
Die Walfische
Eine Kindheit in Südtirol vor über 100 Jahren
© 2022 Annemarie Parth
Druck und Vertrieb im Auftrag der Autorin:
myMorawa von Dataform Media GmbH, Wien
www.mymorawa.commyMorawa
ISBN Paperback: 978-3-99129-264-7
ISBN E-Book: 978-3-99129-263-0
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Covergestaltung:
myMorawa Verlag
Titelbild:
Großmutter Nandl mit dem kleinen Franzl
Für
Susanne
Laura
Leonie
Inhalt:
Zenzi
Der Burgherr
Das ledige Kind
Der Kindsvater
Die Leitnerischen
Die kleinen Weiber
Ein viereckiges Teufelchen
Der Buggldrucker
Die Riesin
Das Sauschlachten
Walfische und tanzende Würmer
Winter auf dem Leitnerhof
Den Lehrer riechen
Keine Erstkommunion
Einberufung
Der Giggelewaschtl
Schlechte Neuigkeiten
Ein trauriges Lebewohl
Franzls neue Heimat
Der Pichler
Schrebergarten
Das Diktat
Der Leib Christi
Keschtnbraten
Sonntagspromenade
Alltag bei den Pichlers
Freundschaft
Ersehntes Wiedersehen
Die Kirschen in Nachbars Garten
Ein Geschenk vom Pichler
Erschreckende Kriegsmeldungen
In der Bürgerschule
„Küss die Hand, Fräulein Ertl“
Zum Klingeln verführt
Nachhilfestunde
Kriegsende
Viel Neues
Erschütternde Ereignisse
Bitterer Abschied
Neuanfang
Nachwort:
Zenzi und Karl Pichler
Die Leitnerischen
Franzl
Bilder
Landschaftsskizze
Glossar
1905
Zenzi
Mit weit ausholenden Schritten eilte Zenzi talauswärts. Sie ließ die Enge des Pfitschtales, ihrer Heimat, hinter sich. Obwohl sie noch eine gute Stunde Fußmarsch vor sich hatte, spielte ein erwartungsvolles Lächeln um ihren Mund.
Sie sollte ihrer Schwester Liesl, die mit dem Ettlbauer verheiratet war und ihr zweites Kind erwartete, zur Hand gehen. Zenzi freute sich darauf. Sie war schon öfter beim Ettl in Tulfer gewesen und war sehr angetan von diesem großen Bauernhof.
Tulfer ist ein kleines Dorf im Pfitschtal und gehört zu Wiesen, einem Nachbarort von Sterzing.
Etwas außerhalb von Tulfer, mitten in den Wäldern, lag die Obere Leite, ein Bauernhof auf 1400 Meter Höhe, mit kargen, steilen Wiesen, zwei Kühen, Schweinen, ein paar Ziegen und einigen Hühnern im Stall.
Zenzi lebte dort in einfachsten, ärmlichen Verhältnissen. Sie war mit ihren sieben Geschwistern aufgewachsen. Als zweitälteste Tochter hatte sie immer schon fest zupacken und hart arbeiten müssen.
Ihr Bruder Karl lebte noch zu Hause bei den Eltern. Im Sommer war er als Hirte auf einer nahegelegenen Alm tätig. Zenzis Schwester Julie war Kellnerin in Gasteig. Mena, die jüngste Schwester, hatte eine Stelle als Magd bei einem Bauern im Pfitschtal. Moidl und Anna waren in Sterzing. Sie arbeiteten beide im Gasthof Maibad.
Nicht nur der Ettlhof mit seinen saftigen, sanften Feldern und dem großen Stall lockte Zenzi, sondern auch die Nähe zu Wiesen und zu Sterzing. Sie war schon einige Mal in Sterzing gewesen. Seither träumte sie von den gepflasterten Straßen, von den stattlichen Bürgerhäusern und von den vornehmen Geschäften unter den Lauben.
So schritt Zenzi in diesem Frühjahr 1905 mit ihrem Rucksack, in dem sie ihre Habseligkeiten verstaut hatte, erwartungsvoll ihrer neuen Zukunft entgegen.
