
E-Book (EPUB)
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2022
Alle Rechte vorbehalten.
Covergestaltung: unter Verwendung eines Fotos, welches Boris Althaus freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat
EPUB: ISBN 978-3-86393-585-6
Auch als gedrucktes Buch erhältlich:
Print: ISBN 978-3-86393-126-1
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Zur Einführung
»Theokratie von oben versus Theokratie von unten«
Schoeps’ und Taubes’ Vergleichbarkeit als Historische und Politische Theologen
Schoeps’ Theokratie von oben
Taubes’ anarchistischer Marxismus und Surrealismus
Taubes’ Rezeption der Kritischen Theorie im allgemeinen und Herbert Marcuses im besonderen
Taubes’ moderner Marcionismus und Schoeps’ Kritik am bereits antiken
Taubes’ linksintellektuelle Avantgarde versus Schoeps’ rechtsintellektuelle Elite
Fazit
Walter Benjamin und das »Vater unser«
Moderne Gnosis, jenseits von Christen- wie Judentum
»Das ist die Synagoge, in die ich nicht gehe.«
Anmerkungen
Erstveröffentlichungsnachweise
»Ad Jacob Taubes« ist bereits der Untertitel eines von Eveline Goodman-Thau, Thomas Macho und mir 2001 herausgegebenen Sammelbandes in Erinnerung an den 1923 in Wien geborenen und 1987 in Berlin verstorbenen, heutzutage weltweit als »Religionsphilosoph« gehandelten Judaisten und Religionssoziologen Taubes gewesen.1 Verdankte sich der Haupttitel »Abendländische Eschatologie« dessen einziger zu Lebzeiten publizierten Monographie, der unter diesem Titel erschienenen Zürcher Dissertation von 19472, so der Untertitel dem Haupttitel, den Taubes kurz vor seinem Tod für den schmalen Sammelband seiner »Carl Schmitt«-Miszellen erfolgreich vorgeschlagen hatte: »Ad Carl Schmitt«3.
Taubes, der fast durchgängig in (absoluten) Gegensätzen dachte, von Antipoden her und auf sie hin4, betrachtete seit den Basler und Zürcher Studientagen – in engem Kontakt mit Armin Mohler nicht weniger als mit Lucien Goldmann5 – Schmitt als seinen Feind par excellence. Das ist seit dem posthumen Erscheinen von »Ad Carl Schmitt. Gegenstrebige Fügung« nicht selten übersehen worden – fasziniert oder tremendiert von der »Fügung«, ihr Gegenstrebiges unentschuldbar überlesend. Wie auch immer, ich bin von Taubes (Carsten Colpe, Klaus Heinrich und Wolf Lepenies) 1973 mit einer durchgängig kritischen Dissertation über nicht zuletzt Carl Schmitt promoviert worden6 und war dann vor allem dank ihrer 1980–83 sein Hochschulassistent.7
Im Vorliegenden spielt Carl Schmitt explizit so gut wie keine Rolle, dennoch profiliert mein erster Aufsatz Taubes (ganz in seinem Sinne) ex contrario: im Vergleich mit dem dezidiert deutsch-jüdischen bzw. jüdisch-deutschen Geistes- und Religionshistoriker Hans-Joachim Schoeps8; Taubes war trotz seines entschiedenen Judentums und seiner großen – selbst so charakterisierten – »Germanophilie« faktisch, wenn auch nicht juridisch »staatenlos«. Jedenfalls muss er als einer der prominentesten »Antipoden« des (gleich Schmitt) konservativ-revolutionären Schoeps angesehen werden: Stand der zeitlebens preußisch-monarchistisch Gesonnene für schöpfungstheologische »Theokratie von oben«, so der bekennende Antinomist Taubes – in noch so unterschiedlichen Konstellationen – für messianische »Theokratie von unten«. Gleich seinen mit wichtigsten Lehrern Martin Buber und Gershom Scholem war er ein religiöser Anarchist; so wie immer mal wieder auch Scholems engster Freund und Taubes’ bedeutendster Inspirator Walter Benjamin: Taubes exegetisierte vor allem dessen »Thesen über den Begriff der Geschichte« wie einen heiligen Text – gelernter Rabbiner, der der promovierte Philosoph auch war (im Unterschied zum noch so synagogenfrommen Schoeps).
