
4 - Sternenlicht
4: Urban Fantasy Band III
Roman
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© 2022 Kristin Wöllmer-Bergmann
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt
Cover: Bildlizenz über Shutterstock
Umschlag- und Buchgestaltung: Kristin Wöllmer-Bergmann unter Nutzung der App „PicsArt“
9783755795988
Ciara biss die Zähne zusammen, als Nate die Tür zu ihrer Unterkunft aufstieß.
Ihr verletzter Arm brannte wie Feuer, doch sie traute sich nicht, die Wunde anzusehen. Zu groß war die Angst vor dem Anblick der verbrannten Haut, außerdem schäumte sie vor Wut. In ihrem Inneren kochte es und sie musste mehrfach die Tränen wegblinzeln.
Es war alles schiefgelaufen. Eben noch dachte sie, sie hätte eine Spur, einen Hinweis auf die gesuchte Energie-quelle gefunden und im nächsten Moment rannte sie um ihr Leben.
Sie biss sich auf die Lippe und hielt sich an Nate fest. Ihr war schlecht wegen des Schmerzes und Schwindel erfasste sie. Sie brauchte dringend Hilfe. Ihre Freundin Ride musste sich die Wunde ansehen. Und sie musste mit Shelley, ihrer Vertrauten, sprechen.
Sie sah sich um und suchte nach den beiden, doch die Unterkunft war leer, wie sie erschrocken feststellte. »Wo ist Ride?«, fragte sie, obwohl Nate keine Antwort darauf wissen konnte.
»Ich kümmere mich zuerst um deine Wunde, dann sehen wir weiter«, sagte er und drückte sie auf das Sofa. Sie wollte protestieren, doch er schüttelte den Kopf. »Ich muss es jetzt tun. Die Wunde ist magisch und ich muss verhindern, dass sie sich ausbreitet.«
»Ich glaube nicht, dass die Wunde magisch ist«, knurrte sie und beobachtete ihn dabei, wie er an einen der Schränke ging. Der ehemalige Massagesalon, der ihnen als Unterkunft diente, hatte volle Schränke, darunter auch Desinfektionsmittel und Verbandsmaterial. ›Zwangs-schließung‹ hatte an der Tür gestanden, als sie ihn fanden. »Und wenn sie magisch wäre, könntest du mir auch nicht helfen. Nur Ride könnte dabei etwas tun.« Sie stöhnte und schloss die Augen. Das Gesicht ihrer Angreiferin tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Die großen schwarzen Augen und das lange weiße Haar. »Dieses Miststück hat mich mit Sonnenlicht angegriffen.«
Sie wollte gerade selbst angreifen, als die weiß gekleidete Frau ihren langen Stab hob und das Licht erschuf. Das hatte sie eiskalt erwischt. Als es auf sie zuraste, war Ciara sicher, dass es mit ihr aus war, doch sie hatte Glück. Diese Brandverletzung war nichts im Vergleich zu dem, was hätte passieren können.
Nate kam zu ihr herüber. »Ich weiß«, gab er zu. »Doch es ist Nacht und sie hat das Licht erschaffen. Also muss es Magie sein.«
»Das streite ich nicht ab.« Ciara holte tief Luft und sah auf ihren Arm. Sie stöhnte und schloss die Augen, als sie den blutverkrusteten Stoff sah. Der Geruch verbrannten Fleisches lag schwer in der Luft. Auch Nate roch ihr Blut, das sah sie an seinen silbernen Augen. Ein Aphrodisiakum für ihn, doch ihr stand der Sinn nicht danach, den nächsten logischen Schritt zu tun. Dafür war der Schmerz zu groß.
»Ich muss den Stoff deines Ärmels entfernen«, sagte Nate angespannt. »Das wird schmerzhaft.«
Ciara biss sich auf die Lippe und nickte. Er trennte den Ärmel an der Naht ab, sah ihr tief in die Augen und riss ihn mit einem Ruck herunter. Ciara schrie auf und warf sich beiseite. Blut spritzte auf den Boden und der Geruch wurde noch intensiver, als die Wunde sich wieder öffnete.
»Schon vorbei«, sagte Nate und packte sie an den Schultern. Er atmete heftig und seine Reißzähne waren deutlich sichtbar. Sie warf einen Blick hinunter und spürte, wie ihr Magen sich umdrehte. Die Wunde war widerlich. Sie musste die Augen schließen, als Nate sie desinfizierte und vorsichtig einen Verband anlegte.
Sanft strich er mit seinen Fingerspitzen über ihre Wange und wischte eine zornige Träne weg. Ciara blinzelte. Er zog sie an sich und küsste sie. Seine Wärme war tröstend und der Schmerz ebbte etwas ab. Sie schloss die Augen und schmiegte sich an ihn. Vielleicht stand ihr doch der Sinn nach Nähe, und sei es nur, um sich etwas weniger schlecht zu fühlen.
Nates Lippen wanderten hinunter zu ihrer Kehle, als die Haustür aufging. Sie sahen auf und erblickten Shelley, Lucia, Mason und Bevan. Ciaras heimlicher Geliebter erfasste die Situation sofort. Ihre Blicke trafen sich und Ciara fühlte sich schlecht. Schuldig, obwohl Nate ihr offizieller Verlobter war.
Seit ihrer Ankunft hier hatten sie und Bevan nicht mehr miteinander sprechen können – nicht so, wie Ciara es dringend tun wollte. Mittlerweile wusste sie nicht mehr, wo sie standen. Und jetzt das.
»Was ist passiert?«, fragte Shelley und deutete auf Ciaras Arm. Lucia schnaubte.
»Schon wieder Ärger, Ciara?«, fragte sie gedehnt.
Ciara schwoll der Kamm. Seitdem sie hier waren, ließ Lucia keine Gelegenheit aus, um sie zu provozieren. Ursprünglich dachte sie, sie hätte eine loyale Freundin um ihre Begleitung gebeten. Sie wurde schnell eines Besseren belehrt.