***
Der Sommer ging dem Ende zu. Liesl hatte ihr zweites Mädchen zur Welt gebracht und schaffte schon wieder auf dem Hof. Zenzi hatte bei der Heuernte mitgeholfen und von früh bis spät im Stall und im Haus gearbeitet. Aber sie wusste, dass ihre Hilfe nicht mehr so dringend benötigt wurde.
Alle paar Wochen kam ihre Mutter, die Nandl, zu Besuch auf den Ettlhof. Sie brachte Eier, Speck und Käse mit. Liesl sollte die Lebensmittel auf dem Markt in Sterzing verkaufen.
Die Nandl erzählte von zu Hause, vom Vater und von Karl. Zenzi freute sich, wenn sie vom Hof, ihrer Familie und von den Tieren erzählen hörte, aber sie wollte nicht mehr zurück auf den abgeschiedenen Leitnerhof. Sie träumte von einem Leben in einem Bürgerhaus und sie wollte auch so elegante Kleider mit modischen Hüten und so feine Lederschuhe besitzen, wie sie sie in den Auslagen der Geschäfte in Sterzing gesehen hatte.
Manchmal begleitete sie ihre Schwester Liesl, die auf dem Markt in Sterzing die Produkte ihres Hofes verkaufte. Zenzi war jedes Mal voller glücklicher Erwartung, sodass ihr der weite Fußmarsch und der vollgepackte Korb, den sie auf dem Rücken trug, keine Mühe bereiteten.
An ihrem Marktstand bot sie mit einem freundlichen Lächeln die Waren an und freute sich über das Geld, das sie ihrer Schwester, der Ettlbäuerin, aushändigen konnte.
Auf dem Nachhauseweg ging ihr der Mund über, so viel wusste sie zu erzählen. Sie sprach über die nobel gekleideten Frauen, über die Kutschen, die mit lautem Geklapper von den Rossen über das Kopfsteinpflaster gezogen wurden. Für Zenzi waren die Markttage immer wieder ein besonderes Erlebnis, von dem sie wochenlang zehrte.
***
Im Herbst kam der Scherenschleifer Martl auf den Hof und übernahm das Schärfen der Sensen, Scheren und Messer.
Er stammte aus dem Trentino, kam viel im Land herum und wusste so manches zu erzählen.
Zenzi suchte, wenn sie ein wenig Zeit hatte, seine Nähe, um seine Geschichten zu hören. Er war im ganzen Eisacktal unterwegs und kannte sogar Brixen und Bozen. Er sprach von den reichen Weinbauern in der Bozner Gegend, von den großen Höfen und den ausgedehnten Weinbergen.
„Willst du bei einem Bauern in Stellung gehen?“, fragte er. „Ich wüsste einen Burgherrn in Bozen, der auf der Suche nach einer fleißigen Magd ist.“
Bozen – so eine weite Fahrt konnte sich Zenzi kaum vorstellen. Aber zugleich lockte sie die Aussicht, bei einem Herrn auf einer Burg arbeiten zu dürfen.
„Ich muss zuerst den Vater um Erlaubnis fragen, aber arbeiten möcht' ich schon dort“, meinte sie.
Der Scherenschleifer bemerkte ihre Entschlossenheit: „Du machst das schon, Gitsche. Musst dich aber dranhalten, nach Allerheiligen kann die Stelle leicht weg sein.“
***
Dieses Gespräch ging Zenzi nicht mehr aus dem Sinn. Einige Tage vor Allerheiligen, es war ein kalter Herbsttag und auf den Bergen lag bereits Schnee, stapfte sie den steilen Waldweg zum Leitnerhof hinauf. Sie war fest entschlossen, die Stelle in Bozen anzunehmen, und wollte das ihrem Vater mitteilen. Ein wenig Angst hatte sie vor diesem Gespräch, denn ihr Vater duldete in manchen Dingen keinen Widerspruch. Aber sie – die Zenzi – hatte immer schon ihren Kopf durchgesetzt. Sie war bekannt als der Sturkopf unter den „Leitnerischen“.
Trotz der eiskalten Luft schwitzte sie, keuchend stand sie vor dem kleinen Elternhaus. Sie war die letzte halbe Stunde mit schnellen Schritten bergauf geeilt.
