöp­fung an, da­bei hat­te sie nicht halb so viel er­lebt wie sie selbst. Ih­re Hand ver­kram­pfte sich an ih­rem wei­ßen Ma­gi­er­stab. Der Kampf ge­gen die bei­den Schat­ten­we­sen war er­schre­ckend. Bei­nahe so er­schre­ckend wie ih­re eige­ne Re­ak­tion. Sie hat­te ein­fach ge­han­delt, oh­ne nach­zu­den­ken. Sie hat­te die bei­den mit ih­rem Son­nen­licht in die Flucht ge­schla­gen und die Frau ver­letzt. Da­mit hat­te sie ge­gen den Ko­dex ver­stoßen. Ma­gie durf­te kei­nem Le­be­we­sen schaden.

›Was hilft uns der Ko­dex, wenn wir bei sei­ner An­wen­dung ster­ben?‹, hat­te Da­moc­les ein­ge­wandt, als sie vor ein paar Ta­gen da­rüber spra­chen. Die­se Wor­te hall­ten in Snows Kopf nach. Er hat­te recht, doch die­se Er­kennt­nis le­gi­ti­mier­te ihr Han­deln nicht.

Es war Not­wehr. Und es durf­te nicht wie­der vor­kom­men.

»Snow, nicht so schnell«, stöhn­te Blan­che.

»Wir ha­ben kei­ne Zeit«, er­wi­der­te Snow und streck­te die freie Hand nach ihr aus. »Hier könn­ten über­all Fein­de lau­ern.«

»Wie die­se Leu­te vor­hin. Die Schat­ten­we­sen waren noch nicht ge­nug. Jetzt ver­fol­gen uns auch noch Schläch­ter«, jam­mer­te Blan­che und er­griff Snows Hand. Snow wuss­te, wen sie mein­te: Den rie­si­gen Mann und die gro­ße Frau, die sie vor­hin ge­se­hen hat­ten. Er war ste­hen ge­blie­ben und hat­te sie an­ge­se­hen.

Sein Blick traf sie bis ins Mark. Ih­re Ge­dan­ken kreis­ten um ihn und sie muss­te ge­walt­sam an all die Ge­fah­ren den­ken, de­nen sie in die­ser Nacht ent­kom­men war.

Schläch­ter war nicht das Wort, das ihr in den Sinn ge­kom­men war. Krie­ger traf es bes­ser. Wie­der sah sie sein Ge­sicht vor ih­rem geis­ti­gen Au­ge. Die blau­en Augen und das schwar­ze Haar. Snow wisch­te den Ge­dan­ken ener­gisch fort.

Sie muss­te sich da­ran er­in­nern, dass sie mit Alec ver­lobt war. Trotz al­lem, was pas­siert war.

Ihr Körper fühl­te sich we­gen ih­res Zu­sam­men­seins mit ihm selt­sam an. Snow hat­te die Ver­ei­ni­gung kaum mit­be­kom­men, weil der Zau­ber sie ma­ni­pu­lier­te. Sie fühl­te sich nicht gut mit dem, was ge­sche­hen war, ob­wohl es sich nicht mehr än­dern ließ. Sie und auch Alec waren be­nutzt wor­den. Aber wo­zu? Immer wie­der wälz­te sie die­se Fra­ge in ih­rem Kopf hin und her, doch sie fand kei­ne Ant­wort.

Sie hat­te die Frau ge­se­hen, die den Zau­ber er­schaf­fen hat­te. Im Hin­ter­grund der Vi­sion hat­te sie ei­ne gro­ße Biblio­thek er­kannt. Es gab ei­ne Stadt­biblio­thek. Das war ei­ne Spur.

Viel­leicht fan­den sie so end­lich ei­nen Hin­weis auf die Ener­gie­quel­le.

Es war noch lan­ge nicht vor­bei.

Die­se Er­kennt­nis ließ Snow schau­dern.

Sie hat­te die Fal­le in der Ka­na­li­sa­tion un­schäd­lich ge­macht und sich von ihr be­freit. Jetzt muss­te sie auch den Rest der Fal­le aus Alecs Körper ver­ban­nen und fests­tel­len, ob er da­nach wie­der er selbst wur­de. Und dann muss­te sie her­aus­fin­den, ob sie an der Ver­lo­bung fest­hal­ten woll­te. Sie fühl­te sich ihm ver­pflich­tet, weil ihr Vater die Ver­lo­bung be­schlos­sen hat­te, doch sie emp­fand nichts für Alec.

Wie­der tauch­te das Ge­sicht des frem­den Man­nes vor ih­rem geis­ti­gen Au­ge auf.

»Denkst du, die Schläch­ter sind auch Fein­de?«, frag­te Blan­che.

»Ich weiß es nicht«, gab Snow zu. »Sie ha­ben uns nicht an­ge­grif­fen.«

»Die Frau sah so aus, als woll­te sie«, er­in­ner­te Blan­che und blieb ste­hen. Sie hielt Snow an der Hand auf. »Ich kann nicht mehr so schnell lau­fen«, klag­te sie.