Nates Augen waren wieder braun und er warf ihr einen warnenden Blick zu. Sie durfte sich nicht provozieren lassen. Lucia durfte keine Macht über sie bekommen.
»Es waren die Magier. Wir haben sie bereits in der letzten Nacht gesehen«, erklärte sie den anderen. »Die weiße Frau war gestern in Begleitung eines Mannes, heute Nacht war eine Frau bei ihr. Sie sind mindestens zu dritt. Heute kam es zum Kampf, sie hat uns mit Licht attackiert, sie kann auch in der Nacht Sonnenlicht erschaffen. Wir konnten knapp entkommen. Wenigstens sind keine Rocker aufgetaucht.« Die Rocker waren ein weiteres Problem. Sie waren schon mehrfach mit diesen Leuten zusammen-gestoßen, die die Stadt für sich beanspruchten. Jedes Mal floss Blut.
Ciara sah finster auf die Narbe auf ihrer Brust. Sie stammte von ihrer ersten Begegnung mit den Kobras. Eine Kugel hatte sie getroffen. Und sie hatte sich gerächt. Einen Schluck Blut könnte sie auch jetzt gut gebrauchen, dadurch würde ihre Wunde schneller heilen und ihr Gemüt wäre deutlich heller.
Und Lucia hätte eine Abreibung bekommen.
»Habt ihr etwas über die Energiequelle heraus-gefunden?«, fragte Shelley.
Nate schüttelte den Kopf. »Sie behaupteten, sie hätten sie nicht.«
»Aber sie wissen von ihr«, wandte Mason ein.
»Ja, das ist sicher«, knurrte Ciara und rieb sich den schmerzenden Arm. »Du hast sie doch auch darüber sprechen hören, Shelley.«
Shelley nickte besorgt. »Das stimmt. Aber ich dachte, es wäre einfacher, mit ihnen fertig zu werden und ihnen die Quelle abzunehmen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie uns gefährlich werden können.«
Lucia schnaubte erneut. »Wie gefährlich soll es denn noch werden? In Ciaras Gegenwart wird einfach alles zur Katastrophe. Es fing doch schon mit der Nacht im Rathaus an, als sie von toten Wachleuten verfolgt wurde. Dann eure Geschichte im Museum, als Doria fast von einem Höllenloch verschluckt wurde und jetzt noch Magier, die mit Sonnenlicht um sich werfen.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Mir reichts. Ich will mit der Sache nichts mehr zu tun haben!«
»Dann lässt du die Sippe im Stich!«, fuhr Shelley sie an. Ciara wusste nicht, was sie sagen sollte. Lucias Worte trafen sie, sie sprachen alles aus, was sie insgeheim gedacht hatte, sich aber nicht eingestehen wollte. Lucia zerrte es ans Licht und stellte sie bloß. Ciara fühlte sich, als verlöre sie den Boden unter den Füßen und fiele.
Nate erhob sich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ciara gibt ihr Bestes, genau wie wir anderen auch«, sagte er ruhig. »Dass es nicht leicht wird, wussten wir schon, bevor wir aufbrachen. Und wenn du mich fragst, sind die Attacken auf Ciara ein Zeichen dafür, dass sie auf der richtigen Spur ist.«
Doch Lucia sah nicht überzeugt aus. Nur die Hand ihres Geliebten Mason auf ihrer Schulter und sein warnender Blick hielten sie davon ab, noch mehr Gift zu versprühen. Ciara biss die Zähne zusammen. Hass durchflutete sie, weil Lucia es ihr noch schwerer machte. Unbarmherzig mit dem Finger auf ihre Schwachstellen zeigte. Sie fühlte sich hilflos und das machte sie wütend. Shelley trat zu ihr. Demonstrativ, um ihr den Rücken zu stärken.
»Die Magier sind eine Spur«, sagte Nate fest. »Sie haben die Energiequelle erwähnt, ebenso einen Zauber, mit dem sie die Fallen in der Stadt aufspüren können. Beides ist wichtig für uns, damit solche Dinge wie im Rathaus und im Museum eben nicht mehr geschehen. Wir müssen in der nächsten Nacht nach ihnen suchen. Dafür sollten wir uns wieder in Gruppen aufteilen und von den Orten ausgehen, an denen wir sie gesehen haben.«
»Damit hast du sicher recht, es ist womöglich dennoch Zeit für einen Strategiewechsel«, wandte Bevan ein. Nate war der Kommandant der Sippe und Bevan war ihm unterstellt. Sie hatten schon viele Missionen zusammen ausgeführt und ihr Bruder Skyth, das Sippenoberhaupt, schätzte beide.
Nate war Skyths rechte Hand, deswegen hatte er die Verlobung beschlossen. Ciaras Blick huschte zu Nate hinüber. Würde ihr Verlobter sie auch noch unterstützen, wenn er von ihrer heimlichen Liebschaft wüsste? Wenn er wüsste, dass es mehr als bloßer Sex war? Ihre Eingeweide verknoteten sich, als sie sich die ehrliche Antwort eingestehen musste: Nein, das würde er nicht.
Aber sie brauchte Nate. Viel mehr als Bevan. Der Erfolg der Mission – ihr Erfolg – hing von ihm ab, nicht von Bevan. Sie musste sich auf Nate konzentrieren, so leid es ihr tat.
Sie biss sich auf die Lippe und sah zu Shelley hinüber, die als Einzige davon wusste. Sie nickte unmerklich. Ciara kannte ihre Meinung bereits.
»Was schlägst du vor?«, fragte Nate.
»Wir haben uns bisher immer aufgeteilt«, erwiderte der schwarzhaarige Krieger. Ciaras Augen saugten sich an seinen Lippen fest. Erinnerungen kamen zurück, in denen diese Lippen auf ihrer Haut lagen. Ihr Körper reagierte darauf. Er verlangte danach, diesen Mund wieder zu spüren. Die Ekstase zu erleben, die er ihr verschafft hatten.
Jemand stieß sie an. Sie sah Shelley an, die warnend die Brauen hob. Jetzt bemerkte sie Lucias forschenden Blick.