Sie musste sich bücken, als sie durch die niedrige Haustür in den finsteren Gang trat. Alles war ihr vertraut, die dunklen Holzwände, der ausgetretene Dielenboden und die enge Stiege, die ins obere Stockwerk führte. Doch obwohl dies ihre Heimat war, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als der Enge dieses Tales und der Einfachheit auf dem Berghof zu entfliehen.
Sie hörte ihre Mutter in der Küche werkeln. Entschlossen trat sie ein und beobachtete, wie die Nandl am Herd einen Erdäpfelwirler zubereitete. Auf dem Tisch stand ein Krug mit frischer Milch.
Der Vater saß auf der Eckbank und blickte Zenzi überrascht an.
„Ist beim Ettl gar schon Allerheiligen?“, fragte der Leitnerbauer mit einem verschmitzten Lächeln.
„Nein, nein“, erwiderte Zenzi und setzte sich an den Küchentisch. „Ist aber wohl nichts passiert?“, meinte die Mutter mit einem fragenden Blick.
Zenzi überlegte kurz, dass es wohl das Beste sei, gleich zur Sache zu kommen und zu sagen, warum sie so überraschend heimgekommen war.
„Der Liesl geht's gut und sie braucht mich im Winter nicht mehr. Ich hätt' eine Stelle als Magd in Bozen bei einem Weinbauern in Aussicht. Da möcht' ich hingehen.“
So, jetzt hatte sie es ausgesprochen.
Fast ein wenig trotzig klang ihre Stimme. Dass es sich beim Weinbauern um einen Burggrafen handelte, behielt sie wohlweislich für sich. Sie wusste, dass der Vater nicht viel von den sogenannten „hohen Herren“ hielt.
Dem Leitnerbauern gefiel seine Tochter. Sie war groß gewachsen und kräftig. Dicke braune Zöpfe fielen auf ihre Schultern. Er wusste, dass sie in der Fremde arbeiten musste, weil sein karger Hof keine große Familie ernähren konnte.
Bedächtig und ernst überlegte er: „Freilich Zenzi, du hast ja recht. Hier auf dem Hof ist kein Auskommen für alle. Ich hoffe, du hast dir den Schritt gut überlegt. Ist halt weit weg von uns und oft werden wir dich dann nicht mehr sehen.“
Zenzi war etwas überrascht über die Reaktion ihres Vaters. Sie sah, wie sich ihre Mutter dem Herd zuwandte, um den Erdäpfelwirler zu wenden. Und sie wusste, dass diese bei dem Gedanken, dass ihre Tochter so weit fort wollte, feuchte Augen hatte. Auch Zenzi fühlte, dass ihr die Tränen kamen. Sie drehte sich eilig um und goss sich eine Schale Milch ein.
Die Nandl stellte den Wirler in die Mitte des groben Holztisches. Schweigend aßen sie aus der großen Pfanne. Zenzi war zwar hungrig, aber sie brachte kaum einen Bissen hinunter. Ein dicker Kloß steckte in ihrem Hals. Der bevorstehende Abschied von ihrer Familie fiel ihr doch nicht so leicht, wie sie gemeint hatte.
Der Vater erkundigte sich nach dem Leben auf dem Ettlhof und nach ihrer neuen Arbeitsstelle.
Ihre Mutter meinte nur: „Bleib' immer anständig, Zenzi. Tue recht und scheue niemand. Arbeite fleißig und mach uns keine Schande.“
1906
Der Burgherr
Bereits über ein halbes Jahr arbeitete Zenzi in Bozen. Ihr Leben spielte sich aber nicht auf der Burg, sondern in einem naheliegenden Wirtschaftsgebäude ab. Im Winter hatte sie in der Küche beim Kochen und auch im Haus geholfen, zeitig im Frühjahr begann die Arbeit in den Weingärten. Zenzi erledigte alles mit viel Freude.
Sie kam zwar kaum hinunter nach Bozen, aber der stattliche Hof und der weite Blick über das Bozner Becken stimmten sie glücklich. Die schwere Arbeit fiel ihr leicht, die war sie ja von daheim gewohnt.
