Teufelslos

Meierhofers neunter Fall

Lisa Gallauner


ISBN: 978-3-99074-186-3
1. Auflage 2022, Marchtrenk, Österreich
© 2022 Verlag Federfrei

Umschlagabbildung: © splitov27 - Adobe Stock
Lektorat: E. Zahnt

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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Protagonisten dieses Romans, ihre Namen und ihre Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen nicht beabsichtigt.

Inhalt

 

Für Moritz!

Ich bin unglaublich stolz auf dich!

 

Prolog

 

Bedächtig blickt er auf sein Kunstwerk herab. Ein kühles Lächeln lässt seine Mundwinkel für einen flüchtigen Moment nach oben gleiten.

»Mögen die Spiele beginnen«, flüstert er zynisch.

Eine nie dagewesene Euphorie durchströmt seinen Körper, als er erneut den Kanaldeckel zu seinen Füßen fokussiert. Er bückt sich und streicht mit der rechten Hand beinahe liebevoll über die Umrisse des Doppeladlers. Das Blut, es kommt besser zur Geltung, als er erhofft hatte. Dank des weißen Lacksprays, den er als Grundierung benutzt hat. Ein beinahe patriotisches Rot-Weiß-Rot ist es, das dem Doppeladler zu seinen Füßen zu neuem Glanz verhilft. Sein Blick wandert weiter. Zu den ebenfalls blutroten Ziffern, die den äußeren Rand des Deckels schmücken. Direkt über den Blockbuchstaben, die einen darauf hinweisen, dass man sich in der STADT KREMS befindet:

 

91

 

Das kühle, teuflische Lächeln kehrt zurück. Dieses Mal breiter. Es ist perfekt. Einfach nur perfekt. Genauso wird er es machen. Dann, wenn es endlich losgeht. Freudige Erregung macht sich in ihm breit. Das unerträgliche Warten, bald hat es ein Ende. Bald ist es so weit. »Mögen die Spiele beginnen.«

 

*

 

Damals

 

»Step by step …«, dröhnt es durchs Haus.

»Marianne, dreh das sofort leiser, ich kann mich nicht konzentrieren!«

Entnervt schüttelt Hans Meierhofer den Kopf. Wa­rum hat ihn keiner vorgewarnt, dass diese Sache mit der Pubertät heutzutage viel früher zum Problem wird als noch zu seinen Zeiten? Seit Marianne die Volksschule hinter sich gelassen hat, ist sie nicht wiederzuerkennen. Sie liest heimlich die Bravo, blockiert stundenlang das nagelneue Schnurlostelefon und diskutiert mit Irene darüber, wann endlich der richtige Zeitpunkt für die erste Dauerwelle gekommen ist. Am schlimmsten ist in Meierhofers Augen aber Mariannes Schwärmerei für diese amerikanischen Hupfdohlen in viel zu weiten Jeans. Ihr gesamtes Zimmer hat sie mit Postern dieser Boygroup zugepflastert.

Apropos Zimmer. Vielleicht sollte er ihr auftragen, das Wort Zimmerlautstärke im Wörterbuch nachzuschlagen. Hätte er zuhause so laut die Stones gehört, wie seine Tochter momentan diese New Kids on the Block, sein Vater hätte ihm ordentlich die Leviten gelesen. Andererseits hat er damals auch keine topmoderne Stereoanlage gehabt und schon gar keine CDs. Einen Plattenspieler und ein paar Langspielplatten, mehr nicht. Dafür aber auch eine glückliche Jugend ohne diese ganze neumodische Technik. Manchmal denkt er, dass das für alle Beteiligten besser gewesen ist.

»Marianne, du sollst die Musik leiser drehen!«

Der attraktive Polizist fährt sich durch die vollen dunklen Haare und streicht dann über seinen markanten Dreitagebart. Lange dauert es nicht mehr, bis er die Geduld verliert.

»Ich kümmere mich darum, Schatz.« Lächelnd drückt Irene Meierhofer ihrem Gatten einen Kuss auf die Wange und stellt ein großes, herrlich duftendes Stück Marillenkuchen mit Schlagobers vor ihm ab. Außerdem einen großen Milchkaffee. »Sie ist halt momentan schrecklich verknallt in diesen Joey. Keine Sorge, das wird sich schon wieder legen.«

Verknallt, in diesen Joey. Wenn er das schon hört. Wie kann man sich in einen Popstar verlieben? In jemanden, den man nur aus dem Radio und dem Musikfernsehen kennt? Wahrscheinlich ist gerade das der Punkt, der ihn an der überschwänglichen Schwärmerei seiner Tochter so stört. In seinen Augen sollte sie immer noch mit ihren Barbies spielen und ab und zu Nils Holgersson, Biene Maja oder Heidi schauen. Verknallt sein, das steht frühestens ab achtzehn auf dem väterlichen Plan.

Dankbar lächelt der Polizeibeamte seine bessere Hälfte an. Sie trägt ihre Lieblings-Radlerhose, ein knappes T-Shirt und hat einen Teil der wilden mittellangen Locken mit einem knalligen Haarband zurückgebunden. Augenblicklich muss er an Flashdance und Dirty Dancing denken und die gemeinsamen romantischen Stunden im Zentralkino am Kremser Bahnhof. Wenn er sich nicht schon vor vielen Jahren Hals über Kopf in seine Irene verliebt hätte, dann wäre es wohl spätestens jetzt so weit.