Schnell bemühte sie sich um eine unbeteiligte Miene.
»Ich denke, wir sollten gemeinsam losziehen und sektorweise vorgehen. So können wir Gefahren schneller ausschalten und dennoch Strecke machen«, fuhr Bevan fort.
Nate wandte sich an Ciara. »Bevans Vorschlag ist einleuchtend. Wie denkst du darüber?«
Sie dachte gerade an alles, aber nicht an Strategien, um die Energiequelle zu finden.
»Diese Vorgehensweise hat sich auf der Jagd bewährt«, rang sie sich ab. »Ich finde sie gut. Wir müssen uns auf die Magier konzentrieren. Ich habe eine Rechnung mit der Weißen Frau offen. Für diese Verletzung werde ich mich ebenso rächen wie für die Schusswunde. Und ihr wisst alle, wie es für den Rocker ausgegangen ist: Seine Leiche verrottet jetzt unter der Erde. So wird es der Magierin auch ergehen, wenn ich sie in die Finger bekomme.« Ihre Sicht verschwamm und sie stöhnte auf, als der Schmerz zurückkehrte. Ihr Arm brannte wie Feuer, davon konnte sie auch ihre Wut nicht mehr ablenken. Im Moment könnte sie niemandem gefährlich werden.
»Du brauchst Ruhe«, sagte Nate und half ihr auf die Beine. »Die Sonne geht bald auf und du solltest den Tag nutzen, um dich zu erholen.« Ciara nickte und hielt sich an ihm fest, als ihre Knie nachgaben.
»Moment!«, erklang Lucias Stimme.
Ciara biss die Zähne zusammen. »Was?«
»Offenbar ist es dir noch nicht aufgefallen, aber wir sind nicht vollzählig«, erwiderte Lucia aggressiv. Ciara zuckte zusammen. »Ride, Echo und Doria fehlen«, fuhr Lucia fort. »Wieder einmal sind nicht alle zurückgekehrt.«
»Es ist zu spät, um nach ihnen zu suchen«, erwiderte Nate ruhig. »Eine halbe Stunde haben sie noch. Sicher sind sie bereits auf dem Rückweg.«
»Das will ich hoffen«, sagte Lucia spitz.
»Und wenn nicht, was soll ich dann machen, Lucia, hm?«, fuhr Ciara sie an. Sie hatte endgültig genug. »Du machst auch nichts anderes, als dich zu beschweren, einen Lösungsvorschlag habe ich von dir noch nicht gehört. Es reicht! Wenn du nach ihnen suchen willst, geh! Aber mir war eben so, als wolltest du den Schwanz einziehen und dich hier verstecken, während wir anderen die Arbeit machen. Entscheide dich endlich und halt die Klappe!«
Lucia öffnete den Mund, doch Mason hielt sie auf. »Ciara hat recht: Es reicht, Luce«, sagte er eindringlich. »Sie ist die Anführerin. Ihr Wort ist Gesetz.«
»Noch«, zischte Lucia leise, trotzdem hörten sie alle.
»Eins ist sicher: Das hast du nicht zu entscheiden und wie auch immer das hier ausgeht: An dir wird der Kelch vorübergehen!«, sagte Ciara mit zusammengebissenen Zähnen, dann gaben ihre Beine endgültig unter ihr nach.
Nate fing sie auf und hob sie auf seine Arme. Ohne ein weiteres Wort trug er sie hinüber zu ihrem Schlafraum.
»Das wird noch problematisch«, sagte er leise, doch das wusste sie längst selbst.
Und sie hatte keine Ahnung, wie sie Lucia zum Schweigen bringen sollte, ohne sie umzubringen.
Snows Füße schmerzten vom Laufen.
Ihr Kopf fühlte sich schwer und wattig an, in ihrer Brust war ein eigenartig hohles Gefühl. Die Nachforschung in der Kanalisation hatte sie fast das Leben gekostet. Ohne Blanches Hilfe hätte der parasitäre Rest der magischen Falle die Kontrolle über ihren Körper übernommen. Snow wollte nicht darüber nachdenken, wie das für sie ausgegangen wäre.
Ihre Freundin schwieg seit einiger Zeit. Snow sah ihr die Erschöpfung an, dabei hatte sie nicht halb so viel erlebt wie sie selbst. Ihre Hand verkrampfte sich an ihrem weißen Magierstab. Der Kampf gegen die beiden Schattenwesen war erschreckend. Beinahe so erschreckend wie ihre eigene Reaktion. Sie hatte einfach gehandelt, ohne nachzudenken. Sie hatte die beiden mit ihrem Sonnenlicht in die Flucht geschlagen und die Frau verletzt. Damit hatte sie gegen den Kodex verstoßen. Magie durfte keinem Lebewesen schaden.
›Was hilft uns der Kodex, wenn wir bei seiner Anwendung sterben?‹, hatte Damocles eingewandt, als sie vor ein paar Tagen darüber sprachen. Diese Worte hallten in Snows Kopf nach. Er hatte recht, doch diese Erkenntnis legitimierte ihr Handeln nicht.
Es war Notwehr. Und es durfte nicht wieder vorkommen.
»Snow, nicht so schnell«, stöhnte Blanche.
»Wir haben keine Zeit«, erwiderte Snow und streckte die freie Hand nach ihr aus. »Hier könnten überall Feinde lauern.«
»Wie diese Leute vorhin. Die Schattenwesen waren noch nicht genug. Jetzt verfolgen uns auch noch Schlächter«, jammerte Blanche und ergriff Snows Hand. Snow wusste, wen sie meinte: Den riesigen Mann und die große Frau, die sie vorhin gesehen hatten. Er war stehen geblieben und hatte sie angesehen.
Sein Blick traf sie bis ins Mark. Ihre Gedanken kreisten um ihn und sie musste gewaltsam an all die Gefahren denken, denen sie in dieser Nacht entkommen war.