Die Herrin war streng und wortkarg und es war schon als Lob zu werten, wenn sie nichts zu bemängeln hatte. Deshalb freute sich Zenzi, dass sie nun in der wärmeren Jahreszeit häufiger im Freien arbeiten durfte.
Ferdinand, der Burgherr, war ein angesehener Mann, großgewachsen und herrschaftlich. Er hatte pechschwarze Haare und trug einen elegant gezwirbelten Schnurrbart. Trotz seines noblen Aussehens arbeitete er wie ein gewöhnlicher Bauer in den Weinbergen und auf den Feldern mit.
Zenzi spürte sein Wohlwollen. Manchmal half er ihr wie unabsichtlich bei der Arbeit, nahm ihr eine schwere Last ab oder reichte ihr ein besonders großes Stück Brot, wenn er das Essen in den Weinbergen austeilte. Mit versteckter Freude nahm sie seine Blicke wahr, die immer wieder auf ihr ruhten.
Jeden Morgen flocht sie ihre dicken Zöpfe mit großer Sorgfalt und in der Früh war sie die erste in der Küche, um die Milchsuppe vorzubereiten. Wenn sich dann der Burgherr an den Tisch setzte, servierte sie ihm das Essen und er teilte ihr die Arbeit zu.
***
Zenzi rannte über den Feldweg in Richtung Hof. Ihre Zöpfe waren gelöst, ihre Wangen gerötet. Im Haus traf sie niemanden an und so hastete sie verstört in ihre Kammer. Sie blieb schwer atmend stehen. Ein leichter Schwindel hatte sie erfasst. Sie lehnte sich an die Tür und versuchte, wieder zu Atem zu kommen und in ihrem Kopf zu ordnen, was Unvorstellbares gerade geschehen war.
Auf dem oberen Weinberg knapp hinter dem Hof hatte sie alte vertrocknete Triebe abgeschnitten. Dabei war sie mit dem scharfen Messer abgerutscht und hatte sich in den Handballen geschnitten.
Mit einem Aufschrei hatte sie das Messer fallengelassen. Während sie die blutende Wunde mit ihrer Arbeitsschürze trocken tupfte, eilte Herr Ferdinand herbei.
„Hast dir etwas getan, Zenzi?“, rief er besorgt, kniete sich neben sie und besah sich die Wunde.
„Das ist nicht schlimm“, beruhigte er sie. Er lächelte ihr zu und band sein Schnäuztuch fest um ihre Hand. Er ließ ihre Hand aber nicht los, packte Zenzi bei der Hüfte und zog sie zu Boden. Dann lag er auf ihr, kein Mensch weit und breit, mitten im Weinberg auf dem erdigen Boden. Und sie hatte es geschehen lassen.
Wenn sie jetzt daran dachte, trieb es ihr die Schamröte ins Gesicht. Sie ging zur Waschschüssel, goss Wasser ein und wusch sich. Immer wieder benetzte sie ihre Wangen mit kühlendem Wasser, als könnte sie damit das gerade Geschehene verjagen.
Aber es war eingetreten, was sie zwar in Aufruhr versetzte, aber im Geheimen doch gehofft hatte – Ferdinand erwiderte ihre Gefühle.
Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie wusste, sie musste wieder zu ihrer Arbeit. Schnell trocknete sie ihr Gesicht, flocht die Zöpfe neu und steckte sie im Nacken zusammen. Dann band sie noch schnell ein Stück Linnen um die Wunde an ihrer Hand und eilte zurück aufs Feld.
Sie war froh, dass sie niemandem begegnete, denn sie fürchtete, man hätte ihr ansehen können, was soeben passiert war.
***
Ein mildes Frühjahr zog ins Land. Die Arbeit war schwer, aber Zenzi erlebte diese Zeit wie in einem Höhenflug. Ferdinand wusste es immer wieder einzurichten, dass er sich mit ihr traf. Sie begehrte ihn und sie wurde von ihm begehrt. Sie spürte es bei jeder Berührung, bei jedem Blick, den er ihr zuwarf. Ihre geheimen Treffen waren immer wieder voller Liebe und Erfüllung. Sie sprachen nie von der Zukunft, aber Zenzi war sich sicher, dass Ferdinand zu ihr stehen würde.
