
Peter Grieshofer
ACTIVE AGEING
ACTIVE AGEING
Älter werden –
selbstbestimmt, ohne Pflege und Betreuung!
Der akute Aktivitätsnotstand in der Generation 55 plus.
Prim. Prof. Dr. Peter Grieshofer
© Dr. Peter Grieshofer, 2022
Bilder auf S. 83/106: Dagmar Grieshofer
Buch-Projekt-Betreuung/Finalisierung:
Dr. Manfred Greisinger www.stoareich.at
myMorawa Dataform Media Gmbh
ISBN Paperback: |
978-3-99129-857-1 |
ISBN Hardcover: |
978-3-99129-858-8 |
ISBN E-Book: |
978-3-99129-856-4 |
Printed in Austria
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Widmung
… für mich, für meine Frau, Familie und Freunde,
für alle, die aktiv und gesund älter werden wollen!
„Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist,
will nicht, dass sie bleibt.“
Erich Fried
Wie stellen Sie sich das Älterwerden vor? - Eine Frage, die man sich in der Jugend und im jüngeren Erwachsenen-Alter nicht oder kaum stellt. Eigentlich beginnen solche Überlegungen erst, wenn die Eltern oder Großeltern Unterstützung oder Betreuung brauchen. Und zumeist werden im Familienkreis verschiedenste Möglichkeiten diskutiert, der Umzug in eine Senioren Residenz – beziehungsweise in ein Altersheim – ist eine häufige Option.
Nahezu nie widmet man sich persönlich der Frage: Was kann ich selbst tun, beitragen, um aktiv und gesund zu bleiben und damit die Gesunde Lebensspanne zu verlängern?!
Meine persönliche Überzeugung – als Arzt mit jahrzehntelanger Berufserfahrung, der das 60. Lebensjahr überschritten hat – ist, dass Pflegeeinrichtungen - von Seiten der Lebensqualität und Selbstbestimmung - die am wenigsten anzustrebenden Optionen sind. Die Entwicklungen in der Corona-Pandemie machten mich wütend, denn Pflegeheime entwickelten sich zum Teil in Todesfallen, Ghettos, wo über Monate kein Besuch, kein sozialer Austausch möglich war/ist. Nicht, dass Pflegeeinrichtungen an sich schlecht wären, aber es kann nicht sein, dass man an diesen Orten in hohem Ausmaß nur mehr passiv auf das Ableben wartet.
Noch bevor die Pandemie unser Leben auf den Kopf stellte, beschäftigte ich mich bereits intensiv mit dem Thema „Active Ageing“ (aktives und selbstbestimmtes Altern) oder, um die Anglizismen im Zaum zu halten, wie und in welchen Rahmenbedingungen kann ich gesünder älter werden, bzw. wie kann ich meine Gesunde Lebensspanne erweitern?
Mir ist bewusst, dass es verschiedenste Modelle gibt; ich bemühe mich, nach medizinisch wissenschaftlichen Kriterien Möglichkeiten aufzuzeigen. Das gemeinsame Ziel soll sein, so zu leben, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit keine pflegerischen Maßnahmen bis ins höhere Alter brauche.
Aber auch die Pflegenotstands-Diskussionen brachten mich auf die Idee, dieses Buch zu schreiben, für mich, für meine Familie und Freunde, für alle, die aktiv und gesund älter werden wollen. Der Pflegenotstand, welcher in unserer älter werdenden Gesellschaft immer mehr zu einer entscheidenden Frage wird, beruht unter anderem darauf, dass wir zu jung krank und pflegebedürftig werden.
Wir haben einen akuten Aktivitätsnotstand in der Generation 55 plus!
- Die Gründe und Folgen werde ich in diesem Buch erklären und Lösungsansätze darzulegen versuchen.
Lesen Sie bitte das Buch nicht, wenn Sie an althergebrachten Strukturen festhalten wollen. Lesen Sie es, wenn Sie offen sind für Innovationen und neue Überlegungen.
Ein Teil dieses Buches ist eine gelebte und selbst erlebte Vision dieser Möglichkeiten, welche ich in Reisen und persönlichen Gesprächen zusammenfasste.
Vieles im Leben können wir selbst bestimmen, ein kleiner Teil ist Schicksal. Das Selbstbestimmende soll uns motivieren, aktiv in das eigene Leben einzugreifen, um ein positives Resümee ziehen zu können.