»Danke, Schatz, du bist die Beste.«

Er blickt von den Fotos und Dokumenten auf, die er an diesem Abend mit nachhause genommen hat. Weil er einfach nicht weiterkommt in diesem Fall. Seinem ersten richtigen Fall als Kriminalpolizist. Er will seinen Chef nicht enttäuschen. Er darf seinen Chef nicht enttäuschen. Wieder Streife fahren, das ist für ihn wahrlich keine Option. Er muss diesen Fall lösen. Diesen Fall, der dafür sorgt, dass der junge Polizist schon seit Tagen nicht mehr richtig schlafen kann.

 

Kapitel 1

 

»Gratuliere, Stefano. Du bist jetzt ein verheirateter Mann.« Lachend legte Meierhofer seinem Kollegen die Hand auf die Schulter. »Eigentlich ein Wunder, dass Dominik sich das freiwillig antut«, ergänzte er grinsend.

Staudinger zog die perfekt getrimmten halbitalienischen Augenbrauen hoch und zupfte dann an seinem Hochzeitsanzug in einem geschmackvollen Bordeauxton. »Was genau meinst du damit, Hans?«

»Na ja, wahrscheinlich, dass Dominik morgens jetzt noch weniger Zeit im Bad bleibt«, warf Brombspeidel schmunzelnd ein, bevor sie theatralisch seufzte. »So ein Jammer, wieder ein Traummann, der vom Markt ist. Zuerst Chris Hemsworth und jetzt auch noch du.«

»Traummann? Sprichst du von mir, Eva?«, mischte Dominik, Staudingers frisch Angetrauter, sich ein. In seinem cremefarbenen Hochzeitsanzug im Vintage-Look sah der blonde Feschak aus wie ein amerikanischer Filmstar der 20er-Jahre. Liebevoll drückte er seinem Gatten einen Kuss auf die Stirn. »Ich bin so froh, dass wir uns endlich getraut haben. Im wahrsten Sinne des Wortes«, meinte er schließlich mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht.

Eva Brombspeidel kämpfte gegen die Tränen der Rührung an, die erneut in ihr hochstiegen. Sie hatte bereits ein ganzes Packerl Taschentücher verbraucht. Während der feierlichen Trauung im festlichen Steiner Rathaussaal und im Laufe des Empfangs danach, den Großteil davon während des Ständchens, das Stefanos Familie dem Hochzeitspaar gesungen hatte. Außer Amore hatte sie zwar kaum etwas verstanden, aber die Liebe, die Stefanos Eltern, seine Nonna und sein Nonno für ihn und Dominik empfanden, die hatte sie trotz ihrer mangelhaften Italienischkenntnisse mit jeder Faser ihres Körpers gespürt.

Sie war zwar schon auf einigen Hochzeiten gewesen, ein Event wie dieses hatte sie aber noch nie erlebt. Jedes Detail passte, die gesamte Deko war farblich auf Dominiks und Stefanos Hochzeitsanzüge abgestimmt, also in einer wunderschönen Kombination aus Creme und Bordeaux gehalten. Auch das Wachauer Heurigenlokal, in dem in Kürze der ungezwungenere Teil der Hochzeitsfeier starten würde, war in diesen edlen Farben dekoriert.

Gerade nahm die überschaubare Gästeschar im direkt an der Donau gelegenen Marillengarten des Anwesens den Aperitif zu sich. Es war ein wunderbar warmer Nachmittag im Oktober, die Sonne strahlte vom Himmel und tauchte die sich allmählich färbenden Blätter der umliegenden Bäume in ein feierliches Licht. Ein Meer aus Weinreben, deren Laub in den für diese Jahreszeit üblichen Gelbtönen erstrahlte, vervollständigte die beinahe kitschige Hochzeitskulisse.

Es war perfekt, einfach nur perfekt. Wenn sie je heiraten würde, würde sie es genauso machen. In kleinem Rahmen, im goldenen Herbst, nicht in der drückenden Hitze des Hochsommers wie damals bei ihrer Kusine in Graz, als die Hälfte der Gäste knapp an einem Kreislaufkollaps vorbeigeschrammt war und die andere Hälfte sich nichts sehnlicher gewünscht hatte als eine kalte Dusche.

»Noch ein Glas Sekt-Marille, die Dame?«, riss die freundliche Stimme eines Kellners Eva aus ihren Gedanken. »Nein, danke«, erwiderte sie lächelnd.

»Du siehst heute übrigens bezaubernd aus, Eva. Zum Anbeißen. Schade, dass ich gerade geheiratet habe«, neckte Staudinger seine Kollegin.

»Apropos Anbeißen. Wann wird endlich das Buffet eröffnet?«, erwiderte die junge Frau, die nicht besonders gut mit Komplimenten umgehen konnte, betont flapsig.

»Lenk nicht vom Thema ab, Eva! Stefano hat Recht, dieser Hosenanzug steht dir ausnehmend gut«, warf Meierhofer ein.

»Das ist ein Jumpsuit!«, entfuhr es seinen beiden jungen Kollegen zeitgleich. Dann brachen alle drei Kriminalbeamten in herzliches Gelächter aus. Dass ihnen das Lachen in Kürze vergehen würde, ahnten sie zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise nicht.