»Es ist nicht mehr weit«, er­wi­der­te Snow und zerr­te sie mit sich. »Und mir reicht es für heu­te Nacht.«

»Das glau­be ich«, sag­te Blan­che spitz. »Du hast ja alles er­lebt, was ging.«

Snow ließ sie los. Blan­che mein­te die Ver­ei­ni­gung mit Alec. Es war ihr un­be­greif­lich, dass Blan­che ihr aus­ge­rech­net die­se Sa­che vor­warf. Sie hat­te den Ver­dacht, dass sie des­we­gen eifer­süch­tig war. Als sei Snow ihr bei et­was zu­vor­ge­kom­men, das sie für sich be­an­spruch­te.

»Ich ha­be dir ge­sagt, wie es pas­siert ist. Ich ha­be nicht da­rum ge­be­ten und es mir auch nicht aus­ge­sucht«, er­wi­der­te sie.

»Und trotz­dem ist es pas­siert«, ver­setz­te Blan­che.

»Blan­che, wenn es dich so stört, ist das dei­ne Sa­che. Ich kann es nicht rück­gän­gig ma­chen.«

»Wür­dest du?«, frag­te Blan­che.

»Ja«, er­wi­der­te Snow. »So hat­te ich mir das nicht vor­ge­stellt. Ich will es selbst ent­schei­den. Und da­bei wach und bei kla­rem Ver­stand sein.«

»Und wä­re es Alec?«, frag­te Blan­che an­griff­slus­tig. Sie war al­so doch nicht so er­schöpft, wie sie be­haup­te­te. Snow wuss­te, wo­rauf sie ab­ziel­te.

Auf Da­moc­les. Wie­der ein­mal. Sie war nicht be­reit, da­zu et­was zu sa­gen. Sie hat­ten sich ge­strit­ten, weil Blan­che über sie und Da­moc­les ge­tratscht hat­te. Sie woll­te ihr auf kei­nen Fall wei­te­res Fut­ter ge­ben.

»Da­rüber kann ich jetzt nicht nach­den­ken«, wich sie aus, ahn­te aber, dass sie da­mit nichts bes­ser mach­te. Blan­ches Ge­sichts­aus­druck zeig­te ihr deut­lich, dass sie sich ih­re ei­ge­nen Ge­dan­ken mach­te. Für Blan­che schien die Sa­che klar. Snow är­ger­te sich da­rüber. Sie und Da­moc­les waren be­freun­det. Mehr Be­deu­tung maß sie der Sa­che nicht bei. Oder?

Sie riss ih­re Ge­dan­ken ge­walt­sam da­von los und mar­schier­te weiter.

End­lich er­reich­ten sie das Haus, in dem sich ihr Ap­par­te­ment be­fand. Snow war froh, dass sie das Ge­spräch be­en­den konn­te und end­lich in an­de­re Ge­sell­schaft kam. Blan­che raub­te ihr den letz­ten Nerv.

Sie käm­pfte sich die Trep­pe hin­auf und öff­ne­te die Tür. »Alec?«, rief sie. »Eve­lyn?« Be­wusst rief sie nicht nach Da­moc­les.

Nie­mand ant­wort­ete.

Blan­che kam hin­ter ihr in die Woh­nung und sah sich um. »Wo sind denn alle?«

Als Snow auf­ge­bro­chen war, waren sie und Alec allein in der Woh­nung, die an­de­ren such­ten nach Zu­ta­ten für ei­nen wei­te­ren Zau­ber in der Stadt. Blan­che und die an­de­ren ka­men ihr vor der Woh­nung ent­ge­gen und Blan­che hat­te da­rauf be­stan­den, sie zu be­glei­ten.

Zum Glück.

»Sie su­chen nach uns«, sag­te sie und dreh­te sich um. »Alec hat ih­nen si­cher ge­sagt, was ge­sche­hen ist.«

»Meinst du?«, frag­te Blan­che skep­tisch.

Nein, das glaub­te Snow nicht und es wä­re ihr lie­ber, wenn es nicht an die gro­ße Glo­cke ge­hängt wur­de. Was ge­sche­hen war, ging nur Alec und sie et­was an. Dass Blan­che da­von wuss­te, war schlimm ge­nug.

»Lass uns noch ein­mal los­ge­hen«, sag­te Snow. »Drau­ßen sind sie in Ge­fahr.«

»Ich ge­he kei­nen Me­ter mehr«, wi­der­sprach Blan­che und sank auf das So­fa im Wohn­raum. »Mir reicht es und es ist sinn­los, wenn wir jetzt oh­ne Ziel durch die Stra­ßen lau­fen. Sie wer­den zurück­kom­men, wenn sie uns nicht fin­den.«

»Da­von bin ich nicht über­zeugt«, wi­der­sprach Snow.

»Dann musst du ei­nen Or­tungs­zau­ber wir­ken«, mein­te Blan­che. Sie hat­te es selbst auf dem Weg ver­sucht, doch sie war zu er­schöpft, um Rain zu er­rei­chen. Bei­de hat­ten viel Ener­gie ver­braucht. Blan­che zog ih­re Kraft aus dem Licht der Ster­ne, doch sie ver­blass­ten be­reits mit dem na­hen­den Mor­gen. Snow brauch­te die Son­ne, die den Ho­ri­zont noch nicht über­schrit­ten hat­te, und sie war voll­kom­men aus­ge­brannt.

