Eleanor Ray
Morgen ist alles schön
Roman
Roman
Aus dem Englischen von Maria Andreas
FISCHER E-Books
Unverkäufliches Leseexemplar zu
ISBN 978-3-8105-3076-9, ca. 15,-- Euro (Klappenbroschur)
Voraussichtlicher Erscheinungstermin: 28. September 2022
ISBN 978-3-10-491430-5, ca. 12,99 Euro (E-Book)
Voraussichtlicher Erscheinungstermin: 1. September 2022
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Auf die Idee für ihren Roman kam Eleanor Ray, weil ihr kleiner Sohn so gerne Sachen sammelt – Kieselsteine, verwelkte Gänseblümchen, leere Plastikflaschen. In England ist »Morgen ist alles schön« bereits ein Bestseller. Eleanor Ray studierte Literaturwissenschaft an der Universität von Edinburgh. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern in London.
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Amy Ashton ist Einzelgängerin. Mit Gegenständen fühlt sie sich wohler als mit Menschen. Dinge, die andere wegwerfen würden, rettet sie und hebt sie auf. Ihre Sammlung von Übertöpfen findet nur noch im Garten Platz, im Haus türmen sich Schachteln mit angestoßenen Porzellanvögeln. Diese Sachen leisten Amy Gesellschaft. Früher wohnte sie im Haus zusammen mit Tim, ihrer großen Liebe, und mit ihrer Freundin Chantel. Die Zukunft war schön und voller Träume. Doch jetzt sind Amy nur die Gegenstände geblieben, die an die schönen Zeiten erinnern. Aber dann begegnet Amy dem kleinen Charlie, dem Nachbarssohn. Er lässt sich von Amys abweisender Art nicht beeindrucken, sucht ihre Freundschaft und sorgt dafür, dass Amy sich hinauswagt ins Leben. Da entdeckt er unter ihren Sachen einen unerwarteten Hinweis. Amy muss das, was in der Vergangenheit passiert ist, noch einmal neu betrachten. Und damit eröffnen sich ihr ganz unerwartete Perspektiven…
»Was für ein Lesevergnügen: warmherzig, bezaubernd und unvergesslich.« Holly Miller
»Liebenswert, charmant, von positiver Stimmung getragen.« BBC
»Schön geschrieben, voller Mitgefühl, Freundlichkeit und Hoffnung.« The Irish Independent
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die englische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel »Everything Is Beautiful« bei Piatkus, London.
© Chundy Holdings Ltd, 2021
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2022 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstraße 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: www.buerosued.de
Coverabbildung: Margaret Scrinkl
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-491430-5
Für Susan, Teddy und Violet
Das ging echt zu weit. Amy fand ihre Kollegen ja ganz nett, auf ihre Art, aber sie hatte schon die ganze Arbeitswoche mit ihnen verbracht. Da sollte sie doch am Freitagabend nach Hause fahren, die Schuhe ausziehen und auf dem Sofa entspannen dürfen. Und zwar allein.
Aber sie war dann doch mitgekommen und stand in zu engen Schuhen vor einem brechend vollen Pub, eingenebelt von Zigarettenqualm, und wurde ständig von Leuten angerempelt, die sich bemühten, mehrere Gläser Bier mit den bloßen Händen zu tragen.
Das konnte ja nur schiefgehen. Amy sah die Gläser schon fallen, spürte, wie sich ihr Körper in Erwartung anspannte, und drückte den lauwarmen Prosecco enger an ihre Brust.
»Freut mich, dass Sie diesmal mit von der Partie sind, Amy«, sagte Mr. Trapper von Trapper, Lemon & Hughes, einer mittelgroßen, mittelprächtig florierenden Finanzberaterfirma, in der Amy das Büroteam leitete. »Es tut gut, einfach mal lockerzulassen und sich zu amüsieren.« Er lachte und fügte hinzu: »Stärkt den Teamgeist.« Er hielt eine Proseccoflasche in der Hand und füllte Amys Glas nach.
»Ich konnte doch Emmas Abschiedsumtrunk nicht versäumen«, sagte Amy. Nun ja – versucht hatte sie es. Um fünf Uhr war sie aufgestanden, hatte Emma die Hand geschüttelt und ihr alles Gute für die Zukunft gewünscht. Pflicht erledigt. Aber Emma hatte ihre Hand nicht losgelassen und darauf bestanden, dass sie auf ein Glas mitkäme. Amy konnte sich beim besten Willen nicht erklären, warum Emma sich einbildete, sie wären befreundet. Amy hatte sich ihr gegenüber immer rein geschäftsmäßig verhalten und sie nur darin unterrichtet, welche Aufgaben Emma im Büro zu übernehmen hatte und was von ihr erwartet wurde. Einladungen, mit »den Mädels zu lunchen« – wie schrecklich das klang! –, hatte sie immer ausgeschlagen und beharrlich alle kleinen Nachrichten mit Smiley-Emojis auf dem firmeninternen Messaging-System ignoriert, mit dem einige aus dem Team ihre Zeit verplemperten.
Obwohl sie einmal, das musste sie zugeben, den Fehler begangen hatte, Emma eine Tasse Tee zu machen, nachdem sie sie heulend auf der Toilette angetroffen hatte. Vermutlich Liebeskummer. Sie hatte Emma sogar sanft den Rücken getätschelt. Dafür konnte sie jetzt zusehen, wie sich ihre Pläne für einen gemütlichen Abend auflösten wie eine Kopfschmerztablette, die die arme Emma am nächsten Morgen brauchen würde.
Mr. Trapper wendete sich nun ab, um weitere Gläser aufzufüllen, und Amy blieb einen Moment sich selbst überlassen. Sie schielte auf die Uhr. Fünfundvierzig Minuten hatte sie schon ausgeharrt, jetzt war der perfekte Zeitpunkt zu gehen. »Hi, Amy«, hörte sie eine Stimme. Amy fuhr herum und stand Liam, dem neuen Marketingchef, gegenüber. »Ich habe Sie noch nie bei den Feierabenddrinks gesehen.« Er lächelte.
»Ich hab immer zu tun.« Sie wich einen Schritt zurück. »Und jetzt muss ich auch gleich –«
Ein Arm schlang sich von hinten um ihre Taille. Bevor Amy reagieren konnte, spürte sie warmen Atem in ihrem Ohr. Wieder wirbelte sie herum; ständig schlichen sich die Leute aus dem Büro von hinten an sie heran. Zum Glück hatte sie einen Schreibtisch, an dem sie mit dem Rücken zur Wand saß.
»Ich werde dich vermissen.« Emma lallte schon ein wenig und lehnte an Amy. Ihr Atem roch nach Red Bull und Jägermeister, was in Amy schlagartig die Erinnerung an die Weihnachtsfeier vor zwei Jahren weckte, vor der sie sich nicht hatte drücken können. Als Emma sah, was Amy für ein Gesicht machte, kicherte sie und gab ihr einen feuchten Kuss auf die Wange. »Du bist so besonders.«
»Ja«, stimmte Amy zu und befreite sich von Emma. »In der Tat.« Carthika trat zu ihnen, und Amy schob Emma erfolgreich an sie ab. Die beiden wankten gemeinsam hin und her, vermutlich in einer Art Tanz. »Ich verschwinde nur mal kurz aufs Klo«, sagte Amy hastig, als sie Liam schon wieder auf sich zusteuern sah.