 

*

 

Er beobachtet sie schon seit Stunden. Nichts bemerken sie, gar nichts. Kein Wunder, sie sind mit Wichtigerem beschäftigt. Einer kitschigen Hochzeit wie aus dem Bilderbuch. Eigentlich der perfekte Moment, um zuzuschlagen. Der perfekte Augenblick, um das Spiel endlich beginnen zu lassen. Keiner rechnet damit, dass die Feierlichkeiten diesen Ausgang nehmen werden. Alle werden sie geschockt sein. Er blickt auf das Los in seinen Händen. »Mögen die Spiele beginnen«, flüstert er, bevor er sich auf den Weg macht.

 

*

 

»Das ist der beste Schweinsbraten meines gesamten Lebens. Aber verratet das ja nicht meiner Mama!«, meinte Eva Brombspeidel zufrieden lächelnd, während sie ein weiteres Stück des butterzarten Fleisches abschnitt und in ihrem Mund verschwinden ließ. Kurz darauf folgte ein Achtel eines flaumigen Erdäpfelknödels, das sie zuvor im würzigen Bratensaft ertränkt hatte. »Mhm, himmlisch«, murmelte sie mit vollem Mund. So gar nicht ladylike – eleganter Jumpsuit hin oder her.

»Die Schnitzel sind aber auch nicht zu verachten«, entgegnete Meierhofer, der sich mittlerweile durchs gesamte Buffet gekostet hatte. »Kalbfleisch, in feinem Butterschmalz herausgebraten. Genau so, wie es sein muss. Fast so gut wie deine, mein Schatz.« Liebevoll lächelte Meierhofer seine Irene an, die in ihrem marineblauen Dirndl wunderschön aussah. Zum Glück hatten Dominik und Stefano keinen Dresscode für die Hochzeit ausgegeben, weshalb der Chefinspektor seinen schicken und dennoch bequemen Trachtenanzug tragen konnte. Er hatte in der letzten Zeit zwar ein wenig abgenommen, aber dass ihm ein anderer Anzug aus der eher verstaubten Kleider für besondere Anlässe-Ecke seines Kleiderkastens gepasst hätte, bezweifelte er dennoch stark.

»Lasst noch ein bisschen Platz für die Hochzeitstorte!« Staudinger hatte den Posten an der Seite seines Neo-Ehemannes verlassen, um sich für einen Moment zu seinen Lieblingskollegen zu gesellen. Immerhin waren sie für ihn ein Teil der Familie. Eva stand ihm nahe wie eine Schwester und Hans war in seinen Augen nicht nur ein grandioser Chef, sondern im Laufe der Jahre auch zu einem väterlichen Freund geworden.

»Keine Sorge, für Torte ist immer Platz«, erwiderte Brombspeidel, während sie einen Blick auf das mehrstöckige Kunstwerk warf, das das Zentrum des opulenten Buffets bildete. Wie alles an diesem Tag war sie in Creme und Bordeaux gehalten.

»Lass mich raten, Vanille und Waldfrüchte, stimmt’s?«, schoss sie ins Blaue hinein.

Staudinger schmunzelte. »Knapp daneben. Kaffee und Brombeere. Ein Gedicht. Hat meine Nonna gebacken.«

Meierhofer blickte zu Stefanos Familie hinüber, die neben dem Hochzeitspaar am Kopf der Tafel saß. Staudingers Nonna, die Mutter seiner Mamma, entsprach zu hundert Prozent dem Klischee der italienischen Großmutter. Sie war klein, kurvig, hatte lange silbergraue Haare, die sie zu einem kunstvollen Zopf geflochten trug, olivbraune Haut und Rehaugen, die trotz ihres hohen Alters funkelten und ihr eine mädchenhafte Ausstrahlung verliehen. Ihr Gatte war ein drahtiger agiler Mann jenseits der achtzig, mit wettergegerbter Haut und erstaunlich fülligem schwarzem Haar, in das sich nur einige wenige weiße Strähnen verirrt hatten. Die beiden süditalienischen Weinbauern fachsimpelten gerade mit dem Besitzer des Heurigenlokals, simultanübersetzt von Dominik, der sowohl fließendes Italienisch als auch einwandfreies Wachauerisch sprach. Stefanos Eltern, ein elegantes Paar in Meierhofers Alter, waren dem Chefinspektor nicht weniger sympathisch. Das Fehlen von Dominiks Familie, mit der der junge Mann zwangsweise gebrochen hatte, weil sie ideologisch leider im Mittelalter hängengeblieben war, machte Stefanos Familie mit ihrer herzlichen Art mehr als wett.

Brombspeidel gab sich größte Mühe, mit dem letzten Bissen Knödel den gesamten Bratensaft, der sich noch auf ihrem Teller befand, aufzutunken. Ihr war deutlich anzusehen, dass sie den Teller am liebsten hochgehoben und mit der Zunge saubergeschleckt hätte. Trotz ihrer von Zeit zu Zeit mangelnden Manieren verkniff sie sich das aber zum Glück. Stattdessen meinte sie: »Kaffee und Brombeere? Das klingt himmlisch. Ich glaube, dann verzichte ich lieber auf das Schnitzel, das ich mir jetzt eigentlich noch gönnen wollte. Dieser Jumpsuit ist leider Gottes ziemlich körperbetont geschnitten. Meinst du, ihr könntet mir später eines einpacken lassen? Fürs Frühstück morgen?«

Ein herzliches Lachen entfuhr dem Gruppeninspektor. »Schnitzel fürs Frühstück, wird gemacht, Eva. Ich sorge natürlich auch dafür, dass du von beiden Sorten der Torte jeweils ein großes Stück mit nachhause bekommst, va bene?«

Die junge Frau gab ihrem Kollegen einen Schmatzer auf die Wange. »Va bene! Danke, Stefano, du bist der Beste. Ich freue mich schon aufs Frühstück morgen.«

Ein Frühstück, das so nie stattfinden sollte.