»Ich kann nicht«, sag­te sie bit­ter.

»Und des­we­gen ist ei­ne Su­che sinn­los«, ver­setz­te Blan­che. »Ihr wer­det euch ver­pas­sen. Es ist aus­ge­schlos­sen, dass ihr den glei­chen Weg ein­schlagt. Sei ver­nünf­tig und ruh dich hier mit mir zu­sam­men aus.«

»Aber wir müs­sen auch noch in die Biblio­thek«, be­harr­te Snow. »Wir dür­fen kei­ne Zeit ver­lie­ren.«

Blan­che stieß an­ge­hal­te­nen Atem aus und ver­dreh­te die Augen. »Seit wann bist du so stur?«

»Seit­dem wir ge­mein­sam für das Schi­cksal Star­ci­tys ver­ant­wort­lich sind«, er­wi­der­te Snow kühl.

Blan­che biss sich auf die Lip­pe. »Das ha­be ich nicht ver­ges­sen, Snow.«

»Dann lass uns ge­hen.«

»Nein.« Blan­che schüt­tel­te den Kopf. »Das ist un­klug. Wir soll­ten auf die an­de­ren war­ten. In die­sem Zu­stand kön­nen wir uns nicht ver­tei­di­gen und wir soll­ten zu­sam­men ge­hen. Das waren jetzt ge­nug Allein­gän­ge.«

Snow ball­te die Hän­de zu Fäus­ten. »Die an­de­ren könn­ten in gro­ßer Ge­fahr sein!«, be­harr­te sie.

»Ge­nau wie wir, wenn wir ge­schwächt drau­ßen her­um­ir­ren«, be­harr­te Blan­che. »Wo willst du hin?«, rief sie er­schro­cken, als Snow zur Tür lief.

»Ich ge­he allein«, er­wi­der­te Snow.

»Das ist doch nicht dein Ernst! Snow, bleib hier! Das ist Wahn­sinn! Snow, bit­te …« Die Tür fiel hin­ter Snow ins Schloss und schnitt Blan­che mit­ten im Satz ab.

Ja, es war un­klug, allein zu ge­hen, aber sie er­trug es nicht, un­tä­tig her­um­zu­sit­zen. Und sie er­trug Blan­ches Nä­he mo­men­tan nicht. Der Riss zwi­schen ih­nen war noch nicht ge­kit­tet. Sie wuss­te nicht, ob es über­haupt mög­lich war, dass sie sich wie­der nä­her­ka­men. Blan­che hat­te nur Vor­wür­fe für sie üb­rig und sie war nicht mehr be­reit, das klag­los hin­zu­neh­men.

Viel­leicht funk­tio­nier­ten sie jetzt, nach zwan­zig Jah­ren als be­ste Freun­din­nen, nicht mehr zu­sam­men.

Viel­leicht hat­ten sie das auch nie, so sehr die­ser Ge­dan­ke auch schmerz­te.

Snow hat­te kei­ne Zeit, um sich jetzt da­rum zu küm­mern.

Sie blieb ste­hen und ver­such­te, sich da­ran zu er­in­nern, wo die Biblio­thek auf dem Stadt­plan ein­ge­zeich­net war. Sie schnaub­te frus­triert. Sie wuss­te es nicht mehr. Aber sie wuss­te, wo der näch­ste Stadt­plan zu fin­den war. Ent­schlos­sen mar­schier­te sie los und hoff­te, dass sie Blan­che ab­ge­schüt­telt hat­te.

»Snow?« Sie fuhr he­rum und er­blick­te Da­moc­les, der ei­ne Stich­stra­ße her­un­ter­kam. Er sah sie ver­blüfft an.

»Wo warst du denn nur? Du und Blan­che wart ver­schwun­den, nie­mand wuss­te, wo­hin. Alec hat alle ver­rückt ge­macht, des­we­gen zo­gen wir noch ein­mal los und such­ten nach euch.«

»Und wo sind die an­de­ren?«, frag­te Snow. Da­moc­les war allein.

Er zuck­te mit den Ach­seln. »Schwer zu sa­gen. Wir ha­ben uns in Grup­pen auf­ge­teilt, doch ich ha­be Kas­sie und Sa­voy aus den Augen ver­lo­ren. Des­we­gen war ich auf dem Weg zurück.« Er be­trach­te­te sie ge­nau­er, be­merk­te Snows Ver­let­zun­gen und ih­re schmut­zi­gen Klei­der. Er­schro­cken mach­te er ei­nen Schritt auf sie zu und leg­te ihr die Hand auf die Schul­ter. »Was ist pas­siert?«

»Es war ei­ne har­te Nacht«, sag­te sie. Sei­ne Hand auf ih­rer Schul­ter fühl­te sich tröst­lich an. »Blan­che und ich wur­den von den Dä­mo­nen an­ge­grif­fen, da­nach ging ich zurück zur Ka­na­li­sa­tion. Ein Teil der Fal­le war noch in mir. Dank Blan­che konn­te ich ihn los­wer­den, aber ich be­fürch­te, dass noch et­was in Alec ist.«

Da­moc­les schwieg, er war­te­te ab, ob sie ihm da­zu mehr sa­gen woll­te. Er wuss­te von dem Kuss zwi­schen Blan­che und Alec, der das Gan­ze erst ins Rol­len ge­bracht hat­te.