Im Pub standen die Leute in vier Reihen dicht gedrängt um den Tresen, aber im übrigen Raum war es ruhig. Es war ein warmer Tag Anfang Juli, und die Gäste gingen zum Trinken lieber nach draußen auf die Straße als drinnen im Dunklen zu sitzen. Auf einem der klebrigen runden Tische stand eine verlassene Weinflasche, der nur zwei leere Gläser Gesellschaft leisteten. Amy blieb stehen und sah zu ihr hinüber. In dem schummrigen Licht wirkte die Flasche fast schwarz, aber Amy wusste, dass sie einen schönen, grünen Schimmer haben würde, wenn man sie gegen das Licht hielt – genau wie die Bonbons mit Limonengeschmack, die Tim so gerne gegessen hatte.
Amy stieg die Stufen zur Toilette hinauf und setzte sich in die Kabine, dankbar für den kurzen Augenblick, in dem sie alleine sein und ihre Füße entlasten konnte. Sie dachte an die Flasche. An ihre vollendete Form mit dem langen, eleganten Hals und dem geraden Körper. Symmetrisch. Makellos. Die konnte nicht einfach im Altglas landen. Das verdiente sie nicht.
Amy ging wieder hinunter. Die Flasche stand immer noch auf dem Tisch. Leer. Einsam. Amy vergewisserte sich, dass niemand zu ihr herübersah, schnappte die Flasche und steckte sie ein, froh um ihre große Handtasche. Der Flaschenhals lugte hervor wie ein kleiner Schoßhund, aber das würde niemandem auffallen. Amy war hin und her gerissen, ob sie die Gläser nicht auch noch mitnehmen sollte. Sie sahen so traurig aus, wie sie da standen. Aber nein. Das wäre Diebstahl.
Aber die Flasche war kein Diebstahl. Die wollte keiner haben.
Sie würde sich um sie kümmern.
Auf einmal war Amy froh, dass sie hergekommen war.

Der Zug, mit dem sie nach Hause fuhr, war am Freitagabend normalerweise nicht so voll wie an den übrigen Wochentagen. Viele Leute gingen nach der Arbeit noch etwas trinken, und so verteilte sich der übliche Fünf-Uhr-Pendler-Haufen über den ganzen Abend wie Butter auf einer Scheibe warmen Toast.
Aber heute nicht.
Zwei Züge in Folge fielen aus. Amy stellte sich zu der Menschenmenge, die zur Abfahrtstafel hinaufstarrte wie auf eine Kinoleinwand. Ab und zu leuchtete eine neue Nummer auf, und ein Teil der Menge löste sich aus dem Pulk und hastete zu einem Gleis. Die Zurückgebliebenen stießen einen kollektiven Seufzer der Enttäuschung aus.
Schließlich wurde Amys Zug angekündigt, und sie ließ sich von ihrem Pendlerstrom mitziehen. Sie stieg in den Zug, entdeckte einen freien Platz in einer Vierersitzgruppe, eilte erleichtert dorthin und ließ sich dankbar auf den Sitz fallen. Der Zug füllte sich. Amy wurde auf einen Mann in ihrer Nähe aufmerksam, der ein wenig ungelenk dastand. Sie sah näher hin.
Er trug den Arm in einer Schlinge.
Da gab es natürlich nur eins: Amy stand auf, trat zur Seite und bot ihm mit einer stummen kleinen Verbeugung ihren Platz an. Eine Frage des Anstands. Doch bevor er sich setzen konnte, drängte eine junge Frau mit Nasenring an ihm vorbei und stürzte sich auf den freien Sitz. Ein Pfiff, und der Zug fuhr los.
Amy betrachtete den Mann. Er war wohl gegen Ende vierzig, zehn Jahre älter als sie selbst, und wirkte müde. Dann sah Amy, dass sein Hemd zerknittert war, und sie spürte ein kleines Aufflackern des Erkennens in ihrem Herzen. Er hatte niemanden, der für ihn bügelte, solange sein Arm lahmgelegt war.
Der Mann fing ihren Blick auf, zuckte gutmütig mit den Achseln und rollte mit den Augen, wie um zu sagen: »Na ja, die Jugend heute …«, während er sich stoisch mit der gesunden Hand an einer Stange festhielt.
Vielleicht lag es an dem warmen Prosecco. Vielleicht an der Blase, die sich an Amys Ferse bildete. Vielleicht an der Ergebenheit, mit der sich der Mann im zerknitterten Hemd in sein Schicksal fügte. Jedenfalls regte sich Widerstand in ihr.
»Entschuldigen Sie bitte«, sagte sie mit höflicher Stimme. Die junge Frau war ganz in ihr Handy vertieft und sah nicht auf. Amy hüstelte. »Entschuldigung«, wiederholte sie lauter. Einige der Pendler sahen sie verstohlen an. Die junge Frau ignorierte sie nach wie vor. Da machte Amy einen Schritt auf sie zu und trat in die Tabuzone zwischen den Sitzen. Auf beiden Seiten wichen die Knie zurück wie Schnecken in ihre Häuser.
»Die hört Sie nicht«, sagte der Mann, der neben dem Nasenring-Mädchen saß. Er trug ein hübsches Blumenhemd. »Die hat Kopfhörer drin.«
Amy ließ den Blick zu ihren Ohren wandern. Richtig, sie hatte kleine, blütenweiße, kabellose Kopfhörer in den Ohren. Kühn streckte Amy die Hand aus und tippte der jungen Frau auf die Schulter. Endlich sah sie hoch.
»Was?«, fragte sie. Sie zog einen der Kopfhörer heraus und sah Amy stirnrunzelnd an.
»Dieser Herr hat einen gebrochenen Arm«, sagte Amy. »Ich bin für ihn aufgestanden. Und Sie haben sich hingesetzt.« Amy erwartete, dass die junge Frau aufsprang und sich entschuldigte.
»Das ist kein Schwerbehindertenplatz«, entgegnete die junge Frau, ohne sich vom Fleck zu rühren.
»Ich bin nicht schwerbehindert«, meldete sich der Mann mit der Schlinge zaghaft zu Wort. »Ich bin nur die Treppe runtergefallen.«
»Darum geht es nicht«, sagte Amy. »Der Platz war für diesen Herrn bestimmt. Ich habe ihn freigemacht, weil er ihn braucht.«
»Ich sehe hier kein Schild mit seinem Namen«, erwiderte die junge Frau. Die anderen Fahrgäste witterten den Beginn eines unverhofften Dramas und sahen interessiert hinüber.
»Aber er hat einen gebrochenen Arm«, sagte Amy.
»Eigentlich ein gebrochenes Handgelenk«, korrigierte er. Beide Frauen ignorierten ihn.
»Er kann gern meinen Platz haben«, sagte der Mann im Blumenhemd und machte Anstalten aufzustehen.
»Eigentlich sollte sie aufstehen«, beharrte Amy.
»Zwing mich doch!«, sagte die Frau, und in ihrer Stimme schwang eine latente Drohung mit. Amy wich erschrocken über die Heftigkeit einen Schritt zurück.