 

*

 

Damals

 

»Gefesselt, geknebelt und in der Donau versenkt. So einen Tod verdient wirklich niemand.«

Chefinspektor Baugruber, ein patenter, stattlicher Mann Ende fünfzig, blickt seinen jungen Kollegen ernst an. Er weiß noch nicht so recht, was er von diesem Meierhofer halten soll. Sein Ruf eilt ihm zwar voraus – er ist ein überaus intelligenter Polizist aus Leidenschaft, sieht den Beruf als Berufung, ist bereit, alles dafür zu geben. Ganz wie sein Vater, der letztes Jahr tragischerweise im Dienst verstorben ist. Dieser Meierhofer, er hat den Polizisten in den Genen, so viel ist unbestritten. Aber macht ihn das auch zu einem guten Kriminalbeamten? Wird er dem Druck, der psychischen Belastung standhalten? Hat er diesen Instinkt, das Bauchgefühl, das es neben all den anderen Dingen braucht?

»Ich hab’ mich darum gekümmert, dass das Seil und das Klebeband so rasch wie möglich analysiert werden, Chef. Vielleicht finden wir so heraus, wo der Täter diese Utensilien erstanden hat«, reißt der junge Polizist den Chefinspektor aus seinen Gedanken. »Dieter Doppler wird sich darum kümmern.«

»Dieter Doppler. Ist das dieser Hippie?« Baugruber zieht skeptisch die Augenbrauen hoch.

Meierhofer lacht kurz auf.

»Allerdings, das ist er. Wahrscheinlich wird Dieter noch mit sechzig Jahren lange Haare tragen und die freie Liebe predigen. Nichtsdestotrotz, er ist ein fähiger Mann, Chef. Es ist unbeschreiblich, wie gut er sich mit diesem neumodischen Computerzeugs auskennt. Ich verfasse meine Berichte ja lieber an meiner guten alten Schreibmaschine, aber Dieter, der steigert sich richtig in diese Computersache hinein. Er hat mir von diesem neuartigen World Wide Web erzählt und davon, dass damit wahrscheinlich früher oder später die gesamte Welt vernetzt sein wird. Dieter denkt, dass wir es vielleicht schon bald verwenden werden, um nach Informationen zu den verschiedensten Themen zu suchen oder uns mit Leuten aus anderen Ländern auszutauschen. Er glaubt, dass irgendwann jedes Kind weiß, wie man einen Computer bedient und auch in fast jedem Haushalt mindestens eines dieser Geräte zu finden ist. Natürlich klingt das abstrus und vielleicht ist Dieter ein Träumer, aber beruflich weiß er zu hundert Prozent, was er tut. Sie können unbesorgt auf ihn vertrauen.«

Sich über Computer mit Leuten aus anderen Ländern austauschen? Auf jemanden, der an so etwas glaubt, soll er vertrauen? Ein Seufzer entfährt Chefinspektor Baugruber. Er muss sich wohl damit abfinden, dass die Jungen hier über kurz oder lang das Zepter in der Hand haben werden. Die topmoderne Kremser Außenstelle des Landeskriminalamts Niederösterreich, sie ist seit ihrer Eröffnung sein zweites Zuhause. Wenn er in einigen Jahren in Pension geht, möchte er sie in guten Händen wissen. Ob dieser Meierhofer in ein paar Jahrzehnten noch hier sein wird? Ob er in seine Fußstapfen als Chefinspektor treten wird? Nun, das wird sich weisen. Noch ist er diesbezüglich skeptisch.

»Was halten Sie davon, ein weiteres Mal den Fundort der Leiche zu inspizieren, Chef? Eventuell haben die Kollegen der Spurensicherung doch etwas übersehen? Also nicht, dass ich die Gründlichkeit der Arbeit der Kollegen infrage stellen möchte, aber einen Versuch wäre es doch wert. Ein neuer Blickwinkel, eine andere Perspektive und etwas Abstand, manchmal wirkt das Wunder.«

Erwartungsvoll sieht Meierhofer den Chefinspektor an. Der spürt deutlich, dass sein junger Kollege nichts unversucht lässt, um in diesem Fall weiterzukommen. Eine Tatsache, die ihm den Mann äußerst sympathisch macht. Diese Energie, diesen Einsatz, diesen Willen, genau das braucht ein guter Kriminalpolizist. Er geht zur Kaffeemaschine, nimmt die gläserne Kaffeekanne in die Hand und schenkt sich eine weitere Tasse des einmaligen Filterkaffees ein.

»Wollen Sie auch noch einen, Meierhofer?«, fragt er, ohne auf den Vorschlag seines Kollegen einzugehen. Ein bisschen muss er ihn schon schmoren lassen. Er soll doch nicht übermütig werden.