»Ich ha­be ei­nen Hin­weis auf die Biblio­thek ge­fun­den«, sag­te Snow statt­des­sen. »Die Fal­le wur­de dort ge­schaf­fen. Ich ha­be die Ma­gie­rin ge­se­hen, die ihn ge­wirkt hat. Ich hof­fe, dass es dort end­lich ei­ne Spur zur Ener­gie­quel­le gibt. Ich bin auf dem Weg dort­hin.«

»Aber nicht allein«, sag­te er nach­drü­cklich. »Ich be­glei­te dich.«

Da­ge­gen hat­te Snow nichts, ob­wohl sie ahn­te, dass es weite­re Schwie­rig­kei­ten nach sich zog, wenn sie zu­sam­men los­gin­gen.

 

•Da­moc­les er­in­ner­te sich, wo sich die Biblio­thek be­fand.

»Es wird Alec nicht ge­fal­len, dass ich dich be­glei­te«, sag­te er, als sie sich auf den Weg mach­ten.

»Es tut mir leid, dass er es dir so schwer macht«, er­wi­der­te sie und be­müh­te sich, mit ihm Schritt zu hal­ten. Ih­re Bei­ne wur­den immer schwe­rer.

Da­moc­les grins­te un­be­küm­mert. »Das muss es nicht. Ich ha­be Spaß da­ran, mich mit ihm zu strei­ten.«

Snow starr­te schwei­gend vor sich auf die Stra­ße. Der Streit zwi­schen den bei­den Män­nern schwel­te schon seit dem er­sten Aus­set­zen des Gro­ßen Kris­talls von Star­ci­ty. Seit Alec sie in Da­moc­les’ Ar­men vor­ge­fun­den hat­te. So hat­te es zu­min­dest für ihn aus­ge­se­hen. Snow und auch Da­moc­les selbst wuss­ten, dass er sie vor dem Hin­fal­len be­wahrt hat­te, nach­dem sie aus­ge­rutscht war. Die­ser Vor­fall war auch der Grund für das schlech­te Ver­hält­nis zu Blan­che.

Es moch­te sein, dass Da­moc­les sich aus Spaß mit Alec stritt, doch sie hat­te den Ein­druck, dass mehr da­hin­ter steck­te. Ihr fehl­te die Kraft, um sich da­rum zu küm­mern.

Sie war voll­kom­men er­schöpft, doch ihr Körper mar­schier­te weiter. Sie konn­te nicht auf­hö­ren. Et­was in ih­rem In­ne­ren trieb sie an, es war aus­ge­schlos­sen, um­zu­dre­hen.

Bis zur Biblio­thek war es weit, sie lag im öst­li­chen Teil der Stadt, das Quar­tier der Ma­gi­er im Sü­den. Sie brauch­ten min­des­tens an­der­thalb Stun­den dort­hin.

Zwi­schen­durch hielt Da­moc­les Snow auf und or­ga­ni­sier­te ihr et­was zum Es­sen und Was­ser. Erst jetzt merk­te Snow, wie hung­rig sie war. Dank­bar biss sie in das Bröt­chen und setz­te ih­ren Weg fort, nach­dem sie die hal­be Fla­sche aus­ge­trun­ken hat­te.

»Geht es dir wirk­lich gut?«, frag­te Da­moc­les. Sie hat­te ihm aus­führ­lich von dem Kampf ge­gen die Dä­mo­nen und den Ge­scheh­nis­sen in der Ka­na­li­sa­tion be­rich­tet. Sie rech­ne­te da­mit, dass er sie ta­del­te, doch er zog die Augen­brau­en hoch und lob­te ih­ren Mut. Das kam über­ra­schend. Und es fühl­te sich gut an.

»Na­tür­lich«, sag­te sie lei­se.

»So na­tür­lich fin­de ich das nicht, nach dem, was du er­lebt hast«, sag­te er. »Ich ver­ste­he, wa­rum Blan­che zurück­ge­blie­ben ist. Ich ver­ste­he aber auch, wa­rum du wie­der los­ge­zo­gen bist.« Er wog sei­nen hell­brau­nen Stab in der Hand. »Mir lie­ße es auch kei­ne Ru­he.«

Snow schenk­te ihm ein Lä­cheln. Es tat gut, ei­nen Un­ter­stüt­zer zu ha­ben, auch wenn sein Blick ihr sag­te, dass er mehr für sie sein woll­te. Das war der wah­re Grund, wa­rum er sich so gern mit Alec an­leg­te. Sie muss­te das aus­blen­den. Es gab ge­nug Pro­ble­me.

End­lich kam die Biblio­thek in Sicht.

»Noch zehn Mi­nu­ten, dann öff­net sie«, sag­te Snow nach ei­nem Blick auf das Schild ne­ben der Tür. »Zum Glück.« Sie war­te­ten vor dem gro­ßen Ge­bäu­de aus grau­em Mar­mor. Snow hielt ihr Ge­sicht in die Mor­gen­son­ne und ge­noss die Strah­len. Sie waren schwach, aber tröst­lich. Und Trost gab es nicht all­zu viel in die­ser Welt.