Weder Taubes noch Schoeps haben (schriftlich) gegeneinander polemisiert, letzterer hat sich jedoch von Benjamin und Adorno, vor allem aber – schon in seiner frühen Jugend – von Scholem deutlichst distanziert (so wie später Taubes von Schmitt und ihm Geistesverwandten). Bemerkenswert ist freilich auch, dass Taubes seinerseits in einem Dauerzwist mit Scholem lebte, seit es in den frühen 50er Jahren zum Bruch zwischen geistigem Vater und geistigem Sohn gekommen war. Dass man den »Familienkrach« nicht aufs Gruppendynamische reduzieren darf, zeigen meine beiden folgenden Aufsätze – wenn auch nur peripher.
Zentral geht es im ersten Fall, wie schon der Titel verrät, um »Walter Benjamin und das ›Vater unser‹«, obwohl gleich mit einem Zitat aus Susan Taubes’ partiellem (!) Schlüsselroman »Divorcing«9 begonnen und mit einem Zitat aus einer der Jacob Taubesschen Streitschriften gegen Scholem geschlossen wird. Doch diese Referenzen bieten sich inhaltlich an: Die beiden Taubes hatten ganz im Unterschied zu Scholem ein sicheres Wissen um die Auch-, wenn nicht Vornehmlich-Christlichkeit des »Vater unser« und anderer von Benjamin noch in seinen allerletzten »Thesen« rezipierter Theologumena. Für die beiden modernen Gnostiker bzw. Marcioniten Taubes handelte es sich nicht zuletzt um marcionitische, also extrem ›ketzerische‹, freilich gerade deshalb auch für ein – von Scholem an sich gleichfalls – favorisiertes unorthodoxes/antinomistisches Judentum brauchbare, ja nützliche Theologumena.
Der vorletzte meiner hier wieder abgedruckten »Taubes«-Essays ist bereits mit »Moderne Gnosis« überschrieben; nur veranlasst von der letzten zu erwartenden Sammlung Jacob-Taubesscher Aufsätze durch die nicht erst ihretwegen verdienstvollen Herausgeber Herbert Kopp-Oberstebrink und Martin Treml. Die beiden glauben – deswegen ihr Sammlungs-Titel »Apokalypse und Politik« – Taubes primär als Apokalyptiker identifizieren zu sollen, doch meiner festen Überzeugung nach outet sich Taubes schon in der Dissertation von 1947 primär als Gnostiker, d.h. Post-Apokalyptiker. Jedenfalls habe ich meiner kritischen Rezension mit Fleiß diese verba ipsa vorangestellt: »Wenn Apokalyptik eine mögliche Antwort auf eine Situation ist, die Leo Festinger auf die Formel brachte: when prophecy fails, so ist es vielleicht nicht zu verwegen, Gnosis auf die Formel zu bringen: when apocalyptism fails.« Und, schon in der »Abendländischen Eschatologie« nachlesbar: »Paulus bezeichnet genau den Ort der Wende von der christlichen Apokalyptik zur christlichen Gnosis«: zu Paulus’ für Taubes allentscheidenden Schüler Marcion. Paulus selbst ist für Taubes, noch in seinen testamentarischen Vorlesungen (kurz vor seinem Tod gehalten), in aller Regel bloß der Deckname für diesen »Erzketzer«, Marcion also Taubes’ wahrer »Apostel«.
Unabhängig davon oder gerade deshalb ist nicht genug zu unterstreichen, was Christoph Schulte wie folgt auf den Punkt gebracht hat: »Der Kontext der Abendländischen Eschatologie und ihres Entstehens, besonders auch ihrer Paulus-Interpretation mit Paulus als dem Wendepunkt zur Gnosis und ihrer Weltverachtung ist Taubes’ unmittelbare Erfahrung der Shoah.« – Taubes war existenziell Jude, doch eben deshalb: nach Auschwitz, auf eine sehr spezielle, hergebrachte innerreligiöse Grenzen nicht mehr achtende Weise. Ich zitiere vorab aus meinem Aufsatz »Moderne Gnosis, jenseits von Christen- wie Judentum«:
•»Selbstverständlich gibt es gerade für Taubes Häresie auch innerhalb des Judentums, mit der allein schon bemerkenswerten Pointe freilich, dass prominent die Sabbatianer in die Häresie ›abgedrängt‹ worden seien. Doch damit nicht genug; seinen partiellen Lehrer Gershom Scholem radikalisierend, diesem ausdrücklich widersprechend, vertritt Taubes entschieden die These, dass just die von Scholem erschlossenen Quellen ›einen Grad von Verinnerlichung der messianischen Idee im Judentum – in Krise – anzeigen, die alle gängigen christlichen Verinnerlichungen der messianischen Idee von Erlösung einholt und überholt.‹«
•»Jüdische Mystik alias Kabbala kann in wesentlicher Hinsicht christlicher als christliche Mystik sans phrase sein – nur ein und ein recht spätes Beispiel für die enormen Schwierigkeiten distinkter Grenzziehung zwischen Jüdischem und Christlichem – mauert man sich nicht ein in irgendwelche ›Orthodoxien‹, was Taubes von seiner ersten Publikation an – schlicht mit Kabbala überschrieben – stets abgelehnt hat.«
•»Seinem integralen Antipoden Carl Schmitt entgegen, der ihm prominent ›als Großinquisitor gegen die Häretiker‹ erschien, sympathisierte Taubes lebhaft mit den sogenannt sektiererischen, gerade auch ›freikirchlichen Zusammenschlüssen von Menschen‹ und zwar in politicis wie in religionibus. Deren ›Prinzip‹ habe ›eine ehrwürdige Tradition‹, die die jüdischchristliche Grenze souverän mißachte.«
Pointe der Pointe: Taubes missachtete auch die religiös-areligiöse Grenze, noch kurz vor seinem Tod: »Ich denke nicht theologisch. Ich arbeite mit theologischen Materialien, aber ich denke geistesgeschichtlich, realgeschichtlich.« Taubes’ Arbeiten sind von religionssoziologischer bzw. -politologischer Relevanz.

Mein den vorliegenden Band abschließendes Dossier enthält eine kommentierte Sammlung politisch-religiöser Witze. Man kann auch von einem »Collage-Essay« über solche – nicht zuletzt Taubessche – Witze sprechen, rekurrierend auf mein frühes Büchlein »Der Collage-Essay. Eine wissenschaftliche Darstellungsform« (von 1979 bzw. 2005). Ich zitiere hier nur noch diesen einen, meinem Dossier den Titel gebenden Witz – von Jacob Taubes selbstverständlich: »Ein Schotte wird schiffbrüchig. Ich weiß nicht genau, warum es genau ein Schotte sein muss, stelle mir aber vor, dass es sich um einen nüchternen, skeptischen, wohl auch tüchtigen Geschäftsmann – von durchaus moralischer Art – handeln soll. Und dieser Schiffbrüchige kann sich auf eine winzig kleine Insel retten. Zunächst hält er sie für unbewohnt, bis er einen einzigen Menschen entdeckt, der in eigentümlicher Kleidung vor einem nicht weniger eigentümlichen Gebäude steht. Wie sich beim gegenseitigen Bekanntmachen herausstellt, handelt es sich um einen ostjüdischen Rabbi im Kaftan samt dazugehöriger Synagoge. Er zeigt dem Schotten auf einem Rundgang ›seine Insel‹. ›Dies ist mein Wasserplatz, hier finde ich Pilze, dort angle ich Fische.‹ Usw. usf. Bis sie beide zum anderen Ende der Insel kommen, wo, bisher unsichtbar, nochmals ein Gebäude steht und zwar völlig identisch mit ersterem. Der zurückhaltende Schotte kann sich nicht enthalten zu fragen, was das denn nun sei. Völlig cool, wie wenn er selbst Brite wäre, antwortet ihm der Rabbi: ›Das ist die Synagoge, in die ich nicht gehe.‹ – Aber, so füge ich kommentierend hinzu, gerade deshalb benötige«: um mich zu identifizieren bzw. zu definieren, von meinen Feinden abzugrenzen.