»Gerne, Chef. Mit viel Milch bitte.«

Kopfschüttelnd holt Baugruber ein Packerl Milch aus dem Kühlschrank.

»Sie sind der einzige erwachsene Mann, den ich kenne, der keinen Alkohol trinkt, dafür aber literweise Milch«, murmelt er.

»Kalzium ist gut für die Knochen«, erwidert der junge Polizist grinsend. »Hab’ ich Ihre Erlaubnis, mir den Fundort noch einmal genauer anzusehen, Chef? Ich mach das auch allein, wenn Sie keinen Sinn darin sehen.«

»Allein macht man in unserem Job grundsätzlich nichts, Meierhofer, schreiben Sie sich das hinter die Ohren! Keine Alleingänge! Die führen zu nichts als Ärger und Problemen.« Baugruber legt eine beinahe theatralische Kunstpause ein, dann meint er: »In Ordnung, lassen Sie uns nochmal nach Stein fahren! Ich hoffe allerdings für Sie, dass das keine Zeitverschwendung ist. Denn wenn wir etwas nicht haben, dann ist es Zeit. Ich werde das Gefühl nicht los, dass der Täter ein weiteres Mal zuschlagen könnte. Wir müssen ihm zuvorkommen. Eine weitere Frauenleiche ist das Letzte, was wir hier in der Wachau brauchen können.«

 

Kapitel 2

 

Die Hochzeitsfeier hatte sich mittlerweile zu einem rauschenden Fest entwickelt. Seit eine lokale Band die klassischen Partyknüller wie Joana und Living Next Door to Alice zum Besten gab, war die Menge nicht mehr zu halten. Sogar Meierhofer schwang mit seiner Irene das Tanzbein und ließ sich zu der einen oder anderen unterstützenden Gesangseinlage verleiten, etwas, das er schon seit Längerem nicht mehr getan hatte. Der Wein floss in Strömen – der süditalienische ebenso wie der aus der Wachau – und die mitternächtliche Gulaschsuppe war gerade in Vorbereitung. Aufgrund der doch deutlich herbstlichen Abendtemperaturen war das Geschehen bereits vor einigen Stunden gänzlich ins gemütliche Innere des Heurigenlokals verlegt worden.

»Ich geh’ nur schnell aufs Klo.«

Brombspeidel griff nach ihrer eleganten Handtasche in einem dezenten Roséton, die sie sich, wie auch den Jumpsuit, extra für Stefanos Hochzeit zugelegt hatte, und ließ die ausgelassen Feiernden für einen Moment hinter sich. Wie bei vielen Heurigenlokalen, die sie kannte, waren auch bei diesem die Toiletten in einem Extragebäude untergebracht.

Sie überquerte den urigen Hof und machte sich auf den einige hundert Meter langen Weg zur Damentoilette. Dabei zog sie fröstelnd den glitzernden Poncho, der im gleichen Roséton gehalten war wie ihre Handtasche, fester um sich. Ihre Füße froren in den eleganten Ballerinas, die sie sich von ihrer Mutter geliehen hatte, weil sie ausschließlich Sneakers besaß und nicht vorgehabt hatte, wegen einer Hochzeit mit dieser Tradition zu brechen. Wenn sie je heiraten sollte, würde sie ihren Gästen ausdrücklich erlauben, in Turnschuhen an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Noch besser, sie selbst würde als Braut Sneakers tragen. Schließlich sollte sich niemand aufgrund ihrer Hochzeit eine Blasenentzündung holen, schon gar nicht sie selbst.

Brombspeidel lief ein weiterer kalter Schauer über den Rücken. Der Poncho wärmte sie nur marginal. Sie hätte sich eine Jacke mitnehmen sollen – Eleganz hin oder her. Ein Blick in die umliegenden Hügel der Wachau, die nun in das kalte Licht des Vollmonds getaucht wurden, bestätigte ihre Vermutung. Der Nebel hing zwischen den Bäumen und in den Weingärten, der Herbst war nicht mehr aufzuhalten. Nicht, dass die junge Polizistin ein Problem damit gehabt hätte. Als gebürtige Litschauerin war sie mystische Herbsttage und kühle Temperaturen durchaus gewohnt. Nur trug sie normalerweise um diese Jahreszeit eben keine dünnen Jumpsuits, Ballerinas und Glitzerponchos.

Ein kurzes Schwindelgefühl brachte die junge Frau für einen Moment aus dem Gleichgewicht. Vielleicht hätte sie sich beim selbstgemachten Limoncello, den Stefanos Nonna ihr in großzügigen Mengen angeboten hatte, ein wenig zurückhalten sollen. Nicht, dass es an einer soliden Unterlage gemangelt hätte. Allerdings war es mittlerweile auch schon wieder einige Stunden her, dass sie jeweils ein beachtliches Stück der Kaffee- und der Brombeertorte verdrückt hatte. Na ja, nicht mehr lange und sie würde eine deftige Gulaschsuppe bekommen. Die ideale Voraussetzung für weitere süditalienische Limoncelli.

Ein Geräusch ließ Brombspeidel für eine Sekunde zusammenzucken. Schritte. Eindeutig. Die Polizistin lachte kurz auf. Seit wann war sie so schreckhaft? Nachdem sie nicht die Einzige war, die während der letzten Stunden jede Menge alkoholische und antialkoholische Getränke konsumiert hatte, war sie wohl auch nicht die Einzige, die nun die Toilette aufsuchen musste.