»Beruhigen Sie sich, meine Liebe«, schaltete sich der Anzugträger am Fensterplatz ein. Er blickte von seiner Zeitung auf. Amy sah ihm fest in die Augen, und zu ihrer Überraschung wandte er den Blick nicht ab. Er sagte ihr tatsächlich, sie solle sich beruhigen, obwohl die Frau ihr gerade gedroht hatte!
»Ich bin hier nicht diejenige, die sich beruhigen sollte«, sagte Amy und merkte, dass sie unangenehm laut wurde. »Diese Frau hat einem Mann den Platz weggenommen, den er braucht, und jetzt droht sie mir. Sie haben alle gehört, was sie gesagt hat!« Amy sah sich im Waggon um. Eine Stille breitete sich aus, als hätten die Leute sich plötzlich daran erinnert, dass man in der Stadt nicht mit Fremden reden sollte. Vor allem nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln. »Sie haben es doch alle gehört, oder?« Ihre Stimme klang viel zu laut, sogar in ihren eigenen Ohren.
»Es macht mir nichts aus zu stehen«, beschwichtigte der Mann mit dem Arm in der Schlinge. Seine Rolle in dem Drama war ihm sichtbar peinlich.
»Was ist falsch mit dir?«, fragte die Sitzdiebin.
Als hätte sich auch noch der Zug gegen Amy verschworen, machte er plötzlich einen Ruck. Amy wurde nach vorn geschleudert. Sie bekam eine Stange zu fassen und fing sich wieder, aber ihre Handtasche rutschte ihr von der Schulter und die leere Weinflasche fiel heraus. Sie schlug dumpf auf dem Boden auf und rollte unter einen Sitz.
»Die ist doch betrunken«, erklärte die Sitzdiebin, als rechtfertige das ihr eigenes Verhalten.
»Ich bin nicht betrunken«, widersprach Amy. »Ich habe nur –« Alle starrten sie an.
Es ging die Leute nichts an, warum sie die Flasche hatte. Das ging niemanden etwas an.
Amy bückte sich, um den Blicken auszuweichen und die Flasche aufzuheben. Aber die war davongerollt, und Amy fand sich auf Händen und Knien auf dem klebrigen Boden wieder, von Schuhen umgeben. Unter den Sitzen sah sie ein blaues Bonbon, eine leere Coladose und einen angebissenen Burger. Es roch nach sauren Gurken. Aber die Flasche sah sie nicht, als hätte sie sich versteckt, weil auch ihr Amy peinlich war.
Das war zu viel.
Der Zug hielt, die Türen gingen auf, und Amy spürte frische Luft hereinströmen. Es war drei Stationen zu früh, aber Amy musste hier raus. Ins Freie. Weg von den Leuten. Weg von der Flasche, die sie im Stich gelassen hatte.
Vielleicht verdiente sie gar nicht, dass man sich um sie kümmerte.
Amy stand auf, schob sich zu der Tür vor und trat hinaus in den Juliabend.

Amy musste drei volle Züge vorbeifahren lassen, bis sie sich so weit gefasst hatte, dass sie wieder einsteigen konnte. Von ihrem Heimatbahnhof aus hatte sie noch zehn Minuten Fußweg, dann war sie da.
Zu Hause.
Allein beim Anblick ihres Vorgartens ging es Amy schon besser. Ihre wunderschönen Blumenkübel wachten treu über das Haus. Sie hielt den Schlüsselbund fest in der Hand und steckte den Schlüssel ins Schloss. Endlich. Amy trat ein und sperrte die Tür hinter sich zu, entschlossen, diesen Abend aus ihrem Gedächtnis zu streichen.
Sie ging durch die Diele und stolperte. Mist. Einer ihrer turmhohen Zeitungsstapel war umgekippt. Schon wieder. Ein Durcheinander von Zeitungen, ungeöffneter Post und getrockneten Blütenblättern bedeckte den Boden wie Herbstlaub. Sie machte einen großen Schritt. Sie hatte jetzt nicht den Nerv, das Chaos zu beseitigen. Nicht heute Abend. Auch einige der anderen Zeitungstürme sahen recht wackelig aus, wie antike Säulen reichten sie vom Boden bis zur Decke. Ihre Diele erinnerte sie an die Akropolis.
Die Akropolis nach einer Party, dachte sie, als sie mit dem Fuß gegen eine leere Weinflasche stieß. Früher hatte ihre Sammlung grüner Flaschen in der Küche gestanden, aber irgendwann musste Amy einige wegräumen, um an den Kühlschrank zu kommen. Zehn oder zwanzig privilegierte Flaschen standen nun ordentlich auf dem Regal in der Diele, in einige hatte Amy sogar Geißblattranken gesteckt und sie zu Vasen aufgewertet. Aber das war schon eine Weile her, und die Blüten waren längst zu spröden braunen Hülsen vertrocknet.
Viele Flaschen lungerten leer auf dem Boden herum und warteten noch auf ihre Bestimmung.
Auf eine zweite Chance.

Amys Kleidung hing zum größten Teil in einem Schrank, zu dem sie keinen Zugang mehr hatte. Auch Tims Sachen waren darin. Er hatte nichts mitgenommen. Nachdem es passiert war, hatte Amy zuerst den Boden des Schranks als zusätzlichen Lagerplatz genutzt, und dann hatten sich einige Dinge davor angehäuft. Spiegel, Flaschen, ein paar Übertöpfe für Zimmerpflanzen. Vor Jahren hatte sie einmal versucht, ein Kleid aus dem Schrank zu holen, und festgestellt, dass sich der Aufwand nicht lohnte. Sie hatte ohnehin keine Lust mehr auf Buntes, und so ließ sie die alten Sachen einfach im Schrank und ersetzte sie durch eine Reihe grauer und schwarzer Basics, einige schick für die Arbeit, andere bequem für zu Hause. Diese »aktive Garderobe«, wie sie sie nannte, breitete sie oben auf einem der Kartons aus und sorgte dafür, dass sie weiterhin an die Waschmaschine und das Bügeleisen herankam. Sie wollte nicht mehr Geld für Kleidung verschwenden als unbedingt nötig, nicht, wenn es so viele andere schöne Dinge gab, die sie kaufen wollte.
Es war Samstagmorgen, und Amy griff zu Jeans und schwarzem T-Shirt. Sorgfältig vermied sie es, beim Anziehen einen Blick auf sich zu werfen. Das war eine Herausforderung, da sich in ihrem Schlafzimmer Spiegel an Spiegel reihte. Spiegel sollten einen Raum ja größer machen, aber heute kam es Amy vor, als würden sie ihn verkleinern. Sie warfen das Bild der Kartonstapel zurück, die immer weiter zur Decke wuchsen. Doch vieles ließ sich nicht in Kartons verstauen und stand einfach herum. Vasen, ungeöffnete Flaschen mit Handlotion, Stapel von Aschenbechern. Und natürlich die Spiegel selbst, die sich mit unendlichen Reflexionen über sie lustig machten.
Amy fluchte leise, als ein Schmerz durch ihren Fuß schoss. Sie war auf ein Feuerzeug getreten. Zum Glück war es heil geblieben. Sie setzte sich wieder, um ihre Hausschuhe anzuziehen. Hausschuhe schienen sich von allen Dingen am liebsten vor ihr zu verstecken, deshalb hatte sie sich angewöhnt, immer gleich mehrere Paare zu kaufen.