Schlächter war nicht das Wort, das ihr in den Sinn gekommen war. Krieger traf es besser. Wieder sah sie sein Gesicht vor ihrem geistigen Auge. Die blauen Augen und das schwarze Haar. Snow wischte den Gedanken energisch fort.
Sie musste sich daran erinnern, dass sie mit Alec verlobt war. Trotz allem, was passiert war.
Ihr Körper fühlte sich wegen ihres Zusammenseins mit ihm seltsam an. Snow hatte die Vereinigung kaum mitbekommen, weil der Zauber sie manipulierte. Sie fühlte sich nicht gut mit dem, was geschehen war, obwohl es sich nicht mehr ändern ließ. Sie und auch Alec waren benutzt worden. Aber wozu? Immer wieder wälzte sie diese Frage in ihrem Kopf hin und her, doch sie fand keine Antwort.
Sie hatte die Frau gesehen, die den Zauber erschaffen hatte. Im Hintergrund der Vision hatte sie eine große Bibliothek erkannt. Es gab eine Stadtbibliothek. Das war eine Spur.
Vielleicht fanden sie so endlich einen Hinweis auf die Energiequelle.
Es war noch lange nicht vorbei.
Diese Erkenntnis ließ Snow schaudern.
Sie hatte die Falle in der Kanalisation unschädlich gemacht und sich von ihr befreit. Jetzt musste sie auch den Rest der Falle aus Alecs Körper verbannen und feststellen, ob er danach wieder er selbst wurde. Und dann musste sie herausfinden, ob sie an der Verlobung festhalten wollte. Sie fühlte sich ihm verpflichtet, weil ihr Vater die Verlobung beschlossen hatte, doch sie empfand nichts für Alec.
Wieder tauchte das Gesicht des fremden Mannes vor ihrem geistigen Auge auf.
»Denkst du, die Schlächter sind auch Feinde?«, fragte Blanche.
»Ich weiß es nicht«, gab Snow zu. »Sie haben uns nicht angegriffen.«
»Die Frau sah so aus, als wollte sie«, erinnerte Blanche und blieb stehen. Sie hielt Snow an der Hand auf. »Ich kann nicht mehr so schnell laufen«, klagte sie.
»Es ist nicht mehr weit«, erwiderte Snow und zerrte sie mit sich. »Und mir reicht es für heute Nacht.«
»Das glaube ich«, sagte Blanche spitz. »Du hast ja alles erlebt, was ging.«
Snow ließ sie los. Blanche meinte die Vereinigung mit Alec. Es war ihr unbegreiflich, dass Blanche ihr ausgerechnet diese Sache vorwarf. Sie hatte den Verdacht, dass sie deswegen eifersüchtig war. Als sei Snow ihr bei etwas zuvorgekommen, das sie für sich beanspruchte.
»Ich habe dir gesagt, wie es passiert ist. Ich habe nicht darum gebeten und es mir auch nicht ausgesucht«, erwiderte sie.
»Und trotzdem ist es passiert«, versetzte Blanche.
»Blanche, wenn es dich so stört, ist das deine Sache. Ich kann es nicht rückgängig machen.«
»Würdest du?«, fragte Blanche.
»Ja«, erwiderte Snow. »So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich will es selbst entscheiden. Und dabei wach und bei klarem Verstand sein.«
»Und wäre es Alec?«, fragte Blanche angriffslustig. Sie war also doch nicht so erschöpft, wie sie behauptete. Snow wusste, worauf sie abzielte.
Auf Damocles. Wieder einmal. Sie war nicht bereit, dazu etwas zu sagen. Sie hatten sich gestritten, weil Blanche über sie und Damocles getratscht hatte. Sie wollte ihr auf keinen Fall weiteres Futter geben.
»Darüber kann ich jetzt nicht nachdenken«, wich sie aus, ahnte aber, dass sie damit nichts besser machte. Blanches Gesichtsausdruck zeigte ihr deutlich, dass sie sich ihre eigenen Gedanken machte. Für Blanche schien die Sache klar. Snow ärgerte sich darüber. Sie und Damocles waren befreundet. Mehr Bedeutung maß sie der Sache nicht bei. Oder?
Sie riss ihre Gedanken gewaltsam davon los und marschierte weiter.
Endlich erreichten sie das Haus, in dem sich ihr Appartement befand. Snow war froh, dass sie das Gespräch beenden konnte und endlich in andere Gesellschaft kam. Blanche raubte ihr den letzten Nerv.
Sie kämpfte sich die Treppe hinauf und öffnete die Tür. »Alec?«, rief sie. »Evelyn?« Bewusst rief sie nicht nach Damocles.
Niemand antwortete.
Blanche kam hinter ihr in die Wohnung und sah sich um. »Wo sind denn alle?«
Als Snow aufgebrochen war, waren sie und Alec allein in der Wohnung, die anderen suchten nach Zutaten für einen weiteren Zauber in der Stadt. Blanche und die anderen kamen ihr vor der Wohnung entgegen und Blanche hatte darauf bestanden, sie zu begleiten.
Zum Glück.
»Sie suchen nach uns«, sagte sie und drehte sich um. »Alec hat ihnen sicher gesagt, was geschehen ist.«
»Meinst du?«, fragte Blanche skeptisch.
Nein, das glaubte Snow nicht und es wäre ihr lieber, wenn es nicht an die große Glocke gehängt wurde. Was geschehen war, ging nur Alec und sie etwas an. Dass Blanche davon wusste, war schlimm genug.
»Lass uns noch einmal losgehen«, sagte Snow. »Draußen sind sie in Gefahr.«
»Ich gehe keinen Meter mehr«, widersprach Blanche und sank auf das Sofa im Wohnraum. »Mir reicht es und es ist sinnlos, wenn wir jetzt ohne Ziel durch die Straßen laufen. Sie werden zurückkommen, wenn sie uns nicht finden.«
»Davon bin ich nicht überzeugt«, widersprach Snow.