»Entschuldigen Sie bitte, ich glaube, Sie haben das hier verloren.« Die tiefe, sonore Bassstimme sorgte bei Brombspeidel für einen weiteren kalten Schauer. Sie kam ihr nicht bekannt vor. Oder etwa doch? Langsam drehte sie sich zu dem Hünen um, der ihr etwas entgegenstreckte. Er war dunkel gekleidet, hatte sich einen Schal weit ins Gesicht gezogen und eine dünne Haube verbarg den Großteil seines Kopfes. Die Leine in seiner linken Hand und die Bauchtasche, die er trug, bestätigten Brombspeidels Vermutung, dass es sich nicht um einen der Hochzeitsgäste handelte.

»Hier, bitte, das haben Sie verloren … Haben Sie vielleicht meinen Hund gesehen? Ferdinand heißt er. Er ist ein Rauhaardackel.«

Die Kriminalbeamtin atmete erleichtert auf. Manchmal hatte sie tatsächlich einen Hang zur Paranoia. Das musste an ihrem Beruf liegen. Ein Hundebesitzer, der eine nächtliche Gassi-Tour unternahm. Nichts weiter.

»Ich denke nicht, dass ich etwas verloren habe«, erwiderte sie lächelnd, griff aber dennoch nach dem kleinen Zettel, den ihr der ominöse Fremde immer noch entgegenhielt. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, worum es sich handelte. »Das ist ein Tombola-Los. Ich wusste gar nicht, dass Stefano und Dominik eine Tombola geplant haben. Das ist ja eine nette Idee.«

»Welche Nummer haben Sie denn?«, fragte der Mann, während er augenscheinlich nach seinem Rauhaardackel Ausschau hielt. Er drehte sich dazu für einen Moment von der Polizistin weg und öffnete die Bauchtasche, in der die junge Frau Hundeleckerlis und Kotbeutel, von ihrem Chef liebevoll Gackisackerl genannt, vermutete.

»Einundneunzig«, war das Letzte, was über Brombspeidels Lippen kam, bevor sie einen verräterischen Geruch wahrnahm und kurz darauf das Bewusstsein verlor.

 

*

 

Damals

 

»Chef, sehen Sie sich das an! Die Spuren hier an diesem Baum, haben Sie darüber etwas im Bericht der Spurensicherung gefunden?«

Meierhofer deutet auf die Rinde eines mächtigen Baumes, dessen Äste in die Donau, die momentan ziemlich hoch steht, ragen. Die beiden Polizisten befinden sich auf dem Treppelweg zwischen Krems und Stein, wo vor genau fünf Tagen ein junger Mann während eines Spaziergangs mit seinem Rauhaardackel eine Frauenleiche gefunden hat.

Chefinspektor Baugruber geht auf den Baum zu.

»Das ist doch der Baum, in dem sich die Leiche verfangen hat, nicht wahr, Meierhofer?«

Der junge Polizist nickt zustimmend. »Allerdings, das ist er.«

»Soweit ich mich an den Bericht der Spurensicherung erinnern kann, steht da nichts von diesen Einkerbungen hier.« Baugruber fährt mit der rechten Hand, die natürlich vorschriftsgemäß behandschuht ist, über eine kaum sichtbare Kerbe in der Baumrinde.

»Es sieht aus, als ob sich etwas in die Rinde eingegraben und sie dabei verletzt hätte«, führt Meierhofer aus. »Und ich glaube, ich weiß auch, warum Sie dazu nichts im Bericht der Spurensicherung gefunden haben - ich übrigens auch nicht. Weil dieser Teil des Baumstamms vor fünf Tagen, als man die Leiche gefunden hat, noch unterhalb der Wasseroberfläche gewesen ist. Der Wasserpegel der Donau ist in den letzten Tagen stark gesunken. Ich hab’ bei der Feuerwehr angerufen und das überprüft.«

Chefinspektor Baugruber zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. Dieser Meierhofer zeigt Eigeninitiative. Das gefällt ihm.

»Zum Glück ist der Wasserpegel gesunken«, meint er schließlich. »Mein Schwiegervater behauptet steif und fest, dass es heuer bei uns noch ein Jahrhunderthochwasser geben wird. Ich weiß zwar, dass das nur die kruden Ideen eines sehr alten Mannes sind, aber nachdem es bei jedem Familienessen ein Thema ist, mach ich mir langsam wirklich Sorgen. Vor allem, wenn der Wasserpegel der Donau steigt.«

Der junge Polizist überlegt einen Moment, was er erwidern soll, nickt dann aber nur stumm. Wachau und Hochwasser, das sind zwei Begriffe, die leider Gottes untrennbar miteinander verbunden sind. Jeder, der an der Donau lebt, genießt die Vorzüge, ist sich aber durchaus auch der Gefahren bewusst. Das ist bei ihm selbst nicht anders.

»Was, denken Sie, könnte diese minimale Kerbe verursacht habe?«, wechselt Baugruber nun zum Glück das Thema.