Der geneigte (oder auch ungeneigte) Leser erkennt blitzartig, dass sich hier – in Margherita von Brentanos favorite unter den nicht wenigen Witzen ihres Ehemanns – Taubes selbst charakterisiert; auf haggadische Weise, wenn man will. Das ›halachische‹ Merke lautet10: »Denke antipodisch, Aug’ in Aug’ mit Gegnern, wenn nicht Feinden!«11
Berlin, Oktober 2021 |
Richard Faber |
»Wir denken grundsätzlich von oben her:
Königtum und Obrigkeit von Gottes Gnaden.«
Hans-Joachim Schoeps am 18. März 1950
an Schalom Ben-Chorin
»[…] ich denke von unten her.«
Jacob Taubes, Carl Schmitt –
Ein Apokalyptiker der Gegenrevolution, 1985
Ich möchte hier ausführen, was ich in meiner Monographie über den historischen und politischen Theologen Hans-Joachim Schoeps nur behauptet habe: dass Jacob Taubes dessen Antipode in nahezu jeder Hinsicht gewesen ist: »bei durchaus vorhandener Vergleichbarkeit«. Nur ihretwegen stellen die beiden deutsch(sprachig)en Juden bis heute Extreme ein- und derselben theokratischen Achse dar.1 Ihre Vergleichbarkeit besteht prinzipiell darin, dass auch Taubes, gleich Schoeps meist als »Religionswissenschaftler« gehandelt, eigentlich historischer und politischer Theologe gewesen ist.2
Der gegenüber Schoeps 14 Jahre jüngere Taubes konnte spätestens seit seiner Dissertation über die »Abendländische Eschatologie« von 1947, also genau zehn Jahre nach seinem wörtlich zu zitierenden Antipoden, gleichfalls beanspruchen, »dass er geschichtliche Geschehnisse zugleich auch theologisch und theologische Probleme stets auf dem Hintergrund der Geschichte erkennen kann.«3 – »[…] dass politisches und theologisches Bewusstsein eng zusammengehören«, wie sich Schoeps bereits 1933 überzeugt zeigte4, findet seinen Taubes’schen Ausdruck in Formulierungen wie: »Eine metaphysische Frage wird nicht im luftleeren Raum verhandelt.« Vielmehr bestünde eine »geheime Verabredung […] zwischen Philosophie und Politik«. Speziell Theologie tauche seit ihrem »Erfinder« Platon als »Problemstellung« der »politischen Theorie« auf; seitdem sei das theologische Problem »aufs engste mit der politischen Theorie verknüpft«5.
»Diese Verknüpfung ist um so weniger erstaunlich«, wie Taubes 1955 expliziert,
als das Interesse an theoretischen Disziplinen wie Theologie und Metaphysik […] ursprünglich von der politischen Sorge des Philosophen um die Gemeinschaft geleitet wurde. Ist es Zufall, dass Platon seine Ideenlehre in einer Abhandlung entwickelte, die sich mit der Struktur des Staates beschäftigt? Ist nicht Platons Ideenlehre die epistemologische Basis für den Entwurf dieser Republik? Eine Gesellschaft, die den sophistischen epistemologischen Relativismus anerkennt, ist nach Platon zu Anarchie und Tyrannei verurteilt, da auf der Basis des Relativismus keine politische Autorität begründet werden kann.6
Das platonische Interesse an Autorität wird nur von Schoeps und gerade nicht von Taubes geteilt, doch auch er hält es für wichtig,
die […] ursprüngliche Stellung der Theologie im Auge zu behalten, um einzusehen, dass ihre Verbindung zur politischen Theorie nicht abgeleitet ist, sondern genau das Zentrum von beiden berührt. Es gibt in der Tat keine Theologie, die nicht für die Ordnung der Gesellschaft relevant wäre. Sogar Theologie, die [wie die Kierkegaardsche] beansprucht, völlig apolitisch zu sein, und die das Göttliche als das völlig fremde, als das gegenüber Mensch und Welt völlig andere auffasst, kann politische Implikationen haben […] Oder kann irgend jemand ernsthaft annehmen, dass eine Theologie [wie wieder die Kierkegaardsche, R.F.], die sich jeder ›liberalen‹ Vermittlung zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen widersetzt und die ›Autorität‹ und ›Gehorsam‹ als Kerngedanken behauptet, in ihrer politischen Doktrin plötzlich ›liberal‹ werden würde?7
»Selbstverständlich nicht«, hat immer schon der insoweit integrale Kierkegaardianer Schoeps gemeint. Und auch Taubes’ sich unmittelbar anschließenden Sätzen hätte der religiöse Autoritarist ohne »Wenn und Aber« zugestimmt:
Da es keine Theologie ohne politische Implikationen gibt, gibt es auch keine politische Theorie ohne theologische Voraussetzungen. Proudhon bemerkte einmal, dass wir am Grunde der Politik immer Theologie finden. Diese Feststellung wird von Donoso Cortés zu Beginn seines ›Essay über den Katholizismus‹ zitiert, und sie ist vielleicht die einzige Prämisse, aber eine sehr wichtige, über die sich die beiden Erzfeinde von 1848 einig waren – Donoso, der Verteidiger des katholischen Royalismus, und Proudhon, der Verfechter des atheistischen Anarchismus.8
Die Konstellation Donoso Cortés – Proudhon antizipiert prinzipiell die Konstellation Schoeps – Taubes. War ersterer ein protestantisch-jüdischer Royalist, dann letzterer ein jüdisch-atheistischer Anarchist. Das bedeutet zugleich, dass nur Taubes von ihrer gemeinsamen These: »Die geheime Nahtstelle zwischen den beiden [untrennbaren] Bereichen [Theologie und politische Theorie, R.F.] wird durch den Begriff der Macht begründet« sympathetisch zu den unmittelbar folgenden Thesen übergehen kann: »Erst wenn das universelle Prinzip der Macht umgestoßen ist, wird die Einheit von Theologie und politischer Theorie aufgehoben sein. Eine Kritik am theologischen Element innerhalb der politischen Theorie gründet letztlich auf einer Kritik am Prinzip der Macht selbst.«9 Diese Kritik ist für Taubes, aber gerade nicht Schoeps unbedingt geboten, und unter Einschluss der Polemik gegen jeden Gott, der mit der Macht koaliert10.