»Dann musst du einen Ortungszauber wirken«, meinte Blanche. Sie hatte es selbst auf dem Weg versucht, doch sie war zu erschöpft, um Rain zu erreichen. Beide hatten viel Energie verbraucht. Blanche zog ihre Kraft aus dem Licht der Sterne, doch sie verblassten bereits mit dem nahenden Morgen. Snow brauchte die Sonne, die den Horizont noch nicht überschritten hatte, und sie war vollkommen ausgebrannt.
»Ich kann nicht«, sagte sie bitter.
»Und deswegen ist eine Suche sinnlos«, versetzte Blanche. »Ihr werdet euch verpassen. Es ist ausgeschlossen, dass ihr den gleichen Weg einschlagt. Sei vernünftig und ruh dich hier mit mir zusammen aus.«
»Aber wir müssen auch noch in die Bibliothek«, beharrte Snow. »Wir dürfen keine Zeit verlieren.«
Blanche stieß angehaltenen Atem aus und verdrehte die Augen. »Seit wann bist du so stur?«
»Seitdem wir gemeinsam für das Schicksal Starcitys verantwortlich sind«, erwiderte Snow kühl.
Blanche biss sich auf die Lippe. »Das habe ich nicht vergessen, Snow.«
»Dann lass uns gehen.«
»Nein.« Blanche schüttelte den Kopf. »Das ist unklug. Wir sollten auf die anderen warten. In diesem Zustand können wir uns nicht verteidigen und wir sollten zusammen gehen. Das waren jetzt genug Alleingänge.«
Snow ballte die Hände zu Fäusten. »Die anderen könnten in großer Gefahr sein!«, beharrte sie.
»Genau wie wir, wenn wir geschwächt draußen herumirren«, beharrte Blanche. »Wo willst du hin?«, rief sie erschrocken, als Snow zur Tür lief.
»Ich gehe allein«, erwiderte Snow.
»Das ist doch nicht dein Ernst! Snow, bleib hier! Das ist Wahnsinn! Snow, bitte …« Die Tür fiel hinter Snow ins Schloss und schnitt Blanche mitten im Satz ab.
Ja, es war unklug, allein zu gehen, aber sie ertrug es nicht, untätig herumzusitzen. Und sie ertrug Blanches Nähe momentan nicht. Der Riss zwischen ihnen war noch nicht gekittet. Sie wusste nicht, ob es überhaupt möglich war, dass sie sich wieder näherkamen. Blanche hatte nur Vorwürfe für sie übrig und sie war nicht mehr bereit, das klaglos hinzunehmen.
Vielleicht funktionierten sie jetzt, nach zwanzig Jahren als beste Freundinnen, nicht mehr zusammen.
Vielleicht hatten sie das auch nie, so sehr dieser Gedanke auch schmerzte.
Snow hatte keine Zeit, um sich jetzt darum zu kümmern.
Sie blieb stehen und versuchte, sich daran zu erinnern, wo die Bibliothek auf dem Stadtplan eingezeichnet war. Sie schnaubte frustriert. Sie wusste es nicht mehr. Aber sie wusste, wo der nächste Stadtplan zu finden war. Entschlossen marschierte sie los und hoffte, dass sie Blanche abgeschüttelt hatte.
»Snow?« Sie fuhr herum und erblickte Damocles, der eine Stichstraße herunterkam. Er sah sie verblüfft an.
»Wo warst du denn nur? Du und Blanche wart verschwunden, niemand wusste, wohin. Alec hat alle verrückt gemacht, deswegen zogen wir noch einmal los und suchten nach euch.«
»Und wo sind die anderen?«, fragte Snow. Damocles war allein.
Er zuckte mit den Achseln. »Schwer zu sagen. Wir haben uns in Gruppen aufgeteilt, doch ich habe Kassie und Savoy aus den Augen verloren. Deswegen war ich auf dem Weg zurück.« Er betrachtete sie genauer, bemerkte Snows Verletzungen und ihre schmutzigen Kleider. Erschrocken machte er einen Schritt auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Was ist passiert?«
»Es war eine harte Nacht«, sagte sie. Seine Hand auf ihrer Schulter fühlte sich tröstlich an. »Blanche und ich wurden von den Dämonen angegriffen, danach ging ich zurück zur Kanalisation. Ein Teil der Falle war noch in mir. Dank Blanche konnte ich ihn loswerden, aber ich befürchte, dass noch etwas in Alec ist.«
Damocles schwieg, er wartete ab, ob sie ihm dazu mehr sagen wollte. Er wusste von dem Kuss zwischen Blanche und Alec, der das Ganze erst ins Rollen gebracht hatte.
»Ich habe einen Hinweis auf die Bibliothek gefunden«, sagte Snow stattdessen. »Die Falle wurde dort geschaffen. Ich habe die Magierin gesehen, die ihn gewirkt hat. Ich hoffe, dass es dort endlich eine Spur zur Energiequelle gibt. Ich bin auf dem Weg dorthin.«
»Aber nicht allein«, sagte er nachdrücklich. »Ich begleite dich.«
Dagegen hatte Snow nichts, obwohl sie ahnte, dass es weitere Schwierigkeiten nach sich zog, wenn sie zusammen losgingen.
•Damocles erinnerte sich, wo sich die Bibliothek befand.
»Es wird Alec nicht gefallen, dass ich dich begleite«, sagte er, als sie sich auf den Weg machten.
»Es tut mir leid, dass er es dir so schwer macht«, erwiderte sie und bemühte sich, mit ihm Schritt zu halten. Ihre Beine wurden immer schwerer.
Damocles grinste unbekümmert. »Das muss es nicht. Ich habe Spaß daran, mich mit ihm zu streiten.«
Snow starrte schweigend vor sich auf die Straße. Der Streit zwischen den beiden Männern schwelte schon seit dem ersten Aussetzen des Großen Kristalls von Starcity. Seit Alec sie in Damocles’ Armen vorgefunden hatte. So hatte es zumindest für ihn ausgesehen. Snow und auch Damocles selbst wussten, dass er sie vor dem Hinfallen bewahrt hatte, nachdem sie ausgerutscht war. Dieser Vorfall war auch der Grund für das schlechte Verhältnis zu Blanche.