»Mir ist auf­ge­fal­len, dass das Rat­haus und die Biblio­thek in ei­ner Li­nie lie­gen«, sag­te Da­moc­les. »Wenn du den Stadt­plan be­trach­test, fal­len vier Bau­wer­ke ins Au­ge, die an ähn­li­cher Po­si­tion lie­gen: die Biblio­thek, das Rat­haus, ein Mu­se­um und der Park.«

»Aber im Park waren wir, dort war nichts«, sag­te Snow. »Bis auf den Ein­gang in die Ka­na­li­sa­tion.«

»Stimmt, aber er­in­ne­re dich, dass vor ein paar Näch­ten die­ser Raub im Rat­haus war, bei dem die Men­schen ums Le­ben ka­men«, sag­te er. »Ich ha­be die Dä­mo­nen in Ver­dacht. Du hast ih­re lan­gen Zäh­ne be­merkt, oder?«

»Sie waren nicht zu über­se­hen.« Snow schau­der­te. »Wenn du rich­tig liegst, ha­ben die Dä­mo­nen et­was Wich­ti­ges aus dem Rat­haus ge­holt.«

Da­moc­les nick­te. »Und denk an die­ses feen­haf­te We­sen, das Blan­che ge­se­hen hat.«

»Der Park«, flüs­ter­te Snow. Da­moc­les nick­te aber­mals. Snow schloss die Augen. »Dann ha­ben wir et­was Wich­ti­ges über­se­hen. Wie konn­te das pas­sie­ren?«

»Wir wuss­ten nicht, wo­nach wir su­chen müs­sen«, gab er zu be­den­ken. »Jetzt schon.«

»Nein, jetzt auch nicht. Auch jetzt fol­gen wir nur ei­nem va­gen Hin­weis.« Snow leg­te den Kopf in den Na­cken und schloss die Augen. Sie ver­such­te, den Ort in sich auf­zu­neh­men und ein Ge­fühl für ihn zu be­kom­men.

Lau­er­te hier ei­ne Ge­fahr wie in der Ka­na­li­sa­tion?

Sie spür­te ein selt­sa­mes Krib­beln in der Luft, ei­ne laut­lo­se Dro­hung.

Hier war et­was. Es lau­er­te.

Un­ter die­sem Ein­druck ver­lo­ren die Son­nen­strah­len ih­re Macht. »Spürst du das auch?«, frag­te sie Da­moc­les.

Er nick­te mit ern­ster Mie­ne. »Hier war je­mand am Werk, der sein Hand­werk ver­stand.«

»Könn­te es die glei­che Sig­natur wie in der Ka­na­li­sa­tion sein?«, frag­te Snow.

»Mög­lich, aber ein­ge­denk des­sen, was nach Alecs Auf­ruf­zau­ber ge­schah, soll­ten wir Ma­gie spar­sam ein­set­zen und nur, wenn es not­wen­dig wird«, er­wi­der­te er. »Ich möch­te es dir er­spa­ren, noch ein­mal in ei­ne sol­che Si­tua­tion zu kom­men.«

Er hat­te recht. Ei­ne weite­re At­ta­cke über­stand sie in ih­rem jet­zi­gen Zu­stand nicht. Zö­gernd be­trach­te­te sie das Por­tal aus dunk­lem Holz.

Ih­re Ver­nunft riet ihr, um­zu­dre­hen und die an­de­ren zu ho­len. Ge­mein­sam waren sie stark. Alle neun Orden waren in ih­rer Grup­pe ver­tre­ten.

Ihr In­stinkt je­doch dräng­te sie, kei­ne Zeit zu ver­lie­ren. Die­se Spur war noch warm, sie woll­te nicht ris­kie­ren, ei­nen wei­te­ren Feh­ler zu ma­chen. End­lich ver­sprach ei­ne Ak­tion Er­folg.

Snow fürch­te­te sich da­vor, wie­der zu ver­sa­gen.

»Wir ge­hen hin­ein«, sag­te sie. Da­moc­les folg­te ihr wi­ders­tands­los. Zum Glück. Oh­ne ihn wä­re es ihr schwer­ge­fal­len, den nö­ti­gen Mut auf­zu­brin­gen.

Die Türen wur­den auf­ge­schlos­sen und sie be­tra­ten das Ge­bäu­de und fol­gen den Schil­dern zur Bü­cher­samm­lung.

Sie blieb ste­hen und riss die Augen auf.

Die Biblio­thek war rie­sen­groß. Der Raum er­streck­te sich über meh­re­re Ebe­nen, alle bis un­ter die De­cke mit Re­ga­len vol­ler Bü­cher be­stückt. Ein Atri­um bil­de­te das Zentrum des Rau­mes, hier fand sich ei­ne mar­mor­ne Sta­tue, die ihr so­fort be­kannt vor­kam: Die Ma­gie­rin aus ih­rer Vi­sion.

Snow schluck­te. Sie waren am rich­ti­gen Ort.

Die Ma­gie summ­te und strich krib­belnd über ih­re Haut. Snow wap­pne­te sich und gab Da­moc­les ein Zeichen, vor­sich­tig zu sein. Der Erd­ma­gi­er sah sich wach­sam um.