Dass sie sehr behutsam mit ihren Vasen und Flaschen umging, verstand sich von selbst. Aber ab und zu beschloss eine, dass sie genug vom Leben hatte, und stürzte sich in die Tiefe. Mehrmals hatten sich Glasscherben in Amys Fußsohlen gebohrt, bis sie die kluge Entscheidung getroffen hatte, nur noch Hausschuhe mit festen Gummisohlen zu tragen.
Vorsichtig stieg sie die Treppe hinunter und hielt sich gut am Geländer fest, damit sie nicht über die Kartons und Obstkisten stolperte, die es irgendwie geschafft hatten, ihre Treppe zu belagern. Amy schob sich vorsichtig durch die Diele, seufzte beim Anblick der auf dem Boden verstreuten Zeitungen und ging in die Küche, um Tee zu kochen.
Die Wahl des Teebechers gehörte zu ihren Lieblingsmomenten des Tages. So viele schöne Becher säumten die Arbeitsflächen. Amy hatte gerade entschieden, dass heute der richtige Tag für eine Porzellantasse mit Goldrand war, als es klingelte.
Angst stieg in ihr hoch. Es klingelte nicht oft, und wenn, dann stand nie der Erhoffte vor der Tür. Dass die Türklingel auf eine ausgesprochen schauerliche Weise die ersten Takte von Beethovens Fünfter von sich gab, machte es auch nicht besser. Der Titan würde sich im Grabe umdrehen. »Türklingel«, fügte Amy ihrer geistigen Einkaufsliste hinzu und wartete ab, in der Hoffnung, dass die Person, die draußen vor der Tür stand, wieder verschwand.
Doch die Person, die offenbar die Klingel für unwirksam hielt, begann an die Tür zu hämmern.
Dann war es still.
Amy spähte in die Diele in der Hoffnung, dass der oder die Unbekannte aufgegeben hatte. Ein braunes Augenpaar starrte sie durch den Briefschlitz an. Dann klapperte es, die Augen verschwanden und ein Mund mit pfirsichrosa Lippenstift erschien in dem rechteckigen Blickfeld.
»Ich kann dich sehen«, sagte der Mund. Das war natürlich eine Lüge, Münder konnten nicht sehen. »Bitte mach die Tür auf.«
Amy erwog, die Tür einen Spaltbreit zu öffnen, soweit die Kette es erlaubte, aber kam sich dann immer wie eine paranoide alte Dame vor. Dabei war sie noch nicht einmal vierzig. Deshalb nahm sie den Schlüssel aus der Handtasche, öffnete die Tür gerade weit genug, um selbst hinauszuschlüpfen, und schlug sie schnell hinter sich zu, bevor ihre Besucherin mehr von ihrer Diele zu sehen bekam.
Ihre Nachbarin Rachel kauerte immer noch mit dem Mund auf Briefschlitzhöhe, so dass sich die beiden Frauen peinlich nahe kamen, Rachel auf Amys Hüfthöhe. Das war beiden Frauen unangenehm, und Rachel erhob sich und wich zurück. Sie sah verärgert aus.
»Kann ich helfen?«, fragte Amy in einem alles andere als hilfsbereiten Ton.
Rachel stieß einen Seufzer aus, der Amy an ein schnaubendes Pferd erinnerte. »Smudge hat schon wieder eine Maus gefangen«, beklagte sich Rachel. »Er hat sie gestern Nacht über unseren neuen elfenbeinfarbenen Teppich geschleift und eine Blutspur hinterlassen. Die krieg ich nicht mehr raus.«
Amy warf verstohlen einen Blick über ihren Vorgarten – Zeit, die Geranien in den Töpfen mal wieder zu gießen. Die Pflanzen waren schlaff geworden, und die vormals knallroten Blüten hatten sich bräunlich verfärbt, aber die glasierten Töpfe, in denen sie wuchsen, leuchteten in einem wunderschönen Purpurton. Amys Rosenstock hatte vielversprechende kleine grüne Knospen hervorgebracht, die zu dem grünen Topf passten. Aus einem großen, dunkelblauen Kübel, dessen Glasur Amy an das Meer erinnerte, rankte Geißblatt die Fassade hoch und wehte Amy seinen Duft entgegen.
»Amy!«, sagte Rachel scharf. Amys Blick kehrte zu der Nachbarin zurück. »Hörst du mir überhaupt zu?«
»Tut mir leid um die Maus, armes kleines Ding«, antwortete Amy schließlich. »Aber Smudge ist dein Kater. Ich weiß nicht, was mich das angeht.«
»Du weißt schon, was ich meine.«
»Keine Ahnung«, erwiderte Amy und fragte sich, warum Rachel sie für ihre eigenen Probleme verantwortlich machte. Vermutlich hatte sie zu wenig zu tun.
»Mir reicht’s jetzt. Das war zu viel. Jetzt muss sich was ändern.«
»Willst du Smudge weggeben?«, vermutete Amy.
»Nein«, sagte Rachel. »Ich rufe bei der Verwaltung an. Die Mäuse kommen aus deinem Haus. Das weiß ich ganz genau.«
Amy war sicher, dass Rachel nichts dergleichen wissen konnte, außer sie verbrachte ihre Abende damit, die Spur der Mäuse durch die Keller der ganzen Straße zu verfolgen. Aber Rachel war abends mit anderen Dingen beschäftigt, wie Amy wusste, denn die Wände der Reihenhäuschen in Ivydale Close waren dünn. Rachel stritt mit ihrem Mann, guckte EastEnders und hatte anschließend lauten Sex, wahrscheinlich mit besagtem Mann. Allen drei Aktivitäten war früher unweigerlich der Geruch von Zigarettenrauch gefolgt, aber in letzter Zeit roch es süßer. Amy dachte kurz, dass Rachel sich wohl vom Rauchen aufs Backen verlegt hatte, bis sie den Geruch als den zuckrigen Rauch einer E-Zigarette mit Vanillearoma identifizierte.
»Ich habe in meinem Haus noch nie eine Maus gesehen«, erwiderte Amy.
»Die verstecken sich unter deinem ganzen Müll.«
»In meinem Haus gibt es keinen Müll«, erklärte Amy stolz. Ihr Haus war ziemlich voll, zugegeben, aber nicht voller Müll, sondern bis an den Rand mit Schätzen gefüllt.
»Wir wissen beide, dass das nicht stimmt«, entgegnete Rachel.
»Und ich möchte dich bitten, dafür zu sorgen, dass dein Kater nicht auf meinem Grundstück herumstreunt«, fuhr Amy fort. »Ich mag mir gar nicht ausmalen, was er bei meinen Vögeln anrichten könnte.«
Als Amy ihre Vögel erwähnte, verdrehte Rachel die Augen und holte tief Luft, aber was sie sagen wollte, blieb unausgesprochen. Denn die beiden wurden von Motorgeräuschen abgelenkt. Auf der kleinen Vorortstraße mit den zweistöckigen Reihenhäuschen gab es wenig Verkehr, und Rachel wie Amy drehten sich um und sahen zu, wie nebenan ein großer Umzugswagen vorfuhr.