Es mochte sein, dass Damocles sich aus Spaß mit Alec stritt, doch sie hatte den Eindruck, dass mehr dahinter steckte. Ihr fehlte die Kraft, um sich darum zu kümmern.
Sie war vollkommen erschöpft, doch ihr Körper marschierte weiter. Sie konnte nicht aufhören. Etwas in ihrem Inneren trieb sie an, es war ausgeschlossen, umzudrehen.
Bis zur Bibliothek war es weit, sie lag im östlichen Teil der Stadt, das Quartier der Magier im Süden. Sie brauchten mindestens anderthalb Stunden dorthin.
Zwischendurch hielt Damocles Snow auf und organisierte ihr etwas zum Essen und Wasser. Erst jetzt merkte Snow, wie hungrig sie war. Dankbar biss sie in das Brötchen und setzte ihren Weg fort, nachdem sie die halbe Flasche ausgetrunken hatte.
»Geht es dir wirklich gut?«, fragte Damocles. Sie hatte ihm ausführlich von dem Kampf gegen die Dämonen und den Geschehnissen in der Kanalisation berichtet. Sie rechnete damit, dass er sie tadelte, doch er zog die Augenbrauen hoch und lobte ihren Mut. Das kam überraschend. Und es fühlte sich gut an.
»Natürlich«, sagte sie leise.
»So natürlich finde ich das nicht, nach dem, was du erlebt hast«, sagte er. »Ich verstehe, warum Blanche zurückgeblieben ist. Ich verstehe aber auch, warum du wieder losgezogen bist.« Er wog seinen hellbraunen Stab in der Hand. »Mir ließe es auch keine Ruhe.«
Snow schenkte ihm ein Lächeln. Es tat gut, einen Unterstützer zu haben, auch wenn sein Blick ihr sagte, dass er mehr für sie sein wollte. Das war der wahre Grund, warum er sich so gern mit Alec anlegte. Sie musste das ausblenden. Es gab genug Probleme.
Endlich kam die Bibliothek in Sicht.
»Noch zehn Minuten, dann öffnet sie«, sagte Snow nach einem Blick auf das Schild neben der Tür. »Zum Glück.« Sie warteten vor dem großen Gebäude aus grauem Marmor. Snow hielt ihr Gesicht in die Morgensonne und genoss die Strahlen. Sie waren schwach, aber tröstlich. Und Trost gab es nicht allzu viel in dieser Welt.
»Mir ist aufgefallen, dass das Rathaus und die Bibliothek in einer Linie liegen«, sagte Damocles. »Wenn du den Stadtplan betrachtest, fallen vier Bauwerke ins Auge, die an ähnlicher Position liegen: die Bibliothek, das Rathaus, ein Museum und der Park.«
»Aber im Park waren wir, dort war nichts«, sagte Snow. »Bis auf den Eingang in die Kanalisation.«
»Stimmt, aber erinnere dich, dass vor ein paar Nächten dieser Raub im Rathaus war, bei dem die Menschen ums Leben kamen«, sagte er. »Ich habe die Dämonen in Verdacht. Du hast ihre langen Zähne bemerkt, oder?«
»Sie waren nicht zu übersehen.« Snow schauderte. »Wenn du richtig liegst, haben die Dämonen etwas Wichtiges aus dem Rathaus geholt.«
Damocles nickte. »Und denk an dieses feenhafte Wesen, das Blanche gesehen hat.«
»Der Park«, flüsterte Snow. Damocles nickte abermals. Snow schloss die Augen. »Dann haben wir etwas Wichtiges übersehen. Wie konnte das passieren?«
»Wir wussten nicht, wonach wir suchen müssen«, gab er zu bedenken. »Jetzt schon.«
»Nein, jetzt auch nicht. Auch jetzt folgen wir nur einem vagen Hinweis.« Snow legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Sie versuchte, den Ort in sich aufzunehmen und ein Gefühl für ihn zu bekommen.
Lauerte hier eine Gefahr wie in der Kanalisation?
Sie spürte ein seltsames Kribbeln in der Luft, eine lautlose Drohung.
Hier war etwas. Es lauerte.
Unter diesem Eindruck verloren die Sonnenstrahlen ihre Macht. »Spürst du das auch?«, fragte sie Damocles.
Er nickte mit ernster Miene. »Hier war jemand am Werk, der sein Handwerk verstand.«
»Könnte es die gleiche Signatur wie in der Kanalisation sein?«, fragte Snow.
»Möglich, aber eingedenk dessen, was nach Alecs Aufrufzauber geschah, sollten wir Magie sparsam einsetzen und nur, wenn es notwendig wird«, erwiderte er. »Ich möchte es dir ersparen, noch einmal in eine solche Situation zu kommen.«
Er hatte recht. Eine weitere Attacke überstand sie in ihrem jetzigen Zustand nicht. Zögernd betrachtete sie das Portal aus dunklem Holz.
Ihre Vernunft riet ihr, umzudrehen und die anderen zu holen. Gemeinsam waren sie stark. Alle neun Orden waren in ihrer Gruppe vertreten.
Ihr Instinkt jedoch drängte sie, keine Zeit zu verlieren. Diese Spur war noch warm, sie wollte nicht riskieren, einen weiteren Fehler zu machen. Endlich versprach eine Aktion Erfolg.
Snow fürchtete sich davor, wieder zu versagen.
»Wir gehen hinein«, sagte sie. Damocles folgte ihr widerstandslos. Zum Glück. Ohne ihn wäre es ihr schwergefallen, den nötigen Mut aufzubringen.
Die Türen wurden aufgeschlossen und sie betraten das Gebäude und folgen den Schildern zur Büchersammlung.
Sie blieb stehen und riss die Augen auf.
Die Bibliothek war riesengroß. Der Raum erstreckte sich über mehrere Ebenen, alle bis unter die Decke mit Regalen voller Bücher bestückt. Ein Atrium bildete das Zentrum des Raumes, hier fand sich eine marmorne Statue, die ihr sofort bekannt vorkam: Die Magierin aus ihrer Vision.