»Was für ein Raum«, mur­mel­te er und leg­te den Kopf in den Na­cken, um die De­cke zu be­trach­ten. Sie war kunst­voll mit At­tri­bu­ten aus der Wis­sen­schaft ver­ziert, er sah ei­nen Zir­kel, ein Senk­blei, ein for­schend bli­cken­des Au­ge. Ei­ne Py­ra­mi­de und ei­nen Ham­mer.

Stili­sier­tes Licht, so­weit das Au­ge reich­te.

Da­moc­les hob die Augen­braue. Oder war das Licht am En­de die Ener­gie­quel­le?

»Snow«, rief er lei­se und deu­te­te hin­auf. Sie folg­te sei­nem aus­ge­streck­ten Fin­ger mit dem Blick zur De­cke und er­riet sei­nen Ge­dan­ken. Dort, in der Mit­te, war ein glä­ser­nes Au­ge, das den Raum be­wach­te.

»Ich hof­fe nur, dass die Quel­le nicht dort oben ver­steckt ist«, wi­sper­te sie. Gän­se­haut über­zog ih­re Ar­me, als das ma­gi­sche Sum­men zu­nahm.

»Wir soll­ten uns um­se­hen«, sag­te er. »Vor­sich­tig. Hier liegt et­was in der Luft.«

Sie be­gan­nen ih­ren Rund­gang im Erd­ge­schoss und hiel­ten Aus­schau nach Hin­wei­sen auf die Quel­le.

»Es wird kein Buch sein«, mut­maß­te Snow. »Aber mög­li­cher­wei­se ein Ar­te­fakt.«

»Oder ein Kunst­ge­gen­stand.« Da­moc­les deu­te­te auf ei­ne Vi­tri­ne mit ei­nem Hut. Er war ko­nisch und hat­te ei­ne Ver­tie­fung in ei­ner an­de­ren Far­be, die ein­mal Pur­pur ge­we­sen sein moch­te.

»Ob die Ma­gi­er hier auch zu den Neun Zir­keln ge­hör­ten?«, frag­te er und blieb ste­hen.

Snow be­trach­te­te den ver­gilb­ten Stoff. Sie fand kei­nen Hin­weis auf ei­nen Orden, doch an der Vor­der­sei­te war ein dunk­ler Fleck, an dem of­fen­bar et­was fehl­te. Die Ket­te mit dem Sym­bol des Son­nen­or­dens um ih­ren Hals wur­de warm. Das Gold rea­gier­te auf die Ma­gie in der Luft.

Im Erd­ge­schoss wur­de die Ma­gie schwä­cher, als sie in die hin­te­ren Tei­le des Rau­mes vor­dran­gen. Snow und Da­moc­les dreh­ten um und er­klom­men die Trep­pe zum er­sten Stock.

»Es muss hier sein«, mur­mel­te Da­moc­les und rieb sich die Ar­me. »Die Ener­gie er­in­nert mich an den gro­ßen Kris­tall von Star­ci­ty.«

»Nur we­ni­ger freund­lich«, er­wi­der­te Snow. Ih­re Haut brann­te und Er­schöp­fung brei­te­te sich in ih­ren Glie­dern aus. Sie wur­de immer mü­der, nur die Auf­re­gung hielt sie noch auf den Bei­nen. Der Wunsch, sich hin­zu­set­zen und ei­nen Mo­ment aus­zu­ru­hen, wur­de immer grö­ßer.

Da­moc­les strich über ih­ren Arm. »Du siehst nicht gut aus. Soll ich ei­nen Ruf­zau­ber aus­füh­ren, da­mit die an­de­ren uns fin­den?«

Snow schüt­tel­te den Kopf. »Das ist zu ge­fähr­lich. Du könn­test ei­ne weite­re Fal­le aus­lö­sen.« Und sie könn­te sich da­für ohr­fei­gen, dass sie ihn nicht frü­her da­rum ge­be­ten hat­te. Die an­de­ren hät­ten längst hier sein kön­nen.

Jetzt war es zu spät.

»Wir müs­sen weiter­ma­chen«, sag­te sie und stieg die rest­li­chen Stufen hin­auf. »Lass es uns we­nigs­tens ver­su­chen.«

Da­moc­les folg­te ihr und sie sah sich um. Das Sum­men war hier oben stär­ker als im Erd­ge­schoss. Snows Na­cken pri­ckel­te und sie mo­bi­li­sier­te ih­re letz­ten Kräf­te, um zwi­schen den Re­ga­len hin­durch zu lau­fen. Ih­re Fü­ße wur­den immer schnel­ler und das Sum­men in ih­rem Kopf mach­te ei­nem Dröh­nen platz.

Sie um­run­de­te das letz­te Regal in der Rei­he und fand sich vor ei­ner Büs­te wie­der. Das Ge­sicht er­kann­te sie so­fort: die Ma­gie­rin aus Snows Vi­sion.