Wie ist die Welt heute, wenn man älter wird? Die Pension steht vor der Tür, die Kinder sind aus dem Haus oder man hat schon Enkel. Oder man lebt aus verschiedensten Gründen in einem Ein-Personen-Haushalt. Wie auch immer, Gedanken und Zweifel kommen früher oder später. Wie werde ich meine Pension gestalten? Wie mein Älterwerden? In welcher Form und speziell auch wo?
Die klassischen Strukturen des Mehrfamilien-Haushalts haben sich im hohen Ausmaß aufgelöst. Kinder haben sich in alle Welt zerstreut. Man ist zwar über WhatsApp, Zoom oder Skype in Kontakt. Persönlich sieht man sich aber nur noch, wenn überhaupt, an Feiertagen wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten oder bei Geburtstagen. Oder wenn man erkrankt ist.
Eine weitere Notwendigkeit von Familien-Banden liegt im Thema Kinderbetreuung (Enkel). Mikrozensus Daten aus Deutschland belegen dies: Immer seltener leben mehrere Generationen unter einem Dach. Nur in gut einem Viertel aller Haushalte (28,1 Prozent) wohnen mehrere Generationen zusammen und wirtschaften in eine gemeinsame Haushaltskasse. Überwiegend lebt dabei die mittlere Generation mit ledigen Kindern zusammen (26,9 Prozent). Selten bestehen Haushalte aus mittlerer und älterer Generation (0,7 Prozent). Nur in 0,5 Prozent der Haushalte leben und wirtschaften drei oder mehr Generationen zusammen. Diese Form des Zusammenlebens verschwindet schnell: Zwischen 1995 und 2015 ist die Zahl der Haushalte mit drei oder mehr Generationen um 40,5 Prozent von 351.000 auf 209.000 gesunken.
Ein lieber Freund sagte mir: „Weißt du, die größten Familientreffen sind meist Begräbnisse …“
Außerhalb dieser Strukturen bleiben einem die Partnerin, der Partner, Freunde, ehemalige Arbeitskollegen oder man zieht sich immer mehr in das Alleinsein zurück.
Alles wird mit der Zeit weniger und seltener. Zum einem verliert sich nach dem Eintreten in den Ruhestand der häufige Kontakt zum Arbeitsleben und damit zu den früheren Kollegen. Vieles wird versprochen, wenig eingehalten. Freunde ziehen weg, erkranken oder man ist selbst nicht mehr so mobil, um aktiv Freunde aufzusuchen. Glücklich die, welche in den Strukturen von Vereinen eingebunden sind; egal, ob Feuerwehr, Gesangsverein, Schrebergärtner … Selbstverständlich sind Clubs wie die Rotarier, Lions, Zontas, Soroptimisten und viele andere häufig ein wichtiges Bindeglied auch in der Gestaltung des Älterwerdens. Das soziale, spirituelle Netzwerk von Glaubensgemeinschaften kann ebenso ein wesentlicher Faktor sein.
Trotzdem hängt vieles von der Mobilität und Erreichbarkeit ab, man möchte sich doch nicht nur virtuell, sondern auch analog, sich also „wirklich“ treffen. Das durch die Corona-Pandemie erst wirklich in das Bewusstsein getretene Problem des Abgeschottetseins, der fehlenden Kontakte, ist absolut nichts Neues, nur spricht man jetzt darüber! Eigentlich müssen wir den Lockdowns dankbar sein, dass viele Probleme, die vorhanden waren, im Sinne der Einsamkeit jetzt auf den Tisch kommen und auch diskutiert werden.
Dass Arbeit und Beschäftigung wesentliche Faktoren zur Erhaltung der Gesundheit sind, wurde erst vor kurzem in einer interessanten Studie veröffentlicht. Auch die Diskussion in verschiedensten westlichen Staaten über den Zeitpunkt der Berentung beziehungsweise Pension ist ein zunehmender Faktor in unserer Gesellschaft. Gesellschaftspolitisch möchte ich mich nicht darüber äußern, ich bin ja kein Politiker, aber für mich als Arzt sind die folgenden Daten höchst interessant.