»Da zieht bestimmt jemand ins Haus der alten Mrs. Hill«, sagte Rachel. Die beiden Frauen genossen ihren vorläufigen Waffenstillstand und verfolgten beide das Parkmanöver des Lasters.
Amy vermisste Mrs. Hill. Sie war eine perfekte Nachbarin gewesen, ruhig und anspruchslos. Selbst als Amy das Haus noch mit Tim und Chantel geteilt hatte, waren sie nie über ein zartes Nicken zur Begrüßung und ein gelegentlich gemurmeltes »Hallo«, wenn eine der beiden besonders gesellig war, hinausgekommen. Dass Mrs. Hill nicht mehr unter ihnen weilte, hatte Amy erst gemerkt, als eines Tages ihre erwachsenen Kinder aufgetaucht waren und Mrs. Hills Besitztümer in ihre Autos geladen hatten. Da war sie doch traurig gewesen, aber dann folgte eine herrliche nachbarlose Zeit, ein seltener Luxus in dieser Gegend. Schließlich ersetzte der Makler das Schild »Zu verkaufen« durch die triumphierende Meldung: »Verkauft!«
Und jetzt waren sie da. Amys neue Nachbarn.
Nun ja, genau genommen waren es nicht die neuen Nachbarn, sondern zwei Männer in hellblauen Overalls, die aus der Fahrerkabine stiegen und den Laderaum öffneten. »Ich frag mal, ob die Tee wollen«, sagte Rachel und trabte in Richtung Laster davon, drehte sich aber noch einmal um. »Kümmere dich um die Mäuse, oder ich bin gezwungen, dich zu melden. Diesmal mache ich ernst.«
Amy sah noch zu, wie Rachel vor den Umzugsmännern mit den Wimpern klimperte und dabei ausgiebig in den Laderaum spähte, dann kehrte sie ins Haus zurück. Auch sie wollte gern einen Blick riskieren, aber auf eine weniger plumpe Art, und ging dazu ins Wohnzimmer.
Sogar sie selbst musste zugeben, dass die Kapazität dieses Raums ausgereizt war. Kartons waren zu Pyramiden gestapelt. An einigen lehnten Spiegel, an anderen standen Vasen, die noch auf Blumen warteten. Es gab mehrere Standuhren, die längst zu ticken aufgehört hatten. Auf dem bisschen Boden, das noch frei war, lagen Feuerzeuge wie Konfetti verstreut.
Viele Kartons waren mit Vögeln geschmückt.
Amy ließ so viele ihrer Vögel wie nur möglich im Wohnzimmer frei. Es kam ihr grausam vor, sie im Dunkeln einzusperren, wo sie doch die Sonne so liebten, aber leider durften nicht alle heraus, dafür fehlte einfach der Platz. Bei allem Platzmangel achtete Amy stets darauf, dass möglichst wenig auf dem Sofa lag, damit sie gemütlich sitzen konnte, und sorgte auch dafür, dass immer ein schmaler Durchgang zum Fenster frei blieb. Diese Miniaturschlucht durchquerte sie nun, drehte sich dann um die eigene Achse, um den Anblick, der sich ihr von hier aus bot, zu bewundern.
Hunderte winziger Porzellanaugen schauten sie an. Ihre Voliere, wie sie das Wohnzimmer gern nannte, beherbergte eine beachtliche Vogelsammlung. Neugierige Blaumeisen, exotische Papageien, Mauerschwalben im Tiefflug, zornige Eichelhäher, stolze Eisvögel. Sie hockten auf Regalen, auf Kartons und auf dem Fensterbrett.
Eine wahre Pracht.
Eigentlich war Amy der Ansicht, dass sie keinen der Vögel bevorzugen dürfe, aber das gelang ihr nicht. Sie näherte sich dem Fensterbrett und legte behutsam die Hand auf Scarletts Rücken. Sie erinnerte sich noch genau an den Augenblick, als sie Scarlett in der Grabbelkiste ihres Lieblings-Charity-Shops entdeckt hatte. Ein Rotkehlchen aus Porzellan, mit hellroter Brust und schimmernden Augen. So hoffnungsfroh. Aber die dünnen Beinchen waren abgebrochen und die Füßchen nirgendwo zu sehen.
Fieberhaft hatte sie die ganze Kiste durchwühlt, so dass die ehrenamtlichen Verkäuferinnen sie schon belächelten. Doch hatte sie triumphierend den Porzellanständer in die Höhe gehalten, einen Ast, den die dürren Krallen des Vögelchens umschlossen. Sofort hatte sie das Rotkehlchen gekauft und war nach Hause geeilt. Da hatte es dann nur noch ein bisschen Kleber und nervöses Warten gebraucht, und der Vogel war wieder heil gewesen, auch wenn seine Beinchen nun für immer einen kleinen Knick hatten.
Das machte Amy natürlich nicht das Geringste aus. Gerade weil Scarlett nicht perfekt war, liebte sie den Vogel umso mehr. Sie zog den Vorhang zur Seite, und gemeinsam schauten sie aus dem Fenster.
Rachel warf immer wieder die Haare über die Schultern und lachte über Bemerkungen des jüngeren Umzugsmannes, während der Ältere, der einen dicken Bauch und einen schlimmen Husten hatte, allein ein paar Stühle auslud. Amy musterte die vier Stühle: Sie waren aus Holz und hatten nichts Besonderes. Daraus ließ sich wenig auf die neuen Nachbarn schließen.
Anfangs war es Amy kaum aufgefallen, aber diese Gegend, früher eine heruntergekommene Ecke, hatte sich nach und nach zu einer begehrten Wohnlage gemausert. Die Waschsalons waren trendigen Back-Manufakturen, in denen der Kaffee das Vierfache kostete, gewichen. Paare und junge Familien stürzten sich auf die Häuser, die zum Verkauf standen, wie auf Bio-Croissants. Die Häuser waren klein und in Reihen aneinandergebaut, aber sie hatten Gärten und eine gute Verkehrsanbindung an die City. Als Amys Vermieter das Haus, in dem sie wohnte, verkaufen wollte, hatte sie ihr ganzes Geld zusammengekratzt und zugegriffen. Sie sollte sich eigentlich freuen, dass die Immobilie inzwischen so stark im Wert gestiegen war. Aber das war ihr egal, denn sie konnte sich nicht vorstellen, jemals von hier wegzuziehen.
Was wäre, wenn Tim wiederkäme?
Sie sah Rachel an ihrem Haus vorbeigehen und in ihr eigenes zurückkehren. Amy war erleichtert, dass der jüngere Umzugsmann dem Älteren nun wieder half. Sie hoben einen Tisch aus dem Laster und luden dann einen Gegenstand aus knallgelbem Plastik aus. Amy kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was es war.
Ein Auto. Sie sah noch einmal genauer hin. Nein, ein Bett in Form eines Autos. Ein Kinderbett.
Mist.
Das war wohl unvermeidlich, und es gab in der Straße noch andere Kinder. Aber gleich nebenan? Sie tastete wieder nach Scarlett, und einen Moment lang bildete sie sich ein, dass das Rotkehlchen unter ihrer Hand vor Angst bebte. Kinder machen alles kaputt. Das wussten sie beide. Amy versprach Scarlett im Stillen, dass sie bei ihr sicher war. Dafür würde sie sorgen.