Die Büs­te stand auf ei­ner Ste­le in ei­ner Ni­sche. Die ma­gi­schen Ju­we­len an den Spit­zen der bei­den Ma­gi­er­stä­be be­gan­nen zu glü­hen und das Holz vi­brier­te. Snow war so er­schro­cken, dass sie ih­ren Stab fal­len­ließ. Ent­setzt be­ob­ach­te­te sie, wie sich das gold­ene Ju­wel von der Spit­ze lös­te und zu der Ste­le roll­te. Das Glü­hen in­ten­si­vier­te sich und das ma­gi­sche Dröh­nen nahm weiter zu.

»Das ist es!«, stieß Da­moc­les aus.

Snow hob mit tauben Fin­gern ih­ren Stab auf und mach­te ei­nen vor­sich­ti­gen Schritt auf die Büs­te zu. Das Ge­sicht der Ma­gie­rin ver­folg­te sie seit der Ka­na­li­sa­tion.

Snows Blick fiel auf die Pla­ket­te auf der Ste­le. Da­rauf stan­den der Na­me und die Lebens­daten der Frau und da­run­ter ein gra­vier­ter Text: ›Ei­ne der vier Grün­der die­ser Stadt. Auf ih­re Ini­tia­ti­ve wur­de die Biblio­thek ge­baut und die enor­me Samm­lung an­ge­legt. Sie war weit­hin für ih­re Klug­heit be­rühmt. Sie fand zu je­dem The­ma, das man ihr an­trug, die rich­ti­ge Ant­wort und war ei­ne ge­schick­te Un­ter­händ­le­rin im Kon­takt zu an­de­ren Städ­ten. Ihr Wis­sen war so groß, zeit ih­res Lebens ging das Ge­rücht um, sie sei ei­ne Ma­gie­rin‹.

Sie tausch­te ei­nen Blick mit Da­moc­les. Er nick­te ernst. »Wie wir ver­mu­tet ha­ben.«

Snow nick­te. Immer wie­der glit­ten ih­re Augen über die Pla­ket­te. »Vier Grün­der«, mur­mel­te sie.

»Vier Ma­gi­er«, er­gänz­te Da­moc­les.

Mit zit­tern­den Hän­den hob Snow das ma­gi­sche Ju­wel auf und leg­te es an die Mar­mor­büs­te. Das Licht des Stei­nes in­ten­si­vier­te sich und der Stein wur­de heiß un­ter ih­rer Hand. Sie keuch­te auf und wich zurück.

»Das ist doch …«, ent­fuhr es Da­moc­les. Er mach­te ei­nen Schritt auf Snow zu und leg­te die Fin­ger­spit­zen auf den Stein. Das Dröh­nen nahm noch weiter zu, Snow fühl­te sich, als zer­bers­te ihr Kopf je­de Se­kun­de.

Da­moc­les zog die Hand zurück, als ha­be er sich ver­brannt. Der graue Mar­mor der Büs­te flim­mer­te, Snow hör­te ein be­un­ru­hi­gen­des Zi­schen. Ih­re Hän­de waren schweiß­nass, als sie das gold­ene Ju­wel wie­der auf ih­rem Stab be­fes­tig­te.

Sie ließ die Büs­te kei­ne Se­kun­de aus den Augen. Das Dröh­nen war ei­ne deut­li­che War­nung. Da­von ließ Da­moc­les sich nicht be­ein­drucken. Mit wil­der Be­geis­te­rung sah er Snow an. »Weißt du, was das ist? Das ist ein Ka­ta­ly­sa­tor!«, rief er auf­ge­regt.

Sie brauch­te ein paar Se­kun­den, um zu ver­ste­hen, was er mein­te. Dies war nicht die Ener­gie­quel­le. Auch kein Teil von ihr. Die Büs­te war nur ein ma­gi­sches Be­helfs­mittel.

»Die Quel­le ist nicht hier«, sag­te sie. Ih­re Zun­ge fühl­te sich di­cker und schwe­rer an als sonst. Da­moc­les schüt­tel­te den Kopf. Sie ver­stand sei­ne Eu­pho­rie nicht.

»Nein, aber mit dem Ka­ta­ly­sa­tor ha­ben wir die Mög­lich­keit, sie zu lei­ten und zu spei­chern«, sag­te er auf­ge­regt.

»Aber wie hilft uns das, wenn wir nicht wis­sen, wo die Ener­gie ist?«, frag­te sie.

»Ich glau­be, ich ver­ste­he end­lich, wel­cher Ge­dan­ke hin­ter den Fal­len in der Stadt steckt. Du hast ge­sagt, dass sie voll da­von ist. Wir müs­sen den Zau­ber er­neut durch­füh­ren und sie kar­to­gra­fie­ren. Dann wer­den wir ein Mus­ter fin­den, in dem sich die Ener­gie­quel­le ver­steckt. Die me­ta­phy­si­schen und ma­gie­che­mi­schen Ele­men­te müs­sen er­füllt sein. Snow, mit die­sem Fund sind wir dem Ziel viel nä­her ge­kom­men.« Er leg­te die Hand an ih­re Wan­ge. »Das ist kein Grund zu ver­zwei­feln. Im Ge­gen­teil.«

Snow nick­te und be­müh­te sich um ein Lä­cheln. Das dum­me Ge­fühl war noch da, ge­nau wie das ma­gi­sche Dröh­nen.