Verständlicherweise ist kaum jemand in Europa erfreut, wenn diskutiert wird, nach 40 Jahren Arbeit noch länger arbeiten zu müssen. Eine aktuelle Studie aus den USA zeigt, wer erst mit 66 statt mit 65 Jahren in Rente geht, hat ein um elf Prozent geringeres Sterberisiko. Allerdings galt das nur für Rentner, die sich selbst als gesund bezeichneten.
„Es betrifft vielleicht nicht jeden, aber wir denken, dass die Menschen von Arbeit finanziell und sozial profitieren und dass das ihr Leben verlängert“, schreibt Studienleiter Chenkai Wu im „Journal of Epidemiology and Community Health“. Wu hat sich für die Untersuchung Daten von 12.000 Amerikanern aus einer großen Langzeitstudie angeschaut. Er suchte sich knapp 3000 Personen heraus, deren Gesundheitsdaten ab 1992 vorlagen und die bis 2010, dem Ende der Studie, entweder mit 65 oder mit 66 Jahren in Rente gegangen waren.
Als Nächstes teilten die Forscher die Personen in zwei Gruppen: Etwa ein Drittel der Rentner hatte angegeben, dass Krankheit ein Grund für die Verrentung gewesen war. Zwei Drittel aber gaben an, dass sie nur aus Altersgründen und nicht ihrer Gesundheit wegen in Rente gegangen waren. Von den gesunden Rentnern starben im Studienzeitraum zwölf Prozent, von den kranken etwa doppelt so viele.
Wer aktiv bleibt, lebt länger!
Für die Studienautoren entscheidend war, dass unter den Gesunden, die ein Jahr länger gearbeitet hatten, signifikant weniger im Studienzeitraum starben. Ihr Risiko zu sterben, war um elf Prozent geringer. Auch unter den kranken Rentnern starben jene seltener, die ein Jahr später in Rente gegangen waren. Sie hatten ein um neun Prozent geringeres Sterberisiko.
Die Forscher vermuteten, dass Bildung, finanzielle Mittel oder der Lebensstil der Probanden das Ergebnis verzerren könnten. Doch auch nachdem sie all diese sogenannten Kofaktoren mit statistischen Verfahren herausgerechnet hatten, blieb es dabei: „Unsere Erkenntnisse zeigen, dass Menschen, die aktiv und beschäftigt bleiben, einen Vorteil haben.“
Als Nächstes gelte es herauszufinden, wovon genau die Menschen profitieren. „Unsere Ergebnisse sind nur die Spitze des Eisbergs“, schreibt Co-Autor Robert Stawski.
Ein Händeschütteln, ein Drücken, ein gemeinsames Abendessen, ein launiges Zuprosten, vielleicht auch Flirten - unabhängig vom Alter - brauchen wir als Teile des Menschseins, die „Leben“ ausmachen.
Denken wir an das Jahr 2020. Es begann wie beinahe jedes Jahr: Silvester, Vorsätze, Wünsche, vielleicht noch ein Schlückchen Alkohol zu viel und im Anschluss ein Kater. Diesen „behandelte“ man mit einer Gulaschsuppe, Heringen oder einem kleinen Bier. Wie auch immer, es war mit all den größeren oder kleineren Sorgen alles normal. - Wenige Wochen später waren wir mitten in der größten Gesundheits-Krise seit hundert Jahren - außerhalb von kriegerischen Auseinandersetzungen. Nichts war mehr so wie früher. Ein Virus stellte unser Leben auf den Kopf.
Pflegeheime wurden zum Schreckensgespenst, man sprach von Triage, einem Schreckensgespenst in der Medizin, und diskutierte die quantitativen Grenzen der Medizin. Als Arzt kam oder kommt man sich vor, als stünde man phasenweise im Krieg. Ja, COVID 19 brachte uns in eine Kriegsterminologie, Schlimmer noch als „Triage“ zerrissen Misstrauen und soziale Distanz unsere Strukturen in allen Alltagsgruppen. Nicht nur soziale, sondern wirkliche Distanz: kein Händeschütteln, kein Zusammensitzen - ohne die Ängste der Ansteckung. Die Menschlichkeit war und ist in Gefahr, verloren zu gehen. Lockdowns, Kontrollen, Sperren an den Grenzen und vieles mehr und speziell die Älteren treffend stürmten auf uns herein.