Amy verfolgte die Parade der weiteren Möbelstücke, die an ihrem Fenster vorbeigetragen wurden. Ein Futonbett. Sitzsäcke. Etliche Zimmerpflanzen in verschiedenen Stadien der Austrocknung. Unzählige Kartons geheimnisvollen Inhalts.
Rachel tauchte wieder auf, mit einer großen Platte voller Biskuitkuchen. Zum Backen war keine Zeit gewesen, sie musste zur Bäckerei in der Nähe gespurtet sein. Amy beugte sich vor und drückte die Stirn an die Glasscheibe. Hörbar keuchend hastete Rachel an Amys Haus vorbei, hinüber zum ehemaligen Haus von Mrs. Hill. Amy konnte die Haustür nicht sehen, aber sie hörte Rachel klingeln. Eine Frau machte auf. Nicht eines, sondern zwei Kinder liefen heraus und kamen in Amys Blickfeld.
Beides waren Jungen. Noch schlimmer, dachte Amy unwillkürlich. Ein Kinderreim über Schnecken und Welpenschwänze ging ihr durch den Kopf.
Der ältere, wohl acht- oder neunjährige Junge begann einen roten Fußball gegen die Seite des Umzugslasters zu kicken. Ein Ball kann viel Schaden anrichten. Amy beobachtete den kleinen Fußballer und fragte sich, ob er den Ball wohl mit genügend Wucht treten konnte, dass er durch ihre Fensterscheibe flog. Sein jüngerer Bruder, der vielleicht drei Jahre alt war, sah ihm zu, den Daumen im Mund. Ab und zu kickte er mit seinem kleinen Fuß in die Luft.
»Charles Frederick, hör sofort auf, mit dem Fußball herumzuschießen«, tönte gebieterisch eine Frauenstimme aus dem Haus. »Du machst noch was kaputt.«
Genau dasselbe hatte Amy auch gerade gedacht, und sie war froh, dass der Junge gleich gehorchte. Er klemmte den Ball unter den Arm und bückte sich, um Smudge zu tätscheln, der Amys Vorgarten verlassen hatte und um die Beine des Jungen herumstrich.
Die Umzugsmänner ließen einen Stapel Kisten auf dem Gehweg stehen, alle Erwachsenen verschwanden im Haus. Amy hörte keine Stimmen mehr. Vermutlich waren Rachel und die Umzugsmänner zum Tee eingeladen worden und bekamen vielleicht auch ein Stück von dem Kuchen ab. Amy merkte, dass sie auch Hunger hatte, und wünschte sich fast, sie wäre freundlicher gewesen und könnte jetzt mit dabei sein. Sie beschloss, sich einen Snack zu machen, Käse und Cracker. Sie würde mit Scarlett essen. Der ältere Junge versuchte gerade, Smudge auf den Arm zu nehmen, doch der Kater entwand sich blitzschnell.
Plötzlich hörte Amy einen Aufprall und das herzzerreißende Klirren, mit dem Dinge zu Bruch gehen. Sie schloss die Augen, hielt die Hand an die Stirn und schluchzte auf. Denn sie befürchtete das Schlimmste.
Aber es war draußen passiert, beruhigte sie sich. Nicht in ihrem Haus. Sie schlug die Augen wieder auf und schaute hinaus. Tatsächlich, einer der Kartons war vom Stapel gefallen. Der kleinere Junge lag darauf und brach in panisches Geschrei aus, sein Gesicht lief puterrot an. Er musste versucht haben, auf den Kartonturm zu klettern.
Amy hasste es, wenn Dinge kaputtgingen, aber wenigstens war es nichts von ihr gewesen. Der große Bruder ließ von Kater und Ball ab, legte die Arme um den Kleinen und drückte ihn an sich. Der Kleine streckte seine Hände von sich weg, der Große untersuchte sie und wischte sie ab. Der Ball rollte davon, weg vom Schauplatz des Verbrechens.
»Charles Frederick!« Amy sah, wie die Mutter aus dem Haus gerannt kam. Sie beachtete den heulenden Kleinen gar nicht, sondern putzte sofort den großen Bruder herunter. »Was habe ich dir gesagt? Was fällt dir ein, trotzdem weiter herumzuballern?«
Der Junge murmelte etwas, was Amy nicht hören konnte, aber sie sah, dass er den Kopf hängen ließ und die Schuld auf sich nahm.
»Jetzt reicht’s aber!«, tobte die Frau weiter. »Ich habe dich gewarnt!« Ihre Stimme nahm einen Ton an, der Amy ganz und gar nicht gefiel. Sie zögerte einen Moment, denn eigentlich wollte sie mit den Nachbarn nichts zu tun haben, doch dann stürzte sie aus dem Haus und vergaß sogar, die Tür hinter sich zu schließen.
»Er war es doch gar nicht!«, erklärte sie der Frau, die sie einen Moment lang finster ansah, bevor sie den kleinen Jungen ins Visier nahm. Er umklammerte das Bein seines Bruders, eine kleine Schramme auf seinem Knie verriet den wahren Missetäter. Einen Moment lang ließ sich Amy von seinem T-Shirt ablenken, von dem aufgedruckten Dinosaurier, der absurderweise an einem Leuchtturm schnüffelte.
Und schon donnerte die Frau: »Daniel Joseph! Warst du das?« Der Kleine duckte sich und begann wieder zu heulen. Amy fühlte sich unglaublich mies. Sie hatte nicht gewollt, dass dieser kleine Kerl solchen Ärger kriegte. Ein Sturzbach von Tränen rann ihm übers Gesicht, und dann lief ihm auch noch ein Rotzfaden aus der Nase. Er hörte kurz auf zu weinen, um ihn aufzulecken. Amy hatte kurz mit Übelkeit zu kämpfen.
Auch seine Mutter sah einen Moment lang aus, als würde ihr schlecht. »Hol deinem Bruder ein Taschentuch«, beauftragte sie den Älteren.
»Ich war’s«, beharrte Charles Frederick und wischte seinem Bruder die Nase mit seinem Ärmel ab. »Ich habe den Karton runtergeworfen. Die Frau lügt.«
»Man beschuldigt keine fremden Frauen zu lügen«, sagte seine Mutter. Sie wandte sich Amy zu und rang sich ein Lächeln ab. »Es tut mir sehr leid. Ich weiß nicht, von wem er das hat.« Sie wischte sich die Hände an ihrer Jeans ab und streckte Amy eine Hand entgegen. Amy wusste nicht recht, was sie von dem Fremde-Frauen-Kommentar halten sollte. »Ich bin Nina. Die beiden sind die Kinder meines Partners.« Sie zuckte mit den Achseln und schien sich nun besser zu fühlen, nachdem sie klargestellt hatte, dass die Jungs nicht ihr eigener Nachwuchs waren.
Da hatte Amy eine Eingebung. »Es war Smudge«, sagte sie.
»Wie bitte?«, fragte Nina.
»Smudge hat die Kiste umgestoßen«, erklärte sie triumphierend. »Rachels Katze.« Sie sah Rachel, von dem Tumult alarmiert, aus dem Haus kommen, in ihrem Mundwinkel klebte ein wenig Sahne.