Snow schluckte. Sie waren am richtigen Ort.
Die Magie summte und strich kribbelnd über ihre Haut. Snow wappnete sich und gab Damocles ein Zeichen, vorsichtig zu sein. Der Erdmagier sah sich wachsam um.
»Was für ein Raum«, murmelte er und legte den Kopf in den Nacken, um die Decke zu betrachten. Sie war kunstvoll mit Attributen aus der Wissenschaft verziert, er sah einen Zirkel, ein Senkblei, ein forschend blickendes Auge. Eine Pyramide und einen Hammer.
Stilisiertes Licht, soweit das Auge reichte.
Damocles hob die Augenbraue. Oder war das Licht am Ende die Energiequelle?
»Snow«, rief er leise und deutete hinauf. Sie folgte seinem ausgestreckten Finger mit dem Blick zur Decke und erriet seinen Gedanken. Dort, in der Mitte, war ein gläsernes Auge, das den Raum bewachte.
»Ich hoffe nur, dass die Quelle nicht dort oben versteckt ist«, wisperte sie. Gänsehaut überzog ihre Arme, als das magische Summen zunahm.
»Wir sollten uns umsehen«, sagte er. »Vorsichtig. Hier liegt etwas in der Luft.«
Sie begannen ihren Rundgang im Erdgeschoss und hielten Ausschau nach Hinweisen auf die Quelle.
»Es wird kein Buch sein«, mutmaßte Snow. »Aber möglicherweise ein Artefakt.«
»Oder ein Kunstgegenstand.« Damocles deutete auf eine Vitrine mit einem Hut. Er war konisch und hatte eine Vertiefung in einer anderen Farbe, die einmal Purpur gewesen sein mochte.
»Ob die Magier hier auch zu den Neun Zirkeln gehörten?«, fragte er und blieb stehen.
Snow betrachtete den vergilbten Stoff. Sie fand keinen Hinweis auf einen Orden, doch an der Vorderseite war ein dunkler Fleck, an dem offenbar etwas fehlte. Die Kette mit dem Symbol des Sonnenordens um ihren Hals wurde warm. Das Gold reagierte auf die Magie in der Luft.
Im Erdgeschoss wurde die Magie schwächer, als sie in die hinteren Teile des Raumes vordrangen. Snow und Damocles drehten um und erklommen die Treppe zum ersten Stock.
»Es muss hier sein«, murmelte Damocles und rieb sich die Arme. »Die Energie erinnert mich an den großen Kristall von Starcity.«
»Nur weniger freundlich«, erwiderte Snow. Ihre Haut brannte und Erschöpfung breitete sich in ihren Gliedern aus. Sie wurde immer müder, nur die Aufregung hielt sie noch auf den Beinen. Der Wunsch, sich hinzusetzen und einen Moment auszuruhen, wurde immer größer.
Damocles strich über ihren Arm. »Du siehst nicht gut aus. Soll ich einen Rufzauber ausführen, damit die anderen uns finden?«
Snow schüttelte den Kopf. »Das ist zu gefährlich. Du könntest eine weitere Falle auslösen.« Und sie könnte sich dafür ohrfeigen, dass sie ihn nicht früher darum gebeten hatte. Die anderen hätten längst hier sein können.
Jetzt war es zu spät.
»Wir müssen weitermachen«, sagte sie und stieg die restlichen Stufen hinauf. »Lass es uns wenigstens versuchen.«
Damocles folgte ihr und sie sah sich um. Das Summen war hier oben stärker als im Erdgeschoss. Snows Nacken prickelte und sie mobilisierte ihre letzten Kräfte, um zwischen den Regalen hindurch zu laufen. Ihre Füße wurden immer schneller und das Summen in ihrem Kopf machte einem Dröhnen platz.
Sie umrundete das letzte Regal in der Reihe und fand sich vor einer Büste wieder. Das Gesicht erkannte sie sofort: die Magierin aus Snows Vision.
Die Büste stand auf einer Stele in einer Nische. Die magischen Juwelen an den Spitzen der beiden Magierstäbe begannen zu glühen und das Holz vibrierte. Snow war so erschrocken, dass sie ihren Stab fallenließ. Entsetzt beobachtete sie, wie sich das goldene Juwel von der Spitze löste und zu der Stele rollte. Das Glühen intensivierte sich und das magische Dröhnen nahm weiter zu.
»Das ist es!«, stieß Damocles aus.
Snow hob mit tauben Fingern ihren Stab auf und machte einen vorsichtigen Schritt auf die Büste zu. Das Gesicht der Magierin verfolgte sie seit der Kanalisation.
Snows Blick fiel auf die Plakette auf der Stele. Darauf standen der Name und die Lebensdaten der Frau und darunter ein gravierter Text: ›Eine der vier Gründer dieser Stadt. Auf ihre Initiative wurde die Bibliothek gebaut und die enorme Sammlung angelegt. Sie war weithin für ihre Klugheit berühmt. Sie fand zu jedem Thema, das man ihr antrug, die richtige Antwort und war eine geschickte Unterhändlerin im Kontakt zu anderen Städten. Ihr Wissen war so groß, zeit ihres Lebens ging das Gerücht um, sie sei eine Magierin‹.
Sie tauschte einen Blick mit Damocles. Er nickte ernst. »Wie wir vermutet haben.«
Snow nickte. Immer wieder glitten ihre Augen über die Plakette. »Vier Gründer«, murmelte sie.
»Vier Magier«, ergänzte Damocles.
Mit zitternden Händen hob Snow das magische Juwel auf und legte es an die Marmorbüste. Das Licht des Steines intensivierte sich und der Stein wurde heiß unter ihrer Hand. Sie keuchte auf und wich zurück.
»Das ist doch …«, entfuhr es Damocles. Er machte einen Schritt auf Snow zu und legte die Fingerspitzen auf den Stein. Das Dröhnen nahm noch weiter zu, Snow fühlte sich, als zerberste ihr Kopf jede Sekunde.