Der Sommer war heiß und beschwerlich. Zenzi fühlte sich in der drückenden Hitze, die sie von daheim nicht gewohnt war, matt und abgeschlagen. Ihre Beine schmerzten und am Abend fiel sie todmüde ins Bett.
Als sie sich eines Morgens in der Kammer wusch, bemerkte sie, dass Frieda, die Magd, mit der sie das Zimmer teilte, sie musterte und wissend fragte: „Bist vielleicht in der Hoffnung, Zenzi?“
„Was du immer daherredest, so eine Spinnerei! Schau lieber auf dich, du dumm's Weibsbild!“
Doch als sie sich an die vielen Liebestreffen mit Ferdinand erinnerte, ahnte sie, warum sie sich so matt fühlte, was dieses Ziehen in der Brust bedeutete, warum sie nicht mehr unwohl war. Und jetzt war es ausgesprochen. Und sie wusste, dass Frieda recht hatte – sie war guter Hoffnung.
***
Den ganzen Tag über musste sie daran denken, was diese Tatsache für sie bedeutete. Sie war bisher überzeugt gewesen, dass Ferdinand zu ihr stehen würde. Aber plötzlich zweifelte sie. Sie wurde zornig wegen ihrer naiven Gutgläubigkeit und ärgerte sich über ihre eigene Dummheit.
Endlich war das Abendessen vorbei. Sie räumte die Küche auf und sobald es dunkel wurde, eilte sie zur Scheune hinter dem Stall. Meistens wartete ihr Geliebter schon auf sie. Aber heute war sie als erste dort.
Als Ferdinand kam, setzte er sich neben sie und wollte sie umarmen.
Doch sie wehrte ihn ab und eröffnete ihm: „Ich bin in der Hoffnung!“
Ferdinand erhob sich abrupt, kein Wort kam über seine Lippen. „Ich krieg' ein Kind von dir, du musst mich heiraten“, stieß Zenzi verzweifelt hervor.
„Was du daherredest! Du weißt doch, dass ich verheiratet bin und drei Buben habe“, erwiderte Ferdinand
„Das fällt dir aber spät ein“, schluchzte Zenzi und rannte in die Dunkelheit hinaus.
Sie hetzte durch die Weinberge, bis sie nicht mehr konnte. Tränen liefen ihr über die Wangen. Erschöpft setzte sie sich zwischen die grünen Rebstöcke. Sie war verzweifelt und ratlos. Wie sollte es weitergehen? Was sollte sie mit einem ledigen Kind tun, einem Pankert? Konnte sie weiterhin hierbleiben oder würde sie die Herrin in Schimpf und Schande davonjagen? Wohin sollte sie denn? An wen sollte sie sich wenden? Was würden ihre Eltern sagen?
Sie fand keine Antwort auf all ihre Fragen.
***
Die Ernte war vorbei. Man hatte Erntedank gefeiert, zuerst in der Kirche, dann gab es ein Festessen auf dem Hof.
Für Zenzi war es eine belastende Zeit gewesen. Ferdinand ging ihr aus dem Weg. Sie bekam ihn kaum noch zu Gesicht, was sie unendlich kränkte. Er hatte nie wieder über die Schwangerschaft gesprochen, als wäre das Ganze nie passiert. Ob seine Frau etwas ahnte, wusste sie nicht.
Doch einige Tage nach der Erntedankfeier, als Zenzi allein in der Küche arbeitete, kam Ferdinands Frau und erklärte kurz und bündig: „Der Burgherr hat einen neuen Dienst für dich gefunden. Du wirst zu Allerheiligen beim Notar Schweigl in Bozen eingestellt. Du sollst dort als Hausmädchen dienen. Die Arbeit ist nicht so hart wie bei uns. Das ist in deinem Zustand besser für dich und das Kind!“
Zenzi war bestürzt und brachte anfänglich kein Wort über die Lippen.
Sie war zu aufgewühlt und gekränkt.