Meierhofer überlegt nicht lange. »Ein Drahtseil, das wäre zumindest meine erste Vermutung. Ich denke, dass etwas an diesem Baum befestigt und mit Gewalt unter Wasser gehalten wurde. Eventuell mit einem Gewicht beschwert. Irgendetwas in der Art.«

Erneut zieht Baugruber, der sofort versteht, wo­rauf der junge Polizist hinauswill, die Augenbrauen hoch. »Sie denken, dass dieser Ort nicht nur der Fundort der Leiche, sondern auch der Tatort ist?«

Meierhofer nickt. »Ich denke, dass unser Täter die junge Frau gefesselt und geknebelt hat. Dann hat er sie, mit einem Gewicht beschwert, in der Donau versenkt. Um den Körper der Frau an Ort und Stelle zu halten, hat er ihn mithilfe eines Drahtseiles am Baum befestigt. Als Todesursache kommt laut Gerichtsmedizin nur Ertrinken infrage, und das Opfer hatte ausschließlich Donauwasser in der Lunge. Die junge Frau muss also in der Donau ertrunken sein. Ich denke halt, dass sie nicht irgendwo weiter oben in der Wachau ins Wasser geworfen und dann bis nach Stein abgetrieben worden ist, sondern dass wir uns hier am Tatort befinden.«

Chefinspektor Baugruber ist sichtlich skeptisch,

»Ich weiß nicht, Meierhofer, ein Mord auf dem Treppelweg, noch dazu ein derart komplizierter, der hätte doch ganz sicher Aufsehen erregt.«

»Nicht unbedingt.« Der junge Polizist holt tief Luft, dann entgegnet er: »Nachts ist hier auf dem Treppelweg nichts los. Und von der Straße aus sieht man definitiv nicht bis zum Wasser runter. Wenn das Opfer sediert war, als es geknebelt und gefesselt wurde, dann hätte es zumindest nicht durch Schreie Aufmerksamkeit erregen können. Vielleicht hat der Täter ja Chloroform benutzt, um sein Opfer wehrlos zu machen. Das geht rasch und ist unspektakulär. Wissen Sie, ob das Blut des Opfers auf Spuren von Chloroform untersucht wurde?«

Ein stummes Schulterzucken ist Baugrubers ernüchternde Antwort.

»Wie auch immer«, fährt Meierhofer fort, »wenn dieser Ort nicht nur der Fundort der Leiche, sondern auch der Tatort ist, dann ändert das doch einiges, denken Sie nicht?«

Chefinspektor Baugruber streicht noch einmal über die Kerbe in der Baumrinde. »Allerdings, das tut es. Eines verstehe ich aber nicht, Meierhofer. Wenn der Täter das Opfer mit einem Drahtseil an diesem Baum befestigt hat, wo ist das Seil dann hin verschwunden? Als die Leiche gefunden wurde, war da weit und breit kein Drahtseil.«

Ein wissendes Lächeln macht sich auf dem Gesicht des jungen Polizisten breit. »Na ja, ich denke, unser Täter hat Nerven wie eben dieses Drahtseil und es entfernt, kurz bevor das Opfer von Ferdinand gefunden wurde.«

»Ferdinand?«, hakt Baugruber nach.

»Der Rauhaardackel, Chef. Der Rauhaardackel, der die Leiche entdeckt hat, heißt Ferdinand.«

 

*

 

»Azzurro!«, dröhnte es durch das Wachauer Heurigenlokal, in dem die Stimmung kurz vor Mitternacht am absoluten Höhepunkt war.

Stefanos Nonna hatte sich diesen Italo-Pop-Klassiker gewünscht und jetzt legte sie, gemeinsam mit Meierhofer, eine flotte Sohle aufs Parkett. Die beiden gaben ein amüsantes Paar ab – der stattliche Wachauer Weihnachtsmannverschnitt und die im Vergleich dazu winzig wirkende alte Italienerin, die es auf der Tanzfläche krachen ließen, wie John Travolta und Uma Thurman einst in Pulp Fiction. Um die Tanzenden herum hatte sich ein Kreis aus Hochzeitsgästen gebildet, der das ungewöhnliche Duo frenetisch anfeuerte.

»Wooooooooo! Molto bene, Nonna! Weiter so! Zeig’s ihm!«, grölte Stefano, den seine Kollegen sonst eher nobel zurückhaltend kannten, gerade.

Wie dem Großteil der Hochzeitsgäste waren auch ihm der ausgezeichnete Wein, der köstliche Marillenschnaps und Nonnas unvergleichlicher Limoncello zu Kopf gestiegen. Wohl einer der Hauptgründe, warum noch niemand bemerkt hatte, dass eine in der ausgelassenen Runde fehlte: Eva Brombspeidel.

Nachdem die schwungvolle Tanzeinlage ein atemloses Ende gefunden hatte, verkündete Dominik endlich, worauf viele der Hochzeitsgäste bereits sehnsüchtig gewartet hatten: »Ihr Lieben, die Gulaschsuppe ist fertig! Lasst es euch schmecken!« Augenblicklich bildete sich eine meterlange Schlange am Buffet, was die Band dazu bewog, launisch Die heiße Schlacht am kalten Buffet von Reinhard Mey zum Besten zu geben. Eines musste man der Kremser Truppe lassen, sie hatten ein äußerst abwechslungsreiches Repertoire vorzuweisen.

»Eva! Endlich gibt’s etwas für dich zu essen! Los, los, auf zur Gulaschsuppe, das ist ein Befehl!«, bellte Meierhofer, der an diesem Abend allen Anwesenden eindrucksvoll bewies, dass man auch als Antialkoholiker jede Menge Spaß haben konnte. »Eva!?« Suchend blickte sich der Chefinspektor um, scannte das gesamte Heurigenlokal nach Brombspeidels kurzem, flippigem Haarschopf und dem rosa Hosenanzug. Nichts.