Damocles zog die Hand zurück, als habe er sich verbrannt. Der graue Marmor der Büste flimmerte, Snow hörte ein beunruhigendes Zischen. Ihre Hände waren schweißnass, als sie das goldene Juwel wieder auf ihrem Stab befestigte.
Sie ließ die Büste keine Sekunde aus den Augen. Das Dröhnen war eine deutliche Warnung. Davon ließ Damocles sich nicht beeindrucken. Mit wilder Begeisterung sah er Snow an. »Weißt du, was das ist? Das ist ein Katalysator!«, rief er aufgeregt.
Sie brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, was er meinte. Dies war nicht die Energiequelle. Auch kein Teil von ihr. Die Büste war nur ein magisches Behelfsmittel.
»Die Quelle ist nicht hier«, sagte sie. Ihre Zunge fühlte sich dicker und schwerer an als sonst. Damocles schüttelte den Kopf. Sie verstand seine Euphorie nicht.
»Nein, aber mit dem Katalysator haben wir die Möglichkeit, sie zu leiten und zu speichern«, sagte er aufgeregt.
»Aber wie hilft uns das, wenn wir nicht wissen, wo die Energie ist?«, fragte sie.
»Ich glaube, ich verstehe endlich, welcher Gedanke hinter den Fallen in der Stadt steckt. Du hast gesagt, dass sie voll davon ist. Wir müssen den Zauber erneut durchführen und sie kartografieren. Dann werden wir ein Muster finden, in dem sich die Energiequelle versteckt. Die metaphysischen und magiechemischen Elemente müssen erfüllt sein. Snow, mit diesem Fund sind wir dem Ziel viel näher gekommen.« Er legte die Hand an ihre Wange. »Das ist kein Grund zu verzweifeln. Im Gegenteil.«
Snow nickte und bemühte sich um ein Lächeln. Das dumme Gefühl war noch da, genau wie das magische Dröhnen.
»Wir müssen den Katalysator mitnehmen«, sagte Damocles und streckte erneut die Hand nach der Büste aus. Snow zögerte, tat es ihm dann aber gleich.
Als ihre Fingerspitzen den Stein berührten, wallte Magie auf. Sie brach wie eine Welle über sie und schleuderte sie zurück.
Snow prallte mit dem Rücken gegen ein Bücherregal. Der Schmerz presste alle Luft aus ihren Lungen. Mit dem Hinterkopf knallte sie gegen ein Holzregal, Bücher fielen auf sie und trafen ihre Schultern und ihren Rücken.
Dann kam das Licht. Und die Stimme.
»Verschwindet aus unserer Stadt!«, dröhnte sie. Snow öffnete die Augen und sah das Gesicht der Magierin, das sich über die Büste erhoben hatte.
Ein Fluch!
»Ihr werdet hier kein Glück haben, das Herz der Stadt ist gut versteckt und gesichert. Niemals werdet ihr es zu Gesicht bekommen. Verschwindet jetzt, bevor wir euch vernichten. Es ist sinnlos.« Eine weitere Energiewoge löste sich aus der Büste. Dieses Mal war sie anders. Sie fegte über Snow hinweg und hinterließ ein Prickeln.
Ihr Brustkorb fühlte sich an, als rutschte etwas Zerbrochenes wieder zusammen. Mit einem ›Klick‹ verschwand die Beklemmung, die dort seit ihrer Ankunft in der Kanalisation festgesessen hatte, und machte einer Weite platz, die ihr das Atmen erschwerte. Sie holte Luft und hatte das Gefühl, dass ihre Lungen platzten. Der Schmerz durch den Sturz trat in den Hintergrund und hinterließ nur die Leere der Weite.
»Verschwindet«, zischte die zornige Stimme noch einmal, dann erschien die scharlachrote Rune, die sie schon kannten. Der letzte Beweis, der noch gefehlt hatte. Die Rune brannte in der Luft, dann verschwand sie.
Das Dröhnen ebbte etwas ab, doch es war noch da.
Snow ahnte, dass der Fluch noch existierte. Die Büste wurde geschützt. Sie mussten vorsichtig sein.
»Spürst du auch den Schutzwall, der um die Büste liegt?«, fragte Damocles und rappelte sich auf. Dabei rieb er sich den Hinterkopf, auch ihn hatte der Zauber umgefegt.
»Ja.« Snow kam ebenfalls auf die Beine. Der Schutzzauber fühlte sich an wie eine dicke Wand aus Magie. Sie bezweifelte, dass sie ihn überwinden konnten.
»Ich glaube, wir können den Fluch mit einem Lichtzauber brechen«, sagte Damocles. »Das ist kompliziert, aber du solltest es schaffen.«
»Ich?« Snows Herz klopfte heftig. »Aber, ich …«
»Ich kann es nicht tun«, unterbrach Damocles sie. »Lichtzauber sind keine Spezialität von Erdmagiern.«
Snow schluckte. »Was soll ich tun?«, fragte sie mit bebender Stimme.
»Es ist ein umgekehrter Lichtzauber«, sagte Damocles. »Er erschafft nicht, sondern absorbiert. Hast du so etwas schon einmal gemacht?«
Snow nickte langsam. Ja, dieses Thema hatten sie im Unterricht bereits behandelt, als Ausblick auf das, was sie in den Abschlussjahrgängen erwartete. Sie hatte den Zauber daraufhin aus Interesse geprobt. Einmal.
Das war mehrere Jahre her und damals war ihr Versuch fehlgeschlagen. Ein umgekehrter Lichtzauber war höhere Magie, eine Stufe, die sie als Studentin noch nicht erreicht hatte. Eigentlich.
Denn auch der Suchzauber, den sie angewandt hatte, um die Fallen sichtbar zu machen, fiel in diese Kategorie. Dieser Zauber war ihr gelungen. Beim ersten Mal.
Sie musste es zumindest versuchen.
Snow wandte sich Damocles zu und nickte. »Sag mir, wie ich vorgehen soll.«