Aber dann brach es aus ihr heraus: „Ihr wisst aber schon, dass das Kind, das ich erwarte, von eurem Herrn Gemahl ist?“
Verzweifelt rannte sie aus der Küche. Sie wusste nun, dass sie mit ihrem Problem ganz allein fertig werden musste. Es gab niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte, keinen, der ihr helfen würde.
***
Ohne noch einmal mit Ferdinand sprechen zu können, verließ sie zu Allerheiligen den Hof. Mit ihrem Kind im Bauch und dem schweren Bugglkorb auf dem Rücken machte sie sich auf den Weg hinunter nach Bozen. Nach einigem Suchen fand sie das herrschaftliche Haus des Notars.
Frau Schweigl, die vornehme Gemahlin des Notars, musterte sie von oben bis unten. Sie bemerkte, dass Zenzi gesund und kräftig war, und sie wusste, dass die Mädchen vom Land folgsam und fleißig waren.
„Ich muss dir aber sagen, dass du dein Kind, nachdem du niedergekommen bist, in unserem Haus nicht behalten kannst. Du musst dir einen Platz suchen, wo du es ausstatten kannst“, stellte sie klar.
Dann führte sie Zenzi in ihre Kammer. Diese verstaute ihre Habseligkeiten im Schrank, zog ihre Jacke aus, band sich die Schürze um und begann ihre Arbeit als Hausmagd.
Schon früh am Morgen mussten die Öfen in der Kanzlei des Hauses beheizt werden. Anschließend feuerte sie den Barockofen im Salon und den Herd in der großräumigen Küche an. Das Holz und die Kohlen holte sie aus dem Keller und schleppte sie in die oberen Stockwerke.
Zu ihren Arbeiten gehörte auch das Bürsten der Holzböden. Das Stiegenhaus und den Eingang musste sie auf Knien sauber schrubben. Außerdem ging sie zum Einkaufen, kochte und führte den Haushalt.
Zenzi war fleißig. Schon frühmorgens, wenn es draußen dunkel und im Haus noch ruhig war, begann sie ihr Tagwerk. Nur selten bekam sie den Notar, einen vielbeschäftigten Mann, zu Gesicht.
Sie stellte schnell fest, dass sie einen guten Arbeitsplatz bekommen hatte. Die Herrschaften waren freundlich zu ihr und Frau Schweigl erkundigte sich wiederholt nach Zenzis Befinden.
Sie war mit dem Hausmädchen sehr zufrieden und vor Weihnachten stellte sie noch eine Magd ein, um Zenzi ein wenig zu entlasten. Die Marei war ein schüchternes, junges Ding. Sie sollte Zenzi zur Hand gehen und sie dann während des Wochenbetts vertreten.
***
Bereits vor Allerheiligen hatte Zenzi ihrer Schwester Julie in einem Brief mitgeteilt, dass sie eine neue Stelle in Bozen antreten würde. Den wahren Grund für den Stellenwechsel hatte sie wohlweislich nicht erwähnt.
Julie arbeitete als Bedienung in Gasteig, einem Nachbarort von Sterzing. Immer wieder einmal besuchte sie ihre Schwestern Moidl und Anna im Gasthof Maibad. So erfuhr sie stets das Neueste von ihren Eltern und Geschwistern.
In ihrem letzten Brief hatte Julie der Zenzi geschrieben, dass Mena, die jüngste Leitnertochter, nach Hause zurückgekehrt sei. Von einem Knecht auf dem Bauernhof, wo sie als Magd gearbeitet hatte, habe sie ein Kind bekommen,
Julie erzählte weiter, dass der Vater sehr verärgert gewesen sei und ordentlich geschimpft habe und dass Mena nun mit ihrem kleinen Buben bei den Eltern auf dem Leitnerhof lebe.
Daraufhin hatte Zenzi Julie mitgeteilt, dass auch sie bald niederkommen werde. Sie bat Julie, dies vorerst für sich zu behalten und ihren Schwestern und vor allem den Eltern nichts davon zu erzählen.
Sie hatte Julie auch gebeten, Taufpatin für ihr Kind zu sein. Weiters sollte sie sich umhören, ob sie nicht einen geeigneten Platz wüsste, wo sie ihr Kind in Pflege geben könnte, denn es sei nicht möglich, ihr Kind im Hause des Notars aufziehen.