»O mein Gott, das tut mir leid«, sagte sie. »Natürlich bezahle ich den Schaden.«
»Nicht nötig, das ist sicher nicht der Rede wert«, entgegnete Nina verbindlich. »Gehen wir doch wieder rein.« Amy sah die beiden Frauen verständnislos an. Wie konnten sie so gelassen daherreden, wenn womöglich etwas kaputtgegangen war?
»Wollen Sie nicht nachsehen?«, fragte Amy. »In der Kiste könnte doch etwas zerbrochen sein. Vielleicht eine Flasche oder ein Glas? Vielleicht muss etwas repariert werden.«
»Und wenn einer von meinen Baggern kaputtgegangen ist?«, fragte Charles besorgt.
»Das ist alles nicht so dringend«, sagte Nina mit einem Lachen. »Wollen Sie nicht auch auf ein Stück Kuchen rüberkommen?«
Amy knurrte der Magen, doch sie lehnte ab. »Ich wäre jedenfalls beruhigter, wenn Sie in der Kiste nachsehen könnten«, bohrte sie weiter. Rachel warf Nina einen derart vielsagenden Blick zu, dass Amy der Verdacht kam, die beiden hätten bereits über sie gesprochen.
»Das ist Ihre neue Nachbarin, Amy Ashton«, sagte Rachel und klang entschuldigend.
»Dürfte ich einen Blick in den Karton werfen?« Amy wurde fast schlecht vor Anspannung. »Ich habe auch Klebstoff …«
Nina zuckte mit den Schultern und ging zu dem Karton hinüber. »Ein paar Teebecher und einige Spielsachen, mehr ist da nicht drin«, wiegelte sie ab und schlug die Klappen zurück. »Nichts von Wert.« Amy folgte ihr und spähte ihr über die Schulter. Sie erblickte einen Haufen kleiner gelber Autos. Nein, keine Autos. Bagger.
»Sind meine Bagger noch ganz?«, fragte Charles, stürzte zur Kiste und beugte sich so tief hinunter, dass es aussah, als würde er gleich kopfüber hineinkippen. »Da war mein ferngesteuerter großer Schaufelbagger drin! Aus echtem Metalldruckguss!« Dann begann er, einen Bagger nach dem anderen herauszuholen, einige waren noch originalverpackt. Er stellte sie auf dem Gehweg in einer Reihe auf. Smudge kam wieder herbei und beschnupperte sie neugierig.
»Wir ziehen ins Haus ein, nicht auf den Gehweg«, sagte Nina. »Trag das Zeug rein.«
»Die sind alle heil geblieben.« Charles atmete erleichtert auf. »JCBs halten echt was aus!« Er lächelte Amy an. »Bagger von J.C. Bamford«, erläuterte er, als er ihren verständnislosen Blick sah.
Amy nahm den restlichen Inhalt der Kiste in Augenschein. Ein Sammelsurium an Teetassen, von denen eine offensichtlich beschädigt war. Nina folgte ihrem Blick. »Nur eine einzige Tasse ist kaputt«, sagte sie fröhlich. »Kein großer Schaden.«
Dass eine Tasse zerbrochen war, war kein Wunder. Zwischen den Tassen lagen nur zwei lose Stücke Noppenfolie, als Schutz völlig unzureichend. Amy besah sich das Unfallopfer. Die Tasse hatte einen hübschen, schimmernden Gelbton wie Butter, die in der Sonne schmilzt. Der Griff war ab, die Tasse selbst in zwei Teile zerbrochen. Es würde immer ein Haarriss bleiben, aber alle Teile waren da. Amy war sich sicher, sie kleben zu können.
»Halt!«, rief sie, als sich Nina zur Mülltonne aufmachte, um die Scherben hineinzuwerfen. »Die kann ich reparieren!«
»Das ist doch nur eine billige Tasse«, sagte Nina. »Nicht der Mühe wert.«
»Lassen Sie sie lieber machen«, empfahl Rachel. »Das ist einfacher.«
»Na schön.« Nina gab ihr die Scherben, und Amy nahm sie behutsam in die Hand. »Danke«, schob Nina nach, aber man hörte, dass es ihr nicht ernst damit war.
Amy eilte zu ihrem Haus zurück. Die Tür stand noch offen, zum Glück, da sie ihren Schlüssel nicht mitgenommen hatte. Trotzdem stieg ein ungutes Gefühl in ihr auf – wenn nun Smudge hineingeschlichen war? Er würde ein Gemetzel unter ihren Vögeln anrichten. Sie schwor sich, nie wieder so achtlos hinauszurennen.
Trotz aller Eile bekam sie mit, wie Rachel zu Nina sagte: »Früher war sie nicht so.« Ihre Stimme hatte den typischen Klatsch-und-Tratsch-Ton, eindringlich und erregt. »Die arme Amy. Wirklich tragisch, was sie durchgemacht hat.«
Amy verspürte nicht das geringste Verlangen, sich Rachels Version ihrer Geschichte anzuhören. Sie schlug mit Nachdruck ihre Haustür zu.
Oktober 1998
»Wer hat die Spice Girls aufgelegt?«, fragte Amy und sah sich im Raum um. Die Party war in vollem Gange, und niemand antwortete ihr, aber sie hatte die beiden Mädchen im Verdacht, die als Katzen verkleidet gekommen waren. Sie hatten gerade ihre Taschenspiegel gezückt und zogen sich die Schnurrhaare mit Eyeliner nach. Amy ging die CDs durch und entschied sich für das neue Album von Garbage. »Tanzen?«, schlug sie vor und skippte gleich zum zweiten Song.
Chantel zog sich vom Sofa hoch und gab Amy die Hand. Amy hob den Arm, und Chantel drehte sich unter ihm hindurch, vor und wieder zurück, wobei ihr schwarzer Rock hochwirbelte und den Blick auf ihre gelbschwarz geringelten Leggings freigab. Diese Tanzfigur war das Markenzeichen der beiden und kam natürlich bei jeder Gelegenheit zum Einsatz, auch barfuß auf diesem Teppich hier bei der Halloweenparty, zu der Seb eingeladen hatte, während seine Eltern verreist waren.
»Machen wir ’ne Pause?«, bat Chantel, als die CD zu Ende war und jemand The Verve aufgelegt hatte. Chantel klang schon etwas außer Atem, ihr Gesicht war verschwitzt. »Eine Hummel zu sein ist Schwerstarbeit.«
»Glaub ich dir«, sagte Amy. Beide ließen sich wieder aufs Sofa fallen. »In diesen Leggings ist es bestimmt kochend heiß.«
»Schon, aber die sind das Beste am ganzen Kostüm«, sagte Chantel. »Wenn ich die ausziehe, sehe ich nur noch aus wie eine dämliche Fee.« Sie deutete auf ihre kleinen Flügel, die eigentlich zu einem Feenkostüm gehörten. »Oder wie eine Fliege für mein Netz!« Amy wackelte mit den Fingern vor Chantels Gesicht herum, als nicht sehr überzeugende Spinnenimitation. Doch sie war ziemlich zufrieden mit dem Kostüm, das sie sich hatte einfallen lassen. Die Idee dazu war ihr bei einem ihrer schwarzen Oberteile gekommen, das mit silbernen Spinnweben bedruckt war. Dazu trug sie einem grob gewebten schwarzen Rock, Netzstrümpfe und so viele Plastikspinnen, wie sie an die Kleidungsstücke nähen konnte.