Schoeps wollte nur und stets mit einem solchen Gott paktieren; für ihn war er der jüdisch-christliche Gott schlechthin. Nicht aber für den bloß insofern atheistischen Anarchisten Taubes. Mit einem seiner Neologismen muss man ihn auch selbst einen »modernen Marcioniten« nennen11, der der These seines ganz und gar antijüdischen Antipoden Carl Schmitt unmöglich widersprochen hat: »Der Herr einer zu ändernden, d.h. verfehlten Welt […] und der Befreier, der Bewirker einer […] neuen Welt können nicht gut Freunde sein. Sie sind sozusagen von selbst Feinde.«12 Jedenfalls waren auch für Taubes Schöpfer- und Erlösergott keineswegs identisch.13 Oder proto- bzw. eschatologisch gewendet: mehr noch als sein mit wichtigster Lehrer Gerhard (Gershom) Scholem betonte Taubes »als Hoffnung für die Jetztzeit das [messianische] Endwunder«, während schon der junge Schoeps – eben gegenüber dem damals gleichfalls jungen Scholem – »als Trost für die Jetztzeit das Wunder des [Schöpfungs-]Anfangs« propagierte14, und auch er politisch-theologisch: aus brennender Sorge um die gerade in politicis bedrohte Schöpfungsordnung.
Nicht zuletzt dieser entspricht (sozipolitisch) eine autoritative bis autoritäre »Theokratie von oben«, wie sie Taubes zeitgenössisch vor allem Carl Schmitts restaurativer Utopie vindiziert hat, um ihr die auch ihm eigene revolutionäre Utopie einer »Theokratie von unten« entgegen zu stellen: »Carl Schmitt denkt apokalyptisch, aber von oben her […]; ich denke von unten her.«15 – Schoeps ist nicht Schmitt, unter anderem fehlt ihm die diesem eigentümliche gegenrevolutionäre Apokalyptik in Form sogenannter Katechonik, doch vertritt auch Schoeps’ politische Theologie eine »Theokratie von oben«, was allein schon aufgrund der Taubes’schen Definition (s)einer »Theokratie von unten« einleuchtet, ex contrario eben: »[Eigentliche, R.F.] Theokratie meint eine unmittelbare Gottesherrschaft, die jede Form der Herrschaft von Menschen ausschließt.«16
Der 1980 verstorbene Schoeps hätte aufgeschrien, wenn er diesen kurz vor Taubes’ eigenem Tod formulierten Satz noch hätte lesen können, und Taubes, wie schon dem »religiösen Anarchisten« Scholem17, »Nihilismus«18 nachgesagt. Ich komme auf diese immanent verständliche Polemik zurück, nachdem ich Schoeps’ eigene politische Theologie referiert und die Taubes’sche expliziert habe. Schoeps glaubte von Kindheit an und stets ungebrochen, seinen »Kinderglauben« nie verlierend19, an einen »Offenbarungsgott«, der »von seinen Gläubigen die Gottesfurcht der Kreatur verlangt. Das […] ist die Position der Ebioniten wie der Juden und der Christen«20, und für den Preußen Schoeps nicht zuletzt die des Soldatenkönigs, dessen »kardinaler« Begriff »Gottesfurcht« geheißen habe21. »Über tausend Jahre abendländischer Geschichte stehen im Zeichen dieser Lehre vom Menschen«, wie Schoeps sich überzeugt gibt: »Gott fürchten und seine Gebote halten, das ist der ganze Mensch.«22
Diese Anthropologie setzt offenkundig den »rechten« Gottesglauben voraus,23 mit dem negativen, ja polemischen Implikat, dass »Judentum und Christentum […] einen gemeinsamen Feind« haben: »die allgemeine Gottlosigkeit«24. Ihr entgegen und