»Wir müs­sen den Ka­ta­ly­sa­tor mit­neh­men«, sag­te Da­moc­les und streck­te er­neut die Hand nach der Büs­te aus. Snow zö­ger­te, tat es ihm dann aber gleich.

Als ih­re Fin­ger­spit­zen den Stein be­rühr­ten, wall­te Ma­gie auf. Sie brach wie ei­ne Wel­le über sie und schleu­der­te sie zurück.

Snow prall­te mit dem Rü­cken ge­gen ein Bü­cher­regal. Der Schmerz press­te alle Luft aus ih­ren Lun­gen. Mit dem Hin­ter­kopf knall­te sie ge­gen ein Holz­regal, Bü­cher fie­len auf sie und tra­fen ih­re Schul­tern und ih­ren Rü­cken.

Dann kam das Licht. Und die Stim­me.

»Ver­schwin­det aus un­se­rer Stadt!«, dröhn­te sie. Snow öff­ne­te die Augen und sah das Ge­sicht der Ma­gie­rin, das sich über die Büs­te er­ho­ben hat­te.

Ein Fluch!

»Ihr wer­det hier kein Glück ha­ben, das Herz der Stadt ist gut ver­steckt und ge­si­chert. Nie­mals wer­det ihr es zu Ge­sicht be­kom­men. Ver­schwin­det jetzt, be­vor wir euch ver­nich­ten. Es ist sinn­los.« Ei­ne weite­re Ener­gie­wo­ge lös­te sich aus der Büs­te. Die­ses Mal war sie an­ders. Sie feg­te über Snow hin­weg und hin­ter­ließ ein Pri­ckeln.

Ihr Brust­korb fühl­te sich an, als rutsch­te et­was Zer­bro­che­nes wie­der zu­sam­men. Mit ei­nem ›Klick‹ ver­schwand die Be­klem­mung, die dort seit ih­rer An­kunft in der Ka­na­li­sa­tion fest­ge­ses­sen hat­te, und mach­te ei­ner Wei­te platz, die ihr das At­men er­schwer­te. Sie hol­te Luft und hat­te das Ge­fühl, dass ih­re Lun­gen platz­ten. Der Schmerz durch den Sturz trat in den Hin­ter­grund und hin­ter­ließ nur die Lee­re der Wei­te.

»Ver­schwin­det«, zisch­te die zor­ni­ge Stim­me noch ein­mal, dann er­schien die schar­lach­ro­te Ru­ne, die sie schon kann­ten. Der letz­te Be­weis, der noch ge­fehlt hat­te. Die Ru­ne brann­te in der Luft, dann ver­schwand sie.

Das Dröh­nen ebb­te et­was ab, doch es war noch da.

Snow ahn­te, dass der Fluch noch exis­tier­te. Die Büs­te wur­de ge­schützt. Sie muss­ten vor­sich­tig sein.

»Spürst du auch den Schutz­wall, der um die Büs­te liegt?«, frag­te Da­moc­les und rap­pel­te sich auf. Da­bei rieb er sich den Hin­ter­kopf, auch ihn hat­te der Zau­ber um­ge­fegt.

»Ja.« Snow kam eben­falls auf die Bei­ne. Der Schutz­zau­ber fühl­te sich an wie ei­ne di­cke Wand aus Ma­gie. Sie be­zwei­fel­te, dass sie ihn über­win­den konn­ten.

»Ich glau­be, wir kön­nen den Fluch mit ei­nem Licht­zau­ber bre­chen«, sag­te Da­moc­les. »Das ist kom­pli­ziert, aber du soll­test es schaf­fen.«

»Ich?« Snows Herz klopf­te hef­tig. »Aber, ich …«

»Ich kann es nicht tun«, un­ter­brach Da­moc­les sie. »Licht­zau­ber sind kei­ne Spe­zi­al­ität von Erd­ma­gi­ern.«

Snow schluck­te. »Was soll ich tun?«, frag­te sie mit be­ben­der Stim­me.

»Es ist ein um­ge­kehr­ter Licht­zau­ber«, sag­te Da­moc­les. »Er er­schafft nicht, son­dern ab­sor­biert. Hast du so et­was schon ein­mal ge­macht?«

Snow nick­te lang­sam. Ja, die­ses The­ma hat­ten sie im Un­ter­richt be­reits be­han­delt, als Aus­blick auf das, was sie in den Ab­schluss­jahr­gän­gen er­war­te­te. Sie hat­te den Zau­ber da­rauf­hin aus In­te­res­se ge­probt. Ein­mal.

Das war meh­re­re Jah­re her und da­mals war ihr Ver­such fehl­ge­schla­gen. Ein um­ge­kehr­ter Licht­zau­ber war hö­he­re Ma­gie, ei­ne Stu­fe, die sie als Stu­den­tin noch nicht er­reicht hat­te. Eigent­lich.

Denn auch der Such­zau­ber, den sie an­ge­wandt hat­te, um die Fal­len sicht­bar zu ma­chen, fiel in die­se Ka­te­go­rie. Die­ser Zau­ber war ihr ge­lun­gen. Beim er­sten Mal.

Sie muss­te es zu­min­dest ver­su­chen.

Snow wand­te sich Da­moc­les zu und nick­te. »Sag mir, wie ich vor­ge­hen soll.«