»Hast du Eva gesehen, Schatz?«, wandte er sich schließlich hilfesuchend an seine bessere Hälfte. Die zuckte lediglich mit den Schultern. »Ich glaube, sie wollte aufs Klo gehen. Das ist aber schon eine Weile her. Es war auf alle Fälle weit vor deiner beeindruckenden Tanzeinlage mit Stefanos Oma. Vielleicht raucht sie noch eine?«

Vehement schüttelte Meierhofer, in dessen Bauch sich ein unangenehmes Gefühl breitmachte, den Kopf. »Ganz sicher nicht. Eva raucht nicht.«

»Dann pudert sie sich wahrscheinlich noch die Nase«, schlug Irene vor.

Ein weiteres kriminalpolizeiliches Kopfschütteln war die Folge. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass Eva Schminke in ihrem Handtascherl hat. Hoffentlich ist sie nicht umgekippt. Sie hat Unmengen von diesem Limoncello getrunken.«

»Soll ich aufs Klo schauen? Sie suchen gehen?«, bot Irene, die dachte, dass ihr Mann ein wenig überreagierte, nichtsdestotrotz an.

»Ja, bitte, aber nicht allein! Ich begleite dich.« Der Chefins­pektor schlang einen Arm um die Schulter seiner Frau und wandte sich an das Hochzeitspaar. »Irene und ich gehen schnell ein bisschen Luft schnappen.« Er wollte nicht, dass Stefano und Dominik mitbekamen, was los war. Sie sollten sich keine Sorgen machen, sondern ihre Hochzeitsfeier in vollen Zügen genießen.

»Frische Luft schnappen, so nennt man das in eurem Alter also«, kommentierte Stefano flapsig.

Dominik meinte zeitgleich: »Aber anständig bleiben!«

öääü»ä«

Als der Chefinspektor und seine Gattin den Hof betraten, den sie, um zu den Toiletten zu gelangen, überqueren mussten, beutelte es beide für einen Moment.

»Himmel, es ist kalt geworden! Lange dauert es nicht mehr, bis ich in der Früh wieder das Auto abkratzen muss«, gab sich Irene alle Mühe, die drückende Stimmung, die in der Luft lag, etwas aufzulockern.

Meierhofer, der seinen Trachtenjanker auszog, um ihn seiner Frau gentlemanlike um die Schultern zu legen, erwiderte nichts. Etwas stimmte hier nicht. Ganz und gar nicht.

»Mach dir keine Sorgen, Schatz. Eva ist eine erwachsene Frau. Es wird ihr schon nichts passiert sein«, versuchte Irene ihren Mann, dessen Anspannung deutlich zu spüren war, zu beruhigen. Schweigend setzten sie ihren Weg fort, bis sie vor der Damentoilette standen.

»Ich geh’ rein«, meinte Irene knapp. »Eva!? Ist alles okay mit dir? Eva!?«

Einen Moment lang passierte gar nichts. Der Chefinspektor hielt die Luft an, bis seine Frau wieder auftauchte. »Nichts, auf der Damentoilette ist niemand. Meinst du, sie hat die Herrentoilette benutzt? Betrunken, wie sie war, wäre das durchaus möglich. Schau bitte nach, Hans!«, schlug Irene schließlich vor.

Der warf einen kurzen Blick auf seine Frau.

»Jetzt geh’ schon, ich verschwinde nicht, versprochen!«, versicherte diese ihm eindringlich, weshalb er letztendlich beschloss, ihrem Drängen nachzugeben.

»Eva!? Bist du hier irgendwo!? Eva?!« Für die Toilette eines Heurigenlokals war diese ungewöhnlich geräumig. Der Chefinspektor inspizierte jede der Kabinen, doch nirgends fand er auch nur eine Spur von Eva.

Als er die Herrentoilette – sein Handy in den Händen, um die Revierinspektorin, die sich scheinbar in Luft aufgelöst hatte, anzurufen – wieder verlassen hatte, erlebte Meierhofer einen weiteren Schockmoment. Irene, sie war nicht da.

»Irene!?«

»Hier bin ich, Hans!«, tönte es aus einigen Metern Entfernung. Irene stand vor einer mächtigen Linde, an der sich eine dunkelrote Rebe wilden Weins nach oben rankte. »Flipp jetzt bitte nicht aus, Schatz, aber ich glaube, das ist Evas Handtasche«, meinte sie, als ihr Gatte neben sie trat.

Der Anblick der kleinen Tasche in blassem Rosa, oder wie immer dieser Farbton genannt wurde, ließ die Alarmglocken in Meierhofers Kopf schrillen.

»Greif sie nicht ohne Handschuhe an, Irene!«, befahl er seiner besseren Hälfte, bevor er in seinem Handy nach Gregors Nummer suchte.

Doch nicht die Handtasche war es, die den Chefinspektor dazu bewog, mit dem Spurensicherer Kontakt aufzunehmen, sondern das himmelblaue Tombola-Los, das jemand mit einem Stück silberfarbenen Gewebebands an dieser befestigt hatte.

Das Tombola-Los, auf dem vier handschriftliche Worte standen: Mögen die Spiele beginnen.