»Da merkt man gleich die Künstlerin«, sagte Chantel, als Amy ihr das Kostüm vorgeführt hatte. »Du hast ein Auge für so was.«
»Ich kann es auch kaum mehr erwarten, an der Kunstakademie anzufangen.«
»Dein Kostüm macht mich richtig nervös.« Chantel schüttelte sich. »Ich denk immer, auf dir würden echte Spinnen rumkrabbeln.« Sie hielt Amy die Cola-Plastikflasche hin, die sie mit Malibu aufgefüllt hatten. Amy nahm einen großen Schluck, gab ihr die Flasche zurück und merkte dabei, wie sich der Raum leicht drehte. Der Geruch von Cannabis hing in der Luft. Amy wusste, dass Chantel es riechen und sich mit demjenigen anfreunden würde, der es mitgebracht hatte.
»Du hättest als Blume gehen sollen«, sagte Chantel. »Dann würdest du zu mir passen und wärst nicht ganz so gruselig.«
»Oder als Honigtopf«, überlegte Amy. »Passt aber nicht ganz zu Halloween.«
»Ah! Ich rieche Gutes!«, unterbrach Chantel unweigerlich das Gespräch. Sie setzte sich auf und äugte wie ein Erdmännchen im ganzen Raum herum. »Willst du auch was?«
»Nein. Mir reicht der Malibu.«
»Wahrscheinlich auch besser so. Bekifft würden dich deine Insekten zu Tode erschrecken.«
»Spinnen sind keine Insekten«, wollte Amy ausführen, aber Chantel war schon weg. Amy ließ den Blick über das Partygeschehen schweifen. Seb, als Cowboy verkleidet, knutschte auf dem anderen Sofa leidenschaftlich mit einer Hexe. Die beiden Mädchen mit den Katzenohren und der schwarzen Nasenspitze hatten jetzt Five aufgelegt und den Platz zum Tanzen eingenommen, den Amy und Chantel freigegeben hatten. Amy sah ihnen kurz zu, wie sie auf und ab hopsten und den Takt mit den Fingern mitzählten. Sie nahm noch einen Schluck von ihrem Drink.
»Ich hatte schon immer was für Spinnen übrig«, sagte da ein Junge in knallorangem T-Shirt und schwarzer Jeans. »Und für Garbage.« Er kam Amy irgendwie bekannt vor, aber sie glaubte nicht, dass sie schon mit ihm gesprochen hatte. Wie viele große Menschen zog er die Schultern ein, um sich kleiner zu machen. Er hatte eine Noel-Gallagher-Frisur und sah, wie Amy bemerkte, extrem gut aus. »Darf ich mich zu dir setzen?«
»Klar«, sagte Amy bemüht lässig. Sie hatte das nebulöse Gefühl, sie könnte für diesen Typ sogar mal geschwärmt haben. Vielleicht war er in der Schule zwei Klassen über ihr gewesen. Oder sie hatte ihn womöglich im Fernsehen gesehen.
Doch dann verpuffte ihre Bewunderung mit einem Schlag. »Was ist das denn?«, rief sie, als sie an seinem Ohrläppchen einen matschigen orangefarbenen Klumpen entdeckte.
»Verdammt, ist da noch was?« Er griff sich ans Ohr. »Ich dachte, ich hätte alles erwischt.«
»Was ist denn das für ein Zeug …?«
»Jetzt hab ich mir das coole Image voll versaut, was?« Er schnitt eine Grimasse. »Vielleicht trägt es zum Verständnis bei, wenn …« Er wühlte in einer blauen Plastiktüte und zog ein Stück Kürbis und einen kleinen Hammer heraus. Amy nahm das Kürbisstück und drehte es in ihrer Hand. Es war feucht und klebrig.
»Ich wollte authentisch sein«, sagte er. »Stattdessen bin ich nur mit Kürbis vollgeschmiert.«
»Smashing Pumpkins«, sagte Amy. »Du bist als Smashing Pumpkins hier.«
Er grinste sie an. »Du bist die Erste, die das kapiert«, sagte er. »War eine ziemlich blöde Idee, wie sich rausgestellt hat.«
Amy lachte. »Plastikspinnen sind dagegen natürlich genial.« Er erwiderte ihr Lächeln, und Amy fielen die Fältchen in seinen Augenwinkeln auf. »Ich kenn dich von irgendwoher«, sagte sie.
Er biss sich auf die Lippe. »Ich bin in dieser Gegend ziemlich berühmt.«
»Echt jetzt?«
Er lachte. »Nein. Aber meine Band hatte letzte Woche ihren allerersten Auftritt. Auch wenn’s nur im Hinterzimmer eines Pubs war.« Er klang stolz und gleichzeitig ein wenig verlegen.
»Genau!« Jetzt fielen die Teilchen sozusagen zu einem kompletten Kürbis zusammen. »Ihr habt im Firkin gespielt.«
Ihm stand der Mund offen. »Du hast uns gesehen? Vielleicht bin ich berühmter, als ich dachte.«
Amy lachte wieder. »Ich hab dich erst erkannt, als du mir von dem Auftritt erzählt hast.« Sie machte eine kleine Pause. »Ihr wart aber ziemlich gut.«
»Du bist mein erstes Groupie!«, verkündete er. »Du kannst meine Yoko sein.«
Amy wurde ein bisschen rot. Die Band war gut gewesen. Richtig gut. Amy war total begeistert gewesen.
»Du hast nicht zufällig einen Korkenzieher dabei?«, fragte er. Er zog eine Weinflasche aus seiner Tüte. »Ich finde, das sollten wir feiern.«
»Leider nein.« Amy wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher als einen Korkenzieher. Plötzlich kam ihr ihre Cola-Malibu-Plastikflasche furchtbar uncool vor. Sie gab ihr einen unauffälligen Stoß mit der Hacke, dass sie unters Sofa rollte und nicht mehr zu sehen war. Amy sah sich um. Eine Gruppe Jungs trank Bier aus Dosen und ließ eine Flasche hochprozentigen Rum kreisen. »Ich glaube nicht, dass hier sonst jemand Wein trinkt«, sagte sie und stand auf. »Ich schau mal in der Küche nach.«
»Ich bin wahrscheinlich zu anspruchsvoll.«
Amy lachte. »Diese Selbsteinschätzung wäre ohne Kürbismatsch im Ohr überzeugender.«
Er folgte ihr in die Küche. »Hör mal«, sagte er, »wenn wir hier keinen Korkenzieher auftreiben, könnten wir doch einen kleinen Spaziergang machen und einen Laden suchen. Ich hätte nichts gegen ein bisschen frische Luft.«
Amy zog eine Schublade auf und schob den Korkenzieher, den sie darin sah, unauffällig ganz nach hinten. Dann schloss sie die Schublade wieder.
»Leider keiner drin.« Sie war eine schlechte Lügnerin. »Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig.«
»Super.« Er lächelte sie an, sie lächelte zurück.